Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von Aschenbrödel kenne.
»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« – »Das läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl wunderschön?« – »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen wollen.«
»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter.
»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es die Schönste sein.«
»Sie lieben also das Schöne sehr?«
»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.«
»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet, oder componiren oder dergleichen.«
»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben, aber sehr wenig leisten.« – »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein, weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den tadellosen Zügen prächtig werden. – Sieh' Schwesterchen, so habe ich schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen Lebens aus Berlin erhalten habe.
Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie öfter besuchen. Lebe wohl!
Dein Bruder Justus.
Du bist erstaunt über meine Brauchbarkeit nach so vielen Seiten hin – liebes Kind; Du weißt so viel wie nichts davon, Du wirst noch ganz andere Begriffe von mir bekommen, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Aber ich übereile mich nicht damit, es wird ganzen passantkommen, ich werde den Faden des Berichtes da wieder aufnehmen, wo er abgerissen wurde. – Nach dem denkwürdigen 15. October beschloß ich sehr fleißig zu arbeiten, weil mein Bewußtsein etwas unzufrieden geworden war. So vollendete ich denn das Bild der Gräfin zunächst und begann mit Eifer die Restauration der alten Familienportraits im Ahnensaale. Der Graf besuchte mich oft bei meiner Arbeit, sah mit Theilnahme zu und sprach manch gutes, anregendes Wort. Er ist ein ausgezeichneter Mann. Seine holde Gemahlin begleitet ihn zuweilen und das Kind kommt am oftesten, bringt mir zuweilen schönes Obst oder ein Paar Blumen, die es auf dem Walle für mich gepflückt hat, oder fühlt den Trieb, mir irgend eine wundersame Historie mitzutheilen, die Mama erzählt, oder es selbst in einem bilderreichen Elberfelder Büchlein gelesen hat. Dann thut es oft die seltsamsten Fragen, so auch einst, ob ich Joseph oder Timotheus lieber leiden möchte. Sie ihrerseits war geneigt, dem Jünger den Vorzug zu geben, obgleich Joseph auch sehr liebenswürdig und großmüthig gewesen sei, aber zweierlei fand sie nicht schön von ihm, erstens: daß er die stolzen Träume erzählt hatte, und zweitens: daß er bei der ersten Rückkehr der Brüder aus Aegypten seinem Vater keinen Trost gesendet hatte, »und er trug doch Leid um ihn!« sagte sie höchst mitleidig. Dann zeigte sie mir ein kleines Bild, wo Timotheus als Knabe zu den Füßen einer alten Frau saß und in der Bibel las. Die Mutter stand daneben und weidete sich an dem Anblicke. »Ist er nicht sehr nett?« fragte sie, »sieh nur, wie sie ihn lieb haben, der war schon von klein an ein Jünger Gottes, und nachher liebte er den Heiland so sehr, und dann war er des Apostels Paulus lieber Sohn; ich glaube, er ist noch besser als Joseph, aber Joseph ist auch sehr gut.«
»Joseph war aber ein Jude,« wendete ich ein. »Das schadet nichts,« sagte sie, »er konnte ja damals nichts Besseres sein; weißt Du nicht, die Juden waren ja auch Gottes Kinder.«
»Aber jetzt sind sie es wohl nicht mehr?« fragte ich.
Sie sah mich groß an und sagte: »Alle Menschen gehören ja dem lieben Gott, die armen Heiden ja auch, und der liebe Gott will alle, alle Menschen in seinen schönen Himmel bringen, in sein großes, großes Reich, denk mal, wie viel Menschen da zusammenkommen werden; ob ich Dich wohl wiederfinde?« –
»Der liebe Gott wird's wohl so einrichten,« gab ich ihr zur Antwort. – »Das ist wunderschön,« rief sie freudig, »ich mag Dich auch sehr gern leiden.« – Ich küßte sie für diese wohlthuende Erklärung und nahm sie auf meine Knie, um meine Mappe mit ihr zu durchblättern: viele von den Bildern machten ihr große Freude und mir ihr Geplauder noch mehr.
Zuweilen trat ich auch Mittwochs in den Betsaal, wo der Kaplan einen Vortrag hält und viel gesungen und gebetet wird; diese Versammlungen werden auch von Mehreren aus der Stadt besucht, namentlich habe ich Julchen und Cäcilie fast jedesmal dort bemerkt, wenn ich einsah, auch Frau Bernwacht und Therese zuweilen, Ida sehr selten. Ich blieb nicht immer die ganze Zeit über da, gewöhnlich während der Rede, oder ich kam gegen das Ende und wagte mich dann nicht über die Thür hinaus. Das lange Singen ermüdet mich bald, und die Begleitung ist auch nur sehr mittelmäßig, auf einem alten Klaviere, welches wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine langjährigen Dienste an dieser Stätte noch in Activität bleibt. Vorigen Mittwoch war man nun in Verlegenheit, wer das Amt des Organisten in der Eile übernehmen sollte, der alte Kantor aus der Stadt, ein freundlicher Greis, der es bis dahin verwaltet, war unterwegs ausgeglitten und hatte sich die Hand verstaucht; die Gräfin war um ihn bemüht, schickte nach einem Arzte und bedauerte, daß ihr Mann verreist sei, er spiele so gut Choräle, der Sekretair spiele zwar auch Klavier, aber so viel sie wisse, nur moderne Sachen, nun es müsse auch ohne Begleitung einmal gehen, der Rentmeister sei ein zuverlässiger Sänger, der könne den Ton angeben. – Nun weißt Du, was geschah. Ja, ich spielte; ein mächtiges Choralbuch war ja da, und ich fühlte mich ganz wohl dabei; aber eigner Mensch, der ich bin, ich genirte mich nachher den Blicken Julchens und Cäciliens zu begegnen. – Da der alte Mann sich noch schonen soll, werde ich noch einige Male den Platz am Instrumente einnehmen. Die Gräfin war sehr gütig und erlaubte mir, den Flügel im Speisesaale nach Gefallen zu benutzen, werde es aber nicht oft thun, die Zeit fliegt ohnehin fast allzuschnell dahin.
Das ist Mittwochs. Freitags gehe ich mit dem Bürgermeister zu einer Parthie Schach nach dem Klubb, und Sonntags ist Leseabend bei Bernwachts, an welchem, außer Julchen, noch ein Paar junge Damen Theil nehmen, die mir gegenüber sehr schüchtern sind, und von denen ich kaum mehr als die Namen, und daß sie Cousinen Theodors, des Verlobten Theresens sind, weiß. – Die Lectüre wird durch die Mitglieder bestimmt; jede der Damen wird der Reihe nach für ein Buch sorgen, dann nach Cäcilien, als der Jüngsten, komme ich, und simulire öfter schon, was ich auswählen soll, um Alle zu befriedigen, ein solches Buch wird schwer zu finden sein; Dumas wäre etwas für Ida, Göthe für Theresen, aber ich möchte gar nicht Cäcilien den Grafen von Monte Christo oder Faust oder die Wahlverwandtschaften vorlesen hören. Neulich fragte ich sie nach ihren Lieblingsschriftstellern, da nannte sie mir mehrere Lyriker, dann Andersen, die Bremer, Nathusius, Namen, die mir zum Theil ganz unbekannt waren. Vielleicht kannst Du mir etwas vorschlagen.
So unter Arbeit und in angenehmer Gesellschaft verstreicht die Zeit sehr schnell, und die Wochen entfliehen wie Tage. Als ich kam, blühten die Rosen, jetzt wirbelt der Schnee um's Fenster und die Raben sitzen auf den nackten Bäumen, und doch ist's mir, als hätte ich vor Kurzem erst das liebe Nest nach so manchem Jahr der Abwesenheit wieder gesehen. Gestern habe ich viel von Dir gesprochen und soll Dich auch von Julchen grüßen. Ebenso wie sie, hören die Mädchen im Bernwachtschen Hause gerne von Dir; ich habe Dich vor einigen Tagen, auf Ida's Begehr, vom Kopf bis zu den Füßen schildern müssen. Zuweilen lese ich ihnen Stellen aus Deinen Briefen vor, eigentlich nicht ihnen, sondern nur Theresen und Cäcilien, die sich am meisten dafür zu interessiren scheinen. Sie wünschen Alle, Du möchtest mal kommen. Ginge es nicht? Freilich nicht vor dem Frühlinge, und wo bin ich dann? – Zwar habe ich außer meiner Arbeit hier im Schlosse noch zwei Bilder anzufertigen versprochen und ein drittes wünsche ichin doublozu malen, aber zum Frühjahr werde ich mich doch wohl reisefertig machen müssen. Wohin? – Das weiß ich noch nicht. Das Leben in den großen Städten, wo ich nirgends heimisch bin, wird mir nachher schlecht behagen, ich muß mich wohl irgendwo, auf irgend einem schönen Fleckchen der weiten Erde häuslich niederlassen. Was meinst Du dazu, erscheine ich Dir schon gereift genug zu einem Hausherrn, oder glaubst Du, daß ich meine Lehr- und Wanderjahre noch ausdehnen muß, um später mit um so sicherer Hand das Fundament zu meinem Lebensglücke zu legen? –
Im Kreise solcher Familien, wie die des Grafen und Bernwachts, steigen bei dem flatterhaftesten Menschen solide Gedanken auf; ich könnte mir mein Haus in Zukunft sehr hübsch denken, es würde im Aeußeren etwas alterthümlich mit Schnitzwerk, Erker und schwerem Messinghammer an der eichenen Hausthüre sein, es würde tiefe, weite Fensternischen und behaglich eingerichtete Zimmer haben. Unten wären Empfang- und Wirthschaftszimmer, oben die des Hausherrn und das Kabinet der Frau, das wäre ein kleines licht- und blumenreiches Gemach, mit einem Fortepiano, Bücherschrank und schönen Gemälden, wüßte ich doch jenen Christus wieder aufzuspüren! – In dem Erker würde eine Staffelei stehen können, vielleicht wäre sie der Frau nicht zuwider, und während ich malte, tauschten wir unsere Gedanken aus, oder sie läse oder spielte.
Das Bild ist verlockend, ich muß es bedecken, mich davon abwenden, vielleicht ist es ebenso unerringbar wie jener spurlos verschwundene Christus. – Doch genug, ich muß heute noch einen weiten Spaziergang machen und schließe mit einem Gruße warmer, brüderlicher Liebe.
Justus.
Liebe Schwester, ich habe eine Menge Aufträge für Dich. Du schriebst im letzten Briefe, Du würdest vor Weihnachten noch einmal nach Berlin reisen, das paßt ganz zu meinen Wünschen. Burga hat es nämlich bei ihren Eltern dahin gebracht, daß ich die Erlaubniß erhielt, den heiligen Abend des Weihnachtsfestes bei ihnen zuzubringen, und nun wollte ich Dich bitten, in Berlin passende Geschenke für die Familie auszusuchen. Ich denke, eine hübsche Schreibmappe mit schönem Papier würde Theresen nicht unwillkommen, eine Auswahl neuer Tänze oder irgend ein Putzgegenstand für Ida nicht unpassend sein. Burga und Berga müssen etwas Egales haben, oder Gemeinschaftliches, Noten zu vier Händen etwa, oder Spiele, oder eine wohleingerichtete Kochanstalt, was Du willst, Du wirst schon das Richtige treffen. Für Cäcilie etwas zu wählen, ist schon schwerer; ich habe an Scrivers Werke gedacht – ich habe in diesen Büchern gelesen, sie stehen in der mir zugänglichen Bibliothek des Grafen – aber wie könnte ich es wagen, ihr ein Erbauungsbuch zu schenken! Aber wenn Du dennoch meinst, es ginge, dann schicke sie, in recht würdigem, gediegenem Einbande. Vielleicht machten ihr auch Märchen, mit vielen Bildern im Text, Freude, es müßte aber schon etwassehr Gutessein, gehaltvoll, in der Form gelungen, und jedenfalls in einer Prachtausgabe; erkundige Dich doch, was es Bestes in der Art giebt. Auch habe ich an Schmucksachen gedacht: ein Perlenhalsband mit schönem, goldenem Schlosse würde ihr vortrefflich stehn; doch Perlen bedeuten Thränen, mein Geschenk soll weiter keine Bedeutung haben, als ein Andenken an diesen heiligen Abend, die der Thränen gewiß nicht, und so ist es auch mit einem goldenen Kreuze, welches sie vielleicht trüge, aber nein, Kreuz bedeutet Leid.
Du siehst wohl, für Cäcilien weiß ich garnichts, suche Du nur etwas aus, was für ein frommes, sinniges und schönes junges Mädchen paßt, vergiß aber nicht, mir auch all die Sachen, welche ich angedeutet habe, mit zu besorgen, es könnte doch sein, daß mir das Eine oder Andere davon noch wünschenswerth für sie erschiene. Gern malte ich ihr etwas, aber was? Sie hat so viel Schönheitssinn, so viel Kunstverstand, werde ich ihr in der kurzen Zeit, neben den mir aufgetragenen Arbeiten, noch etwas Würdiges schaffen können? Ich bezweifle es. Für die kleine Johanne habe ich ein Album machen lassen, welches ich mit Zeichnungen aus der biblischen Geschichte schmücke, ein kleines Büchlein nur. Ein Album wäre auch etwas Passendes für Cäcilie, aber ich müßte es ihr fast leer überreichen, und das möchte ich nicht. Höre, Kind, besorge doch auch eine Prachtmappe von Sammet und einfachem Golddruck, es könnte sein, daß ich unter meiner Sammlung noch so viel Gutes zusammenfände, was ich ihr, ohne lächerlich zu erscheinen, anbieten dürfte. –
Lebe wohl, liebes Kind, ich habe es sehr eilig.
Dein Bruder Justus.
Um allem Irrthum vorzubeugen, füge ich diesem Briefe ein einfaches Register derjenigen Dinge bei, welche ich für Cäcilien besorgt zu haben wünschte: 1) Scrivers Werke, 2) Märchen, 3) ein Perlenhalsband, 4) ein goldenes Kreuz, 5) eine Mappe, und 6) Verschiedenes, durch welches Dein Geschmack meiner Rathlosigkeit zu Hülfe kommen könnte.
J.
Was meinst Du, schenke ich auch den Alten etwas? Es wäre wohl nicht gut angebracht, aber Julchen muß etwas haben; sinne nach, was es sein kann. Spare ja nicht, ich lege einen Wechsel von 50 Rthl. bei, und reicht das Geld nicht, so lege nur für mich aus.
Dein Bruder.
Welche Wichtigkeit ein Bräutigam ist! Kommt so ein Mensch in's Haus, so erschallt vom First bis in's Souterrain ein Jubel: er ist da, Heil, er ist gekommen! Selbst Cäcilie, ja gerade Cäcilie läuft mir da heute Morgen entgegen, daß die schwarze Sammetschleife im Haar in ungewohnten Schwung kommt, sieht mich mit beiden Augen freudenvoll an und ruft: »Theodor ist hier!« – »So?« fragte ich ganz kühl; ich fühlte gar keine so große Veranlassung zur Freude. – »Ja, und bleibt bis acht Tage nach Neujahr, kommen Sie, ich werde Sie vorstellen,« und hin ging's zu dem Herrn Theodor, der doch auch Seinesgleichen in der Welt hat. Sonst ist er ganz nett, – er hat in der That etwas sehr Einnehmendes, und durch die Briefe seiner Braut von meiner Einbürgerung im schwiegerväterlichen Hause benachrichtigt, reichte er mir mit offener Herzlichkeit gleich die Hand zur Einleitung eines freundschaftlichen Verkehres. – Ich bin neugierig zu wissen, ob man mit mir, wenn ich einmal Bräutigam sein werde, auch so viele Umstände macht. –
Deine Sendung ist noch nicht angekommen, ich erwarte sie täglich. – Die Vorfreuden des Festes beginnen, Pfeffernüsse durchduften fast alle Häuser seit längerer Zeit, und Tannenbäume schleichen in der Dämmerung durch die Straßen, um unbemerkt in die Häuser zu schlüpfen, die Geheimnisse mehren sich.
Die Gräfin ist ganz Glück, so recht in ihrem Elemente, aber wann ist sie dies nicht? – Ohne Unterlaß gehen Boten mit Commissionszetteln nach allen Himmelsgegenden; verschiedene alte und junge sanfte Frauengesichter erscheinen geheimnißvoll mit großen Körben voller Sachen im Schlosse und ziehen sich, ihrer Bürde entledigt, mit augenscheinlicher Befriedigung wieder zurück. Sie scheinen den Frommen anzugehören, denn diese mögen alt oder jung, hübsch oder häßlich sein, ein gemeinsames Kennzeichen haben sie Alle, sie zeigen fast beständig ein heiteres Gesicht, ein ruhiges Auge, die Seufzer über das menschliche Elend sind nur vorübergehend, der liebe Herr macht alles, was uneben ist, ihnen wieder gerade. Julchen ist mir das Ideal solcher Frommen. Man möge diese Leute in Zukunft in meiner Gegenwart nicht wieder angreifen, ich werde sie entschlossen, mit dem Muthe der Ueberzeugung vertheidigen. Sehr möglich, daß es auch unter ihnen Heuchler giebt, aber wo giebt es keine? Wie viele Freigeister, die ihre Thaten ihr Gottsein beweisen lassen wollen, verbergen bedächtig viele ihrer schmutzigen Werke vor den Augen der Welt, verstecken unter Phrasen über Berechtigung, Freiheit und dergl. die an sich wohl erkannten Flecken. Hier ist es anders, und wer sich wohl fühlen, vereinfachen will, wieder in das Paradies der Kindheit zurückversetzen möchte, komme nach Burgwall, wo nichts von der verschrieenen Kopfhängerei an den Gläubigen zu merken ist, wo Hoch und Niedrig das Band Einer Liebe, Eines Glaubens verbindet. Halte mich wegen dieses Zeugnisses aber ja nicht für einen mit ihnen in Christo Verbündeten, Du würdest sehr irren. Ich möchte es wohl sein, weil ich sehe, wie innigst befriedigt sich diese Menschen fühlen, welche Geduld sie beweisen, welche Todesfreudigkeit sie haben. Auch das habe ich nicht aus Schilderungen, denn fern ist diesen Leuten Proselytenmacherei; sie brauchen nicht klüglich zu sprechen, um für sich und ihre Lehre zu werben, sie sind anziehend, das ist mehr als Jenes. – Ich hörte öfter von einem alten, sehr leidenden Manne im Bernwachtschen Hause reden, und ging eines Abends zu ihm. Möchte ich einst so heiter sterben, wie dieser Greis! – Als ich ihn fragte, ob ich ihm irgendwie dienen, ihn mit etwas erquicken könnte, deutete er auf ein Buch und einen Gesang, den ich ihm daraus vorlesen sollte; ich that es mit Schüchternheit, das kindliche Verlangen nach der frohen Ewigkeit, welches in diesem Liede lebte, war mir fremd, der Alte kannte es. Und dann wie dankbar war er. »Der Herr wird es Ihnen lohnen,« verhieß er. Einige Tage später war er bei seinem Herrn. Ich sagte es Bernwachts, als ich es gehört hatte, sie wußten es schon, und Cäcilie sagte mit freudigen Augen: »Wie schön wird er Weihnachten feiern!«
Solch ein Glaube kann da schwerlich einziehen, wo er so lange belächelt ist; ich habe ihn nicht, aber ich muß ihn ehren. –
Gestern Abend nach Tisch war ich noch im Familienzimmer, wo wir ausnahmsweise gegessen hatten, als die Gräfin ein dickes Buch hervorholte, um ein Weihnachtslied auszuwählen. Der Graf, der sich mit mir unterhielt, wurde zu Rath gezogen, und endlich ein Gesang zum Festliede ausersehen. Es gefiel auch mir besonders, und als die Gräfin Anstalt machte es abzuschreiben und viele Quartblätter schnitt, welche zeigten, daß sie es in vielen Exemplaren haben wollte, bot ich meine Hülfe an. Ein freudiger Blick lohnte mir. »Finden Sie das Lied schön?« fragte sie. – »Ja,« erwiederte ich, »es sagt mir sehr zu.«
»O, das ist auch eine Festfreude,« sagte sie herzlich, und reichte mir die Hand zum Drucke; ich küßte sie aber demuthsvoll.
»Die Wahrheit ist eine siegreiche Macht,« sprach der Graf, »und eine so selige,« fügte seine Frau hinzu.
»Aber mein Herz und mein Verstand sind sehr trotzig,« entgegnete ich, »sie wehren sich selbst dann noch, wenn sie schon die Größe des Ueberwinders ahnen und ehren.«
»Es wird Ihnen nichts helfen,« sagte der Graf, und drückte mir warm die Hand; »die Wahrheit bedarf nur geringen Raumes, um bald siegreich das Feld zu behaupten. Gott segne das Fest an Ihrem Herzen!«
»Amen!« hallte die Gräfin.
Ein Jahr zurück, nur ein halbes, und wie anders damals und jetzt! Was ich jetzt zu sein wünsche, verlachte ich damals, Glauben nenne ich, was damals Vorurtheil hieß, Aufklärung, was Befangenheit genannt wurde. Und dieser Umschwung geschah in aller Stille, und was das Traurige dabei ist, ich stehe nur draußen vor der Schwelle des Heiligthums, höre mit dem einen Ohr die Harmonie drinnen, mit dem andern das Spotten ehemaliger Genossen. Dennoch beschwere ich mich keineswegs, und wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so bin ich auf die Entwickelung dieses Seelenprozesses neugierig. Wie und wann werde ich so glückselig werden wie der Graf, oder sein Gärtner, oder Julchen, oder wird eine Reaction eintreten? Ich wünschte, jene Leute wären wirklich in der Wahrheit, und Gott hülfe mir auch dazu zu kommen. Gottes und Marien Sohn! –
Julchen sagte vor einigen Tagen zu mir: »Worin liegt denn eigentlich das Unglück, wo steckt der Knoten?«
»Ich möchte gern ein Christ sein, wie andere mir liebe Menschen, und bin es nicht im Stande.«
»Warum wollen Sie es denn sein?«
»Weil ich das Beste nicht für zu gut für mich halte, als Gottes Kind könnte ich ja auch wohl ein Christ sein.« – Sie lächelte, mußte aber wieder fragen, warum ich das Christenthum für »das Beste« hielte, und ich sagte ihr, daß ich die Wirkungen seiner Vortrefflichkeit nun hinlänglich wahrgenommen hätte, um zu diesem Schlusse zu kommen, und zweitens gedächte ich zuweilen mit einem peinvollen Gefühle an meine mögliche Verblendung, an meine Undankbarkeit, wenn Christus nämlich wirklich der wäre, den ich nicht glauben könne.
»Wenn es so steht, dann wenden Sie sich nur mit Ihrem Verlangen an Ihren Schöpfer, beten Sie nur das schönste Gebet, welches wir haben, Sie beten dann zu Ihrem Gott, und ganz im Sinne dessen, den Sie suchen, mit seinen eigenen Worten.« –
Das thue ich auch, und lasse es nun auf Ihn ankommen, lese auch fleißig in der Bibel. Zuweilen prüfe ich, da nicht zu verkennen ist, daß ich gewissermaßen mich der Kindheit wieder nähere, ob ich in meinem Urtheile über andere Dinge auch anders, etwa schwächer, geworden bin, ob mein Auswendiges gelitten hat, so fest hänge ich an Vorurtheilen! Aber lachend muß ich mir gestehen, daß ich noch alle meine Gaben gut bei einander habe, und mein der Freude so gern offenes Herz mit vielen schönen Gefühlen angefüllt ist.
Das Lied will ich Dir abschreiben, es ist von Gerhard Tersteegen und heißt:
Zuweilen drückt sich der Verfasser ein bischen wunderlich aus, aber paßt das Gedicht nicht genau auf mich und meinen gegenwärtigen Zustand? So finde ich es auch mit vielen Bibelstellen, oft finde ich Worte des Rathes in der Bibel, die mir fast wie ein Wunder vorkommen, denn vor fast zweitausend Jahren geschrieben, beantworten sie genau eine nur gedachte Frage der Gegenwart. Wenn Jesus doch noch auf Erden lebte! – Das sieht nun aus wie der fromme Seufzer eines Heiligen, während ich, weit davon entfernt, durchaus ein Kind dieser Welt bin, und den Heiligen eigentlich so ziemlich gänzlich verleugne. –
Gute Nacht, liebe Schwester; es ist bei meinem Schreiben spät geworden. Wie die Sterne draußen funkeln! Der Schnee liegt hoch, weit und breit, die Natur feiert auch auf ihre Weise. – Ich lege diesen Brief auf ein Bild, welches Du Dir längst gewünscht hast, und schicke es Dir mit den wärmsten Grüßen. Lebe wohl!
Dein Bruder Justus.
Es läutet eben zum Nachmittagsgottesdienst, die Sonne lacht heiter in's Fenster und läßt die vergoldeten Aepfel an meinem Weihnachtsbaume hell erglühen. Dein Brief, der mit all den vielen empfangenen Geschenken darunter liegt, redet mir zu zu schreiben, und – hier bin ich.
Ich bin in einer wundervoll friedereichen Stimmung. Das Leben ist kein Traum, aber ein Räthsel, ein unerschöpflicher Glückesborn, ein sinnreicher Lehrmeister, der zugleich beschämt und beseligt. Warum es mir so einzig im Kopf und Herzen klingt, kann ich nicht genau auseinandersetzen, in Summa aber ist es die Liebe, die mich jubeln und danken läßt. Liebe überall! – »Also hat Gott die Welt geliebt« – kennst Du das auch, daß irgend eine Strophe oder ein anderes Wort unablässig im Ohre klingt, daß man es gar nicht los werden kann? So geht es mir heute mit den Worten: »also hat Gott die Welt geliebt.« – Die Welt hat diese Liebe begriffen, wie entzückt sieht sie aus, wie verschwenderisch ist sie im Nachahmen jener Liebe, auch ich werde damit überschüttet, aber ich erwiedere, verlaß Dich darauf! –
Ich möchte, ich könnte Dir auch all die schönen Sachen zeigen, die mir am heiligen Abend bescheert wurden, da liegen sie festlich im Sonnenglanze: ein neues Testament von der Frau Gräfin, ein warmer, weicher Reisepelz von dem Grafen, von Johannen der Baum – das süße Geschöpf mit seinen prächtigen Einfällen! – Nun kommen die aus dem Bernwachtschen Hause: eine Specialkarte der Provinz vom Alten, ein riesiger Pfefferkuchen von Frau Bernwacht; Therese hat mir eine Uhrschnur gearbeitet, Ida ein Notizbuch gestickt, Cäcilie drei Lesezeichen, Burga und Berga ein Paar farbenreiche Morgenschuhe. Auch von Julchen liegt etwas da, etwas Rührendes: es ist ein Brief von unserer Mutter, ich will ihn Dir abschreiben.
Liebes Julchen. Hier schicke ich Dir das Probehemdchen für Paulinen, die neuen müssen aber eine handbreit länger und weiter gemacht und auch in den Aermeln verhältnißmäßig größer werden. Gern hätte ich es Dir selbst gebracht, Du weißt, ich wünschte schon am Sonntag bei Euch zu sein, aber mein Justus ist unwohl, und ich mag ihn, da er so stürmisch ist und seine Vorsätze leicht vergißt, nicht verlassen, er könnte leicht etwas thun, was ihm schadete, das Mutterherz ist so ängstlich! –
Gott befohlen!
Deine Marie.
Die alte Zeit lebt auf, ich sehe der Mutter zarte Gestalt, ihr sorgsames Auge. Das Wort, das längst ungewohnte,meinJustus, weckte ein Sehnen in mir, oder schärfte es nur – aber ich will nicht mehr stürmisch sein, Pauline, meine guten Vorsätze sollen erstarken.
Wie es im Feste war? Schön. Erst allgemeine Bescheerung hier im Schlosse, die ganze Bewahranstalt, alle Waisenkinder waren da. Ehe sie in den Speisesaal, wo Alles arrangirt war, eingelassen wurden, war Andacht im daranstoßenden Betsaale, ähnlich wie schon manchmal, nur viel freudiger noch. Auch die Bernwachtschen Töchter waren sämmtlich da. »Mama baut auf,« flüsterte Berga, »freuest Du Dich nicht schrecklich?« – »Nein, ich freute mich recht schön, für Niemanden zum Erschrecken, ganz sanft wie ein gutes Kind, ähnlich vielleicht wie Cäcilie.« –
Die von der Gräfin für die Kinder bestimmten Geschenke waren durch freiwillige Beiträge aus der Stadt bedeutend vermehrt; ich entdeckte auch hübsche, braun- und rothgestreifte Schürzchen, welche ich unter Theresens Händen entstehen gesehen, und eine Menge kleiner gestrickter Handschuhe wollten mich an ein junges Mädchen erinnern, dessen Fleiß ich in den Leseabenden zu bewundern Gelegenheit gefunden hatte. – Allgemeine Freude auf dem Schlosse und ebenso bei Bernwachts, Jeder gab, Jeder empfing und war in bewegter Stimmung. –
Deine Einkäufe habe ich mit vieler Freude empfangen und ausgetheilt, doch anders wie ich anfangs beabsichtigte. Als ich den Berg Geschenke für Cäcilie erblickte, stieg's wie Spott über meine Zuversichtlichkeit in mir auf: mit welchem Rechte durfte ich sie so auffallend vor ihren Schwestern auszeichnen? Nur Amarant, welches ich Deiner Wahl verdankte, und das mich gleich, nachdem ich hineingesehn und ein Paar Verse gelesen hatte, für sich entschied, legte ich, nebst einem frischen Bouquet aus dem Treibhause, auf ihren Platz unter dem Baume, das andere Buch, »die weite, weite Welt,« will ich für die Leseabende aufheben. Therese erhielt zu ihrer Briefmappe die Perlen, Ida zu den Noten das Kreuz, Julchen außer dem Muff Scrivers Werke, und den Kleinen steckte ich die Mappe voll Zeichnungen. Alle fanden sich sehr reich beschenkt; noch an demselben Abend sah ich Cäciliens Wangen sich höher färben durch – Amarant. Sie findet es schön, und hat es ihrerseits zum Beitrag für die Leseabende bestimmt, obgleich Theodor sie mit den herrlichen Briefen »Wilhelm von Humboldts an eine Freundin,« beschenkt hat. – Nun auch Dir Dank, Schwesterherz! Dank für jeden Ausdruck Deiner Liebe. – Dein Rath, mich mit meinen Ansiedlungsplänen nicht zu übereilen, ist begründet, und soll befolgt werden – ich sagte es Dir ja, ich habe nicht die leiseste Hoffnung, daß der süße Traum einst verwirklicht werden könne; ich will nichts übereilen, sondern still abwarten, wie Gott es will. Mein herzliches Lebewohl!
Justus.
Du mahnst mich an mein Versprechen, keine Lücke in unserm Briefwechsel entstehen zu lassen, so will ich schreiben, es ist jedoch wenig zu berichten. – Des Tags bin ich meist sehr fleißig, und die Abende verfließen in Dir bekannter, lieber Weise, nur lesen wir zweimal in der Woche, statt einmal. Wir sind bei der weiten, weiten Welt, und mit Ausnahme Ida's, die gleich durch den etwas breiten Anfang des Buches gegen dasselbe eingenommen wurde, findet es allgemeinen Beifall, besonders bei meinem kleinen, frommen Lieblinge, der Cäcilie. Sie schwärmt für Helene Montgomery, für Alice und St. John, sie liebt Master Vanbrunt, und entschuldigt – auf Ida's Angriffe – selbst alle vorkommenden kleinen Teufeleien, welche die wilde kleine Person, Helenens Plagegeist, ausübt, damit, daß das Alles nachher ihr leid genug gethan habe, und mehr könne man nicht verlangen. – Da fällt mir noch etwas Anderes bei, was charakteristisch ist. Vor einiger Zeit war ich Nachmittags bei Bernwachts. Draußen, vom wildesten Schneegestöber umstürmt, standen ein Mann und ein junges Mädchen, er drehte die Orgel, sie sang, und sang mit einer Ruhe und Resignation, aber dennoch melancholischer Stimme und Weise, das Lied – ich weiß seinen Anfang nicht – welches zum Refrain die Worte hat: »Das Leben ist ja nur ein Traum.«
Frau Bernwacht schickte einige Münze hinaus und sagte: »Die junge Person hätte besser gethan, in ihrem Dorfe zu bleiben, als in der Welt herum zu reisen; was hat sie nun davon? Ich sollte denken, die schwerste Arbeit wäre ein Vergnügen gegen diese Lebensweise.«
»Sie mag aus der Stadt sein, Mama,« entgegnete Therese nachdenklich, »und Du weißt, wie schwer es Vielen in den großen Städten wird, sich ehrlich zu ernähren, sie hat vielleicht schon Mancherlei vergeblich versucht und nothgedrungen dies Wanderleben begonnen.«
»Vielleicht hat sie eine arme, kranke Mutter zu Haus,« sagte Cäcilie mitleidig, und betrachtete sie ernst mit ihren warmen Blicken; »sie sieht recht so aus, als wenn ihr das Herz weh thäte.«
»In dem Falle hätte sie lieber die Barmherzigkeit der Menschen ansprechen sollen, und die Mutter pflegen,« beharrte die Bürgermeisterin, »dies Vagabondiren ist der Ruin für solche Mädchen. War es vorhin für sie schwer, ein Unterkommen oder Unterhalt zu finden, dann wird es ihr nachher fast unmöglich sein. Wer nimmt wohl ein Mädchen, was sich zu solchem Leben einmal bequemt hat, in Dienst? ich gewiß nicht.«
Ida war auch theilnehmend geworden und vertheidigte das Mädchen: sie arbeite ja auch, das sei, nach ihrer Meinung, immer besser als betteln. So lange man irgend Kräfte habe, müsse man Andern doch nicht lästig fallen wollen. Wenn sie z. B. in so unglücklicher Lage wäre zwischen Betteln und Straßensingen wählen zu müssen, so würde sie ihr Angesicht verhüllen und singen.
»Ich nicht,« sagte Cäcilie erregt, und reichte dem vorübergehenden Mädchen ein winziges, weißes Päckchen aus dem Fenster, »mir würde das Bitten gar nicht so schwer werden. Das Geben ist ja eine Freude, man kann sich ja mit seinen Bitten an solche Leute wenden, die dadurch nicht belästigt werden, und nun gar für Andere! – ich habe doch mehr Muth als Du, Ida.«
»Demuth,« sagte die Mutter. Cäcilie erschrak fast und senkte die Augen; sie sah gerade so aus, als dächte sie: Demuth – ich?
»Demuth – ja,« wiederholte Ida kühn, »aber Muth – nein: Du würdest lieber vergehen, als ein Leben führen, was unter dem Banne der öffentlichen Meinung steht, Du würdest fürchten im Bereiche des Niedrigen und Unreinen auch bei Dir selbst zu verlieren, Du bist überhaupt nicht sicher, trotz Allem, immer stehen zu können.«
»Nein, das bin ich nicht,« erwiederte die Schwester sanft, »ich mache ja alle Tage die Erfahrung, daß ich der göttlichen Hülfe und Gnade bedarf.« –
Bin ich ein Thor, Pauline, daß ich der Neugierde den Zügel schießen ließ, daß ich mich in ihre kleinen Geheimnisse eindränge? Ich habe das singende Paar in einer Spelunke aufgesucht und mir das Zettelchen zeigen lassen. Hergeben wollte ihn das Mädchen um keinen Preis, ich bot ihr viel, aber sie blieb fest, und warum soll ich ihr den Talisman, den Engelgruß nehmen, da sie ein armes, elendes Geschöpf ist, was vielleicht nichts Heiliges weiter in der Welt hat! – Auf dem Zettel, auf dem noch deutlich die Spur des eingewickelten Geldstückes zu sehen war, stand:
Habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigest, noch thuest wider Gottes Gebot. – Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird Dich versorgen. Gott sei mit Dir, Amen.
Ich beschenkte sie reichlich und sie trug mir auf, der jungen Dame zu sagen – was natürlich wohl nie geschehen kann – daß sie nie wieder so singen würde. Sie sei einer allzu strengen Herrin entlaufen, Angehörige habe sie nicht mehr, ein Dienst sei nicht zu finden gewesen, sie habe Schulden machen müssen – so sei es gekommen. Nun sollte ein anderes Leben begonnen werden. – Ob ich ihr nicht den Namen des Fräuleins sagen wolle, sie wolle ihn dem lieben Gott nennen. »Glauben Sie denn an Gott?« fragte ich schon in der Thüre. »Ach,« seufzte sie da, »Sie dachten, ich wäre ganz verworfen!«
Ida's Bild ist bald fertig; ich habe Dir wohl noch nicht geschrieben, daß die Familienhäupter sich dem Aschenbrödelproject entschieden widersetzen. Die jungen Damen fanden es ganz hübsch und hätten ihre Einwilligung vielleicht nicht versagt. Zu Anfang der nächsten Woche gedenke ich Cäcilien zu malen, hier im Schlosse bin ich bald fertig. Noch bin ich unschlüssig, wohin ich von hier gehe, zuweilen denke ich an das Morgenland, es wären interessante Studien dort zu machen, und vielleicht – ich träume wieder! nein, ich will nur in der Nähe bleiben. –
Weißt Du, ich habe ein Lied gehört, das Du Dir in einer Musikalienhandlung suchen mußt. Von wem es gedichtet und componirt ist, weiß ich nicht, aber ich habe es singen hören, kann Dir auch den Text schreiben. – Ida war bei der letzten Sitzung mißgestimmt, und ich wollte, weil ich diese Linien des Verdrusses nicht in das Portrait einfließen lassen mochte, zu malen aufhören, als Therese Cäcilien bat, dies Lied zu singen, sie meinte mit Recht, dann würde die Wolke wohl verfliegen. Du magst den Text sehr einfach finden, vielleicht ganz unbedeutend, ich versichere Dich aber, das Ganze war von ergreifender Wirkung.
Wie ich wohl einmal lieben will! Sie weiß es nicht, das Kind, und doch dieser hinreißende Vortrag, dieser unvergleichliche Ausdruck! Es liegt gewiß darin, daß es ihr angeboren ist, nie Mißgriffe zu begehen, in Allem vollendet zu sein. – Ida wurde ganz sanft und schön, ich unruhig, mir klopfte das Herz vor schmerzlicher Wemuth. Cäcilie und ich, welch ein Unterschied! Kannst Du mir nichts nennen, was die Kluft ausfüllen könnte? Doch wie spreche ich, wie solltest Du junges Kind wissen, was der Weiseste auf Erden nicht erdenken könnte. Lebe recht, recht wohl!
Justus.
Bin bei der süßesten Arbeit, Du weißt bei welcher. Natürlich sind wir nie allein, aber wozu auch? ich würde ihr doch nichts sagen, nicht von fern meine schneeweiße Lilie beunruhigen. Wir plaudern herrlich unbefangen mit einander und ich bin auch, ihr gegenüber, vollständig befriedigt. Was könnte ich noch Schöneres wünschen, als sie ansehen, ihre freundliche Stimme hören zu dürfen, die mir des Lieblichen so viel sagt: – Sie ist ganz vertrauungsvoll, und plaudert, was ihr in den Sinn kommt. »Was wird Theodor sagen,« meinte sie gestern, »wenn er wiederkommt und mich auch gemalt sieht; ich habe es immer für Scherz gehalten, wenn Sie davon sprachen.« – »Warum,« fragte ich, »sah ich so spaßhaft dabei aus?«
»Auch wohl, und ich bleibe ja bei den Eltern.« –
»Ida ja auch,« wendete ich ein, als wäre das kein Grund. Sie lächelte. »Wenn Sie wieder kommen, müssen Sie Theresen auch malen,« fuhr sie fort, »in spätestens zwei Jahren ist ihre Hochzeit und dann verläßt sie Burgwall.«
»Komm ich denn wieder?« fragte ich.
»Ich dachte,« antwortete sie ganz erstaunt.
»Und so bald?« fuhr ich zu fragen fort.
»Das müssen Sie am besten wissen.« – Ich schüttelte den Kopf; es schien mir gerade in diesem Augenblicke, als sei es doch besser, ich kehre in Jahr und Tag nicht wieder hierher zurück. – Zuweilen erzählt sie etwas aus ihrer Kinderzeit, und wie frisch lacht sie dabei! Neulich wurde das Gespräch zwischen ihr und den Schwestern sehr lebhaft, man neckte sie mit vergangenen Zeiten, da hatte sie sich zu vertheidigen, und dann mußte sie wieder lachen, sie wurde ganz unruhig auf ihrem Stuhle und wendete sich bald hier und bald dorthin, ich vergaß das Malen darüber und sah sie an. Plötzlich fiel ihr Blick auf mich, wie ich dasaß, nichts that und sie betrachtete, sogleich setzte sie sich in Positur, neigte sich mir etwas entgegen und flüsterte: »Sie sind eigentlich sehr gut – nicht wahr Mama?«
»Was denn?« fragte diese.
»Herr Brand ist sehr gütig, so geduldig zu warten.« –
Hätte sie die Sache nicht unter uns lassen können? – aber nein, sie hat nichts zu verheimlichen, was mich angeht.
Julchen Hermann hatte, als sie an der Reihe war, kein Buch mitgebracht, und appellirte an die Großmuth der Jugend, die da nichts verlangen werde, wo nichts sei, sie habe keine belletristischen Bücher. Sie kam aber mit ihren schönen Reden nicht durch, sondern mußte sich bequemen frei eine Erzählung aus dem Leben vorzutragen, und wenn nicht aus ihrem eigenen Leben, so doch aus ihrer Zeit.
Nach einigem Weigern that sie's, und ich will sie Dir copiren.
Nicht weit von der Försterei zu Drosehalm, liegt ein kleines Haus, welches vor mehreren Jahren einer Wittwe gehörte, die mit ihrem einzigen Sohne, einem lebhaften, gescheuten Knaben, in der einförmigsten Weise darin lebte. Während Ludwig, so hieß der kleine Wildfang, der die Gedanken der stillen Frau fast beständig beschäftigte, in der Schule war, besorgte sie das kleine Hauswesen, führte die Ziegen auf die Weide, arbeitete in dem Gärtchen, welches die Vorüberfahrenden, wenn sie um die Waldecke bogen – das Haus lag an der Landstraße – vom Frühling bis zum Herbste, wie ein unerwarteter, freundlicher Gruß, durch seine lachenden Blumen überraschte, oder sie saß auch im Zimmer und spann. That sie Letzteres, dann konnte man sicher daraus rechnen, daß irgend ein Erbauungsbuch, die Bibel war ihr das liebste, aufgeschlagen neben ihr lag, denn durch die jahrelange Uebung hatte sie es dahin gebracht, daß sie neben dem Spinnen auch lesen konnte. – Zuweilen erhielt die Wittwe auch Besuch aus der Stadt, von Solchen, die ihr befreundet waren, und die auf der Reise nach der Nachbarstadt, vor ihrer Thüre vorbei mußten, oder von dieser oder jener armen Frau, die in großer Verlegenheit war, und Frau Schmidt um Rath, Unterstützung oder Fürsprache bitten wollte, denn es war bekannt, daß die einfache Frau im Waldhause unter den vornehmen Damen Gönnerinnen hatte, die sie an manchem lieblichen Abende in ihrem stillen Hause aufsuchten. Alle Besuchenden fanden dieselbe Aufnahme, sie erhielten sämmtlich zum Gruße ein freundliches Gesicht, die Hand zum Drucke und ein herzliches Willkommen. Alle gingen auch in der Regel befriedigt von ihr fort, die Bittenden, nachdem sie erhalten, was sie wünschten, die Trostesbedürftigen mit erneutem Muthe im Herzen, denn Frau Schmidt hatte stets guten Muth, sie konnte unter allen Umständen, zu jeder Zeit davon mittheilen. Auch die großmüthigen Damen, welche die Wittwe dann und wann besuchten – obgleich sie, trotz der Bitten der Kinder namentlich, nie in ihren Häusern in der Stadt zu sehen war – fanden sich in ihrer Gesellschaft und der stillen Stube, welche im Sommer eine schöne Linde beschattete, sehr behaglich. Die Kinder, welche sie mitbrachten, tummelten sich, während die Frauen sich drinnen unterhielten, auf dem freien Platze vor dem Hause, herum, oder näherten sich vorsichtig dem kleinen Flüßchen, das noch sehr jung und unerfahren, mit großer Eile, über Stock und Stein, durch den grünen Thalgrund, dem größeren, bedächtiger fließenden Fluße zu eilte, der sich um die Stadt schlingt. In den Garten zu gehen, wagten sie erst dann, wenn Frau Schmidt es ihnen ausdrücklich erlaubte, oder wenn Ludwig aus der Schule kam, der dann sogleich sein Bücherpaquet sammt Riemen in die erste, beste Ecke schleuderte, um als galanter Wirth sich seinen Gästen zur Disposition zu stellen. Heidi, dann gings lustig zu! kein ansehnlicher Schmetterling war seines Lebens sicher, er mochte flattern wo er wollte, über dem Bache oder über den Lilienkelchen, ihm wurde rücksichtslos nachgestellt. Ferner wurde den kleinen, schlanken Fischen aufgelauert, die ganz harmlos schaarenweise, zwischen den bemoosten Steinen, sich so wohlig dahinwanden; zuweilen war denn auch wohl eine schöne bunte Forelle darunter, die durfte dann nie entwischen, denn Forellen sind theure wohlschmeckende, vornehme Fische, wohlgeeignet für die Tische reicher Leute und Ludwig schenkte gerne. Er hatte sich dazu einen Topf mit durchlöchertem Deckel, von seinem Spargelde gekauft, damit er, so oft das Glück ihm wohlwollte, lebendige Forellen, auf seinem Schulwege der Frau Pastorin, oder Stadträthin, oder irgend einer namhaften Dame, mitnehmen konnte. Von vorn herein hatte er sich so zu stellen gewußt, daß man ihm solche Lieferungen nicht bezahlen konnte, nein, er nahm nichts, er durfte auch nicht, er dankte sehr, höchstens waren ihm ein Paar Aepfel aufzunöthigen, und die nahm er dann mit einer so tiefen Verbeugung, und bedankte sich so ernst, daß es aussah, als glaubte er, der besonders, hauptsächlich Beschenkte zu sein.
Aber Ludwig war durchaus nicht so bescheiden, wie es im Allgemeinen von ihm hieß, er war vielmehr stolz, und baute nicht, wie er durfte, Hoffnungen auf seine ihm von Gott verliehenen Gaben, sondern er pochte auf sie. Er war klug, geschickt und muthig, was lag nun daran, daß er nur eines schlichten Bergmannes Sohn und nicht der Sprößling einer Patrizierfamilie war? Das Blättchen kann sich wenden im Leben, dachte er, und blickte stolz dabei umher, was niedrig ist, kann hoch, und was hoch ist, kann ganz klein werden.
Einmal hörte seine Mutter einen solchen laut gewordenen Gedanken, da sagte sie: »Wenn Gott will – aber dem Demüthigen giebt Er Gnade.« – »Erkundige Dich doch, was die Leute von mir sagen,« entgegnete ihr der vierzehn Jahre alte Knabe, »Niemand wird mich hochmüthig nennen.« – »Du kannst wohl Menschen, aber nicht Gott betrügen,« erwiederte ihm seine Mutter sehr ernst, und nun hütete er sich wohl, seine innersten Gedanken wieder laut werden zu lassen.
Ostern darauf wurde Ludwig eingesegnet und zu einem geschickten Tischler in die Lehre gebracht, obgleich er seine Mutter fast fußfällig um die Erlaubniß bat, einen höhern Beruf wählen zu dürfen. Auch seine Lehrer riethen der Wittwe, dem Sohne eine umfassendere Ausbildung geben zu lassen, als die Schule es bisher thun konnte, denn seine Gaben seien nicht unbedeutend, und ein in ihm wohnender, nicht zu verkennender Ehrgeiz werde ihn spornen, ihre Opfer zu vergelten. Aber die sonst so sanfte Mutter zeigte hier eine große Festigkeit und blieb beharrlich bei ihrem Entschlusse, den Sohn ein Handwerk erlernen zu lassen, welches – das möge er selbst bestimmen. Eben sein Ehrgeiz sei es, der sie in dieser Sache so entschlossen mache, sie wolle das Ihrige dazu thun, diesen hochstrebenden Sinn zu demüthigen, damit er einst fähig werden könne, nach wahrhaft hohen Dingen zu trachten.
»Mutter, ist es denn etwas Gefährliches, ein guter Lehrer oder gar Prediger werden zu wollen?« fragte Ludwig mit Thränen in den Augen, »kann ich nicht dem lieben Gott viel besser dienen, wenn ich den Beruf habe von seiner Größe und Liebe den Menschen zu erzählen, als wenn ich dastehe und schmiede, oder leime, oder so etwas?«
»Wenn Du wirklich viel von seiner Größe wüßtest, und von heiliger Liebe getrieben würdest, mein Sohn, dann würdest Du demüthiger sein,« antwortete die Mutter, »etwas Sündlicheres kann ich mir kaum denken, als einen Geistlichen, der auf die Kanzel mit dem Gedanken kommt: heute werde ich gewiß bewundert werden, der mit seiner Predigt sich verherrlichen will; der das Kreuz predigt und den eigenen Ruhm vor Augen hat. Nein, Ludwig, bleib in unserm Stande, Du kannst darin sicherer selig werden.«
Ludwig sah sehr finster dazu aus, und er seufzte tief über der Mutter schreckliche, sein Lebensglück zerstörende, Verblendung, aber er konnte nichts dagegen ausrichten und so wurde er ein Tischlerlehrling.
Sein Meister nannte ihn musterhaft: er war fleißig, anständig in seiner äußern Erscheinung, zuvorkommend, ernst, zuverlässig, sein Lob ertönte reichlich, namentlich fand der Lehrherr es so rühmenswerth, daß er stets pünktlich an Ort und Stelle war, sei es zur Arbeit, zu Tisch, zur Kirche, oder sonst irgendwo, einem Versprechen oder Auftrage zu folgen; was er versprach, hielt er mit gewissenhafter Genauigkeit.
»Er wird einmal ein gemachter Mann,« prophezeihete er, »ich sehe schon den künftigen Gewerksvorsteher, wenn nicht Senator der Stadt in ihm.« – Wohl freute sich die Mutter über das Lob ihres Lieblings, aber sie bat den Meister inständig, es den Knaben nicht hören zu lassen.
»Glauben Sie, es ist Wasser auf seine Mühle,« stellte sie ihm vor, »es bewegt seinen Sinn die leidige Eitelkeit ohnehin genug.«
»Nun was schadet die Eitelkeit?« entgegnete der Meister fast unwillig, »wenn sie das Rad der Thätigkeit in Bewegung setzt und den Jungen alle seine Kräfte mit Lust gebrauchen läßt? Nichts für ungut, Frau Schmidt, aber Weibererziehung ist nicht für solchen aufstrebenden kleinen Menschen, Ihr möchtet aus lauter Zaghaftigkeit alle frischen Sproßen seiner kernigen Wurzel streng beschneiden, damit sie möglicher Weise nicht zu einer Wildniß heranwachsen.«
»Gott hat ihm doch den Vater genommen, und mich für ihn bestellt,« erwiederte die Mutter ganz sicher, »darum muß ich ihn nach der Einsicht erziehen, die Er mir gegeben hat.«
Die Lehrzeit verfloß. Zwei Jahre blieb Ludwig noch am Orte, dann schnürte er sein Bündel und ging in die Fremde. Der Abschiedstag war ein schwerer für seine Mutter, sie hatte nichts weiter auf der Welt, daran ihr Herz so ganz hing, wie diesen einen Sohn, und trotz seiner Fehler, als Sohn war Ludwig musterhaft! Aber es mußte geschieden sein, und die Liebe macht stark, besonders eine Mutter, welche freudigen Glauben zu Gott dem Herrn hat, sie küßte und segnete ihn, begleitete ihn auch über das Weichbild der Stadt hinaus und kehrte dann ergeben in ihr einsames Haus zurück. – Ihre Lebensweise blieb dieselbe wie bisher, nur daß sie nicht mehr wie früher, Sonntags auf der Brücke, die über den kleinen Fluß führte, stand und nach der Stadt hinsah, von welcher ihr Sohn sonst kam, und daß sie jetzt noch mehr betete als las.
Ein Festtag war allemal für sie, wenn der Postbote auf ihr Haus zuschritt. O, ihr Herz fühlte dann einen wahren Freudenrausch! – Die Nachrichten waren anfangs meist gut, Ludwig hatte fast immer in großen Städten Arbeit gesucht und gefunden, und schrieb gewöhnlich erfreut über das Gute, das man auf Reisen kennen lernen und einsammeln kann. Selten klagte er, auch vom Heimweh hatte er nicht gerade zu leiden, doch war seine innige Liebe zur Mutter unverkennbar. Mehr als es der bescheidenen Frau lieb war, deutete er an, wie er es ganz anders für die Zukunft mit ihr beabsichtige, sie sollte einst bequemer, schöner wohnen, ein Haus in der Nähe der Stadt haben, schon damit der Kirchweg ein kürzerer sei; er wollte dieses Haus mit den schönsten Möbeln schmücken, für wen er denn sonst etwas lerne, wenn nicht für sie? In diesem Tone schrieb er oft, wenn auch die Mutter zu mäßigen suchte, und darauf hinwies, daß ihr Glück nicht im Aeußerlichen bestehe, daß sie auch für ihren Stand und ihre Gewohnheit hinreichend mit dem Nöthigen, ja Angenehmen versehen sei.
Jahre verstrichen wieder, die Wittwe hatte ein ganzes Kistchen voller Briefe, sie hatte auch des Sohnes Bild und freute sich sehr darüber: es lächelte sie an und sah stattlich aus, der Jüngling war zum Manne heran gereift, nur schien es ihr, als wisse diese breite Stirn von Trotz, als läge in der ganzen Haltung eine Energie, die sich gegen jede zugemuthete Unterwerfung sofort empören würde. Aber seine Briefe waren ja so liebevoll,ihrwar er doch ergeben, das war gewiß, sie wollte auch nicht zu ängstlich sorgen, sondern alle ihre Sorge auf Ihn werfen, der für uns sorgen will.
Dann kam aber eine Zeit, da seine Briefe das deutliche Gepräge des Mißmuthes trugen; er klagte, es werde den Abhängigen zu schwer gemacht sich den, ihren Fähigkeiten gemäßen, Standpunkt zu erringen, der Lohn sei im Verhältniß zur Arbeit zu gering, die Behandlung nicht selten unwürdig, die Besitzenden seien meistentheils herzlos – die Mutter wisse es nur nicht, wie es in der Welt zugehe, und er danke Gott, daß sie dieselbe nicht gebrauche. Die Mutter hatte genug zu ermahnen und schrieb auch, wenn es ihm draußen nicht gefalle, dann möchte er doch wiederkommen, sie sehne sich ohnehin so sehr nach ihm. Gewiß hätte er so viel gelernt, um die Innung mit einem Meisterstück zufrieden stellen zu können, dann könnte er in der großen Stube seine Werkstatt aufschlagen und sie würden Beide ein so recht seliges Leben, nach der langen Trennung mit einander führen. Diese liebevolle Einladung hatte aber eine sehr heftige Entgegnung zur Folge. Ob er darum so weit und lange gereist sei, um mit leerer Hand, als ein armseliger Gesell wieder zu kehren, und der Mutter Besitz zu seiner Etablirung zu benutzen? Nimmermehr! Er fühle hinlänglich Kraft in sich, es mit der Feindseligkeit einer ganzen verkehrten Welt aufzunehmen!
Dieser harte Brief kam im Waldhause bei Winterszeit an, als der Schnee hoch lag und die Wittwe schon wochenlang nicht aus dem Hause gekommen war. Wie sehnte sie sich nach der Kirche! Zwar war ihr Herz selber ein dem Herrn geweihter Tempel, und Haus und Garten und der stille Wald kannten den Austausch ihrer Gefühle gegen den Segen himmlischen Trostes, aber dort, wo sie die Weihe der Sakramente empfangen, sie und ihr Sohn, dort betete sie besonders freudig für den geliebten Fernen. Nun ging es nicht, sie konnte kaum zur Försterin kommen, um sich in ihrer Herzensbeklemmung an einigen freundlichen Worten der Försterin zu erquicken, sie war mit ihrer Unruhe in das Haus gebannt. »Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden, hilf dazu!« das waren Worte, die sich oft, vielleicht ihr unbewußt, über die Lippen drängten, ihr Herz fühlte das Flehen beständig.
Und die Zeit der Finsterniß ging vorüber, der Schnee schmolz, die Sonne lachte heiter durch die kleinen Scheiben des Fensters, wo über Rosen- und Myrthenstöcken des Sohnes Bild hing; er schien die Mutter anzulächeln und – o der Freude! da kam auch der Mann mit der Briefmappe wieder, kaum konnte die Mutter sein herzliches »Gott grüß!« erwiedern, so bewegt war sie von der Erwartung, ob der liebe Herr, ihr treuer Helfer, des Sohnes Herz gemildert habe, ob er, der Ferne, auch Sonnenschein um sich sehe und in sich spüre. Und es war gut, Alles gut! Er schrieb reuig, bat wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung, erzählte von bessern Tagen, die ihm angebrochen, und von der Aussicht auf Verwirklichung seiner Wünsche. – An diesem Tage hätte Mutter Schmidt sich recht gern arm geschenkt, vielleicht hätte sie dies überhaupt schon längst gethan, wenn sie den Sohn nicht gehabt hätte. Zum Glück sah sie, noch ehe die Sonne unterging, die liebe, freundliche, theilnehmende Sonne! auf dem Wege drüben ein Paar arme Kinder, die holte sie, fragte redselig wie nie, nach ihren geheimsten Wünschen, und fand sich so reich, diese befriedigen zu können. Einen so seligen Tag hatte sie lange nicht gehabt. Ja, das Herz ist tief zu bejammern, welches so gerne opfern möchte, und keinen Altar finden kann, auf dem es geschehen könnte. Es gehört zuweilen Muth dazu, ihn zu suchen und viel Zeit, ihn zu finden, aber es giebt ihrer unzählige um uns herum. Möge Gott zu allen Zeiten unsere Augen leiten, daß wir das Rechte sehen, und unser Herz, daß wir das Rechte thun!
Vergiß nicht, Pauline, daß ich nur wieder erzähle, ich spreche das Gehörte nach, aber ich spreche auch mit. Ja, Gott helfe allewege! –
Nach wenigen Wochen kam abermals ein Brief, und diesmal von einem reichen Geschenke von Kleidungsstücken begleitet. Das war nicht nach dem Sinne der Mutter, sie wurde wieder nachdenklicher, aber der Frühling wollte es nicht leiden, er lockte sie nach draußen und zeigte ihr die Verschwendung an Prachtgewändern, welche der liebe Gott den Blumen gestattete. Tausende blühten gestern und lagen heute welk, verblüht zu den Füßen Neugeschmückter, das ganze Thal war im farbenreichsten zartesten Schmucke, der Reichthum sproßte als saftige Zweige aus den Bäumen, breitete sich als bunt gewirkte Decke über die Hügel, wogte in der Farbe der Hoffnung über die im Herbst bestellten Aecker. Das Leben däuchte ihr wieder wunderschön, selbst so getrennt von dem geliebtesten Kinde, sie übergab ihn wieder beruhigt der Obhut des reichen Gottes, dessen Ehre die Himmel erzählen, und des Vaters voller Gnade und Treue, von dessen wundervoller Liebe die Erde, seiner Hände Werk, fröhliches Zeugniß ablegte. –
Ludwigs Briefe wurden zwar von nun an etwas seltener, enthielten aber immer verständlichere Andeutungen eines innern Triumphes. Es war viel von Manneskraft und Aufsichselbstverlassen die Rede, nur blieb es dunkel, was eigentlich Bedeutendes erreicht war. Seit jenem freudenreichen Briefe im Frühjahre datirten alle Briefe aus einem kleinen Orte an der Ostsee, welcher aber in Ludwigs Atlas von dem Sohne des Försters durchaus nicht zu entdecken war. Er hielt sich daselbst beim Gastwirth auf, der sein Haus ausbauen ließ, und noch längere Zeit Arbeit für ihn haben würde. Wie dieses Verhältniß Ludwigs ehrgeizige oder liebevolle Pläne fördern konnte, war schwer zu ergründen; nach der Mutter Meinung hätte er da, in dem armen kleinen Orte, als welchen er ihn selbst bezeichnete, nur bescheidener in seinen Wünschen werden müssen. –
So verstrich ein Jahr unter Hoffen und Fürchten. Zu Weihnachten war wieder eine bedeutende Sendung schöner Sachen angekommen: Kaffee, Zucker, Gewürze, selbst schöner Wein, aber die Mutter ließ den Ueberfluß für kommende Zeiten liegen und blieb bei ihrer einfachen Lebensweise. – Als der Frühling wieder erschien, wurde ihr sehr bang um's Herz, denn die Briefe ihres Sohnes blieben ganz aus; vergebens hatte sie gehofft, zu ihrem Geburtstage, den Ludwig stets als Festtag betrachtet hatte, durch Nachricht, vielleicht gar seines baldigen Kommens erfreut zu werden, aber die Blumensträuße, welche ihre alten und jungen Freundinnen ihr gebracht hatten, verwelkten, ohne das Gesicht der Gefeierten im Lichtglanze der Freude gesehen zu haben.
Als dieser qualvolle Zustand einige Monate gedauert hatte, wurde Frau Schmidt heiterer, sie lächelte wieder, wurde sehr thätig – in ihrer Herzensangst hatte sie oft, die Hände in den Schooß gelegt, dagesessen – ging auch nach dem Gottesdienste eines Sonntags in das Pfarrhaus zum Besuch, mit einem Worte, sie schien ganz aufzuleben. Aber man sollte noch Ungewohnteres, als Besuche in der Stadt, an ihr erleben; zuerst kam die Reihe des Erstaunens an die Försterin, welche gebeten wurde, die Ziegen und Hühner der alten Frau bei ihrem Vieh aufzunehmen, und dann und wann so gütig zu sein, einen Blick nach ihrem Heimwesen zu werfen, weil sie es verlassen müsse. Eine innere Stimme ermahne sie beständig, ihren Ludwig aufzusuchen, der in Noth wäre, sie sei dazu entschlossen, und schon am nächsten Tage solle die Reise angetreten werden. – In aller Frühe des folgenden Morgens brach sie auf, und mancher der Vorübergehenden blieb an diesem Tage dem Hause gegenüber stehen, und dachte darüber nach, was es wohl mit den verschlossenen Laden für eine Bewandtniß haben könnte. Es wurde auch von einer entschlossenen Frau daran geklopft, die Schmidt konnte ja heftig erkrankt sein und hülflos daliegen, es antwortete aber weder ein Wort noch ein Seufzen, und kopfschüttelnd ging die gute Frau ihrer Wege. Dies geschah im Juni. Zwei Monate vorher hatte auch Ludwig eine Reise angetreten, aber ehe ich sage wohin, muß ich erst vonPranbeckreden, und von der Zeit, die Ludwig darin verlebte.
Als er vor fast anderthalb Jahren nach der, von dem Kirchdorfe Pranbeck ungefähr fünf Meilen entfernten größeren Hafenstadt wandern wollte, und in das Gasthaus des kleinen Ortes trat, war er so recht zerfallen mit der Welt, die so viel des Lockenden und Reizenden für ihn hatte, es ihm, wie er meinte, höhnisch vorhielt, und, so oft er die Hände darnach ausstrecken wollte, schnell entzog. Selten hatte er etwas Vollkommenes gefunden, besonders in den letzten Jahren: war der Meister gut, so taugten die Gesellen nichts; fand er Gelegenheit viel zu verdienen, so war die Familie seines Vorgesetzten entweder aufgeblasen oder gar zu ungebildet, so daß er sich nicht mit ihr befassen konnte. Ging er in diesem letztern Falle seinen eigenen Weg, so fehlte es wieder nicht an bornirten Versuchen, sich über ihn lustig zu machen. Nein, dies Beugen und Fürliebnehmen war zu unausstehlich, und wurde ihm immer lästiger! Hätte er es nur verstanden Geld zusammen zu scharren wie diese Pilze, deren Herz gegen jedes gute Gefühl durch einen Harnisch geschützt war, diese Schwämme, die alles in ihrer Nähe Befindliche gewissenlos aussaugen, und dann wohlgefällig auf ihre magern Nachbarn herabblicken, ja dann, dann konnte er zeigen, wie der Hausstand eines christlichen Handwerkers eingerichtet sein müsse, wie man sich den Lernenden, Helfenden gegenüber zu betragen habe. – Freilich, beschränkte Menschen, das stand fest, würde er nie in seine Werkstatt aufnehmen, sondern nur solche, deren tüchtiger Verstand sich gleich durch ein anständig freies Wesen bekunde, was auf den ersten Blick von der tölpelhaften Selbstgefälligkeit einfältiger Menschen zu unterscheiden sei. –
So ungefähr dachte und sprach Ludwig, der Sohn der demüthigen, zufriedenen Wittwe im Waldhause, mit dieser Neigung die gesellschaftlichen Zustände von ihrer trübsten Seite aufzufassen und zu verurtheilen, sah er zum ersten Male das Meer in seiner unabsehbaren Ausdehnung. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, aber keinen guten, es half nur in seiner ihm unverständlichen Größe seine Ansichten befestigen. Es war ein trauriger Tag, als Ludwig zum ersten Male an einer Küste stand, der Wind stürmte seewärts auf ihn ein und trieb die schäumenden Wogen, dunkel wie der wolkenbedeckte Himmel, stürmisch gegen den niedern Hügel, von dessen Rücken er in das unruhige Element schaute. »Ja,« sprach er bei sich selbst, »Woge auf Woge, Tag auf Tag! Es ist alles einerlei, Seelen- und Geschickeszwang und Zwang in der Natur, Niemand und Nichts kann gegen sein Verhängniß; kann er Gefallen daran finden, der liebe Gott im Himmel, wie die Mutter sagt?« –
Ein verächtliches Lächeln entstellte sein sonst hübsches Gesicht, und er drehte dem Meere den Rücken, um ein Obdach zu suchen.
Nun ist Pranbeck zwar nur ein kleiner Ort, und auch kein sehr wohlhabender, aber ein stattliches Gasthaus befindet sich doch da, und ein ebenso stattlicher Wirth, ein ganz gewandter Mann, dessen Bildung auch für ein Hôtel ausgereicht haben würde, darin. Als Ludwig durchnäßt, denn es hatte den ganzen Morgen geregnet, auf seiner Schwelle erschien, beging er nicht den Mißgriff, ihn in die ordinaire Gaststube nach dem Hofe hinaus, wo Knechte, Boten, lotterige Handwerksburschen und dergl. placirt wurden, zu verweisen, sondern er führte ihn mit einigen freundlichen Worten des Bedauerns ob des schlechten Reisewetters in das behagliche Zimmer, wo Landherrschaften und die Honoratioren des Dorfes sich häufig des Abends zu versammeln pflegten, das des Tages aber in der Regel nur ganz flüchtige Besuche Solcher empfing, die nicht ausgehen konnten, ohne im Wirthshause die Frage: Was giebts Neues? auszusprechen, und ein Gläschen zu trinken. Selten kamen Reisende anderer Art, als die Genannten, nach Pranbeck, daher mochte es kommen, daß die Erscheinung des für einen Handwerksburschen sehr nobel gekleideten Fremden dem Wirthe sehr angenehm war. – Bald hatte Ludwig seine Kleider gewechselt, etwas Stärkendes genossen und war mit dem Wirthe in der besten Unterhaltung, die damit endete, daß er versprach vorläufig in Pranbeck zu bleiben, um dem einzigen Tischler des Ortes, dem die Gesellen wegen seiner zänkischen Hausfrau allzuschnell davon liefen, zu helfen und die obere Etage des noch unvollendeten Wohnhauses mit den nothwendigen Tischlerarbeiten zu versehen. Dabei wurde gleich abgemacht, daß Ludwig im Gasthause selbst und nicht bei dem Meister wohnen solle. –
So weit war Alles gut, aber das Schlimme lauerte dahinter. Nicht daß Ludwig ein Schlemmer wurde, und wie so mancher tägliche Besucher des Gasthauses, dem Laster des Trunkes fröhnen lernte – er fühlte einen Abscheu vor solcher Verirrung, er wendete sein Auge weg, wenn so ein lallender, schwankender Mensch versuchte Witze zu reißen oder zu beweisen, daß er wirklich nur »angetrunken sei, nur genippt habe!« – Eine solche Erniedrigung war für ihn nicht zu befürchten, seine Mutter dachte kaum daran; Ludwig war ja stolz, wie konnte er sich zum Gegenstande des Ekels, des Spottes herabwürdigen! –
Der Wirth war ein reicher Mann, er hatte Felder und Wiesen, Haus und Hof, und ein reich versorgtes Waarenlager, da er das Recht hatte Handel zu treiben. Sein Verkehr als Handelsmann war ganz großartig, doch wußten nicht Viele genau darum, er ging meist in der Stille der Nacht vor sich, aber dafür war er desto ergiebiger. Nach kaum einem Monate war Ludwig Mitwisser dieses geheimnißvollen Verkehrs, und wenige Wochen später Compagnon des Wirthes. Nun wurde der Ton zwischen beiden Männern noch verbindlicher und das nächtliche Geschäft noch gewinnbringender, denn Ludwig war höchst thätig, umsichtig und kühn, gerade ein solcher Mann, wie er für den Wirth paßte, und dieser war die Freundschaft selbst gegen ihn.
Zum ersten Male hatte es nun Ludwig so, wie er es wünschte: einen gescheuten, aufgeklärten Vorgesetzten, achtungsvolle Behandlung, Anerkennung seiner Fähigkeiten und Leistungen, und reichlichen Gewinn. Dennoch sah er nicht aus wie ein Mensch, über dem die Glückssonne strahlt; er war viel schweigsamer geworden, sein Blick hatte an Offenheit verloren und über sein Gesicht flog oft etwas dem Argwohn ähnliches; sein durchdringender Blick schien dann zu fragen: wer wagt es, mein Thun und Lassen zu beurtheilen? Ich, ich allein bin Herr meiner Entschlüsse und Handlungen!
Pranbeck liegt ganz nahe an der Grenzlinie, und der Wirth war durch kühn getriebene Schmuggelei reich geworden. Aus Zuneigung zu Ludwig, wie er sagte, hatte er ihm gezeigt, wie leicht man es dahin bringen könne, die oft langweilige Berufsarbeit nurpro formazur Hand zu nehmen, wenn man nämlich nur genug Entschlossenheit besitze, mit einigen Vorurtheilen zu brechen. Und dann hatte der Wirth ihm in fließender Rede auseinander gesetzt, wie ungerecht die Besteuerung der ausländischen Produkte sei, das arme Volk müsse sie fast ganz entbehren, mäßig Begüterte sie mit äußerster Einschränkung genießen, während man höher hinauf damit schwelge und sie verprasse. In solche Behauptungen stimmte nun zwar Ludwig nicht mit ein, aber in ihre Consequenzen, er vergaß die Worte: »seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat,« und »gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist,« – und ward Schleichhändler wie sein Verführer.
Die Geschäfte gingen nach Wunsch, denn von den drei Officianten, welche in Pranbeck stationirt waren, drückten zwei ihre Augen bei den nächtlichen Affairen des Wirthes zu, denn dieser wußte ebenso gut zu zahlen wie zu sprechen, und der Dritte war schon ein älterer Mann, der leicht zu täuschen war. Bald war Ludwig so gut bei Kasse wie nie vorher, daraus erklären sich seine Hoffnungen, Briefe und Geschenke nach Waldhaus.
Etwas länger als ein Jahr mochte Ludwig in Pranbeck sein, als bei furchtbaren Aequinoctialstürmen ein Schiff in der Nähe des Oertchens strandete. Die Mannschaft rettete sich, und die reichen Waaren, die es trug, wurden glücklich im Wachthäuschen auf einem Küstenvorsprunge und dem daneben stehenden Wachtthurme geborgen. Das Schiff gehörte einem Lübecker Kaufmanne und war in einer Anstalt versichert, die einen Agenten in der Provinzialhauptstadt hatte. Dieser, schnell benachrichtigt, war selbst bei der Bergung zugegen gewesen, hatte die Bekanntschaft des zuvorkommenden Wirthes und auch Ludwigs gemacht, der bei dem Unglücke sich sehr muthvoll und menschenfreundlich bewiesen hatte. Am Tage nach des Agenten Abreise sollten die Sachen auf schon bestellte Wagen gepackt und ihm nachgeschickt werden.
Die nun hereinbrechende Nacht wurde verhängnißvoll für Ludwig. –
Der Wirth war am Nachmittage schon äußerst splendid mit Wein gewesen, aufgeregt war man ohnehin von den Begebenheiten. Man redete viel von Muth, Recht und lächerlicher Peinlichkeit, und endlich stand so viel fest, daß, wer es wage die geborgenen Sachen sich zuzueignen, einen Hauptstreich ausführe, der ersprießlichere Folgen haben werde, als die Arbeit von wenigstens zwanzig Jahren, und der Verlust sei nur der der Versicherungsgesellschaft, komme auf Niemanden eigentlich merklich.
Ludwig stand auf und wollte der Versuchung entfliehen, sein Zimmer aufsuchen, aber dort war es ihm zu eng, er hüllte sich dicht ein und ging zum Dorfe hinaus, wo das Rauschen des Meeres – ein wunderlicher Sirenengesang! – ihn zog und lockte, bis er am Strande stand.
Weithin ringsum hörte man nichts anderes als Wind und Wasser, und wäre auch ein leises Geräusch entstanden, es wäre ungehört erstorben in diesem unnachahmlichen Zwiegespräch. Da kam der Wirth mit seinem Knechte in der Dunkelheit daher, auch die beiden ungetreuen, eidbrüchigen Grenzbeamten folgten. Sie schritten so eilig dem alten Wachtthurme zu, als beflügle der Pflichteifer ihre Schritte, als seien sie so ganz sicher, auf richtigen Wegen zu gehen. Ludwigs Blut pulsirte heftig, er sollte Mitwisser dieses Unternehmens werden, halber Theilnehmer, und keiner Gewinn davon haben, wo so großer Gewinn zu hoffen war? Es kostete dem Wirth nur wenige Worte und Ludwig ging mit ihm. Es war freilich eine That, die er nie, selbst nicht in Zukunft seinem Weibe vertrauen durfte, aber für seine Ueberwindung zahlte sie auch mit dem eigenen Herde!
Nur eine Schwierigkeit war bei der Geschichte zu fürchten, und das war die mögliche Widersetzlichkeit des Wächters. Zwar war er ein bequemer Mann und hatte bei der Schmuggelei oft seine Hand zur Hülfe geliehen, aber hier war's gefährlich für ihn, und wenn er sich weigerte, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen, dann mußte man auf den Fang verzichten. Es war, wie man gefürchtet hatte, der Wächter war unbestechlich. Vergebens waren all die glatten Worte des Wirthes, der Plan schien dem Alten zu handgreiflich: ohne Zuchthaus, meinte er, könnte das unmöglich enden.
Der Knecht erhielt von seinem Herrn einen Wink und begab sich wieder nach Pranbeck zurück, die Uebrigen schienen ihre verbrecherischen Wünsche aufgegeben zu haben, der Wirth schmollte zwar etwas, nahm aber die Einladung zu einer Parthie Landsknecht an, und setzte sich zum Spiele an den Tisch.
»Halt!« rief er plötzlich nach einer Weile, »ich habe einen unbezahlbaren Einfall. Wir wollen unsern Aerger hinunterspülen. Einen Bohrer her!«
»Wozu?« fragte der Strandwächter.
»Sollt schon sehen, altes Hasenherz. Wo ist der Schlüssel zur Remise?«
»Gut verwahrt,« erhielt er lachend zur Antwort.
»Keine Dummheiten!« schalt Jener, »glaubt Ihr denn, wir werden Euch wider Willen die Sachen wegnehmen, die Ihr nicht theilen wollt? Nein, das führte höchstens zu einem Jahre Wolle spinnen in Gesellschaft, aber wir wollen die hübschen Fäßchen ein Bischen erleichtern, und Eure Gesundheit in gekapertem Weine trinken.«
»Geht doch nicht an,« wehrte der Alte, »'s ist gleich zu merken, sie brauchen bloß das Faß anzurühren, so –«
»Giebts denn kein Wasser in der Welt mehr?« unterbrach ihn der Wirth lachend, »nur einen Bohrer her, für das Uebrige werde ich sorgen.«
Der Wächter, nach dem verführerischen Getränke lüstern, war's zufrieden; bald war Wein in Fülle da, und von Neuem begann ein lästerliches Trinken und Durcheinandergerede schlechter Dinge. Ludwig war nur Zuschauer dieser Scene geblieben; das, was er hörte, war ihm ekelhaft, er hätte dies gern gesagt, oder durch sein Entfernen angedeutet, aber er merkte, daß der Wirth noch etwas im Schilde führte, sah deutlich seinen Triumph, als der Wächter, von dem reichlich genossenen Weine betäubt und verwirrt, allmählig ein albernes Gewäsch zu reden anfing, in welches der feine Wirth lustig mit einstimmte, dann mit übersichtigen Augen, wie im Traume, bald hier, bald dorthin starrte, und endlich sich in die Ecke lehnte und einschlief. Jedenfalls wollte er abwarten, wie die Geschichte sich noch entwickeln würde.
»Das hat Mühe genug gekostet,« flüsterte der Wirth und deutete auf den Trunkenen, der von seinen Sinnen nicht wußte, »aber nun schnell, Johann wird längst mit dem großen Wagen draußen halten; ich wußte, wie es kommen würde, und habe meine Vorkehrungen getroffen. Hier ist der Schlüssel, ich stecke die Laterne an und komme nach.«