BergenBergen.
Bergen.
Bergen.
Alle Möbel und Gebrauchsgegenstände sind die originalen, in vergangenen Jahrhunderten gebrauchten. So auch im Speisezimmer, wo vor allem riesige Zinnhumpen, mehrere Liter haltend, auffallen. Diese Herren Hanseaten, respektive die hier wohnenden Vertreter, meist jüngere Leute, die nicht verheiratet sein durften, müssen fürchterlich gekneipt haben; der herumführende norwegische Wächter schloß wenigstens fast jeden Abschnitt seiner in sehr holperigem Deutsch gegebenen Erklärung mit dem Nachsatze: „denn sie waren immer besoffen.“ Jedenfalls wurde in diesen Handelshäfen, namentlich im Winter, wo jede Arbeit ruhte, ein zügelloses Lasterleben geführt; viele Vergehen gegen Recht und Sitte konnten einfach mit Geld gesühnt werden, und wenn die aufgestellten eisernen Strafenbüchsen voll waren, so wurde der Inhalt gemeinschaftlich in Bier und Wein und Schnaps umgesetzt.
Sehr wenig einladend sind die Schlafstellen dieser Kaufleute; man öffnet eine Kastenthüre, und in dem Kasten liegt ein schmales Bett, in welchem sich ein erwachsener Mensch kaum rühren kann; ist die Thüre geschlossen, so liegt man wie in einem Sarge. Ein kleiner geheimer Schieber im Bettkasten des Chefs ermöglichte demselben von der Schlafstätte aus die Kontrolle seiner Gesellen im nebenanliegenden Kontor. Hier traute keiner dem andern. Eine geheime Treppe, die vom Speisezimmernach oben und auf Umwegen ins Freie führte, wird auch kaum ehrlichen und anständigen Zwecken gedient haben. Im zweiten Stock der Häuser lagen dann die Kläven (Konklave), d. h. die Schlafkasten der Gesellen und Diener. Licht oder Feuer durfte im Hauptgebäude während des ganzen langen Winters nie angezündet werden; „denn sie waren immer besoffen“ motivierte der Führer. Deshalb befand sich dann weiter zurück im Hofe, in der Nähe des zugehörigen Gemüsegartens, die sogenannte Schüttstube, ein gemeinschaftliches Versammlungshaus für sämtliche Bewohner eines Geschäftes; noch weiter zurück, aber unmittelbar anstoßend, lagen Quartiere für liederliches Gesindel. So war jeder der vielen dicht neben einander liegenden Verkaufshöfe beschaffen, und feste Palissaden, durch gefürchtete Bulldoggen verstärkt, hielten Unberufene von diesem Nachtleben der hanseatischen Kontoristen fern. Das Ganze bildete für sich einen Staat im Staate, der zirka 3000 Seelen zählte. Dem papierenen Gesetz nach mußten alle männlichen Geschlechtes sein und auch weibliche Bedienung war verboten.
Die Bürgerschaft von Bergen hatte manchen schlimmen Akt der Willkür von der deutschen Hansa zu ertragen; aber von Mitte des sechzehnten Jahrhunderts an wurde ihre Macht im Norden gebrochen und 1763 ging die letzte „Stube“ durch Kauf an einen Norweger über.
Ebenfalls in ursprünglicher Form erhalten sind die zu jedem Hanseatenhaus gehörigen hölzernen Landungsbrücken, jede mit einem primitiven mächtigen Vippebom (Wippenbaum) — eine Art hölzernen Krahnens — versehen,zum Ausladen der Fische, welche von den nordländischen Schiffen hiehergebracht werden. Da sahen wir denn ein außerordentlich interessantes Treiben, überall geschäftige Fischer und Händler und eine Menge von fremden und ungewohnten Produkten, alle dem Meere entstammend. Zu Millionen wird hier der getrocknete Stockfisch ausgeladen, in den über der Quaistraße liegenden Magazinen sortiert und in Büscheln zusammengebunden, die genau wie dürres Holz aussehen. Die gewöhnliche Jahreszufuhr beträgt 25 bis 30 Millionen Stück; dieses Jahr war die Ausbeute viel geringer, weshalb der Preis per größern Fisch sich auf 50 Oere = zirka 70 Rappen stellt gegenüber 25 Oere vom letzten Jahre.
An anderer Stelle waren Männer beschäftigt, die zirka handtellergroßen Eierstöcke vom Dorsch in große Fässer zu verpacken und einzusalzen; dieselben wandern alle nach der französischen Küste, wo sie zum Sardinenfang benützt werden. Ins seichte Küstenmeer geworfen, locken sie die kostbaren Fische in Scharen herbei.
Auch alle Produkte der Thranindustrie waren hier zu sehen, z. B. Thran in allen Reinigungsphasen. Der sorgfältigst mit Dampf gereinigte Medizinalthran wurde vom Verkäufer auf 50 Kronen, zirka 70 Franken, per Faß (116 Liter inklusive Doppelfaß) gewertet. Alle derartigen Auskünfte besorgte uns bereitwilligst unser zuvorkommende Landsmann, der den ganzen Nachmittag als trefflicher Dolmetsch unermüdlich funktionierte und bei den Eingeborenen offenbar als waschechter Norweger galt; ihre Landessprache ist ihm natürlich vollkommengeläufig, während das liebe „Schwyzerdütsch“, so sehr er sich freute, es sprechen zu können, ihm ab und zu kleine Verlegenheiten brachte — begreiflicherweise; denn er ist, wie er uns sagte, der einzige niedergelassene Schweizer in Bergen, ja in ganz Norwegen, findet also nie Anlaß, sich in seiner Muttersprache auszudrücken, und wenn er seinen Buben vom alten Heimatlande und vom Tell und Winkelried erzählt, so thut er’s auf gut norwegisch.
Ermüdet von Kreuz- und Quergängen durch die interessantesten Stadtquartiere und vom Durchstöbern manches Kaufladens, wobei wir namentlich in Pelzwaren wunderbare Dinge sahen, kehrten wir schon am frühen Abend auf unser Schiff zurück, nachdem wir unser Programm für den folgenden Tag festgesetzt hatten. Einer freundlichen Aufforderung unseres Landsmannes folgend verabredeten wir, uns vormittags 11 Uhr an der Landungsstelle der Dampfbarkassen zu treffen und per Wagen nach Yttre-Arne, seinem Wohnort, zu fahren.
Unterdessen kehrten auch allmählich unsere Mitpassagiere auf der „Auguste Viktoria“, welche von Stahlheim über Vossevangen, d. h. auf dem Landwege Bergen erreicht hatten, an Bord zurück, und abends waren wir wieder vollzählig an der Tafel, unsere lieben Holsteiner und das botanische Ehepaar voll Entzücken über die Reize ihrer Überlandpartie. Die Menschen, die man vor drei Wochen noch scheu und fremd von der Seite angesehen, grüßte man jetzt nach vierundzwanzigstündiger Trennung bereits als alte Bekannte, und man empfand schon hier und noch mehr zwei Tage später bei dem definitiven Abschiede, daßdie Erinnerung an das gemeinschaftlich erlebte Schöne und Erhabene ein Band fürs Leben bleiben wird.
Bei der Abendtafel spielte unsere Kapelle u. a. des deutschen Kaisers „Gesang an Aegir“, und gleichzeitig wurden elegant (an Bord) gedruckte Karten verteilt mit dem Wortlaute des Einladungstelegramms von WilhelmII.und einer eben als Antwort auf eine Dankesadresse eingegangenen in Drontheim aufgegebenen Depesche folgenden Inhalts:
„Es ist mir eine Freude gewesen, den Passagieren die Besichtigung des „Hohenzollern“ gewähren zu können, und bitte denselben meinen Dank für das freundliche Telegramm auszusprechen. Ich wünsche der „Auguste Viktoria“ glückliche Fahrt und Heimkehr.Wilhelm.I. R.“
„Es ist mir eine Freude gewesen, den Passagieren die Besichtigung des „Hohenzollern“ gewähren zu können, und bitte denselben meinen Dank für das freundliche Telegramm auszusprechen. Ich wünsche der „Auguste Viktoria“ glückliche Fahrt und Heimkehr.
Wilhelm.I. R.“
Das „schwache Geschlecht“ wurde neuerdings mit einer Gabe der galanten Hapag erfreut; jede Dame erhielt in elegantem Etui mit dem aufgedruckten Bilde von der „Auguste Viktoria“ und ihrem wackern Kapitän eine Kollektion feiner Chokoladebonbons und außerdem die ganze Sammlung der während unserer Fahrt verwendeten, künstlerisch ausgestatteten Menus.
Die späten Abendstunden waren zauberhaft schön; in herrlicher Beleuchtung der sinkenden Sonne kreisten malerische Segler und Boote aller Arten um unser Schiff; aus manchen ertönten, von hellen Stimmen gesungen, nordische Weisen an unser Ohr; von andern schallten fröhliches Lachen und freundliche Grüße herauf, und erst spät in der Nacht mochte man sich von dem schönen Schauspiel trennen.
Am andern Morgen besuchten wir in aller Frühe denFischmarkt, der höchst interessant ist. Was da für merkwürdige Gebilde des Meeres in den mächtigen Verkaufseimern herumzappeln! Aber die gutmütigsten norwegischen Gesichter haben sich bei diesem Verkaufsgeschäfte eine gewohnheitsgemäße Grausamkeit angeeignet, die auch einem nicht sentimentalen Ungewohnten peinlich auffällt. Was der Käufer oder vielleicht eine sonst zart besaitete junge Bergerin sich an lebender Ware auswählt, das wird — während harmlosen Geplauders — mit einigen Messerhieben bewegungs- und fluchtunfähig gemacht, um wo möglich noch lebend im Korb in die Küche zu kommen. Unter den lebenden Fischen fielen uns besonders ganz intensiv blaugefärbte von forellenähnlichem Bau auf. Manche Fische sind so groß, daß sie kilo- und zehnkiloweise mit breitem Haumesser auf der Fleischbank ausgewogen werden.
Den übrigen Teil des Vormittags verwendete ich dazu, ein Stück menschlichen Elendes zu sehen. Im Südosten der Stadt liegt, mit elektrischem Tram bequem erreichbar, zwischen der Hauptstraße und dem großen Lungegaardssee, durch einen schattigen Garten an den letztern grenzend, das Spital für Aussätzige. Der Aussatz — diese schreckliche, schon Moses bekannte Krankheit — kommt in Norwegen noch relativ häufig vor, ist aber glücklicherweise doch in stetem Abnehmen begriffen. 1870 zählte man daselbst (auf nicht ganz zwei Millionen Einwohner) noch 2526 Lepröse (lepra= Aussatz), 1880: 1795, 1890: 954, und jetzt beträgt die Zahl der Beklagenswerten nur noch 5-600. Strenge sanitätspolizeiliche Maßregeln und vor allem das Heiratsverbot für Aussätzige tragen wohl das Wesentliche zu der Verminderungdieser schrecklichen Krankheit bei. Wo Mittel und Verhältnisse eine Isolierung des Kranken nicht gestatten, muss derselbe in das Lepraspital gebracht und zeitlebens dort versorgt werden, sofern eine vorübergehende Besserung, resp. ein Stillstand des Leidens nicht eine temporäre Entlassung gestattet. Das von mir besuchte Haus ist ein älteres geräumiges Holzgebäude, das allerdings kaum den jetzigen Anforderungen an ein Hospital entspricht. Obschon die Zimmer groß sind, war die Luft oft entsetzlich verpestet und manchen Anforderungen an Reinlichkeit und gesundheitliche Vorkehren nicht Genüge gethan. Die Krankheitsbilder, die man hier sieht, sind zum Teil entsetzliche; ich will die Leser mit Schilderungen verschonen. Aber auch junge, frische, kräftige Leute saßen da, an welchen die ersten Spuren des Verderbens kaum in Form einiger blaßroter Knötchen zu erkennen waren. Vertreten sind unter den zirka 250 Kranken alle Altersstufen, vom 10jährigen Kinde bis zur 84jährigen Greisin, letztere seit 60 Jahren krank und in der Anstalt. Entsetzlich ist folgende Familientragödie: Ein Mann, aus gesunder Familie war kurze Zeit mit einer Frau verheiratet, bei welcher sich Spuren der Lepra zeigten. Sie starb. In zweiter Ehe heiratete er eine ganz gesunde Bauerntochter. Während er selbst gesund blieb, erkrankte seine zweite Frau und sämtliche vier Kinder, die sie ihm gebar, an der schrecklichen Krankheit. Drei davon sah ich beisammen in der Anstalt, zwei bereits mit Knötchenbildung im Auge, was mit mathematischer Sicherheit allmähliche Erblindung bedeutet. — Chef des Lepra-Hauses ist der berühmteDr.Armauer Hansen, der 1881 den Leprabacillus entdeckte,leider bisher ohne Erfolg für die Bekämpfung der Seuche.
Gerne entfloh ich dem Hause des menschlichen Elends, immerhin die Überzeugung mit mir nehmend, daß dort das Schicksal der Armen so erträglich als möglich gestaltet ist. Sie schienen sogar zum größern Teil ganz sorglos und getrost zu sein; aber die Erinnerung an einige besonders Elende mit leeren Augenhöhlen, zum Teil abgefallenen Fingern und Zehen und geschwärig verengter Stimmritze, so daß sie nur durch von außen in die Luftröhre geschnittene Kanüle atmen können, geht mir doch heute noch nach.
Neben dem Lepraspital liegt ein großer Friedhof; dort harrten meiner neben dem Grabe Ole Bulls meine Gefährtinnen, und — unter dem Eindrucke meiner Erzählungen etwas weniger froh, als wir gekommen, — kehrten wir nochmals auf unser Schiff zurück, um uns für den freundlicheren Teil des Tages, die Fahrt nach Yttre-Arne, bereit zu machen.
Da stund er ja schon, unser Landsmann, und hielt einen bequemen Zweispänner für uns in Bereitschaft, und vorwärts ging’s quer durch die Stadt und dann durch die ganze Länge der nördlichen Vorstadt Sandviken. Von dort an steigt die schöne Straße in ungeheuren Windungen steil am Felsengebirge in die Höhe und läßt bald die neue Bergensche Irrenanstalt unmittelbar links liegen. Während wir den erhabenen Ausblick auf die zu Füßen liegende Stadt und das Meer genossen, tönte das Schreien Wahnsinniger an unser Ohr, und von oben herab sah man die verschiedenartigsten Formen Geisteskrankerin den ummauerten Gärten umherschleichen oder — toben.
Endlich waren wir, entfernt von allem menschlichen Elend, auf der Höhe des Berges; nochmals grüßte der Blick das wunderbare Panorama; dann führte die Straße auf einem öden, steinigen und wenig bewachsenen Hochplateau vorwärts, vorbei an einigen kleinen Bergseen, zu Füßen steil aufsteigender Gebirgsstöcke. Oft unterbrechen Nadelholzgruppen oder glühend rote Ericafelder die monotone Felsenlandschaft; hie und da sprießen auch spärliche Weiden und dann zeigen sich menschliche Wohnstätten in der Nähe; an den meisten Stellen war das niedrige Berggras abgeschnitten und an den früher beschriebenen Holzhecken zum Dörren aufgehängt, was bei dem häufigen Regen nach Aussage unseres Begleiters oft 2-3 Wochen in Anspruch nimmt.
In zwei Stunden sollten wir am Bestimmungsorte sein; aber schon waren fast drei Stunden vorüber und das Ziel noch nicht sichtbar. Das versetzte uns in eine äußerst unbehagliche Stimmung; wirmußtenja spätestens halb 7 Uhr wieder in Bergen sein, um die Abfahrt unseres Schiffes nicht zu verfehlen, und wenn wir uns vergegenwärtigten, daß wir — vielleicht durch irgend ein Mißgeschick mit unserm Vehikel — den Zeitpunkt nicht innehalten könnten, so lief’s uns ganz heiß über den Rücken. Das wäre gleichbedeutend gewesen mit achttägiger Verspätung, ganz abgesehen davon, daß wir ja alles zum Dasein Nötige in unseren Kabinen liegen hatten. Aber endlich senkte sich die Straße, vorbei an einem See, dem Wasserreservoir für die Baumwollfabrikenunseres Landsmannes, hinunter zu einem dunkelblauen Fjord, und kurze Zeit darauf führte uns der liebenswürdige Gastfreund in sein behagliches Heim, eine ganz heimelig unter Bäumen gelegene Holzvilla. Erfreut sprangen uns entgegen die Kinder des Hauses, drei fröhliche Jungen, die mit norwegischen Knixen uns begrüßten, und der prächtige, treue Haushund Nero, der vor Vergnügen über die Rückkehr seines Herrn die ausgelassensten Sprünge machte.
In dem geräumigen Wohnzimmer wartete unser eine behaglich gedeckte und blumengeschmückte Tafel; von den Wänden und Ecken grüßten lauter heimatliche Erinnerungen, an dem Ehrenplatze das Pfarrhaus in Güttingen und die einstigen Insassen; auf dem Rauchtische lag neben Pfeife und Aschenbecher die „Thurgauer Zeitung“. So waren wir denn daheim, und nach dem Essen setzte man sich plaudernd zum Kaffee auf die anstoßende Veranda, welche ganz direkt über dem Wasserspiegel des Fjords liegt und zwischen dem Grün der Gartenbäume einen Ausblick voll wohlthuender Ruhe und Stille gewährt.
Kleine Geschenke, welche wir den drei braven Jungen von Verwandten aus der Schweiz zu überbringen hatten, wurden von denselben mit rascher Beugung des Kopfes und freundlichem Mange tak (Vielen Dank) entgegengenommen. Nachher ging’s unter der Führung von Vater und Söhnen (die Mama war leider abwesend) in jeden Winkel von Haus und Garten, in dem uns unter anderm mit Stolz ein früchtetragender Kirschbaum gezeigt wurde.
Yttre-Arne existierte vor 40 Jahren noch gar nicht. Damals kam der Schwiegervater unsers Landsmannesaus Schleswig-Holstein ins Land und fing an, eine vorhandene Wasserkraft durch Erstellung einer kleinen Baumwollspinnerei auszunützen. Und heute ist der Platz eine stattliche Kolonie: verschiedene Fabrikgebäude, zahlreiche Arbeiterhäuser, Villen, Kirche, Schulhaus; das Ganze macht vom Fjord aus den Eindruck einer kleinen Stadt, und alles hat die Energie eines einzigen Mannes aus dem Boden gezaubert. Die Fabrikarbeiter verdienen hier bei 61 Wochenstunden 3 bis 4 Franken per Tag und haben recht nette Wohnungen mit kleinem Grundbesitz.
Zu diesem wohlthuenden Bilde stimmt die einfache und schlichte Lebensführung der Besitzer des Ganzen, zu welchen auch unser Gastfreund gehört. Außer Arbeit und Naturgenüssen ist in Yttre-Arne nichts zu wollen, die freien Stunden und Tage durchstreift der Vater mit seinen Buben Berg und Busch, im Winter auf Skis, skandinavischen Schneeschuhen, oder sie rudern und fischen auf dem Wasser des Fjords.
Rascher als uns lieb war, mußten wir von dem freundlichen Platze Abschied nehmen. Vater, Söhne und Nero begleiteten uns die steile Bergstraße hinauf. Im Weggehen kreuzten wir eine norwegische Hochzeit, die sich in langem Zuge von der Kirche zu einem der Arbeiterhäuser verfügte — voraus einer, der die Handharmonika mit Gefühl spielte; dann Bräutigam und Braut, der erstere trotz des sonnigen Wetters mit gewaltigem Regenschirm bewaffnet, hernach die Gäste — alt und jung bunt durcheinander.
Oben am Berge holten wir unsern vorausgeschickten Wagen ein; nicht ohne gegenseitige Rührung nahmen wirAbschied von dem Stück Thurgau in Skandinavien, und lange noch sah uns der biedere Landsmann nach, als wir mit dem letzten „Mange tak“ dem Ufer eines kleinen Bergsees folgend davonrollten.
Trotz der schönen Rückfahrt — in welche wir ab und zu, die Straßenwindungen abkürzend, kleine Spaziergänge über buntbewachsenes Geröll einschalteten — empfanden wir doch ein Gefühl der Erleichterung, als wir die Häuser Bergens wieder zu unsern Füßen liegen sahen. Es war ein Genuß — angesichts des herrlichen Panoramas, welches den Blick bis ins offene Meer gleiten ließ — thalwärts zu fahren, und fast zu rasch hatte unser Wagen das holperige Pflaster der Stadt erreicht und ließ uns beim Postgebäude aussteigen. Noch blieb uns eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes, gerade genug, um in einigen Kaufläden unsere Geldbeutel um verschiedene Kronen zu erleichtern; überall trafen wir ähnlich Beflissene der „Auguste Viktoria“, denn Bergen war ja der letzte Platz, der die Gelegenheit zur Erwerbung norwegischer Spezialitäten bot, und allerlei, das im Norden um ½ Krone zu teuer erschienen war, wurde hier gierig um den doppelten Preis zusammengekauft.
Die letzte Barkassenfahrt nach unserem Schiffe war fast lebensgefährlich, so wimmelte es von Gehörnten, d. h. Passagieren, welche erstandene Rentier- und Elchgeweihe bei sich trugen und aus Platzersparnis hoch in die Luft hielten.
Dekor
Abfahrt von Bergen. — Abschied der Lotsen. — Letzter Tag zur See. — Brahmskultus mit Schwierigkeiten. — Zollrevision in der Elbe. — Abschied von der „Auguste Viktoria“. — Zum letzten Male die norwegische Nationalhymne. — Heimkehr.
Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen wird allen Beteiligten in unauslöschlicher Erinnerung bleiben. Unser Schiff war umschwärmt von Booten aller Art. An der Küste stunden Hunderte und winkten. Aus der Festung grüßte es mit Kanonendonner, und als sich die „Auguste Viktoria“ unter den Klängen der norwegischen Nationalhymne in Bewegung setzte, da begann ein Tücherwehen und Abschiedsrufen von allen Seiten. Herrlich ging die Sonne unter und vergoldete mit breitem Saume Meer und Gebirge; mit dem erlöschenden Glanze des Tagesgestirnes kämpfte das silberne Licht des Vollmondes. Alle Linien, namentlich die Umrisse der felsigen Inseln, zwischen denen wir dahinglitten, erschienen in radierter Schärfe; einmal winkte von geisterhaftem Riffe herab eine jugendliche Norwegerin dem stolz vorbeisteuernden Schiffe, während sie mit der rechten Hand die Augen gegen den glänzenden Abendsonnenreflex schützte — ein überaus reizendes Schattenbild, das Konewka geschnitten haben konnte.
Und nun kam eine kleine Szene, die manche Augen feucht machte. Zur Rechten hatten wir die letzte Insel, welche gegen das offene Meer vorgeschoben ist, und beim Glanze des Vollmondes sahen wir das unendliche majestätisch vor uns ausgebreitet. Da hielt unser Schiff; ein kleines Boot näherte sich ihm, vom Wogengange gehoben und gesenkt. Die Strickleiter wurde vom Hauptdecke zur Wasserfläche heruntergelassen, und auf ihr schieden von uns die beiden prächtigen Grauköpfe, die norwegischen Lotsen, welche seit drei Wochen unser Schiff sicher durch all’ die Fährlichkeiten der nordischen Schärenwelt gelenkt hatten. Als sie in dem schwankenden kleinen Boote saßen, der eine sofort am Steuer, und ihre Hüte zum Abschiede schwenkten, da ertönte nochmals von unserer braven Schiffskapelle die Hymne des norwegischen Volkes, und ein brausendes Hurrah ging wie ein Sturmwind durch die ganze Länge des Schiffes. Alles rief, winkte und dankte, und alles war gerührt bei den Klängen des liebgewonnenen Landes und im Bewußtsein, daß wir nun — vielleicht für immer — ihm Lebewohl gesagt hatten.
Bald war das Lotsenboot unseren spähenden Blicken entschwunden, und uns empfing der Ocean, die gewaltige, wogende Wasserfläche, die uns vom europäischen Festlande trennte.
Der folgende Tag — der letzte ganze unserer Meerreise — war ein herrlicher Sonntag; ruhig und glatt die See und über ihr die strahlende Sonne an wolkenlosem Himmel. Man genoß die Ruhe in vollen Zügen, bequem auf Deck ausgestreckt, das zum Lesen mitgebrachteBuch unbenutzt auf dem Schoß oder am Boden, denn die Augen hatten anderes zu thun; sie spähten über die endlose Wasserfläche und erhaschten da und dort einen Segler oder einen rauchenden Dampfer am Horizonte; sie suchten rückwärts Norge, das herrliche Land, oder aber — geschlossen — versenkten sie sich vorwärts in den Zauber der Heimat, die wir nun bald wieder begrüßen sollten. Einige Stunden des Tages waren allerdings unruhiger Arbeit gewidmet; alles packte und räumte in den Kabinen und ordnete seine Siebensachen, denn am andern Morgen sollte bei Zeiten in der Elbe die Uebersiedlung mit Hab und Gut auf kleinere Dampfer stattfinden, um nach Hamburg befördert zu werden.
Abends war noch ein üppiges Abschiedsdiner, als Glanznummerglace illuminée. Es wurden plötzlich die elektrischen Lampen ausgelöscht und wir saßen einen Moment unter augenblicklichem Stocken der Konversation und allgemeinem Ah! im Dunkeln. Aber das Licht kam sofort in origineller Gestalt. Es stürzte herein das Heer der Stewards: jeder trug auf eleganter Servierplatte eine kristallhelle, dicke Eisscheibe, welche in einer mittleren Höhlung eine leuchtende Flamme enthielt; an den Rand der Scheibe angelehnt lag Gefrorenes in allen Farben und reflektierte außerordentlich hübsch in dem spiegelglatten Eise. Diese wandelnden bunten Lichtquellen, von welchen man sich allerorten seinen Bedarf an Glace wegschnitt, machten einen sehr originellen Effekt. Unterdessen hatte sich ein mächtiges Gewitter zusammengezogen; eine drohende schwarze Wand war schon längst gegen Süden aufgetürmt und grelle Blitze zuckten darin, deren Donnernerst nach Minuten zu uns gelangte. (In Hamburg und Berlin hatte das Unwetter, wie wir hernach erfuhren, übel gehaust.) Immer näher kam die großartige Naturerscheinung und unsere Masten wurden schleunigst mit ins Meer tauchenden Blitzableitern versehen.
Bei dieser Gelegenheit bot die tintenschwarze Flut den Anblick des Meerleuchtens, wenn auch lange nicht in der Intensität, wie ich es von tropischen Gewässern her in Erinnerung hatte.
Auf 9 Uhr war ein Dankgottesdienst im großen Speisesaal angesagt. Als Prediger funktionierte der amerikanische Krösus; die Sache war gut gemeint, aber fürchterlich lang, und statt der Befriedigung eines innern Verlangens, der Dankbarkeit für die so genußreich und ohne Unfall zurückgelegte Fahrt irgendwie und -wo Ausdruck verliehen zu sehen, empfand ich schließlich — wahrscheinlich ein schlimmes Selbstzeugnis — entsetzliche Langeweile und ärgerte mich über jede Minute, die ich länger unter Deck sein mußte, während ja draußen Gott in der Natur zu uns sprach. Aber nicht wahr, Frau Landrat, Ihnen ging’s auch so?
Schließlich ergriff, von Herrn Wanamaker, der natürlich englisch resp. angloamerikanisch gesprochen hatte, eingeladen, noch ein Deutscher oder Deutschamerikaner das Wort und schilderte sehr beredt, was für ein ausgezeichneter Mann der Herr Vorredner sei und wie ihm die ganze Gesellschaft für die Veranstaltung des heutigen Dankopfers zu Dank verpflichtet bleibe. Und damit schloß der „Dankgottesdienst“, wofür denn endlich auch noch ich von Herzen dankbar sein konnte.
Das Finale des heutigen Tages bildete ein Kunstgenuß im Musiksalon, eine kleine Brahmsfeier. Wir hatten nämlich in letzter Stunde eine eminente Klavierspielerin entdeckt in der Persönlichkeit einer jugendlichen Berlinerin. Die schwärmte für Bach, Schumann und Brahms — aber siekanntesie auch, ihre Angebeteten, und ich war im höchsten Grade überrascht, als ich tags zuvor als unbemerkter Zuhörer Zeuge sein konnte nicht nur einer hervorragenden Technik, sondern einer vollendet künstlerischen Auffassung und eines phänomenalen musikalischen Gedächtnisses, über welche die aus dem Vollen spendende junge Dame verfügte. Heute Abend wollte sie uns Brahms spielen, so hatte sie freundlich und ohne sich lange bitten zu lassen versprochen. Aber dazu brauchte es die Weihe eines stillen Ortes und einer kleinen andächtigen Zuhörerschaft. Wir pilgerten so gegen 11 Uhr zum Konversationssalon, wo der Steinwegflügel stand und wo’s in jenem Momente leer und ruhig schien. Aber die Eintretenden empfing ein Herr, der wohl nur auf Zuhörerschaft gewartet hatte, mit gräßlichem Klaviergehack: halb Straußwalzer, halb Volkslied, halb freie Phantasie, dazu immer den unrichtigen Baß, als ob rechte und linke Hand auf Kriegsfuß mit einander lebten. Nachdem wir einige Minuten so gelitten, lenkte der freie Vortrag, der sich eben noch im Gewühle einer Schlacht oder auf einer unmusikalischen Bauernhochzeit bewegt haben mochte und dem plötzlich der Atem ausgegangen, ganz genial unvermittelt ein inla prière d’une vierge; aber nachdem daseinmalund unter ständiger Zuhülfenahme des Pedals heruntergezittert war und nochmals an die Reihe kommensollte, da schwand unsere Kraft und Selbstverleugnung, und ich erklärte demOrlando furiosodie Situation, in der Meinung, auch ihm damit einen Dienst zu erweisen. Die Voraussetzung war falsch. Der gute Mann war tödlich beleidigt, entfernte sich mit Ostentation und erschien sehr bald wieder als Störefried in unserer kleinen Brahmsgemeinde, und als ich, dem Wunsche der um Ruhe bittenden Künstlerin folgend, mich als Hindernis vor die geschlossene Thüre setzte, da ging der Wütende und wiegelte das Volk auf, und nun kamen sie in Scharen und verlangten stürmisch freie Passage, wobei ich, von Blicken durchbohrt, ruhig sitzen blieb. So wäre es beinahe zu einem zweiten kleinen Schwabenkrieg gekommen; aber schließlich gab einer nach, diesmal ich, und zwar wieder auf Wunsch der Spielenden, und als das Flugloch wieder offen stand, war unterdessen dem Paar wilder Vögel das Fliegen verleidet, und wir konnten nach und nach in Ruhe unsern Brahms genießen, bis der vernünftige Papa kam und sagte: „Liebes Kind, jetzt mußt du aber zu Bette; sonst schläfst du mir vor lauter Brahms wieder die ganze Nacht nicht.“
Thatsächlich konnten auch wir Zuhörer lange nicht einschlafen; denn das vergeistigte Spiel der schwärmerischen Künstlerin, die ihr Bestes gegeben, hatte uns in ganzer Seele bewegt und uns ein paar neue Einblicke in die Tiefe der Brahmsschen Kunst geöffnet.
Es schien kaum der Mühe wert, das ärgerliche Intermezzo dieser weihevollen Stunde hier überhaupt zu erzählen; aber ich wollte mich dadurch rechtfertigen gegenüber einigen sonst sehr anständigen Mitpassagieren, welche damals, falsch unterrichtet, vor dem geschlossenen Musikthorauch über den „arroganten Schweizer“ mittobten, ohne zu wissen, daß die Arroganz in diesem Falle eine selbstverständliche höfliche Rücksicht war.
Vor Mitternacht passierten wir Helgoland, dessen Leuchtturm und Strandlichter weithin glänzten und lange sichtbar blieben, und einige Stunden später fuhr unser Schiff — mondbestrahlt — in die Elbemündung, um am ehemaligen Ausgangspunkte, bei Brunshausen, sich vor Anker zu legen. Da schlief denn wohl ausnahmsweise einmal alles an Bord, vom Kapitän bis zum Heizer, einige Stunden.
Am andern Morgen steckten wir in dichtem Nebel und vernahmen die tröstliche Kunde, daß bei solchem Wetter an ein Ausbooten nicht zu denken sei. Ein Steward erzählte mir als Aufmunterung, wie die „Auguste Viktoria“ von Amerika zurückkehrend einst fast dreimal 24 Stunden vor der Elbemündung im Nebel liegen mußte, eine rechte Geduldsprobe für die sich nach dem nahen Festlande sehnenden überseeischen Passagiere. Aber gegen 9 Uhr wurde das Nebelmeer dünner und durchsichtiger; schon erschienen die Häuser Brunshausens am Strande in geisterhaften Formen und Umrissen, und endlich wurde die liebe Sonne gänzlich Meister und die Elbufer glänzten weithin bis gegen Hamburg in vollkommener Klarheit. Da sahen wir denn auch die „Blankenese“ und einen Frachtdampfer auf uns zusteuern, welche Menschen und Legionen von Koffern nach Hamburg schaffen sollten.
Unterdessen aber entwickelte sich an Bord der „Auguste Viktoria“ ein interessantes Leben und Treiben. Was an Kisten und Koffern und Taschen den Passagieren gehörte,wurde von den Stewards aufs Hauptdeck geschleppt, um von der unterdessen eingetroffenen Zollbehörde revidiert zu werden. Mächtige Gepäckstücke waren schließlich dort der ganzen Schiffslänge nach auf beiden Bordseiten aufgetürmt, und die endlose Barrikade krönten Dutzende von Geweihen und andere unbequeme Naturalien, während man sich die kleinern norwegischen Sachen längst durch den Schiffsschreiner in solide Holzkisten hatte zusammenpacken lassen. Da hielt denn jeder Wacht bei seiner Bagage; kaum blieb ein schmaler Gang des Hauptdeckes frei, durch welchen man mit einigen Hindernissen passieren konnte, und doch wurden immer noch neue Koffer und Dinge von ganz unheimlichen Dimensionen heraufgeschafft und — teilweise über unsern bedrängten Köpfen — weiter befördert. Diese Situation, die etwa eine Stunde, d. h. bis zur Erledigung der Zollrevision, dauerte, zeitigte eine ganz besondere Art von Humor, und unter fast unausgesetztem und rasch sich ausbreitendem Gelächter fügte man sich in die komischen Unzulänglichkeiten derselben.
Eben wird ein Tisch für den Sekretär der Zollbehörde mit Mühe und die Ecken in drohender Nachbarschaft unserer vorsichtig zurückgelegten Häupter vorbeigetragen. „Jetzt fehlt nur noch eine Nähmaschine und ein Fortepiano“ meint unser Nachbar. „Bitte genieren Sie sich gar nicht“ sagt ein dicker, zwischen Gepäckstücken eingezwängter Herr, vor dessen Nase sie eben eine Riesenkiste vorbeischieben, während die Träger seine Hühneraugen als Unterlagen benutzen. „Habe soeben die Front abgeritten“, meldet ein jovialer Bayer, welcher sich mit den Ellbogen und einer sehr ungenierten Schnauze an derKoffer-Allee vorbeigedrückt und bis zu unserem Standorte durchgearbeitet hatte.
Was zollrevidiert war, wurde sofort auf den Frachtdampfer geschafft, während die Besitzer sich auf der „Blankenese“ einen guten Platz suchten. Endlich kam die Reihe auch an uns. Am meisten Verzögerung veranlaßte die Wienerin mit den 32 (oder waren es 22?) Hüten, welche 17, wohlgezählt siebzehn mächtige Koffer und Körbe an Bord hatte und so der Schreck der ganzen Schiffsmannschaft geworden war, daß ihr Verlangen, mit der „Auguste Viktoria“ nach Amerika zu fahren, von der zuständigen Verwaltung rundweg abgewiesen wurde.
Als der letzte Passagier das herrliche Schiff verlassen, da fiel die Brücke zwischen ihm und der kleinen „Blankenese“, und nun ging’s ans Abschiednehmen von dem stolzen schwimmenden Gebäude, das uns während 22 Tagen Heimat in schönen fremden Landen und Meeren gewesen war. Buntbewimpelt grüßte es seine scheidenden Insassen; Stewards und Matrosen standen in langen Reihen und winkten. Auf dem Hauptdeck waren die Schiffsoffiziere plaziert, und was zum Schiffe gehörte, stimmte mit ein in das dreifache Hoch, das der erste Offizier zu Ehren der Reisegesellschaft ausbrachte. Oben auf dem Promenadendeck aber harrte, ebenfalls Abschied winkend, die wackere Schiffskapelle des Taktstockzeichens ihres Dirigenten; jetzt erhebt er den Arm und senkt ihn rasch, und nochmals — zum letztenmal — erklingt die uns so lieb gewordene norwegische Nationalhymne („Ja, wir lieben dieses Land“), und die Wirkung, welche dieser letzte Gruß Norges in unseren Seelen erzeugte, brachte es uns zumBewußtsein, daß auchwirdieses Land lieben gelernt haben.
Langsam umkreiste die Blankenese den ruhig daliegenden Riesen; aller Blicke blieben unverwandt auf ihn gerichtet und suchten nochmals die Plätze, auf welchen man gewöhnlich geweilt und von denen aus man so viel Schönes hatte sehen dürfen.
Dann aber ging’s elbaufwärts Hamburg zu. Unterwegs verabschiedete man sich von seinen Schiffsbekannten, ein Abschied ohne Thränen und Seufzer zwar, aber von den lieben Holsteinern, unsern Tafelgenossen, doch mit dem Gefühle aufrichtigen Bedauerns.
Bald nachher saßen wir in Hamburg an aussichtsreichem Fenster unseres Gasthofes und schwelgten — den Blick halb verloren auf das bewegte Straßenleben gerichtet — in der Erinnerung an die schönen Reisetage. Plötzlich warf sich meine Schwester fast aus dem Fenster und wir folgten nach. Was war’s? Eine amerikanische Familie, welche zu den Passagieren der „Auguste Viktoria“ gehört, mit welcher wir aber nie ein Wort gewechselt und die wir nicht einmal dem Namen nach kannten, fuhr vorbei, und wir begrüßten uns mit so intimem Gebärdenspiel, als ob vertraute Freunde nach jahrelanger Trennung sich unerwartet wieder getroffen hätten.
Dieses Schauspiel wiederholte sich noch verschiedene mal, denn die Stadt Hamburg wimmelte an jenem Tage von Auguste Viktoria-Leuten, und wir erfuhren, daß in der That gemeinschaftlich verlebte Reisewunderein Kitt sind, der die heterogensten Menschen sich näher bringen und etwas zusammenhalten kann.
Von Hamburg ging’s über Berlin, Dresden, Karlsbad, München nach Hause und mit Lust wieder an die Arbeit. Daheim wurde mit aller Sorgfalt die in Spitzbergen erbeutete Flora in den Garten versetzt und seither tagtäglich begossen und behütet, so daß sie nun — zaghaft zwar, doch hoffnungserweckend — zu grünen beginnt. An anderer Stelle aber — im Herzen — grünen und blühen die von unserer Nordlandsfahrt mitgenommenen Erinnerungen, und die haben lebenskräftige Wurzeln gefaßt.
Dekor
[1]Aumühle — idyllischer Platz bei Frauenfeld.[2]Oratorien-Gesangverein Frauenfeld — eine ausschließlich der Pflege ernster Musik lebende Vereinigung.[3]Thurgauer Rotwein.[4]Frauenfelder Geschäftsfirma.[5]Oratorien-Gesang-Verein Frauenfeld, dessen Präsident der Verfasser ist.[6]Die Schreibart Rentier — mit einemn— ist die einzig richtige; der Name stammt nicht etwa von rennen, sondern von reen, d. h. rein, also eigentlichReintier.
[1]Aumühle — idyllischer Platz bei Frauenfeld.
[1]Aumühle — idyllischer Platz bei Frauenfeld.
[2]Oratorien-Gesangverein Frauenfeld — eine ausschließlich der Pflege ernster Musik lebende Vereinigung.
[2]Oratorien-Gesangverein Frauenfeld — eine ausschließlich der Pflege ernster Musik lebende Vereinigung.
[3]Thurgauer Rotwein.
[3]Thurgauer Rotwein.
[4]Frauenfelder Geschäftsfirma.
[4]Frauenfelder Geschäftsfirma.
[5]Oratorien-Gesang-Verein Frauenfeld, dessen Präsident der Verfasser ist.
[5]Oratorien-Gesang-Verein Frauenfeld, dessen Präsident der Verfasser ist.
[6]Die Schreibart Rentier — mit einemn— ist die einzig richtige; der Name stammt nicht etwa von rennen, sondern von reen, d. h. rein, also eigentlichReintier.
[6]Die Schreibart Rentier — mit einemn— ist die einzig richtige; der Name stammt nicht etwa von rennen, sondern von reen, d. h. rein, also eigentlichReintier.
Von demselben Verfasser ist im Verlage vonJ. Huber in Frauenfeldferner erschienen und liegt bereits infünfter Auflagevor:
Briefe aus dem fernen Osten.Hübsch gebunden Preis 5 Fr.
Ebenfalls die Buchausgabe in der „Thurgauer Zeitung“ erschienener Briefe, diesmal von einer Reise nach Hinter-Indien, China und Japan und, wie das vorliegende Buch, zerfallend in die Abschnitte „Unterwegs“ und „Daheim.“
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.