Die vornehme Gesellschaft.
I
Im heutigen Japan ist von dem alten Glanze der Kugefamilien, von der Pracht der Daimios, wie sie in früheren Werken über das Inselreich des Mikado geschildert werden, gar nichts mehr zu finden. Mit dem Jahre 1871 fand die Feudalherrschaft in Japan, welche achthundert Jahre lang gewährt hatte, ihr Ende. Ein Federstrich ließ sie verschwinden, als wäre sie nichts weiter gewesen als Staub, im Laufe der Jahrhunderte angesammelt. Der uralte Hofadel ebenso wie die Duodezfürsten des Landes gaben in vielen Fällen ganz freiwillig ihre Länder, ihre Güter, Reichtümer und Einkünfte auf und wurden getreue Unterthanen ihres seit sechsundzwanzig Jahrhunderten regierenden Herrscherhauses. Keine Klasse der Bevölkerung nahm die Reformen, welche der Kaiser dekretierte, williger an als gerade der Adel, und keine hat sich so rasch in die europäischen Sitten und Gebräuche, wie sie heute wenigstens äußerlich am japanischen Kaiserhofe bestehen, eingewöhnt.
Welche Opfer dieser uralte Adel des Reiches dem Vaterlande gebracht hat, kann man ihrer wahren Größe nach erst beurteilen, wenn man den Einfluß und die Machtstellung der einzelnen Familien in früheren Zeiten kennen gelernt hat. Wohl kaum irgend ein Adelsgeschlecht Europas kann auf so zahlreiche Ahnen zurücksehen wie eine ganze Reihe der japanischen Kugefamilien, von denen einzelne ihre Abstammung bis in das sechste Jahrhundert vor Christi Geburt zurückführen. Die berühmteste Adelsfamilie Japans, die Fujiwara, stammen beispielsweise von einem Diener des Großvaters von Jimmu Tenno, dem Gründer der japanischen Kaiserdynastie, ab und sind seit mehr als 2600 Jahren mit den Geschicken der japanischen Nation auf das innigste verflochten. Andere, wie die Sugawara, die Taira und Minamoto, wenn auch viel jünger als die Fujiwara (zu deutsch Glycinenfeld), sind doch älter als alle europäischen Herrscherfamilien, und ihre Ahnen nahmen fast durchgehends die höchsten Stellen im Reiche ein. Von den heute noch bestehenden 155 Kugefamilien leiten 95 mehr oder minder direkt ihre Abstammung von den Fujiwaras ab, alle aber sind mit der Kaiserfamilie verwandt, und eine große Zahl dieser Familien des Hofadels haben kaiserliche Prinzen zu ihren Stammvätern. Gewöhnlich waren es Söhne des Kaisers mit Konkubinen, welche eigene Namen annahmen und eigene Familien gründeten; ihre Söhne erhielten dank ihrer innigen Verbindung mit dem Kaiserhause einträgliche Aemter, und fast in jeder Familie ist eines oder das andere erblich geblieben. Die Mehrzahl der Aemter hatten die Fujiwara an sich gerissen, und sie verstanden auch, dieselben jahrhundertelang in ihrem Besitze zu erhalten. Im siebenten Jahrhundert waren sogar alle Hofämter und die Mehrzahl der Gouverneurstellen in den Provinzen in ihren Händen. Gerade so wie ich es in meinem Buche „Korea” bezüglich der mächtigen Familie der Min geschildert habe, bildeten auch die Fujiwara einen undurchdringlichen Ring um den Mikado, der nichts weiter als ihr willenloses Werkzeug war. Wie die Min in Korea gewohnt sind, aus den Reihen ihrer Töchter eine Gattin für den König auszusuchen, um dadurch ihren Einfluß auf diesen zu sichern, so waren auch in Japan Jahrhunderte hindurch die Kaiserinnen stets Töchter des Hauses Fujiwara, und noch die in Tokio residierende Witwe des verstorbenen und Mutter des regierenden Kaisers entstammt diesem allmächtigen Hause. Wie Parasiten wanden sie sich um den Herrscherstamm und saugten an seinem Safte, sich selbst stärkend, indem sie ihn schwächten. So ging allmählich die ganze Macht der Mikados in die Hände des Hofadels über; den Kreisen der letzteren entstammten die Schogune bis auf die letzte Zeit, und sie, nicht die Kaiser, waren die eigentlichen Regenten und Herren des Landes.
Neben diesen Kuge oder dem Hofadel bildete sich in den Provinzen von Japan, sowie bei uns, allmählich ein Landadel heraus. Wohlhabendere Bauernfamilien vermehrten ihren Grundbesitz durch Erbschaft und Heiraten, ihre Stellung und ihr Ansehen aber durch einzelne tapfere Familienmitglieder; die fortwährenden Räubereien veranlaßten minder zahlreiche, minder wohlhabende Familien, bei ihren reichen und mächtigeren Nachbarn Schutz zu suchen; Aufstände und Unruhen in verschiedenen Teilen des Reiches zwangen die Regierung, diese Familien zur Unterdrückung derselben in Anspruch zu nehmen, und zu Beginn des siebenten Jahrhunderts wurden ihnen für ihre Dienste kaiserliche Vorrechte zu teil, sie erhielten Beamtenposten in der Provinz oder an den Grenzen des Reiches. Die Kaiserin Suiko erließ im Jahre 603 ein Dekret, demzufolge jedem Beamtenposten eine entsprechende Adelsstellung gebühre, und so entwickelten sich allmählich in den Provinzen adelige Familien, die an der Spitze ganzer Distrikte oder Clans standen, wie es noch heute beispielsweise in Schottland der Fall ist. Die Häupter dieser Familien sind die Daimios, zu deutsch „große Namen”, deren es bei dem Zusammensturz des alten Feudalsystems in den siebziger Jahren etwa dreihundert gab.
Nachdem diese Daimiofamilien in ihren Distrikten sich einmal zu den reichsten und mächtigsten emporgeschwungen hatten und der Ball ins Rollen gekommen war, stieg diese Macht je nach der Größe ihres Distriktes, nach der Energie, mit der sie auftraten, oder durch Zufall, so daß sie bald zu einer Art Souveränität gelangten. Damals war dies um so leichter, als es keine Verkehrswege gab und die Zentralregierung am Hofe des Mikado selbst viel zu schwach war, um dem Weitergreifen der Daimioherrschaft einen Damm entgegenzusetzen. Die Kuge blieben freilich die höchste Aristokratie des Landes, Legitimisten, könnte man sagen; die Daimios aber waren die reichsten und mächtigsten, und viele von ihnen besaßen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ungeheure Einkünfte. Ihr Rang wurde jenach der Größe der letzteren bemessen. So hatte beispielsweise der reichste Daimio, jener von Kaga, eine jährliche Einnahme von einer Million Koku Reis (nahezu zwei Millionen Hektoliter), während sich die niedrigsten Daimios auf Einkünfte von zehntausend Koku Reis (etwa achtzehntausend Hektoliter) standen. Die Macht der Daimios wurde im achten Jahrhundert noch durch eine Verordnung des Hofes vergrößert, derzufolge alle wohlhabenderen Bauern, welche im Waffenführen, Bogenschießen, Reiten bewandert waren, eine Art Miliz im ganzen Lande bilden sollten, unter Anführung der Daimios. Diese Maßregel war eine der wichtigsten in der ganzen Geschichte des Mikadoreiches, denn sie teilte die Bevölkerung in zwei große Klassen, die Ackerbauer und die Soldaten. Griffin sagt in seinem Werke „The Mikados Empire” sehr richtig: „Dabei wurde ein Teil des Volkes auf eine Lebensweise geführt, in welcher Reisen, Abenteuer, soldatische Tugenden, Ehre und Ritterlichkeit eine bedeutende Rolle spielten, und damit wurde die beste Klasse der Männer von Japan, die Samurai, geschaffen. Die Samurai haben jahrhundertelang das Waffenwesen, Ritterlichkeit, Patriotismus und Intelligenz des japanischen Reiches nahezu monopolisiert. Sie sind die Männer, welche stets bereit waren zu lernen und denen die großen Reformen des modernen Japan, das Aufheben des Feudalwesens, die Niederwerfung des Schogunats und die Wiederherstellung der einstigen Macht der Kaiser zuzuschreiben sind. Ihr Geist ist es, welcher Japan heute regiert; ihre Söhne sind es, die in Europa die Zivilisation des Abendlandes studieren; die Samurai sind die Seele der Nation.”
Jeder Daimio hatte eine mehr oder minder große Zahl von Samurai (Zweischwertermännern) unter seinem Befehl; sie teilten sich in zwei Klassen: Schizuko oder Samurai höheren Grades, deren es in Japan nach Aufhebung der Feudalherrschaft etwa 260000 gab, und Sotsu oder Samurai niederen Grades in einer Gesamtzahl von 167000. Die mächtigsten Daimios mit der größten Zahl und tüchtigsten Klasse von Samurai waren jene von Satsuma, Chosu, Tosa und Hizen; von ihnen gingen auch hauptsächlich die Ideen aus, welche zu den großen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte führten, und Männer aus diesen Clans oder Stämmen haben auch heute die Zügel der Regierung in ihren Händen. Die Träger der Namen Ito, Yamagata, Yamada, Inouye und Aoki sind frühere Samurai von Chosu, die beiden Saigos, Terashima, Yoshida, Oyama, Kuroda sind frühere Samurai von Satsuma, welchem Clan überdies nahezu die ganze Seemacht Japans angehört.
Wie am Hofe des Mikado die Kuge allmählich die Gewalt an sich rissen, so erging es auch an den kleinen Höfen der Daimios, wo die Samurai die Rolle der Kuge übernahmen und die Gewalt der Daimios in ihre Hände bekamen. Die ganze Regierung des Clans, die Verwaltung des Landes wurde durch die Samurai besorgt, die Daimios hatten sich um die Regierungsgeschäfte gar nicht zu kümmern;sie wohnten mit ihren Familien in ihren prachtvollen Schlössern auf dem Lande oder in der Nähe ihrer Hauptstädte und vertändelten ihre Zeit weniger mit Waffenübungen als mit allerhand Spielereien, Theezeremoniell, Poesien, Aufführungen von alten Theaterstücken, Tänzen und Gesängen; allerdings unterstützten sie die schönen Künste, und die herrlichen Porzellane, Bronzen, Waffen, Metallarbeiten, Stoffe und Stickereien, die heute in unseren Museen so große Bewunderung erregen, wurden zum größten Teile auf Bestellung der Daimios ausgeführt. Aber auf der anderen Seite war dieses weichliche, thatenlose Leben nicht dazu angethan, den Daimios ihre frühere Energie, ihren Thatendienst zu erhalten, und was ihre Frauen anbelangt, so waren sie nicht viel mehr als Puppen. In den Schlössern der Daimios gab es weder die geistige Thätigkeit, welche an dem Hofe des Mikado herrschte, noch die Pflichten und Arbeiten der Samuraifrauen, so daß das Leben der Daimiofrau vielleicht, wie Alice Bacon in ihrem reizenden Büchlein über die japanischen Frauen sagt, langweiliger und zweckloser war als das irgendwelcher Frauen des Landes. Umgeben von endlosen Vorschriften der Etikette, ohne die Anregung, die von physischer Arbeit oder intellektueller Thätigkeit kommt, vegetierten diese Frauen mehr, als daß sie lebten. Kein Wunder, daß die Daimios unter der Herrschaft der Schogune aus dem Hause Tokugawa geistig wie physisch degeneriert waren, denn in dem Leben der Frauen gab es absolut nichts, was sie befähigt hätte, Gattinnen und Mütter starker Männer zu sein. Zart, niedlich, gekünstelt, geschickt in allerhand kleinen Nichtigkeiten, aber unfähig, selbständig aufzutreten, waren sie wohl vornehme Damen in jeder Weise, mit Instinkten von Ehre und Noblesse von ihrer frühesten Kindheit an, aber diese Jahre von Absperrung, von Unterwürfigkeit seitens ihrer Hunderte von Dienern, von fortwährendem Unterricht in den Pflichten, Würden und Zeremonien ihrer Stellung zeigen sich heute in auffälliger Weise an diesen Geschöpfen. Alice Bacon sagt über sie: „Es fehlt ihnen an Kraft, Ehrgeiz, an Klarheit des Denkens, während die Nation der Japaner diese Eigenschaften im höchsten Grade besitzt; dafür haben sie aber seltenen Anstand, reizvolles Benehmen, starkes Ehrgefühl und Rassenstolz, gepaart mit persönlicher Bescheidenheit, die nahezu Unterwürfigkeit erreicht.” Alice Bacon kennt sie genau, denn sie war einige Jahre lang Lehrerin in der seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Adelsschule in Tokio, wo die Söhne und Töchter der Aristokratie ganz nach europäischen Vorbildern ihre Erziehung genießen.
Während der letzten Generationen waren die Daimios durch ihr weichliches, üppiges Leben so weit herabgekommen, daß die Schogune der Dynastie Tokugawa leichtes Spiel mit ihnen hatten. Um sie besser im Zaume zu halten und etwaigen Unternehmungen zu Gunsten der Wiederherstellung der Kaisergewalt vorzubeugen, zwangen die Schogune sie, in der Hauptstadt Tokio Paläste zu bauen und während einer Hälfte des Jahres dort, in der unmittelbaren Umgebung der Schogune, zuwohnen. Aeußerlich wurden ihnen alle erdenklichen Ehren zu teil, aber in Wahrheit waren sie der Mehrzahl nach machtlose Puppen der Schogune. Griffin sagt über sie: „Rang-, Ehren- und Titelsucht ist die hervorragendste Leidenschaft der Japaner. Die reichsten Daimios opferten große Summen und ließen alle Einflüsse in Kioto spielen, um nur einen neuen Titel zu erhalten.” Titel und Orden spielen deshalb auch im modernen Japan eine wichtige Rolle, und selbst posthume Titel werden heute verliehen.
Von dieser Kuge- und Daimiowirtschaft ist in Tokio, wenigstens was die Aeußerlichkeiten betrifft, heute alles verschwunden; verschwunden sind auch die geräumigen Paläste des Adels, die sich noch vor zwanzig Jahren in weitem Kreise rings um die feste, mit Mauern und Wällen umgebene Residenz der Schogune hinzogen und eine Adelsstadt, ein Faubourg St. Germain, bildeten, wie es in dieser Art wohl auf Erden nicht wiederzufinden war. An der Stelle des Schogunpalastes innerhalb der Ringmauern steht heute der moderne Palast des Kaisers; auf den Trümmern der niedergerissenen Adelspaläste erheben sich kolossale moderne Bauten, Ministerien, Schulen, Universitätsgebäude, oder die weiten Grundflächen wurden zur Anlage von Parks und Gärten verwendet. Nur wenige jener Paläste sind der Zerstörungswut des modernen Japan entgangen, und an ihnen kann man erkennen, wie die Daimios in ihnen gewohnt haben. In den langen niedrigen Außengebäuden, welche viereckige Höfe bilden, wohnten die Samurai, die ihre Herren auf den Reisen nach der Hauptstadt zu begleiten pflegten, und in den inneren Gebäuden, einfach, kahl, niedrig, mit papierüberzogenen Holzrahmen als Wänden, wohnten die Daimios. Ihre Wappenblumen sind von den Thoren verschwunden, und an ihrer Stelle zeigt sich dort das Wappen des Kaisers, die Chrysanthemumblüte; an Stelle der Samurai hausen in diesen Räumen japanische Kavallerie und Artillerie modernen Musters. Ebenso sind die stolzen, vielstöckigen, eigentümlichen Stammburgen und Schlösser in den Provinzen in Kasernen umgewandelt worden. Die Familien selbst wohnen teils in altjapanischen Häusern, teils in modernen englischen Villen, je nachdem es ihre Mittel gestatten, denn der größte Teil ihrer Einkünfte wurde ihnen bei der Aufhebung der Feudalherrschaft ebenso entzogen wie ihre Länder. Sie wurden viel gründlicher mediatisiert, als es in Europa seinerzeit geschah. Es war auch bei diesen verweichlichten, mittellosen Herren leichter durchzuführen, zumal einige wirklich groß angelegte, patriotische Daimios selbst den Anstoß dazu gaben. Jene von Satsuma, Choshiu, Tosa und Hizen richteten eine Eingabe an den Thron, in welcher sie ihre Ländereien nicht als Privatbesitz, sondern als Eigentum der Krone bezeichneten und sich bereit erklärten, dieselben zusammen mit den Registern des ganzen Clans dem Kaiser zur Verfügung zu stellen. Die kleineren Daimios wußten nun, daß auch die Tage ihrer Herrschaft gezählt seien und Widerstand vergeblich wäre. Im September 1871 erschien ein kaiserliches Edikt, welches alleDaimios des Landes nach Tokio berief und ihnen befahl, sich ins Privatleben zurückzuziehen. In ihren Schlössern, in den weiten Hallen ihrer Vorfahren, nahmen sie Abschied von ihren Samurai und begaben sich, von einigen Dienern begleitet, nach der Hauptstadt. Ihre ehemaligen Fürstentümer wurden in Provinzen geteilt und unter Präfekten gestellt. Mit der Feudalherrschaft in Japan war es voraussichtlich für immer vorbei.
Selbst ihren alten angestammten Namen büßten sie vielfach ein. Die Bezeichnungen Kuge und Daimio wurden fortdekretiert und an ihrer Stelle eine neue Rangordnung des Adels eingeführt, ganz nach europäischem Muster. Es wurden Fürsten, Marquis, Grafen, Vizegrafen und Barone geschaffen und die früheren Daimios je nach ihrem alten Rang und Reichtum dieser oder jener Klasse zugeteilt. Sogar Samurais, die sich um die moderne Bewegung Verdienste erworben hatten, wurden diese neuen Adelstitel verliehen. Aber die alten Kuge konnten sich auch in dem neuen Gewande nicht dazu bequemen, die Daimios und geadelten Samurais, obschon sie vielleicht denselben Adelstitel besaßen, als ebenbürtig zu betrachten; die Hofkreise Japans sind in ähnliche Fraktionen und Cliquen gespalten wie die Aristokratie Frankreichs. Auch in dem Reiche des Mikado giebt es ein Faubourg St. Germain und ein Faubourg St. Honoré, bei allen aber dreht es sich hauptsächlich um die Gunst des Kaisers.
Der heutige Adel von Japan zählt 10 Fürsten, 25 Marquis, 80 Grafen, 352 Vicomtes und 98 Barone. Von den 10 Fürsten sind die 5 alten Gosekke, d. h. die höchststehenden der früheren 155 Kugefamilien, nämlich die Ichijo- (denen die regierende Kaiserin entstammt), Kujo-, Takatsukasa-, Nijo- und Konoyefamilien; ihnen wurden 1883 noch die Häuser Sanyo, Iwakura, Shimadzu, Mori und Tokugawa beigesellt, und diese zehn Familien genießen das Privilegium, daß aus ihren Töchtern die Braut des Kaisers oder des Thronfolgers gewählt wird.
Der Kaiser verkehrt auch in den Häusern der Fürsten, und vor einigen Jahren waren es gerade die Tokugawa, welche dem Souverän in ihrem Palaste eine große Festlichkeit im altjapanischen Stile gaben. Bei dem Preisfechten und der Novorstellung (eine Art lyrischen Dramas) kamen dieselben Gesichtsmasken und unschätzbaren Kostüme zur Verwendung, die in der Familie der Tokugawa seit Jahrhunderten im Gebrauch waren. Uralter Sitte gemäß wurden dem Kaiser bei seinem Besuche ein kostbares Schwert und ein Festgedicht in einem Kästchen aus Goldlack überreicht. Der Kaiser nahm diese Geschenke aus den Händen des Gastgebers entgegen, eines Mannes, dessen Vater Keiki der letzte der Schogune war. Dieser, ein Rebell gegen die kaiserliche Gewalt, lebt heute vergessen, ohne jeden Anhang und ohne politische Absichten und Hoffnungen, auf einem kleinen Landgute in der Nähe von Shidzuoka, während sein Sohn sich mit der gegenwärtigen Regierung vollständig ausgesöhnt hat und sich der Gunst des Kaisers erfreut.Den heutigen Marquis und Grafen und Vicomtes würde man es gewiß nicht ansehen, daß sie vor dreißig Jahren noch in den alten Daimiokostümen, begleitet von einer Anzahl Zweischwertermännern und zahllosem, malerischem Gefolge, auf dem Tokaido oder anderen Straßen des Landes einherzogen, kleine Souveräne mit Hofstaaten und großen Einkünften. Schmächtige, bewegliche, ungemein höfliche Männer, kleiden sie sich nach der neuesten Mode und sehen so elegant aus, als wären sie ihr Leben lang nicht über Piccadilly oder St. James hinausgekommen. Sie fahren in modernen Equipagen umher, reiten, spielen Lawn Tennis und unterhalten sich mit den ausländischen Diplomaten in französischer, deutscher oder englischer Sprache über allerhand europäische Dinge. In ihrem Adelsklub, dem Rokumeikwan, lesen sie die Times oder Kreuzzeitung, spielen Billard wie Franzosen und Poker wie Yankees; dazwischen machen sie Damen den Hof, besuchen Afternoon Teas und lassen sich bei Wohlthätigkeitsbazars ausplündern. Der vornehme Prinz Shimadzu von heute ist kein anderer als der einstige Daimio von Satsuma; der Marquis Maeda, bekannt wegen seines Reichtumes und Schwager eines kaiserlichen Prinzen, ist der frühere Daimio von Kaga. Sein Palast hat den Bauten der neuen Universität Platz gemacht, seine früheren Jahreseinkünfte von nahe zwei Millionen Hektoliter Reis fließen in die kaiserlichen Kassen, aber er hat doch genug übrig behalten, um überall, auch in Europa, als reicher Mann zu gelten.
Aber noch auffälliger ist die Wandlung, die mit den früheren Kuge- und Daimiodamen vor sich gegangen ist. Die zarten, bemalten Geschöpfchen mit den glattrasierten Augenbrauen und geschwärzten Zähnen, mit den buntfarbigen Kimonos und schweren Holzpantoffeln, die ihr ganzes Leben auf den Schlössern ihrer Väter verträumten, sind heute Pariser Modedamen mit modernsten Toiletten und Brillantenschmuck; sie haben sich die Augenbrauen wieder wachsen lassen, ihre Zähne sind wieder weiß geworden, und wären sie nicht so schlitzäugig und von gelblichem Teint, man könnte sie für vornehme Europäerinnen halten. Während sie früher vom Hauswesen, von Gesellschaften und dergleichen gar nichts wußten, sind manche heute die Leiter ihrer Hauswesen in großen Palästen oder Villen, ganz nach abendländischem Muster, und erfüllen ihre vielen Pflichten mit einer Gewandtheit, die Staunen erweckt. Selbst ans Reiten und Fahren haben sie sich gewöhnt. In Tokio besteht unter dem Schutze der Kaiserin, die selbst eine passionierte Reiterin ist, eine Damenreitschule, wo sich die jungen Aristokratinnen auf vortrefflichen Pferden, Mischlingen von japanischen und ungarischen Tieren, herumtummeln.
Nichts spricht so sehr für das Nachahmungs- und Anschmiegungstalent der Japaner als die Schnelligkeit, mit welcher selbst ihre Frauen ihre ganze Kultur und Anschauungsweise verändert haben. Sie legten das alte Japanertum anscheinend mit ebensowenig Schwierigkeit und Bedauern ab wie ein Paar getragene Handschuhe, aber nur anscheinend, denn ihre Anstrengungen mit den neuen, fremdenSprachen, Kleidern und Etikettevorschriften waren geradezu heroisch. Die Mütter studierten Sprachen und Sitten gleichzeitig mit ihren Töchtern bei denselben Lehrerinnen, und die Frauen der japanischen Diplomaten, wie zum Beispiel die Prinzessin Komatsu, welche einige Jahre in Europa gelebt hat, gaben der vornehmen Gesellschaft Japans nach ihrer Rückkehr dorthin Unterricht in abendländischer Etikette und Lebensart. Viel haben dazu auch einige europäische an Japaner verheiratete Damen beigetragen, in erster Linie Madame Sannomiya, die englische Gattin des japanischen Hofmarschalls dieses Namens. Zwei Japanerinnen, den vornehmsten Hofkreisen angehörig, haben das bekannte Vassar Kollege in Nordamerika mit Erfolg absolviert, und die Anschauungen, die sie von dort nach Japan mitgebracht haben, wirkten auf die dortige Gesellschaft wie Sauerteig. Die eleganteste und schönste der modernen Damen des Hofes ist wohl die Marquise Nabeshima, die Gattin des Oberzeremonienmeisters und reichsten Pairs von Japan.
Japanerinnen beim Thee.❏GRÖSSERES BILD
Japanerinnen beim Thee.
❏GRÖSSERES BILD
Wie Paris und Wien, so hat auch Tokio seine gesellschaftliche Wintersaison, die gewöhnlich vom Oktober bis Mai, d. h. bis zum Eintritt der heißen Jahreszeit dauert, und während dieser Saison geht der soziale Eiertanz noch viel peinlicher und zeremoniöser vor sich als in den großen Residenzen Europas. Staats-, Diners- und sonstige Visiten müssen genau innerhalb einer gewissen Zeit gemacht werden, und der Europäer, der eine Wintersaison in der Gesellschaft von Tokio zubringt, kommt vor Visitenkartenabgabe kaum zum Atemholen. Und fügen muß er sich, will er nicht aus den Gesellschaftslisten gestrichen werden. Sogar das Tanzen nach europäischer Mode hat die junge Welt Japans schon erlernt, und auf den zahlreichen Bällen bei den Ministern, Hofwürdenträgern und Gesandten tanzen die schlitzäugigen Komtessen und Baronessen mit einer Präzision, gehen durch die Figuren der Quadrille und der Lanciers mit einer Kenntnis der Details wie alte pommersche Grenadiere auf dem Exerzierplatz. Wehe dem Europäer, der da irgend einen falschen Schritt macht! Er wird nicht durch Scherze oder huldvolles Lächeln, sondern im Gegenteil, durch tiefen Ernst zurechtgewiesen und könnte vor Scham über die Kenntnis seiner Tänzerinnen unter den Parkettboden versinken. In den Tänzen auf japanischen Bällen wird der Europäer zumeist nur militärischen Drill finden, und es ist kaum anzunehmen, daß die japanischen Damen besonderen Gefallen daran haben. Aber es ist eben europäische Sitte, und ihr muß gefolgt werden. Die Festlichkeiten am Kaiserhofe beschränken sich auf einige Staatsbankette an besonderen Festtagen und auf zwei Garden parties, bei welchen die Majestäten zu erscheinen pflegen. Dagegen giebt der Premierminister gewöhnlich am Vorabend des kaiserlichen Geburtsfestes einen Staatsball, und ihm folgt kurze Zeit darauf der Gouverneur von Tokio mit einem zweiten. Auch in den Gesandtschaften der europäischen Großmächte finden zahlreiche Festlichkeiten, Soirées dansantes, Diners und Garden parties statt, dann bei den Prinzen und Mitgliedern der hohenAristokratie. Nur mit musikalischen Unterhaltungen war es bisher sehr schlecht bestellt. Neben diesen europäischen Kreisen giebt es in Tokio jedoch immer noch altjapanische Kreise, ja dieselben nehmen in der letzten Zeit eher zu als ab. Sie stellen sich die Erhaltung ererbter Sitten und Gebräuche zur Aufgabe, pflegen die alte Musik und das alte Theater und stellen sich auch in der Kleiderreform auf die Seite der feudalen Trachten. Die glänzenden, goldstrotzenden und gestickten Daimiokostüme sowie die Waffen haben sie wohl abgelegt, aber der nationale Kimono und der Obi sind in diesen Kreisen des legitimistischen Adels alleinherrschend. Daß sie diesem Adel angehören, lernt der Europäer schon nach kurzem Aufenthalte erkennen, denn die Japaner beiderlei Geschlechts tragen auf den Kimonos ihr Familienwappen aufgestickt. Gewöhnlich sieht man rückwärts auf dem Kragen, dann auf beiden Aermeln und auf der Brust weiße Kreise in der Größe unserer Damenuhren und innerhalb dieser Kreise weißgestickte Figuren, Blätter und Blüten verschiedener Pflanzen, Schmetterlinge, Vögel. Dies sind die alten Daimiowappen, an ihnen erkennt man die Angehörigen der Tokugawa, der Satsuma, Fujiwara und anderer großer Familien. Selbst die Samurai tragen derartige Wappen als das einzige, was die europäische Kultur von dem alten Japan noch nicht weggeschwemmt hat. In mancher Hinsicht ist dies bedauerlich. Eine Verbindung der altjapanischen mit der modernen europäischen Kultur wäre gewiß zweckentsprechender gewesen und hätte auch bei den Japanern selbst größeren Beifall gefunden.
Das Wappen der Schoguneder Familie Tokugawa.
Das Wappen der Schoguneder Familie Tokugawa.