Neunzigster Brief.
Paris, den 17. December 1848.
Gestern Abend ¾7 Uhr gingen wirle val d’Andorrevon Halevy zu hören, und kamen um Mitternacht zurück. Eine angeblich veredelte, in Wahrheit verschlechterte, unmotivirte, langgedehnte, „diebischeElster.“ Unter allen französischen Operntexten, die ich kenne, der trivialste, und doch eine peinliche Marter durch ganze Akte hindurch. Musik aller Art, mit Erinnerungen an Bellini, Spontini und A., dieselben oberflächlichen Kunstmittel, ich weiß nicht wie oft angewandt:z. B.schnelles Plappern, Hinaufschreien in die höchste Oktave und dann ein Mundausspülgurgeltriller. Die leichtfertigste Tanzoper Auber’s wäre mir lieber gewesen, als diese sentimental-criminale Strapatze; — größerer Meister nicht zu gedenken! — Doch wozu kritisiren? Die Pariser füllen das Haus; es gehört zum guten Ton das Stück zu sehen und zu loben, und ich bin nurun barbare du Nord, qui a l’esprit désapprobateur! —Incidit in Scyllam, qui vult evitare Charybdin; so gerieth ich, um der politischen Plage und Cholera zu entgehen, in eine nicht geringere der Kunstentwickelung des letzten Tages. Vielleicht ruft mir aber Jemand zu, es gehe mir wie Hobbes, von dem der ehrliche Jöcher sagt: „er ist so moros gewest, daß er jedermänniglich contradiciret.“ — Auf Verlangen sende ich dann zur Widerlegung, oder zum Zeichen der Unparteilichkeit, eine Recension, wo Text und Musik jener Oper bis in den Himmel erhoben wird! — Nun, mir auch recht, meinsgefallen,chacun a son goût etc., etc., etc.
Den 18. December.
Wenn ein Hirte täglich seine Schafe in den Stall hinein- und wieder herauszählt, so hat er es mit sicheren Wirklichkeiten zu thun, und über das Ergebniß hegt er keinen Zweifel. Ein Gesandter in Paris hingegen muß täglich dieMöglichkeitenzusammensuchen, und er weiß nie mit Gewißheit woran er ist, und welche sich in Wirklichkeit verwandeln wird. Also: die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten hat allerdings erwiesen:
1) daß die große Mehrzahl des Volkes eine ruhige, dauernde Regierung will;
2) aber zu gleicher Zeit, daß man die Republiknichtmag.
Das sieht nun allerdings sehr bestimmt und positiv aus; hebt sich denn aber eins und zwei,aundbnicht untereinander auf, und drängen sich nicht neue Möglichkeiten in den Vordergrund? Jede dieser Möglichkeiten hat eifrige Vertheidiger, welche die Nothwendigkeit ihrer Verwirklichung zu erweisen suchen. Ich gebe Beispiele: Dauer, Sicherheit, Vertrauen (sprechen Viele) ist der höchste Zweck, deshalb soll man an der vorhandenen, gegebenen, an der soeben beschworenen Verfassungnichtsändern und eingedenk des Spruches sein:le meilleur est l’ennemi du bien!Hier allein ist und wird Bonaparte verpflichtet; er sichert sich und das Wohl des Landes, wenn er diese Pflicht gewissenhaft erfüllt.
Hierauf erwidern Andere: Frankreich hat durch jene Wahl und auch sonst auf unzweideutige Weise erklärt, daß es die Stegreifsrepublik des Februar nicht will. Die neue, unausführbare Verfassung ist keinGut, sondern einÜbel, das man, je eher desto lieber, beseitigen muß. Diese höhere Pflichterfüllung erwartet das Land von Bonaparte, er wird sich nicht erhalten, sobald er sich auf unhaltbare politische Grillen stützen will. Lamartine wie Cavaignac haben den Augenblick versäumt, das Rechte zu thun, deshalb wurden sie zur Seite geschoben. Bonaparte hingegen wird nicht in denselben Fehler verfallen, sondern die Gelegenheit rasch ergreifen und Das thun, worauf man gefaßt ist, und was Alle lauter oder stiller wünschen und erwarten. — Wir sind (sprechen Legitimisten aller Art) allerdings auf einen solchen Schritt gefaßt; allein er soll keine Monarchie begründen, sondern nur vermitteln und für unsere rechtmäßigen Bewerber Bahn brechen.
Die Stimme des Volkes (entgegnen Republikaner aller Art) hat für Bonaparte entschieden, und wir unterwerfen uns dieser höchsten Gesetzgebung, obgleich wir darin bereits einen traurigen Rückschritt erblicken; sollte aber Bonaparte, unbegnügt mit seinen, bereits allzu großen Rechten, pflicht- und verfassungswidrig vorschreiten, so werden wir (Gesetz und Verfassung vertheidigend) ihn daran nöthigenfalls mit Gewalt hindern und das (vielleicht verführte und verlockte) Volk auf den rechten Weg zu bringen wissen. —
So für jetzt die großen Parteien, welche jedoch aus sehr fremdartigen Bestandtheilen zusammengesetzt sind, die nach ihrem etwaigen Obsiegen sogleich einander feindlich entgegentreten würden. So Orleaniden und Bourboniden, rothe und weiße Republikaneru. s. w.Ein Straßenaufruhr könnte um so eher in Paris eintreten, wenn (wie Etliche behaupten) ein Theil der Linientruppen für communistische Ansichten gewonnen wäre; — aber Paris und seine Emeuten entscheiden nicht mehr auf die Dauer. Das rechte Gewicht der Parteien wird sich erst durch die Wahlen für eine neue Reichsversammlung herausstellen, welche Wahlen (nach Maßgabe der Ansichten) die Einen so zu beschleunigen, wie die Anderen zu verzögern suchen. Zunächst ist die Bildung eines tüchtigen Ministeriums die Hauptsache, wobei viele Versuche bereits erwiesen haben, daß es (bei dem besten Willen) sehr schwer ist, es auseinerPartei zusammenzubringen, oder Personen ausverschiedenenParteien für eine harmonische Wirksamkeit zu gewinnen. — Gewiß sind die Franzosen durch die Wahl ihres Präsidenten den Deutschen um einenSchritt voraus. Möchten die Abgeordneten in Frankfurt nicht so viel Zeit unnütz vergeuden, die Verfassung rasch zur Zufriedenheit aller Staaten entwerfen und es dem Reichsministerium gelingen, die unseligen Mißverhältnisse zu Österreich bald für das Wohl beider Theile zu beseitigen.
Nachmittags.
Hr. Thiers hat sich (wie ich wohl schon meldete) mit großem Rechte der Fertigung einer ungeheueren Menge hypothekarischen Papiergeldes widersetzt, aber dabei weder die Einrichtungen fremder Creditsysteme hinreichend erörtert, noch die Mängel des französischen Hypothekenwesens nachgewiesen. Ein Aufsatz des Hrn. Laferrière verbreitet hierüber ein erfreuliches Licht. Nachdem in neuester Zeit fast alle Zweige der Industrie und der Gewerbe so sehr gelitten haben, wird Werth und Wichtigkeit des französischen Grundvermögens und Ackerbaues von Neuem hervorgehoben. Die französische Revolution, welche ungeheure Massen von Domainen, geistlichen und adligen Gütern auf den Markt brachte, veranlaßte zunächst ein Sinken der Verkaufspreise und eine Zertheilung der größeren Besitzungen. Das aristokratische Grundvermögen verwandelte sich in ein demokratisches. Man rechnet in Frankreich 5 Millionen Landstücke, deren jedes unter 5 Franken Grundsteuer zahlt; 5,250,000, die zwischen 5 und 100 Franken zahlen; 400,000 zwischen 100–500 Fr.; 47,000 über 500 Fr. Die Zahl der kleineren Besitzungen hat sich in neuerer Zeit nicht vermehrt, sondern Zertheilen und Zusammenschlagen hält sich ungefähr das Gleichgewicht. Hiebei zeigen sich zwei sehr merkwürdige Erscheinungen: erstens in Beziehung auf den Ertrag; zweitens in Beziehung auf die Verschuldung des Grundvermögens. Nämlich 1) Geld in Land angelegt, trägt im Durchschnitt ⅖ weniger Zinsen, als in anderen Gewerben oder Unternehmungen. Wenn dennoch die Verkaufspreise des Grundvermögens nicht sinken, so liegt dies in der gesuchten Annehmlichkeit seines Besitzes, und dem Glauben an größere Sicherheit und weniger Gefahr bringenden Wechsel. Diese Erscheinung würde aber 2) großentheils wegfallen, wenn es leicht wäre auf sichere Hypotheken Geld auszuleihen und anzuleihen. Es ist jetzt häufiger und gebräuchlicher zu kaufen und zu verkaufen, als Hypotheken zu suchen und aufzunehmen. So betrugen die Verkaufswerthe zwischen 1832–42 an 1500–1600 Millionen Franken, und die eingegangenen Hypotheken nur 400–500 Millionen. Es erscheint also als eine wichtige Aufgabe dahin zu wirken, daß der Ertrag vom Grundvermögen nicht so weit unter dem Ertrage des Geldvermögens bleibe, wodurch, anderer Übelstände nicht zu gedenken, die Verbesserungen des Bodens und Landbaues ungemein erschwert und vertheuert werden. Vor Allem treten hiebei die Mängel des französischen Credit- und Hypothekenwesens ans Licht. Vor der Revolution wurden Verbesserungen hauptsächlich dadurch verhindert, daß die großen Grundbesitzer auf alle Weise ihre finanzielle Lage zu verbergen suchten und eine Menge stillschweigender Hypotheken (z. B.für Frauen, Minderjährige) vorhanden waren; sodaß der Darleiher fast nie zu einer klaren und gesetzlichen Einsicht gelangen konnte. Trotz aller Besserungsversuche seit 1789 wird noch laut über die jetzigen Einrichtungen geklagt: das ganze Verfahren sei zu weitläufig, langsam und kostspielig, keine genügende Sicherheit über den Werth der Hypotheku. s. w.u. s. w.Öffentlichkeit, Einfachheit, Schnelligkeit, sind die unerläßlichen Bedingungen für die Reform des Hypothekenwesens, und erst wenn diese bewirkt ist, lassen sich nach Herstellung des Vertrauens, auch die Formen für den Credit, Verbindungen, Pfandbriefe, Leihbanken auffinden und anwenden.
Ich breche ab, um nicht übermäßig zu langweilen, und gehe auf etwas Statistisches über, was vielleicht mehr anzieht. Binnen fünf Jahren (1839–44) sind in Frankreich von 5,820,129 Kindern 177,741 todt geboren, oder 1 von 33, und mehr in Paris als anderwärts. Bei 153,691 Geburtenin Paris (1840–44) sind 263 Frauen in Wochen gestorben, oder eine von 585. Von 1839–44 starben in Frankreich 20,290 Personen an den natürlichen Pocken. Von 153,961 Kindern, die binnen fünf Jahren in Paris geboren wurden, starben 26,049 in den Hospitälern, oder eins von sechsen. Im Jahre 1815 waren 85,808 Kinder in den Findelhäusern; in 25 Jahren wurden 880,639 ausgesetzt, von denen 475,127 starben. In neuerer Zeit nahm die Sterblichkeit etwas ab, die Ausgabe aber zu. Im Verhältniß zur Bevölkerung hat die Zahl der Geburten seit 70 Jahren um 40 Procent abgenommen. Auf 17,000 Menschen kommt ein Wahnsinniger. Die Lebensdauer hat in neueren Zeiten aus vielen Gründen bedeutend zugenommen, ist aber am geringsten unter den ärmeren Volksklassen, besonders in Paris. Die Zahl der Heirathen hat in Frankreich seit 40 Jahren etwa um ⅖ abgenommen und die Zahl der Kinder um ⅙. Es werden um1⁄32mehr Knaben, als Mädchen geboren; dennoch giebt es in Frankreich mehr Frauen, als Männer. Die Zahl der unehelichen Kinder ist in den Städten und den gewerbtreibenden Landschaften größer als in den ackerbautreibenden. Es giebt noch einmal so viel Wittwen, als Wittwer. Die Zahl der Geistlichen (und Mönche) hat in Frankreich seit 67 Jahren um⅘ abgenommen. — Ziffern genug, um lange Betrachtungen daran zu reihen.
Den 19. December.
Ihr seht aus Vorstehendem, daß ich mir mit allerhand fremdartigen Beschäftigungen die politischen Grillen zu vertreiben suche. Sie kehren jedoch übermächtig immer wieder zurück. Zwar erkenne ich mit Freuden, daß sich die Zustände in den letzten sechs Wochen sehr gebessert haben; ob aber bald volle Gesundheit folgt, oder nach dem guten Tage des Wechselfiebers derböse, — wer weiß es? In Frankreich treten Provinzialblätter offen für Heinrich V. in die Schranken, wogegen socialistische Zeitungen neue,gewaltsameUmwälzungen für ihre Zwecke anpreisen. Eltern und Kinder, Geschwister, alte Freunde stehen sich feindselig gegenüber; das politischeCredotrennt selbst die heiligsten Bande, und sucht die Erlösung, in und durch das Chaos und die Sünde.Discite justitiam moniti et non temnere divos; — aber trotz unzähliger Warnungen kümmert man sich nur wenig (oder höchstens aus Furcht) um Gott und Gerechtigkeit.
— — Und das Alles schreibe ich des Morgens um 6 Uhr, wo man sonst den heitersten und größten Muth hat! Doch nicht um zu verzweifeln, oder gar Anderen diesen Seelenzustand anzupreisen, sondernum die Gefahren in ihrer ganzen Größe zu erkennen, und den zusammengeflickten Königsmantel Heuchlern und Frevlern von den Schultern zu reißen. WennJeder ohne Ausnahmethut was ihm zukommt, ist der Sieg für Ordnung und Mäßigung gewiß!
Den 20. December.
Gestern besuchten wir das ägyptische Museum. Alles höchst merkwürdig und eigenthümlich, wie Jegliches, was wir von diesem Volke wissen; aber wie selten geschmackvoll und erfreulich. Ihre Kunst erscheint als ein Werk des Zwanges und der unabänderlichen Vorschrift, nicht als ein Werk der Freiheit und Persönlichkeit. Den Sinn, die Begeisterung für diese wichtigsten aller menschlichen Richtungen haben die Hellenen gewiß nicht aus Ägypten geholt, und gar nicht holen können. Nächst dem Vatikan enthält der Louvre, im kleinsten Raume, die größten und bewundernswerthesten Kunstschätze. Wie arm, oder jung (leider, oder Gottlob) sind wir im Vergleiche mit diesen Schätzen. — Gewiß ein Glück, daß das durch Napoleon’s Gewalt Zusammengehäufte wieder in alle Welt zerstreut ist, um Heiden und Christen zu erfreuen und zu belehren.