Vierundachtzigster Brief.
Paris, den 25. November 1848.
Mit jedem Tage wächst, sehr natürlich, die Aufregung unter dem souverainen Volke (oder vielmehr unter den souverainen, auf und ab sich bewegenden Atomen) darüber, wen sie, nach Belieben, zu ihrem Quasiherrn erwählen wollen. So war gestern Abend ein ungeheurer Zusammenlauf an der Börse, wo man sich über die verschiedenen Bewerber laut in der rücksichtslosesten Weise aussprach,z. B.der ist ein Schuft, der ist ein Dummkopfu. s. w.Von Ehrfurcht, Glauben, Vertrauen, Liebe keine Spur; wohl aber Besorgniß die überstimmte Partei dürfte nicht geduldig gehorchen. Jene groben Bezeichnungen hört man übrigens nicht blos aus dem Munde geringer, sondern auch solcher Personen, welche hoffen, binnen sechs Wochen Frankreich mitzuregieren. Hat dochz. B.gestern Ledru-Rollin bei einem Banket deutlich gesagt: daß Jemand (Cavaignac) durch schlechte Ranke an die Spitze gekommen sei und sich durch schändliche Mittel erhalte. Zwei Männer, welche dieser Verläumdung widersprachen, wurden kurzweg zur Thür hinausgeworfen; recht eigentlicheargumenta ad hominem. — Und sehr sonderbar wird nebensolchen Thatsachen der Lehrsatz vertheidigt: daß Niemand sich für einen Bewerber aussprechen dürfe und Alles dem Zufalle müsse überlassen bleiben. Insgeheim aber gehen Boten in alle Lande, werben für L. Bo., versprechen Steuererlaß, Schuldenbezahlungu. s. w.Gestern ist es darüber in der Nationalversammlung zu merkwürdigen Erörterungen gekommen, und der Kriegsminister General Lamoricière hat sich bei dieser Gelegenheit nicht in der jetzt beliebten halben und zweideutigen Weise, sondern sehr bestimmt ausgesprochen. Mehre Diplomaten (welche oft nicht gewöhnt sind gerade aus zu sehen und zu hören, und Talleyrand’s Meinung hegen: die Sprache sei gegeben, um die Gedanken zuverbergen) waren über Lamoricière sehr bestürzt und erstaunt. Was war denn aber seiner kurzen Rede deutlicher Sinn? Nichts anders als: „wenn Jemand die soeben gemachte Verfassung umstürzen will, darf er auf meine und meiner Freunde Unterstützung in keiner Weise rechnen.“ Ist denn dies aber nicht ehrlicher und löblicher, als die Verfassung feierlich zu beschwören und die Republik (wie es heißt)franchementannehmen, während man insgeheim kein Mittel scheut, sie zu stürzen. Diese versteckte, halbe, Wahrheit und Heldenmuth verläugnende Handlungsweise führt aus einer Revolution in die andere und läßt oft Sieger, wie Besiegte, gleich verächtlich erscheinen. Freilich fühltman, daß kräftige Republikaner (wie Lamoricière) nicht gesonnen sind, geduldig die Republik hinaus eskamotiren zu lassen, wie sie zum Theil hinein eskamotirt ward. Man sieht also, kühn oder verzweifelnd neuen Ereignissen entgegen, wobei Eid und Gesetz nicht gelten werden.
Der große Phrasendrechsler Lamartine hat wieder eine Rede gehalten (nach Lichtenberg’s Ausdruck) „voll der tiefsten Geschwulst;“ Weisheit des letzten Tages hinaufgeschraubt in Propheten- und Offenbarungsstyl, den gleich verschrobene Leute bewundern, der jedem einfachen, christlichen Gemüthe aber widerwärtig sein muß.
Gestern Abend war ich in der sogenannten Soiree bei Herrn Bastide. Er hat eine französische Note, die ich ihm kurz vorher übersandte, sehr freundlich aufgenommen, obwohl sie nicht im Gesandtenstyle abgefaßt war. Daß meine Worte irgend Erfolg haben werden, darf ich indeß bei den jetzigen Zuständen Frankreichs und Deutschlands, gar nicht hoffen.Dixi et salvavi animam!— Unter den Damen bei Herrn Bastide war auch Madame Marrast, eine geborne Engländerin, ganz gekleidet wie zur Zeit Ludwigs XV.
Als ich gestern meine Theilnahme über die unglücklichen Zustände in Toskana aussprach, fragte mich ein florentiner Diplomat, etwas de haut en bas, was ich daran auszusetzen hätte, es stehe daselbstsehr wohl. Ich ließ mich aber nicht verblüffen, sondern antwortete sehr deutlich,à la Lamoricière. Auch hätte mich die Diplomatie noch nicht überzeugt, daßz. B.unsere berliner Zustände vortrefflich wärenu. s. w.Hierauf wollte mich Hr. Ricci (der hier sehr schlecht angeschrieben ist) über die italienischen Angelegenheiten zugleich ausfragen und bekehren. Statt dessen ergriff ich die sokratische Methode und fragte: glauben Sie, daß ein fremdes Volk die Freiheit bringen kann? daß man durch Vermittelung den Dank der Österreicher und Italiener erlangen wird? daß sich die Italiener nicht mehr untereinander streiten und verfolgen werdenu. s. w.u. s. w.So halfen meine Fragen wenigstens so viel, daß ich nicht zu antworten brauchte.
Zur Abwechslung und Erholung von derlei diplomatischen Exercitien, lese ich Cousin’s Vorträge über Geschichte der Philosophie mit großer Theilnahme. Obwohl mir fast alle Werke über diesen Gegenstand sehr genau bekannt sind, finde ich doch hier manche eigenthümliche Zusammenstellung und den wissenschaftlichen Standpunkt eines Franzosen. Die deutschen Leute von Fach werden seinen Eklekticismus tadeln; zufolge meiner geschichtlichen Natur lasse ich es mir aber gern gefallen, daß er jedem philosophischen Systeme sein Recht widerfahren läßt: also der Philosophie der Sinnlichkeit, des Geistes, des Zweifels und der Mystik. Der Beweis, daß keine dieser Schulen allein ausreicht, sondern in jeder Bestandtheile der Wahrheit und des Irrthums liegen, ist vortrefflich durchgeführt. — Eine, nach deutschen Quellen von Cousin entworfene Darstellung der letzten Lebensjahre und Lebenstage Kant’s, habe ich mit größter Theilnahme und Rührung gelesen. Welch einavis à un vieux lecteur!
Den 26. November.
General Cavaignac hat sich gestern meisterhaft gegen alle wider ihn erhobenen Anklagen vertheidigt, und für jeden unbefangenen Freund der Wahrheit einen vollen Sieg erfochten. Seine Beredtsamkeit war die eines rechtlichen Mannes, eines ehrenwerthen Charakters. Kein Wort zu viel, keine Phrasen, keine Zweideutigkeiten, keine schlecht verdeckten Widersprüche, keine schwülstigen oder heimtückischen Berufungen an die Leidenschaften, kein flitterhafter non sens; — in Allem das vollständige Gegenstück zu der Beredtsamkeit Lamartine’s, und zu der Unfähigkeit — zu sprechen und zu handeln. — Kaum Einem in der Nationalversammlung ist es wohl zweifelhaft geblieben, daß Cavaignac mit Unrecht angeklagt ward; und die sich der Abstimmung enthielten, thaten es meist aus Feigheit oder Parteizwecke halber. Man mag den Sturz des Königthums bejammern, die Republikhassen oder verachten; läugnen aber kann man nicht, daß Cavaignac ein Mann ist, in größerem Style, als alle seine bisherigen Gegner.
A Monsieur le Général Cavaignac.Permettez que je Vous adresse mes félicitationsles plus sincèresde Votre admirable et éloquente défense, et de Votre victoire glorieuse! J’ai l’honneur etc.
A Monsieur le Général Cavaignac.
Permettez que je Vous adresse mes félicitationsles plus sincèresde Votre admirable et éloquente défense, et de Votre victoire glorieuse! J’ai l’honneur etc.
Monsieur Bastide à Monsieur de Raumer.Monsieur!Je viens de recevoir une dépêche de Francfort, dans laquelle se trouve textuellement la phrase suivante: Il n’est plus question de l’envoi de Monsieur de Rantzau non plus que de celui de Mons. de Nostiz comme réprésentant du pouvoir central à Paris, et provisoirement du moins, Monsieur de Raumer, y conservera son poste actuel.Permettez de me féliciter de cette nouvelle, qui me donne l’espérance de conserver avec vous les excellents rapports que je suis heureux d’entretenir!Votre tout devouéJules Bastide.25. nov. 1848.
Monsieur Bastide à Monsieur de Raumer.
Monsieur!
Je viens de recevoir une dépêche de Francfort, dans laquelle se trouve textuellement la phrase suivante: Il n’est plus question de l’envoi de Monsieur de Rantzau non plus que de celui de Mons. de Nostiz comme réprésentant du pouvoir central à Paris, et provisoirement du moins, Monsieur de Raumer, y conservera son poste actuel.
Permettez de me féliciter de cette nouvelle, qui me donne l’espérance de conserver avec vous les excellents rapports que je suis heureux d’entretenir!
Votre tout devouéJules Bastide.
25. nov. 1848.