Scene aus dem Kriege Japans gegen China:Fünf japanische Pioniere schlagen über hundert chinesische Soldaten in die Flucht.Das Heerwesen der Japaner.
Scene aus dem Kriege Japans gegen China:Fünf japanische Pioniere schlagen über hundert chinesische Soldaten in die Flucht.
Scene aus dem Kriege Japans gegen China:Fünf japanische Pioniere schlagen über hundert chinesische Soldaten in die Flucht.
E
Es mag sein, daß sich die Japaner, als sie den tollkühnen Entschluß faßten, den chinesischen Koloß zu bekriegen, nicht ihre eigenen Erfahrungen vor Augen hielten, sondern jene der Franzosen und Engländer, die dasselbe Wagnis noch unter viel ungünstigeren Umständen und mit noch viel geringeren Mitteln ausführten. Zehntausend Franzosen und Engländer waren vor etwa vier Jahrzehnten im stande, selbst Peking einzunehmen und den Chinesen in ihrer eigenen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. In ihrem Dünkel hielten die Japaner ihre Truppen thatsächlich jenen der europäischen Mächte für gleichwertig, und möglicherweise sagten sie sich, wenn so geringe Truppenmengen aus so großen Entfernungen derartige Erfolge zu erzielen vermochten, so konnte der Sieg der so viel größeren Armee ihres, China so nahe gelegenen Heimatlandes nicht ausbleiben.
In der That haben die Japaner in der Organisierung und Ausbildung ihrer kleinen Armee Staunenswertes geleistet, ja, wer die japanischen Truppen auf dem Exerzierplatz oder auf dem Manöverfeld gesehen hat, dem muß es geradezu unglaublich erscheinen, daß dieselben Leute, die heute so stramm und nach allen Regeln europäischer Kriegskunst exerzieren, noch vor fünfunddreißig Jahren in mittelalterlichen Rüstungen steckten, daß sie an Stelle von modernen Hinterladergewehren und gezogenen Feldgeschützen mit Bogen und Pfeil bewaffnet waren.
Die Zustände in Japan waren damals jenen ähnlich, die in Deutschland vor der Erfindung des Schießpulvers herrschten. Das Land war in den Händen derfeudalen Edelleute, die in ihren Ritterburgen saßen und ihre eigenen Fähnlein von Knappen und gerüsteten Kriegsleuten, die Samurai, unterhielten. Jeder dieser Daimios war ein kleiner, nahezu unabhängiger Fürst, der Kaiser aber war machtlos. Heute ist er der Herrscher, die Daimios sind mediatisiert, ihre Staaten sind in Dai Nipon, d. h. Großjapan, aufgegangen, ihre Armeen aufgelöst, und die alten Samurai stecken in Uniformen nach europäischem Muster.
Wenn man heute in Japan einer, wenn auch kleinen, so doch vollständig modernen Armee begegnet, die innerhalb der letzten zwanzig Jahre geschaffen wurde, wenn man erfährt, daß ihre Bewaffnung und Ausrüstung im Lande gefertigt und dort große Arsenale, Schiffbauwerkstätten, Militärschulen und Akademien sozusagen aus dem Boden gestampft wurden, so muß dies bei dem militärischen Fachmanne gerechtes Erstaunen, wenn nicht Bewunderung erwecken. Aber die Leistung ist in Wirklichkeit noch großartiger, als sie für den ersten Augenblick erscheint; denn die Soldaten hatten nicht etwa wie unsere Rekruten den Zivilrock aus- und den Militärrock anzuziehen. Sie mußten, figürlich gesprochen, die altjapanische Zivilisation ausziehen und in die moderne europäische Zivilisation hineinschlüpfen, denn das moderne Soldatentum ist mit den alten Sitten und Trachten der Japaner vollständig unverträglich. Bei den alten Samurai und Daimios war der asiatische, streng ausgesprochene Kastengeist seit vielen Generationen in Fleisch und Blut übergegangen. In die moderne Armee eintretend, fanden sich viele Samurai plötzlich ihren einstigen Untergebenen untergeordnet. Anscheinend war dies ein geradezu unübersteigbares Hindernis für die Disziplin des Heeres. Die übergroße, für europäische Augen geradezu lächerliche Höflichkeit der alten Zeit ist bis auf den heutigen Tag in Japan allgemein wahrnehmbar.
Unter Männern verschiedener, nie gleicher Stellung herrscht ein fortwährendes Verbeugen und Komplimentieren, der Untergebene wirft sich vor dem Höheren bei Besuchen in seinem Hause auf die Knie und berührt mit der Stirn den Boden. Gestern that er es noch und heute, nachdem er den Soldatenrock angezogen, soll er stramm und steif vor demselben Höheren dastehen und möglicherweise ihm scharf ins Auge blicken. Gestern bestand seine einzige Kleidung in einem losen, an den Hüften umgürteten Schlafrock, dem Kimono, und einem Paar Schlappschuhen oder Strohpantoffeln. Hals und Brust, Arme und Beine waren bloß. Heute hat er die stramme Militäruniform zu tragen mit dem beengenden Halskragen und den vielen, ihm vollständig ungewohnten, ja sogar unbekannten Knöpfen; statt des leichten Strohhutes muß er den schweren Tschako, statt des kleinen Fächers das Gewehr, statt der Strohpantoffel die schlimmsten Marterinstrumente der Japaner, Röhrenstiefel, anziehen, in denen er sich fühlen muß wie in den spanischen Stiefeln der Inquisition.
Gestern schlüpfte er beim Betreten eines Hauses aus seinen Strohpantoffeln und betrat die schönen reinen, teppichgleichen Matten mit bloßen Füßen oder inStrümpfen. Heute wird nun gerade das Gegenteil von dem Soldat gewordenen Japaner verlangt: er darf seine Stiefel nicht ausziehen, wenn er Wohnräume betritt. Gestern waren ihm Tische und Stühle unbekannte Dinge. Er saß und lag und aß auf dem Boden. Heute muß er auf Betten liegen, auf Stühlen sitzen, an Tischen seine Mahlzeiten einnehmen.
Diese wenigen Beispiele genügen, um zu zeigen, daß der Japaner beim Eintritt in die Armee seine ganze bisherige Lebensweise, ja sein Japanertum aufgeben muß, und es kann der japanischen Armee deshalb kein größeres Kompliment gemacht werden, als wenn gesagt wird, daß sie sich diesen ihr fremden, steifen, ja geradezu abstoßenden Vorschriften ohne Murren fügte und daß Insubordination nur selten vorkommt. Wie ich von europäischen Offizieren in Japan erfuhr, sind in den Kasernen gar keine Arrestlokale vorhanden; die wenigen, die hie und da zu finden sind, stehen meistens leer. Die Leute gewöhnen sich überraschend schnell an die europäisch-militärische Erziehung, sie lernen rasch und sehen in den reinlich gehaltenen, gut sitzenden Uniformen ganz martialisch aus.
Diese Thatsachen sind viel überraschender als das Vorhandensein der europäischen Militäreinrichtungen selbst. Die letzteren wurden einfach mit affenartiger Leichtigkeit und Genauigkeit Europa abgelernt. Die Japaner schickten zahlreiche Offiziere und Techniker nach Europa, wo ihnen mit etwas zu weit gehender Liebenswürdigkeit Thüren und Thore geöffnet wurden; sie beriefen Offiziere aus den europäischen Armeen, Ingenieure und Werkleute aus den europäischen Arsenalen, erwarben europäische Waffen, Gewehre, Geschütze, Ausrüstungsgegenstände, Maschinen und dergleichen, aber diese letzteren wurden nicht etwa in der erforderlichen Zahl bezogen, sondern nur als Modelle, um darnach andere in Japan selbst herzustellen. Die Europäer zeigten ihnen das Wie, und als die Japaner ihnen alles genau abgeguckt hatten, gab man den Europäern den Laufpaß. Selbst mit den Patenten wurde weitgehender Mißbrauch getrieben; man veränderte nur irgend einen Bestandteil und gab dann den betreffenden Gegenstand als eigene Erfindung aus. So z. B. ist die Infanterie mit Hinterladergewehren System Murata bewaffnet, die nichts anderes sind als französische Grasgewehre, von dem findigen japanischen Oberst Murata etwas verändert. Dank diesem recht fragwürdigen Vorgehen findet man heute in Tokio ein Arsenal, das vollständig den europäischen Waffenfabriken nachgemacht ist, und das von den Japanern mit so viel Stolz gezeigte Arsenal in Osaka ist im ganzen wie in allen Details eine verkleinerte Kopie des Arsenals von Woolwich; dieselbe Einteilung, dieselben Maschinen, dieselbe Arbeit, nur daß sich die guten Japaner aus anderen Arsenalen die modernsten Erfindungen und Verbesserungen absahen oder vielmehr abstahlen und in Osaka zur Anwendung brachten. Der Europäer aber, der diese Kriegswerkstätten, diese Militärschulen und Akademien, diese Kasernen und militärischen Einrichtungen besichtigt, wird von den stolzenJapanern mit dem Zaunpfahl eingeladen, alles rückhaltlos zu bewundern, und sie sind höchst ungehalten, wenn man ihnen vorwirft, daß das alles andere, nur nicht japanisch ist. Dank der Nachsicht und dem Entgegenkommen der europäischen Militärbehörden ist es den Japanern gelungen, diese letzteren und damit auch die europäischen Industrien über den Löffel zu barbieren. Mit diesen geborgten Einrichtungen haben die Japaner nun ein vortreffliches Heer geschaffen, das auf allgemeiner Wehrpflicht fußt. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Lebensjahre ist jeder Japaner auf Grund der 1889 etwas umgeänderten Militärgesetze des Jahres 1872 wehrpflichtig. Die Armee besteht aus dem stehenden Heere, der ersten Reserve, der zweiten Reserve und der Territorialarmee. In dem stehenden Heere beträgt die Dienstzeit drei Jahre, in der ersten und zweiten Reserve vier Jahre und in der Territorialarmee fünf Jahre. Die letztere wird nur im Kriegsfalle einberufen, die erste und zweite Reserve nur während sechzig Tagen im Jahre.
Nun beträgt die festgesetzte Friedensstärke der Armee auf dem Papier etwa 70000, in Wirklichkeit aber nur 40000 Mann. Bei einer Bevölkerung von 41 Millionen Seelen werden jedoch im Jahre über 200000 junge Leute dienstpflichtig. Was geschieht mit den Ueberzähligen?
Vor allem wurde das System der Einjährig-Freiwilligen ganz nach deutschem Muster eingeführt; ferner werden vom aktiven Militärdienst ausgenommen: Personen, die unter 4 Fuß 11½ Zoll groß sind, und das scheidet bei der kleinen Körperstatur der Japaner schon einen ganz beträchtlichen Prozentsatz der Rekruten aus.
Ebenso sind vom aktiven Dienste befreit: Familienhäupter, Priester, Lehrer und Schüler der von der Regierung anerkannten Bildungsanstalten, Aerzte und Regierungsbeamte, deren Dienst nicht von Stellvertretern besorgt werden kann; einer von zwei gleichzeitig einberufenen Brüdern oder ein Mann, dessen Bruder dient oder der einen Bruder im aktiven Dienste verloren hat.
Diese Ausnahmen erreichen im Jahre durchschnittlich vierzig Prozent der Stellungspflichtigen, da aber noch immer nahezu dreimal so viel Rekruten als erforderlich zur Verfügung bleiben, so wird eine durch das Los bestimmte Anzahl nur für ein Jahr dem aktiven Dienste einverleibt und dann in die erste Reserve versetzt.
Der Oberstkommandierende der Armee ist der Kaiser, dem als Generalstabschef der Marquis Oyama zur Seite steht und der gewissermaßen als Armeechef anzusehen ist. Die Organisation und Verwaltung der Armee untersteht dem Kriegsministerium. Die stehende Armee ist in 12 Divisionen eingeteilt, deren Hauptquartier in verschiedenen Hauptstädten des Inselreiches liegt. Jede Division besteht aus 2 Infanteriebrigaden, 1 Kavallerie- und einem Feldartillerie-Regiment, dann je 1 Genie- und Trainbataillon; jede Brigade aus 2 Infanterieregimentern zu 3 Bataillonen mit je 4 Kompagnien. Ein Infanterieregiment besteht aus 1 Oberst oder Oberstleutnant, 4 Majoren (von denen einer im Stabe), 1 Adjutanten, 12 Hauptleuten als Kompagniechefs, 27 Leutnants, von denen je 2 in einer Kompagnie und 3 im Stabe, 25 Fähnrichen, 15 Feldwebeln, 82 Gunso oder Obersergeanten, 48 Sergeanten, 192 Korporalen, 432 Soldaten erster und 816 Soldaten zweiter Klasse. Hierzu kommen 65 Nichtkombattanten, darunter Zahlmeister, Aerzte, Krankenpfleger, Rüstmeister, Handwerker und dergleichen und 14 Pferde, zusammen also 1720 Mann und 14 Pferde.
Im Kriege wird das Regiment auf 2880 Mann gebracht.
Ein Kavallerieregiment besteht aus 3 Schwadronen mit je 159 Offizieren und Soldaten und 135 Pferden, in Kriegsstärke mit 189 Mann und 145 Pferden. Die Artillerie ist in Brigaden zu je 2 Batterien mit 4 Geschützen eingeteilt, und jede Brigade besteht in Kriegsstärke aus 10 Offizieren und 326 Mann mit 12 Geschützen und 258 Pferden.
Im Kriege kommen zu den einzelnen Divisionen noch 1 Pionierkompagnie mit Brückenequipagen und dergleichen, ferner je 1 Sanitäts- und Feldtelegraphenabteilung; ein Pferdedepot, Munitions- und Verpflegungskolonnen, endlich eine Anzahl Ambulanzen. Die Truppenergänzung geschieht durch 24 über das ganze Land verteilte Depotsbataillone der aktiven und 12 der Territorialarmee. Die letztere stellt im Kriege 12 Infanterieregimenter, ebensoviele Kavalleriepeletons und Geniekompagnien mit der entsprechenden Menge der anderen Waffengattungen.
Die Kriegsstärke der japanischen Armee mit Ausschluß der Territorialarmee wird von den Japanern wie folgt angegeben:
AktivBeide ReservenZusammenInfanterie3808964293102382Kavallerie6717881459Artillerie381740647881Pioniere170818143522Train5485445855006Gendarmerie143511436Zusammen:46268125418171686
AktivBeide ReservenZusammenInfanterie3808964293102382Kavallerie6717881459Artillerie381740647881Pioniere170818143522Train5485445855006Gendarmerie143511436Zusammen:46268125418171686
AktivBeide ReservenZusammenInfanterie3808964293102382Kavallerie6717881459Artillerie381740647881Pioniere170818143522Train5485445855006Gendarmerie143511436Zusammen:46268125418171686
AktivBeide ReservenZusammen
Aktiv
Beide Reserven
Zusammen
Infanterie3808964293102382
Infanterie
38089
64293
102382
Kavallerie6717881459
Kavallerie
671
788
1459
Artillerie381740647881
Artillerie
3817
4064
7881
Pioniere170818143522
Pioniere
1708
1814
3522
Train5485445855006
Train
548
54458
55006
Gendarmerie143511436
Gendarmerie
1435
1
1436
Zusammen:46268125418171686
Zusammen:
46268
125418
171686
davon Stabsoffiziere 450, Oberoffiziere 3360, Unteroffiziere 10391; die Zahl der Feldgeschütze ist 252.
In den vorstehenden Zahlen dürfte dem militärischen Fachmanne wohl die geradezu verschwindend kleine Kavallerie am auffälligsten sein. Allerdings ist dieselbe, wie ich höre, in den letzten Jahren auf über 3000 Mann gebracht worden, doch beträgt sie im Verhältnis auch dann nur ein Zehntel der Kavallerie in den europäischen Heeren. Erklärlich wäre dieses Mißverhältnis im Falle eines feindlichen Angriffes auf Japan, da das Land größtenteils aus Gebirgen und sumpfigen Reisfeldern besteht, Kavallerie also nicht entfernt in ähnlichem Maße verwendet werden kann wie in Europa. Für einen auswärtigen Krieg aber, wie der jüngste in China,ist die japanische Kavallerie absolut unzulänglich, einer der größten Nachteile, unter denen die Japaner zu leiden gehabt haben.
Soweit eine Reiterei in Japan vorhanden ist, wird sie von europäischen Fachleuten günstig beurteilt. Die Reiter sind nett uniformiert, sehen gut aus, sitzen stramm auf den kleinen, aber kräftigen Pferden und exerzieren gut. Auffällig ist hier, wie auch bei den anderen Waffengattungen, die geringe Verwendung von Trompetensignalen; die Kommandos werden hauptsächlich durch Säbelsignale gegeben; außer dem Säbel führen die Reiter der Gardekavallerie Lanzen, jene der Linie Muratakarabiner.
Die Pferde werden mit vier Jahren in den Dienst gestellt und durchschnittlich mit sechzehn Jahren ausgeschieden. Der Kaufpreis beträgt etwa 280 Mark. Seit neuester Zeit ist das deutsche Hufeisen als Beschlag eingeführt, auch erhalten die Pferde jetzt im Stalle Streu, während sie bisher auf dem nackten Holzboden standen, aber nicht mit dem Kopfe gegen die Stallwände, sondern, wie ich es auch in China und Korea wahrgenommen, mit dem Kopfe gegen den mittleren Durchgang, resp. nach außen gewendet, wodurch sie entschieden mehr Luft und Licht genießen als europäische Pferde. Die Stallungen sind auch viel höher und breiter, die Abteilungen viel geräumiger als in Europa.
Die Infanterie wird von Fachleuten ebenfalls sehr gelobt; obschon in Statur viel kleiner als europäische Soldaten, sehen die Leute doch stramm und kriegerisch aus, halten sich und marschieren gut, führen Bewegungen mit Sicherheit und Verständnis aus und handhaben ihre Waffen auf dem Exerzierplatz wie bei Schießübungen überraschend gut. Auffällig ist es, daß sie beim Bajonettfechten, ebenso wie die Reiter beim Säbelfechten, Ausfälle oder Paraden mit Schreien begleiten. Der Dienst wird sehr streng gehandhabt, entschieden strenger als in manchen europäischen Armeen, und die Leute dürfen nur zweimal in der Woche die Kaserne verlassen. Dafür ist in diesen Kasernen alles mögliche geschehen, um die Soldaten bequem unterzubringen. Die Schlafsäle, gewöhnlich für zwanzig bis dreißig Mann bestimmt, sind hoch, luftig, licht, geräumig, mit erträglichen Betten und Kopfbrettern und hinreichend Tischen und Bänken, alles von peinlichster Sauberkeit. Jede Kaserne ohne Ausnahme hat Krankenzimmer und eigene große Badehäuser mit heißem und kaltem Wasser, wo die Soldaten nach Belieben täglich zwei- oder dreimal baden können, ein Luxus, der bei uns nur den wenigsten vergönnt ist. Auch die Küche ist von besonderer Sauberkeit, allerdings keine außerordentliche Leistung, wenn man die überaus einfache Kost der japanischen Soldaten berücksichtigt. Fleischspeisen erhalten sie überhaupt nicht, ebensowenig Brot in unserm Sinne als tägliche Nahrung. An ihre Stelle treten dreimal am Tage gekochter Reis mit etwas Gemüse, die großen weißen Rettiche, Daikon genannt, und allenfalls zur Abwechslung Bohnen oder getrocknete Fische. Ihre Löhnung, nach allen Abzügen etwazwei Yen (nach dem heutigen Kurse ungefähr vier Mark), wird ihnen monatlich ausbezahlt.
Von allen Waffengattungen wird die Artillerie am meisten gelobt. Ein englischer Artilleriemajor, namens Henry Knollys, erlaubt sich in seinem Buche „Life in Japan” folgendes, von englischem Dünkel diktiertes Urteil über dieselbe: „Sie ist in keiner Hinsicht auch nur annähernd so gut wie die englische Artillerie, aber soweit die Beurteilung in Friedenszeiten überhaupt möglich ist, werden die japanischen Feldbatterien im Vergleich mit jenen Frankreichs, Belgiens oder Deutschlands nicht zurückzustehen brauchen.” Ihre Geschütze sind 7½-Centimeter-Hinterlader aus der Uchatiusschen Stahlbronze im Arsenal von Osaka hergestellt und mit je sechs Pferden bespannt. Die Geschütze sind nicht aus blankem Metall, sondern mit japanischem Lack überzogen. Als Bedienungsmannschaft sind für jedes Geschütz fünf Kanoniere und ein berittener Unteroffizier vorhanden.
Das Offizierkorps der Japaner verdient alles Lob; viele Offiziere haben in europäischen Armeen gedient und sprechen eine der drei europäischen Hauptsprachen, wie ich es selbst unter den Offizieren der in Korea stehenden Division erfahren habe. Diese Division war die erste, welche seit der Neuorganisierung der japanischen Armee auf den Kriegsfuß gebracht wurde, und ich fand all das auf dem Papier verzeichnete Material thatsächlich vorhanden. Die Pioniere führten ihr ganzes Brückenmaterial mit sich, eine Telegraphenabteilung legte während meines Rittes von der Hauptstadt Söul nach Chemulpo den Feldtelegraphen, auf dem Wege fand ich Munitions- und Sanitätskolonnen, die Batterien hatten ihre sechs Geschütze und ihren ganzen vorgeschriebenen Bestand, das ganze Korps machte überhaupt einen vortrefflichen Eindruck.
Deshalb ist auch die Armee in Japan, im Gegensatz zu China, sehr beliebt und geachtet. Von seiten wohlhabender Bürger geschieht schon im Frieden vieles, um das Los der Vaterlandsverteidiger zu verbessern, aber während des Krieges mit Korea war es geradezu rührend, welche Massen von Tabak, Sake (Reiswein), Nahrungsmitteln aller Art sowie Geldbeiträge den Soldaten von Japan aus zugesandt wurden.
Das Daimioschloß zu Kumamoto.❏GRÖSSERES BILD
Das Daimioschloß zu Kumamoto.
❏GRÖSSERES BILD
Eines wichtigen Zweiges des Militärwesens muß hier noch gedacht werden: der Krankenpflege. Bei dem chinesischen Heere besteht eine solche als selbständige Organisation überhaupt nicht. Die Chinesen haben weder Militärärzte noch irgend welche Einrichtungen, um die Verwundeten von den Schlachtfeldern zu holen und zu pflegen. Im jüngsten Kriege nahmen sich die gesunden Kameraden ihrer gefallenen Brüder nach Thunlichkeit an; allein das Los der großen Mehrzahl der verwundeten Chinesen war der elendeste Tod, sofern ihnen nicht von den Japanern oder von europäischen Missionsärzten Beistand geleistet wurde. Ebensowenig kennen die koreanischen Soldaten unser Sanitätswesen, wie es ja überhaupt in ganz Koreakeine Aerzte giebt, die auf diesen Namen überhaupt Anspruch erheben könnten. Nur die zahlreichen katholischen Missionare in Korea sind immer bestrebt gewesen, neben dem Seelenheil auch für das leibliche Wohl der Koreaner nach Kräften zu sorgen, und ihren ärztlichen Kenntnissen sind zum großen Teil ihre bisherigen überraschenden Erfolge zuzuschreiben. Auch einige andere Missionen haben Hospitäler in einzelnen Städten errichtet, und in erster Linie ist hier jenes des anglikanischen Bischofs Corfe in Söul hervorzuheben. Bischof Corfe war früher Seelsorger bei der englischen Kriegsmarine und Kaplan des Admirals Herzog von Edinburg. Dank dieser Stellung gelang es ihm, unter den englischen Seeoffizieren hinreichend Kapital zu sammeln, um in Söul eine englische Mission mit einem größeren Hospital einzurichten. In dieser vortrefflichen, von zwei europäischen Aerzten geleiteten Anstalt sah ich 1894 gegen zwanzig koreanische Soldaten, die auf der Expedition gegen die Rebellen des Togakuto verwundet worden waren. Sie erzählten mir von dem entsetzlichen Elend auf den koreanischen Schlachtfeldern, wo die Verwundeten hilflos verschmachteten, falls sie nicht von den Siegern verstümmelt wurden.
Es ist eine der vornehmsten zivilisatorischen Errungenschaften der Japaner, daß sie ihr Augenmerk nicht nur auf die in der Schlachtlinie kämpfenden, sondern auch auf die verwundeten Soldaten richteten, und mehr als mit den Hinterladerkanonen und dem preußischen Drill haben sie durch die Organisierung der Krankenpflege ihren Platz unter den Kulturstaaten gesichert.
Die Japaner besitzen nicht nur ein vorzügliches militärärztliches Korps mit Aerzten, die sich auf europäischen Universitäten ihr Diplom geholt haben, sondern sie besitzen auch eine Gesellschaft vom Roten Kreuz. Erst im Jahre 1877 mit etwa 20 Mitgliedern gegründet, zählt sie deren heute über 28000 und besitzt ein Jahreseinkommen von etwa 70000 Yen, ungefähr 150000 Mark, mit einem Reservefond von nahe einer Million Mark.
Der große Aufstand von 1877 in der Provinz Satsuma bot die Veranlassung zur Gründung dieser Gesellschaft. Vicomte Sano, der jetzige Präsident der Gesellschaft, war auch ihr Gründer, und seinem unermüdlichen Wirken, verbunden mit dem Beistand, den ihm die beiden Barone Siebold, Söhne des berühmten Japanschilderers, liehen, ist das heutige Blühen der Gesellschaft zu danken. Der Mikado und seine Gattin nahmen sich des jungen Unternehmens eifrig an; ihre Beiträge allein erreichten bisher eine Million Mark, und sie stellten die Gesellschaft unter ihren kaiserlichen Schutz. Vicomte Sano konnte sich kein besseres Vorbild für die Organisation seines Werkes nehmen als die von Baron Mundy gegründete Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft. Wie dort, so beschränkt sich auch in Japan die Krankenpflege nicht auf den Krieg. Die häufigen Erdbeben geben genug Veranlassung für segensreiche Thätigkeit im Frieden. So wurden bei dem großen Erdbeben im Oktober 1891 in den Provinzen Owari und Mino allein über 7000 Personengetötet und 11600 Personen verwundet. Sofort wurden Aerzte und Pfleger nach den zerstörten Orten gesandt und über 2000 Personen in Pflege genommen.
In demselben Jahre wurde in Tokio ein großes, ganz von den Mitteln der Gesellschaft erbautes Hospital eröffnet, für welches das Universitätshospital von Heidelberg als Muster diente. Alle Einrichtungen des Hospitals wurden in Tokio kopiert und als ChefarztDr.Hashimoto, der Chefarzt der japanischen Reservetruppen, erwählt.
Kaum war die Kriegserklärung gegen China erlassen, so meldeten sich sofort freiwillige Krankenpfleger in großer Zahl, die, in Kolonnen organisiert und mit allem nötigen Material ausgerüstet, der Armee nach Korea folgten.
Die Krankenpflege bei den Japanern in Korea und China war großenteils in ihren Händen, und in rühmenswerter Weise beschränkten sie ihre Thätigkeit nicht auf ihre Landsleute, sondern nahmen auch verwundete Chinesen auf.
Im Jahre 1886 trat die Gesellschaft durch Vermittelung der japanischen Regierung der Genfer Konvention bei und nahm auch trotz der heidnischen Religion ihrer Mitglieder merkwürdigerweise das christliche Abzeichen derselben an, das rote Kreuz im weißen Felde, das nun sogar auf den Schlachtfeldern des fernen Ostens seine segensreiche Thätigkeit entfaltet hat.