Chapter 8

Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft(greffée)sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang der dritten Phase treiben.

Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde weder ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte beherrschen zu können.

Andererseits seien die Champions des „erhabenen Flugs“ unserer Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der Römer stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch der zweiten und der dritten Phase machten.

Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht rückwärts gehe. Wenn beide Parteien sich auszusöhnen und zu vereinigen vermöchten, könnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrücken, die, wenn sie auch nicht das eigentliche Glück bringe, doch gegen die früheren große Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen, beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, um die öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege restauriren.

Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus, der ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht durch die Chimären, welche wir uns über das Repräsentativsystem machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin Constant, anerkannt hätten. Solche Uebel seien: die Korruption der Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Höfe, die von Sinnen kämen durch die Angst, die ihnen der falsche Liberalismus einflöße; das Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden ihrer Unabhängigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, „diesem Schlimmsten, was ihnen begegnen könne“; (heilige Allianz, Kongresse von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf diese und ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger in Folge der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des Kampfes der Regierungen gegen die Völker u. s. w.

Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems bloslege; er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch das Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, daß man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen müsse. Er nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der Oligarchie erstrebeund immer die seinen Versprechungen entgegengesetzten Wirkungen erzeuge.Die Liberalen suchten sich zu rechtfertigen, indem sie sagten: „Seht Ihr nicht, daß wir ohne das Repräsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drückendsten Despotismus fielen?“ Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger gewiß, daß, indem die Liberalen durch ihre Taktik den Rückschrittlern vor den Kopf stießen und sie immer mehr erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst. Ueberdies sei sicher, daß dieses sogenannte liberale System keineswegs sehr positiv operire,der liberale Geist sei für alle großen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee.

Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht. Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst, weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen vor den Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten Parteien eine Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrängung der alten Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position bedeutet. Darüber täuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unversöhnlicher prinzipieller Gegensatz zwischen den kämpfenden Parteien besteht. Es ist daher thöricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen handelt es sich.

Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Bündniß des Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein günstigeres Resultat für den Fortschritt der Gesellschaft ergeben hätte. Deutschland, das heute ähnliche Kämpfe der herrschenden Klassen unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge dafür, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet. Indessen wir wissen heute, daßallewie immer gearteten politischen Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind, und daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten verbünden, sie selbst nur einen Waffenstillstand schließen, weil ihnen der dritte die streitige gemeinsame Beute zu entreißen droht. Es ist der alte Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu den „unvernünftigen“ Thieren führen, indem jeder sich selbst und alle sich gegenseitig zu belügen und zu betrügen suchen, sich vorredend, es seien die „Ideen“ und nur die „Ideen“, für die sie stritten und kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit, daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und Interessenkämpfe immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt.

Fourier fährt fort:

Die Stehenbleibenden(immobilistes)seien eine ebenso lächerliche Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden Stillstand zurück; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr Bedürfniß wie, daß Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei, vorwärts zu marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir besäßen zu viel Lebensmittel für eine auf der sozialen Stufenleiter gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene Gesellschaft, und dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine natürliche Anwendung findend, überlaste und verderbe ihn. Daraus resultire eine zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das zwischen den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir besäßen zu viel Industrie für eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten Phase zurückgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß gedrängt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen er die schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen zeigen.

Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der Gesellschaft zur Folge haben müßten.

Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte würden zu Abgründen, die alle Hülfsmittel verschlängen, welche die Reichen zur Agiotage verleiteten, so daß diese mehr und mehr die Agrikultur verschmähten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es entwickele sich ein System der Erpressung und es entstünden die indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen. Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch mit England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung einer wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende Angriffe auf das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese Angriffe würden für alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich — in der großen Revolution und unter Napoleon — konfiszirt habe, ahmten Spanien und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gäbe. Es sei eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei zurückgreife. Fünftens: Beseitigung der Zwischenkörperschaften; also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden: Provinzialstände, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank ihrem Sturze befinde man sich vor der jährlichen Vergrößerung des Budgets um fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die Lebensmittelsteuern(octrois), welche die Industrie schädigten, die Bevölkerung mißstimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschädigen versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmöglich, und gleichzeitig rufe man, durch die immer größer werdende Theilung des Eigenthums und die Häufung immer ohnmächtiger werdender Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben todte Buchstaben für einen plündernden Lieferanten, der 76 Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der einen Kohlkopf stehle, zum Tode.

Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den Ausgang zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im südlichen Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrügerische Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen ergaunerte, wurde freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt.

Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle besserer Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man könne keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der großen Kosten, theils wegen des Streits über die unterzulegenden Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens: Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege hervorzurufen drohten. Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs innerer Kämpfe, die Folge des Nährens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen Politiker, die kein Mittel der Aussöhnung und des wirklichen sozialen Fortschritts zu entdecken vermöchten. Elftens: Die Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal eingeführten Uebel beizubehalten: Lotterien, öffentliche Spiele und andere verhängnißvolle Mittel der Fiskalität.

Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den Seeräubern, um sie zu beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel unterstützte, betrachtete Fourier als die zwölfte verhängnißvolle Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die Dinge noch so, daß die meisten europäischen Mächte, Mangels der nöthigen maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen suchten. Einen solchen Vertrag schloß z. B. Oesterreich mit der Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeräuberstaaten, ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen Flotte erhielt, — 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. — ließ diese buchstäblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine Kriegsflotte unterhalten zu können. Der Sklavenhandel, durch christliche Mächte begünstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter ein gewinnbringendes Geschäft und eine Schmach unserer Kultur.

Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der Industrie an sich reiße, die Autorität mit den Regierungen theile und überall die Raserei für das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begünstigung des Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue für die Seeräuber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt würden; andere Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos (Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit zunehme, um so mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: Industrielle Skandale: Fortschritte in der Art der Verfälschungen und der Tolerirung der Verfälschung der Lebensbedürfnisse; Zunahme der aus drückendem Ueberfluß entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene Lieferung anderer Bedürfnisse, also zunehmende Abhängigkeit des Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weißen Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst solchen Mächten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten. Siebzehntes: Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel. Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn bekämpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das wenige von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen Tugenden geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme; Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern. (Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.) Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preußen bereits besitze und es Rußland in höherem Maße nachzuahmen versuche, einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen Reichen eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die Räubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei nahezulegen, diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier wachsenden Vervollkommnungen.

Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf unserem Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen. Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der scharfen Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier aber ist die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt von den übrigen hervorhebt und als die „schmachvollste“ aller bezeichnet: „die Zulassung der Juden zu den bürgerlichen Rechten“.

Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die unproduktiven Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische Nation sei nicht zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souverän, erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug für lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu täuschen, die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden verdankten ihre Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen unserer heutigen Antisemiten.

Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig sich von der dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf der sozialen Stufenleiter um so viel höher ausgebildet hätte als ihre Industrie sich steigerte; so habe sie für die dritte Phase zu viel und für die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit(pléthore)sei nur ein Zufälliges, die durch eine andere Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, daß wachsende Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen werden könne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch(sarcocéle politique)geworden sei und es bliebe, so lange wir in der dritten Phase verharrten.

Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt, welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete,daß sie aber in demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie der Fortschritt der Industrie sich entwickelte.Darum gelte es, einen anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten(moeurs)gemäß operire und aus dem Fortschritt der Industrie die Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen, behauptend: „der natürliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus, das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des bürgerlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der Gewalt und des Glücks aller Glieder der Gesellschaft.“

Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei, ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen die „billige Vertheilung“ und das „Glück“ der Arbeiter sehen könne; jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, aus denen sich das Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wäre es wahr, daß die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, dann wären auch die Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien, Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt dürfe aber nicht blos die Industrie betreffen, er müsse auch die Sitten und den ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse. So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Künste, Industrie, Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann bleibe ihr nichts anderes übrig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf eine Höhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hälfte fähig sei.

„Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen und Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das in seinem Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.“

Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze.

Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit ihren enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen sanft zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch ließen sich beide Methoden vereinigen.

Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von 1808–1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl der ganz Mittellosen ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung betrage und auf je vierhundert Familien vierzig arme Familien kämen. Es bildeten also je zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre nöthigen Gebäude, Stallungen, Vieh, Gärten, Werkzeuge u. s. w. erhielten. Diese Zahl sei groß genug, um eine zweckmäßige und wenig kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives Unternehmen zu begründen.

Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution der fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet, eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle in die Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber neben der Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen allmälig sehr hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns absorbiren würden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlägen Fourier's dieser Vorschlag der utopischste.

Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer vorzüglichere Produkte lieferten, auch industrielle, würden sie durch die Güte ihrer Waaren, wie die Reellität der Preise die private Konkurrenz immer mehr in's Gedränge bringen und einen Unternehmer nach dem andern zur Geschäftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen immer mehr aus, die Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien zufließen, ein Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden schließlich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß führe dann zur Bildung der Phalanxen.

Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die Ackerbaugenossenschaft legt.

Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die Gründung der Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die Klassen müßten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und aller Genüsse freiwillig aus rein philanthropischen Gründen, um der Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm leuchtet nicht ein, daß seine Stellung eine ungerechte sein könne. Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. —

Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und Spekulationen über Einrichtungen und Zustände der Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind, um an der Hand derselben nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen über die Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen — woher er diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er —, aber heute auf durchschnittlich 63 pariser Zoll zurückgekommen sei, werde in der Harmonie sich wieder zur Höhe von 73½–84 pariser Zoll entwickeln. Alle dem Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein Beispiel möge dies beweisen.

„Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach, weil es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es fällt ihm nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder Römer nach den Theorien über die Rechte und Pflichten der Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt sich, die Steuer zu verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für denselben Zweck verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten und Soldaten zur Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hülfe das philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitäten über das Glück, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu dürfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers übernehmen, damit wir unsere unverjährbaren Rechte genießen können, bereitwillig die Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie fordert, erscheint dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht, seine Unterthanen zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu bezahlenwünscht. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß er seine Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten, aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten der Verfassung studiren, die ihn lehre, daß die Würde freier Männer darin bestehe, zu bezahlen oder — in's Gefängniß zu wandern.“

Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich mit der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung die Lacher auf seiner Seite.

In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von Planet zu Planet, nach dem System immer größerer Vervollkommnung, vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausführt, warum die Menschen über das zukünftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er sagt: „Erstaunen wir nicht über die Unkenntniß, welche über unsere Unsterblichkeit herrscht, noch über die Unzulänglichkeit unseres Wissens über das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem künftigen Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, sämmtliche Arme der Zivilisation würden Selbstmord üben, um dieses künftige Glück so rasch als möglich zu genießen; aber die Reichen, die zurückblieben, hätten weder die Fähigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren undankbaren Beschäftigungen zu ersetzen. Die Wirkung würde also sein, daß durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der Globus im Zustand beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer Herrlichkeit sein.“ Originell ist diese Begründung auf alle Fälle.

Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des Interesses halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwähnen, die Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien erfüllen nach ihm das ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings — eines der sonst von ihm so gehaßten metaphysischen Philosophen — immer wieder bezieht: „Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls, es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil.“ Nach Fourier ist also die große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem gebildeten Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack entspricht den Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht ihr Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird. Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß für die Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz, der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie, der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie(iris perpillon)repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen Bürgers; die gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender; die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz durchschossenen Blume einer großen Trauerblume ähnlich sieht, entspricht der fürstlichen Ehe, wie überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz oder Politik. Die Blume zeigt an, daß diese Ehen meist ohne Liebe, oft ohne daß man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die nach Liebe dürstet, entbehren. Schließlich bedauert Fourier lebhaft, daß er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese Analogien, die eine der interessantesten Studien darböten, nach allen Richtungen verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen Annehmlichkeiten und Reize habe.

Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle in seinen Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen Umfang seiner Werke natürlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine erstaunliche Fülle origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch für die heutige Zeit, wie für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft von großer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlüsse sind eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe für eine neue Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief gedacht und erfaßt, daß die Zukunft in der Richtung der von ihm erfaßten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht. Großartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen von Fach eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und das zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und keine Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser Mann, der einsam durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet. Das ist nicht überflüssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe, welchen gerade die Abschnitte über die Liebe in seinen Werken ausgesetzt waren.

Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie nehmen aber einen ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine Menge interessanter Details, die wir übergehen mußten, die aber neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete, auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß.

Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will, dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre älter wurden und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und Menschen und Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“ und „Wahrheit und Dichtung“ gelesen hat und erwägt, daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien Beider über menschliches Glück manches Verwandte finden. Der Fourier'sche Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der Lebenslage der Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft.

Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich unberücksichtigt, und mußten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch abgefaßte Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so gründlich haßte und, wie es immer geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die Feder führt, auch schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte fest, daß es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu Leibe ging. Man beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie daher kam, daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand, daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen sie den Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glück versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, schönen und glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der verschiedenen politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieyés und Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer u. s. w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen der weiße Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren großen schönen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran dachte, das Volk zu unterdrücken und es um die Früchte seiner Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheißenen Glücks das Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen, wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und dabei glaubte, sich über die Natur der Dinge und der Menschen nicht zu täuschen, dessen Herz durfte mit Haß und Zorn erfüllt werden. Aber er besaß in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des beißenden Spottes, womit er seine Angriffe würzte, und dies erbitterte besonders seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit, und die überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr.

Sein System war nicht für das Verständniß der Massen berechnet, wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn überhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise mußten sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fühlen. Es gehörte der kindliche Glaube eines Fourier dazu, daß die Gegner seine Kritik nicht als eine persönliche, sondern als rein sachliche auffassen sollten, das hieß in der That ihrer Natur zu viel zumuthen und der Macht seiner Gründe zu sehr vertrauen. Aber abgesehen von dieser Art seiner Polemik würden die herrschenden Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Gründen, sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als „Narren“. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden? Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen?

Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn heraus, schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten. Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in seiner Schrift „Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft“ aus, daß wenn selbst die Fourier'schen Systemausführungen keinen Werth besäßen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch die Form seiner Kritiken zu den größten Satirikern aller Zeiten gehöre.

Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe und Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten es sich katholische Organe seiner Zeit, wie „Gazette de France“ und „L'Univers“ zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen, welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle schießen lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren der Moral antaste, die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde rein atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral umzustürzen versuche.

So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer längeren Abhandlung: „Ueber den freien Willen“ lehrt, und über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind, die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Höchste aufzubringen.

Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz zusammengefaßt also:

„Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen bestimmen; für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln, wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner Natur und den Willen Gottes.“

„Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch macht- und willenlos.“

Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt, sie sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, gewissermaßen sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe leisten zu können, muß der Mensch die Naturgesetze und die Gesetze der Anziehung studiren. Sobald er diese begriffen hat, ist er in der Lage, mit Gott gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das Beide verbindet, soll Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die Philosophen lehren, und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie die Theologen predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann weder Gott noch der Mensch glücklich sein und können sie ihren Zweck nicht erreichen.

Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat, unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben.

Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein System, an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers hing, wie er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft, verwirklicht zu sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm auch die Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch auf wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich vorgestellt, und alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen Lebensabend. Am 10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine Jünger, nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen.

Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und keinen entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs erlangt. Wohl besaß sie eine nicht kleine Anzahl von Anhängern, die sich meist aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich aus den Kreisen der Studirenden, der Künstler, der Techniker und selbst der Militärs rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen mit Geist und Geschick schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, die in den politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich eine hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den ideologisch angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, schufen auch eine verhältnißmäßig reiche Literatur, aber die Zahl der Schriften stand in starkem Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen.

Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so Victor Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der Schule, und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige Erlöschen des Fourierismus nicht verhindern können. In seinem Bestreben auf Aussöhnung der Klassengegensätze durch freiwilliges Entgegenkommen der Besitzenden mußte der Fourierismus immer mehr zu einer reinen Humanitätsduselei verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu Guise, als Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise müssen alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der bürgerlichen Welt versucht werden und naturgemäß auf die Aussöhnung sich gegenseitig ausschließender Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde gehen. Wo solche Experimente sich längere Zeit halten, wie in einzelnen kommunistisch organisirten kleinen Gemeinwesen in den Vereinigten Staaten, vermögen sie dies nur durch fast vollkommene Isolirung von der übrigen Welt und nur unter einer Wirthschaftsweise, die ihre Anhänger zu spartanischer Einfachheit zwingt und ihnen patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt.

Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt. Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines, isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes Gemeinwesen, mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu schaffen. Es wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der von außen auf es einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr vorhanden sein, je lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne zum Ganzen für nothwendig erachtet. Entweder heißt es also mit dem Ganzen gehen und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben und verknöchern, ein Drittes giebt es nicht.

In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde Menschen denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchen an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in gesetzmäßiger Ordnung ineinandergreifen. Die Wirkung des Einzelnen liegt in der Wirkung auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den Einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich.

Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein besonderes soziales Himmelreich begründen zu können, der wird, durch die harten Thatsachen rasch eines andern belehrt, seine Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle sozialistische Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, gehe sie nun von einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als bürgerlicher Unternehmer sozialistisch produziren und distributiren zu können, oder von einer kleinen Gesammtheit, die dasselbe für sich und unter sich versucht: Utopisterei, Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch ist ein Zeichen geistiger Unreife, der nur die Wirkung haben kann, Enttäuschungen hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu diskreditiren und den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von ihnen gefürchteten Bestrebungen zu liefern.

Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse finden sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der einfachste Arbeiter fühlt, daß sichkünstlichnichts schaffen läßt, daß das, was werden soll, sichentwickelnmuß und zwar mit dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isolirt von ihm.

Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen, alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende zu erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten. Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von selbst.

In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu falschen Schlüssen führte, waren die falschen Voraussetzungen, die er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er vortrefflich und schilderte sie großartig, aber in der Untersuchung derUrsachen, die diese Uebel erzeugten, ging er von Auffassungen über das Wesen der Gesellschaft aus, die ihn nothwendig zu falschen Ergebnissen führen mußten. Wer wie er die Ansicht vertrat — und sie theilte sein Zeitalter —, daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit genommen, nicht die gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen und willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten und Denken dieses oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung mächtiger Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, sondern Zufall und Willkür annahm, mußte auch glauben, daß Zufall und Willkür die Zustände ändern könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht durch die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine selbständige Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht beherrscht wurde, sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte nicht den Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede Meinung nur eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte allgemeine Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das allgemeine Glück bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er sich auch hauptsächlich an Diejenigen, die ihrer sozialen Stellung nach zu allerletzt ein Interesse, richtiger gar kein Interesse hatten, den bestehenden Zustand zu ändern. Fourier steckte also, ohne es zu wissen, selbst tief noch in den Ideen der bürgerlichen Philosophen, die er sonst so sehr bekämpfte und die auch alle von der Ansicht ausgingen, es bedürfe nur der Erkenntniß einer „Idee“ des Guten, Gerechten, Vernünftigen, um diese „Idee“ zur Geltung und Herrschaft zu bringen. Fourier verspottete die Philosophen, daß sie beständig Ideen verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im Widerspruch blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, die an der Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten.

Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er auch nicht erkannte,warumundwodurchdie bürgerliche Gesellschaft so war, wie sie war, er sich über ihren Charakter nicht täuschen ließ, daß er ihre Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr schonungslos die Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie er die bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und zweideutigen Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt, allen ihren Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und Niemand nach ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er Unübertroffenes geleistet.

Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn als einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine Auffassung der menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch mit jener der Theologen und Moralphilosophen stand und steht, daß alle Triebe natürlich und darum nützlich und vernünftig, zum menschlichen Glücke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der Gesellschaft sei, der sie unterdrücke oder fälsche, und daher diese Triebe sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft schädlich erscheinen ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge Ketzerei, als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen müssen, das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Fälschung, Verkümmerung und Unterdrückung der menschlichen Triebe führt und dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden mußten, die eben erst nach den schwersten und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution sich konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war, die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend, tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit, Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und enthüllt alle ihre Blößen. Diese Gesellschaft, die eben erst die alte feudale Gesellschaft gestürzt, nachdem sie dieselbe vorher durch die Waffen der Kritik schon moralisch vernichtet hatte, erfährt, kaum zur Macht gekommen, an ihrem eignen Leib dasselbe. Eben erst der Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung brutaler Gewalt Herr geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein neuer Gegner, der sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen Waffen bekämpft. Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst keinen Anhang hinter sich hatte, der auch weit entfernt war, mit denselben Mitteln, mit denen das Bürgerthum die Gewalt an sich gerissen hatte, die Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So waren die Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit dem neuen Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle würden in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mächtiger Gegner gegenüberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das nicht. Männer, die unumstößlich an die Richtigkeit und Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker, die sich durch nichts erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier. Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach unsäglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis ergebener Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten.

Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße an Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den Fortschritt der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. Fourier'sche Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung der gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als ihr Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil. Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist.

Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger Anhänger in Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum ihrer Jugend nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig blieb. Der Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern auch den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, vertreten werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie Fourier wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die alten Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der sozialen Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten Bette fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer Mission befähigen.

Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn im Leben verfolgte, der „Narr“, besingt, nur daß er das Gedicht allen „Narren“ widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der Menschheit neue Bahnen zu eröffnen.

Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen, lautet:


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