Straße in Canton.Canton.
Straße in Canton.
Straße in Canton.
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Zu den beiden Seiten des ungemein belebten Flusses erhebt sich die Riesenstadt; ihr Häusermeer dehnt sich von den Ufern viele Kilometer in die Ebene aus, zieht sich an den Bergwänden im Westen empor und schwindet endlich zwischen den Bäumen des ungemein fruchtbaren, reich bebauten Landes. Aber vergeblich sucht unser Auge nach hervorragenden architektonischen Werken, nach Tempeln und Palästen und Türmen; chinesische Städte kennen diesen Schmuck nicht. Vereinzelt hebt sich eine mehrstöckige alte Pagode über das Meer der einförmigen, grauen, gleichhohen Hausdächer; hie und da ragen feste viereckige Türme, aus Grauziegeln gebaut, empor, wie die Türme von Ritterburgen, aber sie sind nichts weiter als Pfandhäuser, die in China eine gar wichtige Rolle spielen; das einzige wirklich bemerkenswerte Gebäude dieser urchinesischen Millionenstadt, das wir schon auf viele Meilen Entfernung wahrgenommen hatten, geradezu das Wahrzeichen Cantons bildend, ist die schon erwähnte gotische Kirche mit zwei hohen Türmen, die Kirche des katholischen Bischofs von Canton.
Der Ruf unserer Dampfpfeife hatte Hunderte von Sampans in unsere Fahrbahn gelockt, nur mit schwerer Mühe war es möglich, den Dampfer zwischen ihnen hindurch an die Werft zu führen. Wir hatten mehrere hundert chinesische Reisende an Bord, und die Lenker der Sampans umdrängten in mehrfachen Reihen das Schiff, um Passagiere zu ergattern. Unter diesem Getümmel und Geschrei ans Land gehen zu wollen, wäre eitles Bemühen für uns Europäer gewesen; so sahen wir denn eine Stunde lang dem tollen Treiben zu unseren Füßen zu. Die Mehrzahl der Sampans waren von Frauen und Mädchen gelenkt. In blauen, weiten, bis an die halben Waden reichenden Beinkleidern, ein dunkelblaues Hemd mit weiten Aermeln darübergeworfen, ohne Kopfbedeckung und ohne Schuhe, führten sie mit kräftigem Arm das Ruder der schweren Boote. Diese sind ihre Wohnung und gleichzeitig ihr einziges Erwerbsmittel. Die Boote selbst sind vorne und hinten mit einem Deck versehen, auf welchem die Ruderer stehen und sich zwischen den anderen Booten geschickt hindurchzwängen, indem sie Ruder, Kenterstangen und ihre Hände benutzen. In der Mitte jedes Bootes befinden sich ein Paar Bänke, durch ein rundes Holzdach gegen Sonne und Regen geschützt. Dies ist der Sitz für die Passagiere und zur Nachtzeit die Schlafstätte der Bootsleute. Vorne auf dem Bug wird gewaschen und gearbeitet, hinten gekocht und gegessen. Tagsüber rudern sie auf dem breiten, gelben Perlstrom umher auf der Suche nach Arbeit, am Abend ankern sie irgendwo an den Ufern zwischen Tausenden anderen ähnlichen Booten und pflegen der Ruhe. So geht es Tag für Tag, Jahr für Jahr von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tode. Selten, wenn überhaupt, kommen sie über die Stadtmauern von Canton hinaus.
Die Ankunft der großen Hongkongdampfer giebt ihnen mehr Arbeit, als sie sonst finden würden; deshalb der Zudrang dieser Hunderte von Booten, deshalb dieses Schreien und Stoßen und Drängen und Hasten, daß uns angst und bange wurde. Endlich, nach langem Warten, war der letzte Chinese, das letzte seiner Gepäckstücke, Kopfkissen und Strohmatten (denn auch solche nimmt der Chinese stets mit auf die Reise) in den Sampans untergebracht, und es kam nun die Reihe an uns. Schon längst hatte sich eines der Bootsweiber uns angeschlossen, ein strammes, einäugiges Weib, das gar nicht übel englisch sprach und uns die Karte desShameenhotels überbrachte. Der Kapitän des Schiffes, ein Mann, der seit dreißig Jahren in China weilt, hatte sie als durchaus zuverlässig empfohlen; Susan, so lautet ihr Spitzname, hat wohl den größten Teil der europäischen Touristen seit vielen Jahren in ihrem Sampan nach dem Hotel gebracht. In ihrem Buche hatten die meisten ihren Namen eingetragen, darunter berühmte Persönlichkeiten; sie kannte jedermann in Canton, und jeder kannte sie. Ihr Mann faulenzte in der Stadt und schmauchte Opium, sie arbeitete Tag und Nacht und hatte sich trotz der Lumperei ihres Gatten ein Vermögen von mehreren tausend Dollars zusammengescharrt. Mit kräftigen Armen hob sie unsere schweren Koffer auf die Schulter und beförderte sie behutsam auf ihren Sampan. Dann führte sie uns über die schmalen schwankenden Bretter in das Boot und ruderte uns zwischen Tausenden von Booten in den Kanal zur Landungstreppe des Shameenhotels. Ueberall sahen wir, daß diese Sampans nur von Weibern gelenkt und bedient wurden; selbst kleine Mädchen, kaum mehr als sechs bis acht Jahre alt, ruderten schon fleißig und machten sich auf den kleinen schwankenden Booten nützlich.
Das Shameenhotel liegt auf der kleinen flachen Insel im Cantonfluß, welche die Chinesen den Engländern und Franzosen als Niederlassung für ihre Kaufleute und Konsulate vor etwa zwei Jahrzehnten abgetreten haben. Tausende von Jahren bis zu dieser Abtretung war die Insel nichts weiter als eine wüste Sandbank im Herzen der chinesischen Millionenstadt. Zwei Jahrzehnte hatten genügt, um darauf eine der schönsten und reinlichsten Europäerstädte Asiens hervorzuzaubern. In ihrer Art ist sie vielleicht ebenso merkwürdig wie Canton selbst. In dem elenden, schmutzigen, aller Beschreibung spottenden Straßengewirr der Chinesenstadt ist es natürlicherweise Europäern geradezu unmöglich, zu wohnen; dafür bauten sie sich auf Shameen schöne einstöckige Häuser, die sich mit jenen unserer modernen europäischen Villenviertel vergleichen lassen. In langen Reihen stehen sie da, umgeben von kleinen wohlgepflegten Gärten, manche von ihnen überhöht von Masten, auf welchen die Flaggen der verschiedenen Konsulate flattern. Unter den mehreren hundert Einwohnern sind die meisten europäischen Nationen vertreten. Am zahlreichsten findet man Engländer und Deutsche, die hier große Ausfuhrgeschäfte besitzen. Die Stadt untersteht weder den Chinesen noch irgend einer europäischen Nation, sie ist eine Republik für sich, und zwar eine der internationalsten Art und im vollsten Sinne des Wortes unabhängig. Sie hat ihr Theater, ihren Klub, ihren philharmonischen Verein, ihre Parks, ihre Gärten, ihren Lawn-Tennis-Ground, aber keinen einzigen Kaufladen nach europäischer Art, sie hat auch keine Straße. Ein Stadtrat, aus Mitgliedern der verschiedenen Nationen gewählt, besorgt die Verwaltung. Shameen hat seine eigene Polizei, Wasserleitung, Feuerwehr, alles in vortrefflicher Verfassung, ein Muster für das benachbarte Canton, das heute noch regiert wird und so aussieht wie vor tausend Jahren. Die Bewohner Shameens,mitten in dem Mongolenreiche lebend, abgeschnitten von der Außenwelt, sind dabei doch ganz vergnügt; ihren Bedarf an Lebensmitteln etc. beziehen sie teils aus Canton, teils aus einem Warenlager, das nach Art der Konsumvereine eingerichtet ist, und Straßen brauchen sie nicht, weil man im ganzen südlichen China keine Wagen kennt. Das einzige Verkehrsmittel in Shameen, ebenso wie in Canton sind Tragstühle.
Kanal in Canton.❏GRÖSSERES BILD
Kanal in Canton.
❏GRÖSSERES BILD
Die Insel ist wie eine Festung gegen die Chinesenstadt abgesperrt. Auf der einen Seite bespült sie der breite Cantonstrom, wo gewöhnlich ein paar europäische Dampfer, darunter häufig solche mit deutscher Flagge, vor Anker liegen, auf der anderen Seite trennt sie ein Kanal mit senkrechten Steinufern von Canton. Die beiden darüber führenden Brücken sind durch starke Eisengitter abgesperrt und von dem Shameener Polizeikorps, wie von chinesischen Soldaten bewacht, als würde man jeden Augenblick einen Ueberfall von seiten der Mongolen befürchten.
Diese Ueberfälle waren in früheren Jahren thatsächlich gar nicht selten. Noch in den achtziger Jahren drang der tolle Pöbel Cantons nach Shameen und brannte einen Teil der europäischen Stadt nieder. Die Konsuln schilderten mir die Bevölkerung Cantons als die gefährlichste von China: leicht aufbrausend, fanatisch und von Fremdenhaß erfüllt. Ueberall wurde ich zur Vorsicht gemahnt, selbst in Shameen, obwohl man dort weniger Furcht vor den Cantonesen hat als anderswo. Thatsächlich brachte ich Tage auf der Wanderung durch die entlegensten Viertel Cantons zu, nur begleitet von einem englisch sprechenden Chinesen, Namens Ah-Kham, aber nirgends begegnete ich der geringsten Feindseligkeit. Die Leute, von denen manche vielleicht noch niemals einen Europäer gesehen hatten, betrachteten mich neugierig, aber sie erwiderten freundlich meinen Gruß. Ich trat, ohne irgendwie gehindert zu werden, in Buddhatempel und Gefängnisse, in Kaufläden und Privathäuser, und das Bangen, das ich während der ersten halben Stunde in dem engen Gäßchenlabyrinth der so übel beleumundeten Stadt unwillkürlich empfand, wich allmählich dem Gefühl vollständiger Sicherheit.
Die Chinesen behaupten, die größte Stadt ihres Reiches sei Canton. Es wird wohl auch so sein, obwohl diese abergläubischen Leute nie eine Volkszählung gemacht haben. Sie meinen, das wäre schlechtes Joß, das heißt, es brächte Unglück. Die Angaben, nach einer allgemeinen Schätzung, schwanken zwischen einer Million und zweieinhalb Millionen. Es kommt ja auch gar nicht darauf an. Haben sie doch in ihrem Reiche mehr Einwohner als das ganze große englische Kolonialreich, Rußland, die Vereinigten Staaten und ein paar europäische Königreiche zusammengenommen. Manche ihrer Provinzen zählen zwanzig bis dreißig Millionen, eine ganze Menge von Städten, die man in Europa nicht einmal dem Namen nach kennt, haben eine bis anderthalb Millionen Einwohner, Canton aber ist die größte darunter.
Es ist wohl auch die sehenswerteste, nicht etwa wegen architektonischer Bauten, großstädtischer Anlagen, Schulen, Museen, Fabriken etc. Derlei Dinge besitzen chinesische Städte überhaupt nicht. Im chinesischen Reiche giebt es, nicht einmal den Kaiserpalast in Peking ausgenommen, kein einziges Gebäude, das sich an Größe und Pracht mit irgend einem unserer modernen Miethäuser messen könnte; die Tempel sind größtenteils armselige, schmucklose Bauten, in deren Höfen Unkraut wächst. Die Privathäuser der Reichen sind unscheinbar. Die große Prüfungshalle für staatliche Beamte in Canton gleicht einer Ruine, Museen existieren nicht, außer man betrachtet die Städte selbst als solche, Fabriken kennt man nicht, und in ganz Canton giebt es noch keine Dampfmaschine, keinen Betrieb durch Wasserkraft, kein Gas, keine Elektrizität. Canton ist ebenso wie alle anderen Städte Chinas heute noch so, wie es vor fünfhundert, vor tausend, vor zweitausend und mehr Jahren war, mit derselben Kultur, denselben Gebräuchen und Sitten und Manufakturen, nur ist es größer geworden. Es ist gewachsen, nicht fortgeschritten. Vor viertausend Jahren hatte es schon ähnliche Münzen wie heute, und was es zur Zeit Christi geschaffen und gethan, schafft und thut es heute noch, das ewige Einerlei, kein Fortschritt, kein Rückschritt; China blickt nicht in die Zukunft, es kennt nur seine Gegenwart und besser noch als diese seine Vergangenheit.
Und weil von all den sogenannten Sehenswürdigkeiten in Canton nichts vorhanden ist, wird es von unseren modernen Globe-trotters gemieden, und die Mutigsten unter ihnen widmen ihm höchstens einen Tag. Von den Hunderten Touristen, die es jährlich besuchen, bleiben nicht zehn Prozent länger als einen, nicht zwei Prozent länger als zwei Tage. Und doch ist Canton eine Stadt, die selbst bei monatelangem Aufenthalte immer etwas Neues bietet, denn nirgends ist das Volksleben anregender, interessanter, merkwürdiger, seltsamer. Nirgends kann man einen tieferen Einblick bekommen in das fremdartige Wesen der mongolischen Welt, die heute noch größer als die kaukasische und dabei so total verschieden von dieser ist, daß die beiden nichts miteinander gemein haben als die Geburt, das Leben, das Sterben. China liegt nur in einem anderen Kontinent, es scheint, als läge es auf einem anderen Planeten.
Schon an der Brücke, die von Shameen nach Canton führt, zeigt sich diese fremde Welt. Chinesische Soldaten kauern hier rauchend oder Opium schmauchend auf den Strohmatten in ihrer Wachtstube. Vor dieser sind große, mit bunten Fratzen bemalte Schilder aufgestellt, im Innern stehen dreispitzige Lanzen, lange, nur mit zwei Händen zu gebrauchende Schwerter, Büchsen mit trichterförmiger Mündung, Gewehre mit Feuersteinschlössern, kurze doppelte Säbel in einer Scheide, rote und weiße Fahnen mit fremdartigen chinesischen Schriftzeichen. Die Soldaten tragen keine besondere Uniform, nur ist ihr blaues Hemd mit roten Borten besetzt, und auf einem weißen runden Schilde auf der Brust zeigen sich in schwarzerSchrift Nummer und Gattung ihres Regiments. Auf ihren langbezopften Schädeln tragen sie einen tellerförmigen, spitz auslaufenden Hut, an den Füßen Sandalen. Bei jeder Wachtablösung wird an einer großen alten Kesseltrommel ein Heidenlärm gemacht, und vier Chinesen bringen aus den etwa zwei Meter langen Tuben langgezogene einförmige Klagetöne hervor. Europäer werden durch das Brückengitter eingelassen, Chinesen nicht.
Firmentafelvor einemSchuhladen.
Firmentafelvor einemSchuhladen.
Die schönen, wohlgepflegten Wege Shameens hören mit einem Male auf, sobald man das jenseitige Kanalufer erreicht, und binnen wenigen Minuten ist man mitten in dem seltsamen Gewirr schmaler Gäßchen, welche Canton bilden. Unter den tausenden Gäßchen giebt es nur wenige, in welchen man mit ausgestreckten Armen nicht beide Seiten berühren könnte. Stundenlang durchirrte ich dieses Labyrinth, ohne irgend ein System in dasselbe bringen zu können, ohne zu wissen, wo ich mich befand, wohin mich wenden. Die Gassen sind alle geradlinig, manche über ein Kilometer lang, mit unzähligen Seitengassen, gerade so weit, gerade so aussehend wie die andern, ohne irgend welchen Anhaltspunkt, um sich zurechtzufinden. Offene Plätze, Boulevards, Kanäle, Gärten giebt es keine. Ebenso fehlt es an irgendwelchen auffälligen Gebäuden. Die Hunderttausende von Häusern, die hier dicht aneinander gedrängt stehen, sind alle gleich gebaut und annähernd von gleicher Größe. Graue, harte Ziegel sind bei allen das Material; die Ecksteine an den Eingängen sind Granit, die Dächer überall mit gebrannten Hohlziegeln bedeckt, die durch Mörtel fest miteinander verbunden sind. Schornsteine und Kamine sind nirgends zu sehen. Die Mehrzahl der Häuser besitzt nur ein Stockwerk, und dieses ist ganz von einem einzigen Raume erfüllt, der sich nach der Straße hin öffnet und von dieser Luft und Licht empfängt. Fenster giebt es keine. Die Häuser im Innern der Stadt tragen noch ein zweites, viel niedrigeres Stockwerk, durch eine steile Leiter oder ebensolche Holztreppe mit dem unteren verbunden. Nur einige chinesische Speisehäuser, Theater und Gasthöfe sind größer, höher, geräumiger, aber auch sie haben keine Fenster und Thüren. Die Thüröffnung nach der Straße hin hat die ganze Breite des Hauses, und soll sie zur Nachtzeit geschlossen werden, so werden vertikale starke Pfosten, eine Art Gitter bildend, in die Thüröffnung eingesetzt und durch Querbalken festgehalten. Nur Privathäuser besitzen Thüren nach unserer Art. In den Geschäftsstraßen der inneren Stadt giebt es nur wenige solche; je weiter man aber hinauskommt, desto häufiger werden die Privathäuser, desto stiller demgemäß auch die Straßen. Die Thüren, zu denen gewöhnlich einige Stufen emporführen, stehen offen, doch erhebt sich auf etwa ein Meter Entfernung hinter ihnen eine Holzwand, welche das Innere des Hauses den Blicken der Vorübergehenden entzieht. Auf diesen Holzwänden prangen gewöhnlich in bunten Farben die grotesken Bilder zweier Götzen, der Schutzpatrone des Hauses, auf den Steinstufen der Thüre kauern ein paar Weiber, auf der Bank vor der Bretterwand ruhen ein paarchinesische Diener. Trat ich, ungehindert durch diese Pförtner, in den Hofraum, so fand ich in den meisten Häusern neben der Thür eine Anzahl alter dreispitziger Lanzen, Schwerter und alter Feuerstein- oder Luntengewehre aufgestellt. Von dem Hofraum aus öffnen sich die Thüren nach dem Labyrinth der Wohnungen, Pavillons, Ahnenhallen, Tempel, Gärtchen und Bassins, welche die Wohnung der reichen Chinesen und ihrer Familien bilden. Nach außen sind diese großen Räume von einer hohen grauen, fensterlosen Mauer umschlossen, eine Art Stadt und Festung für sich. Unmittelbar daranstoßend sind wieder die labyrinthartigen Gäßchen, in denen jedes Haus ein Kaufladen ist, dessen entlegenste Winkel man von außen sehen könnte, wäre hinreichend Licht vorhanden. Aber hier herrscht ewige Dämmerung. Ueber die Hausdächer sind quer über die Straße Matten und Bretter gelegt, und von diesen hängen Tausende der eigentümlichen chinesischen Firmentafeln und Schilder herab, so tief, daß man sie mit erhobener Hand anfassen könnte. Drei bis fünf Meter lang, prangen sie in den buntesten Farben und sind mit den eigentümlichen malerischen Schriftzeichen in Gold oder Schwarz oder anderen Farben bedeckt. Horizontale Firmenschilder kennt man in China einfach deshalb wenig, weil nicht in horizontaler, sondern in vertikaler Richtung geschrieben wird. Jeder der lose herabbaumelnden Tafeln entspricht nur dereineKaufladen, der sich in je einem Hause befindet und immer das ganze untere Stockwerk desselben einnimmt. In Canton giebt es Hunderte von Straßen, in welchen jedes Haus einen Kaufladen besitzt, und zwar einer dem andern so dicht sich anschließend, daß nur das Mauerwerk sie voneinander trennt. Gewöhnlich haben sich bestimmte Industrien in bestimmten Gassen angesiedelt, die dann auch entsprechend benannt sind. Die Geldwechsler, Goldarbeiter, Kuriositätenhändler, Schuh-, Kleider-, Schnittwaren- und Papierhändler, die Fächerarbeiter, Holzschnitzer, Möbeltischler, Messingarbeiter etc. haben alle ihre eigenen Gäßchen, in denen sie nicht nur ihre fertigen Waren zur Schau gestellt haben, sondern auch vor den Augen der Passanten an neuen Waren arbeiten. Die elegantesten Kaufläden, in verhältnismäßig etwas weiteren Gassen gelegen, zeigen den einzigen in ganz Canton wahrnehmbaren Luxus, ja diese Kaufläden mit ihrer Ausstattung würden auch in europäischen Städten Aufsehen erregen. Herrliche Holzschnitzereien, geschichtliche Ereignisse darstellend, oder vorzügliche Nachahmungen verschiedener Blumen, Bäume und Schlingpflanzen, reich vergoldet, schmücken den Eingang; sie hängen an den Seiten des inneren Raumes und bilden im Hintergrunde desselben einen altarartigen Aufbau, dessen Mittelstück gewöhnlich ein bunt gemaltes, groteskes Bild des Kriegsgottes in goldenem Rahmen bildet. Vor diesem Götzen brennen Oellampen und sind einige Sträuße von Papierblumen aufgehängt. Unterdem Altar oder an den Seiten des Kaufladens im Hintergrunde sitzt der Eigentümer an einem kleinen, mit Holzschnitzereien gezierten Tischchen, auf dem sich gewöhnlich die Geschäftsbücher, dann eine Wage zum Abwägen des Geldes und ein Rechenbrett befinden. Ohne Wage würde der Händler betrogen werden, denn in Canton herrscht in Bezug auf das Bargeld eine ähnliche Sitte wie in England mit den Banknoten. Dort werden die letzteren von den jeweiligen Eigentümern unterschrieben, in Canton erhält jeder Silberdollar von dem jeweiligen Besitzer seinen Stempel aufgeprägt. Deshalb bekommen die meisten Dollars, die man in Canton erhält, durch das Abstempeln die Form kleiner, halbrunder Schalen, ja vielen fehlt sogar der Boden; ich habe zahlreiche Dollars gesehen, die nur aus dem äußeren Kranz bestanden. Der ganze mittlere Teil war herausgeschlagen und lag in kleinen und größeren Stücken in den Geldschüsseln der Kaufleute. Wird einem Kaufmanne als Bezahlung für die gekaufte Ware ein Dollar dargereicht, so prüft er ihn gewöhnlich zuerst nach dem Metallklange, dann nach seinem Gewicht, und das Fehlende muß von dem Käufer ersetzt werden.
Bettlertypus.
Bettlertypus.
Das Rechenbrett ist jedem chinesischen Kaufmann oder Händler geradezu unentbehrlich, die allereinfachsten Zählungen werden an den schwarzen Kugeln des Rechenbrettes ausgeführt, und beim Durchschreiten der Gäßchen hört man fortwährend ihr Geklapper. Europäische Kaufleute in China gewöhnen sich auch bald an ihren Gebrauch, bis sie ihnen schließlich unentbehrlich werden. Wo immer der Chinese sich ansiedelt, verwendet er auch sein Rechenbrett. Ich fand es in den Chinesenvierteln in San Francisco, Lima, Batavia, Portland, Singapore bei jedem einzelnen chinesischen Kaufmann. Alle Kaufläden stehen nach der Straße zu weit offen; jedermann kann nach Belieben eintreten, kaufen oder nicht kaufen. Der Chinese wird jedem Besucher seine Waren mit großer Geduld vorlegen und ebenso geduldig an dem Preise festhalten, obschon er schließlich doch gerade so nachgiebig wird, wie die Korallenhändler von Neapel. Die Kaufläden scheinen gewissermaßen Teile der Gäßchen selbst zu bilden. Bei dem ungemein regen Verkehr, der sich tagsüber in diesen bewegt, würden sich Menschen, Tragstühle, Lasten aller Art binnen wenigen Minuten ineinander festkeilen, wenn nicht die Kaufläden den Menschen Gelegenheit gäben, einzutreten und auszuweichen; freilich wird dadurch so mancher Laden besudelt; der Inhalt manches Unratgefäßes, manches Tragkorbes, deren zwei gewöhnlich mittels langer Stangen auf den Schultern der Träger befördert werden, ergießtsich in den schönen Juwelier- oder Modeladen, aber die Menschen sind daran gewöhnt. Die Ladenbesitzer haben von den Bettlern viel zu leiden; diese ziehen nicht mit offener Hand bittend von Laden zu Laden, sondern führen allerhand Ohrenmartern mit sich, um dadurch eine Gabe zu erzwingen. Hier läutet eine Frau, ein Kind auf dem Rücken, eine große Glocke mit schrillem, durchdringendem Klange, sie tritt in einen Laden und läutet dem Besitzer so lange die Ohren voll, bis er sich zu einer Gabe entschließt, dann zieht sie zu seinem Nachbar. Ein strammer junger Bursche, der aus weiß Gott welchem Grunde Bettler geworden, geht von Laden zu Laden und schlägt in jedem zwei harte, glatte Hölzer aneinander, wie riesige Castagnetten, ein Dritter klappert mit Eisenstücken, ein Vierter schlägt zwei Porzellanscherben aneinander; dennohneLärm scheint es kein Betteln zu geben.
Ohne Lärm giebt es auch keine Straße in Canton. In den dämmerigen engen Gäßchen, so eng, wie man bei uns nicht einmal Hauseingänge macht, herrscht tagsüber ein furchtbares Lärmen, Schreien, Klopfen, Trommeln, kurz alle erdenklichen Geräusche. Nur die vielen Hunde, diese Abfallräumer von Canton, sind stumm. Die Gäßchen sind alle wohlgepflastert, aber mit schrecklichem Schmutz und fürchterlichen Gerüchen erfüllt, zumal man in Canton keine Kloaken und keine Wasserleitung kennt; schmutziges Gesindel, Bettler, Aussätzige durchwandern die Gäßchen; Lasten aller Art, Flüssigkeiten, Warenballen, Düngerkörbe, Möbel, alles Erdenkliche wird auf den Schultern der Kulis durch dieses dämmerige Labyrinth hindurchgezwängt, so daß der Fußgänger kaum jemals ohne Beschmutzung und Besudelung seiner Kleider nach Hause zurückkehrt. Ich trug in Canton stets Leinenanzüge, die ich nach jedesmaligem Gebrauch zweimal waschen ließ. Die Chinesen der besseren Stände, Mandarinen, Offiziere, Frauen, zeigen sich niemals in diesen, dreiviertel von Canton bildenden Stadtteilen. Haben sie dort zu thun, so lassen sie sich in geschlossenen, mit schwarzer Wachsleinwand überzogenen Tragstühlen auf dem Rücken von zwei, drei oder vier Kulis tragen. Nun können sich diese nur durch Geschrei den Weg bahnen; ebenso schreien die ambulanten Gemüse-, Fisch-, Fleisch- und Fruchthändler, die Lastenträger; die Bettler machen mit ihren Bettelwerkzeugen einen furchtbaren Lärm; in den Läden wird geklopft, gesägt, gehämmert, oder als merkwürdiger Zeitvertreib das Gong geschlagen, die Kesseltrommel gerührt, kurz es herrscht der furchtbarste Lärm, das regste Menschengewühl. Alles Erdenkliche geschieht auf offener Straße oder in den Kaufläden vor den Augen der Vorübergehenden. Geheimnisse können in den Geschäftsvierteln Cantons nicht gehütet werden. Jeder Einzelne kann sehen, wie und was der andere ißt, wie er sich an- und auskleidet, wie er schläft und wie er sich wäscht, wenn er dies bei dem häufig höchst empfindlichen Wassermangel überhaupt thut. In den Kaufläden sitzen oder liegen die Menschen gewöhnlich nur mit kurzen dunkelblauen Hosen bekleidet; viele tragen allerdings eine Art dunkelblaues Hemd, bei ebensovielen aber ist der Oberkörperbis zu den Lenden nackt; es war mir überraschend, bei den meisten eine ähnlich weiße Hautfarbe zu finden, wie bei den anglo-sächsischen Rassen in Europa. Die gelbe Hautfarbe der Mongolen scheint hier bloße Mythe zu sein; war sie bei den Kulis überhaupt vorhanden, so war sie nur eine Wirkung der Sonne, denn die Schenkel und andere, gewöhnlich durch Kleidungsstücke bedeckte Körperteile waren weiß. Ihre ganze Sorgfalt verwenden sie nicht auf die Kleidung, sondern auf ihren Haarschmuck. In jedem Gäßchen sah ich gewiß stets zwei oder drei ambulante Barbiere, welche die Schädel bis zu dem Scheitelzopfe kahl rasierten, Nasen und Ohren ausputzten und mit kleinen Zangen die Härchen abklippten. Am Morgen besteht der gewöhnliche Zeitvertreib der Chinesen darin, daß sie sich gegenseitig ihre mitunter bis an die Hüften reichenden langen rabenschwarzen Scheitelhaare kämmen und zu Zöpfen flechten, deren Ende durch bis zum Boden reichende Seidenschnüre verlängert wird. Das in den Bazars verkehrende Volk trägt keine Hüte, nur die Wohlhabenden tragen Schuhe oder Sandalen, alle aber haben ihren Fächer, den sie, wenn sie ihn nicht gerade zum Fächeln oder als Sonnenschirm benutzen, in den Nacken gesteckt tragen.
Vom Frauenleben bekommt man in dem Gassenlabyrinth der inneren Stadt nichts zu sehen. Alle Industrien, der ganze Handel, der ganze Verkehr liegt in den Händen der Männer, nur in den Korbflechtereien fand ich Weiber beschäftigt. Selbst die Fächer und die herrlichen Cantoner Seidenstickereien, vielleicht die schönsten der Erde, werden von Männern hergestellt. Dafür haben die Frauen, wie erwähnt, den ganzen großartigen Bootverkehr in den Händen. Maschinen, mechanische Betriebe etc. sind in Canton gänzlich unbekannt. Die Industrien sind ausschließlich Hausindustrien. Es gewährte mir das größte Interesse, die Chinesen an der Arbeit zu sehen. Mit ungeheurer Geduld, mit staunenswertem Geschick und mit großer Kraft arbeiteten sie unter meinen Augen all die schönen Erzeugnisse, für welche Canton in ganz China und auch im Auslande berühmt ist. Nicht nur Seidenstickereien und Fächer, Juwelen und getriebene Silberarbeiten, auch Bronzen, Porzellan, Kleider, Schuhe, Ziselier- und Emailarbeiten gehen unter ihren Händen ohne Zuhilfenahme unserer Instrumente mit erstaunlicher Präzision hervor.
Oeffentliche Fisch-, Gemüse- und Fleischmärkte, wie sie unsere Markthallen bergen, hat Canton nicht; jede Straße besitzt an ihrer Stelle Kaufläden, und sie sind die Hauptursache der fürchterlichen Gerüche, welche die Stadt verpesten; die Cantonesen nehmen es mit ihrer Küche bekanntlich nicht sehr genau.
Die elenden Gerüche verleiden dem Besucher den Aufenthalt in Canton gar sehr, zumal, wie gesagt, auch nicht ein einziges freies Plätzchen Erholung gewährt. Ganz Canton besteht aus einem einzigen Labyrinth winziger Gäßchen, denen man wie mit Absicht Luft und Licht und Wasser zu entziehen scheint. Selbstverständlich mangelt es abends an Beleuchtung. Deshalb ist jeder Cantonese gehalten, einebrennende Laterne mit sich zu führen, wenn er des Abends ausgeht. Uebrigens verläßt er sein Haus oder seine Straße nur in den dringendsten Fällen, denn nach Sonnenuntergang wird jede einzelne Straße an beiden Enden durch eiserne Gitter oder feste Thore abgesperrt, und Nachtwächter, mit Lanzen versehen, übernehmen den Wachtdienst. Sie tragen Trommeln und Triangel und machen damit zeitweilig Lärm, um zu erkennen zu geben, daß sie nicht schlafen. Die Tatarenstadt, in welcher sich die Residenz des Vizekönigs, des Generals und der Gerichtsbehörden befindet, ist überdies noch mit einer eigenen Mauer umgeben, und um die ganze Stadt ziehen sich feste Ringmauern und Wälle, auf denen Hunderte alter, unbrauchbarer Geschütze stehen. Diese Mauern sind die bedeutendsten Bauten Cantons, denn was die Stadt an Tempeln, Palästen und Pagoden aufzuweisen hat, ist im Verhältnis zu ihrer Größe kaum der Rede wert. Canton ist die größte Stadt Chinas; viel eher könnte sie das größte Dorf des himmlischen Reiches genannt werden.
Siegel des Verfassers(altchinesische Zeichen).
Siegel des Verfassers(altchinesische Zeichen).