Hundertvierundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 28. April 1849.
Wenn ich nicht voraussetzen dürfte, daß die stenographischen Berichte über die letzten merkwürdigen Sitzungen der Reichsversammlung in Ihren Händen wären, so würde ich sie beilegen. Der lang zurückgehaltene Zorn hat sich (bei fortdauernder Unbestimmtheit der berliner Erklärungen) auf eine Weise Luft gemacht, die um so bedauerlicher ist, da es für die Klagen und Vorwürfe keineswegs an allen Gründen fehlt.
Nur mit Mühe haben wir, der vereinigten äußersten Rechten und Linken gegenüber, gemäßigte Beschlüsse durchgesetzt. Jene wollte gar nichts thun; diese vertheidigte die heftigsten Maßregeln und beschuldigte uns der Dummheit und Feigheit. Die Demokraten haben gar kein Hehl, daß sie (insbesondere den zögernden und verneinenden Regierungen gegenüber)ohne Scheu alle und jede Mittel anwenden werden, ihre Plane durchzusetzen. Jedenfalls ist ihre Macht und die Zahl ihrer Anhänger seit dem 3. April ungeheuer gestiegen; und wenn der König von Preußen sich nicht eiligst handelnd an die Spitze stellt,so werden regelloseBewegungen der gefährlichsten Art nicht ausbleiben, und zuerst die kleineren Staaten über den Haufen werfen.
Wir haben die Macht (sagt man), Alles mit dem Schwerte zu bändigen und zu strafen. Ist denn das aber ein staatsrechtliches Mittel, und hat man es in Würtemberg anwenden können, hat es in Österreich zum Ziele geführt?
Die Ablehnung des Königs von Preußen hat uns (sagen die Demokraten) von der Pflicht entbunden, länger mit Euch zu gehen und in Euerem künstlich auferbauten, rasch zusammengestürzten Hause unsere Wohnung aufzuschlagen. — Was kann man antworten, als: habt Geduld! —
Wir haben sie aber selbst nicht im Herzen, sondern nur auf den Lippen. Alles was in Berlin gegen Verfassung und Kaiserthum vom Standpunkte herkömmlicher Diplomatie und gemeinen Menschenverstandes eingewandt wird, ist vollkommenunwiderleglich; so unwiderleglich, als daß die Sonne um die Erde läuft und der Mond nicht größer ist wie eine Suppenschüssel. — Preußen will lieber am Bundesschlepptau zahm und tadellos im Kreise mit anderen kleinen Planeten umherlaufen, als sich als Sonne in den Mittelpunkt stellen, und Ordnung für die Schwächeren durch eine heilsame Abhängigkeit begründen. Wer die Dinge immer durch das Mikroskop besieht, verliert den Blick für teleskopische Fernen. Wer zum ersten Male einen Floh 100,000 mal vergrößert betrachtet, der mag entschuldigt sein, wenn er sich vor der furchtbaren Kreatur fürchtet; Sachverständige machen nicht so viel Umstände. Die österreichische Note ist für diesen Augenblick nichts mehr als ein vergrößerter politischer Floh.
Gestern Abend war eine fünfstündige Berathung bei Hrn. v. Gagern über die dringende und gefährliche Lage der Angelegenheiten unseres Vaterlandes. Etwa 20 der ausgezeichnetsten Abgeordneten waren dazu eingeladen. Ich will versuchen, in kurzen Sätzen und Gegensätzen den wesentlichsten Inhalt mitzutheilen.
Satz.Der Erzherzog Johann, welcher sich immer mehr zu Österreich hinneigt, wird die Hand nicht zur Ausführung der Verfassung bieten, und das Ministerium sich gezwungen sehen, vielleicht schon morgen zurückzutreten.
Gegensatz.Der Erzherzog ist außer Stande, ein anderes Ministerium zu bilden, welches die Mehrheit in der Reichsversammlung erhält. Er wird alsdann das alte wiedernehmen oder abdanken müssen.
Satz.Er wird auf den Grund der österreichischen Erklärung sich um die Versammlung nicht kümmern und auch nicht abdanken.
Gegensatz.Für diesen Fall fände er nirgends den geringsten Gehorsam.
Satz.Im Fall seines Rücktrittes muß eine Regentschaft oder ein vollziehender Ausschuß gebildet werden.
Gegensatz.Beides läuft gegen den Buchstaben der Verfassung und führt in revolutionaire Bahnen.
Satz.Nun, so muß man einen anderen Reichsverweser wählen, etwa den, jetzt nachgiebigen, König von Würtemberg.
Gegensatz.Dieser würde weder den Absolutisten, noch den Demokraten recht sein: nur der König von Preußen kann (wenn er vorläufig die Verfassung annimmt und neue Wahlen ausschreibt) die Sachen zu einem glücklichen Ziele führen.
Satz.Es ist zu bezweifeln, ob der König darauf eingeht.
Nach einem glänzenden Lobe des Prinzen und der Prinzessin von Preußen (das ich aber weder aussprach, noch veranlaßt hatte) geschah der Vorschlag:
Satz.Der Prinz von Preußen muß zum Reichsverweser ernannt werden.
Gegensatz.Das Lob ist vollkommen verdient; der Prinz hat aber eine solche Pietät gegen seinen königlichen Bruder, und mit Recht die größte Abneigung selbst gegen den Schein einer Spaltung innerhalb der königlichen Familie, daß die volle Zustimmung des Königs die erste Vorbedingung sein würde.
Wenn diese einträte und der Prinz sich nächstdem zur Annahme bereit erklärte, so wäre uns Allen freilich am besten geholfen.
Nach vielen anderen Reden und Erörterungen kam man zu folgenden Beschlüssen: die Reichsversammlung wird sich weder selbst auflösen, noch auf längere Zeit vertagen (beides war vorgeschlagen worden); sie wird weder unthätig die Hände in den Schoß legen, noch sich zu revolutionairen Maßregeln fortreißen lassen; sie wird ein österreichisch-ultramontanes Ministerium bekämpfen, und ihre Maßregeln ergreifen, so wie es die sich drängenden Ereignisse jedes Tages erfordern. — Gebe Gott daß uns dieMachtbleibt, auf der Bahn der Mäßigung zu beharren!
Alle Reichsminister haben ihr Amt niedergelegt; wir gehen also auch hier neuen Stürmen entgegen!