Dschiudschutsu.

Dschiudschutsu.

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Dschiudschutsu ist ein japanisches Wort, das gewiß nur den allerwenigsten bekannt sein dürfte. Selbst Leuten, die jahrelang in Japan gelebt haben, wird es kaum jemals zu Ohren gekommen sein. Es steht in keinem mir bekannten Buche über Japan, und die einzige Abhandlung, die ich darüber gesehen habe, befindet sich in den Transactions of the Asiatic Society. Sie hat Kano Dschigoro, einen der größten Lehrer des Dschiudschutsu, zum Verfasser.

Aber das fremdartige unbekannte Wort wird gewiß mit der Zeit auch in Europa immer geläufiger werden, denn Dschiudschutsu ist der Schlüssel zum japanischen Volkscharakter in seinen Beziehungen zum Ausland, es ist das Geheimnis der Erfolge des fernen Inselreiches.

Dschiudschutsu heißt etwa:durch Nachgeben siegen.

Während die vielen Gebäude der kaiserlichen Hochschule in Tokio den modernen europäischen Baustil zeigen, steht mitten unter ihnen auch ein Haus in rein japanischem Stil mit dem Unterschied, daß es an Stelle der horizontal verschiebbaren Papierfenster Glasscheiben besitzt. Ueber der Thür dieses langen, niedrigen Gebäudes stehen in chinesischen Schriftzeichen die Worte Zui-ho-kwan, d. h. „Die Halle unseres heiligen Landes”. Tritt man in das Innere, so befindet man sich in einer geräumigen Halle ohne irgendwelche Einrichtungsstücke, nur daß der erhöhte Fußboden mit dicken, weichen Matten bedeckt ist. Zeitweilig ist diese Halle mit Studenten gefüllt. In der Mitte des Raumes, auf den weichen Matten, befinden sich dann vielleicht zehn bis zwölf junge Leute, nur mit einem dünnen Leibchen bekleidet, die anscheinend, immer zwei und zwei, im Ringkampf miteinander begriffen sind. Rings um sie stehen Gruppen von Studenten, welche mit der größten Aufmerksamkeit den verschiedenen Bewegungen der Ringer folgen. Aber ihr Gesichtsausdruck ist wie in Stein gegraben. Niemals zeigt sich irgend eine Freude, eine Teilnahme, niemals wird ein Wort des Beifalls hörbar. Ist ein Zweikampf zu Ende, dann treten zwei andere junge Leute vor, und so geht es oft stundenlang bei Grabesstille weiter.

In dieser Halle wird Dschiudschutsu gelehrt. Die vermeintlichen Ringkämpfe sind nicht solche, wie wir sie üben, und wie sie in England, Amerika, in der Schweiz und von den professionellen Ringkämpfern auch in Japan zur Vorführung kommen, sondern die uralte Kunst der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, ohne Waffen zu kämpfen. Häufig wurden sie auf ihren Reisen, vielleicht im Lager oder zur Nachtzeit, überrascht und hatten keine Waffen bei der Hand, um ihre Angreifer mit solchen zu besiegen. Dann brachten sie Dschiudschutsu zur Anwendung, und gewöhnlich gelang es ihnen, selbst die stärksten Gegner kampfunfähig zu machen, ja lebensgefährlich zu verwunden, wenn nicht gar zu töten.

Für Dschiudschutsu ist keine besondere Körperkraft erforderlich, sondern langjährige Uebung, Kaltblütigkeit, Ruhe und die Kenntnis der menschlichen Anatomie. Schon als Knaben begannen die Samurai sich in dieser Kunst zu üben, und selbst für den Stärksten, Kräftigsten unter ihnen war eine siebenjährige fortdauernde Uebung erforderlich, um in Dschiudschutsu Meister zu werden. Die Geheimnisse dieser Kunst müssen bei den Samurai auf das strengste gewahrt werden, und auch heute scheinen ihre Nachfolger unter Eid verpflichtet zu sein, alle Finten als Geheimnis zu bewahren, weshalb darüber auch nichts oder doch nur sehr wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ist.

Der Meister des Dschiudschutsu bringt nicht seine eigene Körperstärke bis zur Ermüdung in den Kampf, sondern er verwendet die Stärke seines Gegners, um ihn zu besiegen. Er veranlaßt den Gegner zu einem heftigen Angriffe und weicht diesem geschickt aus, er verleitet den Gegner vielleicht zu dem Versuche, mit aller Kraft seinen Arm auszurenken, aber während wir gewöhnlich mit Aufwendung unserer Kraft einem solchen Versuche entgegenarbeiten, giebt der Meister des Dschiudschutsu plötzlich geschickt nach, der Widerstand hört auf, und durch die unwillkürliche Weiterbewegung renkt sich der Gegner seinen eigenen Arm aus. Für jede Stellung, jeden Angriff giebt es eine derartige Finte, die nicht auf Stärke, sondern auf Geschicklichkeit und genauester Kenntnis des menschlichen Körperbaues beruht und die, wenn erfolgreich, ein ausgerenktes Gelenk oder ein gebrochenes Bein oder ein gebrochenes Genick zur Folge hat. Der Kenner des Dschiudschutsu siegt nicht durch den Angriff, sondern, wie das Wort selbst besagt, durch Nachgeben, ja er thut mehr als das, er unterstützt das Nachgeben durch einen schlau berechneten Kunstgriff, gegen welchen Stärke allein nicht gewachsen ist.

Es ist schwer, ein für unsere Verhältnisse verständliches Beispiel davon zu geben. Auch der spanische Stierkämpfer verwendet Dschiudschutsu und besiegt dadurch den Stier desto leichter, je stärker und massiger dieser ist. Soll er den Todesstoß ausführen, so verleitet er das wütende Tier, auf das entfaltete rote Tuch in seiner ausgestreckten Linken loszustürzen; dann springt er geschickt zur Seite, ohne daß der massige Stier dieser raschen Bewegung folgen kann, und stößt ihm den Degen in den Nacken. Das ist auch Dschiudschutsu, aber lange nicht so fein, so geschickt und kunstvoll wie das Dschiudschutsu der Japaner, von welchem das, wie es im Zweikampf zum Ausdruck kommt, nur eine der vielen Verwendungen ist. Dschiudschutsu ist nämlich nicht allein auf die Abwehr eines persönlichen Angriffes berechnet, es ist eine ganze Wissenschaft für den Schwachen gegenüber dem Starken, ein, wie Lafcadio Hearn in einem seiner Bücher sagt, philosophisches, ein ökonomisches und ethisches System. Es lehrt, wie man der Kraft nicht Kraft gegenüberzustellen braucht, sondern, wie man den Angriff leitet und zu eigenen Gunsten verwendet, es lehrt im Gegensatz zu den geraden Wegen des Abendländers die krummen Wegedes Orientalen, und es ist demnach beinahe der Ausdruck eines Rassengeistes, der von den in Ostasien interessierten Mächten verstanden werden muß, wenn sie dem Japaner erfolgreich gegenübertreten wollen.

Großes Eingangsthor zum Honganitempel in Nagoya.❏GRÖSSERES BILD

Großes Eingangsthor zum Honganitempel in Nagoya.

❏GRÖSSERES BILD

Wie der einzelne Samurai Dschiudschutsu benutzt, so war das ganze Auftreten der Japaner gegenüber dem Auslande bisher nichts weiter als Dschiudschutsu. Man wird es in der ganzen Geschichte des letzten Jahrzehntes als den Grundton der japanischen Politik vorfinden, und ist Japan aus seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krisen bisher erfolgreich hervorgegangen, so hat es dies hauptsächlich gerade diesem, den japanischen Staatsmännern so geläufigen Dschiudschutsu zu danken.

Welcher Japanschwärmer (und Europa hat deren so viele!) hätte nicht vor zwei Jahrzehnten mit Bestimmtheit darauf gerechnet, Japan würde die abendländische Kultur in Bausch und Bogen annehmen, nicht nur die Industrie, Verkehrsmittel und Wissenschaften, sondern auch die Moral, und vor allem das Christentum? Wer hätte nicht darauf gerechnet, die Japaner würden mit der europäischen Kleidung auch europäische Sitten annehmen, ihr Land den Europäern öffnen, europäisches Kapital durch Gewährung günstiger Bedingungen heranziehen, um seine natürlichen Hilfsquellen zu entwickeln? Man hielt die Japaner für so aufgeweckt, so intelligent, so ehrlich und gerade, daß man auf das Entstehen eines europäischen Kulturstaates in Ostasien hoffte, man half ihnenbona fidein jeder Hinsicht, man hielt ihnen sozusagen die Leiter, damit sie leicht und bequem emporklettern konnten. Es war aber alles im Grunde genommen nur Dschiudschutsu, ein Spielen der Schwachen mit den Kräften der Stärkeren, ein rücksichtsloses Ausbeuten dieser Stärkeren zur Förderung ihrer eigenen nationalen Bestrebungen, ein Kampf zwischen den Orientalen und den Europäern, bei welchem die letzteren einfach an der Nase herumgeführt wurden. Es wäre gut, das in allen Einzelheiten aufzudecken, als Warnung für die Zukunft. Besonders für das Deutsche Reich ist es von Wichtigkeit, jetzt, nachdem dasselbe in Ostasien festen Fuß gefaßt hat und nicht nur in China, sondern auch im Stillen Ozean der Nachbar von Japan geworden ist.

Man halte sich doch ein wenig das Werden des modernen Japan vor Augen: überallhin hat es seine äußerlich so bescheidenen, liebenswürdigen und zutraulichen Sendboten ausgesandt, um Industrieen, Wissenschaften, Armeen zu studieren, ohne daß man dabei etwas anderes vermutete als den guten Willen, sich ganz auf die europäische Kulturstufe emporzuheben. Ja, einer der besten Kenner des fernen Ostens, der frühere englische Gesandte Sir Harry Parkes, berichtete an seine Regierung, Japan thäte dies alles nur aus Nachahmungsgeist, ohne ernste Ziele, und es würde sich aus Japan eine Art südamerikanische Republik entwickeln!

Was geschah in Wirklichkeit? Japan holte sich alle unsere modernen Erfindungen und Entdeckungen, es prüfte alle Systeme, die es vorfand, und nahm sie im eigenenLande nicht etwa gerade so auf, nein, es verwendete sie nur so weit, als sie zur Förderung seiner Starke nötig waren. Es benutzte Europa, wie gesagt, als eine Stufenleiter, über welche es hinwegschritt, um an die Spitze des fernen Orients emporzugelangen. So ist das heutige Japan als Nachbar der deutschen Kolonien in Ostasien nicht etwa, wie man gehofft hatte, ein europäisches Kulturreich, sondern trotz seiner modernen Armee, trotz seinen Eisenbahnen, Telegraphen und Maschinen ebenso orientalisch, ebenso japanisch, wie vor Jahrhunderten. In dem Kampfe, der sich zwischen den europäischen Großmächten und außereuropäischen selbständigen Reichen seit geraumer Zeit abspielt, sind die meisten der letzteren unterlegen, Japan allein ist es geglückt, die Kräfte des Stärkeren auszunützen, um selbst stark aus dem Kampfe hervorzugehen. Es hat einfach das wunderbare, ihm eigene System der Selbstverteidigung angewendet, das nationale Dschiudschutsu.

Ich habe im Laufe der letzten Jahre unzählige Male Gelegenheit genommen, in Zeitungen und Vorträgen auf diese eigentümliche Wandlung Japans, also stets innerhalb des Rahmens seiner nationalen Eigenart, hinzuweisen. Japan ist ganz Japan geblieben und wird auch Japan bleiben. Man entgegnete mir, beispielsweise in Bezug auf die Kleidung, die Regierung hätte doch die europäischen Trachten eingeführt, der Kaiser sei mit gutem Beispiel vorangegangen, und er besitze eine solche Machtfülle und Autorität, daß die Japaner gewiß binnen kurzem seinem Beispiel folgen würden. Man rechnete auf einen ungeheuren Markt von Kleidern, Stiefeln, Hüten, Wäsche und dergleichen in Japan, und ich erhielt selbst zahlreiche Anfragen von Kaufleuten und Industriellen in Bezug auf diese kommenden „großen Geschäfte”. Es war alles nur Dschiudschutsu, alles Schein. Die abendländischen Trachten sind für Japan geradezu unmöglich und undenkbar. Der Japaner hätte nicht nur seine eigenen Füße in die engen Lederstiefel zu zwängen, sondern ich möchte sagen auch seine ganze Lebensweise, er müßte sein Hauswesen, die Einrichtung seiner Wohnung von unterst zu oberst stürzen. Seine schlafrockartige Nationalkleidung, der Kimono, gestattet ihm, direkt auf dem Boden niederzuhocken; er bedarf deshalb auch keiner Stühle, keiner Tische; seine nationale Kleidung ist auch im Winter warm genug, um ihm den Ofen entbehrlich zu machen. Die so leicht abzustreifenden Holzsandalen gestatten ihm, in seinem Hause in Socken einherzugehen und demnach den Fußboden mit feinen weißen Matten zu bekleiden. Die Einführung der Stiefel würde Dielen oder Parkettböden zur Folge haben, die Einführung von europäischen Kleidern Oefen zum heizen der Wohnungen, die Oefen würden wieder die feuergefährlichen Holz- und Papierwände unmöglich machen.

Die europäischen Hosen gestatten kein Niederkauern auf die Waden; es müßten nun in allen Haushaltungen Stühle und damit auch Tische eingeführt werden. All das wäre gleichbedeutend mit dem Umbau oder vielmehr Niederreißen der bisherigen Wohnhäuser und dem Aufbau, der Einrichtung neuer Häuser. Wo aber sollten diefünfundvierzig Millionen Japaner, im ganzen großen ein armes Volk, das Geld hernehmen, um nicht nur neue Kleider zu kaufen, sondern auch neue Wohnhäuser zu bauen? Wer sich das vor Augen hält, der sieht, wie unsinnig die Hoffnung der Japanenthusiasten in dieser Hinsicht war.

Aber selbst in den Hofkreisen und in den Regierungsämtern ist die europäische Tracht nur im öffentlichen Dienste eingeführt. Als ich die Ehre hatte, vom Kaiser in Privataudienz empfangen zu werden, hörte ich, daß er zu diesem Zwecke die europäische Militäruniform erst anlegte, vor und nach der Audienz trug er, wie in seinen Privaträumen überhaupt, den Kimono. Der Minister des Aeußern empfing mich in seinem Bureau im Ueberrock nach abendländischen Schnitt; als ich ihn einige Stunden später im Klub traf, trug er den Kimono. Als ich nach Korea reiste, stiegen mit mir eine Anzahl gestiefelter und gespornter Kavallerieoffiziere, den Säbel zur Seite, den Revolver im Gürtel, auf das Schiff, um sich zu ihren Truppenkörpern an die Front zu begeben. Eine halbe Stunde später kamen sie, ihre sonst nackten Körper nur mit einem Kimono bekleidet, die nackten Füße in Sandalen steckend, aufs Verdeck. In der Reichshauptstadt tragen die Beamten nur in ihren modern europäisch eingerichteten Aemtern europäische Kleidung; zu Hause und im Privatleben kleiden sich nicht nur sie, sondern auch alle Generale und Admirale und Polizeikommissare gut japanisch. Sonst haben nur noch die Aerzte, Studenten und eine kleine Klasse von eingefleischten Reformfreunden unsere Kleidung. Die großen Massen der Japaner aber, von tausend neunhundertneunundneunzig, sind urjapanisch geblieben. Als ich mich erkundigte, warum in den Aemtern überhaupt unsere Kleidung getragen würde, antwortete man mir: des guten Eindruckes wegen, im Verkehr mit Diplomaten, Ausländern und dergleichen. Also wieder Dschiudschutsu.

Es geschieht aber nicht nur aus ökonomischen und Bequemlichkeitsgründen, wenn die Japaner an ihrer altjapanischen Kleidung festhalten, es geschieht aus Nationalstolz und gleichzeitig aus Mißachtung der Ausländer, um nicht zu sagen Haß gegen dieselben. Sonst würde man doch in den geöffneten Häfen, in Yokohama, Nagasaki, Kobe, wenigstens vereinzelt europäisch gekleidete Japaner und japanische Häuser im europäischen Baustil antreffen. Aber auch dort sind ausschließlich die Fabriken, Arsenale, Brauereien, Post- und Zollämter notwendigerweise im europäischen Baustil, alles andere ist trotz dem innigen Verkehr und Beisammenleben mit den Europäern urjapanisch: Baustil, Kleidung, Religion, Festlichkeiten, Sitten und Gebräuche.

Aehnlich ist es mit der Moral gegangen. Wir betrachten die Monogamie als unzertrennlich von der europäischen Kultur. Die Japaner nahmen sich aber von dieser nur, was sie davon brauchen konnten. Die Monogamie paßte nicht zu ihren Sitten, und so sind sie Polygamisten geblieben, vom Kaiser abwärts. Die Geishamädchen, die leichtfertigen Yoshiwaras, der Verkauf der Töchter durch die Eltern,alles ist noch beim alten. Was den Japanern paßte, war die Unterstellung der Yoshiwaras unter die Sitten- und Sanitätspolizei, und deshalb wurde sie eingeführt. Wie elastisch die berühmte „europäische Kultur” der Japaner in Bezug auf die Moral ist, dafür genügt die folgende Notiz, welche noch 1897 die Runde durch die europäischen Blätter machte: „Die japanische Regierung erteilt jetzt in Menge armen Eltern die Erlaubnis, ihre Töchter zu verkaufen, damit die Familien Brot in das Haus bekommen. Die zur Zeit in Japan herrschende Hungersnot ist so furchtbar, daß die Regierung diesen schmachvollen Handel sogar ermutigt. Für die Eltern jedes Opfer zu bringen, um sie vor Entbehrungen zu bewahren, ist in Japan etwas Selbstverständliches. Das Mädchen verkauft sich als zweite Frau an einen reichen Japaner. Ihr Alter muß mindestens zwölf Jahre betragen. Der Kaufpreis beträgt jetzt nur fünfundzwanzig Frank, unter gewöhnlichen Verhältnissen aber tausend Frank. Der Kaufkontrakt wird gerichtlich abgeschlossen. Nach drei Jahren muß der Käufer das Mädchen freilassen, sobald das Geld, welches er für dasselbe verwendet hat, ihm zurückgezahlt ist, und nach sechs Jahren ist das Mädchen überhaupt wieder frei ohne irgend welche Zurückzahlung.”

Ebensowenig, wie ohne Moral, können wir uns die europäische Kultur ohne Christentum denken. Aber die Japaner stehen diesem nicht nur feindlich oder doch vollkommen gleichgültig gegenüber, sie sind überhaupt trotz Buddhismus und Shintoismus kein religiös angelegtes Volk. Als im Jahre 1549 einer der größten Apostel der katholischen Religion, der heilige Franziskus Xaverius in Kagoschima auf der Insel Kiushiu landete, war allerdings Aussicht vorhanden, die Japaner zum Christentum zu bekehren, denn vor allem war der heilige Eifer und die Ueberzeugungskraft dieses erfolgreichsten aller Missionare des Christentums unwiderstehlich; überdies benutzten die Heerführer der zwei großen damaligen Daimioparteien, der Minamoto und Taira, das Christentum für ihre politischen Zwecke, und der gelehrte Japanforscher Ernest Satow führt als weiteren Grund ein historisches Dokument des Daimio von Yamagutschi an, in welchem dieser den katholischen Missionaren Konzessionen erteilt, damit „sie die Religion des Buddha predigten”, denn in ihrer Unwissenheit betrachteten die Japaner damals die christliche Lehre als eine höhere Form des Buddhismus.

Die schreckliche Niedermetzelung der Christen im siebzehnten Jahrhundert ist bekannt, und seither ist das Christentum in Japan nicht mehr wiedererstanden. Wohl gestattete Japan später wieder die Religionsfreiheit, aber doch nur aus Gründen des Dschiudschutsu. Die Regierung konnte den europäischen Mächten gegenüber in dieser Hinsicht keinen Widerstand entgegensetzen, wollte sie als Regierung eines Kulturstaates gelten, und sie konnte um so leichter die Missionare ins Land lassen, als sie wußte, daß, um nur ein Beispiel hervorzuheben, die christliche Lehre, welche es dem Gatten gebietet, Vater und Mutter zu verlassen, um dem Weibe zufolgen, mit den Grundgesetzen der japanischen Kultur in allerdirektestem Widerspruch steht und auf großen Erfolg der Missionare also nicht zu rechnen war. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen. Die Regierung hatte richtig gerechnet. Nur die katholische Religion mit ihren 92 Missionaren hat verhältnismäßig Erfolg, denn trotz der geringen Mittel, die den letzteren zu Gebote stehen, haben sie doch eine Gesamtzahl von etwa 50000 Katholiken im Lande. Hätte die Regierung wirklich die Absicht gehabt, aus Japan einen europäischen Kulturstaat zu machen, sie hätte das Christentum als Staatsreligion einführen können, aber statt den europäischen Glauben führte sie im Gegenteil den altjapanischen heidnischen Glauben, Shinto, als Staatsreligion ein und läßt nicht nur dem Kaiser, sondern auch den Bildnissen des Kaisers dieselbe Verehrung vom Volke zu teil werden, wie einem Gott. Wie die Japaner in dieser Hinsicht den europäischen Mächten und deren Gesandten in Tokio scheinbar nachgaben und dabei doch ihre eigene Stellung stärkten, so geschah es auch mit der Eröffnung ihres Landes für europäischen Handel und Industrie. Alles nur Dschiudschutsu, bei welchem nicht nur politische Schachzüge, sondern auch vornehmlich Rasseninstinkt mitwirkten.

Japanenthusiasten frohlocken über den vermeintlichen Einzug der europäischen Kultur in Japan. Herrscht diese irgendwo in einem Staate, so gilt es wohl als selbstverständlich, daß dieser Staat den fremden Touristen, Kaufleuten und Industriellen und dazu auch ihren Unternehmungen geöffnet ist. Könnte man sich etwa England oder Frankreich denken, mit verschlossenem Inland und nur fünf oder sechs Häfen, in welchem Ausländer wohnen und Handel treiben dürfen? Genau dasselbe that aber Japan, und doch verstand es, überall den Glauben an seine europäische Kultur zu erwecken. Seine Emissäre, Studenten, Beamten durchzogen frei und ungehindert die ganze Welt, das eigene Inland aber blieb dieser Außenwelt verschlossen. Der Grund war, wie gesagt, Rasseninstinkt, der sich zuweilen auch bei uns, aber nur untergeordneten Rassen gegenüber, geltend macht. So verschlossen sich Amerika und Australien der chinesischen Einwanderung, weil die Chinesen den Kaukasier in den Lebensbedingungen unterbieten und bei ungehinderter Einwanderung den Kaukasiern von unten herauf Konkurrenz machen könnten. Die Japaner haben den Spieß umgedreht. Der Kaukasier überbietet in seinen Lebensbedingungen den Orientalen, er bringt ihm von oben herab Konkurrenz, gelangt durch seinen Reichtum, sein Wissen, seine Energie, seine positiven Eigenschaften zur Herrschaft, wie der Chinese etwa gewissermaßen durch seine negativen Eigenschaften. Das erkannten die Japaner, oder fürchteten es wenigstens, und bei ihrem ausgesprochenen Nationalstolz traten demgegenüber alle anderen Rücksichten, die Erschließung der natürlichen Hilfsquellen Japans durch Europäer, die Hebung des nationalen Reichtums, die Erhöhung der Einnahmen und dergleichen, in den Hintergrund. Die Japaner haben gesehen, daß, wo immer Europäer in einem außereuropäischen Lande freie Hand bekamen, dieses Land früheroder später seine Selbständigkeit verlor, und deshalb hielten sie ihr Land verschlossen, bis ihre eigenen Einwohner in politischer, kommerzieller und industrieller Hinsicht selbständig geworden waren und das Heft demnach in Händen hielten. Europäische Lehrmeister halfen ihnen dazu auf jedem einzelnen Gebiete, und wußten die Japaner, was sie wissen wollten, dann wurden die europäischen Lehrer entlassen und aus dem Lande geschickt.

Nun konnte dem Druck der Mächte in Bezug auf die Aufschließung des Landes nachgegeben werden, aber auch nur mit Dschiudschutsu, welches dieses Nachgeben in einen glänzenden Sieg für Japan verwandelte. Das Land wurde geöffnet, Ausländer dürfen im Inlande wohnen und Handel treiben, sie mußten aber dazu ihre eigene Gerichtsbarkeit aufgeben und sich der japanischen Gerichtsbarkeit unterwerfen. Ihre bisher ihnen gehörigen Landkonzessionen in den offenen Häfen fallen an Japan zurück; sie dürfen in Japan keinen Grundbesitz käuflich erwerben, sondern nur auf eine gewisse Zeit mieten, und nach dem Tode des Mieters fallen die Grundstücke auch vor Ablauf der Mietzeit an Japan zurück. Der Küstenhandel ist ihnen nicht gestattet, selbst nicht mit einigen der bisher offenen Häfen, und aller Handel der Ausländer wird empfindlich besteuert.

Auf diese Art wird den Europäern in Japan kein besonders verlockender Aufenthalt geboten, ja der Vertrag ist eher geeignet, die dort seit Jahren und Jahrzehnten ansässigen Europäer aus Japan zu vertreiben. Ihr Handel mit den Japanern war nur durch ihre gesicherte Stellung und im Schutze ihrer eigenen europäischen Gerichte halbwegs einträglich. Nun sollen sie sich den japanischen Richtern unterwerfen? Wohl nur ein Bruchteil dürfte sich dazu entschließen. Japan hat sein Land den Europäern erschlossen, aber so, daß es von diesen in Zukunft voraussichtlich mehr verschont bleiben wird als bisher. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen.

England war es diesmal, das sich zuerst übertölpeln ließ; die anderen Mächte folgten, obschon die Notwendigkeit dafür keineswegs selbstverständlich erscheint.

Sechzehn Mächte mit sechzehn Gesandten standen den Japanern gegenüber, aber das japanische Dschiudschutsu half diesen über alle Argumente hinweg und gab ihnen die vollständige Unabhängigkeit und Gleichstellung mit den ersten Mächten der Erde, ohne daß sie dafür irgend etwas geopfert hätten, ja im Gegenteil, sie eroberten sogar alle Verluste und Nachteile ihrer früheren Verträge zurück.

Diese politischen Siege wurden durch den erfolgreichen Krieg mit China erheblich gestärkt, er hat den Japanern Zuversicht in ihre militärische, den Europäern abgelauschte Organisation gegeben, er hat das Nationalgefühl gehoben, die Parteien dem Auslande gegenüber geeinigt, so daß Japan schon heute auf weitere Erwerbungen in Asien, auf festeres Auftreten gegenüber den europäischen Mächten spekuliert. Nichts bringt dies klarer zum Ausdruck als eine damalige Rede des früheren Ministers des Auswärtigen, Graf Okuma, in der es heißt:

„Die europäischen Mächte zeigen bereits Anzeichen des Verfalles, und das kommende Jahrhundert wird Zeuge sein von der Zertrümmerung ihrer Verfassung und dem Auflösen ihrer Reiche. Selbst wenn das nicht eintreten sollte, werden ihre Hilfsquellen durch die erfolglosen Versuche zur Kolonisation aufgebraucht sein. Wer soll dann ihr Nachfolger werden, wenn nicht wir? Welcher Staat, ausgenommen Deutschland, Rußland, Frankreich, Oesterreich und Italien, kann binnen einem Monat 200000 Mann ins Feld stellen? In Bezug auf intellektuelle Kraft ist der Japaner den Europäern in jeder Hinsicht gewachsen, ja, noch mehr. Haben die Japaner nicht die Vervollkommnung einer Erfindung zuwege gebracht, welche den Europäern trotz jahrelanger Arbeit nicht gelang? Unser Volk setzt durch die Vorzüge seiner Arbeit sogar das erste Arbeitsvolk, die Franzosen, in Erstaunen. Wahr ist es, unser Volk ist klein von Statur, aber die Ueberlegenheit des Körpers beruht nicht auf der Größe, sondern auf der Konstitution. Ist die Revision der Verträge vollzogen, und hat Japan China besiegt, dann sollten wir eine der ersten Großmächte der Welt werden, und keine andere Macht könnte sich in irgend eine Unternehmung einlassen, ohne zuerst uns zu befragen. Japan könnte dann mit Europa in Wettbewerb treten als der Vertreter der orientalischen Rassen.”

Diese Sätze geben viel zu denken, zumal die für Europa so ungünstigen Vertragsbestimmungen zur Einführung gekommen sind, und der Krieg mit China in der That den Japanern die leitende Stellung in Ostasien gegeben hat. Schon denkt es an das von Okuma angedeutete, wenn nicht klar ausgesprochene Zusammengehen der orientalischen Rassen, denn erst kürzlich drang die Nachricht zu uns nach Europa, daß Japan sich um den Abschluß eines Bündnisses mit China bemüht. Dieses ist durch das Einschreiten Rußlands vorläufig verhindert worden, aber schon der Versuch allein sollte dem Europäer zu denken geben. Schon haben beachtenswerte Gelehrte wiederholt die Ansicht ausgesprochen, daß unser Erdball niemals ganz durch das Abendland beherrscht werden wird und daß die Zukunft den orientalischen Rassen gehört, und wer diese letzteren, vor allem die Japaner und die Chinesen, kennen gelernt hat, der wird solche Ansichten leider nicht ohne weiteres von der Hand weisen können. Darüber, daß die europäischen Völker den orientalischen weitaus überlegen sind, herrscht wohl nirgends ein Zweifel, ebenso wahr ist es aber auch, daß die orientalischen Völker die fähigsten zum Ueberleben sind. Schon in der gewöhnlichen Lebenskraft stehen die abendländischen Völker weit hinter den Orientalen zurück. Die letzteren haben sich unsere so teuer erkauften Erfindungen und Errungenschaften ohne irgend welche Gegenleistung angeeignet und verwenden sie, ohne auch nur entfernt unsere Bedürfnisse zu haben. Der Lebensunterhalt eines Abendländers genügt für mindestens ein Dutzend Orientalen. Unser Lebens- und Ernährungsprozeß ist viel zu kostspielig, als daß wir in einem künftigen Wettlaufe mit den jetzt schon viel zahlreicheren Orientalen dort ganz sicher als Siegerhervorgehen sollen. Gerade in den künstlichen und kostspieligen Verhältnissen, welche mit unserer Ueberlegenheit verbunden sind, liegt unsere Schwäche. Wohl wird demgegenüber entgegnet, daß, je mehr die Orientalen sich unserer Kultur ergeben, auch ihre Bedürfnisse sich in demselben Maße steigern werden, wie es thatsächlich schon in Japan der Fall ist. Aber bleiben wir denn in dieser Hinsicht stehen? Steigern sich nicht auch vielleicht in noch größerem Verhältnis unsere Bedürfnisse? Man braucht nur an die Zeit unserer eigenen Väter zu denken, um zu sehen, wie sich unsere ganzen Lebensbedingungen verbessert, aber auch entsprechend verteuert haben, und wird das, wie bisher, nicht auch in Zukunft der Fall sein?

Die durch die Verträge mit Japan anerkannte Gleichstellung der Europäer mit den Japanern, die Unterstellung der ersteren unter die Gesetze der letzteren, die vermehrten Handelsbeziehungen mit Ostasien, die immer steigende industrielle Thätigkeit des Abendlandes und dementsprechend auch das Bedürfnis immer größerer Absatzgebiete, die Erwerbung von Kolonien in China und im Stillen Ozean und damit auch die gefährliche Nachbarschaft eines Reiches wie Japan bringt die vorhin ausgesprochenen Fragen der Gegenwart immer nachdrücklicher vor Augen. Nicht nur Ostasien ist in den Vordergrund gerückt, auch die Ostasiaten sind es, und es ist deshalb keineswegs zwecklos, noch einmal in die Warnungstrompete zu stoßen. Ein bißchen weniger Vertrauensseligkeit in Bezug auf die Orientalen wäre gewiß von größtem Nutzen. Man hat bisher wohl sehr viel mit den ostasiatischen Reichen sich beschäftigt, aber wenig mit dem eigenartigen, verschlossenen, schwer zu erfassenden Charakter ihrer Völker.


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