"Und die Katz ist eine Hexe,Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm,Drüben nach dem Geisterberge,Nach dem altverfallnen Turm.
"Dort hat einst ein Schloß gestanden,Voller Lust und Waffenglanz;Blanke Ritter, Fraun und KnappenSchwangen sich im Fackeltanz.
"Da verwünschte Schloß und LeuteEine böse Zauberin;Nur die Trümmer blieben stehen,Und die Eulen nisten drin.
"Doch die selge Muhme sagte:Wenn man spricht das rechte Wort,Nächtlich zu der rechten Stunde,Drüben an dem rechten Ort:
"So verwandeln sich die TrümmerWieder in ein heiles Schloß,Und es tanzen wieder lustigRitter, Fraun und Knappentroß;
"Und wer jenes Wort gesprochen,Dem gehören Schloß und Leut,Pauken und Trompeten huldgenSeiner jungen Herrlichkeit."
Also blühen MärchenbilderAus des Mundes Röselein,Und die Augen gießen drüberIhren blauen Sternenschein.
Ihre goldnen Haare wickeltMir die Kleine um die Händ,Gibt den Fingern hübsche Namen,Lacht und küßt, und schweigt am End.
Und im stillen Zimmer allesBlickt mich an so wohlvertraut;Tisch und Schrank, mir ist, als hätt ichSie schon früher mal geschaut.
Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr,Und die Zither, hörbar kaum,Fängt von selber an zu klingen,Und ich sitze wie im Traum.
Jetzo ist die rechte Stunde,Und es ist der rechte Ort;Ja, ich glaube, von den LippenGleitet mir das rechte Wort.
Siehst du, Kindchen, wie schon dämmertUnd erbebt die Mitternacht!Bach und Tannen brausen lauter,Und der alte Berg erwacht.
Zitherklang und ZwergenliederTönen aus des Berges Spalt,Und es sprießt, wie'n toller Frühling,Draus hervor ein Blumenwald: —
Blumen, kühne Wunderblumen,Blätter, breit und fabelhaft,Duftig bunt und hastig regsam,Wie gedrängt von Leidenschaft.
Rosen, wild, wie rote Flammen,Sprühn aus dem Gewühl hervor;Lilien, wie kristallne Pfeiler,Schießen himmelhoch empor.
Und die Sterne, groß wie SonnenSchaun herab mit Sehnsuchtglut;In der Lilien RiesenkelcheStrömet ihre Strahlenflut.
Doch wir selber, süßes Kindchen,Sind verwandelt noch viel mehr;Fackelglanz und Gold und SeideSchimmern lustig um uns her.
Du, du wurdest zur Prinzessin,Diese Hütte ward zum Schloß,Und da jubeln und da tanzenRitter, Fraun und Knappentroß.
Aber ich, ich hab erworbenDich und alles, Schloß und Leut;Pauken und Trompeten huldgenMeiner jungen Herrlichkeit!
Der Hirtenknabe
König ist der Hirtenknabe,Grüner Hügel ist sein Thron;Über seinem Haupt die SonneIst die große, goldne Krön.
Ihm zu Füßen liegen Schafe,Weiche Schmeichler, rotbekreuztKavaliere sind die Kälber,Und sie wandeln stolzgespreizt.
Hofschauspieler sind die Böcklein;Und die Vögel und die Küh,Mit den Flöten, mit den Glöcklein,Sind die Kammermusizi.
Und das klingt und singt so lieblich,Und so lieblich rauschen dreinWasserfall und Tannenbäume,Und der König schlummert ein.
Unterdessen muß regierenDer Minister, jener Hund,Dessen knurriges GebelleWiderhallet in der Rund.
Schläfrig lallt der junge König:"Das Regieren ist so schwer;Ach, ich wollt, daß ich zu HauseSchon bei meiner Kön'gin wär!
"In den Armen meiner Kön'ginRuht mein Königshaupt so weich,Und in ihren schönen AugenLiegt mein unermeßlich Reich!"
Auf dem Brocken
Heller wird es schon im OstenDurch der Sonne kleines Glimmen,Weit und breit die BergesgipfelIn dem Nebelmeere schwimmen.
Hätt ich Siebenmeilenstiefel,Lief ich, mit der Hast des Windes,Über jene Bergesgipfel,Nach dem Haus des lieben Kindes.
Von dem Bettchen, wo sie schlummert,Zög ich leise die Gardinen,Leise küßt ich ihre Stirne,Leise ihres Munds Rubinen.
Und noch leiser wollt ich flüsternIn die kleinen Lilienohren:Denk im Traum, daß wir uns lieben,Und daß wir uns nie verloren.
Die Ilse
Ich bin die Prinzessin Ilse,Und wohne im Ilsenstein;Komm mit nach meinem Schlosse,Wir wollen selig sein.
Dein Haupt will ich benetzenMit meiner klaren Well,Du sollst deine Schmerzen vergessen,Du sorgenkranker Gesell!
In meinen weißen Armen,An meiner weißen Brust,Da sollst du liegen und träumenVon alter Märchenlust.
Ich will dich küssen und herzen,Wie ich geherzt und geküßtDen lieben Kaiser Heinrich,Der nun gestorben ist.
Es bleiben tot die Toten,Und nur der Lebendige lebt;Und ich bin schön und blühend,Mein lachendes Herze bebt.
Komm in mein Schloß herunter,In mein kristallenes Schloß.Dort tanzen die Fräulein und Ritter,Es jubelt der Knappentroß.
Es rauschen die seidenen Schleppen,Es klirren die Eisensporn,Die Zwerge trompeten und pauken,Und fiedeln und blasen das Horn.
Doch dich soll mein Arm umschlingen,Wie er Kaiser Heinrich umschlang; —Ich hielt ihm zu die Ohren,Wenn die Trompet erklang.
Die Nordsee 1825-1826
Erster Zyklus
Krönung
Ihr Lieder! Ihr meine guten Lieder!Auf, auf! und wappnet euch!Laßt die Trompeten klingen,Und hebt mir auf den SchildDies junge Mädchen,Das jetzt mein ganzes HerzBeherrschen soll, als Königin.
Heil dir! du junge Königin!
Von der Sonne drobenReiß ich das strahlend rote Gold,Und webe draus ein DiademFür dein geweihtes Haupt.Von der flatternd blauseidnen Himmelsdecke,Worin die Nachtdiamanten blitzen,Schneid ich ein kostbar Stück,Und häng es dir, als Krönungsmantel,Um deine königliche Schulter.Ich gebe dir einen HofstaatVon steifgeputzten Sonetten,Stolzen Terzinen und höflichen Stanzen;Als Läufer diene dir mein Witz,Als Hofnarr meine Phantasie,Als Herold, die lachende Träne im Wappen,Diene dir mein Humor.Aber ich selber, Königin,Ich kniee vor dir nieder,Und huldgend, auf rotem Sammetkissen,Überreiche ich dirDas bißchen Verstand,Das mir, aus Mitleid, noch gelassen hatDeine Vorgängerin im Reich.
Abenddämmerung
Am blassen MeeresstrandeSaß ich gedankenbekümmert und einsam.Die Sonne neigte sich tiefer und warfGlührote Streifen auf das Wasser,Und die weißen, weiten Wellen,Von der Flut gedrängt,Schäumten und rauschten näher und näher —Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen —Mir war, als hört ich verschollne Sagen,Uralte, liebliche Märchen,Die ich einst, als Knabe,Von Nachbarskindern vernahm,Wenn wir am Sommerabend,Auf den Treppensteinen der Haustür,Zum stillen Erzählen niederkauerten,Mit kleinen, horchenden HerzenUnd neugierklugen Augen; —Während die großen Mädchen,Neben duftenden Blumentöpfen,Gegenüber am Fenster saßen,Rosengesichter,Lächelnd und mondbeglänzt.
Sonnenuntergang
Die glühend rote Sonne steigtHinab ins weitaufschauernde,Silbergraue Weltenmeer;Luftgebilde, rosig angehaucht,Wallen ihr nach; und gegenüber,Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleiern,Ein traurig todblasses Antlitz,Bricht hervor der Mond,Und hinter ihm, Lichtfünkchen,Nebelweit, schimmern die Sterne.
Einst am Himmel glänzten,Ehlich vereint,Luna, die Göttin, und Sol, der Gott,Und es wimmelten um sie her die Sterne,Die kleinen, unschuldigen Kinder.
Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt,Und es trennte sich feindlichDas hohe, leuchtende Ehpaar.
Jetzt am Tage, in einsamer Pracht,Ergeht sich dort oben der Sonnengott,Ob seiner HerrlichkeitAngebetet und vielbesungenVon stolzen, glückgehärteten Menschen.Aber des Nachts,Am Himmel, wandelt Luna,Die arme Mutter,Mit ihren verwaisten Sternenkindern,Und sie glänzt in stiller Wehmut.Und liebende Mädchen und sanfte DichterWeihen ihr Tränen und Lieder.
Die weiche Luna! Weiblich gesinnt,Liebt sie noch immer den schönen Gemahl.Gegen Abend, zitternd und bleich,Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk,Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich,Und möchte ihm ängstlich rufen: "Komm!Komm! die Kinder verlangen nach dir —"Aber der trotzige Sonnengott,Bei dem Anblick der Gattin erglüht erIn doppeltem Purpur,Vor Zorn und Schmerz,Und unerbittlich eilt er hinabIn sein flutenkaltes Witwerbett.
Böse, zischelnde ZungenBrachten also Schmerz und VerderbenSelbst über ewige Götter.Und die armen Götter, oben am HimmelWandeln sie, qualvoll,Trostlos unendliche Bahnen,Und können nicht sterben,Und schleppen mit sichIhr strahlendes Elend.
Ich aber, der Mensch,Der niedriggepflanzte, der Tod-beglückte,Ich klage nicht länger.
Die Nacht am Strande
Sternlos und kalt ist die Nacht,Es gärt das Meer;Und über dem Meer, platt auf dem Bauch,Liegt der ungestaltete Nordwind,Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme,Wie'n störriger Griesgram, der gutgelaunt wird,Schwatzt er ins Wasser hinein,Und erzählt viel tolle Geschichten,Riesenmärchen, totschlaglaunig,Uralte Sagen aus Norweg,Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult erBeschwörungslieder der Edda,Auch Runensprüche,So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,Daß die weißen MeerkinderHoch aufspringen und jauchzen,Übermutberauscht.
Derweilen, am flachen Gestade,Über den flutbefeuchteten Sand,Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen,Das wilder noch als Wind und Wellen.Wo er hintritt,Sprühen Funken und knistern die Muscheln;Und er hüllt sich fest in den grauen Mantel,Und schreitet rasch durch die wehende Nacht; —Sicher geleitet vom kleinen Lichte,Das lockend und lieblich schimmertAus einsamer Fischerhütte.
Vater und Bruder sind auf der See,Und mutterseelallein blieb dortIn der Hütte die Fischertochter,Die wunderschöne Fischertochter.Am Herde sitzt sie,Und horcht auf des WasserkesselsAhnungssüßes, heimliches Summen,Und schüttet knisterndes Reisig ins Feuer,Und bläst hinein,Daß die flackernd roten LichterZauberlieblich widerstrahlenAuf das blühende Antlitz,Auf die zarte, weiße Schulter,Die rührend hervorlauschtAus dem groben, grauen Hemde,Und auf die kleine, sorgsame Hand,Die das Unterröckchen fester bindetUm die feine Hüfte.
Aber plötzlich, die Tür springt auf,Und es tritt herein der nächtige Fremdling:Liebessicher ruht sein AugeAuf dem weißen, schlanken Mädchen,Das schauernd vor ihm steht,Gleich einer erschrockenen Lilie;Und er wirft den Mantel zur Erde,Und lacht und spricht:
Siehst du, mein Kind, ich halte Wort,Und ich komme, und mit mir kommtDie alte Zeit, wo die Götter des HimmelsNiederstiegen zu Töchtern der Menschen,Und die Töchter der Menschen umarmten,Und mit ihnen zeugtenZeptertragende KönigsgeschlechterUnd Helden, Wunder der Welt.Doch staune, mein Kind, nicht längerOb meiner Göttlichkeit,Und, ich bitte dich, koche mir Tee mit Rum,Denn draußen war's kalt,Und bei solcher NachtluftFrieren auch wir, wir ewigen Götter,Und kriegen wir leicht den göttlichsten Schnupfen,Und einen unsterblichen Husten.
Poseidon
Die Sonnenlichter spieltenÜber das weithinrollende Meer;Fern auf der Reede glänzte das Schiff,Das mich zur Heimat tragen sollte;Aber es fehlte an gutem Fahrwind.Und ich saß noch ruhig auf weißer Düne,Am einsamen Strand,Und ich las das Lied vom Odysseus,Das alte, das ewig junge Lied,Aus dessen meerdurchrauschten BlätternMir freudig entgegenstiegDer Atem der Götter,Und der leuchtende Menschenfrühling,Und der blühende Himmel von Hellas.
Mein edles Herz begleitete treulichDen Sohn des Laertes, in Irrfahrt und DrangsalSetzte sich mit ihm, seelenbekümmert,An gastliche Herde,Wo Königinnen Purpur spinnen,Und half ihm lügen und glücklich entrinnenAus Riesenhöhlen und Nymphenarmen,Folgte ihm nach in kimmerische Nacht,Und in Sturm und Schiffbruch,Und duldete mit ihm unsägliches Elend.
Seufzend sprach ich: Du böser Poseidon,Dein Zorn ist furchtbar,Und mir selber bangtOb der eigenen Heimkehr.
Kaum sprach ich die Worte,Da schäumte das Meer,Und aus den weißen Wellen stiegDas schilfbekränzte Haupt des Meergotts,Und höhnisch rief er:Fürchte dich nicht, Poetlein!Ich will nicht im geringsten gefährdenDein armes Schiffchen,Und nicht dein liebes Leben beängstgenMit allzu bedenklichem Schaukeln.Denn du, Poetlein, hast nie mich erzürnt,Du hast kein einziges Türmchen verletztAn Priamos' heiliger Feste,Kein einziges Härchen hast du versengtAm Äug meines Sohns Polyphemos,Und dich hat niemals ratend beschütztDie Göttin der Klugheit, Pallas Athene.
Also rief PoseidonUnd tauchte zurück ins Meer;Und über den groben SeemannswitzLachten unter dem WasserAmphitrite, das plumpe Fischweib,Und die dummen Töchter des Nereus.
Erklärung
Herangedämmert kam der Abend,Wilder toste die Flut,Und ich saß am Strand, und schaute zuDem weißen Tanz der Wellen,Und meine Brust schwoll auf wie das Meer,Und sehnend ergriff mich ein tiefes HeimwehNach dir, du holdes Bild,Das überall mich umschwebt,Und überall mich ruft,Überall, überall,Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers,Und im Seufzen der eigenen Brust.
Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand:"Agnes, ich liebe dich!"Doch böse Wellen ergossen sichÜber das süße Bekenntnis,Und löschten es aus.
Zerbrechliches Rohr, zerstiebender Sand,Zerfließende Wellen, euch trau ich nicht mehr!Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder,Und mit starker Hand, aus Norwegs Wäldern,Reiß ich die höchste Tanne,Und tauche sie einIn des Ätnas glühenden Schlund, und mit solcherFeuergetränkten RiesenfederSchreib ich an die dunkle Himmelsdecke:"Agnes, ich liebe dich!"
Jedwede Nacht lodert alsdannDort oben die ewige Flammenschrift,Und alle nachwachsende EnkelgeschlechterLesenjauchzend die Himmelsworte:"Agnes, ich liebe dich!"
Nachts in der Kajüte
Das Meer hat seine Perlen,Der Himmel hat seine Sterne,Aber mein Herz, mein Herz,Mein Herz hat seine Liebe.
Groß ist das Meer und der Himmel,Doch größer ist mein Herz,Und schöner als Perlen und SterneLeuchtet und strahlt meine Liebe.
Du kleines, junges Mädchen,Komm an mein großes Herz;Mein Herz und das Meer und der HimmelVergehn vor lauter Liebe.
* * *
An die blaue Himmelsdecke,Wo die schönen Sterne blinken,Möcht ich pressen meine Lippen,Pressen wild und stürmisch weinen.
Jene Sterne sind die AugenMeiner Liebsten, tausendfältigSchimmern sie und grüßen freundlichAus der blauen Himmelsdecke.
Nach der blauen Himmelsdecke,Nach den Augen der Geliebten,Heb ich andachtsvoll die Arme,Und ich bitte und ich flehe:
Holde Augen, Gnadenlichter,O, beseligt meine Seele,Laßt mich sterben und erwerbenEuch und euren ganzen Himmel!
* * *
Aus den Himmelsaugen drobenFallen zitternd goldne FunkenDurch die Nacht, und meine SeeleDehnt sich liebeweit und weiter.
O, ihr Himmelsaugen droben!Weint euch aus in meine SeeleDaß von lichten SternentränenÜberfließet meine Seele.
* * *
Eingewiegt von Meereswellen,Und von träumenden Gedanken,Lieg ich still in der Kajüte,In dem dunkeln Winkelbette.
Durch die offne Luke schau ichDroben hoch die hellen SternDie geliebten, süßen AugenMeiner süßen Vielgeliebten.
Die geliebten, süßen AugenWachen über meinem Haupte,Und sie blinken und sie winkenAus der blauen Himmelsdecke.
Nach der blauen HimmelsdeckeSchau ich selig lange Stunden,Bis ein weißer NebelschleierMir verhüllt die lieben Augen.
* * *
An die bretterne Schiffswand,Wo mein träumendes Haupt liegt,Branden die Wellen, die wilden Wellen.Sie rauschen und murmelnMir heimlich ins Ohr:"Betörter Geselle!Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weitUnd die Sterne droben sind festgenagelt,Mit goldnen Nägeln —Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen,Das beste wäre. du schliefest ein."
* * *
Es träumte mir von einer weiten Heide,Weit überdeckt von stillem, weißem Schnee,Und unterm weißen Schnee lag ich begrabenUnd schlief den einsam kalten Todesschlaf.Doch droben aus dem dunkeln Himmel schautenHerunter auf mein Grab die Sternenaugen,Die süßen Augen! und sie glänzten sieghaftUnd ruhig heiter, aber voller Liebe.
Sturm
Es wütet der Sturm,Und er peitscht die Wellen,Und die Wellen, wutschäumend und bäumend,Türmen sich auf, und es wogen lebendigDie weißen Wasserberge,Und das Schifflein erklimmt sie,Hastig mühsam,Und plötzlich stürzt es hinabIn schwarze, weitgähnende Flutabgründe —
O Meer!Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!Großmutter der Liebe! schone meiner!Schon flattert, leichenwitternd,Die weiße, gespenstige Möwe,Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel,Und lechzt, voll Fraßbegier, nach dem Herzen,Das vom Ruhm deiner Tochter ertöntUnd das dein Enkel, der kleine Schalk,Zum Spielzeug erwählt.
Vergebens mein Bitten und Flehn!Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,Im Schlachtlärm der Winde.Es braust und pfeift und prasselt und heult,Wie ein Tollhaus von Tönen!Und zwischendurch hör ich vernehmbarLockende Harfenlaute,Sehnsuchtwilden Gesang,Seelenschmelzend und seelenzerreißend,Und ich erkenne die Stimme.
Fern an schottischer Felsenküste,Wo das graue Schlößlein hinausragtÜber die brandende See,Dort, am hochgewölbten Fenster,Steht eine schöne, kranke Frau,Zartdurchsichtig und marmorblaß,Und sie spielt die Harfe und singt,Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken,Und trägt ihr dunkles LiedÜber das weite, stürmende Meer.
Meeresstille
Meeresstille! Ihre StrahlenWirft die Sonne auf das Wasser,Und im wogenden GeschmeideZieht das Schiff die grünen Furchen.
Bei dem Steuer liegt der BootsmannAuf dem Bauch, und schnarchet leise.Bei dem Mastbaum, segelflickend,Kauert der beteerte Schiffsjung.
Hinterm Schmutze seiner WangenSprüht es rot, wehmütig zuckt esUm das breite Maul, und schmerzlichSchaun die großen, schönen Augen.
Denn der Kapitän steht vor ihm,Tobt und flucht und schilt ihn: Spitzbub."Spitzbub! einen Hering hast duAus der Tonne mir gestohlen!"
Meeresstille! Aus den WellenTaucht hervor ein kluges Fischlein,Wärmt das Köpfchen in der Sonne,Plätschert lustig mit dem Schwänzchen.
Doch die Möwe, aus den Lüften,Schießt herunter auf das Fischlein,Und den raschen Raub im Schnabel,Schwingt sie sich hinauf ins Blaue.
Seegespenst
Ich aber lag am Rande des Schiffes,Und schaute, träumenden Auges,Hinab in das spiegelklare Wasser,Und schaute tiefer und tiefer —Bis tief, im Meeresgrunde,Anfangs wie dämmernde Nebel,Jedoch allmählich farbenbestimmter,Kirchenkuppel und Türme sich zeigten,Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,Altertümlich niederländisch,Und menschenbelebt.Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt,Mit weißen Halskrausen und EhrenkettenUnd langen Degen und langen Gesichtern,Schreiten über den wimmelnden Marktplatz,Nach dem treppenhohen Rathaus,Wo steinerne KaiserbilderWacht halten mit Zepter und Schwert.Unferne, vor langen Häuserreihn,Wo spiegelblanke FensterUnd pyramidisch beschnittene Linden,Wandeln seidenrauschende Jungfern,Schlanke Leibchen, die BlumengesichterSittsam umschlossen von schwarzen MützchenUnd hervorquellendem Goldhaar.Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,Stolzieren vorüber und nicken.Bejahrte Frauen,In braunen, verschollnen Gewändern,Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,Eilen, trippelnden Schritts,Nach dem großen Dome,Getrieben von GlockengeläuteUnd rauschendem Orgelton.
Mich selbst ergreift des fernen KlangsGeheimnisvoller Schauer!Unendliches Sehnen, tiefe WehmutBeschleicht mein Herz,Mein kaum geheiltes Herz; —Mir ist, als würden seine WundenVon lieben Lippen aufgeküßt,Und täten wieder bluten —Heiße, rote Tropfen,Die lang und langsam niederfallnAuf ein altes Haus, dort untenIn der tiefen Meerstadt,Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,Das melancholisch menschenleer ist,Nur daß am untern FensterEin Mädchen sitzt,Den Kopf auf den Arm gestützt,Wie ein armes, vergessenes Kind —Und ich kenne dich armes, vergessenes Kind!
So tief, meertief alsoVerstecktest du dich vor mir,Aus kindischer Laune,Und konntest nicht mehr herauf,Und saßest fremd unter fremden Leuten,Jahrhunderte lang,Derweilen ich, die Seele voll Gram,Auf der ganzen Erde dich suchte,Und immer dich suchte,Du Immergeliebte,Du Längstverlorene,Du Endlichgefundene —Ich hab dich gefunden und schaue wiederDein süßes Gesicht,Die klugen, treuen Augen,Das liebe Lächeln —
Und nimmer will ich dich wieder verlassen,Und ich komme hinab zu dir,Und mit ausgebreiteten ArmenStürz ich hinab an dein Herz —
Aber zur rechten Zeit nochErgriff mich beim Fuß der Kapitän,Und zog mich vom Schiffsrand,Und rief, ärgerlich lachend:Doktor, sind Sie des Teufels?
Reinigung
Bleib du in deiner Meerestiefe,Wahnsinniger Traum,Der du einst so manche NachtMein Herz mit falschem Glück gequält hast,Und jetzt, als Seegespenst,Sogar am hellen Tag mich bedrohest —Bleib du dort unten, in Ewigkeit,Und ich werfe noch zu dir hinabAll meine Schmerzen und Sünden,Und die Schellenkappe der Torheit,Die so lange mein Haupt umklingelt,Und die kalte, gleißende SchlangenhautDer Heuchelei,Die mir so lang die Seele umwunden,Die kranke Seele,Die gottverleugnende, engelverleugnende,Unselige Seele —Hoiho! hoiho! Da kommt der Wind!Die Segel auf! Sie flattern und schwelln!Über die stillverderbliche FlächeEilet das Schiff,Und es jauchzt die befreite Seele.
Frieden
Hoch am Himmel stand die Sonne,Von weißen Wolken umwogt,Das Meer war still,Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,Träumerisch sinnend, — und halb im WachenUnd halb im Schlummer, schaute ich Christus,Den Heiland der Welt.Im wallend weißen GewandeWandelt er riesengroßÜber Land und Meer;Es ragte sein Haupt in den Himmel,Die Hände streckte er segnendÜber Land und Meer;Und als ein Herz in der BrustTrug er die Sonne,Die rote, flammende Sonne,Und das rote, flammende SonnenherzGoß seine GnadenstrahlenUnd sein holdes, liebseliges Licht,Erleuchtend und wärmend,Über Land und Meer.
Glockenklänge zogen feierlichHin und her, zogen wie Schwäne,An Rosenbändern, das gleitende Schiff,Und zogen es spielend ans grüne Ufer,Wo Menschen wohnen, in hochgetürmter,Ragender Stadt.
O Friedenswunder! Wie still die Stadt!Es ruhte das dumpfe GeräuschDer schwatzenden, schwülen Gewerbe,Und durch die reinen, hallenden StraßenWandelten Menschen, weißgekleidete,Palmzweigtragende,Und wo sich zwei begegneten,Sahn sie sich an, verständnisinnig,Und schauernd, in Liebe und süßer Entsagung,Küßten sie sich auf die Stirne,Und schauten hinaufNach des Heilands Sonnenherzen,Das freudig versöhnend sein rotes BlutHinunterstrahlte,Und dreimalselig sprachen sie:Gelobt sei Jesu Christ!
Zweiter Zyklus
Meergruß
Thalatta! Thalatta!Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!Sei mir gegrüßt zehntausendmal,Aus jauchzendem Herzen,Wie einst dich begrüßtenZehntausend Griechenherzen,Unglückbekämpfende, heimatverlangende,Weltberühmte Griechenherzen.
Es wogten die Fluten,Sie wogten und brausten,Die Sonne goß eilig herunterDie spielenden Rosenlichter,Die aufgescheuchten MöwenzügeFlatterten fort, lautschreiend,Es stampften die Rosse, es klirrten die Schilde,Und weithin erscholl es, wie Siegesruf:Thalatta! Thalatta!
Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,Wie Träume der Kindheit seh ich es flimmernAuf deinem wogenden Wellengebiet,Und alte Erinnrung erzählt mir aufs neueVon all dem lieben, herrlichen Spielzeug,Von all den blinkenden Weihnachtsgaben,Von all den roten Korallenbäumen,Goldfischchen, Perlen und bunten Muscheln,Die du geheimnisvoll bewahrst,Dort unten im klaren Kristallhaus.
O! wie hab ich geschmachtet in öder Fremde!Gleich einer welken BlumeIn des Botanikers blecherner Kapsel,Lag mir das Herz in der Brust.Mir ist, als säße ich winterlange,Ein Kranker, in dunkler Krankenstube,Und nun verlaß ich sie plötzlich,Und blendend strahlt mir entgegenDer smaragdene Frühling, der sonnengeweckte,Und es rauschen die weißen Blütenbäume,Und die jungen Blumen schauen mich an,Mit bunten, duftenden Augen,Und es duftet und summt, und atmet und lacht,Und im blauen Himmel singen die Vöglein —Thalatta! Thalatta!
Du tapferes Rückzugherz!Wie oft, wie bitteroftBedrängten dich des Nordens Barbarinnen!Aus großen, siegenden AugenSchossen sie brennende Pfeile;Mit krummgeschliffenen WortenDrohten sie mir die Brust zu spalten;Mit Keilschriftbilletts zerschlugen sie mirDas arme, betäubte Gehirn —Vergebens hielt ich den Schild entgegen,Die Pfeile zischten, die Hiebe krachten,Und von des Nordens BarbarinnenWard ich gedrängt bis ans Meer,Und frei aufatmend begrüß ich das Meer,Das liebe, rettende Meer —Thalatta! Thalatta!
Gewitter
Dumpf liegt auf dem Meer das Gewitter,Und durch die schwarze WolkenwandZuckt der zackige Wetterstrahl,Rasch aufleuchtend und rasch verschwindend,Wie ein Witz aus dem Haupte Kronions.Über das wüste, wogende WasserWeithin rollen die DonnerUnd springen die weißen Wellenrosse,Die Boreas selber gezeugtMit des Erichthons reizenden Stuten,Und es flattert ängstlich das Seegevögel,Wie Schattenleichen am Styx,Die Charon abwies vom nächtlichen Kahn.
Armes, lustiges Schifflein,Das dort dahintanzt den schlimmsten Tanz!Äolus schickt ihm die flinksten Gesellen,Die wild aufspielen zum fröhlichen Reigen;Der eine pfeift, der andre bläst,Der dritte streicht den dumpfen Brummbaß —Und der schwankende Seemann steht am Steuer,Und schaut beständig nach der Bussole,Der zitternden Seele des Schiffes,Und hebt die Hände flehend zum Himmel:O rette mich, Kastor, reisiger Held!Und du, Kämpfer der Faust, Polydeukes!
Der Schiffbrüchige
Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!Und ich selber, gleich einer Leiche,Die grollend ausgeworfen das Meer,Lieg ich am Strande,Am öden, kahlen Strande.Vor mir woget die Wasserwüste,Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,Und über mich hin ziehen die Wolken,Die formlos grauen Töchter der Luft,Die aus dem Meer, in Nebeleimern,Das Wasser schöpfen,Und es mühsam schleppen und schleppen,Und es wieder verschütten ins Meer,Ein trübes, langweilges Geschäft,Und nutzlos, wie mein eignes Leben.
Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,Alte Erinnerungen wehen mich an,Vergessene Träume, erloschene Bilder,Qualvoll süße, tauchen hervor!
Es lebt ein Weib im Norden,Ein schönes Weib, königlich schön.Die schlanke ZypressengestaltUmschließt ein lüstern weißes Gewand;Die dunkle Lockenfülle,Wie eine selige Nacht,Von dem flechtengekrönten Haupt sich ergießend,Ringelt sich träumerisch süßUm das süße, blasse Antlitz;Und aus dem süßen, blassen Antlitz,Groß und gewaltig, strahlt ein Auge,Wie eine schwarze Sonne.
O, du schwarze Sonne, wie oft,Entzückend oft, trank ich aus dirDie wilden Begeistrungsflammen,Und stand und taumelte, feuerberauscht —Dann schwebte ein taubenmildes LächelnUm die hochgeschürzten, stolzen Lippen,Und die hochgeschürzten, stolzen LippenHauchten Worte, süß wie Mondlicht,Und zart wie der Duft der Rose —Und meine Seele erhob sichUnd flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!
Schweigt, ihr Wogen und Möwen!Vorüber ist alles, Glück und Hoffnung,Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden,Ein öder, schiffbrüchiger Mann,Und drücke mein glühendes AntlitzIn den feuchten Sand.
Untergang der Sonne
Die schöne SonneIst ruhig hinabgestiegen ins Meer;Die wogenden Wasser sind schon gefärbtVon der dunkeln Nacht,Nur noch die AbendröteÜberstreut sie mit goldnen Lichtern;Und die rauschende FlutgewaltDrängt ans Ufer die weißen Wellen,Die lustig und hastig hüpfen,Wie wollige Lämmerherden,Die abends der singende HirtenjungeNach Hause treibt.
Wie schön ist die Sonne!So sprach nach langem Schweigen der Freund,Der mit mir am Strande wandelte,Und scherzend halb und halb wehmütigVersichert' er mir: die Sonne seiEine schöne Frau, die den alten MeergottAus Konvenienz geheiratet;Des Tages über wandle sie freudigAm hohen Himmel, purpurgeputzt,Und diamantenblitzend,Und allgeliebt und allbewundertVon allen Weltkreaturen,Und alle Weltkreaturen erfreuendMit ihres Blickes Licht und Wärme;Aber des Abends, trostlos gezwungen,Kehre sie wieder zurückIn das nasse Haus, in die öden ArmeDes greisen Gemahls.
"Glaub mirs" — setzte hinzu der Freund,Und lachte und seufzte und lachte wieder —"Die führen dort unten die zärtlichste Ehe!Entweder sie schlafen oder sie zanken sich,Daß hochaufbraust hier oben das Meer,Und der Schiffer im Wellengeräusch es hört,Wie der Alte sein Weib ausschilt:'Runde Metze des Weltalls!Strahlenbuhlende!Den ganzen Tag glühst du für andre,Und nachts, für mich, bist du frostig und müde!'Nach solcher Gardinenpredigt,Versteht sich! bricht dann aus in TränenDie stolze Sonne und klagt ihr Elend,Und klagt so jammerlang, daß der MeergottPlötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt,Und schnell nach der Meeresfläche heraufschwimmt,Um Luft und Besinnung zu schöpfen.
"So sah ich ihn selbst, verflossene Nacht,Bis an die Brust dem Meere enttauchen.Er trug eine Jacke von gelbem Flanell,Und eine lilienweiße SchlafmützUnd ein abgewelktes Gesicht."
Der Gesang Der Okeaniden
Abendlich blasser wird es am Meer,Und einsam, mit seiner einsamen Seele,Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand,Und schaut, todkalten Blickes, hinaufNach der weiten, todkalten Himmelswölbung,Und schaut auf das weite, wogende Meer —Und über das weite, wogende Meer,Lüftesegler, ziehn seine Seufzer,Und kehren zurück, trübselig,Und hatten verschlossen gefunden das Herz,Worin sie ankern wollten —Und er stöhnt so laut, daß die weißen Möwen,Aufgescheucht aus den sandigen Nestern,Ihn herdenweis umflattern,Und er spricht zu ihnen die lachenden Worte:
"Schwarzbeinigte Vögel,Mit weißen Flügeln meerüberflatternde,Mit krummen Schnäbeln seewassersaufende,Und tranigtes Robbenfleisch fressende,Eur Leben ist bitter wie eure Nahrung!Ich aber, der Glückliche, koste nur Süßes!Ich koste den süßen Duft der Rose,Der mondscheingefütterten Nachtigallbraut;Ich koste noch süßeres Zuckerbackwerk,Gefüllt mit geschlagener Sahne;Und das Allersüßeste kost ich:Süße Liebe und süßes Geliebtsein.
"Sie liebt mich! Sie liebt mich! die holde Jungfrau!Jetzt steht sie daheim, am Erker des Hauses,Und schaut in die Dämmrung hinaus, auf die Landstraß,Und horcht, und sehnt sich nach mir — wahrhaftig!Vergebens späht sie umher, und sie seufzet,Und seufzend steigt sie hinab in den Garten,Und wandelt in Duft und Mondschein,Und spricht mit den Blumen, erzählet ihnen,Wie ich, der Geliebte, so lieblich binUnd so liebenswürdig — wahrhaftig!Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum,Umgaukelt sie selig mein teures Bild,Sogar des Morgens, beim Frühstück,Auf dem glänzenden Butterbrote,Sieht sie mein lächelndes Antlitz,Und sie frißt es auf vor Liebe — wahrhaftig!"
Also prahlt er und prahlt er,Und zwischendrein schrillen die Möwen,Wie kaltes, ironisches Kichern.Die Dämmerungsnebel steigen herauf;Aus violettem Gewölk unheimlich,Schaut hervor der grasgelbe Mond;Hochaufrauschen die Meereswogen,Und tief aus hochaufrauschendem Meer,Wehmütig wie flüsternder Windzug,Tönt der Gesang der Okeaniden,Der schönen, mitleidigen Wasserfraun,Vor allen vernehmbar die liebliche StimmeDer silberfüßigen Peleus-Gattin,Und sie seufzen und singen:
O Tor, du Tor, du prahlender Tor!Du kummergequälter!Dahingemordet sind all deine Hoffnungen,Die tändelnden Kinder des Herzens,Und, ach! dein Herz, Nioben gleich,Versteinert vor Gram!In deinem Haupte wirds Nacht,Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnsinns,Und du prahlst vor Schmerzen!O Tor, du Tor, du prahlender Tor!Halsstarrig bist du wie dein Ahnherr,Der hohe Titane, der himmlisches FeuerDen Göttern stahl und den Menschen gab,Und geiergequälet, felsengefesselt,Olympauftrotzte und trotzte und stöhnte,Daß wir es hörten im tiefen MeerUnd zu ihm kamen mit Trostgesang.O Tor, du Tor, du prahlender Tor!Du aber bist ohnmächtiger noch,Und es wäre vernünftig, du ehrtest die Götter,Und trügest geduldig die Last des Elends,Und trügest geduldig so lange, so lange,Bis Atlas selbst die Geduld verliertUnd die schwere Welt von den Schultern abwirftIn die ewige Nacht.
So scholl der Gesang der Okeaniden,Der schönen, mitleidigen Wasserfraun,Bis lautere Wogen ihn überrauschten —Hinter die Wolken zog sich der Mond,Es gähnte die Nacht,Und ich saß noch lange im Dunkeln und weinte.
Die Götter Griechenlands
Vollblühender Mond! In deinem Licht,Wie fließendes Gold, erglänzt das Meer;Wie Tagesklarheit, doch dämmrig verzaubert,Liegts über der weiten Strandesfläche;Und am hellblaun, sternlosen HimmelSchweben die weißen Wolken,Wie kolossale GötterbilderVon leuchtendem Marmor.
Nein, nimmermehr, das sind keine Wolken!Das sind sie selber, die Götter von Hellas,Die einst so freudig die Welt beherrschten,Doch jetzt, verdrängt und verstorben,Als ungeheure Gespenster dahinziehnAm mitternächtlichen Himmel.
Staunend, und seltsam geblendet, betracht ichDas luftige Pantheon,Die feierlich stummen, graunhaft bewegtenRiesengestalten.Der dort ist Kronion, der Himmelskönig,Schneeweiß sind die Locken des Haupts,Die berühmten, olymposerschütternden Locken.Er hält in der Hand den erloschenen Blitz,In seinem Antlitz liegt Unglück und Gram,Und doch noch immer der alte Stolz.Das waren bessere Zeiten, o Zeus,Als du dich himmlisch ergötztestAn Knaben und Nymphen und Hekatomben;Doch auch die Götter regieren nicht ewig,Die jungen verdrängen die alten,Wie du einst selber den greisen VaterUnd deine Titanen-Öhme verdrängt hast,Jupiter Parricida!Auch dich erkenn ich, stolze Juno!Trotz all deiner eifersüchtigen Angst,Hat doch eine andre das Zepter gewonnen,Und du bist nicht mehr die Himmelskön'gin,Und dein großes Aug ist erstarrt,Und deine Lilienarme sind kraftlos,Und nimmermehr trifft deine RacheDie gottbefruchtete JungfrauUnd den wundertätigen Gottessohn.Auch dich erkenn ich, Pallas Athene!Mit Schild und Weisheit konntest du nichtAbwehren das Götterverderben?Auch dich erkenn ich, auch dich, Aphrodite,Einst die goldene! Jetzt die silberne!Zwar schmückt dich noch immer des Gürtels Liebreiz,Doch graut mir heimlich vor deiner Schönheit,Und wollt mich beglücken dein gütiger Leib,Wie andere Helden, ich stürbe vor Angst —Als Leichengöttin erscheinst du mir,Venus Libitina!Nicht mehr mit Liebe blickt nach dir,Dort, der schreckliche Ares.Es schaut so traurig Phöbos Apollo,Der Jüngling. Es schweigt seine Lei'r,Die so freudig erklungen beim Göttermahl.Noch trauriger schaut Hephaistos,Und wahrlich, der Hinkende! nimmermehrFällt er Heben ins Amt,Und schenkt geschäftig, in der Versammlung,Den lieblichen Nektar — Und längst ist erloschenDas unauslöschliche Göttergelächter.
Ich hab euch niemals geliebt, ihr Götter!Denn widerwärtig sind mir die Griechen,Und gar die Römer sind mir verhaßt.Doch heilges Erbarmen und schauriges MitleidDurchströmt mein Herz,Wenn ich euch jetzt da droben schaue,Verlassene Götter,Tote, nachtwandelnde Schatten,Nebelschwache, die der Wind verscheucht —Und wenn ich bedenke, wie feig und windigDie Götter sind, die euch besiegten,Die neuen, herrschenden, tristen Götter,Die schadenfrohen im Schafspelz der Demut —O, da faßt mich ein düsterer Groll,Und brechen möcht ich die neuen Tempel,Und kämpfen für euch, ihr alten Götter,Für euch und eur gutes, ambrosisches Recht,Und vor euren hohen Altären,Den wiedergebauten, den opferdampfenden,Möcht ich selber knieen und beten,Und flehend die Arme erheben —
Denn immerhin, ihr alten Götter,Habt ihr's auch ehmals, im Kämpfen der Menschen,Stets mit der Partei der Sieger gehalten,So ist doch der Mensch großmütger als ihr,Und im Götterkämpfen halt ich es jetztMit der Partei der besiegten Götter.
* * *
Also sprach ich, und sichtbar errötetenDroben die blassen Wolkengestalten,Und schauten mich an wie Sterbende,Schmerzenverklärt, und schwanden plötzlich.Der Mond verbarg sich ebenHinter Gewölk, das dunkler heranzog;Hochaufrauschte das Meer,Und siegreich traten hervor am HimmelDie ewigen Sterne.
Fragen
Am Meer, am wüsten, nächtlichen MeerSteht ein Jüngling-Mann,Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:
"O löst mir das Rätsel des Lebens,Das qualvoll uralte Rätsel,Worüber schon manche Häupter gegrübelt,Häupter in Hieroglyphenmützen,Häupter in Turban und schwarzem Barett,Perückenhäupter und tausend andreArme, schwitzende Menschenhäupter —Sagt mir, was bedeutet der Mensch?Woher ist er kommen? Wo geht er hin?Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?"
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,Und ein Narr wartet auf Antwort.
Der Phönix
Es kommt ein Vogel geflogen aus Westen,Er fliegt gen Osten,Nach der östlichen Gartenheimat,Wo Spezereien duften und wachsen,Und Palmen rauschen und Brunnen kühlen —Und fliegend singt der Wundervogel:
"Sie liebt ihn! sie liebt ihn!Sie trägt sein Bildnis im kleinen Herzen,Und trägt es süß und heimlich verborgen,Und weiß es selbst nicht!Aber im Traume steht er vor ihr,Sie bittet und weint und küßt seine Hände,Und ruft seinen Namen,Und rufend erwacht sie und liegt erschrocken,Und reibt sich verwundert die schönen Augen —Sie liebt ihn! sie liebt ihn!"
* * *
An den Mastbaum gelehnt, auf dem hohen Verdeck,Stand ich und hört ich des Vogels Gesang.Wie schwarzgrüne Rosse mit silbernen Mähnen,Sprangen die weißgekräuselten Wellen;Wie Schwänenzüge schifften vorüber,Mit schimmernden Segeln, die Helgolander,Die kecken Nomaden der Nordsee;Über mir, in dem ewigen Blau,Flatterte weißes GewölkUnd prangte die ewige Sonne,Die Rose des Himmels, die feuerblühende,Die freudvoll im Meer sich bespiegelte; —Und Himmel und Meer und mein eigenes HerzErtönten im Nachhall:Sie liebt ihn! sie liebt ihn!
Im Hafen
Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat,Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme,Und jetzo warm und ruhig sitztIm guten Ratskeller zu Bremen.
Wie doch die Welt so traulich und lieblichIm Römerglas sich widerspiegelt,Und wie der wogende MikrokosmusSonnig hinabfließt ins durstige Herz!Alles erblick ich im Glas,Alte und neue Völkergeschichte,Türken und Griechen, Hegel und Gans,Zitronenwälder und Wachtparaden,Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg,Vor allem aber das Bild der Geliebten,Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund.
O, wie schön! wie schön bist du, Geliebte!Du bist wie eine Rose!Nicht wie die Rose von Schiras,Die hafisbesungene Nachtigallbraut;Nicht wie die Rose von Saron,Die heiligrote, prophetengefeierte; —Du bist wie die Ros im Ratskeller zu Bremen!Das ist die Rose der Rosen,Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie,Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt,Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht,Und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest,Der Ratskellermeister von Bremen,Ich wäre gepurzelt!
Der brave Mann! wir saßen beisammenUnd tranken wie Brüder,Wir sprachen von hohen, heimlichen Dingen,Wir seufzten und sanken uns in die Arme,Und er hat sich bekehrt zum Glauben der Liebe —Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde,Und allen schlechten Poeten vergab ich,Wie einst mir selber vergeben soll werden —Ich weinte vor Andacht, und endlichErschlossen sich mir die Pforten des Heils,Wo die zwölf Apostel, die heilgen Stückfässer,Schweigend predgen, und doch so verständlichFür alle Völker.
Das sind Männer!Unscheinbar von außen, in hölzernen Röcklein,Sind sie von innen schöner und leuchtenderDenn all die stolzen Leviten des TempelsUnd des Herodes Trabanten und Höflinge,Die goldgeschmückten, die purpurgekleideten —Hab ich doch immer gesagt,Nicht unter ganz gemeinen Leuten,Nein, in der allerbesten Gesellschaft,Lebte beständig der König des Himmels!
Halleluja! Wie lieblich umwehen michDie Palmen von Beth El!Wie duften die Myrrhen vom Hebron!Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! —Auch meine unsterbliche Seele taumelt,Und ich taumle mit ihr, und taumelndBringt mich die Treppe hinauf, ans Tagslicht,Der brave Ratskellermeister von Bremen.
Du braver Ratskellermeister von Bremen!Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzenDie Engel und sind betrunken und singen;Die glühende Sonne dort obenIst nur eine rote, betrunkene Nase,Die Nase des Weltgeists;Und um die rote WeltgeistnaseDreht sich die ganze, betrunkene Welt.
Epilog
Wie auf dem Felde die Weizenhalmen,So wachsen und wogen im MenschengeistDie Gedanken.Aber die zarten Gedanken der LiebeSind wie lustig dazwischenblühende,Rot und blaue Blumen.
Rot und blaue Blumen!Der mürrische Schnitter verwirft euch als nutzlos,Hölzerne Flegel zerdreschen euch höhnend,Sogar der hablose Wanderer,Den eur Anblick ergötzt und erquickt,Schüttelt das Haupt,Und nennt euch schönes Unkraut.Aber die ländliche Jungfrau,Die Kränzewinderin,Verehrt euch und pflückt euch,Und schmückt mit euch die schönen Locken,Und also geziert, eilt sie zum Tanzplatz,Wo Pfeifen und Geigen lieblich ertönen,Oder zur stillen Buche,Wo die Stimme des Liebsten noch lieblicher töntAls Pfeifen und Geigen.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Buch der Lieder" von Heinrich Heine