Vorwort
Vor einem Fest stellt man sich wohl an einen Spiegel und prüft, ob der Anzug sitzt, ob die Binde in Ordnung, ob das Haar richtig liegt. Wer aber Feste richtig zu feiern versteht, der bleibt nicht bei diesen eitlen Äußerlichkeiten. Er blickt sich richtig ins Gesicht, d. h. er prüft auch, ob er als Mensch zu dem bevorstehenden Fest paßt; er scheut nicht davor zurück, auch dem inneren Menschen den Spiegel vorzuhalten, und wenn er dann manchen Mangel entdeckt, macht er eine mehr oder minder große Schublade auf und entnimmt ihr allerlei gute Vorsätze, glättet mit ihnen hier eine Falte, deckt damit dort einen allzu störenden Fleck, und glücklich, wenn es gelingt, nach solcher Arbeit mit dem Bewußtsein vollen Erfolges unter die Festgesellschaft zu treten. Er kann wirklich feiern, auch wenn er weiß, daß der Ernst seiner guten Vorsätze harten Werktag in Aussicht stellt; denn ein wahrer Festtag ist nicht nur der schöne Abschluß nach einer Zeit der Arbeit, er ist auch der Auftakt des morgigen Schaffens. Blieben wir nicht alle dem Gestern etwas schuldig, daß wir uns des Morgen mit seinen Möglichkeiten freuen müssen, wenn wir heute ein Fest wirklich feiern wollen?
Der deutsche Buchhandel feiert in diesem Jahr sein großes Fest, und nicht nur seine Angehörigen, sondern auch alle Verwandten und Freunde, ja auch alle, die mit ihm mehr pflichtmäßig als aus Zuneigungverkehren, werden mitfeiern. Der Absicht, ihnen allen, meinen Berufsgenossen in erster Linie, zu solcher Spiegelschau zu verhelfen, verdankt das vorliegende Buch seine Zusammenfügung aus zunächst unabhängig voneinander entstandenen Reden und Aufsätzen.
Ich weiß, es entstand kein Spiegel aus herrlichem Kristallglas, auch das Metall der Hinterlegung ist nicht fleckenfrei, und der Rahmen ist weder aus edler Bronze noch von kunstvoller Schnitzerei. So mag mancher, der vom Spiegelbild nicht entzückt ist, ruhig lieber dem Spiegel die Schuld geben, ehe er sich die Laune verderben läßt. Bedenken möge aber jeder, daß uns manchmal der bescheidenste Scherben gute Dienste leisten kann, wenn Besseres nicht greifbar ist. Würde ich nicht den Glauben haben, daß mein unvollkommenes Machwerk doch da und dort durch Anregung oder wenigstens durch Widerspruch etwas wirken kann, dürfte ich es nicht geschrieben haben. Daß ich es aber nicht nur schrieb, sondern auch durch Druck vervielfältigen lasse, entsprang nicht meiner Unbescheidenheit, sondern der Liebe zu meinem Beruf, Beruf in jenem höheren Sinne des Schaffens zur Erfüllung einer gottgegebenen Pflicht. Liebe aber ist am glücklichsten im Schenken, und hat sie nichts anderes, so ist ihr auch bescheidene Gabe lieber als leere Hände.
München, April 1925.
Dr. Friedrich Oldenbourg