Buchhandel als Beruf

Buchhandel als Beruf

In einer Buchhändlerzeitschrift las ich den Satz: »Beruf ist, wozu sich einer berufen fühlt.« Das ganze Elend unserer Zeit kann nicht besser gekennzeichnet werden, als durch diese Behauptung. Denn ist sie richtig, wie viele Menschen haben dann einen Beruf? Fühlt sich ein Straßenkehrer zum Straßenkehren berufen? Hat sich nicht manch einer, der frei seinen Beruf wählte, einmal berufen gefühlt, merkt nun aber, daß er falsch gewählt hat, sei es, weil er den »Beruf« falsch beurteilt, sei es, daß er seine Begabung, seine Kräfte falsch eingeschätzt, oder, daß er die Zukunftsmöglichkeiten nicht richtig erkannt hat? Es ist gar nicht auszudenken, welches Elend der Seele mit diesem Satz als unabänderlich festgelegt ist: Die ganze Tragik unerfüllter und unerfüllbarer Wünsche dieses Erdenlebens ist in diesem Satz, so wie er in jener Zeitschrift gemeint ist, beschlossen.

Es gibt eine Geschichte des Wortes Beruf; sie wurde von dem Berliner Theologen Holl in einem Sitzungsbericht der preußischen Akademie der Wissenschaften kurz dargestellt von den Anfängen bis zu Luther. Dort findet man, daß es anfänglich im Christentum nur eine Berufung gab und das war die Berufung des Christenmenschen durch das Evangelium. Dann war die Berufung etwas, was nur dem Mönch zuteil wurde, also eine Berufung persönlichster Art, die nur die besonders Auserwählten unter den Christen erlebten. Im Mittelalter »gerät das Berufsbewußtseinin Spannung mit demjenigen Selbstgefühl, das der fortgehende wirtschaftliche und politische Aufstieg bei den schaffenden Ständen hervorrief.« Noch aber haben diese Stände nur einen Dienst, keinen Beruf. Einen entscheidenden Schritt vorwärts hat die Mystik getan: Eckart übersetzt 1. Korinth. 7, 20: »Es sind nicht alle Leute in einen Weg zu Gott gerufen« und darum ist ihm auch der niederste Stand mit der Erlangung des Höchsten vereinbar. Deshalb soll man auch in seinem Stand bleiben und Tauler bezeichnet sogar das Amt als eine »Ladung«, einen »Ruf«, der an uns ergeht. Das Wort Beruf war aber eine Bezeichnung, die auch bei Luther noch anfänglich rein kirchlich-religiöses Gepräge hatte. Erst Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum brachte die große Wandlung: Die Erfüllung der von einem Stand auferlegten Pflichten ist Gehorsam auf einen Befehl Gottes. Und so sagt Luther: »Es ist Gott nicht um das Werk zu tun, sondern um den Gehorsam.«

Hier bricht die geschichtliche Betrachtung Holls ab. Hätte er sie weitergeführt, so hätte er von solchem Höhepunkt immer mehr, wenn auch in Wellenlinien herunterführen müssen bis zu so selbstsüchtigen Deutungen, wie die eingangs erwähnte. Immer mehr ist die sittliche Größe eines jenseitigen Ziels dem persönlichen Nutzen, der Erfüllung diesseitiger Wünsche zum Opfer gefallen. Als einzigen Lichtpunkt sehe ich noch jenen Bildungsbegriff der klassischen Zeit und des Idealismus, der wenigstens ein jenseitiges Vollkommenheitsbild kennt, wenn ihm auch die religiösePrägung mangelt. Zuletzt aber kommt die fast unverhüllte Diesseitigkeit zum Durchbruch, begründet mit »der berüchtigten Forderung des Lebens«.

Gewiß regt es sich unter der Kruste solcher Versachlichung und angenehmster Broterwerb gilt nicht mehr als die Summe sozialen Fortschritts. Man erkennt auch langsam, daß der Kampf etwa zwischen humanistischen und realistischen Bildungsanstalten ganz falsche Fronten zeigte, denn auf beiden Seiten war das Stoffliche mit drückender Schwere über das Sittlich-Geistige gelegt und das Berechtigungswesen machte sich auch in diesen Kämpfen mit seiner ganzen Unsittlichkeit breit. Ist aber der Bann wirklich schon gebrochen?

Verzichten wir auf eine umfassende Antwort und beschränken wir uns darauf, den Buchhandel als Beruf im Rahmen der Zeitlage zu betrachten. Es wird gar viel von den Kulturpflichten des Buchhändlers geredet und gar mancher ist tatsächlich Buchhändler geworden, weil er damit der Kultur näher zu sein glaubte, als beim Handel etwa mit Heringen. In Wirklichkeit aber verschrieb er sich im besten Fall einem tragischen Konflikt, im schlechteren wurde er zur Possenfigur.

Was ich mit dem tragischen Konflikt meine? Nun, ein tragischer Konflikt mehr oder minder ist jedem Beruf gegeben: Der Industriearbeiter leidet unter dem Fluch allein vom Marktwert der Ware Arbeitskraft abzuhängen, der Kapitalist unter dem, daß er meint, er besitze Kapital, obwohl das Kapital vonihm Besitz ergriffen hat; der Bauer stöhnt unter der Abhängigkeit vom Wetter, der König unter der Einsamkeit seiner Stellung und so fort und fort. Der Buchhändler aber ist mit dem Fluch beladen, mitgeistigenGüternhandelnzu müssen und darum ist er entweder nie ganz ein wirklicher Kaufmann oder es verfolgt ihn der Haß der Geistigen, die behaupten, daß er Riemen aus ihrer Haut schneide. Es ist eine besondere Tragik: so eingekeilt zwischen erdenschwerer wirtschaftlicher Notwendigkeit und aufstrebender Geistigkeit zu leben.

Gewiß gibt es viele, die das nicht fühlen, aber verlieren Einsame wie Friedrich der Große an Tragik, weil es eine Menge Fürsten gab, die sich nur der Lichtseite ihres Daseins zuwandten? Sind nicht die wenigen Arbeiter, die nicht nur gedankenlose Gewerkschaftsmitglieder sind, maßgebender für das Elend ihres Standes, als jene Masse, die im Grund genommen das Streben nach oben der »Organisation« überlassen? Ist nichtderDichter menschlich der wertvollere, der immer und immer wieder empfindet, daß sein Werk aus der Bloßstellung seines Innersten entsteht? Und wiederum so fort und fort durch alle Stände und Berufe.

Der Buchhändler aber, der die Schwere seines Amtes nicht nur geistig erkennt, sondern auch sittlich fühlt, hat erst das richtige »Gefühl«, wozu er berufen ist: Er ist berufen seine Pflicht zu tun, »gehorsam« zu sein. Es ist lächerlich, zu glauben, daß uns die Vorsehung beruft, mit einer möglichst angenehmenBeschäftigung das Brot zu erwerben. Es ist darum im Grunde ganz gleich, ob einer Buchhändler wird ganz aus freier Wahl oder als Sohn seines Vaters, wegen seiner Freude an Büchern oder weil gerade beim Buchhändler eine Lehrstelle frei war: Maßgebend für seine Wertung ist nichts als seine Einstellung zu seiner Berufspflicht. Das Gebiet sittlicher Wertung kennt keine Erklärungen und Entschuldigungen aus Lust- und Unlustgefühlen.

Will also der Buchhandel auf der Höhe des Sittengesetzes stehen, dann muß er alles Kulturgeschwätz zu Hause lassen und klar und deutlich Stellung zu seiner Berufung nehmen. Er muß wie der Held in der Tragödie über dem Schicksal bleiben, auch wenn er an diesem Schicksal zugrunde geht; sonst hat er seinen Beruf nicht richtig erfaßt.

Wie kann er ihn aber richtig erfassen? Es ist so leicht darauf zu antworten, wenn man eben jene beiden Spannungspole im Auge behält, die ich oben andeutete! Als Kaufmann muß der Buchhändler sachlich handeln, muß nüchtern rechnen, muß Angebot und Nachfrage in das richtige Verhältnis bringen, muß tun, was rechnerisch Nutzen bringt, und lassen, was zum Schaden seiner Wirtschaftskraft dient. Als Mensch aber muß er der Herkunft seiner Ware aus den Landen geistiger Sehnsucht Ehre erweisen.

Zu beidem muß einiges gesagt werden: Man könnte einwenden, daß die harten Notwendigkeiten des Geschäftslebens sich nie mit jenen Idealen vertragen können. Und in der Tat, es gibt Buchhändler, denenes ganz gleichgültig ist, was sie verkaufen, wenn sie nur verkaufen. Sie sehen von jeder Beziehung zum geistigen Inhalt der Bücher ab. Ja, ich wage die Behauptung, es ist bei weitem die Mehrzahl. Und doch ist das ganz falsch gedacht, gerade kaufmännisch falsch gedacht, weil eben dadurch das verloren geht, was der gute Kaufmann braucht, die Warenkenntnis. Nur so ist zu erklären, daß der Buchhandel der geistigen Produktion so ratlos gegenübersteht. Eine Unmenge Verleger und noch mehr Sortimenter quälen sich ab, zwischen 30000 und 40000 literarische Geistesfrüchte marktfähig zu machen. Ich glaube, daß der Teil solcher Ernte, der letzten Endes in die Stampfmühle wandert, erschreckend groß ist. Arbeit und Kapital sind daran verloren. Das merken aber nur wenige Außenstehende, weil ganz im geheimen jener Weg zur Stampfmühle zurückgelegt werden kann. Die beteiligten Buchhändler aber könnten das oft bei richtiger Markt- und Warenkenntnis vermeiden: Der Verleger ließe manches ungedruckt, der Sortimenter nähme vieles nicht auf Lager. Heute meinen aber die meisten, der Wille, bei einem kaufmännischen Vermittlungsgeschäft Nutzen herauszuschlagen, mache zum Kaufmann. Ich stelle den Satz dagegen, daß kaufmännischer Erfolg, der ohne Warenkenntnis erzielt wird, kein »Verdienst« ist, sondern ein Glückszufall. Mit Beruf hat das wenigstens gar nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Anderseits wird man mir entgegenhalten, daß viele trostlos schlechte Bücher in Massen verkauft würden,der Buchhändler, Verleger wie Sortimenter, kenne also den Markt! Darauf ist zu erwidern, daß – ich werde das noch genauer darlegen – selbstverständlich die große Menge der Bücherkäufer in ihren primitiven Bedürfnissen leicht erkennbar ist. Vom Standpunkt des Berufes aber kommt es auch da auf die wertvolle Oberschicht an. Wenn diese eben in ihren Bedürfnissen nicht richtig erkannt wird, so fehlt jede Möglichkeit, ein Werturteil über die kaufmännische Leistung abzugeben, denn zur Befriedigung niederer Instinkte gehört kein Können, sondern nur Mangel an Gewissen.

Hier muß aber gesagt werden, daß es auch verfehlt ist, den Buchhandel für die Durchschlagskraft minderwertigen Geschreibsels verantwortlich zu machen. Er steht zwischen Schreibern, die solches Zeug verbrechen, und Lesern, die es nicht nur kaufen, sondern zu kaufen verlangen. Jedes Volk hat nicht nur die Regierung, sondern auch den Buchhandel, den es verdient. Trösten kann hier nur die Äußerung, die Jakob Burckhardt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen machte: »Eine einzelne Zeile in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, daß uns ein Licht aufgeht, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend ist.« Wenn sich aber einer »berufen fühlt«, durch den Verkauf von literarischen Schmarren sein Brot zu verdienen, so kommt der Ruf aus diesseitigen Gefilden und hat nichts zu tun mit jenem Beruf, der aus dem Jenseits kommt.

Das aber ist das Elend unserer Zeit, daß man eben die Jenseitigkeit von Luthers Berufsbegriff wievom idealistischen Bildungsbegriff verloren hat. »Das Neueste in der Welt«, sagt wieder Burckhardt, »ist das Verlangen nach Bildung als Menschenrecht, welches ein verhülltes Begehren nach Wohlleben ist.« Besser kann gar nicht gekennzeichnet werden, wohin wir abgerutscht sind: Jeder fühlt sich »berufen«, so angenehm wie möglich zu leben, und auch im Buchhandel ist dieser Grundsatz Trumpf. Wir werden vom Schicksal solange auf die Finger geklopft werden, bis wir die Abwegigkeit solcher Gesinnung nicht nur erkannt haben, sondern auch die Nutzanwendung aus solcher Erkenntnis gezogen haben: »Nicht auf das Werk kommt es an, sondern auf den Gehorsam.«

Das hat nichts mit frömmelnder Gesinnung oder mit Spenglers Periode der zweiten Religiosität zu tun. Im Gegenteil, es ist nur das Erwachen aus dem Rausche sinnlicher Diesseitigkeit zur Nüchternheit des Geistes. Gerade aber, weil der Buchhandel zwischen geistigem Höhenflug und niederziehender Erdenschwere eingespannt ist, könnte er »berufen« sein, die Wende zu bringen: Er könnte am ehesten frei sein von der Überheblichkeit jener Geistigen, die, weil sie literarisch, wissenschaftlich oder künstlerisch arbeiten, nicht fühlen, wie sehr sie nur Ausdruck ihrer Zeit sind; er könnte aber auch die Kurzsichtigkeit des Wertens nur nach dem wirtschaftlichen Nutzen als das kennzeichnen, was sie ist: als den absolutistischen Regierungsfehler des Fürsten dieser Welt.


Back to IndexNext