XIII.

Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man, dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar nach Rom übermittelte.

Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhigeHaltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort desBedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ.

Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt. Peter abgehalten.

Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam. Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.

Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf Dietrich eine Audienz.

Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund, sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag.

Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte denKapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neueKunde von Prag eingelaufen?“

„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“

„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu vermelden wäre in meiner Stadt!“

„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir will gefährlich erscheinen.“

Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig.

„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann gefährlich werden.“

„Wohinaus will Lamberg zielen?“

„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung, die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“

„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, einTritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“

„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir verstatten?“

„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“

„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit zugleich.“

„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst undHerr zu thun und lassen habe?!“

„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“

„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird mir wohl anjetzo eingekerbt?!“

„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“

„Wie?“

„Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“

„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“

„Der Brand….“

„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn nieder!“

Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen das heiße Blut.“

„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“

„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber nicht….“

Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch' infamen Argwohn entschuldbar?“

„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward zum Brandstifter.“

Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte sich Wolf Dietrich amüsiert.

„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen lassen?“

„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“

„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“

„So sprich, teurer Freund!“

„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des altenDomes.“

„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“

„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“

„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“

Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben, konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.

Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht schlummerte ein.

Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen, der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein.

Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen Kirchen provisorisch untergebracht.

Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig und müsse daher abgetragen werden.

Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis auf den Grund geräumt.

Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung erbauen.

Bei aller Freundschaft zum Grafen Lamberg liebte es Wolf Dietrich doch, seine Umgebung immer mehr zu verwelschen; so hatte er den Juristen Agostino Tandio aus Siena zu seinem Geheimschreiber, den Mailänder Sebastian Cattaneo zum Weihbischof und Bischof von Chiemsee ernannt. Baumeister des Fürsten war J.B. Minguarda, eine wichtige Persönlichkeit am Hofe des baulustigen Erzbischofs.

Als Wolf Dietrich aber mit Cattaneo zerfallen war, kamen der Reihe nach nur Italiener zur Würde des Weihbischofs, die bestrebt waren, bei Hof zu Einfluß zu gelangen. Indes hielt der Fürst in politischen Angelegenheiten doch am bewährten Ratgeber Lamberg fest, der am meisten damit vertraut war; allerdings war ein dem Charakter des Erzbischofs entsprechendes sprungweises Vorgehen aus eigener Initiative nie ausgeschlossen, und Lamberg wie die Hofräte bekamen dann die mißliche Aufgabe, in heiklen diplomatischen Verhandlungen beschwichtigend zu wirken und den verfahrenen Karren wo möglich wieder ins Geleise zu bringen.

Ein Sprung dieser Art war das plötzliche Angebot an Kaiser Rudolf II., dessen Sudwerk zu Ischl im Salzkammergut auf ewige Zeiten mit Holz aus den Wäldern des salzburgischen Pfleggerichts Hüttenstein zu versorgen. Natürlich konnte diese Spende des bisher im Geben sehr spröden Fürsten den Kaiser nur erfreuen. Weniger erbaut davon waren die Hofräte, welche sich den Kopf schier zerbrachen, um das Motiv solcher Spende und einer unfaßlichen Konzilianz zu entdecken. Und erst auf vorsichtig betretenen Umwegen vermochten die Juristen Wolf Dietrichs herauszubringen, daß der Fürst eine Annäherung an den Kaiser wünschte, und mit Mühe setzten die Räte bei der zu Pilsen erfolgten Vertragsschließung die Klausel durch, daß es dem Erzstift freistehen sollte, die Holzspende wieder aufzuheben, wenn Österreich das Halleiner Salz an seinem freien Gang nach Böhmen hindern oder sperren würde. In diesem Sinne wurde denn auch der Vertrag geschlossen, und Wolf Dietrich kam durch sein Entgegenkommen mit dem Kaiser auf guten Fuß, verdarb es aber dementsprechend mit dem bayerischen Nachbar, der in der Spende nichts anderes erblicken konnte, als den geglückten Versuch, daß Salzburg sich den ungehemmten Ausgang des Halleiner Salzes nach Böhmen sichern wollte.

Das fürstliche Geschenk mußte zu München geradezu verblüffen, und zwarim Hinblick auf die bisherigen Klagen des Fürsten auf Reichstagen überGeldmangel, Minderertrag der Bergwerke, demzufolge Wolf Dietrich demKaiser die erbetene Hilfe in der gewünschten Höhe verweigern zu müssenerklärt hatte. Herzog Max von Bayern konnte hier nur einen argenWiderspruch finden, der indes jene Holzspende noch übertrumpfte, als inMünchen bekannt wurde, auf welch' pomphafte, nie dagewesene Weise derErzbischof den zu Gast gekommenen spanischen Admiral Francisco deMendoza empfing und mit einer Pracht und Üppigkeit bewirtete, die denAdmiral veranlaßte, zu verkünden, daß der Erzfürst von Salzburg nichtnur der prunkliebendste, sondern auch der reichste unter denKirchenfürsten Deutschlands sein müsse.

Als der Spanier aber den gastlichen Hof zu Salzburg verlassen hatte, wehte insofern ein anderer Wind durch das Palais, als der Hofkastner wieder einmal vor leeren Kassen stand und sich innerhalb des Kapitels Stimmen erhoben, die sich erlaubten, solch ungeheuerliche Prachtentfaltung zu tadeln und zugleich an Erfüllung jener Verbindlichkeiten zu erinnern, die Wolf Dietrich bei der Wahlkapitulation vor nun sehr geraumer Zeit übernommen.

Mit einem Aufbrausen und einfachen Mandat war einer solchen Situation nicht zu entgehen; Wolf Dietrich konnte, da das Kapitel gegen ihn auftrat, auch nicht auf die Hilfe Lambergs zählen, der doch als Kapitular dem Kapitel angehörte. Der Fürst fand den ersehnten Ausweg, indem er alle Unkosten der Regierung auflastete und deduzierte: Der gewählte Erzbischof übt die Regierung aus, also ist er vollkommener Nutznießer und Herr aller Einkünfte, Regalien und Gefälle des Erzstiftes gegen Entrichtung der dem Erzstift obliegenden Bürden; der regierende Fürst könne also auch mit etwaig erspartem Vermögen bei seinen Lebzeiten frei schalten und walten, dasselbe verschenken und auf Stiftungen verwenden; hingegen solle dasjenige, was er nach seinem Tode an Gebäuden, Fahrnissen und Barschaft hinterlasse, dem Erzstift anheimfallen.

Mit diesem meisterhaften Schachzug, der Vertröstung auf die Erbschaft vermochte der kluge Fürst thatsächlich das Kapitel zu einem diesbezüglichen Vertrag zu bewegen, und nun war Wolf Dietrich dessen sicher, in Zukunft vor den unzufriedenen Dränglern Ruhe zu bekommen. Das Kapitel war einfach auf die Zukunft verwiesen und muß warten, bis der regierende Herr mit dem Tod abgegangen sein wird. Was sich dann als Nachlaß, insonders in Bar vorfindet, das ist eine andere Sache. Somit hatte sich die stetig vollzogene Berufung von Opportunisten ins Kapitel bis auf die nörgelnden alten Domherren ebenso gut bewährt, wie die vom Fürsten vorgenommene Auswechslung von ihm ergebenen Personen im Stadtrat. Dort hatte Bürgermeister Ludwig Alt einem Stadthauptmann Platz machen müssen, zum Syndikus wurde gleichfalls eine andere Persönlichkeit ernannt, und kurz darauf wurden beide Posten wieder aufgehoben und mit Bürgern besetzt, über deren freundlich ergebene Gesinnung kein Zweifel obwalten konnte.

Damit aber Geld in den Kasten kam, wurde die Türkensteuer, welche der Fürst nur in bescheidenen Teilen dem Kaiser gewährte, voll in der Höhe der kaiserlichen Forderung weiter erhoben und das Überplus dem fürstlichen Fiskus eingeliefert.

Jahre zogen ins stiftische Land und reicher Kindersegen ward dem Fürsten zu teil, der treu zu seiner Salome hielt. Der Nörgler an seinen Beziehungen zur schönen Frau unter der Bürgerschaft wurden immer weniger, sie fanden das Verhältnis zwar nicht in Ordnung, doch imponierte selbst den verbissensten Patriziern die Treue, das Festhalten des Fürsten an einer zur Gemahlin erkorenen Frau zu einer Zeit, da die Konkubinenwirtschaft weit verbreitet und fast nicht mehr anstößig empfunden ward. Und bei Notleidenden, Kranken, Armen und Siechen gab es überhaupt nur eine Stimme dankbarsten Lobes für Wolf Dietrich und Salome, deren Wohlthätigkeit im ganzen Erzstift bekannt war.

Im trauten Zusammensein mit Salome überkamen aber doch den Fürsten manchmal trübe Gedanken, die vertrauliche Mitteilungen aus Rom immer wieder wachriefen, Berichte über Bayerns stetige Versuche, den Salzburger zu diskreditieren eben seines Verhältnisses zu Salome wegen.

In solchen Momenten rief Wolf Dietrich unmutig, verbittert aus, daß kleinlich sei des Herzogs Machenschaften, und unfaßlich das Zögern Roms. „Hab' ich Gregors Machtwort respektiert, gekränkt dadurch mein treues Weib, nicht eingelöst mein fürstlich Wort, entbehrt der Bund des kirchlichen Segens, was soll Verleumdung weiter! Will Rom ein abermalig Machtwort sprechen, sei's drum! Des stetig Sticheln bin ich wahrlich überdrüssig, säh' lieber ein feindlich Andringen!“

Immer verstand es Salome, den Gebieter durch zarte Rede zu beruhigen, zu trösten über das Ungemach, das schließlich ja nicht unverdient genannt werden könne.

Im Gefühle innig aufquellender Liebe rief Wolf Dietrich: „Das sagt Salome, der ich die Ehe einst gelobt, mein Weib, dem das Wort ich gebrochen?!“ „Ja, geliebter Herr und Gebieter! Wohl hab' ich ersehnt heiß die kirchlich Einsegnung unseres Bundes, wie jedes liebend Weib im innerst Fühlen solche Segnung wird erstreben; doch in meinem Falle eracht' ich es als höchste Pflicht, zu unterordnen mich den höheren Geboten, zu fügen mich und alles verhindern nach Kräften was gefährden könnte Thron und Leben meines gnädigen Herrn!“

Von Herzen dankbar zog Wolf Dietrich die Getreue in seine Arme und küßte die weiße Stirn Salomens.

Sich der Umschlingung entziehend, sprach Salome dann leise: „Mein gnädiger Herr! Ein Wort im Vertrauen möge mir verstattet sein!“

„Sprich, Geliebte, ich bin ganz Ohr für dich!“

„In schuldiger Demut tret' ich, wie schon gestanden, willig in denHintergrund. Als Mutter aber muß ich für unsere Kinder nach meinenKräften sorgen —“

„Salome! Ich thue sicherlich das Meinige! Will nicht hoffen, daßUrsach' ist zur geringsten Klage?!“

„Mit nichten, theurer Gebieter! Wahrlich fürstlich ist zu nennen die Fürsorge für mich und die Kleinen. Allein der Blick muß weit hinaus sich richten….“

„Ich verstehe mählich! Geurkundet ist bereits, daß führen wird jeder Sproß aus unserem glücklich Bund meinen Namen Raittenau! Das gilt für unseren Erstling Wolf wie für unsere andern Kinder!“

„Verzeiht mir, hoher Herr und geliebter Gönner! Geurkundet hat derStiftsherr, zugleich Erzbischof mit Handschrift und dem Siegel. Zwingtsolche Urkund' aber unsere Feinde zur Anerkennung einer legitimenAbstammung, da nichtig ist der Bund der Eltern?“

„Ob der Bayer wird nennen meine Kinder nach meinem Namen, mich könnt' kalt dies lassen!“ erwiderte in trotziger Geringschätzung der Fürst.

„Doch nicht, gnädiger Herr! Just der Bayer soll gezwungen sein, anzuerkennen solche Urkunde“

Überrascht blickte Wolf Dietrich auf, er wußte nicht im Augenblick, wohinaus Salome wolle. „Den Bayer zwingen? Dazu reicht Salzburgs Macht nicht wohl aus!“

„Nicht Salzburg hätte ich im Auge, der Kaiser kann ihn zwingen!“

„Der — Kaiser?! Salome, deiner Gedanken hoher Flug setzt mich fürwahr insStaunen!“

„Wie Salzburg steht zum Kaiser, ich weiß dies nicht. Ein bittend Wort, mein' ich, und gerne wird des Reiches höchster Herr betätigen des Stiftsherrn Urkund' — —!“

„Hm!“ Gedankenvoll schritt Wolf Dietrich im reich geschmückten Wohngemach hin und her, nicht eben angenehm berührt von den Plänen Salomes, die zu realisieren das schwankende Verhältnis Salzburgs zum Kaiser sehr erschwert. Ist der Fürst in diesen Tagen persona grata bei Rudolf, es kann solche Beziehung sich ändern binnen wenigen Tagen, und von besonderer tief empfundener Ergebenheit zum Kaiser spürt Wolf Dietrich wenig in seinem Herzen. Dies aber der Gemahlin zu sagen, geht nicht an. Zu Salome tretend, sprach der Fürst: „Solch' wichtige Sache will überlegt, sorglich betreuet sein. Ich werde deinen Plan im Aug' behalten und zur rechten Zeit den rechten Schritt thun!“

„Wie mein gnädiger Herr befiehlt! Nur bitt' ich in schuldiger Ehrfurcht, es möge nicht zu lang gezögert werden, wasmaßen vom Herzog Max nicht viel des Guten zu versehen ist!“

„Pah, der Bayer! Ein Mann, der im Rücken kämpft und salzhungrig ist!“

Salome kannte den Fürsten zu genau, um in Momenten solcher Geringschätzung eine Umstimmung, eine Warnung zu versuchen, womit nur das Gegenteil, erbitterter Trotz, erreicht würde. Die kluge Frau wollte aber auch nicht beitragen, die Mißachtung und Unterschätzung eines gefährlichen Gegners zu fördern, und so beschränkte sich Salome darauf, den Gebieter zu bitten, die für die Kinder wichtige Angelegenheit nicht aus dem Auge verlieren zu wollen.

Mit einer leisen Verstimmung im Herzen kehrte Wolf Dietrich in seine Apartements zurück. Briefe Lambergs aus Regensburg, die ein Kurier eben gebracht, konnten die Laune des Fürsten nicht verbessern. Lamberg berichtete, daß der Reichstag gesprengt sei infolge der wegen der Erneuerung des Religionsfriedens zwischen den protestantischen und katholischen Ständen ausgebrochenen Streitigkeiten, und daß bisher die Gesandten Salzburgs mit der katholischen Partei gegangen seien. Die protestantische Bewegungspartei habe nun die „Union“ errichtet, eifrige Katholiken seien daran, als Gegengewicht die „Liga“ zu gründen, und so frage Lamberg an, ob Salzburgs Vertreter dieser Liga beitreten dürfen oder nicht.

Das umfangreiche Schreiben schloß mit dieser Frage ab, Lamberg hatte es unterlassen, seiner Meinung betreffs eines Beitrittes zur Liga irgend welchen Ausdruck zu geben.

Wolf Dietrich erfaßte sehr wohl die Bedeutung dieser Angelegenheit und überlas den Bericht sogleich ein zweites Mal, um es dann achselzuckend aus der Hand zu legen, wobei der Fürst murmelte: „Will der Bayer und sein Anhang die Liga, soll er sie gründen, ich thu' nicht mit; habe genug im eigenen Land zu sorgen und zu walten. Immer der Bayer! Der Mainzer und all' die anderen mit dem Kurhut auf den dicken Köpfen! Wolf Dietrich thut euch den Gefallen nicht, er will nicht das fünfte Rad am Wagen sein! Meine Politik mach' ich selber, und brauche keinen Jesuiten-Max dazu!“

Eine Ordre rief die Gesandten Salzburgs heim, der Liga-Angelegenheit ward mit keinem Wort erwähnt.

Es schien, als hätte Wolf Dietrich sich mit diesen Zeilen den Ärger vomHalse weggeschrieben, in fast fröhlicher, zum mindesten aber boshafterStimmung begab er sich, da es Zeit zur Tafel geworden, zu Salome, die obder Veränderung der Laune den Gebieter erstaunt betrachtete.

Der Fürst erlustierte sich an der Verwunderung Salomens, setzte sich auf ein Tabouret und lachte laut vor sich hin. „Willst wissen, Geliebte, was meinen Sinn erheitert? Kann's nicht sagen! Haha! Ein köstlich Erinnern!“

„Betrifft es mich, gnädiger Herr?“ fragte, schalkhaft werdend, Salome.

„Ging es nach Maxens Sinn, könnt' es schon sein!“

„Wen meint mein Gebieter mit sothanem ‚Max‘?“

„Haha! Wen anders als den freundlichen Nachbar! Will eine Liga gründen, der brave Mann! Die alte Liga reicht nicht aus! Kam mir just in Erinnerung, was Maximilian Prächtiges geleistet, excellentissime!“

„Und das wäre?“

„Der Herzog führte Krieg gegen — der hübschen Weiber kurze Röcke und pönte die nackten Knie seiner Bergbauern!“

„So streng soll der Bayern-Herzog sein?“

„Noch mehr! Er giebt Fanggeld für Ehebruch-Denunzianten! Muß lieblich Leben sein im Bayerlande! Und bei solchen Auswüchsen mutet man mir zu, die Jesuiten, die den Herzog in den Fingern haben, zu berufen in das Erzstift. Können lange warten! Salome, geh' nicht nach Bayern, laß deine kleinen Füßchen nimmer sehen vor einem Bayer, ansonsten wird Salome gepönt, verliert den schönen Kopf!“

Die Favoritin staunte über solche Spottlust, die Wolf Dietrich überkommen; der Fürst war kaum zu erkennen in dem Sticklachen, das ihm den Kopf rötete. Es bedurfte einiger Zeit, bis Wolf Dietrich ruhiger wurde, und Salome nützte dieses Intervall, um sich durch vorsichtige Fragen einigermaßen über die jetzigen Beziehungen Salzburgs zu Bayern zu orientieren. Wo der Stiftsherr so grimmig spöttelt, kann es mit der Freundschaft nicht zum besten bestellt sein, das zu erraten fand auch Salome nicht schwer.

Wolf Dietrich ging auf die Fragen seiner Freundin williger denn erwartet ein, es schien ihm, nachdem der Lachreiz überwunden, Bedürfnis, seine Meinung vertraulich auszusprechen. Freilich blieb mancher Ausdruck in lateinischer Sprache der Dame unverständlich, Salome mußte sich aufs Raten verlegen und deutete das „aut Caesar aut nihil“ dahin, daß der Gebieter entweder zu öberst in der Liga sitzen oder gar nicht mitthun wolle.

Die weiteren Bemerkungen des Fürsten bekräftigten diese Auffassung: „Wo der Bayer das Direktorium hat, geht Salzburgs Stiftsherr nimmer mit, wasmaßen immerdar geizet nach der Hegemonie im deutschen Süden. Die Vorherrschaft gebühret aber dem Erzstift, ich bin Primas von Deutschland, nicht der Bayern-Herzog!“

Vorsichtig fragte Salome: „So strebet der Nachbar wohl gar die Erbschaft im Erzstift an?“

Höhnisch rief Wolf Dietrich und richtete sich dabei auf: „Soll er wie er will und mag! Wird ihm nichts nützen, an meiner Thür ist ein tüchtiger Riegel vorgeschoben und diesen bringt kein Herzog und kein Kaiser weg!“

„Mein gnädiger Herr spricht in Rätseln!“

„Keineswegs, und Salome wird gleich verstehen, wenn ich sage: Ins Erzstift darf mir kein Prinz von Bayern, auch nicht von Österreich kommen; den Koadjutor bestimmen wir selbst, und das von mir und dem Kapitel aufgestellte Statut schließt die Wahl von bayrischen und österreichischen Prinzen für immer aus. Das ist der Riegel vor der porta salisburgensis, von dem ich gesprochen!“

Ängstlich fragte Salome: „Mußte das sein?“

„Ja, Geliebte! Wir wollen Ruhe haben im Erzstift und das Kapitel hat ein Recht darauf, seinen Herrn und Fürsten nach eigenem Gutdünken zu wählen. Wie die Kapitulare mich aus ihrer Mitte einst erwählet, so soll es fürder bleiben, und für hungrige Prinzen bleibt Salzburgs Thron verschlossen!“

„Was sagt der Bayer zu solchem Statut?“

„Kaum, so will mich dünken, wird Herzog Max darob erfreut sein, und in Innerösterreich wird man die Trauben sauer finden! Sollen es ändern, wenn sie können! Zwang zur Wahl ist exkludieret!“

„Und was wird man sagen, wenn mein gnädiger Herr der Liga ferne bleibt?“

„Was frag' ich darum?! Mißlich mag es dem Herzog sein, so Salzburg sich weigert, betreiben wird er sothanen Anschluß, die Kirchenfürsten angehen, so den Mainzer und die Herren von Köln und Trier, aber ich will nicht!“

„Kann der Papst das nicht befehlen oder gar der Kaiser?“

„Nein! Intervenieren werden beide wohl und Gesandte schicken haufenweise, ich aber bleibe fest, die Liga mit Max an der Spitze ist nichts als eine bayerische Praktik! Dem Kaiser werd' ich sagen, sothanes Bedürfnis ist schädlich ihm und dem Hause Österreich, weil zu sehr kräftigt es den Bayer.“

In Salome stieg eine düstere Ahnung auf, daß dieser Sachverhalt gefährlich für Salzburg werden könne, doch schwieg sie, da sie sich keines Ausweges sicher war und keines Rates wußte. Gewandt das Thema wechselnd fragte Salome: „Will mein Fürst und Herr mich anjetzto wohl zur Tafel führen?“

Galant reichte Wolf Dietrich ihr den Arm und verließ das Frauengemach mit Salome unter Vorantritt der im Vorzimmer versammelt gewesenen Pagen und Kämmerlinge.

Wenige Tage darauf lief das offizielle Schreiben des Herzogs Max mit der Einladung zum Beitritt in die Liga ein, und Wolf Dietrich, maßlos erzürnt, warf das Schreiben zu Boden und stampfte mit den Füßen darauf.

Wie der Fürst es vorausgesagt, begannen nun die Versuche der Kirchenfürsten, den Erzbischof von Salzburg umzustimmen; Gesandte kamen aus München, Mainz und Köln, auf Betreiben des Bayers fanden sich auch die Bischöfe von Konstanz und Augsburg in Salzburg ein, die Wolf Dietrich der Reihe nach vorließ, ihren Vortrag anhörte und dann mit ausweichendem Bescheid heimkehren ließ.

Und als Kaiser Rudolf monierte, schickte der Erzbischof seinen Rat Sunzinger zum kaiserlichen Rat Hegenmüller nach Passau mit dem Auftrag, zu vermelden: Der Stiftsherr von Salzburg warne Seine Kaiserliche Majestät vor der Liga und der damit verbundenen Stärkung bayerischer Macht und rate, das in Passau liegende Kriegsvolk in Waffen zu halten, auf „daß dem Adler die Krallen nicht zu kurz geschnitten würden“.

Schlauer Weise hatte Wolf Dietrich seinem Gesandten zugleich eine Anweisung auf 24000 Gulden mitgegeben, mit der Ordre, dieselbe zu präsentieren, wenn der Vertreter des Kaisers jammern würde, daß Kaiser Rudolf nicht die Mittel für die Unterhaltung des Passauer Kriegsvolkes zur Verfügung haben sollte.

Wie berechnet, kam es so, das Geld wurde mit Freuden angenommen, das kaiserliche Kriegsvolk blieb unter Waffen in Passau und sicherte dem schlauen Salzburger einen gewissen Rückhalt gegen Bayern.

Herzog Max faßte diesen Schachzug direkt als Feindseligkeit auf, sowohl gegen Bayern wie gegen die katholische Liga, und von dieser Ansicht bis zur mehr minder offen ausgesprochenen Meinung, daß der Salzburger es mit den Ketzern halte, war nur ein kleiner Schritt, der denn auch alsbald erfolgte. So steigerte sich der Unwillen gegen Wolf Dietrich zur schweren Verdächtigung, Rom ward verstimmt und mißtrauisch, und in München begann man Material zu einer Anklage zu sammeln, die durch das Leben Wolf Dietrichs mit Salome unschwer zu begründen war.

So türmten sich dunkle, gewitterschwangere Wolken über Salzburgs Himmel auf. Der Fürst aber glaubte allen trotzen zu können und blieb blind gegen die aufziehenden Gefahren.

Salome hingegen erkannte instinktiv das Nahen einer Katastrophe und beriet sich mit Lamberg über Schritte zur Sicherung der Familie und ihrer Ersparnisse.

Inmitten dieser Wirren und diplomatischen Kämpfe vergaß Wolf Dietrich keineswegs seiner Bauten, für welche Geldmittel reichlich genug vorhanden waren, dank der stetig fließenden Steuerquellen. Es füllt die Aufzählung kleiner Bauten, Kapellen, Chöre, Restaurierungen in Kirchen und Klöstern, Aufrichtung neuer Altäre, Kirchenfenstern von höchstem Kunstwert &c. allein ganze Bände. Der Fürst aber wollte für Salome einen eigenen Palast haben, und im Jahre 1606 erstand das für diese Zeit feenhafte Schloß ‚Altenau‘[17] im italienischen Stil zur Erinnerung an Salome Alt. Eine Marmortafel über dem Einfahrtsthore enthielt die von Wolf Dietrich selbst verfaßten Verse:

Raittnaviae stirpis divino e munere princepsAd rapidas Salzac praetereuntis aquasImpatiens otii, spirans magis ardua quondam,Nunc, ubi per morbos corpore deficio,Has tacitas aedes fessus portumque silentemHunc mihi semestri tempore constituo.

Dieses Schloß stand auf dem rechten, noch wenig bewohnten Salzach-Uferund gab der landschaftlichen Umgebung ein eigentümliches, fremdartigesGepräge. Die Villa Altenau mochte wohl auch zum Anstoß für weitereBebauung dieses Ufergeländes gegeben haben.

Salome, welche mit der stattlich angewachsenen Kinderschar (sieben Töchter und drei Söhne) bisher in der alten Münze, dem Anbau zur Residenz, gewohnt, übersiedelte bald nach Fertigstellung des Schlosses nach ‚Altenau‘, und hier im Kreise seiner Familie verbrachte Wolf Dietrich seine Mußestunden und lebte seinem idyllischen Glück, pflegte der schönen Künste und Wissenschaften, und verscheuchte die immer dräuenderen Sorgen hinter sich.

Was die Salzburger zur Erbauung des Prachtschlosses sagten, findet sich in Steinhausers Chronik interessant verzeichnet:

„Um dise Zeit auch hat der hochwürdigst Fürst und Herr, Herr Wolf Dietrich ain schöns, groß, geviert, herrliches Gepeu, wie ain Schloß oder Vestung, mit ainem wolgezierten, von Plech gedeckten, glanzeten Thurn, und inwendig, auch außen herumb, mit schönnen Gärten von allerlai Kreüthwerch, Paumbgewächs und Früchten geziert und versehen, pauen und aufrichten lassen, — auch solchen Pau Altenauen genennt. In solchem schönen Gepeü hat der Erzbischoff und die Seinigen &c. sich oftmallen belustigt und vilmals sowol morgens als abents die Malzeiten daselbst genossen und allerlai ehrliche Freüdenspill und Kurzweil darinnen getriben. Dieses herrliche, schöne, Gepeü, gleich einem fürstlichen Hof, hat abermal vil tausent Gulden gestanten; aber die Wahrhait zu bekennen, ist es ain herrlich, schön fürstliches Werk und gibt gleichsamb der Statt ain sonderlichen Wolstand und Zier, stehet vor dem Pergstraßthor. Mit diesen und dergleichen noch vil mehr zu Unnuz angelegten vergeblichen Gelt hette man vil Hausarmen, Dürftigen merklich künen zu Hülf kommen oder damit in ander mehrlai Weeg schaffen können.

Ich will aber darüber auch nit pergen, daß gemelter Erzbischoff im Fahl der Not oder Theurrung sich so vil mit Trait fürgesehen, wann es sich begeben…. Dieses Lob ainem Fürsten oder Erzbischoven nachzusagen, ist widerumben ain rühmliches Werk, zuedeme, so sind auch vil armer Handwerchsleüt, Taglöhner und dergleichen darbei erhalten worden und solcher Bau dannach etlicher Maßen zue Nuz kommen, denn welcher ist doch der, welcher gegen jedermann und in allen Dingen recht thuen kann, wie dann das gemaine Sprichwort sagt: Der ist weis und wohlgelehrt, der alle Ding zum Besten kehrt. Man sag und schreib von ihme, was man wöll, so höre ich, die Wahrhait zu bekennen, daß ihme noch vilmahls alles Guets nachgesagt und die ewige Freid herzlichen gewünschet würt, er noch vilmahls gewünschet und begert wirdet.“

Graf Lamberg, vom Fürsten zum Bischof von Gurk ernannt, war gleichwohlin Salzburg verblieben und erwies sich immer mehr als treuer Freund auchSalomens, als diese ihn in ihre Pläne eingeweiht und um seineUnterstützung gebeten hatte.

Durch Lambergs Vermittelung wurde eine Audienz Salomens beim Kaiser erwirkt, zur Verhüllung einer Prager Reise aber der Besuch von Karlsbad vorgeschützt.

Salome mit den ältesten, prächtig herangewachsenen Kindern, gefolgt von zahlreicher Dienerschaft, reiste nach Prag, mutig das gesteckte Ziel verfolgend, so sehr das Herz der zarten Frau auch zitterte im Gedanken, vor den Kaiser treten zu sollen, von dem es hieß, Rudolf II. sei ein unheimlicher, krankhaft erregter, weltverlorener Mann, herrschsüchtig, auffahrend, grausam und dennoch des wärmsten Mitleids bedürftig.

Salomens Liebreiz, der ihr verblieben, trotz des reichen Kindersegens, erwies sich siegreich wie immer auch in Prag; ihr bei allem fürstlichen Aufwand und Prunk bescheidenes Auftreten öffnete die Herzen vieler Adeliger, die darin wetteiferten, der schönen Frau die Honneurs zu erweisen. Manch verstohlener Blick galt der Dame, die mutig ausharrt an eines Erzbischofes Seite und des kirchlichen Segens für ihren Bund entbehrt.

Der Tag der Audienz in der Kaiserburg Hradschin kam, zagend fand Salomemit den Kindern sich im hohen Empfangssaal ein, geleitet vomDienstkämmerer, der alsdann in einem Nebengemach verschwand, um demKaiser Meldung zu erstatten.

Rudolf II. in schwarzer spanischer Tracht, saß an einem mit Folianten und Geräten überladenen Tisch, vertieft in das Studium alchymistischer Schriften, das er nebst Astrologie so sehr liebte und darob der Sorgen um das Reich oft vergaß. Kaum hörte der Monarch die leise gesprochenen Worte des Kammerherrn, kaum, daß Rudolf den Kopf hob. Nur als das Wort „Salzburg“ fiel, ward der kranke Kaiser aufmerksamer und fragte wie geistesabwesend, wer um Empfang bitte, obwohl der Kämmerling diesbezügliche Meldung eben erstattet hatte.

Ehrerbietig sprach der Dienstkämmerer: „Frau von Altenau aus Salzburg bittet Euer Majestät unterthänigst um gnädigen Empfang.“

Rudolf fuhr mit der zitternden Rechten über die bleiche Stirne und murmelte: „Altenau aus Salzburg — kenn' ich nicht! Salzburg — der widerhaarige Fürst — ja ich weiß — bin müde, führ' er den Bittsteller herein, soll kurz es machen!“

Unter tiefer Verbeugung erwiderte der Kämmerling: „Euer Majestät unterthänigst zu vermelden: Es ist eine Dame, die um Audienz bittet!“

Im abgespannten, dem Mysticismus verfallenen Kaiser regte sich die Ritterlichkeit, als er hörte, daß eine Dame seiner harrt, Rudolf erhob sich und gab Befehl, Frau von Altenau hereinzugeleiten.

Nach wenigen Augenblicken trat Salome, zwei ihrer Kinder an der Hand führend, ein, sie wie die Kinder beugten das Knie vor dem Kaiser, der tiefernst und dabei verwundert die Gruppe betrachtete, doch sogleich die Dame bat, sich zu erheben.

Salomens Liebreiz fesselte des Kaisers Blick, seine Miene wurde freundlicher.

„Gnädigster Kaiser und Herr!“ sprach bebenden Tones Salome und richtete den Blick aus den süßen blauen Augen voll auf den Monarchen, „wollen Euer Kaiserliche Majestät in Gnaden mir verstatten, mein Anliegen vorbringen zu dürfen.“

Rudolf verstand und winkte dem Kämmerer, sich zu entfernen. Dann sprach der Kaiser: „Ihr seid verheiratet? Mit wem?“

Salome erbebte, der gefürchtete Augenblick ist gekommen, dasschreckliche Wort muß gesprochen werden, so hart dies auch ist. NachAtem und Ruhe ringend, stammelte Salome: „Gnädigster Herr und Kaiser!Mein Bund entbehrt — des kirchlichen Segens!“

„Wie? Und dennoch seid Ihr Mutter!“ rief Rudolf und wich einen Schritt zurück.

„Ja! Schwer litt ich unter solchem Druck unseliger Verhältnisse!“

„Ohne kirchlichen Segen! Verdammnis ist das Los! Wie müßt Ihr zittern vor jeder österlichen Beichte! — Wer ist der Mann, der sich nicht scheut, den Geboten der heiligen Kirche Trotz zu bieten?“

Demütig neigte Salome das zierliche Haupt und leise erwiderte sie:„Unterthanin bin ich und Gemahlin meines gnädigen Herrn und Fürsten vonSalzburg.“

„Des Erzbischofs Wolf Dietrich?“ rief überrascht und betroffen derKaiser aus.

Salome nickte und richtete beklommen den angstvollen Blick auf den Monarchen, der ersichtlich gegen unangenehme Empfindungen kämpfte und in seiner krankhaften Erregbarkeit die Hand wie zur Abwehr hob.

„Gnade, Majestät! Gnade für ein armes, schwaches Weib, die treueDienerin ihres geliebten Herrn!“ flehte Salome.

Herb klangen des Kaisers Worte: „Gnade? Ein Leben voll Sünde und Trotz, verachtend alle Gebote, gelebt im überschäumend Übermut der unbesonnenen Jugend, und hinterdrein, so Erkenntnis frevelhaften Thuns gekommen, das Flehen um Gnade und Barmherzigkeit! Unerbittlich sind die Satzungen der heiligen Kirche! —“

„Doch Christus und das heilige Evangelium lehrt uns die Liebe und verspricht Vergebung jedem Sünder, so er reumütig Einkehr hält!“

Unwillig und erregt rief Rudolf: „Weiß der Erzbischof nichts von Cölibat, nichts von tugendsamer Enthaltsamkeit? Er muß das wissen, dafür ist er Bischof, steht an des Klerus höchster Spitze! Erwählet vom Kapitel, vom Papst bestätigt wie vom Kaiser ist der Kirchenfürst, muß ein leuchtend Beispiel sein der Enthaltsamkeit und Tugend! Von alledem keine Spur beim Salzburger! Fürchtet er nicht Gottes Zorn, den Bannstrahl Roms, die Strafe schon auf Erden hienieden?“

Salome raffte sich auf, eine edle Begeisterung erfüllte ihr Herz, in bewegten Worten sprach die liebende, für ihre Kinder ringende Frau: „Gott der Herr ist barmherzig und milde, Gott verzeiht, wenngleich die Menschen verdammen. Mein gnädiger Landesherr hat in jungen Jahren mich, die Unterthanin, erkoren zum ehelichen Gemahl. Wohl wußten wir und kannten das Hindernis, die Jugend und die Hoffnung belebte den Bund. Im salzburgischen Gebirg wie anderswo sind zahlreich die Pfarrer und Kuraten in kirchlich geschlossener Ehe. Was dem letzten verstattet, konnte doch auch gewährt werden dem Höchsten im Klerus! Mein gnädiger Herr hat lange geharret und gehofft mit mir, sich füglich unterworfen, die Trauung ist mit nichten erfolget, um Rom nicht zu verletzen. Was ich unter solchem Entschluß gelitten, ich hab' es durchgerungen. —“

„Ihr seid verblieben dennoch?!“

„Ja, Kaiserliche Majestät! Es ist ein Bund fürs Leben, in Treue harr' ich aus bis zu des Lebens letztem Atemzug! Wahre Treu' braucht die Stola nicht —“

„Gott, wenn Euch ein Diener der heiligen Kirche hörte —“ rief erschrocken der tief im Banne fanatischer Priester stehende Kaiser.

„Die Treu' muß im Herzen wohnen! Treu war ich dem Fürsten, Treue bewahrte mir der Herr!“

„Und Verdammnis wird sein Euer Los!“

„In langen Jahren hat Rom kein Wort des Tadels gesprochen! Wollen diePriester päpstlicher sein als der Papst? Ist es weniger sündhaft wielebet mancher Kirchenfürst gleich dem Türken, der Bamberger und der vonKöln!“

„Still davon! Man darf nicht reden über solche Dinge!“

„Verzeihet gnädigster Kaiser! Wirft Steine man auf mich, darf ich da nicht hinweisen auf den Wandel anderer? Ist ein ehrbar Eheleben schmachwürdig? Nimmer kann ich's glauben!“

Zaghaft und scheu sprach Rudolf: „Hab' recht ich Euch verstanden, so hat unterworfen sich der Erzbischof von Anbeginn dem Gebote Roms, wonach er doch die kirchliche Trauung hat vermieden?“

Salome seufzte tief und nickte in wehmutsvoller Ergebenheit.

„Das mildert wohl den ansonsten bösen Fall in etwas. Und Rom hat geschwiegen! Was soll nun ich? Was führt Euch zu mir?“

Salome kniete nieder, hob flehend die Hände empor und sprach: „DesKaisers Gnade möcht' erbitten ich aus tiefstem Herzensgrund für — meineKinder! Helfet mir, o Herr und Kaiser!“

Rudolf bat wiederholt, es möge die Dame sich erheben.

Doch Salome blieb knieen, auch Wolf und das Schwesterlein knieten und hoben die Händchen bittend empor.

Dieser Anblick rührte des Kaisers Herz, weich sprach Rudolf: „Was istEuer Begehr?“

Innig flehte Salome: „Gnädigster Kaiser und Herr! Erbarmet Euch in Eurer Macht dieser unschuldvollen Kinder! Nichts für mich will ich erbitten, will tragen die Schuld meiner Liebe und meines Lebens, doch erfleh' ich des Kaisers Gnade und Barmherzigkeit! Gebt, o Herr und Kaiser, den Kindern das Recht der ehelichen Geburt! Bestätigt in Gnaden die Urkund' meines Herrn und Gebieters!“

„So hat der Erzbischof schon geurkundet in bemeldter Sache?“

„Ja, Kaiserliche Majestät! Mein Herr und Gebieter will geben seinenNamen unseren Kindern, Raittenau, nach des Vaters Geschlecht zuLangenstein im Hagau! O habt Erbarmen gnädigster Herr und Kaiser mit denunschuldigen Kindern!“

„Ihr habet groß Vertrauen zu mir, will mich bedünken!“ sprach mild derKaiser.

„Mein Denken wie mein Fühlen gilt nächst Gott des großen Reichesmächtigem Herrn und Kaiser! Wie der Allmächtige erhöret ein frumbGeber, wird öffnen Ohr und Herz auch der mächtige Kaiser einer innigenBitte aus tiefstem Herzensgrund!“

„Erhebet Euch! Steht auf Ihr Kinder! Nicht vergebens sollet die Händchen gehoben haben Ihr zu mir in kindlichem Vertrauen! Der Kaiser wird Euch den Namen geben nach ehelicher Geburt und Recht, darauf geb' ich mein kaiserliches Wort!“

Überglücklich haschte Salome nach des Kaisers Hand, und ehe Rudolf sie entziehen konnte, drückte Salome eine Kuß der Dankbarkeit auf die kaiserliche Rechte.

„Nicht doch! Gewähret sei Euch die rührend Bitte! Und da nichts, mit keinem Wort Ihr für Euch selbst erbeten habet, will der wackeren Mutter ich selbst gedenken und geben Euch die Adelsfreiheit erzstiftischer Landsassen….“

„O welche Gnade, Kaiserliche Majestät! Nicht fassen kann ich solcheHuld, weiß der Worte nicht zum tiefsten Dank….“

„Sprecht, wie nennt man Euch zu Salzburg?“

„Mein gnädiger Gebieter und Herr erbaute ein Schloß mir und nannte esAltenau, wasmaßen ich führe den Namen Salome Alt.“

„So soll Altenau sein ein Adelssitz und Ihr sollet führen zu Recht fürder den Namen von Altenau kraft meiner Macht! Nun gehet mit Gott, kehret heim und gedenkt zuweilen im Thuemb im frumben Gebet Eures gnädigen Kaisers!“

Huldvoll grüßte Rudolf II. durch einen Händewink, ein sonniges Lächeln lag auf seinen Lippen wie seit langem nicht.

Glückstrahlend dankte Salome nochmals und verließ mit den Kindern dasGemach.

Sinnend blickte der Kaiser der Dame nach und flüsterte vor sich hin:„Begreiflich find' ich des Bischofs Wahl, solch' Liebreiz nimmtgefangen! Doch möcht' ich trotzdem nicht sein Leben voll verantworten!Mir grauet vor solcher Beicht'!“

Des Kaisers Antlitz verdüsterte sich wieder und trüb ward sein Sinn, er selbst die Beute schreckhafter Gedanken, ein Spielball in den Händen seiner herrschsüchtigen, fanatischen Umgebung.

Doch hielt Rudolf sein gegebenes Wort, er nobilitierte die tapfere Frau und bestätigte den Kindern den Namen Raittenau und gab ihnen die Rechte ehelicher Geburt.

Dachte Wolf Dietrich stets erhaben von seiner Stellung als Landesherr und Kirchenfürst, war auf Hohes seine Gesinnung allzeit gerichtet, hoch seines Geistes Flug wie kunstbegeistert sein Streben, das nur in leidigen Geldsachen profaniert wurde, die Zumutung zum Beitritt zur Liga unter der Oberhoheit des bayerischen Herzogs, der Versuch, Salzburgs Stiftsherrn einer bayerischen Hegemonie zu unterstellen, mußte das Mediceerblut in Wolf Dietrich zum Wallen bringen, sein Gefühl der Erhabenheit zum Superlativ steigern. Und in solchem Machtgefühle, hochdenkend von eigener Würde und Stellung im Stiftsland wie im Reich, genügte ihm der alte Titel eines Primas von Deutschland nicht mehr; die bayerische Zumutung forderte eine Antwort im höheren Wege, Wolf Dietrich erließ ein Mandat, worin er sich als der erste unter den Erzbischöfen Salzburgs den Titel „celsissimus“ (der „erhabenste“) beilegte.

Die Welt ging darob nicht aus den Fugen, Salzburgs Unterthanen nahmen diese Verfügung, die kein Bargeld oder Steuern verlangte, gleichmütig hin; aber in München ärgerte man sich über den „celsissimus“, man verstand diese Antwort und deutete sie als definitive Absage an die Liga.

Als dann dazu noch die Nobilitierung Salomens und die kaiserliche Anerkennung ehelicher Geburtsrechte für Wolf Dietrichs Kinder bekannt wurde, da flammte in Münchens Residenz die Entrüstung in stärkstem Maße auf, auf Befehl des Herzogs ward eine Liste aller Sünden und Frevelthaten des Salzburgers aufgestellt und nach Rom geschickt in der Hoffnung, daß der Papst willfähriger denn der Kaiser sein werde.

Die feindselige Stimmung gegen den Erzbischof hatte übrigens einen empfindlich wirkenden realen Untergrund, die Salzfrage, die noch immer nicht nach Wunsch Bayerns geregelt war. Im Gegenteil wirkte der Pilsener Vertrag zwischen Salzburg und dem Kaiser sowie das Geschenk des Erzbischofs direkt schädlich auf den bayerischen Salzhandel und dadurch auf einen Teil der herzoglichen Einkünfte. Durch den Pilsener Vertrag und das Geschenk an Holz wurde die Erzeugung des kaiserlichen Salzes zu Ischl so sehr gefördert, daß es dem Kaiser möglich ward, die Konkurrenz des bayerisch-salzburgischen Salzes besonders in Böhmen, wo bisher Bayern den Markt beherrscht hatte, zu überwinden.

Zudem war Herzog Maximilian auch hinsichtlich der Hallfahrten stets im Nachteil, den seine Räte erst hinterdrein entdeckten. Der Salzverschleiß bayerischerseits ging stetig zurück, man konnte die Masse Salz, welche vertragsmäßig von Salzburg zu übernehmen war, nicht mehr plazieren, und so unangenehm dies dem Herzog sein mußte: er war gezwungen, um Minderung der Salzübernahmen nachzusuchen, also täglich nur drei statt fünf Hallfahrten zu übernehmen.

Das konnte Wolf Dietrich genehmigen, denn die Vertragsklausel besagte: „unbeschadet seiner Gefälle“, es mußte daher der Herzog die Summe von 34500 Gulden bezahlen, welche Summe ungefähr dem Wert der zwei nachgelassenen Hallfahrten entsprach. So hieß es zahlen, und dabei bezog der Herzog nicht einmal die Salzmenge für seine Summe. Die Verhältnisse im Salzabsatz wurden aber immer schlimmer, Wolf Dietrich mußte um Reduktion der Hallfahrten auf deren zwei gebeten werden und jede Hallfahrt betrug jetzt 21000 Gulden, die in sieben Raten bezahlt werden mußten.

So kam es dazu, daß Herzog Maximilian an Salzburg jährlich 38000 Gulden übergeben mußte, ohne irgend etwas dafür zu erhalten. Das mochte den Herzog wohl noch weit mehr wurmen als der abgelehnte Beitritt zur Liga.

Die Chikanen begannen, Herzog Maximilian rächte sich, indem er wohl zahlte nach Verpflichtung, doch wählte er im Gefühl, übervorteilt zu sein, schlechte Münze, und außerdem machte nun auch der Bayer Gebrauch von der kaiserlichen Erlaubnis einer Zollerhöhung, die bei Wiederbeginn der Hallfahrten auch auf die sogenannten Salzfertiger, das heißt die im Dienst des Erzstiftes stehenden Spediteure und Kaufleute, welche das Salz in Hallein übernahmen und zu Schiff an die bayerischen Legstätten führten, ausgedehnt wurde.

Bisher war es üblich, daß diese Salzfertiger bei Ablieferung des Halleiner Salzes von den bayrischen Salzbeamten den Lohn für ihre Spedition und außerdem eine Vergütung des formellen Zolles, den sie zuvor an die bayerischen Behörden gezahlt hatten, erhielten. Mit einem Federstrich wurden diese Leute mit einem Jahreszoll von 8000 Gulden belastet, und nun ward Sturm gelaufen zum Erzbischof-Landesherrn, der denn auch sogleich seinen energischen Protest nach München schickte und ganz richtig auseinandersetzte, daß nicht die Fertiger, sondern Bayern selbst Eigentümer des zu Hallein erworbenen Salzes sei; wenn man also, so schrieb Wolf Dietrich ironisch, den Zoll, wie es doch billig und recht wäre, von dem Eigentümer fordern wolle, so müßte der Herzog ihn eher von sich selbst als von den Fertigern fordern.

Die Antwort auf dieses Protestschreiben war ein starres „Nein“, worauf Wolf Dietrich mit einer Salzsperre drohte und sich vom Ärger hinreißen ließ, zu erklären: der Herzog könne das Halleiner Salz nehmen oder auch nicht; wolle er solches beziehen, so könne er es gegen monatliche Barzahlung haben, weiterhin aber werde sich der Erzbischof in keinen Vertrag mit Bayern mehr einlassen. In seiner Entrüstung hatte Wolf Dietrich an etwaige Folgen dieser Erklärung gar nicht gedacht. Als Lamberg sowie die salzburgischen Räte hiervon erfuhren, war Wolf Dietrich wohl schon wieder ruhiger geworden, aber die Konsequenzen waren bereits reif: Bayern ließ dem Erzbischof kühl, doch mit unverkennbarer Schadenfreude wissen, daß die Nichtigkeitserklärung der Salzverträge gerne zur Kenntnis genommen worden sei.

Wolf Dietrich erkannte, freilich zu spät, den in der Übereilung verübten Fehler, und berief seine Räte, die nun einen Ausweg aus der fatalen Klemme finden sollten. So erregt der Fürst auch war, er zwang sich dazu, die oft weitschweifigen Erörterungen seiner Räte ruhig anzuhören, doch sein immer lebhafter Geist arbeitete dabei unausgesetzt, dem Feind zu München irgendwie Schach zu bieten. Und mitten in der Sitzung fand Wolf Dietrich einen Ausweg, unvermittelt rief er den verdutzten Räten zu: „Ich bringe mein Salz direkt nach Böhmen! Schafft mir den Baumeister für Straßenbau zur Stelle!“ Und hitzig wie immer erläuterte der Fürst sein neues Projekt: Bau einer neuen Straße von Salzburg nach Skt. Wolfgang, Verfrachtung des Salzes dorthin zu Wagen, und ab dort in eigens zu konstruierenden Fässern auf Saumtieren nach Böhmen. Auf diese Weise könne Bayern umgangen, der Salzzoll erspart werden.

Der klug ersonnene Plan wurde unverzüglich ins Werk gesetzt, Tausende von Arbeitern wurden aufgeboten, der Straßenbau begonnen, der bei Gnigl aufwärts zum sogenannten Guckinsthal und hinüber zum Wolfgangssee führte.

Wo ein Wolf Dietrich zur Eile trieb, ging jede Arbeit beflügelt von statten, und dieser Straßenbau mußte auf fürstlichen Befehl beschleunigt werden.

Auf der Salzach erstarb der Schiffverkehr, die Salzplätten kamen nurnoch bis Salzburg, an der Einlände daselbst wurde umgeladen, dieSalzwagen fuhren auf der notdürftig fahrbar gemachten Straße nach Skt.Wolfgang, wo eine gewaltige Zahl von rasch beschafften Saumtieren undRossen stationiert worden war.

Bald bekam der Herzog von Bayern diese Transportverlegung zu spüren. Mit seinen eigenen Salzvorräten aus dem Berchtesgadener Sudwerk konnte er den Bedarf keineswegs decken, es trat Salzmangel in Bayern ein und mit dem Mangel eine rasch wachsende Preissteigerung. Maximilian verlegte sich auf die Bitte um Aussöhnung, aber Wolf Dietrich lehnte jede Vermittelung ab und wollte vom Nachbar nichts mehr wissen.

In solcher Notlage wollte der Herzog die Salzausfuhr durch Bayern erzwingen, indem er beim Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich und bei Kaiser Rudolf darauf drang, daß diese Machthaber das Halleiner Salz nicht über ihre Landesgrenzen lassen möchten.

Allein Erzherzog Ferdinand erkannte, daß der Salzhandel für sein Land von großem Nutzen zu werden versprach, und lehnte das bayerische Andringen ab. Desgleichen fand Kaiser Rudolf die Zufuhr des salzburgischen Salzes trotz der Erträgnisse des Ischler Sudwerkes für Böhmen nötig, und in dieser Erkenntnis wies auch der Kaiser die Forderung Maximilians zurück.

So kam der Bayer immer mehr in Verlegenheit. Seine Räte befürworteten die Nachahmung von Wolf Dietrichs Beispiel eines Straßenbaues, um auf einem, salzburgisches Gebiet nicht berührenden, neuen Wege das Salz von Berchtesgaden nach Bayern zu bringen. Das geschah, der Herzog bot 1000 Mann auf zu diesem Straßenbau und errichtete in Berchtesgaden eine neue Pfanne, um das Salz rascher versieden zu können[18].

Kaum hörte Wolf Dietrich hiervon, befahl er ingrimmig, nun auch noch einen neuen Ausweg nach Tirol zu schaffen, außerdem wurde angeordnet, Getreide, Wein und andere Waren nicht mehr durch Bayern, sondern von Böhmen — Innerösterreich via Skt. Wolfgang und von Venedig — Tirol auf neuen Wegen einzuführen.

So trieb ein Keil den anderen; die Räte Salzburgs und Münchens verhandelten und schrieben unentwegt hin und her, es regnete Proteste hüben und drüben, bis Wolf Dietrich gebot, daß seine Forstbeamten dem Sudwerk Reichenhall fernerhin das vertragsmäßige Holz nicht mehr liefern dürfen. Alle Salzfertiger wurden abgeschafft, die salzburgischen Unterthanen in Bayern und die bayerischen Staatsangehörigen in Salzburg durften keinerlei Salzgeschäfte mehr betreiben unter Androhung der schwersten Geldstrafen.

Dieser Salzstreit erregte in ganz Deutschland Interesse; die Fürsten derUnion begannen sich auf Salzburgs Seite zu stellen, die Liga suchteMaximilian zu unterstützen. Gesandte der Unionfürsten kamen nachSalzburg, die Reichsstadt Nürnberg mengte sich ein und bot demErzbischof Beistand an.

Wolf Dietrich stand schon in früheren Jahren in schriftlichem Verkehr mit dem genialen Diplomaten und Statthalter der Oberpfalz, dem geistreichen Fürsten Christian von Anhalt, der die Seele der Unions-Bewegung war.

Christian hielt den Zeitpunkt wie den Streit zwischen Salzburg-Bayern für günstig, den Erzbischof, der von der Liga nichts wissen wollte, zur Union herüberzuziehen, Unterstützung anzubieten, und so liefen zahlreiche Briefe sowohl an Wolf Dietrich, wie an seinen Kanzler Dr. Kurz in Salzburg ein, auch wurden solche Depeschenreiter von Bayern abgefangen, die Briefe an den Herzog eingeliefert.

Im Palais zu Salzburg herrschte demgemäß fieberhafte Thätigkeit und eine gefährliche, überreizte Stimmung, von der sich Wolf Dietrich des Abends zu befreien suchte, indem er Salome und die Kinder im Schloß Altenau aussuchte. Allein, gewohnt mit Salome auch politische Dinge zu besprechen, kam es doch dazu, daß Wolf Dietrich mit der Freundin auch den Salzstreit erörterte und dabei sich zu Äußerungen hinreißen ließ, die Salome in Angst und Schrecken versetzen mußten. Die kluge, weitausschauende Frau erkannte die Gefahr, wenn es zu einem Austrag des Streites mit Waffen kommen sollte, sie warnte in vorsichtig gewählten Worten vor einem Krieg.

An einem Abend war es, daß nach dem Imbiß Wolf Dietrich mit Salome im Park von Altenau spazieren ging. Der Fürst war erregt schon ins Schloß gekommen, hatte während des Mahles fast kein Wort für die sonst liebevoll behandelten Kinder und hob die Tafel früh auf. Nun Wolf Dietrich an der Seite Salomens promenierte, wagte die Freundin es, zu fragen, ob schlimme Nachrichten eingetroffen seien, die dem gnädigen Herrn die Ruhe und den Frieden rauben.

Aufbrausend, mit den Händen gestikulierend, rief der Fürst: „Ob schlimm, ich weiß es nicht zu deuten! Der Anhaltiner schickt mir neue Botschaft, will etzlich Fähnlein mir gewähren, so ich dem leidig Streit ein Ende mache und die Propstei dem Bayer nehme.“

Erschreckt fiel Salome ein: „Thut das nicht, gnädiger Herr, um allerHeiligen Willen nicht! Es würd' zum Unglück nur für uns!“

„Was hast du zu befürchten? Gerüstet hab' ich in aller Stille, befestigt die Grenzen gegen Bayern, das Maß ist voll und unerträglich geworden der Streit. Habe ich Berchtesgaden, die Propstei sehnt seit langem sich nach Inkorporierung mit dem Erzstift, ist aus der Salzstreit, und der Herzog mag um Gnade bitten!“

„O, gnädiger Herr! Verbannet solch' gefährlichen Gedanken! Nimmer wird der Herzog solchen Streich hinnehmen, wird anrücken mit großer Macht und rächen solche That!“

„Pah! So schnell wird Kriegsvolk er nicht auf die Füße bringen! Ich habe gut an tausend Mann bereit zum Einmarsch in die Propstei, gehuldigt kann sein, ehe der Herzog nur ein Roß von München in Bewegung setzt!“

„Großer Gott! Verbannt den unglückseligen Gedanken aus Eurer Brust! Zu klein ist Salzburgs Macht, weit reicht des Herzogs Arm, Tilly ist sein Feldherr und stark sein Kriegsvolk!“

„Was schert mich der grünseidne Marschall! Hab' ich die Propstei als Faustpfand, kann dekretieren ich den Frieden, und die Union steht mir bei!“

„Traut dieser nicht, Herr und Gebieter! Sie will im Trüben fischen, Salzburgs Erzstift auf ihre Seite bringen und pochen dann darauf, daß abfällt das Stift von Rom!“

Wolf Dietrich stutzte, hielt an den Schritt, blickte Salome ins Auge, und sprach: „Davon kann nie die Rede sein, den Glauben werde niemals ich wechseln!“

„Nur darauf zielt das Streben der Union, glaubt mir, mein gnädigerHerr!“

„Was weiß ein Weib von solchen Dingen! Die Hilfe nehm' ich, zahle die Fähnlein, und basta! Der Union sonstige Aspirationen kümmern mich nichts!“

„Verzeiht ein Wort: Denkt an Rom! Widersacher hat das Erzstift genug, verdächtigt ist geschwind und rasch kann fällen Rom ein Urteil….“

„Ich frag' auch um Rom nicht viel! Hat Rom mir je im Streit geholfen? Steht der Nuntius nicht allzeit bei dem frumben Max? Sollen aus München machen ein neues Rom und die Häuser pfropfen mit Jesuiten, ich will's nicht hindern! Doch hier auf stiftischem Boden gebeut ich, und mein Land wird nimmer bayerisch!“

„O, sprecht mit Lamberg erst, mein gnädiger Herr! Auch Lodron kennt die vielverschlungenen Pfade Münchens! Hört diese Herren, Fürst!“

„Ich bin müde dieses ständigen Gezettels! Das Faustpfand nehm' ich,Obrist Ehrgott ist derselben Meinung!“

In höchster Bestürzung vollführte Salome einen Kniefall vor dem Fürsten und rief mit flehend erhobenen Händen: „Höret nimmer auf Soldatenwort! Denkt an die Kinder, die Heimat und das Vaterhaus verlieren, so anrückt der ergrimmte Bayer!“

„Du siehst zu schwarz in deiner ängstlich Sorge!“ sprach mild der Fürst und hob Salome zu sich empor. „Die treulich Mutterliebe spricht aus dir, die Sorge macht dir alle Ehre! Doch bleibe du in deinem Heim, betreue mir die Kleinen, halte gut mir Haus, indessen ich den Bayer zwinge!“

Einen letzten Versuch der Umstimmung wagend, erwiderte Salome: „Könnte verwiesen werden bemeldter Streit nicht an ein Schiedsgericht der deutschen Fürsten?“

„Wohl, ein guter Gedanke! Aber erst, wenn ich das Faustpfand habe, und das soll Ehrgott und Hauptmann Auer holen mir sobald als möglich!“

Seufzend ergab sich Salome ins Unvermeidliche und begleitete denkriegslustig gewordenen Gebieter ins Schloß. Bald darauf verließ WolfDietrich Altenau und begab sich in sein Palais, wo Obrist Ehrgott undHauptmann Auer auftragsgemäß bereits des Fürsten harrten.

Zum erstenmal unter der Regierung Wolf Dietrichs betraten sein Arbeitsgemach Kriegsleute zu einer Beratung. Der Talar hat dem militärischen Kleide weichen müssen.

Der Fürst fand Gefallen an der neuen Art einer Beratung mit den Offizieren, die stumm zuhörten und zum Schlusse in knappen Worten gelobten, den hochfürstlichen Befehl getreu zu vollziehen. Das klang anders, ergebungsvoller, gehorsamer als die höflichen, doch immer etwas ärgerlichen Erwägungen, Einwände, und Befürchtungen der Kammerräte und Domherren.

Einen Augenblick gedachte Wolf Dietrich der Landstände, die er seit langen Jahren nimmer berufen und gefragt, und ein ironisches Lächeln huschte über des Fürsten Lippen. Zu den Offizieren gewendet, resumierte der Erzbischof: „Also nochmals: Keine Gewalt, aber Abnahme jeglicher Waffen im Gebiet der Propstei. Die Brücke bei Reichenhall wird bis spätestens morgen abend abgebrochen; der neue Weg von Berchtesgaden nach Bayern wird unbrauchbar gemacht, tragt ihn ab, verrammelt ihn. Kein waffenfähiger Mann darf das Gebiet von Berchtesgaden verlassen. Aufstand wird niedergeworfen. Soviel für die nächste Zeit! Weitere Befehle erfolgen nach eingeschicktem Bericht! Ihr marschieret noch in heutiger Nacht mit tausend Mann Musketieren und Pikenieren nach Berchtesgaden ab! Gott befohlen!“

Die Offiziere verbeugten sich, gelobten getreulich Erfüllung desBefehles und verließen sogleich die Residenz.

Schon am zweiten Tage nach dem in der Nacht zum 8. Oktober 1611 erfolgten Einmarsch der salzburgischen Militärmacht wurde dem Fürsten der Bericht des Obristen Ehrgott eingehändigt, eine kurze Meldung, daß der fürstliche Befehl aufs genaueste und ohne Blutvergießen vollzogen, die Propstei also in Händen Salzburgs sei. Dem Bericht war die Anfrage beigefügt, ob der Obrist das Volk von Berchtesgaden und die bayerischen Verwaltungsbeamten zur Erbhuldigung auf Salzburgs Fürsten zwingen solle.

Lange blieb Wolf Dietrichs Feuerauge auf diesen Zeilen gerichtet, eine bängliche Stimmung erfaßte den Fürsten, eine Scheu vor solcher Gewaltthat. Eine erzwungene Erbhuldigung müßte den Herzog maßlos erbittern, die Reichsstände rebellisch machen. Davor scheute nun Wolf Dietrich doch zurück; aber ärgern möchte er den Nachbar, ärgern bis schier zum Zerplatzen. Und in dieser Absicht erinnerte sich der Erzbischof, der bei aller ihm eigenen Genialität und Verstandesschärfe den Herzog Maximilian gründlich verkannte und ganz irrig beurteilte, der Worte Salomens betreffend Überweisung des Salzstreites an ein Schiedsgericht.

Der Stiftskanzler Dr. Kurz wurde zum Fürsten citiert und mußte an den Herzog schreiben, daß Celsissimus Wolf Dietrich, Fürst und Erzbischof von Salzburg, Primas von Deutschland und Hochfürstliche Gnaden einwillige in ein Schiedsgericht, so dasselbe gebildet werde aus den durch den Salzstreit beeinträchtigten Reichsständen.

Als dieses gefährliche Schreiben abgegangen, erzählte Wolf Dietrich imHochgefühle, durch den beißenden Spott den bayerischen Gegner grimmiggeärgert zu haben, seinem Freunde Lamberg davon in einer Stunde trauterZwiesprache und rieb sich vergnügt die Hände.

Graf Lamberg aber zeigte eine geradezu bestürzte Miene und ernst klangen seine Worte, als er sprach: „Hochfürstliche Gnaden, das war, submissest sag' ich das in treuer Ergebenheit, ein schlimmer Brief, der den Herzog schwer kränken, zu einer Gewaltthat reizen muß!“

Wolf Dietrich fuhr auf: „Soll er! So viel Kriegsmacht wie der Bayer hab' ich auch, und mein Ehrgott wird ihn zu schlagen wissen!“

„Gnädiger Herr! Zum Kriegführen gehört vor allem Geld, und zu viel hat das Passauer Kriegsvolk bereits gekostet! Irre ich nicht, verschlang die Truppe in der langen Waffenzeit unter Waffen reichlich 200000 Gulden!“

„Das ist richtig! Soll eben das Kapitel diesmal helfen!“

Lamberg, der die feindselige Stimmung des Domkapitels gegen den Erzbischof nur zu gut kannte und daher wußte, daß das Kapitel nicht einen Gulden für den leichtsinnig heraufbeschworenen Konflikt mit Bayern bewilligen werde, wollte dies dem Fürsten nicht direkt sagen, immerhin aber versuchen, Wolf Dietrich über die furchtbare Gefahr die Augen zu öffnen. So deutete denn Lamberg an, daß Herzog Max sich wegen Bruchs der Reichskonstitutionen und des Landfriedens an den Kaiser werde wenden.

Der Erzbischof lachte hellauf, spöttisch erwiderte er dann: „Da kommt der Bayer just an den Rechten! Ein Kaiser ohne Land, krank, verbittert, ein Spielball in den Händen seiner geliebten Jesuiten, der wird froh sein, wenn man ihn lasset unbehelligt.“

„Es besteht auch die Möglichkeit, daß Herzog Max sich nach Speyer an dasReichskammergericht wendet!“

Wieder lachte Wolf Dietrich: „Dann kann der Bayer warten bis zum jüngsten Tag; früher bekommt er von Speyer keinen Bescheid!“

„Hochfürstliche Gnaden glauben also, daß der Herzog sich die WegnahmeBerchtesgadens wird ruhig gefallen lassen?“

„Ob ruhig oder nicht, das Faktum ist geschaffen, und ich gebe das Faustpfand nicht früher heraus, bis der Bayer um gut Wetter bittet, meine Bedingungen erfüllet Punkt für Punkt!“

Tiefernst blickte Lamberg den Fürsten an und traurig sprach er: „Dann,Hochfürstliche Gnaden, ist meine Mission als treuer Rat beendet. Ichsehe nur ein Ende mit Schrecken, keine Rettung für das Erzstift, das derHerzog wird mit Krieg überziehen und —“

„Und?“

„Erlaßt mir das harte Wort, gnädiger Herr!“

„Ein echter Freund muß auch ein solches Wort offen sagen!“

„Ich kann es nicht bringen über die Lippen. Wollen Hochfürstliche Gnaden nur selbst ein wenig in sich gehen, die logische Konsequenz aus einem Kriege Bayerns gegen Salzburg zu ziehen, ist nimmer schwer….“

„Du krächzest Unheil, Rabe! Mein Freund ist Er gewesen, so er des BayersSieg wünschet über das Erzstift!“

„Gott behüte mich in meinen innersten Gedanken! Wie kann in Treuen derUnterthan wünschen den Sturz des geliebten Fürsten!“

Wolf Dietrich erblaßte, er zitterte am ganzen Leibe, bebend klangen seine Worte: „Du glaubst — an meinen — Sturz?!“

„Ich fürchte solches Ende! Der Salzkrieg kann nimmer anders enden! In letzter Stunde steh' ich zu Euch, gnädiger Fürst und Herr! Ich beschwöre Euch als stets erprobter treuer Freund: Widerrufet den unglückseligen Brief, gebet nach! Denkt an Salome, an die Kinder! Verliert Ihr den Thron, das Erzstift, ist alles verloren! Des Bayers Rache wird sein unerbittlich, sie wird verfolgen Salome, die Kinder, wird sie zu Bettlern machen, verfemt, verstoßen! Und Rom verläßt Euch, so der Bayer siegt! Glaubt meinen Worten, gnädiger Herr! Ich beschwöre Euch in dieser letzten Stunde!“

„Genug! Ich durchschaue dich, wie längst mißtraute ich auch dem Kapitel!Blasse Angst ist's, schnöde Furcht, daß kosten könnte der Krieg demKapitel blanke Batzen! Abhalten wollt Ihr mich, den Bayer zu lehrenMores! Renitenz war immer wahrzunehmen, Trug und Falschheit im Talar!Doch noch bin ich der Herr und ich gebiete! Ich zwinge das Kapitel, wieich noch jeden Feind bezwungen! Mit Gewalt werf' ich Euch nieder und denBayer!“

Lamberg beugte das Knie vor dem Fürsten und rief: „Nehmt mein Leben, Herr, zerschmettert mich, doch eh' der letzte Atem mir entflieht, hört das letzte Wort: Gebt nach! Es wird Unheil für Euch!“

Schrill klang es von Wolf Dietrichs zuckenden Lippen: „Ich trotz' allen! Fürst und Herr bin und bleib' ich! Mich schreckt kein Gewinsel! Weib und Kinder werd' ich zu schützen wissen! An dich ein letztes Wort: Bring' den Kriegsschatz mir vom Domkapitel! Das sei die Probe, ob echt ist deine Freundschaft!“


Back to IndexNext