Vierundsiebzigster Brief.
Paris, den 24. October 1848.
Die neue Verfassung Frankreichs ist im Wesentlichen fertig und angenommen. Mit Ausnahme der zunächst praktischen Frage über die Präsidentenwahl, erweckt sie kaum Theilnahme und noch weniger Begeisterung; so sehr ist man an die Verfassungsmacherei gewöhnt, und so wenig Vertrauen hat man zu der Lebensdauer des neugebornen Kindes:transeat cum caeteris. Noch immer hat L. Bonaparte die meiste Aussicht auf Stimmenmehrheit: die Bauern (sagt man) werden ihn wählen, damit er (gleichwie sein Oheim) der Republik den Garaus mache. Noch wollen die einflußreichsten Männer aber sein Schiff nicht besteigen und für ihn das Steuer ergreifen; sieglauben nicht an die Möglichkeit, daß er lange an der Spitze bleibe. Man war im Begriff, die Präsidentenwahl auf den 3. December anzusetzen; weil dies aber der Jahrestag der Schlacht von Austerlitz ist, brachte man den 10. in Vorschlag.
Marquis Brignoles erhielt vom turiner Hofe ein Schreiben: seinem dringenden Wunsche gemäß, werde er von Paris abberufen und Hr. Ricci (ein kriegslustiger Mann) an seine Stelle kommen. — Hr. v. Brignoles schickte das Schreiben zurück: denn da er jenen Wunsch nie gehegt, könne er ihn, der französischen Regierung gegenüber, nicht anerkennen. Gleichzeitig erklärt diese: sie wünsche, daß Hr. v. Br. bleibe und Hr. Ricci nicht komme. Ohne diese Erklärung zu berücksichtigen, wird Br. dennoch abberufen, wodurch Carlo Alberto (oder seine Minister) hier noch mehr als bisher an Credit verlieren.
Den 28. October.
Das Rad dreht sich hier so schnell, daß das heute wichtig Erscheinende, morgen schon verschwunden ist und Anderem Platz gemacht hat. Doch hängt allerdings Alles zusammen, und Eins folgt aus dem Anderen,z. B.allgemeines Wahlrecht,eineKammer, Wahl des Präsidentennichtdurch die Nationalversammlung, Lamartine’s Würfelspiel, Beschleunigung der Wahl des Präsidenten, L. Bonaparte’sBewerbungu. s. w.Cavaignac’s bestimmtes Auftreten hat für den nahen Wahltag, den 10. December entschieden. Man fürchtet ein längeres Provisorium, Intriguen, Banketts und Emeuten während desselben; Cavaignac will sich nicht aufdringen, oder aller Orten über Zögerungen anklagen lassen. Wenn L. Bonaparte gewählt wird, sagte ein angesehener Mann, so drängen sich Intriguanten und Nichtsnutzige aus allen Ländern an ihn, und Frankreich geht einer elenden Zeit entgegen. Des leeren Namens wird man bald überdrüßig werden; — und was dann? — Möglich daß, untervielenbitteren Kelchen, diesereinevorübergehe.
Auf meine Verhältnisse haben jene Beschlüsse und diese Zustände den bestimmtesten Einfluß. Cavaignac und Bastide werden bis zur Präsidentenwahl in Bezug auf Deutschland keine weiteren Maßregeln ergreifen; sondern (gleichwie England) eine Entwickelung der deutschen Verfassung abwarten. Welche Ansichten ihre etwanigen, unbekannten Nachfolger haben dürften, weiß Niemand; vor dem Januar 1849 rückt mithinnichts von der Stelle. Bei diesen Verhältnissen habe ich heute dem Ministerium in Frankfurt vier Möglichkeiten vorgelegt und mich jeder Auswahl unterworfen: 1) mich abzuberufen; 2) meine Sendung niederzulegen, um meinen Pflichten als Abgeordneter in Frankfurt zu genügen; 3) in Formgegebenen Urlaubs auf kürzere oder längere Zeit von hier wegzugehen; 4) hier geduldig abzuwarten und auszuharren. — Es war gleich unpassend ganz zu schweigen, oder auf Weggehen, oder auf Hierbleiben zu bestehen. Ich zeige meine Bereitwilligkeit zu Jeglichem, was man als heilsam anerkennt für die Sachen, und mit Rücksicht auf meine Persönlichkeit. Das sogenannte Schicksal mag entscheiden.
Übrigens muß eine Art vonpublic character, wie ich jetzt bin, allerhand gewohnt werden. So erzählt der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in der — Kammer:ichhätte an die deutschen Regierungen geschrieben, ihre Gesandten müßten noch hier bleiben; und während es dem deutschen Reichsgesandten nicht gelungen sei, deutsche Junigefangene ausgeliefert zu erhalten, wäre dies dem — Gesandten gelungen. An dem Allem ist auch nicht ein wahres Wort: ich habe ankeineRegierung geschrieben, der Gesandte hat sich umkeineGefangenen bekümmert; mir aber hat Bastide lachend gesagt: all das Gesindel stehe zu Diensten, wenn man sich in Deutschland danach sehne!