(Morell.) Das war ich auch—vor einer Stunde.
(Vorhang)
(An demselben Tage, dasselbe Zimmer spät nachmittags. Der Stuhl für Morells Besucher steht wieder an dem Tisch, der womöglich noch unordentlicher aussiebt als vorhin. Marchbanks, allein und müßig, versucht herauszukriegen, wie die Schreibmaschine arbeitet. Er hört jemanden kommen und stiehlt sich schuldbewußt fort an das Fenster und tut so, als ob er in die Aussiebt versunken wäre. Proserpina Garnett tritt mit ihrem Notizblock ein, der das Stenogramm von Morells Briefen enthält. Sie setzt sich an die Schreibmaschine und will mit der Abschrift beginnen. Sie ist viel zu sehr beschäftigt, um Eugen zu bemerken. Unglücklicherweise versagt die erste Taste, auf die sie schlägt.)
(Proserpina.) Himmel! Sie haben sich mit der Maschine zu schaffen gemacht, Herr Marchbanks, und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie auch noch so ein unschuldiges Gesicht aufsetzen.
(Marchbanks schüchtern:) Es tut mir sehr leid, Fräulein Garnett. Ich wollte nur zu schreiben versuchen.
(Proserpina.) Und dabei haben Sie diese Taste verdorben.
(Marchbanks ernst:) Ich versichere Ihnen, daß ich die Tasten nicht berührt habe. Wahrhaftig nicht. Ich habe nur ein kleines Rad gedreht. (Er zeigt unschlüssig auf die Kurbel.)
(Proserpina.) Oh, nun verstehe ich. (Sie bringt die Maschine in Ordnung und schwatzt dabei ununterbrochen:) Mir scheint, Sie dachten, es wäre eine Art Drehorgel. Man braucht nur die Kurbel da zu drehen, und die Maschine schreibt einem den schönsten Liebesbrief glatt aufs Papier, he?
(Marchbanks ernst:) Ich kann mir vorstellen, daß eine Maschine erfunden werden könnte, die Liebesbriefe schreibt.—Es sind ja immer dieselben, nicht wahr?
(Proserpina etwas aufgebracht, da jede derartige Unterhaltung—außer scherzweise einmal—ihren Umgangsformen fernliegt:) Woher soll ich das wissen? Warum fragen Sie mich?
(Marchbanks.) Entschuldigen Sie. Ich dachte, daß gescheiteLeute—Leute, die Geschäfte besorgen, Briefe schreiben und ähnlicheDinge verrichten können—auch immer Liebesangelegenheiten haben.
(Proserpina erbebt sich beleidigt:) Herr Marchbanks! (Sie siebt ihn strenge an und gebt sehr würdevoll zum Bücherschrank.)
(Marchbanks nähert sich ihr demütig:) Ich hoffe, daß ich Sie nicht beleidigt habe. Ich hätte vielleicht auf Ihre Liebesangelegenheiten nicht anspielen sollen.
(Proserpina nimmt ein blaues Buch aus einem Fach und wendet sich scharf nach ihm um:) Ich habe keine Liebesangelegenheiten! Wie können Sie es wagen, mir so etwas zu sagen?
(Marchbanks naiv:) Wirklich? Oh, dann sind Sie auch schüchtern, wie ich, nicht wahr?
(Proserpina.) Ich bin gewiß nicht schüchtern: was meinen Sie damit?
(Marchbanks geheimnisvoll:) Sie müssen es sein. Das ist der Grund, warum es so wenig echte Liebesgeschichten in der Welt gibt. Wir gehen alle umher und sehnen uns nach Liebe, sie ist die erste Naturnotwendigkeit, das heißeste Gebet unseres Herzens, aber wir wagen es nicht, unsere Wünsche zu äußern, wir sind zu schüchtern. (Sehr ernst:) Oh, Fräulein Garnett, was würden Sie nicht darum geben, ohne Furcht zu sein,—ohne Scham—
(Proserpina empört:) Nein, meiner Treu, das ist stark!
(Marchbanks trotzig und ungeduldig:) Sagen Sie mir nicht solcheAlbernheiten. Sie täuschen mich doch nicht. Wozu soll das sein?Warum scheuen Sie sich, sich mir gegenüber so zu zeigen, wie Sie sind?Ich bin ja selbst genau so wie Sie.
(Proserpina.) Wie ich? Bitte, ich weiß nicht recht, wollen Sie damit mir oder sich schmeicheln? (Sie wendet sich ab, um zur Schreibmaschine zurückzugeben.)
(Marchbanks tritt ihr geheimnisvoll in den Weg:) Still! Ich bin auf der Suche nach Liebe, und ich finde sie in unermeßlichen Schätzen in den Herzen anderer aufgespeichert. Aber ich wage es nicht, darum zu bitten,—eine fürchterliche Schüchternheit schnürt mir die Kehle zu, und ich stehe da, stumm, ärger als stumm, und rede sinnloses Zeug und stammle törichte Lügen. Und ich sehe die Liebe, nach der ich verschmachte, an Katzen und Hunde und verhätschelte Vögel vergeudet, weil die kommen und darum bitten. (Beinahe flüsternd:) Man muß Liebe verlangen,—sie ist wie ein Geist, sie kann nicht sprechen, bevor nicht zu ihr gesprochen wird. (Mit seiner gewohnten Stimme, aber mit tiefer Melancholie:) Alle Liebe in der Welt ringt nach Worten, aber sie wagt es nicht, zu sprechen, weil sie zu schüchtern ist, zu schüchtern, zu schüchtern! Das ist die Tragik des Lebens! (Mit einem tiefen Seufzer setzt er sieb in den Besuchsstuhl und vergräbt sein Gesicht in den Händen.)
(Proserpina verwundert, aber ohne ihren gesunden Menschenverstand zu verlieren,—ein Ehrenpunkt für sie im Verkehr mit fremden jungen Männern:) Es gibt aber schlechte Menschen, die diese Schüchternheit gelegentlich überwinden, nicht wahr?
(Marchbanks fährt beinahe wütend auf:) Schlechte Menschen! Das heißt Menschen, die ohne Liebe sind, deshalb sind sie auch ohne Scham! Sie haben den Mut, Liebe zu verlangen, weil sie keine brauchen; sie haben den Mut, sie anzubieten, weil sie keine zu geben haben! (Er sinkt in seinen Stuhl und fügt traurig hinzu:) Aber wir, die wir Liebe haben und danach brennen, sie mit anderen auszutauschen, wir können kein Wort über die Lippen bringen. (Schüchtern:) Finden Sie das nicht auch?
(Proserpina.) Nehmen Sie sich in acht. Wenn Sie nicht aufhören, so zu reden, werde ich das Zimmer verlassen, Herr Marchbanks. Ich tue es wirklich! Das gehört sich nicht. (Sie nimmt ihren Sitz vor der Schreibmaschine wieder ein, öffnet das blaue Buch und macht sich bereit, daraus etwas zu kopieren.)
(Marchbanks hilflos:) Nichts gehört sich, was wert ist, daß man darüber spricht! (Er erhebt sich und wandert verloren im Zimmer umher: ) Ich kann Sie nicht begreifen, Fräulein Garnett. Worüber soll ich denn sprechen?
(Proserpina fertigt ihn kurz ab:) Sprechen Sie über gleichgültigeDinge. Sprechen Sie über das Wetter.
(Marchbanks.) Würden Sie es ertragen, über gleichgültige Dinge zu sprechen, wenn ein Kind neben Ihnen stünde, das vor Hunger bitterlich weinte?
(Proserpina.) Vermutlich nicht.
(Marchbanks.) Nun, ich kann auch nicht über gleichgültige Dinge sprechen, während mein Herz in seinem Hunger bitterlich weint.
(Proserpina.) Dann—schweigen Sie.
(Marchbanks.) Jawohl, darauf läuft's immer hinaus, wir schweigen.Unterdrückt das den Schrei Ihres Herzens—denn es schreit, nicht wahr?Es muß, wenn Sie überhaupt ein Herz haben.
(Proserpina erhebt sich plötzlich und preßt ihre Hand aufs Herz.) Oh, es ist vergeblich, arbeiten zu wollen, während Sie so reden. (Sie verläßt ihren kleinen Tisch und setzt sich auf das Sofa. Ihre Gefühle sind heftig aufgewühlt.) Es kümmert Sie gar nichts, ob mein Herz schreit oder nicht, aber es ist mir so, als müßte ich nun doch über all das zu Ihnen sprechen.
(Marchbanks.) Das brauchen Sie nicht; ich weiß doch, daß es so ist.
(Proserpina.) Merken Sie sich: wenn Sie jemals behaupten sollten, daß ich derlei gesagt habe, dann werde ich es leugnen.
(Marchbanks mitleidig:) Ja, das weiß ich. Deshalb finden Sie auch nicht den Mut, es ihm zu sagen.
(Proserpina aufspringend:) Ihm?! Wem?!
(Marchbanks.) Wem es auch sei. Dem Manne, den Sie lieben. Irgend jemandem. Dem Unterpfarrer Herrn Mill vielleicht.
(Proserpina verachtungsvoll:) Herrn Mill? Wahrhaftig, das ist der rechte Mann, mir das Herz zu brechen. Da wären Sie mir noch lieber.
(Marchbanks zurückweichend:) Nein, wirklich! Es tut mit leid, aber daran dürfen Sie nicht denken. Ich—
(Proserpina scharf, geht ans Feuer und bleibt davor stehen, ihm den Rücken zuwendend:) Oh, fürchten Sie nichts, Sie sind es nicht. Es ist gar keine bestimmte Person.
(Marchbanks.) Ich verstehe. Sie fühlen, daß Sie jeden Mann lieben könnten, der Ihnen sein Herz anböte—
(Proserpina außer sich:) Nein, das könnte ich nicht! Jeden, der mir sein Herz anböte! Für was halten Sie mich?
(Marchbanks entmutigt:) Es ist vergebens, Sie wollen mir keine wirklichen Antworten geben, nur diese leeren Worte, die jedermann sagt. (Er geht nach dem Sofa und setzt sich trostlos nieder.)
(Proserpina die es wurmt, in den Augen eines Aristokraten manierlos zu erscheinen:) Wenn Sie originelle Unterhaltung wünschen, dann ist es besser, Sie sprechen mit sich selbst.
(Marchbanks.) Das tun alle Dichter; sie sprechen laut mit sich selbst; und die Welt überhört sie. Aber es ist furchtbar einsam, nicht manchmal auch jemand anders sprechen zu hören.
(Proserpina.) Warten Sie, bis Herr Morell kommt. Der wird schon mit Ihnen reden. (Marchbanks schaudert.) Oh, Sie brauchen die Nase nicht zu rümpfen, er kann besser sprechen als Sie. (Lebhaft:) Er wird Ihnen den kleinen Kopf schon zurechtsetzen. (Sie ist im Begriff ärgerlich an ihren Platz zurückzugeben, als er, plötzlich erleuchtet, aufspringt und sie anhält.)
(Marchbanks.) Ah, jetzt begreife ich!
(Proserpina errötend:) Was begreifen Sie?
(Marchbanks.) Ihr Geheimnis! Sagen Sie mir, ist es wirklich und wahrhaftig möglich, daß eine Frau ihn liebt?
(Proserpina als ob dies ihr über den Spaß ginge:) Genug!
(Marchbanks leidenschaftlich:) Nein, antworten Sie mir! Ich will es wissen, ich muß es wissen, ich kann es nicht begreifen. Ich kann an ihm nichts finden als Worte, fromme Vorsätze, was die Leute Güte nennen! Sie können ihn deswegen doch nicht lieben!
(Proserpina versucht, ihn durch ihr kühles Wesen stutzig zu machen:) Ich weiß ganz einfach nicht, wovon Sie sprechen—ich verstehe Sie nicht.
(Marchbanks heftig:) Sie verstehen mich ganz gut. Sie lügen!
(Proserpina.) Oh!
(Marchbanks.) Sie verstehen, und Sie wissen. (Entschlossen, eineAntwort zu bekommen:) Ist es möglich, daß eine Frau ihn lieben kann?Ja oder nein!
(Proserpina ihm gerade ins Gesicht blickend:) Ja! (Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen.) Was in aller Welt fehlt Ihnen denn? (Er nimmt die Hände herab und sieht sie an. Erschreckt über das traurige Gesicht, das sich ihr darbietet, eilt sie so weit wie möglich von ihm fort, behält aber ihre Augen auf ihn gerichtet, bis er sich von ihr abwendet und nach dem Kinderstuhl am Kamin geht, wo er sich in tiefster Trostlosigkeit niederläßt. Proserpina eilt zur Tür, die Tür geht auf und Burgess tritt ein. Als sie ihn erblickt, ruft sie aus:) Gott sei Dank, es kommt jemand! (Setzt sich wieder beruhigt an ihren Tisch. Sie legt einen neuen Bogen in die Maschine, während Burgess zu Eugen hinübergebt.)
(Burgess beflissen, sich um den vornehmen Besucher zu kümmern:) Na, gehört sich das, wie man Sie hier sich selbst überläßt, Herr Marchbanks? Ich bin gekommen, Ihnen Gesellschaft zu leisten. (Marchbanks siebt zu ihm mit einer Bestürzung auf, die Burgess aber gar nicht merkt.) Jakob empfängt eine Deputation im Speisezimmer, und Candy ist oben und unterrichtet eine junge Näherin, für die sie sich interessiert. Sie sitzt bei ihr und lehrt sie lesen, in einem frommen Buche: die himmlischen Zwillinge. (Teilnahmsvoll:) Sie müssen es hier recht langweilig finden, so ohne einen Menschen, mit dem Sie reden können, außer der Schreiberin.
(Proserpina äußerst erbittert:) Er wird sich jetzt ganz wohl fühlen, da er das Glück hat, Ihre gebildete Unterhaltung zu genießen,—das ist schon ein Trost. (Sie beginnt mit heftigem Geräusch zu schreiben.)
(Burgess erstaunt über ihre Kühnheit:) Mit Ihnen hab' ich nicht gesprochen, soviel ich weiß, Sie junges Ding!
(Proserpina scharf zu Marchbanks:) Haben Sie jemals solche Manieren gesehen, Herr Marchbanks?
(Burgess mit wichtigtuendem Ernst:) Herr Marchbanks ist ein Edelmann, der seine Stellung kennt; das ist mehr, als manche Leute von sich sagen können.
(Proserpina zornig:) Glücklicherweise gehören Sie und ich nicht zu den "Damen" und "Herren"; ich würde Ihnen schon meine Meinung sagen, wenn Herr Marchbanks nicht zugegen wäre. (Sie zieht den Brief so heftig aus der Maschine heraus, daß er zerreißt.) So! nun habe ich den Brief verdorben, jetzt kann ich noch mal von vorne anfangen. Oh, ich kann mich nicht beherrschen.—Sie dummer alter Schafskopf, Sie!
(Burgess erhebt sich, atemlos vor Entrüstung:) Was, ein dummer alterSchafskopf bin ich?! Das ist stark! (Außer Atem:) Gut, gut! WartenSie nur, das werde ich Ihrem Prinzipal sagen—ich will Sie lehren—Siesollen es sehen!
(Proserpina.) Ich—
(Burgess sie unterbrechend:) Genug, Ihr Reden nützt Ihnen nun nichts mehr, Sie sollen mich kennen lernen! (Proserpina schiebt ihre Walze mit einem zornigen Stoß herum und setzt verachtungsvoll ihre Arbeit fort.) Nehmen Sie keine Notiz von ihr, Herr Marchbanks, sie ist es nicht wert. (Er setzt sich stolz wieder hin.)
(Marchbanks fürchterlich nervös und verlegen:) Wäre es nicht besser, wir würden von etwas anderem sprechen. Ich—ich glaube nicht, daß Fräulein Garnett es böse gemeint hat.
(Proserpina mit fester Überzeugung:) Ob ich es böse gemeint habe!Doch!
(Burgess.) Ich will mich nicht so weit erniedrigen, von ihr überhaupt noch Notiz zu nehmen. (Eine elektrische Klingel läutet zweimal.)
(Proserpina rafft Notizhlock und Papier zusammen:) Das gilt mir! (Sie eilt hinaus.)
(Burgess ihr nachrufend:) Oh, wir können Sie entbehren. (Er freut sich über den Triumph, das letzte Wort behalten zu haben, und doch halb und halb geneigt, noch mehr zu sagen, sieht er ihr einen Augenblick lang nach, dann läßt er sich auf seinen Platz neben Eugen nieder und spricht sehr vertraulich zu ihm:) Jetzt, wo wir allein sind, Herr Marchbanks, lassen Sie mich Ihnen einen freundlichen Wink geben, den ich nicht jedermann geben würde. Wie lange kennen Sie meinen Schwiegersohn Jakob schon?
(Marchbanks.) Ich weiß nicht. Ich kann mir Daten niemals merken, —vielleicht einige Monate.
(Burgess.) Haben Sie nie etwas Sonderbares an ihm bemerkt?
(Marchbanks.) Nicht daß ich wüßte.
(Burgess ausdrucksvoll:) Das werden Sie auch schwerlich. Darin liegt eben die Gefahr. Nun—er ist verrückt.
(Marchbanks.) Verrückt?!
(Burgess.) Total verrückt. Beobachten Sie ihn nur, und Sie werden es selbst finden.
(Marchbanks ängstlich:) Aber das scheint Ihnen gewiß nur so, weil seine Ansichten—
(Burgess berührt Eugens Knie mit dem Zeigefinger und drückt es, um seine Aufmerksamkeit zu erregen:) Genau dasselbe habe ich früher gedacht, Heir Marchbanks. Ich glaubte lange genug, es wären nur seine Ansichten, obwohl Ansichten zu sehr ernsten Angelegenheiten werden, sobald Leute danach handeln, wie er; aber danach habe ich nicht geurteilt. (Er siebt umher, um sich zu überzeugen, daß sie allein sind, und neigt sich zu Eugens Ohr.) Was, glauben Sie, hat er heute morgen in diesem Zimmer zu mir gesagt?
(Marchbanks.) Was denn?
(Burgess.) Er sagte mir, daß ich—so wahr, als wir hier sitzen—er sagte ganz ruhig: "Ich bin ein Narr und Sie sind ein Schurke"… Ich ein Schurke—bedenken Sie nur—und dann schüttelte er mir die Hand dazu, als ob seine Meinung schmeichelhaft für mich wäre. Wollen Sie behaupten, daß so ein Mensch nicht verrückt ist?
(Morell von außen "Proserpina" rufend, während er die Tür öffnet:)Schreiben Sie alle Namen und Adressen auf, Fräulein Garnett.
(Proserpina aus der Entfernung:) Jawohl, Herr Pastor! (Morell tritt ein, mit den Dokumenten der Deputation in der Hand.)
(Burgess beiseite zu Marchbanks:) Oh, da ist er. Beobachten Sie ihn nur, Sie werden schon sehen. (Erhebt sich mit wichtiger Miene:) Ich bedaure, Jakob, mich bei Ihnen beklagen zu müssen. Ich tue es nicht gerne, aber ich fühle, daß es meine Pflicht und mein Recht ist.
(Morell.) Was ist denn geschehen?
(Burgess.) Herr Marchbanks wird es bestätigen, er war Zeuge. (Sehr feierlich:) Ihre Schreiberin vergaß sich so weit, mich einen dummen alten Schafskopf zu nennen.
(Morell mit größter Herzlichkeit:) Oh, sieht das Prossi nicht ganz ähnlich? Sie ist so aufrichtig, sie kann sich nicht beherrschen. Arme Prossi, ha, ha!
(Burgess zitternd vor Wut:) Und erwarten Sie, daß ich mir das von ihresgleichen ruhig gefallen lasse?
(Morell.) Bah, Unsinn. Nehmen Sie keine Notiz davon, lassen Sie's gut sein. (Er geht an das Schreibpult und legt die Papiere in eines der Schubfächer.)
(Burgess.) Oh, ich mache mir nichts daraus. Ich bin über derlei erhaben. Aber war es recht? Das ist es, was ich zu wissen wünsche! —war es recht?
(Morell.) Das ist eine Frage für die Kirche und nicht für Laien. Wurde Ihnen dadurch irgendein Schaden zugefügt? danach müssen Sie fragen—selbstverständlich "nein". Also denken Sie nicht mehr daran. (Er läßt den Gegenstand fallen, geht nach seinem Platz an den Tisch und beginnt an seiner Korrespondenz zu arbeiten.)
(Burgess beiseite zu Marchbanks:) Was habe ich Ihnen gesagt? Total verrückt! (Er geht an den Tisch und fragt mit der Höflichkeit eines Hungrigen:) Wann wird zu Tisch gegangen, Jakob?
(Morell.) Erst nach einigen Stunden.
(Burgess mit klagender Entsagung:) Dann geben Sie mir, bitte, ein hübsches Buch, am Kamin zu lesen—sein Sie so gut, Jakob.
(Morell.) Was für ein Buch,—ein gutes?
(Burgess beinahe mit einem Aufschrei des Widerwillens:) Nein. Irgend was Lustiges, womit man die Zeit totschlagen kann.
(Morell nimmt eine illustrierte Zeitschrift vom Tisch und bietet sie ihm an, er ergreift sie demütig:) Ich danke Ihnen, Jakob. (Er geht zurück zum Kamin, läßt sich bequem in den großen Stuhl nieder und liest.)
(Morell während er schreibt:) Candida wird gleich kommen und Ihnen Gesellschaft leisten. Sie ist jetzt fertig mit ihrer Schülerin und füllt die Lampen.
(Marchbanks fährt empor in wildem Entsetzen:) Aber das wird ihre Hände beschmutzen,—das kann ich nicht dulden, Herr Pastor, das ist eine Schande; ich werde die Lampen füllen. (Er wendet sich nach der Tür.)
(Morell.) Lassen Sie es lieber sein. (Marchbanks bleibt unschlüssig stehen: ) Sie würde Ihnen höchstens meine Schuhe zu putzen geben, um mir die Arbeit zu ersparen, es morgen früh selbst zu tun.
(Burgess mit großer Mißbilligung:) Halten Sie kein Mädchen mehr, Jakob?
(Morell.) Ja, aber es ist keine Sklavin, und das Haus sieht aus, als ob ich drei hielte. Daraus folgt, daß jeder mithelfen muß. Das geht ganz gut. Prossi und ich können nach dem Frühstück, während wir abwaschen, über unsere Geschäfte sprechen; das Abwaschen macht keine Mühe, wenn es zwei besorgen.
(Marchbanks gequält:) Glauben Sie, daß jede Frau so grobkörnig ist wieFräulein Garnett?
(Burgess pathetisch:) Sie haben ganz recht, Herr Marchbanks, vollkommen recht,—die ist grobkörnig!
(Morell ruhig und bedeutungsvoll:) Marchbanks!
(Marchbanks.) Ja.
(Morell.) Wie viele Dienstboten hält Ihr Vater?
(Marchbanks.) Oh, ich weiß nicht. (Er gebt unbehaglich an das Sofa zurück, als ob er sich so weit fort wie möglich vor Morells Fragen retten möchte, setzt sich in großer Verstörtheit und denkt an das Petroleum.)
(Morell sehr ernst:) So viele, daß Sie es nicht einmal wissen. (angriffsbereit:) Immerhin, wenn irgendeine grobkörnige Arbeit zu verrichten ist, dann klingeln Sie und halsen sie jemand anders auf—das ist eine der großen Tatsachen in Ihrem Dasein, nicht wahr?
(Marchbanks.) Oh, quälen Sie mich nicht. Die eine große Tatsache hier ist jetzt, daß die wundervollen Finger Ihrer Frau mit Petroleum beschmutzt werden, während Sie bequem hier sitzen und darüber Reden halten—endlose Reden und Predigten—Worte—Worte—nichts als Worte!
(Burgess dem diese Erwiderung sehr gelegen kommt:) Hört, hört! Besser konnte er's ihm nicht geben! (Strahlend:) Da haben Sie es, Jakob! Ganz so ist es. (Candida trat ein, in einer reinen Schürze, mit einer geputzten und gefüllten, zum Anzünden fertigen Arbeitslampe. Sie stellt sie auf den Tisch neben Morell, damit er sie zur Hand hat.)
(Candida reibt ihre Fingerspitzen gegeneinander, mit einem leichten Krausziehen ihrer Nase:) Wenn Sie bei uns bleiben, Eugen, ich glaube, dann werde ich Ihnen das Füllen der Lampe übertragen.
(Marchbanks.) Ich werde überhaupt nur unter der Bedingung bleiben, daßSie mir alle grobe Arbeit übertragen.
(Candida.) Das ist zwar sehr galant, aber ich möchte doch vorher wissen, wie Sie sie machen. (Wendet sich zu Morell:) Jakob, du hast in meiner Abwesenheit nicht gehörig nach dem Rechten gesehen.
(Morell.) Was habe ich denn getan oder nicht getan, meine Liebe?
(Candida ernstlich ärgerlich:) Meine eigene kleine Lieblingsnagelbürste wurde zum Stiefelputzen verwendet. (Ein herzzerreißender Klagelaut entringt sich Marchbanks' Brust. Burgess sieht sich erstaunt um, Candida eilt ans Sofa:) Was ist los? Sind Sie krank, Eugen?
(Marchbanks.) Nein, nicht krank. Nur Jammer erfaßt mich, Jammer,Jammer! (Er schlägt die Hände vor das Gesicht.)
(Burgess erschreckt:) Was haben Sie, Herr Marchbanks? Oh, das ist schlimm in Ihrem Alter; Sie müssen trachten, sich das Trinken nach und nach abzugewöhnen.
(Candida beruhigt:) Unsinn, Papa. Das ist nur poetischer Jammer.Nicht wahr, Eugen? (Streichelt ihn.)
(Burgess verlegen:) Oh, poetischen Jammer hat er,—verzeihen Sie, das wußte ich nicht. (Er wendet sich wieder nach dem Feuer, seine Unüberlegtheit bereuend.)
(Candida.) Was ist's denn, Eugen? Wegen der Nagelbürste? (Er schaudert.) Es ist ja nichts dabei, lassen Sie's gut sein. (Sie setzt sich neben ihn.) Wollen Sie mir eine hübsche neue schenken, mit Elfenbeinrücken und eingelegtem Perlmutter?
(Marchbanks sanft und melodisch, aber traurig und schmachtend:) Nein, keine Nagelbürste, aber ein Boot, eine kleine Schaluppe, um darin fortzusegeln, weit fort von der Welt, dorthin, wo Marmorböden vom Regen gewaschen und von der Sonne getrocknet werden, und wo der Südwind die wundervoll grünen und purpurnen Teppiche fegt. Oder einen Wagen möchte ich Ihnen schenken; uns hinaufzutragen in den Himmel, wo die Lampen Sterne sind und nicht täglich mit Petroleum gefüllt werden müssen.
(Morell barsch:) Und wo es nichts anderes zu tun gibt, als faul, selbstsüchtig und unnütz zu sein.
(Candida unangenehm berührt:) Oh, Jakob, wie kannst du nur alles so verderben!
(Marchbanks feurig:) Ja: faul, selbstsüchtig und unnütz, das heißt schön, frei und glücklich sein. Hat das nicht jeder Mann mit seiner ganzen Seele für die Frau gewünscht, die er liebte? Das ist auch mein Ideal. Was ist das Ihre und das all der entsetzlichen Menschen, die in diesen fürchterlichen Häuserreihen wohnen? Predigten und Schuhbürsten! Für Sie die Predigten und für Ihre Frau die Bürste!
(Candida drollig:) Er putzt die Schuhe, Eugen. Morgen werden Sie sie putzen müssen, weil Sie das von ihm gesagt haben.
(Marchbanks.) Oh, sprechen Sie nicht von Schuhen; Ihre Füße würden auch in einer Wildnis schön bleiben.
(Candida.) Meine Füße würden auf der Hackneystraße ohne Schuhe nicht sehr schön aussehn.
(Burgess daran Anstoß nehmend:) Geh, Candy, sei nicht ordinär. Herr Marchbanks ist daran nicht gewöhnt. Du hast ihm schon wieder Jammer eingeflößt,—ich meine poetischen Jammer. (Morell schweigt, scheinbar ist er mit seinen Briefen beschäftigt. Tatsächlich ist er aber über seine neue und beunruhigende Erfahrung in sorgenvolle Gedanken vertieft: je sicherer er seiner moralischen Ausfälle ist, desto sicherer und wirkungsvoller pariert sie Eugen. Es schmerzt Morell sehr, daß er einen Menschen zu fürchten anfängt, den er nicht achten kann. Fräulein Garnett kommt mit einem Telegramm herein.)
(Proserpina händigt das Telegramm Morell ein:) Rückantwort bezahlt, der Bote wartet. (Zu Candida, während sie zu ihrer Maschine geht und sich setzt:) Marie wartet auf Sie in der Küche, Frau Morell. (Candida erhebt sich:) Die Zwiebeln sind gekommen.
(Marchbanks krampfhaft:) Zwiebeln!?
(Candida.) Ja, Zwiebeln, und nicht einmal spanische! garstige, kleine rote Zwiebeln! Sie können mir helfen, sie zu zerschneiden; kommen Sie. (Sie nimmt ihn am Handgelenk und läuft, ihn nachziehend, hinaus. Burgess erhebt sich verblüfft und starrt ihnen, auf dem Kaminteppich stehend, nach.)
(Burgess.) Candy sollte den Neffen eines Pairs nicht so behandeln.Das geht doch zu weit, Jakob. Hat er öfters solche komischen Anfälle?
(Morell kurz, ein Telegramm schreibend:) Ich weiß nicht.
(Burgess sentimental:) Er spricht sehr nett. Ich habe immer etwas Sinn für Poesie gehabt. Candy schlägt mir darin nach. Ich mußte ihr immer Märchen erzählen, als sie noch ein so kleines Mädchen war. (Er hält die Hand ungefähr zwei Fuß hoch über den Fußboden.)
(Morell beschäftigt:) So, wirklich? (Er löscht das Telegramm ab und geht hinaus.)
(Proserpina.) Haben Sie die Märchen, die Sie Ihrer Tochter erzählten, selbst erfunden?
(Burgess würdigt sie keiner Antwort und nimmt vor dem Kamin dieStellung tiefster Verachtung gegen sie ein.)
(Proserpina sehr ruhig:) Ich hätte nie gedacht, daß Sie derlei könnten. Übrigens möchte ich Sie doch warnen, da Sie so großes Interesse an Herrn Marchbanks nehmen. Er ist verrückt.
(Burgess.) Verrückt! Was? Der auch?
(Proserpina.) Total verrückt! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr er mich vorhin erschreckte—das kann ich Ihnen versichern, gerade bevor Sie kamen.—Haben Sie das merkwürdige Zeug, das er sprach, nicht gehört?
(Burgess.) So, das ist also der poetische Jammer? Potztausend, es ist mir selbst schon ein oder zweimal aufgefallen, daß es nicht ganz richtig mit ihm ist. (Er durchschreitet das Zimmer und hebt seine Stimme, während er geht:) Na, das ist ein hübsches Irrenhaus für einen Menschen, der außer Ihnen niemanden hat, sich um ihn zu kümmern.
(Proserpina während er bei ihr vorbeikommt:) Ja, wie fürchterlich wäre es, wenn Ihnen da etwas zustieße.
(Burgess hochmütig:) Erlauben Sie sich keine Bemerkungen! Sagen Sie Ihrem Prinzipal, daß ich in den Garten gegangen bin, meine Pfeife zu rauchen.
(Proserpina spottend:) Oh!—(Ehe Burgess erwidern kann, kehrt Morell zurück.)
(Burgess gefühlvoll:) Ich gehe in den Garten, meine Pfeife zu rauchen,Jakob.
(Morell kurz angebunden:) Schon gut, schon gut! (Burgess geht würdevoll hinaus, wie ein müder alter Mann. Morell steht vor dem Tisch, wendet seine Papiere um und spricht zu Proserpina hinüber, halb humorvoll, halb geistesabwesend.)
(Morell.) Nun, Prossi, warum haben Sie meinen Schwiegervater mitSchimpfnamen belegt?
(Proserpina wird feuerrot und sieht rasch zu ihm auf, halb vorwurfsvoll, halb erschrocken:) Ich—(Sie bricht in Tränen aus.)
(Morell lehnt sich mit leisem Humor zu ihr hinüber und tröstet sie:) Oh, lassen Sie, lassen Sie nur! es ist ja nichts dabei: er ist ein alter Schafskopf, nicht wahr? (Mit einem krampfhaften Schluchzen stürzt sie nach der Tür und verschwindet, die Tür zuschlagend. Morell schüttelt resigniert den Kopf, seufzt und geht müde an seinen Stuhl, wo er sich an die Arbeit setzt. Er sieht alt und vergrämt aus. Candida kommt herein; sie hat ihre häusliche Arbeit beendet und die Schürze abgenommen. Sie bemerkt sofort Morells niedergeschlagenes Aussehen, setzt sich ruhig auf den Besuchsstuhl und betrachtet ihn aufmerksam. Sie schweigt.)
(Morell sieht auf, die Feder einen Moment absetzend:) Nun, wo istEugen?
(Candida.) Er wäscht sich die Hände in der Waschküche—unter der Wasserleitung. Er wird ein ausgezeichneter Koch werden, wenn er nur erst seine Furcht vor Marie überwunden hat.
(Morell kurz:) Gewiß, zweifellos. (Er fängt wieder zu schreiben an.)
(Candida geht näher und legt ihre Hände sanft auf die seinen, um ihn aufzuhalten, und sagt:) Komm zu mir, mein Lieber. Laß dich anschauen. (Er legt seine Feder weg und stellt sich ihr zur Verfügung; sie laßt ihn aufstehen, zieht ihn ein wenig vom Tisch fort und betrachtet ihn mit kritischen Blicken.) Wende dein Gesicht einmal gegen das Licht. (Sie stellt ihn mit dem Gesicht gegen das Fenster.) Mein alter Junge sieht nicht gut aus,—hat er sich überanstrengt?
(Morell.) Nicht mehr als gewöhnlich.
(Candida.) Er sieht sehr bleich und grau, runzelig und alt aus. (Seine Melancholie nimmt zu und Candida faßt sie geflissentlich lustig an.) Komm her. (Sie zieht ihn zum Lehnstuhl:) Du hast für heute genug geschrieben. Überlaß Prossi alles Weitere, und wir wollen ein bißchen plaudern.
(Morell.) Aber—
(Candida nachdrücklich:) Ja, du mußt mit mir plaudern. (Sie zwingt ihn, Platz zu nehmen, und setzt sich auf den Teppich zu seinen Füßen.) Nun (seine Hände streichelnd:) fängst du schon an, besser auszusehen. Warum gibst du alle diese ermüdenden Extraarbeiten nicht auf? Jeden Abend gehst du aus, um zu predigen und zu reden. Freilich, was du sagst, ist alles schön und gut; aber es nützt ja nichts: sie geben nicht das geringste darauf. Sie sind natürlich deiner Ansicht—aber was hat man davon, wenn Leute mit einem einverstanden sind und dann hingehen und das Gegenteil von allem tun, sobald man den Rücken kehrt? Denke nur an unsere Gemeinde in St. Dominik? Warum wollen sie dich jeden Sonntag über Christentum reden hören? Nur weil sie mit ihren Geschäften und Geldangelegenheiten sechs Tage lang so sehr beschäftigt waren, daß sie am siebenten Tage nichts davon hören mögen. Da wollen sie ruhen und sich erbauen, damit sie frisch zurückkehren und besser als je dem Gelde nachjagen können. Du hilfst ihnen nur noch dabei, anstatt sie daran zu hindern.
(Morell mit energischem Ernst:) Du weißt sehr gut, Candida, daß ich sie deswegen oft tüchtig ausschelte. Aber wenn ihr Kirchgang ihnen nichts anderes bedeutet als Ruhe und Zerstreuung, warum wählen sie dann nichts Lustigeres, Angenehmeres? Es muß doch etwas Gutes in der Tatsache liegen, daß sie die Kirche am Sonntag schlimmeren Orten vorziehen.
(Candida.) Oh, die schlimmen Orte sind eben nicht offen, und selbst wenn sie es wären, sie würden sich nicht trauen hinzugehen, aus Angst gesehn zu werden. Überdies, lieber Jakob, predigst du so wundervoll, daß es für sie so gut wie ein Schauspiel ist. Warum, glaubst du, sind die Frauen alle so begeistert?
(Morell verletzt:) Candida!
(Candida.) Oh, ich weiß. Du Ahnungsloser, du glaubst, dein Sozialismus und deine Religion machen es,—doch wenn's bloß das wäre, dann würden sie tun, was du ihnen sagst, anstatt nur hinzugehen und dich anzustarren;—sie haben alle Prossis Leiden.
(Morell.) Prossis Leiden? Was meinst du damit, Candida?
(Candida.) Ja, Prossis und das all der anderen Sekretärinnen, die du hattest. Warum, meinst du, läßt sich Prossi herbei, abzuwaschen, Kartoffeln zu schälen und sich auf alle mögliche Art zu erniedrigen, da sie bei dir doch sechs Schillinge in der Woche weniger verdient, als sie in einem Bureau in der City bekäme? Sie ist verliebt in dich, das ist der Grund,—sie sind alle in dich verliebt. Und du bist ins Predigen verliebt, weil du das so wundervoll kannst. Und du glaubst, es sei alles Enthusiasmus für das Himmelreich auf Erden—und sie glauben es auch—o du lieber Dummkopf, du!
(Morell.) Candida, was ist das für ein schrecklicher, seelenmordenderZynismus? Scherzest du oder—ist es möglich—bist du eifersüchtig?
(Candida seltsam gedankenvoll:) Ja, manchmal bin ich etwas eifersüchtig.
(Morell ungläubig:) Auf Prossi?
(Candida lachend:) Nein, nein, nein. Nicht eifersüchtig a u f jemanden. Eifersüchtig f ü r jemanden, der n i c h t so geliebt wird, wie er sollte.
(Morell.) Bin ich das?
(Candida.) Du? Nein. Du bist verwöhnt durch Liebe und Verehrung, mehr, als für dich gut ist.—Nein, ich meine Eugen.
(Morell betroffen:) Eugen?
(Candida.) Es scheint mir ungerecht, daß du alle Liebe besitzen sollst und er keine, obgleich er sie so viel nötiger hat als du. (Eine krampfhafte Bewegung schüttelt ihn gegen seinen Willen.) Was ist dir, quäle ich dich?
(Morell rasch:) Durchaus nicht. (Er sieht sie mit unruhiger Spannung an.) Du weißt, daß ich dir blindlings vertraue, Candida.
(Candida.) Du eitler Mann. Bist du deiner Unwiderstehlichkeit so sicher?
(Morell.) Candida, du verletzest mich. Ich habe an Unwiderstehlichkeit nie gedacht. Deiner Frömmigkeit, deiner Reinheit vertraue ich.
(Candida.) Was für häßliche, ungemütliche Dinge du mir da sagst,—oh, du bist wirklich ein Pastor, Jakob, ein Pastor durch und durch!
(Morell ins Herz getroffen, sich von ihr abwendend:) Das sagt Eugen auch.
(Candida neigt sich mit lebhaftem Interesse zu ihm, die Arme auf seinen Knien:) Eugen hat immer recht. Er ist ein wundervoller Junge, ich habe ihn lieber und lieber gewonnen während der ganzen Zeit, wo ich fort war. Weißt du, Jakob, daß er, obwohl er selbst nicht die leiseste Ahnung davon hat, im Begriff steht, sich wahnsinnig in mich zu verlieben?
(Morell grimmig:) Oh, er selbst hat nicht die leiseste Ahnung davon, wirklich?
(Candida.) Nicht die geringste. (Sie nimmt ihre Arme von seinen Knien und wendet sich gedankenvoll ab, wobei sie eine bequeme Stellung einnimmt, die Hände im Schoß.) Eines Tages wird er es wissen,—wenn er erwachsen und erfahren sein wird wie du—da wird er erkannt haben, daß ich es wissen mußte!—Ich bin neugierig, was er dann von mir denken wird.
(Morell.) Nichts Böses, Candida. Ich hoffe und vertraue, nichts Böses.
(Candida zweifelnd:) Das wird davon abhängen…
(Morell erschreckt:) Abhängen!
(Candida ihn ansehend:) Ja, es wird davon abhängen, was er bis dahin erleben wird. Er sieht sie verständnislos an. Begreifst du das nicht? Es hängt ganz davon ab, wie und durch wen ihm bewußt wird, was die Liebe eigentlich ist. Ich meine, es kommt auf die Frau an, die ihn die Liebe lehren wird.
(Morell ganz verwirrt:) Nein,—ja,—ich weiß nicht, was du meinst.
(Candida erklärend:) Wenn eine gute Frau sie ihn lehrt, dann wird alles gut und schön sein, dann wird er mir verzeihen.
(Morell.) Verzeihen?!
(Candida fortfahrend:) Aber gesetzt den Fall, daß eine schlechte Frau sie ihn lehrt, wie dies vielen Männern, ganz besonders dichterisch veranlagten, geschieht, die alle Frauen für Engel halten,—gesetzt den Fall, sage ich, daß er den Wert der Liebe erst dann entdeckt, wenn er sie fortgeworfen und sich in seiner Unwissenheit selbst erniedrigt hat, —glaubst du, daß er mir dann auch verzeihen wird?
(Morell.) Dir verzeihen? Weswegen?
(Candida bemerkt, wie beschränkt er ist, fährt etwas enttäuscht, aber sanft fort:) Verstehst du das nicht? (Er schüttelt den Kopf; sie wendet sich wieder zu ihm, um es ihm mit zartester Vertraulichkeit zu erklären.) Ich meine: wird er mir verzeihen, daß ich selbst ihn die Liebe nicht gelehrt, sondern ihn schlechten Frauen überlassen habe? meiner Frömmigkeit—meiner Reinheit wegen, wie du es nennst! Oh, Jakob, wie wenig du mich doch verstehst, daß du nur immer von deinem Vertrauen in meine Frömmigkeit und Reinheit sprichst. Ich würde sie beide dem armen Eugen so gerne geben, wie einem frierenden Bettler meinen Schal, wenn nichts anderes mich davon abhielte. Vertraue auf meine Liebe zu dir; denn wenn die nicht wäre, aus deinen Predigten würde ich mir sehr wenig machen—das sind bloß leere Phrasen, mit denen du andere und dich selbst jeden Tag belügst. (Sie ist im Begriff aufzustehen.)
(Morell.) Seine Worte!
(Candida schnell innehaltend, indem sie aufsteht:) Wessen Worte?
(Morell.) Eugens!
(Candida entzückt:) Er hat immer recht. Er versteht dich, er versteht mich, er versteht Prossi; und du, Jakob, du verstehst nichts. (Sie lacht und küßt ihn, um ihn zu trösten; er weicht wie gestochen zurück und springt auf.)
(Morell.) Wie kannst du mich küssen, während du—oh, Candida! (MitSchmerz in der Stimme:) Ich hätte vorgezogen, daß du mir einenWiderhaken ins Herz gestoßen hättest, statt mir diesen Kuß zu geben.
(Candida erhebt sich beunruhigt:) Mein Lieber, was ist denn mit dir?
(Morell schüttelt sie wild ab:) Berühre mich nicht!
(Candida erstaunt:) Jakob! Sie werden durch den Eintritt Marchbanks' und Burgess' unterbrochen, der in der Nähe der Tür stehen bleibt und sie anstarrt, während Eugen sich zwischen sie nach vorwärts drängt.
(Marchbanks.) Ist etwas vorgefallen?
(Morell totenbleich, mit eiserner Selbstbeherrschung:) Nichts, als daß entweder Sie heute morgen recht hatten, oder daß Candida verrückt ist!
(Burgess laut protestierend:) Was? Candy auch verrückt? Das ist zuviel! (Er durchschreitet das Zimmer bis zum Kamin, protestiert während des Gehens und klopft dort seine Pfeifenasche aus. Morell setzt sich verzweifelt nieder, lehnt sich nach vorne, um sein Gesicht zu verbergen, und verschlingt seine Finger krampfhaft, damit sie ruhig bleiben.)
(Candida zu Morell, erleichtert und lachend:) Oh, du bist nur verletzt—ist das alles? Wie konventionell ihr unkonventionellen Leute doch alle seid!
(Burgess.) Benimm dich anständig, Candy. Was wird Herr Marchbanks von dir denken?
(Candida.) Das kommt davon, weil Jakob mir immer predigt, nur mir selbst Rechenschaft abzulegen und nie darauf zu achten, was andere Leute über mich denken könnten. Das ist außerordentlich schön und gut, solange ich derselben Meinung bin wie er. Aber jetzt—weil ich gerade etwas anderer Meinung war jetzt schau ihn dir an, schau nur! (Sie weist auf Morell, höchst belustigt. Eugen beobachtet ihn und preßt seine Hand heftig ans Herz, als wenn ihn irgendein Schmerz getroffen hätte; er setzt sich auf das Sofa wie ein Mensch, der einer Tragödie beiwohnt. Burgess auf dem Kaminteppich:) Sie hat recht, Jakob, Sie sehen wirklich nicht so würdig aus wie gewöhnlich.
(Morell mit einem Lachen, das ein halbes Schluchzen ist:) Das kann schon sein, verzeiht mir alle,—ich wußte nicht, daß ich eine Störung verursache. (Sich zusammenraffend:) Es ist schon gut, schon gut, schon gut. (Er geht zurück nach seinem Platz am Tisch und setzt sich, um an seinen Papieren wieder mit entschlossener Heiterkeit weiterzuarbeiten.)
(Candida geht nach dem Sofa und setzt sich neben Marchbanks, noch in heiterster Stimmung:) Nun, Eugen, warum sind Sie traurig? Haben Sie vom Zwiebelschälen geweint? (Morell kann sich nicht enthalten, sie zu beobachten.)
(Marchbanks beiseite zu ihr:) Ihre Grausamkeit ist es, die mich traurig macht.—Ich hasse Grausamkeit. Es ist entsetzlich, mitanzusehen, wie ein Mensch einem andern weh tut.
(Candida ihn streichelnd, ironisch:) Armer Junge, war ich grausam?Habe ich ihn kleine, rote, häßliche Zwiebel schälen lassen?
(Marchbanks ernst:) Oh, halten Sie ein, halten Sie ein: ich meine nicht mich! Er hat Ihretwegen furchtbar gelitten. Ich fühle seinen Schmerz in meinem eigenen Herzen. Ich weiß, daß Sie nicht schuld daran sind,—es ist etwas geschehen, was geschehen mußte; aber nehmen Sie es nicht so leicht. Mich schaudert, wenn Sie ihn quälen und dabei lachen.
(Candida ungläubig:) Ich Jakob quälen?! Unsinn, Eugen; wie Sie übertreiben! Torheit! (Sie blickt hinüber zu Jakob, der seine Schreiberei hastig fortsetzt; sie gebt zu ihm und steht hinter seinem Stuhl, sich über ihn beugend.) Arbeite nicht länger, mein Lieber, komm und plaudere mit uns.
(Morell liebevoll, aber bitter:) Ach nein: ich kann nicht plaudern, ich kann nur predigen.
(Candida ihn streichelnd:) Nun, dann komm und predige!
(Burgess heftig widersprechend:) Ach nein, Candy! zum Henker mit dem Predigen! (Alexander Mill kommt herein und sieht ängstlich und wichtig aus.)
(Mill beeilt sich, Candida zu begrüßen:) Wie geht es Ihnen, FrauMorell? Wie freue ich mich, daß Sie wieder zurück sind.
(Candida.) Ich danke Ihnen, Herr Mill. Sie kennen Eugen, nicht wahr?
(Mill.) O ja! Wie geht es Ihnen, Marchbanks?
(Marchbanks.) Danke, gut!
(Mill zu Morell:) Ich komme eben aus der Gilde von Sankt Matthäus. Die Leute sind furchtbar bestürzt über Ihr Telegramm. Es ist doch hoffentlich nichts geschehen?
(Candida.) Was hast du denn telegraphiert, Jakob?
(Mill zu Candida:) Es war vereinbart, daß er heute abend dort sprechen sollte, sie haben den großen Saal in der Marestraße gemietet und eine Menge Geld für Plakate ausgegeben. Der Herr Pastor telegraphierte nun, daß er nicht kommen könnte! Es traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
(Candida überrascht, beginnt zu wittern, daß etwas nicht in Ordnung ist:) Eine Gelegenheit, öffentlich zu sprechen, hast du ausgeschlagen?
(Burgess.) Zum erstenmal in seinem Leben, das möchte ich wetten; —nicht wahr, Candy?
(Mill zu Morell:) Man hat beschlossen, Ihnen ein dringendes Telegramm zu schicken, mit der Bitte, Ihren Entschluß zu ändern. Haben Sie es erhalten?
(Morell mit mühsam verhaltener Ungeduld:) Ja, ja, ich bekam es.
(Mill.) Es war mit bezahlter Rückantwort.
(Morell.) Ja, ich weiß. Ich habe es beantwortet. Ich kann nicht kommen.
(Candida.) Aber warum nicht, Jakob?
(Morell beinahe heftig:) Weil ich nicht mag! Diese Leute vergessen, daß ich auch ein Mensch bin; sie halten mich für eine Redemaschine, die man jeden Abend zu seinem Vergnügen aufziehen kann. Darf ich nicht auch einmal einen Abend zu Hause haben, mit meiner Frau und meinen Freunden? (Sie sind alle über diesen Ausbruch erstaunt mit Ausnahme von Eugen,—sein Ausdruck bleibt unverändert.)
(Candida.) Oh, Jakob, du weißt es selbst: morgen wirst du dannGewissensbisse haben, und ich werde darunter leiden müssen.
(Mill eingeschüchtert, aber dringend:) Ich weiß natürlich, daß diese Menschen die unvernünftigsten Anforderungen an Sie stellen; aber sie haben überallhin um einen anderen Redner telegraphiert und können niemanden mehr bekommen als den Präsidenten des Agnostikerbundes.
(Morell rasch:) Nun, das ist ein ausgezeichneter Mann,—was wollen sie denn noch mehr?
(Mill.) Aber er besteht immer so fest auf der Scheidung des Sozialismus vom Christentum. Er wird all das Gute, das wir gestiftet haben, zunichte machen,—natürlich, Sie müssen ja am besten wissen, aber…
(Er zögert.)
(Candida schmeichelnd:) O bitte, geh' doch hin, Jakob. Wir kommen alle mit.
(Burgess brummend:) Schau, Candy, laß uns lieber gemütlich zu Hause am Kamin sitzen. Er braucht ja nicht länger als zwei Stunden wegzubleiben.
(Candida.) Du wirst dich in der Versammlung genau so behaglich fühlen.Wir werden alle auf dem Podium sitzen und wichtige Leute sein.
(Marchbanks entsetzt:) Oh, bitte, nicht auf dem Podium; nein! Jeder wird uns anstarren,—das hielte ich nicht aus. Ich werde im Hintergrund des Saales bleiben.
(Candida.) Fürchten Sie sich nicht. Man wird viel zu sehr damit beschäftigt sein, Jakob anzustarren als daß man Sie bemerkte.
(Morell wendet den Kopf und sieht Candida vielsagend über die Schulter an:) Prossis Leiden, Candida,—nicht?
(Candida lustig:) Jawohl.
(Burgess neugierig:) Prossis Leiden? Was reden Sie da, Jakob?
(Morell beachtet ihn nicht, erhebt sich, geht nach der Tür, öffnet und ruft in befehlendem Ton hinaus:) Fräulein Garnett!
(Proserpina aus der Entfernung:) Ja, Herr Pastor, ich komme schon. (Sie warten alle mit Ausnahme von Burgess, der verstohlen zu Mill geht und ihn beiseite zieht.)
(Burgess.) Hören Sie, Herr Mill: worin besteht Prossis Leiden? Was fehlt ihr?
(Mill vertraulich:) Ja, ich weiß es nicht genau; aber sie sprach recht seltsame Dinge heute früh;—ich fürchte, es ist manchmal nicht ganz richtig mit ihr.
(Burgess überwältigt:) Nein,—vier in demselben Haus! Es muß ansteckend sein. (Er geht zurück an den Kamin, ganz in Gedanken versunken über die Veränderlichkeit des menschlichen Verstandes in der Umgebung eines Geistlichen.)
(Proserpina erscheint auf der Schwelle:) Was wünschen Sie, Herr Pastor?
(Morell.) Telegraphieren Sie nach der Gilde von Sankt Matthäus, daß ich kommen werde.
(Proserpina überrascht:) Werden Sie denn nicht erwartet?
(Morell gebieterisch:) Tun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe.(Proserpina setzt sich erschrocken an die Schreibmaschine und gehorcht.)
(Morell geht hinüber zu Burgess. Candida beobachtet seine Bewegungen die ganze Zeit über mit wachsender Verwunderung und Besorgnis.) Burgess, Sie möchten lieber nicht mitkommen?
(Burgess sich entschuldigend:) Oh, so dürfen Sie das nicht auffassen—ich meine nur, wissen Sie—weil heute nicht Sonntag ist.
(Morell.) Das ist schade, ich dachte, Sie würden gerne mit dem Vorsitzenden bekannt werden. Er ist im Provinzialarbeitsausschuß und hat einigen Einfluß bei Abschlüssen von Lieferungen. (Burgess wird mit einem Male lebendig; Morell, der das erwartet hat, hält einen Augenblick inne und sagt:) Sie wollen also doch mitkommen?
(Burgess mit Enthusiasmus:) Das will ich meinen,—ob ich mitkomme,Jakob! Es ist ja stets ein Genuß, Sie predigen zu hören!
(Morell wendet sich zu Proserpina:) Ich werde Sie nötig haben, damit Sie in der Versammlung einige Notizen machen können, Fräulein Garnett, falls Sie nicht schon vergeben sind. (Sie nickt, aus Angst, sprechen zu müssen.) Sie kommen doch auch mit, Lexi?
(Mill.) Selbstverständlich.
(Candida.) Wir kommen alle mit, Jakob.
(Morell.) Nein! Du kommst nicht mit, und Eugen kommt nicht mit. Du wirst zu Hause bleiben und dich mit ihm unterhalten, zur Feier deiner Rückkehr. (Eugen erhebt sich atemlos.)
(Candida.) Aber Jakob—
(Morell gebieterisch:) Ich bestehe darauf; Ihr habt beide keine Lust zu kommen, weder er, noch du! (Candida will sich dagegen verwahren.) Oh, denkt nicht an mich, ich werde auch ohne euch eine Menge Menschen um mich versammelt sehen. Eure Stühle werden von unbekehrten Leuten besetzt sein, die mich noch nie gehört haben.
(Candida beunruhigt:) Eugen, möchten Sie nicht hingehen?
(Morell.) Ich würde mich fürchten, mich vor Eugen hören zu lassen; er ist Predigten gegenüber sehr kritisch. (Sieht ihn an.) Er weiß, daß ich mich vor ihm fürchte, er hat mir's heute früh selbst gesagt. Nun will ich ihm zeigen, wie sehr ich mich fürchte, indem ich ihn hier allein in deiner Hut lasse, Candida.
(Marchbanks zu sich selbst, mit lebhaftem Gefühl:) Das ist tapfer; das ist schön. (Er setzt sich wieder und hört mit geöffneten Lippen zu.)
(Candida mit ängstlicher Beunruhigung:) Aber, aber—Ist irgend etwas geschehen, Jakob? (Sehr verwirrt:) Ich kann dich nicht begreifen.
(Morell.) Ah, ich dachte, ich sei es, der nichts begreifen kann, meineLiebe. (Er schließt sie zärtlich in die Arme und küßt sie auf dieStirn, dann blickt er ruhig auf Marchbanks.)
(Vorhang)
(Es ist nach zehn Uhr abends; die Vorhänge sind zugezogen und die Lampe brennt. Die Schreibmaschine steht in ihrem Kasten. Der breite Tisch ist geordnet worden; alles zeugt davon, daß das Tagewerk vollbracht ist. Candida und Marchbanks sitzen am Feuer; die Leselampe steht auf dem Kaminsims über Marchbanks, der in dem kleinen Stuhl sitzt und laut liest. Auf dem Teppich neben ihm liegt ein kleiner Haufen von Manuskripten und ein paar Bände Gedichte. Candida sitzt im großen Stuhl und hält einen leichten Schürhaken aus Messing aufrecht in der Hand; sie sitzt zurückgelehnt und sieht versonnen auf die funkelnde Messingspitze. Sie hat die Füße gegen das Feuer hin ausgestreckt und läßt ihre Fersen auf dem Kamingitter ruhen, sich ihrer Erscheinung und ihrer Umgebung tief unbewußt.)
(Marchbanks seine Vorlesung unterbrechend:) Jeder Dichter, der je gelebt hat, hat aus diesem Gedanken ein Sonett gemacht. Er muß es, ob er will oder nicht. (Er sieht Candida an, ob sie ihm zustimmt, und bemerkt, daß sie auf den Schürhaken starrt.) Haben Sie nicht zugehört? (Keine Antwort:) Frau Morell!
(Candida auffahrend.) Wie!?
(Marchbanks.) Haben Sie nicht zugehört?
(Candida schuldbewußt, mit übertriebener Höflichkeit:) O ja. Es ist sehr hübsch. Fahren Sie fort, Eugen. Ich bin begierig, zu hören, was dem Engel passiert ist.
(Marchbanks läßt das Manuskript aus der Hand auf den Boden fallen:)Verzeihen Sie, daß ich Sie langweile!
(Candida.) Aber Sie langweilen mich durchaus nicht, wirklich nicht.Bitte, fahren Sie fort—bitte, Eugen.
(Marchbanks.) Ich habe das Gedicht über den Engel vor einer Viertelstunde beendet. Ich habe Ihnen seitdem schon verschiedenes vorgelesen.
(Candida reuevoll:) Das tut mir wirklich leid, Eugen. Mir scheint, der Schürhaken hat mich behext. (Sie legt ihn nieder.)
(Marchbanks.) Er hat mich fürchterlich gestört.
(Candida.) Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte ihn sofort weggelegt.
(Marchbanks.) Ich fürchtete, Sie auch zu stören; er glich einer Waffe. Wenn ich ein Held aus alten Tagen wäre, würde ich mein gezogenes Schwert zwischen uns gelegt haben. Wenn Morell gekommen wäre, hätte er geglaubt, daß Sie den Schürhaken ergriffen haben, weil kein Schwert zwischen uns liegt.
(Candida verwundert:) Was? (Sie sieht ihn mit verwirrten Blicken an:) Das kann ich nicht recht verstehen. Ihre Sonette haben mich so sehr verwirrt! Warum sollte ein Schwert zwischen uns sein?
(Marchbanks ausweichend:) Oh, lassen wir das. (Er bückt sich, dasManuskript aufzuheben.)
(Candida.) Legen Sie das wieder hin, Eugen. Mein Hunger nach Poesie hat Grenzen, selbst nach Ihrer Poesie. Sie haben mir länger als zwei Stunden vorgelesen—seit mein Mann fort ist—, ich möchte lieber plaudern.
(Marchbanks erhebt sich, furchtsam:) Nein, ich darf nicht reden. (Ersieht in seiner verlorenen Weise um sich und fügt plötzlich hinzu:)Ich glaube, ich mache einen Spaziergang im Park. (Er will nach derTür.)
(Candida.) Unsinn! er ist längst geschlossen. Setzen Sie sich auf den Kaminteppich und plaudern wir, wie Sie es gewöhnlich tun! Ich will unterhalten werden,—wollen Sie nicht?
(Marchbanks halb entsetzt, halb hingerissen:) Ja.
(Candida.) Dann kommen Sie her. (Sie rückt ihren Stuhl etwas zurück, um Platz zu machen; er zögert, dann kauert er sich schüchtern hin vor den Kamin, das Gesicht nach oben gekehrt, wirft seinen Kopf zurück auf ihre Knie und sieht zu ihr empor.)
(Marchbanks.) Oh, ich habe mich den ganzen Tag so unglücklich gefühlt, weil ich getan habe, was recht war; und nun, wo ich unrecht tue, bin ich so glücklich.
(Candida zart, belustigt über ihn:) Ja; ich bin überzeugt, nun fühlen Sie sich wie ein großer, erwachsener, böser Verführer—ganz stolz auf sich, nicht wahr?
(Marchbanks erhebt seinen Kopf rasch und wendet sich ein wenig, um sie anzublicken:) Nehmen Sie sich in acht. Ich bin sogar um vieles älter als Sie, Sie wissen es nur nicht. (Er wendet sich auf seinen Knien ganz herum; mit gefalteten Händen und die Arme in ihrem Schoß, spricht er mit wachsender Erregung—sein Blut fängt an zu wallen:) Darf ich Ihnen ein paar schlimme Dinge sagen?
(Candida ohne die leiseste Angst oder Kälte und mit vollkommener Achtung vor seiner Leidenschaft, aber mit einem Schimmer ihres klugkerzigen mütterlichen Humors:) Nein. Aber Sie dürfen alles sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fühlen, was es auch sei, alles! Ich fürchte mich nicht, solange Ihr wirkliches "Selbst" zu mir spricht und nicht eine bloße Pose—eine galante oder eine gottlose, oder selbst eine dichterische Pose. Das verlange ich von Ihnen, bei Ihrer Ehre und Wahrhaftigkeit!—Nun sagen Sie, was Sie wollen.
(Marchbanks der heiße Ausdruck verschwindet vollkommen von seinen Lippen und Nasenflügeln, seine Augen flammen auf in begeistertem Feuer.) Oh, jetzt kann ich nicht mehr alles sagen; denn alle Worte, die ich weiß, gehören mehr oder weniger irgendeiner Pose an, alle—bis auf eines.
(Candida.) Welches Wort ist das?
(Marchbanks sanft, sich dem melodischen Klang des Namens hingebend:) "Candida, Candida, Candida, Candida, Candida"—das muß ich jetzt sagen, da Sie mich bei meiner Ehre und Wahrhaftigkeit fragen, denn ich denke und fühle niemals "Frau Morell", immer nur "Candida".
(Candida.) Selbstverständlich! Und was haben Sie Candida zu sagen?
(Marchbanks.) Nichts als Ihren Namen tausendmal zu wiederholen.Fühlen Sie nicht, daß es jedesmal ein Gebet zu Ihnen ist?
(Candida.) Macht es Sie nicht glücklich, daß Sie beten können?
(Marchbanks.) Ja, sehr glücklich.
(Candida.) Nun, dieses Glück ist die Antwort auf Ihr Gebet.—WünschenSie sich etwas Besseres?
(Marchbanks selig:) Nein, ich bin im Himmel, wo man wunschlos ist. (Morell tritt ein; er bleibt an der Schwelle stehen und überschaut mit einem Blick die ganze Szene.)
(Morell ernst und mit Selbstbeherrschung:) Hoffentlich störe ich nicht. (Candida fährt heftig auf, aber ohne die leiseste Verlegenheit. Sie lacht über sich selbst. Eugen, noch auf den Knien, schützt sieh vor dem Fallen dadurch, daß er seine Hände auf den Stuhlsitz legt; Morell mit offenem Munde anstarrend, bleibt er in dieser Stellung.)
(Candida im Aufstehen:) Oh, Jakob, wie du mich erschreckt hast; ich war so mit Eugen beschäftigt, daß ich deinen Schlüssel nicht gehört habe. Wie ist die Versammlung verlaufen? Hast du gut gesprochen?
(Morell.) Ich habe in meinem ganzen Leben nicht besser gesprochen.
(Candida.) Das ist ausgezeichnet! Wieviel ist eingegangen?
(Morell.) Ich vergaß zu fragen.
(Candida zu Eugen:) Er muß wundervoll gesprochen haben oder er hätte das nicht vergessen. (Zu Morell:) Wo sind die andern?
(Morell.) Sie verließen den Saal lange ehe ich fortkommen konnte; ich glaube, sie essen irgendwo zur Nacht.
(Candida in ihrer hausmütterlichen Art:) Oh, dann kann Marie zu Bette gehn; ich will es ihr sagen. (Sie geht hinaus in die Küche.)
(Morell blickt strenge auf Marchbanks nieder:) Nun?
(Marchbanks läßt sich mit gekreuzten Beinen auf den Kaminteppich nieder und fühlt sich Morell gegenüber ganz sicher, sogar voll verschmitzten Humors:) Nun?
(Morell.) Haben Sie mir etwas zu sagen?
(Marchbanks.) Nur, daß ich mich hier heimlich zum Narren gemacht habe, während Sie öffentlich dasselbe getan haben.
(Morell.) Ich glaube, kaum auf dieselbe Art.
(Marchbanks springt auf, eifrig:) Ganz genau auf dieselbe Art. Ich habe eben ganz so wie Sie den braven Mann gespielt! ganz so wie Sie. Als Sie Ihr Heldentum, mich hier mit Candida allein zu lassen, begannen—
(Morell unwillkürlich:) Candida?
(Marchbanks.) Ja, so weit bin ich schon. Heldentum ist ansteckend, ich bekam die Krankheit von Ihnen und habe mir geschworen, Candida in Ihrer Abwesenheit nichts zu sagen, was ich nicht schon vor einem Monat in Ihrer Gegenwart gesagt hätte.
(Morell.) Und haben Sie dieses Gelübde gehalten?
(Marchbanks setzt sich plötzlich in grotesker Weise in den Lehnstuhl:) Ich bin bis vor etwa zehn Minuten dumm genug gewesen, es zu halten. Bis dahin habe ich ihr verzweifelt vorgelesen, meine eigenen Gedichte—und andere—um einer Unterhaltung auszuweichen. Ich sah das Himmelstor offen und weigerte mich, einzutreten…. Sie können sich nicht vorstellen, wie heldenhaft das war und wie ungemütlich…. Dann—
(Morell seine Ungeduld bezähmend:) Dann?
(Marchbanks geht prosaisch in eine ganz gewöhnliche Stellung imLehnstuhl über:) Dann konnte sie das Vorlesen nicht mehr vertragen.
(Morell.) Und da haben Sie sich dem Himmelstor schließlich genähert?
(Marchbanks.) Ja.
(Morell.) Und dann? (Wild:) Sprechen Sie, Mensch! Haben Sie denn kein Gefühl für mich!
(Marchbanks sanft und melodisch:) Dann wurde sie ein Engel, und einFlammenschwert erschien, das mir jeden Zugang versperrte, so daß ichnicht eintreten konnte und nun begriff, daß dieses Tor in Wahrheit dasTor der Hölle war.
(Morell triumphierend:) Sie hat Sie zurückgestoßen!
(Marchbanks erhebt sich mit grimmigem Hohn:) Nein, Sie Narr! Wenn sie das getan hätte, würde ich gar nicht gefühlt haben, daß ich schon im Himmel war. Mich zurückgestoßen… glauben Sie, daß mich das gerettet hätte?—Tugendhafte Entrüstung! Oh, Sie sind nicht wert, in einer Welt mit ihr zu leben. (Er wendet sich verachtungsvoll von ihm ab nach der anderen Seite des Zimmers.)
(Morell der ihn ruhig beobachtet hat, ohne seinen Platz zu wechseln:) Glauben Sie, daß Sie dadurch an Wert gewinnen, wenn Sie mich beschimpfen, Eugen?
(Marchbanks.) Hier endet der tausendunderste Text. Morell: ich halte doch nicht viel von Ihrem Predigen. Ich glaube sogar, ich selbst könnte das besser. Der Mann, den ich jetzt vor mir haben möchte, ist der Mann, den Candida geheiratet hat.
(Morell.) Der Mann, den… meinen Sie mich?
(Marchbanks.) Ich meine nicht Hochwürden Jakob Mavor Morell, Moralist und Schwätzer. Ich meine den wirklichen Menschen, den Hochwürden Jakob irgendwo in seiner schwarzen Kutte versteckt haben muß, den Mann, den Candida geliebt hat. Sie können die Liebe einer Frau wie Candida nicht dadurch erreicht haben, daß Sie bloß Ihren Kragen hinten statt vorne knöpfen.
(Morell kühn und standhaft:) Als Candida einwilligte, mich zu heiraten, da war ich derselbe Moralist und Schwätzer, den Sie jetzt vor sich sehen. Ich trug meinen schwarzen Rock, und meinen Kragen knöpfte ich hinten statt vorne. Glauben Sie, daß sie mich mehr geliebt hätte, wenn ich unaufrichtig in meinem Beruf gewesen wäre?
(Marchbanks auf dem Sofa, seine Knöchel umfassend:) Oh, sie hat Ihnen vergeben, so wie sie mir vergibt, daß ich ein Feigling bin und ein Schwächling, und was Sie einen kleinen winselnden Hund—und so weiter—nennen. (Verträumt:) Eine Frau wie diese hat göttlichen Einblick: sie liebt unsere Seele und nicht unsere Narrheiten und Eitelkeiten und Illusionen, oder unsere Kragen und Röcke, oder die andern Fetzen und Lappen, in die wir gehüllt sind. (Er denkt darüber einen Augenblick nach, dann wendet er sich mit gespannter Erwartung um, Morell zu befragen:) Was ich wissen möchte, ist, wie Sie an dem Flammenschwerte, das mich zurückgeschreckt hat, vorbeigekommen sind!
(Morell bedeutungsvoll:) Vielleicht weil ich nicht nach zehn Minuten unterbrochen wurde.
(Marchbanks verblüfft:) Was?
(Morell.) Der Mensch kann auf die höchsten Gipfel steigen; aber er kann nicht lange dort verweilen.
(Marchbanks.) Das ist falsch. Dort kann er ewig verweilen! nur dort!Anderswo findet er keine Ruhe und hat keinen Sinn für die stilleSchönheit des Lebens. Wo sollte ich meine seligsten Minuten verleben,wenn nicht auf den Höhen?
(Morell.) In der Küche, Zwiebeln schneidend und Lampen füllend.
(Marchbanks.) Oder auf der Kanzel, Seelen scheuernd die aus billigemTon sind.
(Morell.) Ja, das auch! Dort habe ich meinen goldenen Augenblick geerntet und mit ihm das Recht, um Candidas Liebe zu werben. Ich habe mir diese Stunde nicht erborgt, noch habe ich sie benützt, um das Glück eines andern zu stehlen.
(Marchbanks schreitet ziemlich angewidert dem Kamin zu:) Ich zweifle nicht daran, daß Sie Ihre Verrichtungen so ehrenhaft erfüllt haben, als ob Sie ein Pfund Käse abgewogen hätten. (Er hält vor dem Kamin inne und fügt nachdenklich zu sich selbst, Morell den Rücken kehrend, hinzu:) Ich konnte zu ihr nur als Bettler kommen.
(Morell auffabrend:) Als ein frierender Bettler, der sie um ihrenSchal bat, nicht wahr?
(Marchbanks wendet sich überrascht um:) Ich danke Ihnen, daß Sie sich auf mein Gedicht beziehen. Ja, wenn Sie wollen: als ein frierender Bettler, der sie um ihren Schal bat.
(Morell erregt:) Und sie verweigerte ihn. Soll ich Ihnen sagen, warum sie ihn verweigert hat? Ich kann es Ihnen sagen, mit ihrer eigenen Erlaubnis: weil…
(Marchbanks.) Sie hat ihn nicht verweigert!
(Morell.) Nicht?
(Marchbanks.) Sie bot mir alles, worum ich bat: ihren Schal, ihre Flügel, den Sternenkranz aus ihrem Haar, die Lilien in ihrer Hand, den aufgehenden Mond zu ihren Füßen.
(Morell ihn anpackend:) Heraus mit der Wahrheit, Mensch! Meine Frau ist meine Frau: ich habe genug von Ihrem poetischen Flitterkram,—ich weiß ganz gut, daß kein Gesetz Candida an mich binden würde, wenn ich ihre Liebe an Sie verloren hätte!
(Marchbanks bizarr, ohne Furcht oder Widerstand:) Packen Sie mich nur beim Kragen: sie wird ihn dann wieder in Ordnung bringen wie heute morgen. (Mit stiller Begeisterung:) Ich werde wieder die Berührung ihrer Hände fühlen.
(Morell:) Sie junger Fant, fühlen Sie nicht, wie gefährlich es ist, mir das zu sagen! Oder (mit plötzilicher Befürchtung:) hat Sie irgend etwas kühn gemacht?
(Marchbanks.) Ich fürchte mich jetzt nicht mehr! Ich habe Sie bishernie leiden mögen, deshalb bin ich bei Ihren Berührung zusammengezuckt.Aber heute erkannte ich—als Candida Sie quälites—daß Sie sie lieben.Seitdem bin ich Ihr Freund! Jetzt können sie mich erwürgen, wennSie wollen!
(Morell ihn loslassend:) Eugen, wenn das keine herzlose Lüge ist—wenn Sie noch einen Funken menschlichen Fühlens haben—so werden Sie mir sagen, was im meiner Abwesenheit vergefallen ist!
(Marchbanks:) Was vorgefallen ist? Nun, das Flamenmenschwere…(Morell stampft ungeduldig mit dem Fuße;),—also im ganz einfacherProsa: ich liebte sie so unendlich, daß ich nichts weiter wünschte alsdas Glück, so lieben zu für ich und bevor ich—Zote fang vom höchstenGrafen der Gefür herunterzutaumente—traten Sie ein.