Hunderteinundfunfzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. Mai 1849.
Ich wollte Euch heute einen langen, verständigen Brief schreiben, kann aber dazu die Gemüthsruhe nicht finden.
Der erfolglose Zug nach Berlin war für die Reichsversammlung die erste Hinweisung zum Tode; jetzt erneut sich die Krisis in verstärktem Maße; das letzte Hinscheiden wird nicht schmerzlicher, aber noch schmählicher sein.
Erst der Kampf gegen die Feinde Preußens und für ein ganzes Deutschland. Dann, als dies mit der Wiedergeburt unseres Vaterlandes unvereinbar erschien, ein erneuter Kampf für Einigung alles Übrigen unter Preußens Leitung; — gelungen, siegreich! — Hierauf (nicht durch unsere Schuld) geschlagen in Berlin, wie in Frankfurt. Und jetzt, nach jahrelangen, für Leib und Seele fast ertödtenden Anstrengungen kein Erfolg, kein Trost; und Hoffnung nur nach dem vorherigen Überstehen gefährlicher Krankheiten, gewaltsamer Fehden und Bürgerkriege!
Von Freunden getadelt und verkannt, von Unwissenden als Thor bezeichnet, von Leidenschaftlichen und Böswilligen als Verräther geschmäht, — dasist das Schicksal eines frankfurter Abgeordneten! Erst die Nachwelt wird die Größe und Schwierigkeit der Aufgabe ganz erkennen, und wenigstens unserem redlichen Willen und unserer Aufopferung Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ja, trotz aller Klagen und alles Schmerzes hege ich die Überzeugung, daß man (nach Beseitigung des Mangelhaften) auf dem in Frankfurt gelegten großen Grunde wird fortbauen können und fortbauen müssen, wenn Deutschland gekräftigt und erneut fortleben, und nicht Polens Schicksal erfahren soll.