Zweiundachtzigster Brief.
Paris, den 20. November 1848.
Die Regierung hat gestern zur Nachfeier und Nachtfeier des Geburtstages der Republik, eine Erleuchtung der öffentlichen Gebäude und der elyseeischen Felder angeordnet, sowie drei Feuerwerke an drei Thoren der Stadt. Das Wetter war günstig und eine so unzählbare Menge Menschen auf den Beinen, daß es mir nie so deutlich geworden ist, wie mindestens 60,000 Soldaten dazu gehören, das unruhige, oder vielmehr widerspenstige Paris in Ordnung zu halten. Gestern war das Volk nicht blos ruhig, sondern eigentlich theilnahmlos: man sah die Lampen an, ohne Beziehung auf die Veranlassung des Festes, kein Privathaus war erleuchtet, und von den Feuerwerken (welche man Geldmangels halber minder prächtig eingerichtet hatte, als früher zu Ehren der Julitage) sagten Mehre:ce n’est qu’une cochonnerie!
Die communistischen und socialen Fressereien (oder Hungerleidereien, mit Reden gepfeffert) dauern noch immer fort, und man vergißt niemals lobend zu bemerken, wenn es dabei nicht zu Schlägen gekommen ist. Heute heißt es jedoch: in einem Vereine zu Ehren L. Bonaparte’s, hätten Socialisten die lautesten Einredenerhoben. „Unordnung und Lärm stieg zu solcher Höhe, daß es unmöglich war die Ruhe herzustellen. Die Rednerbühne war förmlich belagert, und tausendfaches leidenschaftliches Geschrei kreuzte sich in der Luft gegen L. Bonaparte, Cavaignac, Ledru-Rollin und alle Bewerber um die Präsidentschaft.“ — „Ein socialistischer Verein (erzählt man gleich darauf) ward gestört durch Scenen der beklagenswerthesten Art. Verschiedene Abgeordnete, welche man zurBergparteizählt (also auch schon verbraucht!!) waren der Gegenstand von Angriffen der allerheftigsten Artu. s. w.“— Höflicher ging es doch zu in einem socialistischenWeiberklub, zu dem man jedoch, in ungefähr gleicher Zahl, Männer zugelassen hatte. Diese (sagt ein Berichterstatter) waren ohne Zweifel erschienenpour chercher des inspirations, ou des enseignemens. Die Person zahlte 10½ Silbergroschen; Kinder unter zehn Jahren gingen jedochfreiein und betrugen wohldeshalb, etwa ein Sechstheil der ganzen Versammlung. Pierre Leroux bemerkte in einer Rede: wir haben keinen Präsidenten gewollt, sondern eine gemischte Behörde von drei Frauen und drei Männern; auch hat ja die Frau das Recht die Rednerbühne zu besteigen, —puisqu’ellea le droit de monter à l’échafaud. Madame Gay sagte also: ihr könnt keine Republik gründen ohne die Frauen; auf die politische Vereinigung der Männer, der Frauen und der demokratisch socialen Partei! Gegen den Schluß krähte ein Piphüneken von etwa acht Jahren, den Toast:à la fraternité!und ein Commissarius erklärte, zur Zufriedenheit wenigstens eines Theiles der Versammlung: das nächste Mal zahle die Person nur sechs Silbergroschen.
Es ist psychologisch merkwürdig, wie die Menschen in gleicher Weise leichtgläubig sind, in Hinsicht dessen, was siewünschen, und was siefürchten. Dies sehe ich jetzt recht deutlich bei der Frage über die Wahrscheinlichkeit der Wahl Cavaignac’s und L. Bonaparte’s. Gewiß bleiben beide die Hauptbewerber, und alle die übrigen erhalten eine weit geringere Zahl von Stimmen. Der Querkopf L. Blanc, dem andere Querköpfe jetzt die Präsidentenwürde angetragen haben, antwortet: die neue Verfassung müsse geändert, und der Abschnitt vom Präsidenten herausgeworfen werden. Auf dem Wege käme dann die vollziehende Gewalt wieder an die Straßenbummler, welche im Monate Junius zu Paaren getrieben wurden. Außer Denen, welche damals ums Leben kamen, hat man 4348 fortgeschickt; ein starkes Purgatorium, welches indeß mancher großen Stadt Noth thäte. — L. Blanc und Consorten, welche sich so sentimental über Hunger und Kummer ihrer Mitbürger aussprachen, schwelgten (nach vielen Zeugnissen) auf dieanstößigste und kostspieligste Weise im Luxemburg und ließen sichz. B.puréevon Ananas und andere Gerichte bereiten, die an Lucullus und Vitellius erinnern könnten. — Mögen diese Vorwürfe auch ungegründet oder übertrieben sein; so fand doch unter der provisorischen Regierung eine gräuliche, unverständige Verschwendung statt, worüber ich ein andermal vielleicht Einiges mittheile.
Den 23. November.
Ich denke bisweilen, ich habe gar nichts zu thun, weil es ganz unmöglich ist unter den jetzigen Verhältnissen Erwünschtes zu erreichen; und doch war ich während der letzten Tage in so zerstreuter Weise beschäftigt, daß ich nicht zum Briefschreiben kommen konnte. Ich will heute nicht mit Politik beginnen, weil sich sonst für andere Dinge niemals Zeit findet. Am 15. Nov. war ich Abends bei Alexis von Tocqueville, dem Verfasser des bekannten, verdienstlichen Buches über Amerika. Er ist ein so angenehmer und gefälliger, als gescheiter Mann, und auch seine Frau (eine geborne Engländerin) gewährte eine sehr erfreuliche Unterhaltung. Mit dem Sohne des Geschichtschreibers Preskott gab es ebenfalls mancherlei zu sprechen; doch stand ich, unter vielen fremden Leuten, bald allein, und sah eine Dame gleich verlassen am Kamine sitzen. Gegen allen Gebrauch nahm ich neben ihr Platz und führte mit ihr ein langes Gespräch. Beim Weggehen sagte mir Hr. v. Tocqueville: Lady Elphinstone habe sich theilnehmend nach meinem Namen erkundigt, und dies führte zu einer Einladung, wo ich über 20 Engländerinnen fand, und meine unsterbliche Handschrift für ein Album zurücklassen mußte. — Eine Mittagsgesellschaft bei Frau von Clermont ward schon dadurch angenehm, daß siekleinwar, Mittheilungen also möglich blieben. Bei Rothschild fand ich Abends eine Gräfin Pototzka, die sehr geschickt und ausdrucksvoll sang. Über dem Hin- und Hervorschlagen, was sie (meist aus neueren Opern) singen solle, verging die Zeit, zehnerlei ward angefangen und (besonders durch Unterbrechungen eines Herrn, der sich für geistreich hielt) immer wieder gestört. Ich saß schweigend im Winkel bis sich bei einem Thema aus Figaro dasselbe wiederholte, worauf ich aufstehend bemerkte: bei solcher Musik dürfe man nicht störend dazwischenreden. Später sagte mir die Gräfin: es war heute ja doch nicht Ernst mit der Musik. Es fand sich nämlich sehr unerwartet ein, nicht politischer, sondern musikalischer Berührungspunkt, zwischen ihr und mir. Als Ableiter und Zwischenspiel zwischen dem Gerede, spielte sie sich, ohne daß einer hinhörte, ein Präludium von Sebastian Bach. Dies erweckte mich aus der Zerstreutheit undes kam zu wechselseitigen Bekenntnissen über unsere Verehrung für Händel und Bach. Da sie insbesondere die chromatische Phantasie dieses Meisters rühmte, habe ich ihr halb und halb versprochen mitzutheilen, wie Bach dieselbe vortrug, eine Kenntniß, die ich Forkel verdanke.
Vorgestern mußte ich (an einem Tage) sechs verschiedene Noten an Hrn. Bastide richten, welche ich, mit Weglassung alles unendlich langen und langweiligen Gesandtenbrimboriums, höchst lakonisch nur auf die Sache richtete; schon weil ichfranzösischschreiben mußte. Doch war ich etwas bange, Herr Bastide dürfte finden, ich sei doch etwas zu cavalierement mit den Formen umgesprungen. Statt dessen lobte er mich von freien Stücken als einen praktischen Mann, der ihm Zeit spare und die Sachen erleichtereu. s. w.
Ich habe ein langes, merkwürdiges Gespräch mit — über die europäischen Angelegenheiten gehabt, und will mir, zur Abwechslung, einmal aufreden, es sei nützlich gewesen. Während die europäischen abendländischen Völker sich zu Grunde richten, nehmen die Russen ganze Länder hinweg, und Nordamerika hebt sich mit Riesenschritten. Nach einem Briefe aus Neuyork ist in diesem Jahre die Zahl der Einwanderer weit größer, als je zuvor: Gemäldesammlungen, Bibliotheken, Kostbarkeiten, Silbergeräthu. s. w.werden (vorzugsweise ausDeutschland) und zwar nicht zum Verkauf eingeführt, sondern wegen der Unsicherheit im Vaterlande!
Zufolge der aus den Landschaften Frankreichs eingehenden Nachrichten, ist die neue Verfassung daselbst mit ebenso großer Gleichgültigkeit wie in Paris aufgenommen worden, und an manchen Orten schrie der Maire ganz allein:vive la république, vive la constitution!— In Rouen druckte man (vielleicht mit Vorsatz) in einem amtlichen Anschlage, stattcens, Census:sont électeurs sans condition desenstous les Français. — In einem socialistischen Banket, für und gegen Ledru-Rollin, sagte ein HerrMadier de Monjau:il faut toujours aller en avant, des Constituans aux Feuillans, des Feuillans aux Girondins, des Girondins à Danton, de Danton à Robespierre. — Mit den berliner Siebenmeilenstiefeln geht man noch schneller vorwärts, als Frankreich von 1789–1793. — Genug für heute!