Vierundneunzigster Brief.

Vierundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 14. Januar 1849.

Gestern war ein sehr schwerer Tag. Die Sitzung dauerte von 9–2 Uhr und von 3–8 Uhr; — bei schrecklicher Hitze. Denn die heiße, trockene Luft strömte durch Gitter aus der unterirdischen Heizung betäubend hervor, und hätte ich nicht das Gitter neben meinem Sitze durch gedruckte Reichstagsweisheit zugedeckt, wäre ich wohl in Ohnmacht gefallen.

Wenigstens krönte der Sieg die lange Anstrengung: das Ministerium Gagern ist erhalten, und die Gefahr, ein Ministerium der Linken zu bekommen, diesmal vorübergegangen. Ja, der Erzherzog hätte schwerlich je ein solches ernannt, und die steigende Macht der einzelnen Regierungen hätte vielleicht den ganzen Reichstag auseinander zu sprengen versucht. Scheinbar für diese ein Gewinn, der aber nach kurzer Frist neue Revolutionen herbeiführen würde.

Zur Sache ward nach dreitägiger Berathung beschlossen: das Ministerium solle mit Österreich über seine Stellung zu Deutschland verhandeln und sich verständigen. Man will, sagten die Gegner, Österreich hinausstoßen, man will Deutschland theilen. Sienahmen keine Rücksicht darauf, daß unzählige Male erwidert ward: Niemand habe diese Absicht. Auch konnte man mit Recht behaupten und hoffen, freundliche Unterhandlungen, geleitet von verständigen, wohlgesinnten Männern, dürften eher zu einem erwünschten und erfreulichen Ziele führen, als Beschlüsse und Befehle der Paulskirche, auf welche Österreich zeither fast gar keine Rücksicht genommen hat, und in der That nicht füglich nehmen konnte.

Es ist ein fast unlösbares politisches Räthsel: wie Österreich ein Gesammtstaat bleiben, oder werden könne, und doch der deutsche Antheil dem deutschenBundesstaate einzuverleiben und zu unterwerfen sei. Noch weniger können alle nichtdeutschen Bestandtheile des österreichischen Staates in den deutschen Reichstag aufgenommen und daselbst vertreten werden. Je schwieriger aber die Verhältnisse sind, je weniger sich jene nichtdeutschen Bestandtheile geneigt zeigen, eine Unterwerfung unter das Deutsche zu dulden; um so vorsichtiger und zarter muß man verfahren, um ein Band nicht ganz zu zerreißen, dessen Deutschland, ja ganz Europa bedarf. Nur das wird Lebenskraft und Bestand haben, worüber alle Theile sich freiwillig einigen und vertragen; Wünsche, oder in Befehle verwandelte Wünsche, reichen hier nicht aus.

Morgen kommen wir an die, wo möglich, noch schwierigere Frage: über des Reiches Oberhaupt.Viele wollen, aus verschiedenen Gründen, eine mehrköpfige Spitze. Die Einen nämlich, weil alsdann mehre Fürsten berücksichtigt und für den Plan gewonnen werden; die Anderen, weil sie hoffen, durch eine republikanische Form der höchsten Gewalt, allmälig alle untergeordneten Formen zu beseitigen.

Nur wenn wir einen minder mächtigen Fürsten an die Spitze stellen (sagen wiederum Andere) wird die Freiheit, ja das Dasein der Übrigen, erhalten; — ein Mächtiger, mit Kaiserrechten, wird Alle unterjochen.

Ohnmächtige Scheinkaiser (erwidert man) haben Deutschland nur zu viel Schaden gethan; der Mächtigste allein kann ordnen, schützen; ihm gebührt die Führung von Natur und von Rechts wegen.

Wir haben zwei Übermächtige, der Vorzug aber gebührt Österreich, nach geschichtlichem Vorgange. Ja, wenn es seine außerdeutsche Macht in die deutsche Wagschale legt, so bringt dies doppelten Gewinn und verdoppelt auch den Anspruch.

Die undeutschen Bestandtheile Österreichs verwickeln Deutschland in undeutsche Richtungen, Zwecke und Kriege. Es giebt nur eine wahrhafte, durch und durch deutsche Großmacht — nämlich Preußen! Dies übergehen, zurückstellen zu wollen, wäre so einfältig, als ungerecht, als unmöglich.

Stellt man Preußen an die Spitze, so zürnt Österreich, und Baiern schließt sich an dasselbe, oder an Frankreich an.

Österreich wird seinen wahren Vortheil als abgeschlossenen Gesammtstaat einsehen lernen und sich aufs Engste mit Deutschland verbinden; Baiern aber nicht vergessen, wie schlecht ihm das Bündniß mit Frankreich im spanischen und österreichischen Erbfolgekriege bekommen ist. Auch würde der deutsche Volkssinn die baierische Regierung bald von derlei Irrwegen zurückbringen.

Wenn das baierische Volk auch nicht französisch gesinnt ist, verwirft es doch einen norddeutschen, protestantischen Kaiser.

Baiern wird und muß Folge leisten, sobald Preußen sich mit Österreich oder dem übrigen Deutschland verständigt hat.

Man kann für Preußen nicht mit voller Sicherheit stimmen, so lange man nicht weiß, ob der König die Kaiserwürde annehmen und mit aller Kraft behaupten will.

Der König kann hierüber nicht entscheiden, bevor er weiß, ob in Frankfurt wirklich eine große Mehrheit ihn erwählt, und ob die deutschen Fürsten beistimmen.

Eine solche Mehrheit findet sich nur bei thätigem Mitwirken, und das deutsche Volk wird, heftiger als im vorigen Jahre, wider diejenigen Fürsten aufstehen, welche seiner Entwickelung entgegentreten undihren Sondergelüsten nachhängen. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Handeln ist besser als verneinen, und wenn der große Kurfürst vor der Schlacht bei Fehrbellin, Friedrich II im Jahre 1740, Friedrich Wilhelm III im Jahre 1813, sich nicht rasch und kühn entschlossen hätten, — Preußen hätte keine größere Geschichte, als der übrige Ameisenhaufen kleiner deutscher Staaten.

So viel heute zur Probe, aus den Vorreden, den pourparlers; bald mehr, und hoffentlich Gescheites und Entscheidendes.

Ihr macht mir vielleicht den Vorwurf, daß ich (gleichwie Buridans Esel) auch nicht wisse, was ich wolle. Ich folge aber dem Beispiele des großen Staatsmannes Lord Burleigh, der für sich und seine kluge Königin Gründe und Gegengründe immer aufs Unparteiischste und Vollständigste entwickelte, und dadurch eben zu der Gewißheit kam, was endlich zu thun, wo das größere Gute, wo das kleinere Übel sei.


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