Der Haarzopf der Chinesen.

Mandschurenfrau.

Mandschurenfrau.

Mein Photographengehilfe.Der Haarzopf der Chinesen.

Mein Photographengehilfe.

Mein Photographengehilfe.

D

Das auffälligste Merkmal eines Chinesen ist wohl sein Haarzopf. Ohne Zopf kein Chinese; er ist ihr größter Stolz und der hervorragendste Gegenstand ihrer Eitelkeit, sowie das Streben jedes Chinesenjungen, dem der Zopf erst in seinem zwölften bis vierzehnten Jahre zu tragen gestattet ist. Der Kaiser trägt ihn ebensogut wie der letzte Lastenträger, der tapfere Reitergeneral ebensogut wie der Apotheker, und nur eine Berufsklasse ist davon ausgenommen: die Priester, deren Schädel spiegelglatt rasiert sind. Diese Rattenschwänze entlocken den Europäern unwillkürlich ein Lächeln, aber sie bedenken nicht, daß unsere eigenen europäischen Feldtruppen bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die englischen Seeleute sogar noch bis zur letzten Generation, ebenfalls Haarzöpfe getragen haben. Allerdings waren die letzteren nicht so lang wie bei den Chinesen, dafür aber waren sie weiß gepudert und erhielten sich gerade beim Militär am längsten, während in China nahezu die ganze männliche Bevölkerung diese bis unter das Knie herabfallenden Haarzöpfe trägt. Die Mädchen haben in China nur bis zu ihrer Verlobung einen über den Rücken fallenden Haarzopf. Bis gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts trugen die Chinesen ihr Haar ähnlich wie wir, und erst von der Vertreibung der angestammten Mingdynastie durch die Mandschuren stammt die Sitte, das Scheitelhaar zu einem Zopf zu flechten. Die Mandschuren waren Zopfträger, und kaum hatten sie die Herrschaft über das gewaltige Chinesenreich an sich gerissen, so machten sie den Zopf zum Zeichen der Unterwerfung. Jeder Chinese mußte sich seinen Schädel mit Ausnahme des Scheitelhaares kahl rasieren und das letztere in einen Zopf flechten lassen. Die Barbiere im ganzen weiten Reiche wurden mit der Ausführung dieser kaiserlichen Verordnung betraut. Mit dem Rasiermesser in der einen und dem Schwert in der andern Hand durchzogen sie ihre Distrikte, und den Chinesen blieb die Wahl, ihr Kopfhaar oder ihren ganzen Kopf zu opfern. Die große Mehrzahl entschloß sich natürlich zu der weniger schmerzlichen Operation. Immerhin kam es zu vielen Aufständen gegen diese drakonische Maßregel, zumal die Barbiere damals wie bis auf die jüngste Zeit den geächteten Ständen angehörten und nicht gut kaiserliche Beamte sein konnten. Deshalb kam der erste Mandschukaiser, einer der größten Herrscher, die China jemals gehabt hat, auf einen anderen, friedlicheren Ausweg: er verordnete, daß Verbrecher, Sträflinge und die Angehörigen der geächteten Volksklassen keinen Haarzopf tragen dürfen. Dadurch machte er den Zopf zum Wahrzeichen derEhrbarkeit und des guten Bürgertums, der Widerstand hörte auf, und bald konnte man sich keinen Chinesen mehr ohne Zopf denken.

Barbier.

Barbier.

Uebrigens stammt aus jener Zeit ein charakteristisches Barbierzeichen, das seinen Weg auch durch ganz Nordamerika, zum Teil auch nach Europa gefunden hat. Den Besuchern der Neuen Welt wird es aufgefallen sein, daß die dortigen Barbiere vor ihren Läden kurze, dicke, bemalte Stangen als Abzeichen ihres Berufes errichten, und bis auf den heutigen Tag hat man vergeblich nach dem Ursprung dieser Sitte geforscht. Für den Kenner chinesischer Verhältnisse dürfte es indes zweifellos sein, daß dieser Ursprung in China zu suchen ist. Wie heute, so war auch schon vor Jahrhunderten das Abzeichen kaiserlicher Beamter eine oder eine Anzahl hoher Stangen vor ihren Wohnungen. Der Distriktsgouverneur hat deren z. B. zwei, derProvinzgouverneur vier vor seinem Amte stehen. Nun waren die Barbiere, als sie mit dem Abrasieren der Chinesenschädel von seiten der ersten Mandschuregierung betraut wurden, gewissermaßen kaiserliche Beamte und errichteten vor ihren Häusern den Beamtenpfahl. Diejenigen, die mit ihren Werkzeugwägelchen oder Schubkarren im Lande umherzogen, brachten diesen Pfahl, allerdings von geringerer Länge, an den Fuhrwerken an, und wie ich auf meinen Reisen selbst wahrgenommen habe, ist dies noch heute in China allgemein Sitte. Als die Chinesen ihre Wanderung übers Meer nach Amerika antraten und sich dort ansiedelten, war das Barbierhandwerk dasjenige, dem sich die Einwanderer am liebsten zuwandten; sie errichteten auch in Amerika ihre Barbierpfähle, und von ihnen nahmen die meisten Barbiere dieses Abzeichen an, das bald allgemein wurde. Den Chinesen ist die schönste Zierde des Mannes, der Bart, vorenthalten; erst im späteren Alter erscheinen um den Mund und an den Backen vereinzelte struppige Haare, die dann ihr größter Stolz sind und sorgfältig gepflegt werden. Sonst zeigen sich Haare nur auf etwaigen Gesichtswarzen, und auch diesen wenden die Chinesen besondere Pflege zu. Was ihnen die Natur im Gesicht versagt hat, ersetzte sie durch überreichen Haarwuchs am Hinterkopf, ein Haarwuchs, der stets tiefschwarz ist. Der kleinen Chinesenbrut wird der Schädel bis zum Alter von zwölf oder vierzehn Jahren in eigentümlicher Weise rasiert. Hier und dort, über den Ohren, am Scheitel, am Nacken werden einzelne kleine Haarbüschel stehen gelassen, so daß diese possierlichen Jungen aussehen, als würde die Natur ihnen gleich an sechs oder mehr Stellen Zöpfe wachsen lassen. Erst nachdem die Knaben das genannte Alter erreicht haben, wird der Schädel ganz glattrasiert und nur das Scheitelhaar stehen gelassen. Natürlicherweise wird dies erst nach Jahren lang genug, um daraus einen Zopf zu flechten. Im Mannesalter reicht das natürliche Scheitelhaar der Chinesen bis auf etwa den halben Rücken, bei manchen erreicht es sogar eine Länge von einem Meter und noch mehr, stets aber muß durch künstliche Mittel nachgeholfen werden, um dem Zopf die erforderliche Länge bis zu den Fußknöcheln zu geben. In das natürliche Haar wird gewöhnlich noch ein Strang Menschen- oder Pferdehaar eingeflochten, der am Nacken dicke, fest- und glattgeflochtene Zopf wird nach abwärts immer dünner, und etwa in der Nähe des Sitzteils besteht er nur noch aus einem Geflecht von Seidenschnüren von schwarzer oder roter Farbe mit einer Seidenquaste am Ende.

Sind die Chinesen in Trauer um ihre Eltern oder nahe Verwandte, so dürfen sie ihr Kopfhaar während der Dauer von sieben Wochen weder in Zöpfe flechten noch schneiden lassen, noch dürfen sie es kämmen. Stirbt der Kaiser, so gilt diese Vorschrift für alle Chinesen während der Dauer von hundert Tagen, und man kann sich unter solchen Umständen das wüste Aussehen dieser Millionen von Menschen leicht ausmalen, eine Nation von Struwelpetern. Die armen Barbiere habenwährend dieser Zeit gegen ihren Willen Ferien, und viele nagen am Hungertuche. Gewiß wird in dem ungeheuern Reiche niemand für Gesundheit und Langlebigkeit des Landesvaters eifriger beten, als es diese Ritter des Rasiermessers thun.

Ist die erste Zeit der tiefen Trauer verstrichen, so flechten die Chinesen in ihr hinteres Anhängsel statt der schwarzen Seidenschnüre weiße, weil Weiß die Farbe ihrer Trauer ist. Leute, die viel zu reisen oder in den Straßen der Städte zu thun haben, verwenden statt weißer auch blaue Schnüre, die den Schmutz weniger zeigen. Um das Beschmutzen möglichst zu verhindern, wird der Haarzopf auch auf Reisen oder bei schmutzigen Arbeiten, wie auf Flußbooten, beim Lastentragen, mehrmals um das Hinterhaupt gewickelt und festgesteckt. Bei der Annäherung von Höhergestellten oder im Verkehr mit diesen muß der Zopf losgebunden werden, denn ihn auf dem Kopfe zu behalten, wäre ein ebensogroßes Vergehen gegen die gute Sitte, als würde bei uns jemand den Hut aufbehalten oder Besucher in Hemdärmeln empfangen. Auf nichts verwenden die Chinesen bei ihrer Toilette größere Sorgfalt als auf ihren Zopf, nicht nur in ihrem eigenen Lande, sondern auch in ganz Ostasien überhaupt, ja selbst in Amerika. Ich habe auf meinen Reisen Zehntausende Chinesen gesehen, die den ärmeren Volksklassen angehörten und weder viel Kleidungsstücke, noch Nahrung, noch Wohnung besaßen, allein der Haarzopf war selbst bei diesen armen Teufeln in schönster Ordnung. Es kann einem Chinesen keine größere Schmach angethan werden, als wenn ihm der Zopf abgeschnitten wird. Mit abergläubischer Sorgfalt behüten sie ihn, und als vor einigen Jahren die Vegetarianersekte (Geheimbündler, die den Sturz der fremden Mandschudynastie anstreben) dem von dieser eingeführten Haarzopf den Krieg erklärten, als in unheimlicher Weise den Chinesen auf der Straße, im Theater, im Theehause, überall wo nur möglich, die Zöpfe abfielen, da herrschte die größte Erregung im Lande. Die Behörden befahlen der Bevölkerung, am Abend das Haus zu hüten, sowie Thüren und Fenster sorgfältig zu verschließen, ja, manche Stadtbehörden befahlen durch Maueranschläge allerhand Zaubermittel zur Beschützung des Zopfes. So verordnete z. B. der Taotai (Bürgermeister) von Peking als unfehlbares Mittel, in die Zöpfe einen roten und einen gelben Faden einzuflechten. In Hangtschau fand der Magistrat ein noch viel besseres Mittel. Drei verschlungene chinesische Schriftzeichen werden mit schwarzer Tinte auf gelbe Papierschnitzel dreimal niedergeschrieben. Eins der letzteren wird verbrannt und die Asche mit einer Tasse Thee getrunken, eins wird in den Haarzopf eingeflochten, und das dritte wird über die Hausthür geklebt. Bei solchen Gelegenheiten hat gewöhnlich zuerst die weiße Bevölkerung zu leiden; der Verdacht, mit den bösen Geistern in Verbindung zu stehen, fällt zunächst auf Missionare, Kaufleute, Reisende, und der geringste Anlaß, ein unbedachtes Wort, eine verdächtige Gebärde reicht hin, die Wut des abergläubischen Volkes auf die Weißen zu lenken. Also Respekt vor dem chinesischen Zopf!


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