Vierundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 6. Julius 1848.
Heute habe ich zum ersten Male den Muth eines Mitgliedes des britischen Unterhauses gehabt: das heißt, ich bin aus der Sitzung davongelaufen, weil sie gar zu weitläufig und langweilig war. Zu einem Satze werden 40–50 Verbesserungsvorschläge gestellt und über jeden soll man abstimmen; zu jedem Satze haben sich an 60 Redner gemeldet. Nach einer auf Thatsachen gegründeten und aus ihnen (wenn es nicht anders wird) fortschließenden Berechnung würden wir im April 1850 mit den Grundrechten fertig sein, und unsere Weisheit dem theuern Vaterlande theuer zu stehen kommen, da ihm jede Minute der Berathung angeblich sieben Thaler kostet. In dieser verzweifelten Lage geschah der Vorschlag: nur ein von 20 Abgeordneten gebilligter Antrag dürfe zur Sprache gebracht werden. So zweckdienlich dieser Vorschlag beim ersten Anblicke auch erscheint, ward er doch (und ich glaube mit Recht) verworfen: denn Parteileute finden leicht 20 ihres Gleichen, Unparteiliche kommen nie zum Worte. Auch haben wir die übelen Folgen einer ähnlichen Maßregel, schon bei der Berathung über die Centralgewalt erfahren. —Meine Herren (fragte ein Abgeordneter sehr persönlich und anzüglich), wer von ihnen hat denn den heutigen Rednern aufmerksam zugehört? — und Alle schwiegen. — Ich denke die Langeweile und Ungeduld wird am besten zur Beschleunigung, ja vielleicht so sehr wirken, daß man das Spätere übereilt. Schon jetzt wirdBravogerufen, wenn Einer auf das Wort verzichtet; ein Gleiches geschah heute, weil Jemand sagte: ich nehme meinen Antrag zurück! Als er aber hinzufügte: „ich stelle jedoch einen neuen“; hörte man tiefe Seufzer!
Zum Beweise für die Trefflichkeit des deutschen Familienlebens, steigt mit jedem Tage der Ruf der Abgeordneten nach Frau und Kindern. Ich kann (sagte Hr. v. Auerswald) meine aus neun Personen bestehende Familie nicht aus eigenen Mitteln herschaffen, und Viele wollen (da sich der Aufenthalt ganz ins Unbestimmte verlängert) darauf antragen, daß der Staat ihnen Geldhülfe bewillige. Ich glaube nicht an eine Genehmigung dieser Bitte: es wird aber allerdings mit jedem Tage (so lange noch schöne Tage sind) nöthiger, daß die abwesenden Familienglieder mit sich selbst ins Klare kommen, was sie thun und lassen wollen und — können!
Heute hat man das Gerücht verbreitet, ja an den Straßenecken angeschrieben: der Erzherzog Johann habe die Stellung als Reichsverweser angenommen,jedoch nur unter der Bedingung, daß ernichtunverantwortlich sei. Der österreichische Gesandte weiß nichts davon, und die Lüge ist wahrscheinlich zu dem Zwecke erfunden, um anfangs sagen zu können: sehet, die Linke hat Recht; — und nachher: sehet, das Volk ist wieder getäuscht worden! — Der nächstbevorstehende Hauptlärm entsteht ohne Zweifel bei der Frage: ob Hecker soll in die Versammlung aufgenommen werden.
Den 7. Julius.
Die heutige Sitzung war (Gottlob!) nicht so langweilig, wie die gestrige. Es kam zuerst der Vorschlag in Berathung: ob für die Angelegenheiten der Kirche und Schule, ein Ausschuß, oder deren zwei erwählt werden sollten. Dafür ward gesagt: daß beide Gegenstände von der höchsten Wichtigkeit seien, und von der Reichsversammlung in genauere Betrachtung müßten gezogen werden. Die wenigen allgemeinen Sätze, welche man in die sogenannten Grundrechte aufgenommen habe, reichten nicht aus, und bedürften einer weiteren Bearbeitung. Wenigstens müßten schon jetzt die Materialien für die künftige genauere Gesetzgebung gesammelt und vorbereitet werden. — Gegen den Antrag ward behauptet: es gehöre durchaus nicht für den Geschäftskreis des verfassunggebenden Reichstages, Kirchen- und Schulordnungen zu entwerfen. Statt rasch dem Ziele entgegenzugehen, belade man sich mit unzähligen, lästigen Nebengeschäften, erschöpfe die Kräfte und vergeude die Zeit. Wenige, allgemein anerkannte Grundsätze, möge man in den Grundrechten aussprechen, alles Uebrige aber der späteren, gesetzgebenden Reichsversammlung überweisen und sich nicht einbilden, es ließen sich (bei der größten Mannigfaltigkeit der ländlichen und örtlichen Verhältnisse) für alle deutschen Staaten passende Kirchen- und Schulgesetze in Frankfurt entwerfen. Insbesondere müsse man jeder einzelnen kirchlichen Genossenschaft überlassen, ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen; man müsse da nichts vorschreiben wollen, wo man durch Zwang noch nie zu einem Ziele gekommen sei. — So, in aller Kürze, die Hauptgründe dafür und dagegen. Man kam zu dem Beschlusse: es solle ein Ausschuß für die Schule, nicht aber für die kirchlichen Angelegenheiten erwählt werden.
Der zweite Hauptgegenstand der Berathung betraf die deutsche Wehrverfassung. Aus einem Berichte des dafür ernannten Ausschusses und einer sachverständigen Rede des Generals v. Radowitz ging hervor: daß Deutschland seinen beiden mächtigen Nachbarn gegenüber, verhältnißmäßig keineswegs genügend gerüstet und eine Vermehrung der schlagfertigen Macht (nach Maßgabe der sehr gestiegenen Bevölkerung) nothwendig sei. Mit sogenannter Volksbewaffnung könneman regelmäßig geordneten Heeren nicht widerstehen; und die Kosten würden bei zweckmäßiger Verbindung der Linie, der Landwehr und Bürgerwehr, nicht sehr steigen. — Hiegegen wurden (besonders von der Linken) die bekannten Klagen über stehende Heere wiederholt, und behauptet: eine Volksbewaffnung sei um so eher ausreichend, da kein Krieg drohe (obwohl sie immer wider Rußland aufreizt) und man nur die brüderlichen Anerbieten der Franzosen annehmen und entgegnen dürfe, um in tiefster Ruhe alle Kräfte nützlicher auf die innere Entwickelung zu verwenden. — Die Abstimmung ward auf nächsten Freitag angesetzt.
Niemand hob hervor, daß ein fortgesetztes, stetes Steigern derbewaffnetenMacht, von SeitenallerStaaten, sie immer schneller dem (mindestens finanziellen) Abgrunde entgegenführt. Deutschland muß sich so rüsten, daß es vollgewichtig mitsprechen kann; dann aber darauf dringen, daßalleLandmächte verhältnißmäßig und Zug um Zug jenen auszehrenden Kriegszustand während des Friedens ermäßigen.
Den 8. Julius.
Gestern hatten wir hier (oder vielmehr in Sachsenhausen) auch einen Krawall ganz nach gewöhnlichem Zuschnitte, Pflasteraufreißen, den Bäckern (angeblich zu kleinen Brotes halber) die Fenster einwerfen, Verhaftungen, Versuche des souverainen Pöbels die Eingesperrten zu befreien, steigende Widersetzlichkeit bis zum Schießen. Die frankfurter Soldaten und Bürger waren sogleich zur Hand, ernsthaftes Eingreifen, Blöken und Brüllen der Lumpen, die Hecker leben ließen, Herstellung der Ordnung und heute früh um 5 Uhr zur Aufrechthaltung derselben alle Mannschaft schon wieder zur Hand: — hoffentlich mit gutem Erfolge. — Einem Kellner im Schwan, der das Gesindel auch gern zu Helden umgeschmort hätte, sagte ich: da einige Preise auf dem Speisezettel erhöht wären, würde ich Sorge tragen, daß die Fenster im Schwane auch eingeschlagen würden. Diesargumentum ad hominemmachte ihn stutzig, und als ich eine Strafpredigt ohne Ironie folgen ließ, ging er eiligst seinen Geschäften nach. — Im Buchladen fand ich gestern eine Republikanerin aus Offenbach, welche klagte, daß sie die einzige dieses Glaubens in ihrer Familie sei. — Das Papier reicht nicht hin über unsere angenehmen Discurse Bericht zu erstatten, welche meinerseits zugleich höflich und grob waren. — Sie: Der Prinz von Preußen hat u. s. w. — Ich: Gelogen! — Sie: Der russische Kaiser hat die Plünderung des berliner Zeughauses durch Geldspenden herbeigeführt. — Ich: Er hat auch einigen Demoisellen, welche mitplünderten, auf seine Kosten Hosen machen lassen.