Zweiundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 8. Januar 1849.
Meine Abreise von Paris war für mich zwar keineswegs unerwartet, aber doch so eilig, daß es mir an Zeit fehlte über Einiges Bericht zu erstatten. Ich will versuchen dies einigermaßen nachzuholen.
Schon Anfangs November entwickelte ich die Gründe, weshalb man mich abberufen, unbestimmten Urlaub ertheilen, oder auszuharren anweisen möge. Hierauf erhielt ich keine Antwort, wiederholte jedoch mehre Male weshalb (ungeachtet der höflichsten persönlichen Behandlung) meine Stellung eine falsche, keine Aussicht auf größeren Erfolg vorhanden sei, und mir die Fortdauer dieses Verhältnisses unerträglich werde. Dies Alles berücksichtigend ging Hr. von Gagern auf meine Gründe und Wünsche ein; was auch für die Sachen selbst ohne Zweifel das angemessenste war.
Zugleich entging ich dadurch einer neu bevorstehenden Unannehmlichkeit, von der ich erst Kunde erhielt, nachdem ich glücklicherweise schon meine Abreise amtlich angemeldet hatte. Der etwas rauhe, aber kenntnißreiche, rechtliche C. suchte mich nämlich zu bewegen, in Paris zu bleiben: die französischeRegierung wünsche es, und habe diesen Wunsch in Frankfurt wiederholt erklärt; mit allen Gesandten stehe ich auf dem besten Fuße, ich könne ruhig in Paris abwarten, daß die deutschen Wirren sich aufklärten. Wenn ich auch positiv nicht viel ausgerichtet, so hätte ich doch viel Schädliches verhindert, auf Verständigung hingewirkt, keinen unnützen Zank erhoben, richtige Ansichten verbreitetu. s. w.— So schmeichelhaft dies Alles auch für mich war, fehlte es doch nicht an Gegengründen für einen Mann meines Alters, meiner sonstigen Stellungu. s. w.Auf Einzelnes eingehend fragte ich endlich: wird man, wenn dasCorps diplomatiquedem Präsidenten vorgestellt wird, mich vielleicht vergessen? — Nach einigem verdrießlichen Zögern sagte Hr. C.: das ist möglich, Sie werden dann aber besonders vorgestellt werden. — Sehr angenehm für meine Person, den Präsidenten sotête-à-têtezu sehen und zu sprechen; aber den Hrn. — und — als der dritte Mann zugesellt und gleich wie sie behandelt zu werden, das wäre meiner Stellung und meines Vaterlandes unwürdig, und ich würde mich zu einer solchen Audienz nicht einfinden, selbst wenn man es mir von Frankfurt aus beföhle.
Meine schonvorherfest angesetzte Abreise hat also der französischen und der deutschen Regierung, sowie mir, große Unannehmlichkeiten erspart.
Daß meine Sorgen in Frankfurt zwar anderer Art, aber nicht geringer, sondern noch größer und bitterer sein würden, wußte ich vorher; und die erste ernste Sitzung (über die Auflösung der preußischen Reichsversammlung) bestätigte meine traurigen Befürchtungen nur zu sehr. Welch ein Mangel an Unbefangenheit, Mäßigung, Wahrheitsliebe; welche gehässige Leidenschaften, welches Verläugnen und Zurückweisen aller Liebe und Versöhnung! Und aus der Hexenküche solcher Bestandtheile soll Deutschlands neue und größere Freiheit hervorgehen!! — Diesmal zerstörte das Ungemäßigte sich selbst, und es kam zu dem besten Ergebnisse und Beschlusse; — nämlich zu gar keinem!
Zeither hat man sich in Frankfurt meist mit bloßen Allgemeinheiten beschäftigt und, ich möchte sagen, mit unbenannten Zahlen gerechnet. Nun zu dem Abstracten das Concrete, zu der leeren Allgemeinheit der besondere Inhalt hinzukommen soll, und Alles sich in Fragen um bestimmte Landschaften und Personen verwandelt; — da zeigt sich Mangel deutscher Ideologie, und praktische Ungeschicklichkeit.
Tadeln ist indeß viel leichter als Bessermachen, und für die Lösung der schwierigsten aller politischen Aufgaben, die je einer Versammlung vorlagen, darf man mit Recht Geduld und Nachsicht in Anspruch nehmen. Rom ist nicht in einem Tage gebaut, undwenn die Franzosen nach 60 Jahren noch nicht beim Ziele angekommen sind, brauchen wir nach sechs Monaten noch nicht zu verzweifeln; wir dürfen nicht verlangen, daß der erste Versuch vollständig glücke, und Säen und Ernten auf denselben Tag falle.
Wie viele Thürme haben keine Spitze; natürlich also, daß wir die ungeheueren Schwierigkeiten bitter fühlen, welche sich bei dem Unternehmen aufthürmen, unserem politischen Baue eine Spitze aufzusetzen. Wer weiß: ob und wie sie zu Stande kommen, ob sie Dauer gewinnen wird?
Allein wir haben doch eine Grundlage, auf welcher sich immer fortbauen läßt. Was sich auch im Einzelnen gegen die beschlossenen Grundrechte der Deutschen sagen läßt, im Ganzen und Großen zeigen sie große und wesentliche Fortschritte, und versperren die Möglichkeit in viele alte Verkehrtheiten und Ungerechtigkeiten zurückzufallen. Sie sind wenigstens bestimmter gefaßt, greifen besser in wirkliche Verhältnisse hinein, und stellen das Erreichbare in einer nützlicheren Weise dar, als diedroits de l’homme et du citoyender französischen Verfassungen.
Fragte man blos die Fürsten, so wäre ihnen gewiß die Herstellung eines in etwas veränderten Bundestages bei Weitem das liebste. Das Andenken an die Einseitigkeit und zugleich Richtigkeit der unselig verstorbenen Einrichtung, macht aber eine Auferstehung derselben völlig unmöglich. Sie würde bald ein zweites Mal in viel furchtbarerer Weise vernichtet werden. — Das Höchste, was sich jetzt in dieser Richtung begründen läßt, ist ein Staatenhaus; das Volkshaus zu beseitigen wäre ganz unmöglich; ein Versuch der Art würde mit demokratischen Siegen und Verjagen der Fürsten endigen.
Beide Häuser bedürfen eines lebendigen, gewichtigen, mächtigen Mittelpunktes. Dieser kann nicht am Umkreise liegen, nicht von den alten Fürsten und Regierungen repräsentirt oder ersetzt werden. Ziehen wir den Kreis enger, übergeben wir die vollziehende Gewalt etwa dreien, die in Wien, Berlin und München hausen, so ist schwer ein richtig eingreifendes Verhältniß zu dem aneinemOrte befindlichen Reichstage aufzufinden. Bei steigenden Schwierigkeiten, hat man gar viele Möglichkeiten ersonnen sie zu beseitigen: Vorschlag und Wahl, Abwechslung (Turnus) nach mehr oder weniger Jahren, Wahlkönig, Erbkaiser. Hätte man blos mit der Theorie zu thun, so fände man wohl was das Vorzüglichere sei; — die Widersprüche liegen aber außerhalb der Theorie, und dieultima ratiokümmert sich nicht um dieselbe und ihre Weisheit.
Den 9. Januar.
Ich fahre fort mich selbst zu orientiren, was, nach so langer Abwesenheit, doppelt nöthig ist. —Die Franzosen sagen: die frankfurter Versammlung wird nichts Gescheites zu Stande bringen, sie wird nur einen neuen Streit herbeiführen zwischen Österreich und Preußen, Katholiken und Protestanten, Nord- und Süddeutschland; und dann — entscheiden und regierenwir! Dies ist möglich, aber trotz unermeßlicher Schwierigkeiten, doch nicht nothwendig. Wir sahen, daß traurige Erfahrungen über das Zerfallen Deutschlands und seine politische Richtigkeit, neue Begeisterung hervortrieben für größere Einheit und Centralisation. Diese kann und darf aber keine französische sein; sie muß Stämme und Staaten berücksichtigen und am Leben lassen. Solch einen Mittelweg für die kleineren Staaten aufzufinden, ist das Leichtere; die Hauptschwierigkeiten treten erst bei den beiden, oder den drei größten ans Licht. So lange man sich anallgemeinenBestimmungen ergötzte, fand sich die Zustimmung leicht; und Jeder wähnte sie würdeihmzu Gute kommen. Als aber endlich die Hauptfrage nicht länger zu umgehen war: wer Kaiser werden solle, fuhr Alles auseinander, und aus dem Chaos entwickeln sich zwar neue Parteien, aber keine harmonische Ordnung, kein Kosmos! Scheidet Österreich aus dem Bunde aus, oder tritt es nur in ein loseres Verhältniß, so ist Einheit und Macht Deutschlands nicht vermehrt, sondern verringert, und die österreichischen Deutschen könnten allmälig ihrem Vaterlande so entfremdet werden, wie die französischen und russischen. Österreich will sich keinem preußischen, Preußen keinem österreichischen Kaiser unterwerfen (und Baiern liebäugelt mit Frankreich), wenn der Kaiser so große Rechte erhält, als man ihm hier zuweisen will. Ohne bedeutende Rechte bleibt aber das Kaiserthum ein leerer Name; und wenn es nicht Anklang und Gehorsam findet, so würde der Erwählte wenigstens Gehorsam und Anerkenntniß erst durch Krieg und Gewalt erzwingen müssen. In diesen Nöthen wollen Manche sich mit einem verengten, kräftigeren Bundestage begnügen (also gewissermaßen einen Rückschritt thun); Andere glauben das einzige Rettungsmittel sei:Preußenan die Spitze zu stellen, und so den Gedanken, daß es in Deutschland aufgehen müsse, erst zu Verstande zu bringen. Noch weiß Niemand, wofür sich die Mehrheit in der Paulskirche aussprechen wird: allein solch ein Beschluß (vielleicht, beim Widerspruche der Österreicher, nur durch wenige überschießende Stimmen herbeigeführt) ist keineswegs von entscheidender Allmacht. Wie, wenn Die da draußen stehen, sichnichtunterwerfen, oder der Erwählte aus romantischen oder politischen Gründen ablehnt? Gewiß ist für Preußen eine Erhöhung seiner Macht nur dadurch möglich, daß esnichtden alten Partikularismus stützt und vertritt, sondern den Gedanken größererdeutschenEinheit und Machtsich aneignet und dadurch neue Bahnen eröffnet. — Allerdings mit Vorsicht und Weisheit; aber ohne Unentschlossenheit und Feigheit. Wäre das Ergebniß der frankfurter Bestrebungen gleichNichts, so ist damit keineswegs dem Alten neue Lebenskraft gegeben, sondern wir gehen einer neuen schlimmeren Revolution entgegen, welche mit dem Wegjagen vieler Fürsten zwar nichtendigen, aber dies dochzunächstherbeiführen könnte. — Die nächste Woche wirdhierviel entscheiden; möge man in Berlin dann mit mehr Entschlossenheit vorgehen.
Ich sehe ein daß, um Willkür und Zufallhier, wenigstens einigermaßen auszuschließen, gleichgesinnte Männer zusammentreten und sich einer gewissen Ordnung und Zucht unterwerfen müssen. Meine natürliche, wohlbegründete Abneigung gegen alle Klubs (diese Zeugnisse unreifer, leidenschaftlicher politischer Zustände) fand aber gestern, im sogenannten Casino, neue Bestätigung. Man forderte: daß jedes Mitglied so in der Hauptversammlung stimmenmüsse, wie die Mehrheit des Klubs beschließe. Ich erklärte mich bestimmt gegen diese Tyrannei, welche alle Berathungen im Plenum überflüssig, und alle Berichtigungen einseitiger Ansichten und Beschlüsse unmöglich macht. — Sie sind, sagte mir ein Eingeweihter, in Ihren Ansichten noch sehr jungfräulich. — Die Jungfrauwird aber ihre politische Unschuld, oder Schuldlosigkeit und Selbstständigkeit zu vertheidigen wissen!
Hr. Tallenay, mit dem ich eine lange Unterredung hatte, bestätigt mir, daß Hr. Bastide zweimal hieher geschrieben und den bestimmten Wunsch ausgedrückt habe, daß man mich in Paris lassen möge.