Die geheimen Gesellschaften Chinas.

Wahrsager.Die geheimen Gesellschaften Chinas.

Wahrsager.

Wahrsager.

V

Von allen jenen, die China und die Chinesen durch vieljährige Beziehungen kennen, von Missionaren, Kaufleuten, Diplomaten, werden die geheimen Gesellschaften des Reiches der Mitte als die Hauptursachen der Christenmetzeleien und überhaupt als die Urheber der traurigen Zustände in den chinesischen Städten bezeichnet. Sie sind durchwegs politischen Charakters, und bei allen ist der Grundzug Fremdenhaß. Gelänge es der Pekinger Regierung, diese Geheimbünde zu brechen und zu vernichten, dann könnte an eine Wiedererwachung des Reiches gedacht werden; dann wäre es möglich, eine kaiserliche Armee zu schaffen und den Missionsanstalten sicheren Schutz angedeihen zu lassen; solange diese Geheimbünde aber fortbestehen, niemals. Den besten Beweis dafür bilden die englischen Kolonien in Malakka und die holländischen Kolonien in der Sundasee. Solange man dort der chinesischen Geheimbündenicht habhaft werden konnte, waren Aufstände, blutige Kämpfe, Verbrechen an der Tagesordnung; erst seit den strengen Maßregeln gegen die Geheimbünde sind Ruhe und Ordnung eingetreten. Dasselbe gilt auch von Hongkong.

Gerade in diesen Kolonien, wo die oberste Gewalt in den Händen der Europäer liegt, war es möglich, einen Einblick in das Wesen dieser chinesischen geheimen Gesellschaften zu erhalten und daraus auf ihre Macht und Ausbreitung in China selbst zu schließen. Im Reiche der Mitte gehört die Ausforschung dieser nach Hunderten zählenden Gesellschaften beinahe zu den Unmöglichkeiten; wird doch Verrat an den Chinesen selbst durch den Tod bestraft; wie erst würde es den Europäern ergehen, welche gegen die Geheimbünde vorgehen wollten! Die erste Nachricht von ihrem Bestehen war in einem Buch des bekannten Sinologen Doktor Milne enthalten, das im Jahre 1825 unter dem TitelSome accounts of a Secret Society in Chinaerschien und die größte dieser Gesellschaften, die Tien-ti-hwey, behandelte. Das Buch erregte die Aufmerksamkeit eines Dolmetschers im Dienste der niederländischen Kolonialregierung, Namens Gustav Schlegel. Gelegentlich einer Haussuchung bei einem des Diebstahls beschuldigten Chinesen in Padang (Sumatra) wurden eine Anzahl Bücher und Dokumente vorgefunden, die Schlegel zur Uebersetzung zugewiesen wurden, und in ihnen fand er die Bestätigung der Angaben Milnes, sowie die Thatsache, daß sich in Padang eine Loge der großen Tien-ti-Gesellschaft befand. Gestützt auf das reiche in seinen Händen befindliche Material, veröffentlichte er 1867 sein berühmtes BuchThe Thian-Ti Hwei or Hung League. Einige Jahre nachher gewann der Protektor der Chinesen in Singapore, Mr. W. A. Pickering, so viel Einfluß auf die Hung-Gesellschaft, daß sie ihn zu ihren geheimen Sitzungen zuließ. Er vervollständigte die Kenntnisse, die bis dahin über das Wesen und den Umfang der Gesellschaft in die Oeffentlichkeit gedrungen waren.

In ihrem Katechismus heißt es: „Seit der Erschaffung der Welt besitzen wir den Namen Hung”.... „Ying und Yang, Himmel und Erde zusammen, erzeugten die Söhne von Hung, in Myriaden vereinigt.” Wirkliche Beweise ihres Bestehens stammen jedoch erst aus dem siebzehnten Jahrhundert, d. h. seit der Vertreibung der angestammten Kaiserdynastie durch die Tataren. Damals war ihr Wahlspruch: „Gehorche dem Himmel und thue recht”; und dieser Wahlspruch steht auch heute noch auf jeder Seite ihrer Bücher und Veröffentlichungen; thatsächlich aber ist ihr Wahlspruch: „Hoan Tscheng, Hok Beng”, d. h. „Vertreibe die Tataren und setze die Mings wieder ein”. Im Dialekt, wie er in der Provinz Fokien gesprochen wird, heißt Tscheng die Mandschudynastie und Beng die Mingdynastie. Neben dem Namen Tien-ti-Hwey wird von den Chinesen auch Sam-hap, d. h. Triad (oder Dreiheit, Dreieinigkeit) als offizieller Name des Geheimbundes anerkannt wegen der Vereinigung der drei Begriffe Himmel, Erde, Mensch. Gestützt darauf strebt der Geheimbund die Beteiligung aller Chinesen an, und um dieses Ziel zu erreichen,sind alle Mittel erlaubt. Jede Loge (und es giebt deren wohl in jeder Stadt Chinas) besitzt eine Anzahl von Tai-ma, d. h. Werbern. Sobald sie aus irgend einem Grunde die Mitgliedschaft eines bestimmten Chinesen für wünschenswert erachten, erhält er auf geheimnisvolle Weise einen geschriebenen Befehl, sich zu der angegebenen Zeit an einem genau bezeichneten Orte einzufinden. Hat der Betreffende nicht den Wunsch, der Triad oder, wie sie auch heißt, der Hung-Gesellschaft beizutreten, so wird er seinen Wohnsitz aufgeben und sich unter anderem Namen in einem entfernten Orte verbergen, denn Widerstand wäre vergeblich. Frederick Boyle, der sich mit dem Wesen der Hung-Gesellschaft eingehend befaßt hat, sagt darüber: „Irgend einen Racheakt, sei es körperliche Züchtigung oder eine falsche Anklage bei den Gerichten, zu welcher sich auch falsche Zeugen finden, hat der Betreffende dann gewiß zu erwarten, wenn ihm nicht noch Schlimmeres passiert. Zuweilen wird der Betreffende bei passender Gelegenheit von den Tai-ma überfallen und gefesselt nach der Loge geschleppt oder durch List in eine Falle gelockt.”

Als Versammlungsorte der Hung-Mitglieder werden überall die geheimsten und entlegensten Schlupfwinkel ausgesucht; in Canton und Singapore liegen sie zwischen Sümpfen und Dschungeln, und die Zugänge werden durch Bewaffnete bewacht. Pickering erzählt, daß mehr als einmal Fremde, die den Geheimspruch als Erkennungszeichen nicht zitieren konnten, auf der Stelle getötet wurden. Nach diesen Logenplätzen werden nun die Novizen geführt und dort einem ebenso umfangreichen wie haarsträubenden Zeremoniell unterworfen, ehe sie als Mitglieder aufgenommen werden. Es würde wohl einen stattlichen Band füllen, sollte der ganze Hokuspokus mit seinen Einzelheiten geschildert werden. Nachdem der Novize nahezu die ganze Nacht in Angst und Pein allen möglichen Prozeduren unterworfen wurde, gelangt er endlich vor den Thron des Meisters und liegt dort in weiße Gewänder gekleidet, mit aufgelöstem Haar und offener Brust auf dem Rücken, während acht Räte spitze Schwerter nach seiner Brust richten. Dort hat er zu schwören, daß er seine ganze Familie als tot betrachte und keine irdischen Beziehungen und Verpflichtungen mehr anerkenne. Dann muß er einige Tropfen seines Blutes in einen mit Wein gefüllten Becher fallen lassen, und nachdem er diesen geleert, wird er als Novize in den Bund aufgenommen, um bei späteren Versammlungen noch weiteren Prüfungen unterworfen zu werden.

Die Hung-Gesellschaft besitzt keinen obersten Meister, sondern sie wird von den fünf Großlogen der Provinzen Fokien, Kwangtung, Yüman, Hunan und Tschekiang geleitet. Alle anderen Logen, auch jene in den Kolonien, dann in Amerika und Australien sind irgend einer der fünf Großlogen unterthan, und ihre Mitgliederzahl muß mehrere Millionen erreichen. In Singapore beispielsweise war sie im Jahre 1887 nahezu so zahlreich wie die ganze chinesische Bevölkerung. Alle Mitglieder sind durch die strengsten Gesetze und Androhung furchtbarer Strafen zuGehorsam und Einhaltung der Vorschriften des Tien-ti verpflichtet. Der vierunddreißigste der sechsunddreißig Grundartikel verbietet ihnen, um nur das Wichtigste hervorzuheben, bei grausamer Todesstrafe, unter keiner Bedingung sich an die bestehenden Gerichte, Behörden oder Polizei zu wenden. Der fünfunddreißigste Artikel setzt ebenfalls die Todesstrafe darauf, wenn ein Mitglied irgendwie vor Gericht Zeugenschaft ablegt, außer es ist falsche Zeugenschaft auf Befehl der Logenleiter. Die ganze Gerichtsbarkeit aller Mitglieder der Loge liegt dem Meister ob. Man kann sich unter diesen Umständen den ungeheuren Einfluß und die Bedeutung der Hung-Gesellschaft in China leicht vorstellen. Sie bildet gewissermaßen einen Staat im Staate, viel stärker, besser organisiert und einflußreicher als dieser selbst, und wie Boyle sagt: „die verkommenste, blutdürstigste und bedrückendste Gesellschaft, welche die Weltgeschichte kennt”. Schlegel sagt: „Die Hung-Gesellschaft hat überall, wohin sie kam, Bürgerkrieg und Mord im Gefolge gehabt”, und Milne sagt: „Die Mitglieder schützen einander gegen das Gesetz, verbergen ihre Verbrechen und helfen ihren Brüdern, sich der Hand der Gerechtigkeit zu entziehen”. Pickering äußert sich folgendermaßen: „Die Tien-ti ist eine Vereinigung, um die Interessen ihrer Mitglieder gegen die Gesetze aufrechtzuerhalten und Reichtümer zu sammeln, indem sie den Freudenhäusern, Spielhöllen und dergleichen unrechtmäßig Tribut auferlegen”. Der Polizeiinspektor von Singapore berichtet: „Sie sind eine ständige Gefahr für den Frieden der Kolonie”. Sie üben überall eine Schreckensherrschaft aus, und die Mandarinen sind dagegen machtlos, denn irgendwelche Unternehmungen gegen sie werden durch Tortur, Mord, Brand oder durch falsche Anklagen gerächt, für welch letztere sich immer, wenn nötig, tausend falsche Zeugen finden.

Die Logenleiter beuten in vielen Fällen ihre Macht zu ihren eigenen Zwecken aus und gelangen so zu großem Reichtum. Tschang-Ah-Kwi, einer der Vorsteher der Loge zu Penang, wurde vor einigen Jahren wegen Mordes angeklagt, und man fand, daß er ein Vermögen von 40 Millionen Mark besaß. Sein Spießgeselle Tschin-Ah-Yam erfreute sich eines nahezu ebensogroßen Vermögens. Das Obergericht in Singapore verurteilte den Distrikt-Großmeister der Hungs, Namens Khu-Tan-Tek, vor kurzem zum Tode, und er erklärte, man würde nicht den Mut haben, ihn hinzurichten. Thatsächlich wurde ihm das Leben geschenkt, wie man sagt, weil man sich vor der Rache der Hung-Mitglieder fürchtete. In China selbst wäre es bisher natürlich vergebliche Mühe gewesen, gegen die Hungs vorzugehen. Der beste Beweis ist ja der große Taipingkrieg, der auf Veranlassung der Hung-Gesellschaft entfacht wurde und den China erst durch die Hilfe der Europäer zu Ende führen konnte, nachdem die volkreichsten Provinzen in Wüsten, die blühendsten Städte in rauchende Trümmerhaufen verwandelt worden waren. In früheren Zeiten schritt die chinesische Regierung wohl energisch gegen die Hungs ein. So wurden in Canton an einem Tage allein dreitausend von ihnen enthauptet, und gelegentlichder Unruhen in Peking im Jahre 1817 wurden zehntausend in die dortigen Gefängnisse geworfen, wo sie verschmachteten. Allein die Hungs sind eine lernäische Schlange und der Kaiser von China leider kein Herakles.

Dagegen wurde in den europäischen Kolonien in Ostasien die Unterdrückung der Hung-Gesellschaft mit mehr oder minder Erfolg durchgeführt. Die Hungs sind die Ursache, daß sich der Sultan des unabhängigen Malayenstaates Perak unter den Schutz Englands stellen mußte, denn er konnte mit seiner Macht gegen die fünfzigtausend Hungs in seinem Staate nicht ankämpfen. In Niederländisch-Indien und in den Philippinnen machte man zuerst in furchtbarer Weise Bekanntschaft mit den Hungs, und dem Morden, Plündern und Rauben wurde dadurch wenigstens teilweise Einhalt gethan, daß man auf die Verleitung zum Eintritt in den Geheimbund die Todesstrafe setzte. Ebenso wurden über jene Chinesen, in deren Besitz man Flaggen, Bücher oder Abzeichen der Hung-Gesellschaft fand, die schwersten Strafen verhängt. Die ganze mongolische Bevölkerung wurde strenger Kontrolle unterworfen, indem man ihnen eigene Quartiere anwies, außerhalb welcher sie nicht wohnen durften. Die Quartiere wurden in Bezirke abgeteilt und eigenen Beamten und Polizisten unterstellt, die für die Bevölkerung verantwortlich waren. In jeder Straße oder Abteilung einer solchen waren eigene Wachleute, die jeden Einwohner persönlich kannten und dafür zu sorgen hatten, daß niemand nach einer bestimmten Sperrstunde ohne triftigen Grund seine Wohnung verließ. Allein auch diese strenge Maßregeln konnten die geheimen Gesellschaften nicht unterdrücken, wie die äußerst bewegte Geschichte der spanischen und niederländischen Kolonien hinlänglich beweist. Wie oft wurde Manila von den Hungs und anderen Geheimbündlern geplündert und besetzt! Wie oft war es notwendig, mit der ganzen Garnison gegen sie vorzugehen! Ebenso war Bandjermassin auf Borneo die Stätte blutiger Kämpfe, so daß die niederländisch-indische Regierung sich entschloß, alle Mitglieder der Hungs und alle verdächtigen Chinesen aus ihrem Gebiet zu verweisen. Zehn Jahre später schrieb aber Schlegel: „Es ist unmöglich gewesen, die Hungs aus ihren Wohnsitzen gänzlich zu vertreiben. Sie bestehen heute noch an allen Orten”. Die vielen Tausende, welche Niederländisch-Indien wirklich verließen, wandten sich nach dem Sultanat von Sarawak im Nordwesten Borneos, und Rajah Brook konnte sich gegen dieses Raubgesindel nicht anders helfen, als indem er zehntausend der eingeborenen Dayaks anwarb und gegen die Chinesen zu Felde zog. So wurden sie vernichtet.

Merkwürdigerweise wurden die Geheimgesellschaften trotz all dieser traurigen Erfahrungen, trotz der großen Unsicherheit in Singapore und Penang, trotz der vielen Raubanfälle, Kämpfe und Morde in diesen englischen Kolonien am längsten geduldet, bis endlich der Aufstand von 40000 bewaffneten Chinesen im Jahre 1876 auch hier energische Maßregeln nach sich zog. Statt aber ihre Unterdrückung anzuordnen, beschränkte sich das englische Kolonialamt auf ihre Registrierung und Beaufsichtigung. Erst 1888, nachdem die Zustände unerträglich geworden waren und die englischen Beamten in ihrem Leben bedroht wurden, beschloß man die gänzliche Ausrottung der Geheimbünde, die auch thatsächlich gelungen sein soll. Auf wie lange, ist eine andere Frage.

Nächst der Tien-ti-Gesellschaft ist der gefürchtetste, mächtigste und verbreitetste Geheimbund Chinas die Wu-wei-kian, zu deutsch „Thue nichts”, jener Bund, welchem das jüngste Hinmorden der christlichen Missionare 1895 zugeschrieben wird und dessen Mitglieder von den Europäern Vegetarianer genannt werden. In früheren Zeiten führte der Bund den Namen „weißer Lotos”, und 1724 erließ der Kaiser Yung-Tsching gegen ihn ein Edikt, demzufolge alle Mitglieder vogelfrei erklärt wurden. H. F. Balfour hat sich während seines langjährigen Aufenthaltes in Shanghai eingehend mit den Vegetarianern beschäftigt, die diesen Namen deshalb führen, weil ihnen der Genuß von Fleischspeisen verboten ist. Ursprünglich durften sie keine farbigen Kleider tragen, keine spitzigen Waffen oder Werkzeuge benutzen (thatsächlich waren die Wunden der jüngst ermordeten Missionare durchweg Hiebwunden) und kein Vermögen besitzen. Beim Eintritt in den Bund müssen sie jetzt noch ihre ganze Habe dem Bund abtreten und behalten nur die Nutznießung, solange sie leben. Die Mehrzahl der Bündler gehören den wohlhabenderen Ständen an, und der Bund, der im Gegensatz zu dem Tien-ti einem einzigen Oberhaupt oder Großmeister untersteht, soll demnach auch ungeheure Reichtümer besitzen. Zu Beginn des Jahrhunderts beschlossen die Vegetarianer die Vernichtung der Kaiserdynastie in Peking. Der Plan wurde entdeckt, und der Kaiser Kia-King dekretierte die Ausrottung der Vegetarianer im ganzen Reiche. Sie zogen sich unter ihrem Großmeister Fang-Yung-Tschen nach ihrem Hauptquartier Nanking zurück und hielten monatelang der Belagerung durch die Kaiserlichen stand. Endlich fiel Nanking, der Vicekönig ließ Tausende köpfen und gewährte nur jenen Gnade, die sich entschließen würden, Fleisch zu essen, um dadurch ihre Unterwerfung und Lossagung von dem Geheimbunde auszudrücken. Thatsächlich unterwarfen sich sehr viele, allein keiner davon blieb lange am Leben. Sie wurden als Renegaten von den übriggebliebenen Geheimbündlern ermordet.

Statt unterdrückt und vernichtet zu sein, wechselten die Mitglieder der Gesellschaft den Namen derselben vom „weißen Lotos” in „Thue nichts” und sind heute zahlreicher und gefürchteter als je zuvor. Der Grund davon liegt darin, daß die Wu-wei-kian auf den Aberglauben des Volkes wirken. Die Chinesen halten sie für Magiker, im Bund mit diabolischen Mächten. Balfour sagt darüber: „Gebildete Chinesen haben mir allen Ernstes versichert, daß die Wu-wei-kian aus Papier Vögel ausschneiden und diesen mittels eines Zaubermittels Leben einflößen. Sie können auch ihren Atem unglaublich lange Zeit anhalten, bis sie im Gesichte schwarzwerden und alles Leben in ihnen erloschen zu sein scheint. Während dieser Zeit verläßt die Seele ihren Leib, um allerhand Auskünfte einzuholen; sobald sie zurückkehrt, gelangen die Wu-wei-kian wieder zum Leben”.

Das Hauptstreben der Gesellschaft ist wie bei den Hungs ebenfalls gegen die Fremdherrschaft, also gegen die Mandschuren gerichtet. Allein sie gehen in ihrem Grundsatz „China für die Chinesen” noch weiter und stehen allen Europäern und allen europäischen Religionen, demnach zunächst den Missionaren, feindlich gegenüber. Eine ganze Menge der Morde und Angriffe auf Missionshäuser in den letzten Jahrzehnten werden ihnen in die Schuhe geschoben, ebenso wie sie auch direkt der jüngsten Greuelthaten beschuldigt werden.

Die drittgrößte Geheimgesellschaft ist die Ko-Lao-Wai oder „Gesellschaft des älteren Bruders”. Als der letztere wird die frühere Kaiserdynastie Tang angesehen, und das Streben der Gesellschaft ist es, an die Stelle der Mandschuren die Nachkommen der Tang zu setzen. Das Hauptquartier der Ko-Lao sind die mittleren Provinzen Chinas, Hunan und Honan, und die Mitglieder des Bundes bestehen hauptsächlich aus Soldaten. Boyle sagt über sie: „Nach allen Berichten sind sie eine tollkühne und gewissenlose Bande, die in den mittleren Provinzen des Reiches einen großen Teil der Missethäter und Vagabunden zu ihren Mitgliedern zählt”, und Balfour sagt: „Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß, wenn einer ihrer alten Generale die Fahne des Aufruhrs entrollen würde, binnen kürzester Zeit hunderttausend Mann um ihn geschart wären”. Nach Briefen, die ich während meines Aufenthalts in China erhielt, wird dem Einfluß dieser Ko-Lao großenteils der Mißerfolg der chinesischen Waffen im Feldzuge gegen Japan zugeschrieben. Die Regimenter, welche zahlreiche Ko-Lao in ihren Reihen hatten oder ganz aus solchen bestanden, weigerten sich zu kämpfen oder liefen ganz davon in der Hoffnung, daß durch die Niederlagen die Mandschudynastie gestürzt würde und damit ihre Hoffnungen auf die Tangdynastie größere Aussicht auf Erfüllung hätten.

Proklamation der Behörden von Südschantung zum Schutze der Missionen.

Proklamation der Behörden von Südschantung zum Schutze der Missionen.

Auch die Mohammedaner, deren Zahl in China zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen erreicht, haben ihren eigenen großen Geheimbund, Hwuy-Hwuy-Jin genannt. Novizen werden dadurch gereinigt, daß man sie zunächst tüchtig durchbläut und ihnen dann Seifenwasser zu trinken giebt, was die Nachwirkung des bei den Taoisten so beliebten und bei den Mohammedanern verpönten Schweinefleisches paralysieren soll. Die unzähligen anderen Geheimgesellschaften Chinas sind viel kleiner und mehr auf gewisse Provinzen oder Städte beschränkt, gerade wie bei unserer eigenen Vereinsmeierei. Auf die sozialen und politischen Zustände des Reiches üben sie keinen nennenswerten Einfluß aus. Ob der große Mohammedaneraufstand des Jahres 1895 in den Provinzen Schensi und Kansu auf den Einfluß der Geheimbünde zurückzuführen ist, kann nicht gesagt werden. Die Aufständischen waren hauptsächlich von religiösem Fanatismus und blindem Chinesenhaß erfüllteBanden, die hier schon seit Jahrhunderten einen Rassenkrieg gegen die Ungläubigen führen; mit diesem Namen nämlich werden die Chinesen von den Mohammedanern bezeichnet. Die letzteren, obschon ähnlich gekleidet wie die Chinesen und allen Gebräuchen derselben, selbst dem Zopftragen und dem Verkrüppeln der Füße bei den Frauen unterworfen, sind doch anderer Rasse, denn sie stammen aus dem fernen Turkestan und wurden vor einem Jahrtausend von den Kaisern der Tangdynastie nach Kansu gerufen, um dieses gegen die Einfälle der Tibetaner zu schützen. Sie erhielten dafür die Bewilligung, sich in Kansu und Schensi anzusiedeln, verbreiteten sich aber auch auf die Nachbarprovinzen, vornehmlich nach Schantung, und zählen heute zusammen etwa zwanzig Millionen. Sie leben mitten unter den Chinesen, vermengen sich aber niemals mit diesen und sind ihnen auch seit jeher feindlichgesinnt geblieben. Auch die Mohammedaner haben ihre Geheimgesellschaft, deren Streben es ist, die beiden Provinzen ganz von Chinesen zu befreien und ein unabhängiges mohammedanisches Reich zu gründen. Teilweise ist auch religiöserFanatismus ein Grund des Hasses gegen die Chinesen, denn diese haben ihnen wohl die Ausübung ihrer Religion gestattet, aber die Moscheen im Reiche der Mitte dürfen über den Pforten keinen Halbmond und keine Bezeichnung als Moscheen tragen; im Innern der Moscheen sind überdies auf Anordnung der chinesischen Behörden Statuen des Confucius und die Ahnentafeln der chinesischen Kaiser aufgestellt, die von den Mohammedanern verehrt werden müssen. Das, zusammen mit dem Rassenhaß und den Bedrückungen durch die Mandarine, läßt die Gärung unter den Mohammedanern nicht zur Ruhe kommen.

Bald nach dem chinesisch-japanischen Kriege und vielleicht als Folge desselben und der dabei zu Tage getretenen Ohnmacht der Mandschuregierung entstand auch in Schantung ein Geheimbund, Tjiu-dschung-tsau, allem Anschein nach dasselbe wie die weiße Lotosgesellschaft, nur unter anderem Namen. Die Geheimbündler verbreiteten unter den Chinesen den Glauben, daß sie unverwundbar seien; dadurch gewannen sie so großen Einfluß, daß sogar die Mandarinen sich ihrer bedienten, um dem Räuberunwesen zu steuern, wenn ihre Militärmacht nicht ausreichte. Allmählich wurden aber die Geheimbündler selbst zu Räubern, ein Schrecken für Südschantung, so daß die Provinzregierung endlich reguläre Truppen gegen sie aussandte. Schon im ersten Kampfe mit den Provinztruppen fiel eine ganze Menge der Unverwundbaren unter den Schwertstreichen; die Gefangenen wurden von den Ortsmandarinen in die Holzkäfige gesteckt, wie sie in den Höfen jedes Yamens in Schantung stehen, und in diesen Käfigen am Halse aufgehängt. Nach zwei bis drei Tagen fanden die Unverwundbaren so ihren jämmerlichen Tod. Die Seifenblase war geplatzt, mit den Tji-dschung-tsau war es schon in den Sommermonaten 1895 vorbei.

Aber die Chinesen sind leichtgläubige Leute, und dazu ist die Unzufriedenheit mit der Regierung wie mit dem stetigen Fortschreiten der Europäer so groß, daß es bald zu einem neuen Geheimbunde kam, der wohl ganz wie der letzte auch nur ein Auswuchs der Sekte der Weißen Lotos sein dürfte, nur unter einem anderen Namen. Dieser Name ist eben Ta-tau-hui oder Gesellschaft der Großen Messer. Warum Große Messer, weiß ich nicht, denn ihre Waffe ist ebenfalls nur eine lange, schmale zweischneidige Lanze, im Chinesischen Piau-djiang genannt. Ich sah eine derartige erbeutete Waffe bei einem der Mandarine von Tsinan-fu.

Auch die Ta-tau-hui geben sich als unverwundbar aus, und ihr Schutzmittel sind ebenfalls Papierzettel mit allerhand Zauberformeln. Sie haben auch früher, als sie von der Regierung noch nicht so verfolgt wurden, in ähnlicher Weise Waffenübungen veranstaltet wie die Tji-dschun-tsau. Ihr Streben ist dasselbe: Vertreibung der Mandschuregierung, Vertreibung der Europäer. Hauptsächlich zu dem Zweck, um der Regierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen, haben sie im Jahre 1895 über zwanzig Bethäuser der katholischen Mission von Südschantungniedergebrannt. China mußte schon damals der Mission einen Schadenersatz von 10000 Tiau (1 Tiau etwa 1 Mark 60 Pfennig) leisten. Die Provinzregierung wurde angewiesen, die Ta-tau-hui zu vertreiben, und in der That zog der jetzige Nien-Tai (Provinzialrichter) von Schantung, welcher damals Yü-ta-dschen (Mandarin) von Tsau-tschau-fu war, an der Spitze von Regierungstruppen persönlich gegen die Großen Messer ins Feld. Die letzteren wurden versprengt, dreißig von ihnen gefangen und in der Stadt Schain-hsien hingerichtet. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Anführer der Großen Messer, Namens Liu-schö-dsau. Aber das eigentliche Haupt, der schon genannte Tschan-tsia-dschi, flüchtete über die Grenze nach Honan und konnte bis heute nicht festgenommen werden. Ich habe selbst die Proklamation angeschlagen gesehen, in welcher die Regierung den Betrag von 1000 Taels auf seinen Kopf setzt.

Chinesisches Räuchergefäß.

Chinesisches Räuchergefäß.

Dieses strenge Vorgehen für die an den Missionen verübten Unthaten erbitterte die Großen Messer natürlich noch mehr. Bald darauf wurden in Kü-ye die beiden unglücklichen Missionare Nieß und Henle ermordet und so viele andere Schandthaten verübt, daß auch von Peking auf die Beschwerden des Missionsleiters die strengsten Befehle zur Unterdrückung der Großen Messer kamen. Die Provinztruppen schlugen die Horden auch in mehreren blutigen Gefechten, und der Gouverneur berichtete nach Peking, der Geheimbund bestände nicht mehr. Das war in der That der Fall, denn um der Verfolgung durch die Regierung zu entgehen, organisierten sich die Mitglieder wieder zu einem neuen Bunde unter anderem Namen, jenem der Boxer. Aber der Zweck all dieser Gesellschaften ist, wie die Ereignisse gezeigt haben, stets der gleiche: Vertreibung der Fremden, China für die Chinesen.


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