Den 16. Dezember.
Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei herauskam! Ich glaube,daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen „Schatz“. Es war mir ein wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe.
Den 17. Dezemberin einem neuen Quartier.
. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6. und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.
Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher, daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.
Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt.
3 Uhr nachmittags.
. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe,die sich an einem Fluß entlang zieht; der Friede ist überall, ich glaube selbst in den Herzen. Die Nacht bricht herein. . . .
Den 19. Dezember, im Quartier.
Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille. Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen, dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen, die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit.
Den 21. Dez., morgens früh.
Teuerste Mutter!
Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen, aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt.
Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu an, für mein Glück zu sorgen, die andereaber lehrt mich, daß dieses menschliche Glück eine gar zarte Blume ist.
Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle Vergängliches in sich haben.
Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie. Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren Philosophien. Bei Edouard Schuré13)ist manches anfechtbar, was man aber behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt.
Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem „guten Hirten“ und der „Mutter Gottes“, welche in unsern Religionen so glückliche Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind? Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen übertragenhaben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal neu gestaltete.
Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).
Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten wir das Dorf selbst besetzt, — die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause, an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen Weihnachtsabend.
Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet. Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke für denselben Begriff.
Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau14)machst, wirst Du ein Gemälde sehen, „das Leben der Menschheit“,15)glaube ichbenannt. Es besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen:das goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter. Darüber ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters heißen:die Entzückung, das Gebet, der Schlaf, während die Stunden dessilbernen Zeitaltersheißen:die Begeisterung, der Gesang, die Tränen.
DieEntzückungist auch dieAnmut; denn das Gemälde stellt Adam und Eva dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.
DieBegeisterung, in seinemsilbernen Zeitalterist wieder dieAnmut, aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit im Menschen, derGesangist von Tränen, dem Schmerze begleitet.
Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend, schildert Gustave Moreau daseiserne Zeitalter: Kain zur Arbeit und zum Verbrechen verurteilt.
Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer, die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine „Maler“. Geben wir zu, daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt hast.
Dein Sohn.
Den 24. Dez., in der Frühe.
Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt. Dann kehre ich zum Talglicht zurück undnun schreibe ich Dir auf dem Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg.
Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer 75ger Granate als Wasserkrug.
. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die Zeit außerordentlich rasch vergeht.
Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . .
Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten. Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden. Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut verläuft.
Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich gelehrt, was manaus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns auch zeigen möge.
Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines herrlichen seelischen Mutes.
Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun.
Weihnachten in der Frühe.
Welche einzige Nacht! — Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte, in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres Bewußtseins bewiesen hat.
Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung auf der ganzen Schützenlinie sich erhob!
Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall.
Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach Ordnung in Schönheit und Eintracht.
Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die köstlichen Melodien derKindheit Jesu16)wachrief. Die jugendliche Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich dachte an den berühmtenSchlaf der Wandererund den Chor der Hirten. Ein Satz, den die Jungfrau Maria singt: „Der Herr hat für meinen Sohn diese Stätte gesegnet“, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir, während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist.
Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien; ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist.
Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von denHintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfängt den Frieden von oben.
Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit!
O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für meine Umgebung noch recht umständlich ist.
Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber welche neue Triebkraft wird es besitzen! Meinletztes Werk war reine Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird.
Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr.5. Tag in der Schützenlinie.
Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100 Mann, die kampfunfähig sind.
Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe keinen Ausdruck braucht.
Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz aus einen hübschen Baum am Himmel.
Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar, obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauchzu Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: „Weißt du, was das ist, dieser Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.“ Es war so, und zunächst war ich über die Entweihung des Himmels empört; dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte ich mir, daß dieser Stern für die armen Leute auf der andern Seite die Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezürnt. Er hatte mir so viel Freude gemacht, daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck zu verbleiben.
Den 30. Dezember.
Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von dem letzten Gemetzel erzählt.
Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober einnahm, einenfurchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang mehrere hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm großen Dorf, wo unsere gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer.
Am selben Tage.
. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . .
Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt, empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, waswirklichbesteht. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber- und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das alles nicht. . . .
4 Uhr. — Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie. Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges Gedenken, Hoffnung und Weisheit.
Vom 3. Januar 1915.
. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich mich von den grobenArbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen Tressen betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; denn statt der gewaltigen an keinen Titel geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen Bewertung ausschloß, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung geworden.
Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen.
Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar)in einem Minengang
Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen. Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern geschützt.
Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wiederein wenig in den Prüfungen vergangener Tage zu stählen. . . .
Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber in vortrefflicher Gesundheit.
Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.
Den 6. Januar, abends.
Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen.
Den 7. Januar, gegen mittag.
Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug auf Wache zieht.
Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und die Decke auch.
Den 9. Januar.
. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe, indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit anrufe, die höher ist als unsere menschliche.
Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte, daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird!
Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.
Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der Erinnerung kannten, von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder, der vor langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist.“ Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen verschlossen ist.
Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder in Prüfungen, abermit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht.
Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über dieRevue Hebdomadairegefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.
Den 15. Januar, im neuen Quartier,12 Uhr 30 mittags.
Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische Bestimmung.
Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.
Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittageines seltsamen Januars, wo der Schnee auf den Donner folgt?
Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger. Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang — eine etwas unreine Moral, aber immerhin eine Moral — legte soviel Seele hinein, daß der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.
Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.17)Wie viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geistesweltgerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen, sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.
Den 19. Januar.
Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel, rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde weiß.
Ich habe zwei Packete erhalten, in denen dasRolandsliedmir unendliche Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht gerade von demMahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit den bösen Geistern erzählt.
Ich freue mich über Deine so lieben Briefe.Was die Leiden betrifft, die Du vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.
Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.
Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt, wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen der letzten Ordnung nur hemmen würde.
Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden, wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtigerWeise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade daher, daß wir das nicht vergessen können.
Den 20. Januar, früh morgens.
Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei Nächte, bald ist es umgekehrt.
Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere Schritte.
Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum, in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des Schnees.
Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. DieseVerse, die mir so vertraut sind, klangen friedlich an mein Ohr:
Mein Kind, meine Schwester,Denke, wie süß es wäre,Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .In dem Lande, daß Dir gleicht.
Mein Kind, meine Schwester,
Denke, wie süß es wäre,
Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .
In dem Lande, daß Dir gleicht.
Ja, die „Aufforderung zur Reise“ von Baudelaire18)zog durch den entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen . . .
Den 20. Januar, abends.
Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert.
Den 21. Januar.
Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der Schützengräben.
Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was Anatole France darüber im Mannequin d’Osier19)schreibt? Er liebt ihr feingegliedertes Skelett und ihre innerlicheSchönheit, die der Winter vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des Himmels.
Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest. Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt!
Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . .
Den 22. Januar.
. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermagdie rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht.
Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden. Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres Winterlebens hat ein Ende genommen.
2 Uhr nachmittags.
Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.
Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war.
Den 23. Januar.
. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein, ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.
Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine teure Vergangenheiterscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf, wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln, Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt.
Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.
Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm geschlagen sind, nicht leiden wird.
Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers, nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das spielendeKind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen, an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der Erde aufzunehmen.
Den 26. Januar.
Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt, auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.
Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung aller Kräfte,die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.
Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte.
Merket wohl,daß ich alle Hoffnunghabe und daß ich auf einen Sieg der Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne.
Den 27. Januar, nachmittags.
Nach zwei — wegen des Mangels an Stroh — schlechten Nächten im Quartier ist die dritte durchunsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können.
Herrliches Wetter, Frost und Sonne.
Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere Stimme stärkt mich. — Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die Zukunft! . . . . .
Den 28. Januar, in der Morgensonne.
Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen.
Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville, über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .
Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher20)erfahren habe.Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses schrecklichen Krieges gefallen.
Den 1. Februar.
Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster Linie — diesmal in einem Dorfe — durch eine völlige Ruhe begünstigt worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten, die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen gegenüber nicht mehr durch die gefühlloseBestimmung der Dienstordnung befohlen sind.
Den 2. Februar.
Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen! Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durchden herben Ernst seiner Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage verhüllt.
Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht . . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.
Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt? Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit, in diese Weiße hinein.
Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne.
Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der sie umfängt.
Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter. Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz!
Den 2. Februar.
Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin. Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder.
Den 3. Februar.
Teure geliebte Mutter,
Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.
Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denenich in einem herrlichen Artikel über Louis Veuillot21)diesen Satz mir merkte: „O mein Gott, nimm von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!“ Ja wir dürfen die fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte Seele zurückbringen.
So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich Dir besser.
Den 4. Februar.
Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit, Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und Hoffnungen aus. — Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi gewählt hat:Krieg und Frieden. Früher glaubte ich, er wolle den Gegensatzzwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden, ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie jene Maueranschläge auf: „Schonet die Tiere“. — Wie wird inmitten der täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart!
Den 5. Februar.
Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen.
Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.
Teure, geliebte Mutter,
Den 6. Februar.
Nach der schlaflosen,22)vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.
Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und diese köstliche Blüteder griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost. Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de l’Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu empfangen.23)
Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich umgebenden Stürmen zu fliehen.
Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche.
Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken, welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichenund ewigen Sätze Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche Tragödie.
Den 7. Februar.
Teuerste vielgeliebte Mutter,
Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.
Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.
Den 9. Februar.
Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin. Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? DieStunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit — unabwendbar — einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.
Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung eines Unbedingten!
Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen, um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch noch einmal die Einsamkeit erleben!O Einsamkeit für die, die ihrer würdig sind! Wie wird sie mitunter entweiht!
Den 11. Februar.
. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube, der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche Geduld übersteigende Ordnung.
Den 11. Februar,2. Tag in der vordersten Stellung.
In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein als eine Erinnerung.
Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum Andenken an mich.
5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.
Den 13. Februar,4. Tag in der vordersten Stellung.
Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen Zeit erschüttert hat,vermag ich wieder zu sagen: „Dein Wille geschehe.“
Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht verzweifelt.
Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür. Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.
Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles, selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.
Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.
Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man.
Den 14. Februar,5. Tag in der vordersten Stellung.
Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich allmählich wieder.
Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse der Ratte, die Einsiedler wurde.24)
Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .
Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über verschiedene Abhängezu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der Erkenntnis zerreißen.
Den 16. Februar.
Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen, allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die Vorbereitungen sich häuften.
Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.
In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die Maschinengewehre bestrichen.Die Erschöpfung der Mannschaften war derart, daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde? Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen . . .
Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens gelitten als durch gewisse Berührungen.
Den 16. Februar, 9 Uhr abends.
Teuerste, geliebte Mutter,
Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnittin der Kampflinie verließen, sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine Ruhe mehr.
Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem sternenhellen Himmel.
Den 19. Februar.Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.
Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.
Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird wahrscheinlich große Verspätung haben . . .
Den 22. Februar.
Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.
Den 22. Februar,erster Tag im Quartier.
Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen auf Erden erzählen.
Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halbMonaten mit mir schleppte, war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen erwartete.
Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des Ereignisses.
Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.
Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir losgestürmt sind . . .
Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten. Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur Worte für ihren Jammer.
Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch hierbei habe ich meine Pflicht getan.
Ich bin vorgedrungen und habe den Säbeleines Offiziers, der sich ergab, in Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt. Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im Armeebefehl nennen zu lassen,25)als er vor meinen Augen fiel.
Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter, was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde, von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .
Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, dieuns zwölfhundert Opfer gekostet haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden.
Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.
Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe, erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher Sturm entdecken läßt?
Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.
Den 23. Februar.
Teuerste, geliebte Mutter,
Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front. Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß, daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach dem, was in Weisheit unser Glück ist.
Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der Erwartung. Aber Gott ist über uns.
Den 26. Februar,während eines herrlichen Nachmittags.
Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene, erdfarbeneUnglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung.
Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten „ernste“ nennt.
Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.
Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.
Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich, daß es Greuel gibt in dem Maße!
Den 28. Februar, im Quartier.
Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch, indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit aufhäufen kann.
Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.
Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungenzurück, aus denen man die ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten.
Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten, versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.
Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse, freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere Verwendung? Warumbin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so geschehe sein Wille!
Den 3. März, im Quartier.
Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.
Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanengelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir gemildert.
Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . . Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.
. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .
Den 5. März,6. Tag im Quartier.
Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.
Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so schöne, so edle, so abschließendeLehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte.
Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben, daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .
Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.
Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.
Den 7. März, 10½ Uhr.
Teure vielgeliebte Mutter,
Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens.
Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .
Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.
Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird. Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte Arbeitmit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können.
Den 7. März, zweiter Brief.
Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein.
Den 11. März.
Teure geliebte Mutter,
Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.
Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an. Ich lebe in allendiesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben. Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir erlauben will.
Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .
5 Uhr Nachmittags.
Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas erhält mich aber immer gesund.
Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer wie Blei . . .
Den 14. März, morgens,im sonntäglichen Frieden.
Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die das Merkmal der Gegend ist . . .
. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.
Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.