Hundertachter Brief.

Hundertachter Brief.

Frankfurt a. M., den 5. Februar 1849.

Ich lese in der Spiker’schen Zeitung vom 2. Febr. ein Lob meines Benehmens in Paris. Es ist dies, wie es scheint, von Einem ausgegangen, der die Verhältnisse kennt und Zeugnisse für mich wirklich gehört hat. Für solche Kenntniß spricht auch die sehr richtige Bemerkung, daß (wenn ich mich, wie man sagt, vergaloppirte) „meine Lage sehr leicht an das Lächerliche streifen konnte.“

Die Gräfin Hahn und Mad. Funk sprechen einstimmig so begeistert von den Murillos in Sevilla, daß ich meine ungläubigen Zweifel gern ihremSchauenunterordne. Unter den Werken, welche ich sah, waren die, welche geringere Gegenstände (z. B.Betteljungen) behandelten, allerdings scharf und bestimmt ausgeprägt; bei höheren Charakteren schien mir bisweilen Genauigkeit der Form, der Zeichnung, der Umrisse zu fehlen, und das Colorit zu verschwommen, fast wasserfarben zu sein. Wenn man, um die Köpfezu rechtfertigen, mit tadelndem Seitenblick auf die Antike sagt: er habe dasMenschlichedarstellen wollen, so muß ich berichtigend hinzufügen: die Antike ist ja keineswegs (wie man andeutet) das Conventionelle, Erkünstelte, Pedantische, Überspannte; sie ist vielmehr (recht verstanden) das Menschliche, Natürliche, Angemessene, von Unvollkommenheiten und Mängeln Gereinigte, Schöne, bis zum Göttlichen Erhabene und Verklärte. Auch entbehrte die alte Malerei (ja selbst die Bildhauerei) nicht des Komischen; aber ein Fechter sah nie aus wie Zeus, einer Athene gab man nicht den Kopf einer Köchin, einer Aphrodite nicht die Haltung einer liederlichen Person. Es ist bald gesagt: unsere Kunst stehe (vermöge einiger christlichen, früher ungekannten Gedanken) höher als die der Griechen; aber Gedanken geben noch keine darstellende Kunst (wie so viele christliche Völker erweisen), und viele Künstler haben zwar gedacht, aber nichts vollbracht.

— — Die Eigenschaft leicht zu vergessen, wird oft nicht genug gerühmt. Ich besitze wohl in zu starkem Maße, habe aber dann beim Wiederlesen eines Buches, beim Wiederhören eines Schauspiels, das Vergnügen eines neuen Genusses, und zugleich das angenehme Aufdämmern einer früheren Anschauungsweise. Bei der steten Verschiedenheit der obwaltenden Umstände und des inneren Seelenzustandes, trittAlt und Neu in eine eigenthümliche anziehende Verbindung. So geht mir es in diesem Augenblicke beim Wiederlesen der Erinnerungen der Gräfin Hahn aus Frankreich, und ich rathe Euch, sie, nach Euerem zweiten pariser Aufenthalte, ebenfalls wieder in die Hand zu nehmen.

— — Es fällt mir ein, daß ich so lange nichts über die Sitzungen in der Paulskirche berichtet habe; Ihr erfahrt ja aber Alles aus den gedruckten Berichten. Heute haben wir nichts gethan, als drei Präsidenten für einen Monat gewählt, und dann beschlossen, die Sitzung zu schließen, weil der zu berathende Bericht nicht (wie die Geschäftsordnung vorschreibt) 24 Stunden in den Händen einiger Abgeordneten war, sondern erst 23 Stunden 25 Minuten. So streng gesetzlich ist die Linke, — wenn es ihr bequem ist. Morgen erwarten uns Ströme und Lawinen aufgebauschter Worte, über Polen und Posen.Semper idem! Jetzt ist der Nebenzweck (oder der Hauptzweck), für Preußen ein Verhältniß herbeizukünsteln, oder einzuschmuggeln, welches dasselbe hinsichtlich der Sätze 2 u. 3, über die Personalunion, mit Österreich gleichstellt. Ich hätte mich auch einmal wieder (ohne Erfolg) zum Reden melden können; die verständige Seite ist aber bereits gut vertreten, und ich fühle keine Begeisterung für die unangenehme, verfahrene Sache. Ich werde für das Überlassen der Festung Posen andie Polen und Russen stimmen, sobald die Franzosen Straßburg, die Österreicher Mantua, die Engländer Gibraltar, und die Russen ihre polnischen Festungen großmüthig Denen einräumen, welche darauf etwa Anspruch machen.

Vorgestern sprach ich Bunsen, theils über die Gegenwart (Schleswig-Holstein, dumm verschlungen), theils über Ägypten. Die Vorarbeiten zum vierten Bande seines Werkes sind beendet, und das Haupträthsel über die Hyksos löset sich am besten, wenn man einfach einräumt und einsieht, daß die biblischen Quellen im allerhöchsten Grade lückenhaft und mangelhaft sind.

Den 6. Februar.

— — Ich wiederhole: die Anklage, Verweisung, Verhaftung gewisser politisch hervortretender Personen, mag nach alten Landesgesetzen zulässig oder geboten sein: war es aber klug, wenn das Ministerium das Verfahren anordnete oder beförderte? Ohne seine Verhaftung wäre Temme nicht erwählt und gestern von der Linken mit Triumph in der Paulskirche empfangen worden; und die Verweisung von Robertus (sagt man mir) würde in Berlin die Wahl von Waldeck und Behrens nach sich ziehen. Die Irrthümer und Thorheiten, welche sich beide Parteien seit Jahresfrist zu Schulden kommen ließen, sind unzählbar:und wenn einmal etwas Zweckmäßiges und Lobenswerthes dazwischen eintritt, gleich wird das Maß vergessen, und die Freude des Sieges, gleich wie der Verdruß über die Niederlage, verdoppeln gleichmäßig die eilig folgenden Mißgriffe. Ohne derlei Mißgriffe wären die besiegten und selbst gehaßten Demokraten gar nicht wieder auf die Beine gekommen, und ein neuer Umschwung in der öffentlichen Meinung möglich gewesen. Mit Belagerungszustand und Heer regiert man kein Volk von 16 Millionen auf die Dauer. In welcher Macht und Glorie stünde Preußen da, ohne diese unglücklichen Zerwürfnisse. Ein gleich günstiger Augenblick kehrt (wenn er durch die SchuldbeiderTheile versäumt wird) niemals, niemals wieder! Hr. v. Vincke erzählt mir gestern Abend: welche Note Österreichs an Preußen heute in der Zeitung stehen werde. Ihr Inhalt ist mir (obwohl ich schon öfter davon hörte) so unglaublich, daß ich nicht eher darüber urtheilen will, bis sie anerkannt wird und ich sie gelesen habe. Ist sie wahr, so ist die nächstekleineFolge, daß Hr. v. Schmerling zurücktreten muß und dafür nicht wirken kann; aber auch vielgrößereFolgen können nicht ausbleiben.


Back to IndexNext