Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe.
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Wenn ich mir die vielen Länder, die ich in den verschiedenen Weltteilen gesehen habe, vor Augen zaubere, so kann ich doch keines finden, das sich an leidenschaftlichem Reiz, an idyllischer Schönheit mit dem Paradiese von Ostasien, mit Japan, vergleichen ließe, und in diesem letztern ist wieder die Inlandsee das Schönste.
Man denke sich den vielgerühmten Lago Maggiore mit Palanza und seinen Borromëischen Inseln hundertmal vergrößert, dann hat man ein annäherndes Bild der Inlandsee. Kein anderer Erdenstrich könnte den Vergleich mit ihr aushalten, und selbst der Lago Maggiore ist lange nicht so lieblich und zugleich großartig. Der großen Hauptinsel des japanischen Reiches, Hondo, sind gegen Südosten drei andere große Inseln vorgelagert, Kiuschiu, Schikoku und Awadschi, und zwischen ihnen breitet sich eine Wasserfläche von etwa 350 Kilometern Länge und zehn bis fünfzig Kilometern Breite aus, die mit der ungeheuren Wasserwüste des Stillen Ozeans nur durch schmale Straßen verbunden ist. Diese von den vier genannten Inseln umschlossene Wasserfläche ist die Inlandsee.
Auf meiner Dampferfahrt von Nagasaki nach dem in der letzten Zeit vielgenannten Schimonoseki bildeten einige Reisebeschreibungen über Japan meine Lektüre, und unwillkürlich mußte ich über die Ueberschwänglichkeit lächeln, mit welcher die Schönheiten der Inlandsee, deren Portierloge sozusagen Schimonoseki bildet, darin gepriesen werden. Allein die Wirklichkeit übertrifft thatsächlich alle Schilderungen. Schimonoseki selbst hat daran freilich keinen Anteil; ein kleines, bescheidenes Städtchen, der Hauptsache nach nur aus einer Straße bestehend, die sich auf zwei Kilometer längs des Nordufers der schmalen Meerenge hinzieht. Der Mastenwald von unzähligen Segelbooten entzog es unserem Anblick, so daß ich den Aufenthalt unseres Dampfers in der gegenüberliegenden großen, schwarzen Kohlenstation Modschi benutzte, um auf einer der flinken Dampfschaluppen, welche den Verkehr zwischen beiden Ufern der Meerenge besorgen, nach dem Städtchen zu fahren. Vor den Holzhäuschen und rings um die Warenhäuser herrschte reges Leben. Schimonoseki ist von der europäischen Kultur noch vollständig unberührt geblieben, und ganz wie vor der großen Revolution kleiden sich und leben die Einwohner auch noch heute. Selten wird es von Europäern besucht, kaum daß ein halbes Dutzend von Touristen in jedem Jahre in einem der kleinen urjapanischen Gasthöfe absteigt. Hinter dem Orte, die waldgekrönten Anhöhen hinauf, ist jedes Fleckchen Landes von den fleißigen Japanern bebaut worden, und auf beiden Seiten der Meeresküste bilden die zahlreichen, mit Kanonen besetzten Festungswerke die einzige Unterbrechung.
Die Schimonosekistraße mit ihren hohen, malerischen Uferbergen und der hier stets heftigen Flutströmung erinnerte mich lebhaft an den Rhein, etwa bei Bingen. DieBreite ist auch nicht viel größer, nur sind die Krümmungen stärker, so daß die großen Seedampfer mit besonderer Sorgfalt gelenkt werden müssen. Nach kurzer Fahrt treten die Ufer zurück, und wir befanden uns in dem am wenigsten schönen Teil des Binnenmeeres, der weiten, tiefblauen, spiegelglatten Suwo-Nada. Aber schon nach zweistündiger Fahrt sahen wir vor uns eine Anzahl von Inseln aus der Seefläche emporsteigen, und während der nächsten zwanzig Stunden kamen wir aus dem großartigen Insellabyrinth der Inlandsee gar nicht mehr heraus. Tausende und Abertausende von Inseln bedecken hier die Wasserfläche, Inseln in jeder Größe, bis zu kleinen, kaum einige Meter hohen Felsen, alle in so malerischen Formen und in so entzückender Gruppierung, daß man bei der Betrachtung dieser idealschönen Scenen in Bewunderung schwelgt. Die Passagiere unseres Dampfers blieben den ganzen Tag über auf Deck; vergeblich wurde der Gong zu den Mahlzeiten geläutet, und selbst als nach der entzückendsten, ewig wechselnden Beleuchtung die Sonne untergegangen war und schließlich Mond und Sterne auf dem Firmament erschienen, konnten sich nur die wenigsten entschließen, die Kojen aufzusuchen. An manchen Stellen befand sich unser Dampfer in einem Seekessel von zehn bis zwanzig Kilometer Durchmesser, auf allen Seiten von Land eingeschlossen, und nirgends war eine Durchfahrt zu entdecken. Hohe Bergketten erhoben sich kulissenförmig hintereinander, manche bewaldet, manche mit steilen, kühnen Vulkanspitzen; die weite Seefläche wurde von zahllosen Segelbooten durchfurcht, alle in alten malerischen Formen mit blendend weißen, viereckigen Segeln; ruhig wie Schwäne glitten sie einher und näherten sich unserem gewaltigen Dampfer; dann konnten wir auch die peinliche Reinlichkeit dieser nicht wie die Chinesenboote bemalten, sondern weiß gescheuerten Schiffe bewundern, deren Insassen ein geradezu ideales Leben von Ruhe und Behaglichkeit führen mochten. Zwischen den hoch aus dem Wasser ragenden Bootenden erhob sich auf den meisten eine kleine Kabine mit Wänden aus Bambusgeflecht, und im Innern lagerten die Insassen, ganze Familien, anscheinend unbekümmert um den häßlichen, schwarzen Rauch pustenden, lärmenden Riesendampfer, der die olympische Ruhe und Erhabenheit dieser einzig schönen Natur so rücksichtslos störte.
Auf solche scheinbar vollständig landumschlossene Seen folgten enge, von hohen Felseninseln eingefaßte Meerengen, die durch ihr heftiges, schäumendes Flutenspiel reißenden Bergflüssen glichen, und waren sie, nicht ganz ohne Gefahr für den Dampfer, passiert, so traten uns wieder die entzückendsten Inselgruppen vor Augen; die aus den blauen Fluten emporsteigenden Anhöhen waren bis hoch hinauf durch die fleißigen Inselbewohner in Terrassen geteilt worden, um die Bebauung zu ermöglichen; auf jeder Insel zeigten sich diese parallelen Terrassenlinien, während in den lauschigen, saftiggrünen Thälern, halb versteckt zwischen schattigen Hainen, die reinlichen Häuschen der Einwohner lagen. Zuweilen fuhren wir so nahe an ihnenvorbei, daß wir mit aller Deutlichkeit die Einzelheiten ihrer bescheidenen Haushaltungen wahrnehmen konnten; oder den Strand entlang zogen sich größere Städte hin mit Tempeln und Pagoden und regem Schiffsverkehr. Tempelchen und Heiligenschreine mit zahlreichen hochroten Opferthoren thronten auch auf den kleinsten Felseninselchen, gewöhnlich einzelne von ungemein malerischen, phantastisch geformten Fichten, deren lange, bis ins Wasser reichende Aeste von dem durch unseren Dampfer aufgeworfenen Wellenspiel bewegt wurden. Ueber dem ganzen entzückenden, stets wechselnden Bilde lag solcher Friede, solch Wohlbehagen, daß man am liebsten gleich hier ausgestiegen wäre, um inmitten dieses glücklichen Inselvölkchens den Rest seiner Tage zu verleben. Manchmal erinnerten mich gewisse Strecken dieses Binnenmeeres an die Azoren, an die schönen Sandwichinseln, Tausende von Kilometern weiter östlich, mitten im Großen Ozean gelegen; dann wieder an die Thousand Islands im St. Lorenzostrom, die ich so oft durchfahren hatte, oder an den herrlichen träumerischen Puget Sound im fernen Washington-Territorium. Wie die noch heute von Indianern bewohnten stillen Waldinseln dieser amerikanischen Inlandsee mochten die Inseln, an denen wir vorüberglitten, vor urdenklicher Zeit ausgesehen haben. Seit Jahrtausenden aber sind sie schon der Kultur unterworfen, und gerade diese Vereinigung von verständnisvoller Kultur und idealer Natur ist es, welche das Inlandmeer so reizvoll macht. Manche dieser Tausende von Inseln sind heilige Stätten der Japaner, so die Insel Miyadschima in der Nähe der großen Stadt Hiroschima. Ein einziger herrlicher Park mit riesenhaften, uralten Kryptomerien umgiebt die wunderbaren Tempel, denn an diese Baumriesen darf die Axt nicht angelegt werden; mitten unter den Pilgern ziehen die flüchtigen Waldbewohner, die Hirsche, umher und lassen sich mit der Hand füttern; nach einer uralten Vorschrift dürfen auf dieser heiligen Insel keine Geburten und keine Todesfälle vorkommen. Erwartet man solche Ereignisse, so werden die Betreffenden ans Festland geschickt.
Zu schnell vergingen uns Passagieren der Tag und die Nacht, und am nächsten Morgen sahen wir mit Bedauern das Ziel unserer Reise, gleichzeitig das Ende des Binnenmeeres, die weiße Stadt Kobe vor unseren Augen am Horizont auftauchen. Aber glücklicherweise wird dem Weltwanderer durch japanische Dampfer Gelegenheit geboten, die Inseln der Inlandsee zu besuchen und länger auf ihnen zu verweilen. Freilich sind diese Dampfer nicht solche europäischer Art. Nur der Schiffskörper und die Maschinen sind europäisch, alles Uebrige ist japanisch; der Reisende muß sich mit der recht frugalen japanischen Kost zufriedengeben, und will er seine Kabine betreten, so muß er sich zuvor seines Schuhwerks entledigen, gerade so, als würde er ein japanisches Haus besuchen. Aber wie gerne opfert man die gewohnte Bequemlichkeit, um diesen ostasiatischen Lago Maggiore zu besuchen und einige Wochen ungetrübten Glückes inmitten der entzückendsten Inselwelt des Erdballes zu verleben!
Obschon Kobe, nächst Yokohama der größte und besuchteste Seehafen des Mikadoreiches, ebenfalls zu den angenehmsten Orten des letzteren gehört, wirkte die Landung hier doch ernüchternd auf uns, als wären wir aus dem Olymp herabgestiegen mitten unter das prosaische, geschäftige europäische Erdenwallen. Kobe ist nämlich in der That nichts weiter als ein Stückchen Europa, an den Strand der größten Japaninsel Hondo versetzt. Freilich ein schönes Stück Europa, etwa ein Stück der Riviera, Mentone oder Bordighera. Eine schöne breite Straße mit Baumalleen und grünen Rasenflächen legt sich um die stets mit Hunderten von Dampfern und Segelfahrzeugen belebte Bucht, an der Landseite mit blendend weißen stattlichen Gebäuden besetzt, in deren Mitte stets die schwarz-weiß-rote Flagge auf dem deutschen Konsulate flattert. Am südlichen Ende dieser Häuserreihe ragt eine von einem Leuchtturm überhöhte Landzunge weit in die Bucht; sie wurde durch die Schlamm- und Steinmassen des zuweilen sehr wasserreichen Minatogawaflusses aufgeworfen, der hier an seiner Mündung die Grenze zwischen Kobe und der japanischen Zwillingsstadt Hiogo bildet. Indessen von einer Grenze zwischen beiden kann hier eigentlich nicht gesprochen werden, denn beide Städte sind durch ihre Interessen, durch ihren geschäftlichen Verkehr längst miteinander vereinigt, und die Ufer zu beiden Seiten des Minatogawaflusses, welche einst die Städte voneinander trennten, sind heute in reizende Parkanlagen verwandelt, ein beliebter Spaziergang der Europäer sowohl wie der Japaner.
Kobe ist ein Beispiel des in seiner Art geradezu amerikanischen Städtewachstums, das auch mehrere andere Orte Japans seit der großen Revolution aufzuweisen haben. Erst vor etwa vierzig Jahren kam der erste europäische Ansiedler nach dem öden Landstrich östlich des kleinen Städtchens Hiogo, den die Japaner für eine europäische Kolonie bestimmt hatten, und heute zählen Hiogo und Kobe zusammengenommen gegen zweihunderttausend Einwohner. Wie Yokohama, so hat auch Kobe seine englischen und deutschen Klubs, große vorzügliche Hotels ganz nach europäischer Art, Vereine, Gesellschaften und einen sehr bedeutenden Handel. Die Straßen Kobes übertreffen sogar jene von Yokohama an Breite und Reinlichkeit. Inmitten des seinem Aussehen nach lebhaft an den europäischen Süden gemahnenden Städtchens befand sich zur japanischen Zeit ein öder Fleck, der Richtplatz von Hiogo. Das Blut Hunderter von Opfern des Schlachtbeils hat den Boden hier gedüngt; an den Ecken des Platzes erhoben sich die hohen Stangen, auf welche die abgeschlagenen Köpfe, eine Beute für Geier, gesteckt wurden. Heute ist dieser Fleck in einen reizenden kleinen Park verwandelt, hinter welchem sich die Kobe umgebenden Anhöhen hinauf eine europäische Villenstadt befindet, die Wohnungen der Geschäftsleute, welche unten am Strande ihre Bureaus und Warenlager haben. Wer diese anmutige, belebte Hafenstadt durchwandert und sie mit ähnlichen Städten in Europa vergleicht, der würde ihre Einwohnerzahl auf mindestens mehrere tausend schätzen. Und docherreicht sie in Wirklichkeit nicht einmal achthundert, die Frauen und Kinder eingeschlossen. Man würde es nicht für möglich halten. Während meiner Anwesenheit fand in der hübschen Konzerthalle der Stadt ein Konzert statt; das Auditorium war mit Damen in den elegantesten Toiletten und Herren im Frack und weißer Binde vollständig gefüllt, als stände die Halle in Wien oder Berlin und nicht bei den Antipoden; ein ganz annehmbares städtisches Orchester begleitete die fremden Künstler, und das Publikum beklatschte Brahms und Schumann mit Enthusiasmus. Wie tagsüber in den Straßen, so herrschte auch abends in den Klubs reges Leben; besonders wenn fremde Kriegsschiffe im Hafen liegen, was sehr häufig vorkommt, geht es in diesen eleganten Lokalen sehr munter zu. Mein Zimmer im Oriental Hotel ging gerade auf den benachbarten deutschen Klub, und ich kann von diesem fröhlichen Treiben recht viel erzählen. Vor drei Uhr morgens konnte ich keine Nacht die Augen schließen; die Handvoll biederer Germanen machte auf der Klubterrasse bei schäumendem Münchener Faßbier genug Lärm für einen großstädtischen Turnvereinsabend. Die meisten Europäer, die nicht als Regierungsvertreter oder Missionare hier wohnen, sind Importeure, Seiden- und Theehändler. Mit Interesse besuchte ich eines der großen Thee-godowns, wo Hunderte von Japanerinnen bei kärglichem Tagelohn die Theeblätter in heißen Pfannen rösten; mit offenen Jacken, die Brust und Arme entblößt, stehen sie vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang an ihren Röstöfen und wenden mit den Händen die schmutziggrünen Blätter, die hauptsächlich in Nordamerika guten Absatz finden.
Das Schönste von Kobe ist seine Umgebung. Unmittelbar hinter der Stadt steigen eine Reihe von Bergen auf mehrere hundert Meter vom Meere empor, darunter sogar ein Bismarcksberg, wegen der drei einsamen, schlankstämmigen Bäume, die auf seinem kahlen Scheitel stehen, so genannt; diese Berge entlang ziehen sich prächtige Spaziergänge und führen zu schattigen Wäldern, Aussichtspunkten, Tempeln und Theehäusern. Der anmutigste Spaziergang ist wohl jener zu den berühmten Wasserfällen von Nunobiki, in deren Nähe man häufig große Affen herumklettern sieht. An den Wasserfällen spielt sich, besonders an Festtagen, ein gutes Stück japanischen, recht ursprünglichen Lebens ab. In den Tümpeln zu Füßen der Fälle baden sich nackte Männlein und Weiblein zusammen in rührender Ungeniertheit, in den Theehäusern tanzen die Maikos und singen die Geishas bei unvermeidlichem Samisengezupfe. Kaum wurden die Mädchen meiner oder irgend eines anderen Europäers gewahr, so ging der monotone Singsang los. Man hat die Mädchen hundertmal tanzen gesehen, das Pin-Pin der japanischen Guitarre tausendmal gehört, aber man läßt es doch immer wieder über sich ergehen. Japan ist eben das Land des Gesanges und des Tanzes.