Hundertvierter Brief.

Hundertvierter Brief.

Frankfurt a. M., den 31. Januar 1849.

Seit langer Zeit endlich eine politische Freude! Darüber nämlich: daß Preußen endlich sein Schweigen gebrochen, und in einer Weise, wie es ihm unter den deutschen Staaten und Fürsten zukommt, die Initiative ergriffen hat.

Die preußische Note findet nach Form und Inhalt den größten Beifall, und belebt von Neuem die fast aufgegebene Hoffnung, daß, in Friede und Freundschaft, eine neue wahrhaft heilsame Form derVerfassung für Deutschland aufgefunden und angenommen werde.

Obwohl im Innern noch bedrängt, muß nun auch Österreich sich deutlicher und inhaltsreicher aussprechen. Es genügt nicht mehr höflich zu sagen: wir wollen im Bundesstaate bleiben; während man keinen Beschluß berücksichtigt, sondern allen (z. B.hinsichtlich der religiösen Duldung) zuwiderhandelt.

Einige meinen: der König von Preußen hätte sich bestimmterfürdas erbliche Kaiserthum aussprechen sollen. Ich kann, bei den obwaltenden Verhältnissen, dieser Meinung nicht beitreten. Hinsichtlich der Kaiserwürde konnte er die Initiative am wenigsten ergreifen, bevor Österreichs Stellung zu Deutschland bekannt und anerkannt ist.

Die Demokraten, welche anfangs überlaut für die Allmacht der frankfurter Versammlung in der Hoffnung sprachen, durch ihre Mehrzahl Deutschland zu republikanisiren, haben (seitdem diese Aussicht völlig versperrt ward) bekanntlich, ähnlicher Hoffnungen halber, die Ansprüche und die Macht der einzelnen Staaten und Kammern zu erhöhen und anzupreisen gesucht. Gestern erlitten sie aber in der Paulskirche eine entscheidende Niederlage, indem der Antrag: in jedem einzelnen deutschen Staate könne die Verfassung (ohne Zustimmung der Reichsgewalt) nach Belieben verändert werden, mit großer Stimmenmehrheit verworfen ward. Der gar nicht verhehlte Zweck der Linken bei diesem Antrage ist, auf diese Weise einen Fürsten nach dem anderen zu beseitigen.

Wenn ich lese: unter den preußischen Wahlmännern sind so viel Reactionaire und so viel Demokraten, möchte ich fragen: stehen denn gar keine vernünftigen Leute zwischen diesen beiden Äußersten? — Das jetzige Ministerium verstand im letzten rechten Augenblicke zu siegen, nicht aber diesen Sieg in genügender und doch gemäßigter Weise zu benutzen. Daher neue Umstellungen der Parteien und Gesinnungen.


Back to IndexNext