Hunderteilfter Brief.
Frankfurt a. M., den 11. Februar 1849.
Gestern las ich den dritten, mir noch unbekannten, Theil von Huber’s Skizzen aus Spanien: ein lebendiges Bild der aufgelöseten Zustände des Landes und des herzzerreißenden Elends der Vertriebenen. Murillo und die Alhambra können darüber kein Licht verbreiten; die Nacht der Gegenwart wird hiedurch vielmehr doppelt finster. Mein Gott, mein Gott! wenn vielleicht Deutschland nach 30 Jahren ähnliche Erscheinungen darböte, und alle jetzt Mitwirkenden, wenn auch nicht als Verbrecher, doch als verblendete Mitschuldige erschienen!!
Gestern begegnete ich einigen der verfassungmachenden Professoren, strahlend (rayonnants) vor Freude über die österreichische Note. Nun, riefen sie, haben wir Fahrwasser, nun segeln wir vorwärts mit vollen Segeln!
Ist es bloße Beschränktheit, bloßer Eigensinn, wenn mir die Lage der Dinge nicht so heiter erscheint? Was zeigt die preußische und die österreichische Note?
Erstens, daß Preußen und Österreich über wichtige Dinge uneinig sind, und das erste sich gegen Frankfurt nachgiebiger und freundlicher erweiset, als das letzte. — Ist diese Uneinigkeit für eineinigesDeutschland wirklich ein Gegenstand der Freude, und die despotische Klugheitsregel:divide et impera, an der Zeit?
Zweitens, Preußen kann sich um die Kaiserwürde nicht bewerben und der Gefahr des Zurückweisens aussetzen; es darf sich um einiger frankfurter Stimmen willen nicht ganz mit Österreich (ja vielleicht auch mit anderen Mächten) überwerfen, und der Ruf: „das preußische Volk wird den Königzwingen“! will die Gesundheit starken, durch Einimpfen einer neuen Krankheit!
Drittens, Österreich will weder freiwillig aus dem deutschen Bunde scheiden, noch sich gutwillig und gehorsam hinausweisen lassen. Wer soll, wer kann es zur Unterwerfung zwingen?
Viertens, Österreich erklärt feierlich: es werde eine deutsche,überdasselbe hingestellte, Reichsmacht nicht anerkennen.
Fünftens, es verwirft wesentliche Punkte der hier vorläufig angenommenen Verfassung, insbesondere die Sätze 2 und 3.
Die hiesigen Urheber der Verfassung wollen (so scheint es) aus dem Allem erweisen, daß Österreich aus Deutschland ausscheiden und die österreichischen Abgeordneten die Paulskirche verlassenmüßten. Der Verfassungsentwurf seiunverändertaufrecht zu halten und nunmehr rasch und mit Nachdruck durchzusetzen. Sie bleiben bei der allgemeinen Verehrung ihres abstrakten Werkes stehen, haben sich um die Möglichkeit seiner Verwirklichung, um den Inhalt der bis jetzt ganz leeren Form, gar nicht bekümmert und glauben mit Hülfe ihrer Paulskirchenallmacht jede Schwierigkeit, jeden Widerspruch leicht zu beseitigen. Ob aber Fürsten und Volksstämme dem Allem beistimmen, ob die (fast immer uneinige) öffentliche Meinung sich dafür erklären werde, ob man Hindernisse mit Gewalt wegräumen dürfe und könne; — diese, und ähnliche praktische Fragen lassen sich nicht kurzweg und von oben herab zur Seite werfen.
Wenn sich Österreich vom deutschen Bunde trennt, so ist zu befürchten daß die daselbst wohnenden Deutschen sich nach 100 Jahren zu ihrem Vaterlande soverhalten werden, wie die Elsasser, Kurländer und Liefländer; sie sind in Gefahr daß die zahlreicheren fremden Völkerstämme sie absorbiren und beherrschen.
Andererseits erfordert die Unparteilichkeit zu gestehen: man widersetze sich mit Recht der Richtung, welche für Deutschland eineneueZeit, lediglich durch eine Art von Herstellung desaltenBundestages herbeizuführen wähnt. Die einzige Rettung liegt in wechselseitiger Verständigung und Mäßigung; die erste darf sich aber nicht auf einseitige Befehle gründen, und die letzte nicht in ein schwächliches Verläugnen und Aufgeben aller Grundsätze hinabführen.DieseGefahr ist jedoch in unseren Tagen deshalb nicht gar groß, weil man alle Weisheit meist in dem Äußersten, den Extremen sucht, und angeblich auch daselbst findet.
— — Gestern Abend ging ich noch einmal in den, schon oft mit Beifall gegebenen, Sommernachtstraum. Man kann mit der Aufführung sehr zufrieden sein; unter Anderen spielten die beiden Liebespaare viel frischer und lebendiger als gewöhnlich, die Handwerker ergötzlich und die Hausmann (Puck) keck, heiter und anmuthig, ohne in falsches Kokettiren, oder Übertreiben hineinzugerathen. Ich fand Lehre und Trost außerdem darin, daß es neben so vielen vergänglichen Wirklichkeiten, ewige, beseligendeTräumegiebt!
Den 12. Februar.
Wäre ich ein Schinken oder eine Wurst, so würde ich mich gestern Abend in der Rauchkammer des Casino sehr wohl befunden haben, aber als unschuldsvoller Mensch!! Doch hielt ich lange genug aus, um mancherleischweigendanzuhören; denn fürsRedenwäre ich gewiß in noch größere Gefahren gerathen.
So vernahm ich also, daß das Triumphlied über die österreichische, freies Segeln herbeiführende Note, nicht ohne hineintönende Dissonanzen abgesungen werde. Es bildet sich ein neuer zahlreicher Klub, welcher verlangt, daß der Verfassungsentwurf so geändert und berichtigt werde, daß Österreich im deutschen Bunde bleiben könne. Insbesondere richtet sich der Angriff wider die bekannten Absätze 2 und 3 und die nur verstattete Personalunion. Gagern’s Vorschläge sich mit Österreich zu verständigen, wurden von Vielen angenommen, um härtere Beschlüsse zurückzuweisen; nun aber Österreich nicht darauf eingeht, so sind wir auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen. Obgleich die Mitglieder des Casino die eifrigsten Vertheidiger des Verfassungsentwurfes sind, sprach sich doch die Besorgniß aus, ob man die Mehrzahl für sich haben werde; woran sich der Wunsch anreihte, daß die preußische Versammlung später eröffnet werde. Allerdings führt die gleichzeitige Thätigkeit zweier constituirendenVersammlungen zu den größten Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten; allein der zunächst für die Vertagung hervorgehobene Grund (10 für Berlin erwählte Abgeordnete hier festzuhalten, um die Mehrzahl nicht zu verlieren) offenbarte nur zu deutlich die schwache Seite des ganzen Baues. Wie kann man sich einbilden, daß die allerwichtigsten Fragen (z. B.über das Kaiserthum, die Aufnahme und Ausschließung Österreichsu. s. w.)durch ein Dutzend Stimmen in der Paulskirche sich auf lange Zeiten hinaus entscheiden und alle Widersprüche beseitigen lassen. Ob man diesem, oder jenem Urlaub verweigert, Einige aus den Speisehäusern vom Frühstück zum Abstimmen herbeiholt — derlei Kleinigkeiten sollen eine feste Grundlage und Entscheidung herbeiführen, Österreich schrecken, Preußen zwingen, und allen Übrigen den Mund stopfen. Deutschland ist noch nicht einiger, als die hier sich nur zu oft und zu heftig widersprechenden Klubs, von denen keiner das opfern will, was man ein Princip nennt, während es meist nur eine bloße schwach begründete Meinung ist.
Ein solcher sich jetzo breit machender und breitgetretener Satz des angeblich höheren Kosmopolitismus ist: „daß kein Volk jemals ein anderes beherrschen dürfe.“ Jeder kennt die Mißbräuche ungerechter Herrschaft; allein jener Satz unbedingtin abstractohingestellt, streicht die ganze Weltgeschichteaus, oder treibt Götzendienst mit dem Mittelmäßigen, Unfähigen, Untergeordneten. Geherrscht haben alle wahrhaft tüchtigen, welthistorischen Völker: Juden, Griechen, Römer, Araber, Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer. Sie haben die Herrschaft mit Recht verloren, sobald sie ihren hohen Beruf mißbrauchten, oder die dazu gehörige Kraft und Seelenstärke einbüßten. So war es vor dem Jahre 1848, und wird auch nachher so bleiben.
Sonderbar, daß man den kleinen, schwachen, ungebildeten Völkern eine völlige Unabhängigkeit vindicirt; sie aber keinem einzelnen Mitgliede eines Klubs verstattet, sondern Unterwerfung unter die bloße Mehrzahl verlangt. Regeln ohne Ausnahmen sind der Tod der lebendigen Mannigfaltigkeit, und finden sich wohl nur in der reinen Mathematik. In der physischen Astronomie herrscht die Sonne, und den Planeten ist nur verstattet sich untereinander ein Weniges zu turbiren.
Man hofft hier in vier Wochen zu Ende zu kommen; doch dürfte es nurle commencement de la finsein.