Sechsundsiebzigster Brief.
Paris, den 1. November 1848.
Jede Revolution stört und unterbricht den Gang ruhiger Thätigkeit, mindert die Einnahmen und vermehrt die Ausgaben. Schon aus diesem finanziellen Gesichtspunkte sind alle Diejenigen verantwortlich und strafbar, welche ihre Nothwendigkeit herbeiführen, oder sie ohne genügenden Grund veranlassen. Das Deficit der Staatseinnahmen schlägt man in Frankreich für1848 auf mindestens 300 Millionen Franken und ebenso hoch für 1849 an. Wie will man, wie kann man diesen Mangel decken? Steuererhöhungen sind unter den obwaltenden Umständen fast unmöglich, oder doch uneinträglich; Anleihen verstärken die ohnehin sehr große Schuldenlast und dürften nur unter den lästigsten Bedingungen zu Stande kommen; Papiergeld führt zu schlecht verdecktem Bankerott. Wenn also dieEinnahmesich nicht steigern läßt, muß man dieAusgabenmindern. Abgesehen davon, daß jede Verminderung derselben auf Gewerbe und Geldumlauf nachtheilig wirkt, reicht das Streichen einiger Millionen, an diesem oder jenem Titel, kaum hin den funfzigsten Theil der vorhandenen Lücke auszufüllen; nur eine große Verminderung im Heerwesen könnte dazu hinreichen. Ob nun gleich Frankreich fast unangreifbar und nicht die geringste Gefahr eines fremden Angriffs vorhanden ist, wird es doch zu einer großen Ersparung bei den Kriegsausgaben nicht kommen. Denn die französischen Soldaten wollen nicht entlassen, nicht in ihre Heimat entsandt sein; sie betrachten meist ihre Stellung und Einübung nicht als etwas Vorübergehendes, sondern als Beruf und Erwerbszweig fürs ganze Leben. Daher behält man das System der Stellvertreter bei, und dringt auf eine lange Dienstzeit; während wir (bei allerdings sehr verschiedenen Verhältnissen) eine andere Richtung eingeschlagen haben. So wenig wie unsere Officiere in Masse eine Verabschiedung wünschen, ebensowenig die französischen Officiere und Soldaten.Hierist also Schwierigkeit, Widerspruch und Gefahr doppelt groß, und dem Finanzwesen dieser Rettungsweg so gut wie verschlossen. Doch klebt und kleckst jeder französische Finanzminister so viel glänzende Schönpflästerchen auf sein Budget als irgend möglich, und die Nationalversammlung freut sich des bunten Farbenspiels, bis der Anputz schmuzig wird, abfällt und nur Narben und Flecke zurückläßt.
Beide Einstellungssysteme,mitundohneStellvertreter können angemessen sein: jenes, wo mehr Leute Soldaten werden wollen, als man jemals braucht; dieses, wo eine allgemeine kriegerische Vorbildung nöthig ist, um einen Staat in seiner politischen Höhe zu halten. Daneben, neben dem Heere und der Landwehr, läßt sich auch eine passende Stelle für eine Bürgerwehr finden. Wenn diese aber die eigentlichen Soldaten bei Seite schiebt, Wachen bezieht, Schildwach steht, sich eiteler Paraden freut u. dergl., das heißt faullenzt, statt zu arbeiten; so ist dies zugleich ein sittlicher und ein ökonomischer Verlust. Zwei Heere kosten noch einmal so viel als eins, und wenn nun gar die Bürgerwehr berathet, beschließt, sich über die Stadtbehörden hinaufsetzt,und anstatt wesentlich zu gehorchen, wesentlich ungehorsam wird; so ist dies (trotz aller Rederei, Anmaßung und Vornehmthuerei) ein verderblicher und verdammungswerther Zustand.
Den 2. November.
Der größte Theil der Journale spricht sich gegen L. Bon. aus, und Viele meinen: wenn die Präsidentenwahl noch einige Monate hinausgeschoben wäre, würde er schon vor derselben politisch gestorben sein. Nur die Presse, welche ihn früher aufs Härteste beurtheilte und heruntermachte, hält ihm jetzt eifrige Lobreden. Lob und Tadel ward vor drei Tagen auf einem großen Bogen nebeneinander gedruckt und an den Straßen angeschlagen. Diese Blamage für die Presse, welche den General Cavaignac täglich, bis zum Ekel, angreift und anklagt, hätte ihm willkommen sein müssen; höher stehend oder edler fühlend, ließ aber die Regierung jenen Anschlag abreißen, weil eine aufregende politische Straßen- und Mauerliteratur hier verboten ist.
Ernsthaft gesprochen, wird mir mein hiesiges Leben täglich leerer, langweiliger und widerwärtiger. Denn es fehlt mir (leider oder Gottlob) an aller Eitelkeit, die sich etwas darauf zu Gute thun könnte, hierenvoyé extraord.des deutschen Reiches zu sein. In Wahrheit bin ich nur einflaneur, und faullenzein einer Weise, wie ich es nie gethan habe. Man sagt mir von mehren Seiten: ich wirke sehr nützlich, ich sei beliebt, man wünsche mich hier zu behalten, man werde mich schwerlich ersetzen könnenu. s. w.— Larifari, was ich hier thue, kann Jeder thun; ich aber könnte, wo nicht Besseres, doch etwas thun, was mir persönlich erfreulicher wäre. Aber wo, wie? „Denn zur Strafe meiner Sünden, kann ich keinen Ausgang finden.“ Für Werke der Wissenschaft bin ich zu alt, oder es fehlt doch die Gemüthsruhe, welche mir erlaubte, im vorigen Jahre über den römischen Senat und die großen Kirchenversammlungen zu schreiben; es fehlt die Heiterkeit, mich drei portugiesischen Frauen in die Arme zu werfen, welche ich dem wissenschaftlichen Vereine vorführen wollte, die aber jetzt in meinem Pulte eingesperrt liegen. — Wäre nach tausend Jahren von allem Geschriebenen und Gedruckten nichts übrig, als meine Briefe aus Frankfurt und Paris, so würden sie viele Philologen, Editoren, Commentatoren, Kritiker, Setzer und Drucker beschäftigen; jetzt haben sie nicht so viel Gewicht und Bedeutung, alte Freunde zu einer Antwort zu bewegen. — Vielleicht kommt bald eine Nachricht aus Frankfurt, welche mich — dahin bringt, irgend ein Bund Heu muthig aufzuessen.
Die jetzige Regierung Frankreichs, wenigstens zum Theil hervorgegangen aus dem Streite über die Festmahle (banquets), kann dieselben nicht füglich verbieten; auch hemmt die Furcht vor den drastischen Juniarzneien, lauten Skandal. — Der Sinn Mancher offenbart sich indessen, wenn sie Blanc und Raspail als Märtyrer der Freiheit leben lassen, und d’Alton Shee vor Allem die Ausrottung schlechter Gewohnheiten verlangt. Die schlechteste von allen (fährt er fort), welche uns die Monarchie (!) hinterlassen hat,est la transmissions de l’hérédité et des noms!! — Dies zum Troste gegen den Ärger über Narrheiten in Deutschland.
Viele gemäßigte Republikaner, welche sehen, welche Gefahren ihrem aus dem Stegreif erschaffenen Werke drohen, sagen: der National (die heftige Partei) hat die Republik zu Grunde gerichtet. Allerdings hat diese Partei ihren Sieg leidenschaftlich und eigennützig ausgebeutet (wie alle politischen Sieger in Frankreich); aber auch abgesehen davon, und von gerechtem Tadel, führt die Neigung und die Gewohnheit des Veränderns, selbst gesunde, natürliche Kinder hier zu raschem Tode. Als Rettungsmittel für die Republik ist vorgeschlagen worden, alle Bonapartiden in der Nacht gefangen zu nehmen und nach Cayenne zu schicken. Der Gedanke ward aber aus mehren Gründen abgelehnt. Wenn man die geheimsten Berathungen dieser Art ausplaudert, so ist dies ein Zeichen, daß man nicht mehr an die Festigkeit derbestehenden Regierung glaubt. — Die Partei des National wünschte sich mit der alten Opposition, der dynastischen Linken, zu verbinden; diese erwidert jedoch: helft euch selber, wir haben mit Cav. und L. Bon. nichts zu schaffen. — Wahr; allein hiedurch stimmt sie demjacta est aleaLamartine’s bei, und wartet ab, wer da Licht in diese Nacht der Zukunft tragen werde.
Täglich höre ich (hauptsächlich von Gesandten): Sie müssen lesen diese und diese Zeitungen, diese Artikel, diese Anklagen, diese Vertheidigungen, diese Glaubensbekenntnisse, diese Versprechungen, diese Warnungenu. s. w.u. s. w.— ein Meer nicht auszuschöpfen, so viel Köpfe so viel Sinne, Staatsweise (oder Narren) in Unzahl! Ich kann und will mich nicht entschließen, bei Tage diese ungeheure Menge politischen Heues zu verzehren, bei Nacht es wiederzukäuen und am nächsten Morgen doppelt durch diesen politischen Katzenjammer zu leiden. Ich habe gar keine Anlage, ein solcher gesandtschaftlicher Vielfraß zu werden.
Schon oft ist es in der Geschichte vorgekommen, daß das Schicksal eines Staates oder Volkes von einem Kriege, einer Schlacht abhing; es ist aber wohl noch nirgends geschehen, daß man sich durch lange Berathungen, zahlreiche Beschlüsse, staatsrechtliche Bestimmungen in eine so völlige Dunkelheitund Ungewißheit über alle geselligen Verhältnisse der nächsten Zukunft hineinverirrt, so Alles auf ein Spiel mit (falschen) Würfeln hinausgeführt hat. Es gehört eine mehr als eiserne Gesundheit dazu, Versuche, Experimente solcher Art zu überstehen.
Zu etwas Anderem. Ein Hr. Deschamps hat denMacbetharrangirt, zurechtgeschnitten, ausgeflickt, zugesetzt, mit Tableauxs, Fackeln, Lampenu. s. w.u. s. w.versehen, — zu großer Zufriedenheit der Pariser. Es heißt: ich habe mir erlaubtde retrancher des scènes parasites, des tirades exubérantes, des expressions affectées ou indécentes. Au 4eacte je me suis permis des changemens fondamentaux. — J’ai trouvé des vides à remplir par des paroles et des expressions shakspeariennes.— So versteht, so mißhandelt man, so bewundert man hier den größten aller Dichter!!
Da nicht jeder Freund oder jede Freundin, welche diese Briefe lesen, Paris (oder auch nur einen Wegweiser durch Paris) zu sehen bekommen, mögen einige auserwählte Kleinigkeiten über die angeblicheCapitale du mondehier Platz finden. Sie liegt an 4 Grad südlicher wie Berlin, was sich in der Wärme, den Blumen und Früchten offenbart. Festungswerke und 14 Bastionen durchschneiden Besitzungen und Aussichtslinien, und schützen gegen Feinde, die (wenn Mäßigung in Frankreich herrscht) sich nirgends finden.Einen stets nahen Feind hat aber die Befestigung hervorgerufen und sehr verstärkt: nämlich die Schuldenlast!
Unter Ludwig XI. betrug die Bevölkerung etwa 100,000, unter Ludwig XIV. 500,000, jetzt (innerhalb des Steuerbezirks) eine Million, welche jährlich verzehrt 77,000 Ochsen, 20,000 Kühe, 83,000 Kälber, 460,000 Hammel, 96,000 Schweineu. s. w.Die Verzehrungssteuer beträgt jährlich gegen 35 Millionen Franken. 1842 wurden geboren 15,369 Knaben, 14,844 Mädchen, darunter ¼ uneheliche. Die Stadt hat 55 Thore (barrières) und gegen 1100 Straßen. Die Polizei ist getrennt von der Präfektur und eigentlichen Stadtverwaltung. Jeder von den 12 Bezirken hat seinen Maire nebst Zubehör. Die Sparkasse (mit welcher man seit dem Februar sehr willkürlich umging) nimmt von einem Franken an, aber nicht über 500 Franken auf einmal und zahlt 3¾ Procent Zinsen. Jährlich werden im Durchschnitt 5,500Kinderausgesetzt!!! welche verruchte Niederträchtigkeit noch immer Beförderer und Schutzredner findet.
Den 3. November.
Vorgestern, als wir sämmtlich ausgegangen waren, kommt ein wohlgekleideter, mit Orden geschmückter Mann zur Pförtnerin, giebt sich für einen Bruder,Schwager oder Onkel aus, ohne jedoch Namen und Wohnung anzuzeigen. Sein Gesuch: in unsere Stuben eingelassen zu werden, lehnt die Pförtnerin ein erstes, und als er dringend wiederkehrt, ein zweites Mal ab. Ein drittes Mal ist derChevalier d’industrie, oder Spitzbube, nicht wiedergekommen.