Chapter 6

Was ihm Adelgunde von Arthur schrieb, wußte er sehr wohl. Die Spatzen schwatzten es von den Dächern, daß sie mit ihrem Manne unglücklich sei, aber ringsum war man dagegen ihres Lobes voll. Alle, die mit ihr in Berührung traten, rühmten ihr gütiges, verständiges und sanftes Wesen. Es kam kein unfreundliches Wort über andere über ihre Lippen, ihr Hauswesen besorgte sie musterhaft, in diese neuen Verhältnisse hatte sie sich in überraschender Weise gut hineingelebt, und immer war ihre Hand offen für Bedürftige.

So sprachen die Menschen — und sie redeten, wie es sich mit der Wahrheit deckte.

Und weiter dachte Klamm:

Es würde Klamms Ideal gewesen sein, hier wohnen zu bleiben, wenn er statt Knoops andere Nachbarn würde erhalten können.

Er, Ileisa und seine Mutter! Sie würden in schönster Harmonie leben!

Und das auszubauen, was er in Berlin begonnen, würde ihn nach wie vor,vollkommen ausfüllen und befriedigen! Nur wäre er gern alleinigerBesitzer, nicht von anderen abhängig gewesen! Schon hatten sichMißhelligkeiten eingestellt.

Vielleicht konnte er mit der Zeit das Geschäft kaufen, die Aktien an sich bringen. — Aber da stockte er doch nun plötzlich, und überhaupt fiel jetzt doch wieder das ganze Gebäude zusammen! Er war ja an Adelgunde gebunden! Sie, sie hatte ja das Geld! Er war ja der abhängige Mann einer reichen Frau. — Das Luftschloß zerfloß, und alles zerrann. — Er besaß ja nichts, gar nichts — und abermals seine Mutter bei ihrem Recht auf ein endliches sorgenloses Alter mit neuen Fährlichkeiten, gar mit Ehescheidungen zu beunruhigen, war ausgeschlossen. — Als Arthur an diesem Tage nach Hause kam, lag ein Billet von seinem Vater auf seinem Schreibtisch, dessen Inhalt lautete:

„Ich ersuche Dich, morgen früh, bevor Du Dich in die Stadt begiebst,bei mir vorzusehen. Ich habe wegen der heutigen Vorkommnisse zwischenDir und Deiner Schwester, aber auch sonst mit Dir zu sprechen!“

Nachdem Arthur diese kurz und kühl gefaßten, sicher nichts Gutes verheißenden Sätze gelesen und nochmals gelesen, schloß er den Brief ein und ging eine Weile nachdenklich auf und ab.

Sodann begab er sich zu seiner Frau, teilte ihr aber von dem Inhalt der Zuschrift nichts mit, war überhaupt den ganzen übrigen Teil des Abends in seinem Wesen verschlossen und legte sich auch sehr frühzeitig schlafen.

Am kommenden Morgen besuchte er zunächst den Pferdestall, machte dann einen Spaziergang ins Dorf, und las nach eingenommenem Frühstück in völlig wiedergewonnener Gemütsruhe die Zeitung. Dann nahm er gemächlichen Schrittes den Weg zu seinem Vater nach dem Hauptgebäude.

Vorm Fortgehen wandte er sich noch einmal zu seiner bereits im Hause schaffenden Frau um und sagte:

„Ich gehe zu den Eltern hinüber. Vielleicht lade ich sie zum Abendessen ein. Sollte es der Fall sein — es kommt auf die Stimmung drüben an — müssen wir noch etwas besorgen. Denke inzwischen einmal darüber nach, was wir geben könnten!“ —

Herr Friedrich Knoop befand sich in seinem Arbeitszimmer im Parterre zurLinken, als Arthur ihm gegenüber trat.

„Ah so — du! Jawohl!“ betonte Herr Knoop, der sich mit der Durchsicht von Schriftstücken beschäftigt war, legte letztere beiseite, nickte kurz und unzuvorkommend und zeigte auf einen Stuhl.

„Setz' dich! Wir haben länger zu sprechen,“ fuhr er dann in jenem gewissen Ton fort, den er stets angenommen, wenn es sich um sehr ernste Dinge gehandelt hatte.

„Margarete hat uns gestern den Inhalt des Gespräches mitgeteilt, das zwischen ihr und dir stattgefunden hat!

„Ich habe mir infolgedessen vorgenommen, dir einmal meine Meinung zu sagen. Ich wollte es schon früher thun, unterließ es aber, weil ich hoffte, daß du dich selbst noch rechtzeitig besinnen würdest.

„Bitte, bitte, jetzt rede ich — nachher kannst du, wenn du etwas zu erwidern hast, zu Worte kommen,“ unterbrach er sich, als Arthur das Wort nehmen wollte.

„Als du aus England zurückkehrtest, hattest und warst du so wenig wie heute! Ich beschäftigte dich infolgedessen bei mir!

„Wenn du auch keinen Uebereifer entwickeltest, so hattest du doch Sinn für Arbeit und Erwerb, und ich freute mich dessen und sah dir — und wir alle sahen dir deshalb eine starke, wenig erfreuliche Selbstüberhebung nach, die du aus dem Auslande mitgebracht hattet. —

„Dann kamen die neuen Pläne. Dann kam deine Verlobung mit Ileisa. Von der Zeit an ließest du geschäftlich gänzlich nach, hattest eigentlich nur noch Sinn für deine Passionen und vorübergehend für deine Braut.

„Deinen Eltern hast du nicht die geringsten Rücksichten erwiesen, geschweige bist du ihnen mit Wärme oder gar mit Gefühlen der Erkenntlichkeit für ihre vielfache Fürsorge begegnet.

„Du nahmst alles hin, als ob es ganz selbstverständlich wäre, als ob dir in erster Linie alle Vergünstigungen zukämen!

„Aber ich will das noch hingehen lassen, du bist eben noch jung und unreif. Wenn ich mich einmal über deine Mängel beklagte, wies deine Mutter auf die sicher günstigen Wirkungen durch deine Verheiratung hin.

„Da würdest du gefunden, wieder an Arbeit und Erwerb Freude finden, dich von deiner prächtigen Frau beeinflussen lassen, ein anderer werden!

„Aber leider ist nichts eingetroffen. Im Gegenteil! Deine Selbstüberhebung, deine Arbeitsscheu, dein Drang nach Vergnügungen hat zugenommen, deine Pflichtversäumnisse gegen deine Eltern, deine Schwester und gegen deine Frau haben sich vermehrt, und endlich hast du dir angemaßt, deiner dir einmal in bester Absicht zu Herzen redenden Schwerer das Haus zu verbieten, ja, sie sogar auf die Straße gesetzt! Das stößt dem Faß den Boden aus!!

„Nein, nein — nein — bitte sehr! Lasse mich erst aussprechen. Ich wiederhole vorher Gesagtes!

„Ich erkläre dir nun folgendes:

„Wenn du deine Schwester nicht um Verzeihung bittest, wenn du nicht innerhalb vier Wochen Thätigkeit gefunden hast, wenn du dich nicht völlig änderst und ein anderes häusliches Leben beginnst, so ziehe ich — es ist mein fester Wille — die Zuwendungen zurück, die ich dir bisher gewährt habe.

„Es war leider ein Fehler von uns, dir überhaupt in solcher Weise die Hand zu bieten. Es entsprang das derselben Schwäche, der ich mich auch deinem Onkel Theodor gegenüber schuldig gemacht habe. Man soll nach Grundsätzen verfahren, sich niemals von Gefühlen leiten lassen, auch selbst seinen Angehörigen gegenüber nicht!

„Mein Familiensinn ging falsche Wege; es soll aber jetzt anders werden!

„Du kannst dir, wie jeder andere, dein Brot verdienen, und keinesfalls will ich dir ferner — selbst wenn diese Unterredung einen günstigen Erfolg hat — eine so hohe Rente bewilligen. Equipagen und Pferde kannst du wieder abschaffen. Vermagst du später selbst so viel zu verdienen, um sie dir halten zu können, so ist es etwas anderes. —

„So, das habe ich zu sagen, und merke es dir, mein Sohn, ich bleibe eisenfest. Diese Wirtschaft soll ein Ende nehmen — und fügst du dich nicht, magst du deine eigenen Wege gehen!“

„Bist du fertig, Vater?“ begann Arthur in einem völlig unempfindlichen Tone, erhob sich zur größten Ueberraschung des Herrn Knoop, und schob sogar, zum Zeichen des beabsichtigten Gesprächs-Abbruchs, den Stuhl, auf dem er gesessen, wieder auf seinen Platz.

„Schön! Wohlan! Ich entgegne auf deine Worte, daß ich mich schon von heute ab auf meine eigenen Füße stellen und nichts mehr von dir für mich fürder annehmen werde. Ich werde aber auch nicht bei meiner Schwester um Verzeihung nachsuchen; sie hat vielmehr mir ihre ungehörigen Ausfälle abzubitten. Ich vermag nicht zu sagen — und das erhärtet meinen Entschluß — ob ich in vier Wochen schon eine Thätigkeit gefunden habe. Es liegen die Verhältnisse zur Zeit sehr ungünstig, und deshalb waren meine Bemühungen bisher auch nicht von Erfolg gekrönt.

„Daß du für Ileisa materiell eintreten wirst, nehme ich dagegen an. Ich habe sie mit eurer Genehmigung geheiratet, und es war nicht nur eine stillschweigende Voraussetzung, daß mir von dir eine Jahresrente überwiesen würde, sondern sie ist mir von dir ohne mein Ansuchen gewährt worden. Ich hätte mich sonst natürlich noch nicht verheiratet. Sie wirst du also in deiner Weigerung, mir keine Zuwendungen mehr machen zu wollen, nicht einschließen.

„Sonst habe ich noch kurz nachstehendes zu entgegnen:

„Nachdem wir nobilitiert worden, sind uns gewisse Pflichten erwachsen. Das liegt einmal bei richtiger Würdigung der Dinge vor, und sie decken und deckten sich ja auch mit meinen bisherigen Neigungen. Ich möchte diesen nicht entsagen — ich möchte eben der bleiben, der ich einmal bin. Ich habe keine Anlage zum Schürzengatten, der den ganzen Tag um seine Frau herumschwärmt, finde auch keinen Geschmack an Familiensimpeleien, sondern brauche Menschen, Luft, Abwechslungen und Anregungen von draußen.

„Da ich das Geld hatte, war ich berechtigt, so zu leben, wie es geschah. Ich habe ja keine Schulden gemacht. Und endlich: ich habe mich nicht geschaffen, wie ich bin; das ist des Schöpfers Laune und Bestimmung gewesen. Unehrenhafter Handlungen bin ich mir nicht bewußt, meine also, eine solche Entschließung, wie sie mir von dir heute wegen eines bloßen Wortstreits geworden, nicht verdient zu haben.

„Aber es ist ganz gut so. Ich wiederhole, daß ich mich füge. Und weiter habe ich denn auch nichts zu sagen, Vater. Grüße Mutter! Ich siedle schon heute nach Berlin über. Wegen Ileisas erhalte ich wohl noch Nachricht! Guten Morgen!“

Während Arthur, von seinem Vater nicht gehemmt, den Weg über den Gutshof nach der Nebenvilla zurücklegte, hielt er folgendes Selbstgespräch:

„Für die nächsten drei Monate habe ich hinreichend Geld, und für weitere drei Monate habe ich unter allen Umständen den erforderlichen Kredit. In dieser Zeit werde ich etwas finden. Ich will mich gleich ernstlich umsehen. Daß alles so gekommen, ist vielleicht nachteilig für mich, vielleicht auch nicht. Mein Vater hat ja nicht unrecht, aber er hat darin unrecht, daß er gleich das Kind mit dem Bade ausschüttet, daß er so vorgeht! Aber das ist seine Art. Er hat es mit Herrn von Klamm ja auch so gemacht.

„Wenn ich mir selbst eine Selbständigkeit und ein Vermögen erwerbe — so werde ich das wertvolle Gefühl besitzen, nicht der von seinem reichen Vater gnädigst dotierte Sohn zu sein. Es ist nicht das Rechte. Ich habe es schon lange empfunden! Bei allem, was ich that, und was sie drüben natürlich stets überflüssig fanden, sah ich den Vorwurf in ihren Augen. Ein unerträglicher Zustand, ein ganz unerträglicher!

„Und meine Frau — Ileisa? —

„Wir passen nicht zusammen. Sie ist aus der sittsamen ‚Margaretenschule‘, sie ist die Mutter Vernunft, die an der Krankheit schweigender Langeweile und tugendsamer Fügsamkeit leidet.

„Ich brauche ein störriges Pferd, einen lebhaften Araber — eine, die mit mir geht durch Dick und Dünn. — Ich brauche ein elegantes, geistvolles Weib, das gesellschaftlich eine Rolle spielen kann und will. So eine, wie die Frau von Klamm — das wäre eine für mich gewesen.

„Und wenn denn die Sache mit einer Trennung zwischen mir und Ileisa endet — na, dann ist's mir eben sehr recht.

„Ich hatte mich in ihren Körper verliebt — ihre Seele kannte ich wenig.“

Nachdem Arthur seine Wohnung wieder betreten hatte, begab er sich mit Hilfe seines Dieners an ein eifriges Packen, und suchte alles zusammen, was er für sein Junggesellenheim brauchte. Auf die Mitnahme von Möbeln verzichtete er vorläufig. Das alles würde sich später finden! —

Dann rief er seine Frau ins Zimmer, legte ein gelassenes Wesen an denTag und sagte:

„Ich möchte dir gegenüber ganz ehrlich und offenherzig sein, ich möchte dir alles sagen und dich auf die Folgen rechtzeitig vorbereiten.

„Ich hatte eben eine Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich werde vonheute nichts mehr von ihm annehmen. Ich will mich — es ist mein festerWille, und es ist mir der Anlaß durchaus nicht unwillkommen — auf eigeneFüße stellen. Ich siedle — vorläufig allein — nach Berlin über.

„Von mir oder meinen Eltern wirst du weiteres hören. Sollte aus dem allen eine Trennung zwischen uns hervorgehen — es erscheint mir zweifellos — so weiß ich, — daß dir dadurch kein Herzeleid entstehen wird. Wir haben uns geheiratet, Ileisa, aber wir passen gar nicht für einander! Ich spreche ja nur das aus, was du mir lange selbst hast sagen wollen. So blind bin ich nicht, nicht nachzuempfinden, daß ich dich nicht befriedige, und ich — ich — ich sage es frei — brauche auch eine andere Frau! Die Welt würde — sollte sie mich jetzt sprechen hören — eine solche Auseinandersetzung, eine solche kalte Erklärung entsetzlich finden! Vielleicht — sicher — würde sie — allerdings in gleicher Lage — anders denken, nicht über mich und dich zu Gericht sitzen.

„Wir können friedlich auseinander gehen. Daß du keine materiellen Sorgen haben wirst, versteht sich.

„Wie gesagt — darüber erhältst du noch Mitteilungen.

„Ach, was! Weine doch nicht, Ileisa! Ich weiß, du denkst in diesem Augenblick daran, wie sich deine Tante beunruhigen wird. Du denkst an die Meinung der Welt — an das, was die Leute sagen werden!

„Bin ich kalt — ich bin ein Mensch, der zuerst an sich denkt, ich leugne es nicht — so gehöre ich doch nicht, wie sie, zu der großen verächtlichen Schar der Komödianten. Ich gebe mich unverstellt, allezeit, wie es in mir aussieht, und da niemand mir etwas anderes vorwerfen kann, als daß ich nicht grade so zugeschnitten bin, wie die Menge es nach ihren Launen und ihren Anforderungen verlangt — so habe ich nur ein Achselzucken und stilles Lächeln über ihren Vormundungsdrang.

„So, da hast du mein Bekenntnis!

„Ich beging einen Fehler, einen einzigen! Ich erkenne den Vorwurf darüber als berechtigt an. Ich habe mir das Leben lediglich nach meiner Façon gestaltet. Ich werde ihn ablegen und nicht, um der Welt zu gefallen, sondern weil ich selbst mich nicht behaglich fühle, weil ich nur wieder zu meiner eigentlichen Natur: zur Thätigkeit und zur richtigen Einteilung zwischen Geschäft und Abwechslung zurückkehren will!“

Und als Ileisa nach dieser stummen Rede völlig in sich versunken, die Hände vor ihrem Angesicht, sitzen blieb, wie jemand verharrte, dem man das Letzte an Leben und Trost abgeschnitten, trat er auf sie zu, löste die Schatten von ihren Augen, und sagte:

„Nun, rede doch auch ein Wort! Ich sprach ja nichts, was nicht in deinemHerzen Widerhall fand!“

So angeredet, löste sich Ileisa aus ihrer Agonie, erhob das Haupt, und sagte in einem bitteren Ton:

„Ja, du hast recht. Du nanntest dich selbst einen Egoisten, und du gabst eben wieder in einer Weise davon Zeugnis, wie wohl sonst kaum ein anderer Mensch es über sich gewinnen würde, Arthur. Und so ist denn auch alles am Platz und gut, und es ist thöricht, daß ich erschüttert bin, daß alles so und so rasch ein Ende genommen. Du hast ja nicht einmal den Versuch gemacht, dich mit mir einzurichten, etwas von der Liebe und Wärme zurückzugewinnen, der du mich früher versichertest.

„Ich weiß mich jedenfalls frei von Schuld, ja, mich trifft nicht einmal ein Vorwurf, nicht alles angewendet zu haben, auf dich einzuwirken!

„Im Anfang habe ich es versucht! Aber mein guter Wille, den ich auchjetzt grade wieder anwenden wollte, prallt allezeit an deiner Kälte ab.Daß ich somit erlahme, ist begreiflich. Wo Steine sind, da wächst keinSamen!“

„Nun wohl! Aber wir sind uns schon heute einig!“ fiel Arthur ein. „Ich verzichte auf eine Erwiderung, da ich dir in der That nichts vorzuwerfen habe, da ich deine Worte gerechtfertigt finde. Ich sage nur: wir haben uns beide geirrt, beide, denn es stand dir ja seinerzeit frei, mir einen abschlägigen Bescheid zu erteilen.

„Ach, da kommt schon Friedrich mit dem Wagen. Karl soll noch meinenKoffer schließen!“

Nach diesen Worten entfernte sich Arthur mit eiliger Beflissenheit. Ileisa aber ging mit langsamen, schweren Schritten in ihr Zimmer und ließ sich dort in einen Stuhl fallen. —

* * * * *

Arthur war bereits seit einigen Stunden abgefahren. Ileisa hatte während dieser Zeit ihren Gedanken eine geordnete Richtung zu geben versucht, und zuletzt den Entschluß gefaßt, sich dahin zu flüchten, wo sie bisher immer noch in ihrem Leben Trost und Kräftigung für ihre Seele gefunden: ins Freie, in die Natur! —

Diesmal wählte sie aber einen anderen Weg wie jüngst.

Sie wollte unter allen Umständen vermeiden, Adelgunde zu begegnen. Schon bei der bloßen Vorstellung, sie könne ihr wieder gegenübertreten, überlief sie ein angstvolles Gefühl. So nahm sie die Richtung nach einem kleinen Walde, der zu dem Gute gehörte. Man mußte ihn durchschreiten, wenn man zur Eisenbahn wollte.

Während sie noch — alles wieder überdenkend — dahinwandelte, auch übersann, daß sie doch noch heute eine Unterredung mit ihren Schwiegereltern über die Geschehnisse herbeiführen müsse, begegnete ihr eine ältere Frau, die aus dem Dorf gebürtig war und fast täglich bei Klamms Dienstleistungen verrichtete. —

Sie gehörte zu den gutherzigen, aber zugleich schwatzlustigen Personen, denen man lieber ausweicht. Heute nun hatte sie etwas ganz Besonderes zu berichten und nahm, nachdem sie Ileisa ehrerbietig gegrüßt, unaufgefordert das Wort, und sagte eifrig:

„Haben gnädige Frau schon gehört, daß auf der Bahn ein Unglück passiert ist?!“

„Nein, nichts habe ich gehört. Was ist denn geschehen?“

„Ja, eben erzählte es mir der Jäger vom Grafen drüben in Edelmark. UnserHerr Baron ist noch glücklich davon gekommen, er hat es sogar zuerstgemerkt und hat gleich vorgebeugt. Er ist während des Fahrens auf dasTrittbrett geklettert und ist nach der Maschine gegangen.

„Da hat der Lokomotivführer den Zug zum Halten gebracht.

„Nu ist man einiges Vieh verunglückt; wären sie noch etwas weiter gefahren, hätte es ein großes Malheur gegeben.“

„So — so —! Das ist ja sehr erfreulich, daß alles so gut abgegangen ist. Wo kam denn Herr von Klamm her? Von Berlin?“ forschte Ileisa. Und gleich fügte sie hinzu:

„War Frau Baronin auch mit im Zug?“

„Ach, nein! Die nicht! Die ist ja schon gestern nach Berlin abgereist, ganz plötzlich! Wissen gnädige Frau das gar nicht?“

Ileisa verneinte. Es bemächtigte sich ihrer eine starke Spannung. Ein ahnendes Gefühl sagte ihr, daß Adelgundens Entfernung mit der Unterredung in Verbindung stehe, die zwischen ihr und Alfred stattgefunden hatte.

„Weshalb ist denn Frau von Klamm so plötzlich abgereist?“ warf sie, imTon gelassen, hin.

Die Frau machte eine geheimnisvolle Miene.

„Ich weiß es nicht genau. Ich hörte man, daß sie in der Küche allerlei sprachen. Der gnädige Herr und die gnädige Frau sollen sich mächtig erzürnt haben. — Sie bleibt auch in Berlin, er bleibt aber noch hier. Er kommt gleich; er ist schon unterwegs. Der Jäger sagte es.“

Ileisa hätte noch mehr fragen mögen. Aber es widerstand ihr, die Neugierige zu spielen. Auch beunruhigte sie der Gedanke, daß sie Klamm begegnen könne. Sie fertigte deshalb die Frau mit einigen Worten ab und schlug einen Seitenpfad ein.

Aber nachdem sie kaum fünfzig Schritt gegangen war, kam Klamm ihr entgegen.

Er schritt nachdenklich einher und sah Ileisa erst, als sie eben in denNebenweg einbiegen wollte.

Beide waren verwirrt, fast bestürzt. Aber Klamm faßte sich rasch, lüftete den Hut, und sagte in einem warmen Ton:

„Welch ein abermaliger, glücklicher Zufall, gnädige Frau! Wollen Sie nach Hause? Darf ich Sie begleiten?“

Ileisa hätte lieber „nein“ gesagt, aber sie fügte sich, da sie keinenAblehnungsgrund fand, und schloß sich Klamm an.

„Ich hörte eben, daß sich ein Eisenbahnunglück ereignet hat,“ nahmIleisa das Wort, um das Gespräch gleich auf ein möglichst unpersönlichesGebiet zu leiten.

Klamm nickte und berichtete.

Wie immer war, was geschehen, von dem Berichterstatter stark übertrieben; aber es bestätigte sich, daß Klamm, da keine Notleine im Coupé gewesen, letzteres geöffnet und bis zur Maschine geklettert war.

„Das können doch auch nur Sie thun,“ stieß Ileisa unwillkürlich heraus. „Ich würde es vor Angst nicht wagen. Andere würden es auch nicht versuchen —“

„Das Gefahrvolle liegt doch nur in der Vorstellung,“ entgegnete Klamm.„Die Schaffner revidieren doch während der Fahrt die Billete —“

„Ja, die — sie sind's gewohnt,“ meinte Ileisa.

Für Augenblicke stockte das Gespräch. Klamm hatte nichts erwidert, und die junge Frau war gesenkten Hauptes neben ihm hergeschritten.

Nun aber blieb Klamm stehen, sah sich um, ob er mit Ileisa allein sei, und sagte:

„Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal so neben einander hergingen, gnädige Frau? Sie entwichen mir damals rasch. Sie waren mir nicht wohlgesinnt, und nun, da Ihre guten Gesinnungen zurückgekehrt sind, trotz der Erregung meiner Frau, werden wir durch andere Umstände getrennt.

„Sie werden sich wundern, daß ich auf alte Zeiten zurückkomme. Aber ich habe den heißen Drang nach Aussprache. Ich bitte, gehen wir noch eine Weile hier, machen wir einen kleinen Umweg. Fürchten Sie nichts“ — fügte Klamm bitter lächelnd hinzu — „meine Frau ist in Berlin. Sie wird uns nicht wieder beobachten. —

„Und Sie — Sie? — Ich hörte auf dem Bahnhof, daß Ihr Herr Gemahl zurStadt gefahren sei. So wird auch er nicht schmollen können, daß ich dieGelegenheit ergreife, mich von alten Zeiten wieder mit Ihnen zuunterhalten — Nicht wahr, Herr von Knoop ist nicht auf dem Gute?“

„Nein — — Und er wird auch“ — Ileisa sprach's, obschon sie es eigentlich nicht wollte, obschon sie es, nachdem es geschehen, schon bereute — „er wird auch nicht mehr zurückkehren —“

„Wie? Er wird nicht mehr zurückkehren?“

„Nein! — Wenigstens nicht zu mir —“

„Gnädige Frau! — Was Sie mir sagen. Bitte, reden Sie. — Schenken Sie mirIhr Vertrauen.“

Ileisa zauderte, sie hob die Schultern und atmete tief auf. Aber in derUeberlegung, daß ihr Mann ihr ihre Freiheit bereits zurückgegeben,überwand sie alle Bedenken. Auch drängte es sie, wie ihn, nachAussprache, nach Ablösung von der Qual ihres Innern.

„Mein Mann erklärte mir vor einigen Stunden, daß er sich mit seinem Vater überworfen habe, daß er sich auf eigene Füße stellen, aber auch, daß er die Ehe mit mir wieder lösen wolle. —“

„Wie? Das that er? Das ist geschehen? Und die Gründe?“

Ueber Ileisas Angesicht flog ein hartes Lächeln.

„Gründe? Er erklärte mir, daß er mir durchaus nichts vorzuwerfen, daß er aber eingesehen habe, daß wir nicht für einander passen. Er berief sich bei seinen kaltherzigen Erklärungen auf den Umstand, daß ja — auch — ich — ihn nicht liebe — —“

„Und das stimmt mit den Thatsachen überein?“

Statt zu antworten, senkte Ileisa das Haupt, und ihre Hand strich über ihre Augen, aus denen es unaufhaltsam hervortropfte. —

„Ah — Sie arme, liebe Frau,“ flüsterte Klamm weich.

„Wie fühle ich mit Ihnen — doppelt, da ich mich in gleicher Lage befinde.

„Ja, in demselben Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben, und das ich ehren werde, bekenne ich Ihnen, daß ich fast vor einer gleichen Entscheidung stehe, insofern schon, als auch ich nicht glücklich bin.

„Seien Sie nicht traurig, wenn sich alles friedlich lösen kann. Sie sind die Bevorzugte. — Ich — ich vermag mich niemals von meiner Frau zu trennen, es sei denn, sie legte diesen Wunsch an den Tag.

„Mein freier Wille ist durch das Gefühl der Dankbarkeit, das ich ihr für ihre aufopfernde Pflege in meiner lebensgefährlichen Krankheit schulde, gebunden. Eben dies Gefühl war's ja auch, das mich damals veranlaßte, ihr meine Hand zu reichen. —

„Ja, gnädige Frau — wir sind beide den falschen Weg gegangen, Sie, indem Sie, statt Ihr Herz sprechen zu lassen, damals Ihrer Umgebung allzu viel Gehör über mich schenkten, und ich, indem ich zu weich an unrechter Stelle war — etwas that, das, ich wußte es, mich einst gereuen würde. Nun ist für mich ein Glück in der Ehe dahin. Selbst meine Arbeit, die mich entschädigen könnte, macht mich nicht froh, weil meine Frau auch auf sie scheel herabsieht, sie mir fortwährend zu verleiden sucht.

„Doch ich spreche von mir; — reden Sie — ich bitte Sie — von sich. Nur das allerwärmste Interesse leitet mich. Ich möchte Sie ja so gern glücklich wissen —“

Er sprach die letzten Worte so weich und herzlich, und seine Empfindungen waren so lebhaft, und seine Gefühle quollen so stark über, daß er ihr näher trat und sie unwillkürlich sanft an sich zog.

Und da neigte sie stumm das Haupt, und weinte sich aus wie ein schluchzendes Kind. —

* * * * *

Inzwischen hatten sehr lebhafte Gespräche zwischen Herrn Knoop und seinen Damen stattgefunden. Die Entschiedenheit, mit der Arthur aufgetreten war, besonders aber die Gleichgültigkeit, mit der er die Zuwendungsfrage behandelt, war Herrn Knoop so überraschend gekommen, daß er zu gar keiner rechten Klarheit gelangen konnte.

Er hatte ja nur zur größeren Wirkung seiner Worte mit der Entziehung der Jahresrente drohen wollen. Nun war durch Arthurs Verzichtleistung, die neben ihrer Unnatürlichkeit sein Herz deshalb so stark berührte, weil sie Arthurs Gemütlosigkeit selbst gegen seine Eltern nur allzu scharf beleuchtete, alles verschoben und auseinander gerissen.

Frau Knoop pflanzte dagegen doch noch Hoffnungen auf. Sie erklärte, daß sie sich von einer Unterredung mit Arthur ein Einlenken verspreche, und daß sie auch Ileisas Einfluß vertraue. Grade dieser Zwischenfall könne vielleicht eine Wandlung in alles bringen. Die Ehegatten würden sich nähern, da nun Arthur materiell von Seiner Frau abhängig werden würde.

„Du wirst ihr doch dasselbe geben, wie ihnen beiden vorher?“ schloß FrauKnoop ihre Rede.

Bevor Herr Knoop antworten konnte, sagte Margarete:

„Ich fürchte, liebe Eltern, daß die Dinge einen ganz anderen Verlauf nehmen werden, als ihr voraussetzt.

„Ich stehe unter dem Eindruck, daß Arthur deshalb so entschieden hat, weil er so die beste Gelegenheit findet, sich seiner Frau wieder zu entledigen —“

Herr und Frau Knoop sahen ebenso überrascht wie erschrocken empor. Wenn sie sich auch nicht verhehlten, daß die Ehe drunten im Nebenhause keine glückliche sei, so war ihnen doch der Gedanke nie gekommen.

„Wie, das meinst du?“ fiel Frau Knoop, die ihrer Tochter richtigem Instinkt außerordentlich vertraute, höchst beunruhigt ein. „Das wäre ja schrecklich! Hat Arthur in diesem Sinn jemals mit dir gesprochen?

„Du lieber Himmel,“ beendete sie seufzend ihre Rede. „Wenn das nun auch noch käme, wenn das das Ende wäre —“

Margarete überlegte, ob sie noch mehr verraten, ob sie ihren Eltern mitteilen sollte, wie sich Ileisa bereits geäußert hatte!

Aber sie schwieg. Sie wußte, daß sie, wenn sie jetzt redete, damit Ileisas Zukunft gefährden könne. Sie würden jetzt Ileisa die Schuld beimessen. Noch waren ihnen, trotz allem Geschehenen, die Augen nicht weit genug geöffnet. Natürlich! Dem Sohne konnte man es zur Not nachsehen, wenn er sich für andere Frauen interessierte, sein eigenes Weib vernachlässigte, oder gar die Treue brach. Aber sie — sie durfte kein anderes Gefühl, als das des Enttäuschungsschmerzes in sich aufkommen lassen!

Das waren die landläufigen Anschauungen der Menschen, und auch die ihrerEltern.

Margarete mußte, um Gutes für Ileisa zu erwirken, nachweisen, daß alle Schuld Arthur zufalle, der in ihren Augen auch ganz allein der Schuldige war.

„Es ist so, glaubt es mir! Er will wieder frei sein! Und daß Ileisa sich nicht die Augen ausweinen wird, dessen bin ich gewiß! Ist das eine Ehe! Wie geht er mit ihr um! Wann ist er einmal abends zu Haus'? Und wenn er mit ihr zusammen ist, spricht er entweder gar nicht, oder redet mit ihr wie mit irgend jemandem, mit dem ihn der Zufall in Berührung gebracht hat.“

„Na, daß Ileisa auf ihn hätte mehr einwirken, daß sie sich auch ihrerPflichten besser hätte erinnern können, ist sicher,“ fiel ganz nachMargaretes Erwartung ihr ihre Mutter in die Rede.

„Gewiß, sie macht keine Scenen, sie ist fügsam, weiß zu schweigen und klagt nicht. Aber das hat ihn vielleicht grade gereizt. Er mit seinem lebhaften Temperament will Anregung —“

„Es mag sein, Mutter, aber wenn Menschen so verschiedene Interessen besitzen, tritt schon von vorneherein eine Entfremdung ein. Ileisa hat eine ernsthafte Lebensauffassung, ist häuslich, sparsam und wirtschaftlich! Musik, Lektüre und Unterhaltungen, die einen tieferen Inhalt besitzen, langweilen Arthur, Gemütswärme und Zuspruch bezeichnet er als Gefühlskomödie, und Pflichten, die er doch auch wahrlich hat, erkennt er nicht an. Was soll denn die arme Ileisa thun?“

Frau Knoop mußte zugeben, daß ihre Tochter recht hatte. Aber aus der schmerzlichen Einsicht entstand keine milde Gesinnung gegen Ileisa, sondern ein bitteres Gefühl, daß jene so viel mehr wert war, als ihr Sohn.

Herr Knoop hatte stark rauchend bisher zugehört, ohne die beiden Frauen zu unterbrechen. Nun aber sagte er:

„Es muß eine faktische Trennung deshalb verhindert werden, weil wir einen öffentlichen Skandal unter allen Umständen zu vermeiden haben. Das wäre Wasser auf die Mühle aller der uns ungünstig gesinnten, von neidischen Gefühlen erfüllten Familien.

„Nein, nein, das darf und soll nicht sein. — Können sie wirklich nicht mit einander leben — ich hoffe, daß Margarete nur nach Eindrücken urteilt, — dann darf nichts an die Oeffentlichkeit dringen.

„Und du urteilst doch nur vorläufig nach Eindrücken? Du antwortetest nicht auf die Frage deiner Mutter, ob Arthur irgend etwas darüber geäußert hat!“

„Nein, aber sie haben beide mir gegenüber nicht verhehlt, daß sie unglücklich sind —“

„Hm — so also doch — — So weit ist Ileisa schon gegangen?“ warf HerrKnoop betroffen hin.

„Für alle Fälle wollen wir hören, wie die Dinge zwischen den beiden drüben verlaufen sind, was Arthur ihr gesagt hat! Geh' hinüber, Frau! Ileisa soll herkommen! Arthur wird ja jedenfalls heute abend wieder nicht zu Hause sein!“

Frau Knoop erhob auch keinen Einwand. Sie nickte still. So viel Trübes ging durch ihr Inneres, und ein Spruch, den sie einmal gelesen, kam ihr ins Gedächtnis:

„Nicht Willkür, Ordnung herrscht,Wo Sonnen, Monde kreisen!Gebannt an der Gesetze KraftWebt, was die Allmacht einst geschafft!So sei's ein VorbildDir, o, Mensch! Weich nicht vom Wege!Weich nimmer von Gesetzen ab,Die, unbefolgt, selbst Welten stürzt ins Grab!“

Der Zufall wollte es, daß sich Ileisa, von ihrem eigenen drängenden Verlangen nach Aussprache ergriffen, aufgemacht hatte und das Gutshaus betrat, während Frau Knoop zu ihr unterwegs war.

Frau Knoop traf bei ihrer sogleich erfolgenden Rückkehr, ihre Schwiegertochter im Wohnzimmer, und fast gleichzeitig kamen auch Vater und Tochter wieder und betraten das Gemach.

Durch diese Umstände wurde Margarete an ihrer Absicht behindert, Ileisa vor ihrer Unterredung mit ihren Schwiegereltern erst mit einigen Worten vorzubereiten. Sie wollte sie bitten, sich vorsichtig zu äußern, mehr zu hören, als zu reden.

Es ergriff sie eine starke Enttäuschung, als sie nun bereits bei ihrem Eintritt Ileisa thränenüberströmt in den Armen ihrer Schwiegermutter fand.

„Ach, ich bin ganz fassungslos, Mutter. Arthur hat mir vordem erklärt, daß er nicht ferner mehr mit mir leben will,“ stieß Ileisa, von ihrer Erregung fortgerissen, heraus und bestätigte somit früher, als gedacht, was Margarete als wahrscheinlich behauptet hatte. —

Der Abend verlief den Familienmitgliedern in einer grenzenlos bedrückten Stimmung. Frau Knoop saß nach dem Abendbrot wie zerschlagen da. Während sich ihre Hände an einer Arbeit rührten, tropfte es immer wieder aus ihren Augen. Herr Knoop ging bald wortlos, bald aufgeregt sprechend, auf und ab. Immer wieder wurde erörtert, wie man Arthur beikommen könne, und immer wieder gelangten die Beteiligten zu dem Schluß, daß mit ihm nichts anzufangen sein werde. Jedenfalls wollten sie alle — das wurde zum Beschluß erhoben, — vorläufig das Gut nicht verlassen.

Sie wichen so besser allen Fragen aus. Hier auf dem Lande lag der Verkehr weit auseinander, und ein erheblicher oder engerer hatte sich, wie schon erwähnt, überhaupt zu ihrer Enttäuschung nicht entwickelt.

Und auch das Aeußerste wurde bereits ins Auge gefaßt.

Wenn schließlich die Dinge das traurige Ende wirklich nahmen — wenn Arthur auf Scheidung bestand — dann waren Knoops dafür, daß Ileisa mit ihrer Tante Berlin und überhaupt die Provinz verließ.

Dann wollten auch Knoops fortziehen.

Herr Knoop dachte an seine Heimat, an Holstein, wogegen die Frauen durchaus nichts einzuwenden hatten. Wenn ihr Vater sich dort ein Gut kaufte, war's ganz in ihrem Sinne.

Fräulein von Oderkranz und Ileisa konnten vielleicht künftig in Hamburg wohnen. Dann konnten sie sich untereinander leicht erreichen.

So endete dieser Tag, und so wurde wiederum ein erheblicher Teil von dem „großem Glück“ abgebröckelt, das dem Verkauf des Geschäftes und der Nobilitierung hatte folgen sollen. —

* * * * *

Klamm hatte inzwischen gesonnen und gegrübelt, wie er die Dinge lenken könne. Zuletzt war er zu seiner Mutter gegangen, die schon wiederholt nach ihm gefragt hatte. Ihr war von den Dienstboten mitgeteilt worden, daß Adelgunde abgereist sei und nicht wiederkommen werde. Alfred sollte ihr Aufschluß geben. Es lag sonst nicht in ihrer Art, sich vorzudrängen; sie wartete aus Grundsatz ab, bis man sie rief. Was einst Klamm seinem Freunde Milano gesagt hatte, das legte er in dieser Unterredung seiner Mutter dar, er verschwieg ihr auch nicht die zwischen ihm und Ileisa stattgefundene Begegnung, die Scene, die seine Frau ihm gemacht, und das abermalige Zusammentreffen mit der jungen Frau nebenan.

Und sie sagte:

„Ja, dein Fehler ist, daß du dich zu leicht von deinen augenblicklichen Gefühlen beherrschen und Eindrücke zu sehr auf dich wirken läßt. Dein gutes Herz steht in den gegebenen Fällen über kühler Erwägung.

„Ich rate dasselbe, was ich dir immer riet. Schließe einen Kompromiß mit deiner Frau. Wenn ihr nicht zusammenleben könnt, lebt möglichst erträglich ‚nebeneinander‘.

„Ihr seid's nicht allein, denen etwas zu wünschen übrig bleibt.

„Ich bin gar nicht erzürnt, daß deine Frau ohne Abschied fortgegangen ist; sie hat wohl nicht darüber nachgedacht, daß mich das verwundern, mich gar kränken könne. Und daß sie eine Klage um meinetwillen erhoben hat, verüble ich ihr auch nicht. Junge Frauen betrachten meistens die Mütter ihrer Männer ungefähr wie muhamedanische Nebenweiber! Sie wollen ihre Gatten für sich allein haben. Man kann's ihnen wahrlich nicht verdenken und muß den durch ihre Eifersucht hervorgerufenen Mangel an unbefangenem Urteil ihrem krankhaften Eifersuchtsgefühl zu Gute schreiben.“

Klamm hörte seiner Mutter Reden voll Bewunderung zu. Jegliches suchte sie zum Guten zu lenken. Als er davon sprach, daß er Adelgunde den von ihr schon wiederholt selbst erörterten Vorschlag machen wolle, einen Besuch bei einer Freundin in Paris zu machen, äußerte sie ihren Beifall, meinte aber, daß er Adelgunde dazu bringen solle, selbst diesen Wunsch auszusprechen. Es würde sich sonst leicht Mißtrauen in ihr regen.

In solcher Weise von seiner Mutter angesprochen und gestärkt, begab sich Klamm am folgenden Tage in die Stadt-Villa. Es war eben elf Uhr vormittags geworden; Adelgunde hatte sich grade erhoben und saß beim ersten Frühstück, als Klamm zu ihr ins Speisezimmer trat.

Als sie seiner ansichtig wurde, streckte sie ihm ihre Hand liebenswürdig und mit der Miene völliger Unbefangenheit entgegen, und sagte:

„Das ist freundlich von dir, Alfred, sehr freundlich! Nun sehe ich, daß du wieder gut bist! Ich konnte wirklich nicht anders handeln! Natürlich bin ich zu weit gegangen! Ich habe dir Unrecht gethan, insofern, als du ja nicht die Begegnung mit dem koketten Frauenzimmer herbeigeführt hast. Aber im Recht bin ich wiederum auch!

„Und — und — was sagt Mama?! Hast du sie gesprochen? Grade wollte ich ihr schreiben, und mich entschuldigen, daß ich so fortgegangen bin.

„Na, sie weiß es ja auch ohne Worte, daß ich keine böse Absicht damit verband. — Erkläre übrigens! Welch einen fürchterlichen Lärm haben eure Maschinen wieder einmal gemacht. Werden denn nun auch am Tage die schrecklichen Ungeheuer in fortwährende Bewegung gesetzt?“

So sprach sie rasch und lebhaft nacheinander, erschöpfte alles, was sie beschäftigte, auf einmal.

Klamm sah infolgedessen auch davon ab, die Vorgänge ausführlicher zu berühren. Er sagte nur:

„Du erlaubst dir viel, Adelgunde. Was grade deine Sinne kreuzt, das mußt du haben, ohne Rücksicht auf andere. Aber lassen wir das! und höre, was ich meinerseits vorzuschlagen habe.

„Ich möchte unser Gut noch nicht verlassen. Die Witterung ist so milde, und die Landluft so wohlthätig für meine Nerven, daß es thöricht wäre, mich des guten Einflusses zu entziehen. Ich möchte auch mit meiner Mutter die künftigen Dinge feststellen. Sie will nicht in die Stadt zurückziehen. Es ist das auch von Wert! So haben wir stets jemanden, der draußen nach dem Rechten sieht. Du mußt also allein hier wirtschaften, oder du mußt dich überhaupt anderweitig einrichten. —“

„Was heißt das? Wie meinst du das?“ fiel Adelgunde befremdet ein. Und gleich fuhr sie fort:

„Ah, ich weiß! Ich könnte meine Absicht ausführen, meine Freundin, Frau von Stein, in Paris zu besuchen, das wäre eine Idee. — Das heißt,“ unterbrach sie sich wieder, und stockte.

„Nun? Was hast du? Ich finde den Plan sehr gut. Wenn du von Paris zurückkehrst, werde ich auch den Wunsch haben, wieder in die Stadt zu ziehen. — Also alles in Ordnung —“

„Jawohl, Alfred! Ich will nach Paris reisen! Aber nur dann, wenn die Person — die Knoop — nicht draußen wohnen bleibt. Zieht sie es ferner vor, unsere Nachbarin zu sein, trotz meines Verbots, so — so —“

„Du hast es ihr verboten? Was heißt das? Wie kannst du ihr etwas verbieten? —

„Im übrigen ist deine Reizbarkeit gegen die junge Frau ungerechtfertigt. Ich leugne gar nicht, daß ich etwas von ihr halte — viel halte — es wäre unnatürlich, wenn es anders wäre, da ich mich damals mit ihr verloben wollte. Aber ich habe sie doch niemals gesucht. Wir haben Knoops dann einen Besuch gemacht, bei dem wir sie absichtlich nicht zu treffen wußten, und damit war's vorbei.

„Also gieb nun deine Eifersucht auf. Laß Frau von Knoop bleiben oder fortgehen! So viel ich gehört habe und weiß, ziehen die alten Knoops ehestens wieder in die Stadt. So werden die Jungen wohl folgen!“

„Hm, du kannst sie aber auch in der Stadt treffen —“

„Um Himmelswillen, Adelgunde! Nun beschäftigst du dich plötzlich sogar mit dieser Möglichkeit, während du doch eben nur den Wunsch ausgesprochen, sie solle das Gut verlassen. Ich habe keine Lust und Neigung, dir auf all diesen Wegen zu folgen. Ich werde darauf nicht mehr antworten. Kommen wir zu Ende! Ich muß ins Geschäft! Es bleibt also dabei. —“

„Ich muß ins Geschäft! betonst du. — Nicht einmal in so wichtigen Dingen hast du Zeit — hast du Zeit für mich, Alfred! Ach — ich bin unglücklich. — Ich hoffte einen Mann zu heiraten, der mit mir leben würde. Aber seine wirkliche Braut, seine Frau, die er liebt, ist die gräßliche Zeitung, das ewige Hasten und Jagen, der fürchterliche Geruch des Maschinenöls und der Druckerschwärze. Gieb doch diese Beschäftigung auf! Wir wollen wieder nach Dresden ziehen. — Wir wollen die Hälfte des Jahres auf unserm Gute leben. Das waren köstliche Tage. — Gottlob, daß wir es nicht verkauft haben. Dann lösen wir uns auch von dieser fürchterlichen Knoopschen Gesellschaft, von diesen Parvenüs, von dieser koketten Person, die nicht ruhen wird, bis sie dich mir ganz abgewendet hat. —“

So sprach, weinte und schluchzte die junge Frau, und Klamm ging auch diesmal in allergrößter Unbefriedigung von ihr.

Er wußte zwar, daß sie nach Paris reisen, daß er vorläufig Ruhe haben, und den Geschäften wurde leben können, aber es war doch nur ein Aufschub. Wenn sie zurückkehrte, hatten sie von neuem Kompromisse mit einander zu schließen. —

* * * * *

Inzwischen hatte Fräulein von Oderkranz an Ileisa einen Brief gerichtet, in dem sie ihrer Verwunderung und ihrer Enttäuschung Ausdruck verliehen, daß sie so lange nicht bei ihr gewesen sei. Sie sehne sich nicht nur nach einem Wiedersehen, sondern müsse auch noch eine besondere Angelegenheit mit ihr besprechen.

Es beherrsche sie seit Tagen ein Gefühl von Sorge und Angst, dessen sie nicht Herr werden könne. Vielleicht sei's nur körperlich, aber nicht minder unerträglich. Sie möge sie beruhigen und sobald wie möglich kommen.

Ileisa ließ das Schreiben aus der Hand fallen und starrte — tief schwermütig, wie in all diesen Tagen — vor sich hin.

Ihre Tante hatte eine nur zu starke Berechtigung, sich Sorgen hinzugeben.

Ileisa graute vor dem Augenblick, in dem sie ihr alles offenbaren sollte. Sie schwankte sogar, ob es überhaupt nicht besser sei, sie erst schriftlich vorzubereiten. Aber sie verwarf doch diesen Gedanken wieder. Sie würde dadurch die Unruhe, die die von ihr über alles geliebte Verwandte beherrschte, sicher noch vermehren.

So machte sie sich denn sogleich auf den Weg. —

Der Hund kläffte wie immer, und die Thür wurde nur spaltenweise geöffnet, wie stets, nachdem Ileisa die Klingel in der Wohnung ihrer Tante gezogen hatte.

Und wie allezeit schritt die alte Dame unter glücklichen Worten voran, und nötigte ihr Herzenskind, sich niederzulassen, nachdem sie ihr selbst behülflich gewesen, sich von ihrem Mantel zu befreien.

„Gott sei Dank, daß du da bist! Wie ich mich gesehnt und gesorgt habe, kannst du dir nicht denken —“

So begann sie, und eine Fülle von warmherzigen Aeußerungen folgte, bisIleisa endlich auch zum Sprechen gelangte.

Sie erklärte — die notwendige Vorsicht übend — vorerst nur, daß keine Einigkeit zwischen Knoops, Vater und Sohn, sei, daß ihr Mann stets aushäusiger, gleichgiltiger und kälter gegen sie werde, und daß sie schmerzensreiche Tage hinter sich habe. —

„Hm — hm — armes, liebes Kind! Aber sei ruhig, das hat bei Männern seine Zeit! Das kommt dann auch wieder,“ tröstete die gute Alte, aber fügte schon gleich hinzu, was sie selbst gegen Arthur vorzubringen hatte. „Ich habe,“ hub sie an, „trotz meiner bescheidenen Mahnung, die zugesagte Vierteljahrsrente nicht empfangen, und gestern schreibt dein Mann mir gar: ich wüßte doch, daß er sie überhaupt gar nicht zu entrichten habe, sondern sein Vater! Nichts weiß ich, und eben darüber wollte ich auch mit dir reden. Wußtest du es, Ileisa?“

„Nein, Tante!“ stieß Ileisa heraus. „Aber wahrlich! Man darf sich bei meinem Manne über nichts wundern!“

Und durch diese Mitteilung innerlich noch mehr gereizt und zum Reden gedrängt, hielt auch Ileisa nunmehr mit ihren Eröffnungen nicht mehr zurück. Sie erklärte rückhaltlos, was vor sich gegangen war, und nur bezüglich Klamms legte sie sich noch Reserve auf.

Und die alte Dame fiel in ihren Sessel zurück, der Atem wollte ihr vorErregung stocken.

Also so weit war es schon gekommen! Er drang auf Scheidung!

Und Stunden vergingen, und sie schwanden wie Augenblicke in denGesprächen über Gegenwärtiges und Zukünftiges.

Und ganz, wie Ileisa es vorausgesehen, so kam's!

Ihre Tante drang zunächst auf sie ein, festzuhalten, dennoch nochmals einen Versuch zu machen, mit Arthur in irgend einer Weise zusammenzubleiben. Ihr schwebte das Urteil der Welt vor Augen, sie überlegte auch, daß Ileisa nun ebenso weit wieder sei, wie sie gewesen. Sie zog ferner die materielle Frage in Betracht, besonders aber lehnten sich ihr Stolz, ihr Selbstgefühl gegen diese Art und dieses frühe Ende auf.

Sie erklärte als ihren unumstößlichen Willen, selbst mit Arthur sprechen und in nichts früher willigen zu wollen, bis sie selbst einen unbedingt richtigen Eindruck gewonnen habe. Und wenn wirklich alles an der Unempfindlichkeit dieses auserlesenen Egoisten scheitern sollte, dann wollte sie im Austausch ihrer Zustimmung zur Scheidung wenigstens ihn bindende materielle schriftliche Zusicherungen erlangen.

Ileisa wollte anfänglich ihrer Tante entgegentreten, aber eine nähere Ueberlegung hielt sie doch davon ab. Sie war es sich schuldig, die Dinge nicht ohne eine nähere Erörterung hinzunehmen. Auch waren die materiellen Verhältnisse zu berücksichtigen. Es hieß einen völlig falschen Stolz anwenden, in Armut zurückzukehren, wo die Umstände so lagen, wie hier.

Ueberdies war Ileisa sicher, daß Arthur auf seinem Scheidungsantrag beharren würde, und wiederum hatte auch Ileisa nichts mehr einzuwenden. Nur eine nicht zu bannende Schwermut, Traurigkeit und Oede beherrschte ihr Inneres. Ein Weh um den Verlust ihrer Ehe war nicht mehr vorhanden. Nur wenn sie Klamms gedachte, schwoll ihr Herz auf.

* * * * *

Die Unterredung zwischen Fräulein von Oderkranz und Arthur fand infolge schriftlicher Vereinbarung in der Wohnung der alten Dame statt.

Arthur saß in seinem hochmodernen, schwarzen, eben aus einem Mode-Magazin hervorgegangenen Anzug, mit dem sorgfältig gepflegten Spitzbart und den überaus subtil gepflegten Händen, der ein zwar höfliches, aber sehr gemessenes Wesen hervorkehrenden alten Dame gegenüber. —

„Ich habe die Bitte an Sie gerichtet, mich zu besuchen, weil ich nach den mich tief erschütternden Mitteilungen meiner Nichte aus Ihrem Munde hören — um der Ehre unseres Namens willen — hören möchte, welche Gründe Sie bestimmen, die Ehe wieder lösen zu wollen?“ begann Fräulein von Oderkranz und schob den dürren, in einem altmodischen, braunen Seidenkleide steckenden Körper in steifer Haltung zurück.

Arthur, der neuerdings ein Glas in dem linken Auge trug, ließ es, ohne es mit der Hand zu berühren, mit ausdrucksloser Miene fallen, und sagte ohne jegliche Erregung:

„Ich wundere mich, offen gestanden, verehrte Gnädige, daß Sie grade diese Frage an mich richten. Ich habe doch Ileisa auseinandergesetzt, was mich zu meinem Entschluß veranlaßt. Ich habe eingesehen, daß wir nicht zu einander passen, und meine, daß wir eine gegenseitige Unbequemlichkeit nicht freiwillig fortsetzen wollen.

„Den Anschauungen, in denen Sie auferzogen sind, widerspricht die Lösung einmal geschlossener, ehelicher Bündnisse. Unsere abgeklärteren Begriffe haben uns dahin gebracht, daß wir sagen: man trenne sich ohne Eklat in Frieden und suche, statt sich unpraktischen Sentimentalitäten hinzugeben, die Folgen eines begreiflichen und verzeihlichen Irrtums zu beendigen. Die Ansicht, man nähme Schaden an seiner Ehre und seinem Ansehen, ist nur ein — pardon — künstlich erzeugtes, einer gewissen Schablonen-Anschauung entspringendes Gefühl. Alle verständigen Menschen werden den Entschluß gutheißen. Irrtümer, Lügen und Komödien nicht fortzusetzen, nicht deshalb an unnatürlichen Verhältnissen festzuhalten, weil die Welt darüber die Nase rümpfen könnte.

„Ich will überdies nochmals, auch Ihnen gegenüber betonen, daß ich Ileisa gar nichts vorzuwerfen habe, nicht einmal, daß sie sich neuerdings um Herrn von Klamm recht sehr bemüht, so bemüht hat, daß es an sich eigentlich mit ihren Ehepflichten nicht ganz im Einklang steht. Es ist mir darüber grade gestern berichtet worden. —

„Ich will das nur erwähnen, damit Sie nicht unter dem Eindruck stehen, meine Gnädige, daß Ileisa lediglich die Eigenschaften eines Engels besitzt. Wir sind eben alle Menschen und haben unsere Tugenden und begreiflichen Schwächen.“

„Ich möchte darauf erwidern,“ entgegnete Fräulein von Oderkranz, „daß das unausgefüllte Herz naturgemäß nach Ersatz sucht. Daß Ileisa etwas Unweibliches gethan, daß sie ihre Pflichten gegen Sie versäumt, gar die Treue gegen Sie gebrochen, ist ausgeschlossen! Und was Ihre Ausführungen anbelangt, so möchte ich Ihnen doch auch meinen Standpunkt darlegen, den Standpunkt, den Sie als unpraktische Sentimentalität bezeichnen.

„Die Ehe wird unter sehr ernsten, im Gotteshause stattfindendenCeremonien geschlossen. Der Geistliche richtet an beide BeteiligteFragen, die, wenn sie sie mit Ja beantworten, ihnen unverbrüchlicheEhrenpflichten auferlegen, in dem Sinne auch, daß jeder — und sei's einMenschenleben hindurch — die Aufgabe hat, erziehlich, sanft und geduldigauf den anderen einzuwirken, Liebe zu erzeugen und zu kräftigen. Eineabsolute Notwendigkeit tritt ein, eine gradezu heilige Pflicht, wenn dieEhe mit Kindern gesegnet ist. Gewiß, bequemer ist's, die Ehe als einZeitbündnis zu betrachten. Zwei Kameraden vertragen sich in demselbenGemach nicht mehr und trennen sich.

„Aber es ist dies doch die allerroheste Anschauung über das, was wir selbst einmal als eins der vornehmsten Sittengesetze aufgestellt haben.

„Es gehört ein grenzenloser Mangel an Pflichtgefühl und rechtschaffener Gesinnung dazu, auch diese menschliche Beziehung lediglich aus dem Gesichtspunkte der Nützlichkeit und Bequemlichkeit zu behandeln. — Sie erachten die Anschauung, daß die Familienehre durch Scheidung nach außen beeinträchtigt wird, als ein künstlich erzeugtes Eitelkeitsgefühl. Ich muß dem widersprechen. Der vornehm geartete, wahrhaft sittliche Mensch hat das natürliche Bestreben, in der Umgebung, in die ihn die Verhältnisse gesetzt haben, nicht nur als eine möglichst tadellose Persönlichkeit zu erscheinen, sondern auch eine solche zu sein.

„Ehre, Anstandsgefühl, moralisches und sittliches Empfinden sind einTeil des Blutes gewisser Menschen, und daß sie es besitzen, ziert sie.

„Ernste Pflichten zu üben, statt die Welt als ein lustiges Schlemmerhaus anzusehen, und danach zu leben, ist eine Sache jener Religion, die zwar nichts auf Aeußerlichkeiten, aber desto mehr auf ein musterhaftes, auf Grundsätzen aufgebautes Handeln und Wirken sieht, jenes, das den Eingang in eine bessere Welt vorbereitet.“

„Hm — sehr schön! Ich verstehe Ihren Standpunkt vollkommen, meine Gnädige. Aber schon, da ich ihn nicht teile, bin ich Ihrer Nichte nicht wert.

„Lassen wir alle moralischen Betrachtungen und Ergüsse — ich bitte Sie dringend.

„Lassen Sie uns lieber darüber unterhalten, welche beste Form wir wählen, um das einmal Unabänderliche zu gestalten.“

„Sie übernahmen auch materielle Pflichten gegen meine Nichte. Wie denkenSie darüber, Herr von Knoop?“

„Mein Vater wird sich darüber mit Ihnen unterhalten, meine Gnädige.“

„Haben Sie denn schon mit ihm Rücksprache genommen?“

„Nein vorläufig im speziellen wenigstens noch nicht. Sie mögen aber beruhigt darüber sein, daß Ihr Fräulein Nichte nicht zu kurz kommt —“

„Das bin ich eben nicht, Herr von Knoop. Nachdem ich nicht einmal die mir gütigst von Ihnen freiwillig zugesagte Rente erhielt, bin ich in Sorge.

„Wann wollen Sie mir eine schriftliche Erklärung von Ihrem Herrn Vater aushändigen, die meine Nichte sichert, die unbedingte Garantie liefert?

„Und welche Jahreszuwendung haben Sie sich gedacht?“

„Ich kann, wie gesagt, darüber Bestimmtes noch nicht äußern, ich wiederhole bereits Gesagtes —“

„Wohlan! Ich erwarte also Ihre Mitteilungen! Und noch eins! Sie nehmen alle Schuld der Ehelösung auf sich — ?“

„Ja — ich nehme die Schuld auf mich. Ich werde Ileisa verlassen, und sie wird auf böswillige Verlassung ‚klagen‘. Das ist der formelle Hergang.“

„Wann darf ich den Besuch Ihres Herrn Vaters erwarten!? — Offen gestanden, bin ich überrascht, daß bei solcher Sachlage Ihre Familie mir nicht die Ehre eines Besuches, nicht einmal einer Benachrichtigung gegönnt hat. —

„Nur Fräulein Margarete hat mir während unserer Bekanntschaft freundliche Rücksichten erwiesen.“

Arthur zog die Lippen. Er wollte nun nichts mehr hören, es ergriff ihn eine gewisse Reizbarkeit. Er erhob sich nach den letzten Worten der Dame und sagte in einem ruhig bestimmten Tone:

„Ich bitte Sie dringend, keine Empfindlichkeiten hervorzukehren, und keine zu erzeugen, meine Gnädige. Es geschieht, wenn Sie so fortfahren, und statt Vorteile, werden Ihnen Nachteile erwachsen.

„Ich gebe Ihnen die bündige Erklärung nochmals, daß Sie über alles benachrichtigt werden, und daß Sie nicht zu kurz kommen sollen. Was ausblieb, wird nachträglich erfüllt werden.“

Damit griff er nach seinem Hut, wehrte mit einer wenig rücksichtsvollenBewegung den lästigen Hund von sich ab, und verließ nach formellenAbschiedsworten das Gemach. —

* * * * *

Zweierlei beschäftigte die Familie von Knoop in Behrwalde außerordentlich. Arthur hatte, nachdem seine Mutter einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, ihn zu sprechen, geschrieben, daß er eben vor einer Reise nach England und Frankreich stehe. Er wolle sich dort nach Kapital für ein geplantes großes internationales Unternehmen umsehen.

Er ersuchte seine Mutter in diesem Schreiben, seinen Vater zu veranlassen, Fräulein von Oderkranz die rückständige, von ihm zu zahlen unterlassene Vierteljahrsrate zuzusenden, und sie auch über die Rente zu verständigen, die Ileisa ferner erhalten würde.

Er hoffe, wie man sich auch zu seinen Entschlüssen stelle, daß manIleisa nicht beeinträchtigen, vielmehr sie und ihre Tante standesgemäßbefriedigen werde. Da er verzichte, so erwachse seinem Vater ja keinNachteil. Leben müsse doch seine Frau, und ohne Sicherstellung werdeFräulein von Oderkranz in die Trennung nicht willigen.

Zum Schluß war noch die Bitte ausgesprochen, alles in Frieden undFreundlichkeit zu behandeln. Aendern könne er seine Absichten nicht — eswürde schon die Zeit kommen, wo sich ihm die Seinigen mit anderenEmpfindungen wieder zuwenden würden.

Außerdem beschäftigte die Familie von Knoop ein Gespräch, dem sie tagsvorher während der Eisenbahnfahrt zugehört hatte.

Sie waren mit zwei Herren und zwei Damen zusammen gefahren, die sich, ohne zu wissen, daß sich Knoops mit ihnen zusammen im Coupé befanden, grade über sie unterhalten hatten.

Einer der Mitfahrenden hatte auf die Frage einer der Damen nach denGütern und Inhabern der Güter in dieser Gegend, hingeworfen:

„Behrwalde ist von einem früheren Buchdruckereibesitzer Knoop in Berlin erworben worden, nachdem er sich mit seinem, bei den Täglichen Nachrichten erworbenen Reichtum den Adel gekauft hatte.

„Es ist aber davon die Rede, daß er das Gut schon wieder veräußern will, weil sich die Familie in ihren Voraussetzungen getäuscht findet. Sie haben nämlich, als sie hier übersiedelten — so ist mir aus guter Quelle erzählt worden — den Anspruch erhoben, mit den umliegenden adeligen Gutsbesitzerfamilien zu verkehren, während diese ihnen zum Teil nicht einmal die Rücksicht eines Gegenbesuches erwiesen. Der ältere Adel ist gegenüber solchen gekauften ‚Vons‘ zurückhaltend. Dieser Herr Knoop soll schon von vorneherein durch Auftreten und aufdringliche Aeußerlichkeiten starke Opposition erregt haben.

„Wo es angeht und nicht angeht, bringt er unter anderem das neu geschaffene Wappen an, und bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit erzählt er gehobenen Hauptes, daß die Familie eigentlich zu dem ältesten Adel des Nordens gehöre und solchen nur seinerzeit abgelegt habe.

„Sie sollen bereits ganz allein stehen. Die angeseheneren BerlinerFamilien, mit denen sie früher verkehrten, haben sich von ihnenzurückgezogen weil bei ihnen das Protzen- und Strebertum: ‚sich an denAdel heranzumachen‘, großes Mißfallen erregt hat.“

„Giebt's nicht auch einen jungen Knoop? Ich meine auch von ihm, und in ebenfalls nicht sehr vorteilhafter Weise gehört zu haben,“ hatte der zweite Herr gefragt.

„Ja! Allerdings! Von dem weiß ich noch Positiveres!! Der junge Mensch kam einige Zeit vor dem Verkauf des Geschäfts aus England zurück und spielte sich schon damals in lächerlicher Weise als Grand Seigneur auf. Jetzt gilt er als einer der bekanntesten und nicht grade bestbeleumdeten Berliner Lebemänner, der sich nur mit Sport, Weibern und Spiel beschäftigt. Jetzt eben höre ich, daß er bereits mit seiner erst vor wenigen Jahren geheirateten Frau in Scheidung liegt, und zwar lediglich aus dem Grunde, weil er ihrer überdrüssig geworden ist. Die Frau soll in jeder Richtung tadellos sein! — Na, ja! Es ist der übliche Verlauf der Dinge. Dem Alten ist das Geld in den Kopf gestiegen, und so verleugnet er seine bürgerliche Abstammung und seine Vergangenheit. Und wenn überdies Frauen ihren Ehrgeiz spielen lassen, weiß man, wie es geht. Gewisse Weiber können niemals genug Eitelkeiten treiben, und so verpulvern sie und der junge Tagedieb allmählich das Vermögen. Das Resultat solcher Ambitionen ist dann die Einbuße der Selbstachtung und der gänzliche Verlust dessen, was einst durch Fleiß, Ausdauer und Umsicht erworben ist.“

Margarete hatte sich in eine Ecke gedrückt, damit man die Thränen derScham nicht bemerke, die über ihre Wangen rieselten.

Frau von Knoop hätte die Coupéthür öffnen und hinausspringen mögen, und Herrn von Knoop hatte die Zeitung, in der er gelesen — es war sein früheres, eigenes Blatt gewesen — in der Hand gezittert. Wortlos, mit verstörter Miene, war er mit seinen Frauen in die auf der Station seiner wartenden Equipage — die Equipage mit dem eben so abfällig beurteilten Wappen — gestiegen.

So — so — beurteilte man also ihn und seine Angehörigen! Sein ganzes Innere befand sich in Aufruhr, und wenn es in diesem Augenblick möglich gewesen wäre, würde Herr Knoop gleich abgereist sein, Berlin und Behrwalde für alle Zeiten den Rücken gewendet haben. Aber wenn sich das auch so rasch nicht machen ließ, so war doch sein Entschluß unweigerlich gefaßt! Er wollte fort, sobald wie möglich. Er wollte mit Frau und Tochter nach Holstein übersiedeln. Der früher bereits erwogene Gedanke sollte zur Ausführung gebracht werden!

Zu einem Gespräch zwischen ihm und den beiden Damen über den Vorfall kam es nicht. Scham ließ die Lippe verstummen. Aber über seine Absichten äußerte sich Herr von Knoop bereits an diesem Tage, auch warf er hin, wie er es mit Ileisa und ihrer Tante halten wollte. —

Mitten in diese Aufregung platzte abends Theodor Knoop herein.

Ohne vorherige Anmeldung erschien er, und erklärte seinem sich durchaus nicht sehr zuvorkommend gebenden Bruder in dessen Arbeitszimmer, mit wichtig geheimnisvoller Miene, daß er ihm den italienischen Grafentitel verschaffen könne, wenn er 100000 Francs und eine Provision von 25000 daran wenden wollte.

Der Augenblick für ein solches, inzwischen wieder von dem geldgierigen Theodor ausgehecktes Anerbieten konnte allerdings nicht schlechter gewählt sein.

Kurz und rauh, mit schroffer Zurückweisung im Ton, fertigte Herr vonKnoop seinen Bruder ab.

Er solle sich schämen, seine Kräfte und seine Thätigkeit solchen Vermittlungsgeschäften zu widmen. Er solle namentlich ihn ein- für allemal mit derartigen Anerbietungen verschonen. Er habe das Geldausgeben für solche Thorheiten satt, übersatt, und wenn er alles recht bedenke, so sei eben Theodor schuld daran, daß er seinen guten, bürgerlichen Namen, aber auch seinen zufriedenen Sinn für einen elenden Tand dahingegeben.

Nichts, nichts wolle er mehr von solchen Dingen hören, und er erklärte ihm zugleich zum ersten und allerletzten Mal, daß er ferneren Ansprüchen an seinen Geldbeutel — es sei doch diese Offerte wiederum nichts anderes — keinerlei Gehör mehr schenken werde. Es sei überhaupt besser, daß Theodor sich nicht ferner nach Behrwalde herausbemühe, und zudem werde er auch dort bald nicht mehr anzutreffen sein.

Theodor war ebenso überrascht wie aufgebracht, und unterdrückte die Ausbrüche seines Ingrimms nur deshalb, weil es sich herausgestellt hatte, daß sich sein Bruder höchst unglücklich fühlte. Das war Nahrung auf sein rachsüchtiges und neidisches Herz.

So erwähnte er bloß sanftmütig, daß er wohl ein Recht haben würde, sich gegen eine solche Begegnung und Sprache aufzulehnen, aber daß er davon absähe, weil er in Betracht ziehe, daß sein Bruder sichtlich schweren Verdruß und starke Enttäuschungen erlitten habe, und sich deshalb in mißmutiger Stimmung befinde. Was ihn selbst betreffe, so habe er sich doch nur eine Anfrage erlaubt. Es sei ja gut, wenn Friedrich davon nichts hören wolle; er werde ihn sicherlich nicht wieder belästigen. Aber es dränge ihn sein brüderliches Mitgefühl, zu erfahren, was geschehen sei. Vielleicht könne er ihm helfen, raten, nützen, ihn rächen! Er verlange weder Dank, noch Lohn dafür! Er möge ihm doch freundlich gesinnt sein! Sie wären doch Brüder!

Und da erlag denn Friedrich von Knoop abermals wie allezeit den Listen seines Bruders, da stellte sich der alte Vergebungssinn gegen seine Familienmitglieder wieder ein.

Er gab wider seinen Willen in der Folge alles zum besten, was er besser für sich behalten, worin er jedenfalls nicht Theodor hätte einweihen sollen.

Nicht gleich zwar gelangte alles über seine Lippen, aber nach und nach, infolge der sanften Ermunterungen, erheuchelten Teilnahmsäußerungen und klugen Zwischenreden seines Bruders.

Bevor Theodor Behrwalde verließ, wußte er, daß sich das junge Paar wieder trennen wollte, ferner, daß Vater und Sohn auseinander waren, daß Behrwalde wieder verkauft werden solle, und endlich, daß die ganze „Sippe“, wie er seine Verwandten im stillen nannte, tief gedemütigt war, und sich ebenso bedrückt wie unglücklich fühlte.

Und da triumphierte er, einmal darüber, daß jenen ein Stachel im Herzen saß, und dann darüber, daß sich ihm nun doch unerwartet ganz sichere Geschäfte aufthaten, daß es wieder etwas einzuheimsen gab.

Denn Friedrich von Knoop hatte sich auf Theodors Bitten hinreißen lassen, ihm die Veräußerung des Gutes Behrwalde in die Hand zu geben und ihn überdies beauftragt, etwas Passendes in Holstein, in möglichster Nähe von Hamburg auszuspüren. Aber er sollte nur schriftlich mit ihm verkehren, hatte Herr Knoop bereits in Hinblick auf die sicher eintretenden Vorwürfe seiner Damen hingeworfen und zur Bedingung gemacht.

Und als er sich wieder ins Wohngemach begab, erwähnte er nur auf deren nicht unbesorgte Frage, daß sich Theodor lediglich habe Auskünfte über einiges einholen wollen.

Die Reue hatte ihn schon jetzt erfaßt, und sie wirkte derartig nach, daß er an diesem Abend eine noch schlechtere Laune hervorkehrte, als er sie nach den Erlebnissen im Coupé der Eisenbahn an den Tag gelegt. —

Am folgenden Morgen suchte Herr von Knoop seine Gedanken zu ordnen, und es gelang ihm, indem er allerlei Kompromisse mit seiner Vernunft und den Unabänderlichkeiten schloß.

Zunächst suchte er Ileisa auf, und teilte ihr mit, daß er ihr monatlich die Hälfte von dem auskehren wolle, was er ihrem Manne bisher zugewendet habe. Außerdem händigte er ihr die rückständige Rente für ihre Tante ein und ersuchte sie, mit ihrer Verwandten zu sprechen, ob sie nicht mit ihr nach Hamburg übersiedeln wolle. Sie selbst wollten Behrwalde verkaufen, in der Nähe der genannten Stadt auf's Land ziehen, und wünschten natürlich Ileisa in ihrer Nähe zu behalten.

„Na ja,“ schloß er, resigniert sprechend, und indem er wenigstens äußerlich gute Empfindungen gegen seine Schwiegertochter hervorkehrte. „Der Mensch baut sich etwas auf und glaubt unter ein sicheres oder noch besseres Dach zu gelangen. Das Schicksal aber schiebt sich rücksichtslos dazwischen und bestimmt es nach seinem Gefallen.

„Und dann muß man sich eben anders einrichten.

„Deiner Tante bitte ich eine Entschuldigung auszusprechen, daß ich noch nicht bei ihr war, aber es wird ehestens geschehen.


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