Bei der Toilette.Japanische Frauentoilette.
Bei der Toilette.
Bei der Toilette.
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Einer der Hauptreize der Japanerin liegt wohl unbestreitbar in ihrer Toilette. Nicht in jener, die durch eine der unsinnigsten Verordnungen des neuen Japan aus unserer alten westlichen Welt auch in dem fernen Lande des Sonnenaufgangs teilweise zur Einführung kam, sondern in jener Toilette, die die Japanerin seit undenklichen Zeiten bis auf die Gegenwart beibehalten hat. In Japan sind die Toiletten glücklicherweise nicht so sehr den Launen der Prinzessin Mode unterworfen wie anderswo. Dort hat man niemals etwas von Krinolinen, von Puffenärmeln und Culs de Paris gehört, der Schwerpunkt der Damentoiletten springt nicht in jedem Jahre, in jeder Saison von oben nach unten, von hinten nach vorn. Die japanischen Damen tragen keine mit ausgestopften Vögeln, Flügeln von Käfern, Federn und anderen barbarischen Zuthaten geschmückten Hüte; sie durchlöchern sich ihre Ohrläppchen nicht, um sie mit schwerem Geschmeide aus Edelmetall und Steinen zu beschweren; sie schnüren ihre zarten Füßchen nicht in enge, drückende Schuhe, und was den Stahl- und Fischgrätenpanzer anbelangt, mit welchem die Damen anderer Länder ihre Leiber umspannen, um sich, nach dem Ausspruch eines chinesischen Mandarins, das Aussehen von Wespen zu geben, so sind ihnen dieselben vollkommen unverständlich.
Die Toilette der Japanerin ist, was ihre Zusammensetzung und ihren Zuschnitt betrifft, von klassischer Einfachheit; sie erinnert am ehesten an jene der Griechin aus der klassischen Zeit und ist vielleicht ebenso alt wie diese. Aber dabei ist sie im ganzen genommen schöner, denn zu den langen, faltenreichen Gewändern treten noch die Feinheit und Kostbarkeit der Stoffe und vor allem die herrlichen Farben, an denen sich das künstlerische Auge niemals sattsehen kann. Wer jemals in Tokio oder in der alten Hauptstadt von Dai Nipon, in Kioto, eines der zahlreichen Volksfeste mitgemacht hat, den wird neben der Anmut und Lieblichkeit der japanischen Frauen nichts so sehr in Entzücken versetzt haben wie diese zarten, duftigen, farbenreichen Trachten, die den Volksmassen, aus der Ferne gesehen, das Aussehen lebendiger Blumenbeete geben, umflattert von den herrlichsten Schmetterlingen. Den Flügeln der letzteren, den Farben der ersteren mögen die Japaner bei ihrem einträchtigen Zusammenwirken mit der sie umgebenden herrlichen Natur, ja ihrem vollständigen Aufgehen in derselben ihre Toiletten abgelauscht haben. Wie Blüten um den Stengel, wie die Flügel an den Schmetterlingen liegen diese reizenden bunten Trachten auf der Japanerin, und beinahe könnte man sagen, nur diese verleihen ihr jenen eigenen, seltsamen Reiz; ohne sie erscheint auch die Japanerin wie der Schmetterling ohne Flügel, denn sie ist im Gegensatz zu ihrer europäischen Schwester keineswegs von besonderer Körperschönheit.
Kein Wunder, daß die Japanerin auf ihre Toilette vielleicht noch mehr Wert legt als die Europäerin. Aber sie thut es naiver, unbewußter als besonders jene Erscheinungen des Fin de siècle, welche ein geistreicher Franzose mit dem Namen Demi-Vierges bezeichnet hat. Die Japanerin schmückt sich, um sich und den anderen zu gefallen, aber mit derselben Harmlosigkeit entkleidet sie sich auch dieses Schmuckes und zeigt sich, wie die Natur sie erschaffen hat. Badet sie, so thut sie es offen und findet jedes Kleidungsstück vollständig für überflüssig; ist sie zu Hause, so wird sie, der heißen Sommerzeit entsprechend, die langen Kimonos abwerfen und vielleicht nur einen Lendenschurz anbehalten; sie macht kein Geheimnis aus ihren Schönheitsmittelchen, aus Puder und Schminken, aus Pomaden und dergleichen; die Häuser, vornehmlich in den Landstädten und Dörfern, sind weit geöffnet, die Holz- und Papierwände sind zur Seite geschoben, um der Luft möglichst freien Durchzug zu gestatten, und das ganze Hauswesen, bis zu den hintersten Räumlichkeiten, liegt dem Auge des Spaziergängers offen da. Kein Wunder, daß der Reisende, vielleicht ohne es zu wollen, in die ganze weibliche Intimität der japanischen Haushaltung eindringen kann und alles dort tausendmal unbehindert sieht, was ihm im Abendlande immer streng verborgen bleibt. Er lernt die Japanerin nicht nur im Theater, im Theehause und auf Festlichkeiten kennen; er sieht sie bei ihren häuslichen Verrichtungen, bei der Toilette, ja selbst im Bade, und es kann ihm in den volkstümlichen Badeorten Japans, wie z. B. in Ikao, selbst begegnen, daß er bei seinemeigenen Bade von einigen reizenden Nymphen überrascht wird, die, ohne sich in ihrer Naivität das geringste dabei zu denken, das Bad mit ihm teilen. Mit Ausnahme der Hauptstadt baden beide Geschlechter in ganz Japan gemeinsam in öffentlichen Bädern, und eben der Umstand, daß sie von frühester Jugend daran ebenso gewöhnt sind, wie es vor ihnen ihre Väter und Großväter waren, läßt ihnen das Befremden der Europäer darüber ganz unverständlich erscheinen.
Der Schnitt der japanischen Damenkleider ist bei hoch und niedrig, bei arm und reich, bei jung und alt, im ganzen Lande der gleiche, und überall sind auch die Kleidungsstücke dieselben. Die kleinen drei- bis fünfjährigen Püppchen, die mit ihren rasierten Schädeln auf den Veranden, vor den Häusern oder auf der Straße ihren fröhlichen Schabernack treiben, sind gerade so gekleidet wie ihre Großmama. Der einzige Unterschied liegt in der Gattung und Farbe der Stoffe. Wie die Aristokratin der vornehmsten Fürstenfamilie zottelt auch das Mädchen aus dem Volke auf plumpen, schweren Holzsandalen einher, und ebensowenig wie die letztere trägt auch die erstere jemals eine Kopfbedeckung, es sei denn im Winter bei kaltem Wetter. Dann wird bei Ausgängen eine Art Kapuze über den Kopf gezogen.
Beginnt die Japanerin der mittleren und oberen Stände ihre Toilette, so wird sie zuerst den Yumodschi, ein weißes Tuch von der Form und Breite unserer Handtücher, aber von der doppelten Länge, um die Hüften winden und dann einen ziemlich knapp sitzenden Bademantel aus zartem, hellfarbigem Seidenkrepp mit weiten Aermeln, den sogenannten Dschiban, anziehen. Dieses reizende, den ganzen Körper bis zu den Füßen leicht verhüllende Kleidungsstück vertritt bei den Töchtern Nipons unsere Hemden. Im Winter wird darüber noch ein zweites wollenes Unterkleid, Schitagi genannt, getragen, im Sommer aber folgt auf den Dschiban gleich der Kimono, das äußere Kleid. Alle drei, Dschiban, Schitagi und Kimono, sind ganz von demselben Zuschnitt und passen so genau in- und aufeinander wie die bekannten japanischen Schachteln. Der Kimono ist aber stets aus viel kostbarerem Stoff als die Unterkleider, und auf ihn wird von der Japanerin viel mehr Sorgfalt verwendet; denn an der Farbe, an dem Stoff und an der Ausschmückung desselben erkennt man die gesellschaftliche Stellung, ja selbst das Alter der Trägerin. Zu Hause werden einfache Kimonos aus gewöhnlichen Stoffen getragen, für Ausgänge und Festlichkeiten solche aus Seide oder Seidenkrepp, und für besondere Feierlichkeiten dienen Kimonos aus den kostbarsten, schwersten Brokatstoffen, in so herrlichen Mustern, mit so zarten und dabei reichen Stickereien, wie sie in Europa höchstens für die Prunkgewänder von Kirchenfürsten Verwendung finden. Wer in den achtziger Jahren das Glück gehabt hat, einer Festlichkeit bei Hofe beizuwohnen, etwa wie den berühmten Chrysanthemumfesten in den kaiserlichen Gärten, dem wird dasselbe wie ein Feenmärchen in der Erinnerung schweben. Inmitten des entzückendsten Blumenflors, wo Zehntausende der herrlichsten Chrysanthemen in allen erdenklichenFarben im Sonnenlichte prangten, wogten Hunderte japanischer Damen, selbst blumengleich, auf und nieder, und ihre lang wallenden Kleider wetteiferten mit den Blumen an Farbenreichtum; nur verging jener der letzteren mit den kalten Wintertagen, während die Gewänder der japanischen Aristokratie für die Ewigkeit gewebt zu sein scheinen. Von Generation zu Generation wurden diese Gewänder fortererbt bis auf den heutigen Tag, wo eine kalte, herzlose Verordnung der japanischen Regierung sie fortdekretiert hat, um sie durch die reizlosen Trachten der Europäerin zu ersetzen. Die Prachtkimonos, in Farbe und Zeichnung wahre Gedichte, wanderten zu den Händlern und durch diese in die Museen und Privatsammlungen Europas, wo sie heute das Entzücken aller Kunstfreunde erregen. Jede vornehme Japanerin besaß eine ganze Auswahl solcher Prunkgewänder für jede Jahreszeit. Standen die Pfirsich- und Kirschbäume in Blüte, dann trug sie einen Kimono über und über mit den gleichen Blüten gestickt; kam die Zeit der Chrysanthemen, dann vertauschte sie dieses Gewand mit einem anderen, welches in zartester Seidenstickerei nur Chrysanthemen zeigte, und so wechselten die Gewänder der Frauen, dieser menschlichen Blüten, je nach den Blütezeiten in der japanischen Flora. Aber nur bei Gesellschaften und festlichen Anlässen wurden und werden vielfach heute noch diese Gewänder getragen. Im gewöhnlichen Leben und auf der Straße sind die Kimonos der Damen viel einfacher, leichter, ruhiger in der Farbe, ohne Blumen und Stickereien. Die einzige Ausschmückung, welche diese Straßenkimonos zeigen, sind die auf dem Nacken und den Aermeln in weißer Farbe aufgestickten Wappen der Trägerin.
Nur die Kinder werden auch im gewöhnlichen Leben in die buntesten Kleider gesteckt; in allen Farben des Regenbogens prangen ihre Kimonos, geschmückt mit großen, auffälligen Stickereien. Je älter das Kind, desto zarter werden die Farben, desto kleiner die Muster, und die jungen Damen tragen nur einfarbige helle Kimonos, zumeist zart rosenrot, lichtblau, lila oder taubengrau, das heute die fashionable Farbe zu sein scheint. Je älter die Dame, desto dunkler wird die Nuance des Kimono, ohne jemals ganz schwarz zu werden.
Aber es giebt doch eine Klasse von Frauen, welche sich darin gefallen, auch im gewöhnlichen Leben die geschilderten reichen Trachten zu tragen, ja jene der vornehmen Welt darin zu überbieten: die Sängerinnen und Tänzerinnen, jene leichtlebigen originellen Geschöpfe, welche bei den Japanern eine so große Rolle spielen.
Haartrachten der Japanerinnen.❏GRÖSSERES BILD
Haartrachten der Japanerinnen.
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Der Kimono wird um den Leib durch ein breites Band, den Obi, zusammengehalten, und auf dieses Band verwenden die Japanerinnen aller Stände die größte Sorgfalt. Der Obi ist ihr größter Stolz, ihr Reichtum. Der Reisende, welcher in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in Japan auf der Straße oder im Eisenbahnwagen, in Theehäusern oder im Theater Japanerinnen sieht, wird von diesem Kleidungsstück nicht sonderlich erbaut sein, denn wie eine wattierte Leibbinde, stets von dunklerer Farbe als der Kimono, umgürtet der Obi den zarten Leib derJapanerin, um sich rückwärts zu einem Cul de Paris aufzubauschen, der mit einem großen Kopfkissen verzweifelte Aehnlichkeit hat. Wären die Obis weiche, schmale Schärpen, wie sie die Männer in Japan um ihren Kimono tragen, das Aussehen der Japanerin würde dadurch entschieden gewinnen. Der Obi ist ein drei bis vier Meter langes und etwa einen Meter breites, viereckiges Stück Stoff, aber stets von der schwersten Seide und so kostbar, wie ihn die Trägerin nur erschwingen kann. Es giebt Obis, welche Hunderte von Mark kosten, und gewöhnlich ist der Preis dieses Gürtelbandes höher als jener aller anderen Kleidungsstücke, welche die Japanerin trägt, zusammengenommen. Um den Obi anzulegen, ist immer die Hilfe einer zweiten Person erforderlich, und es scheint in der That eine wahre Kunst zu sein, den Obi zu knüpfen. Zunächst wird über die langen, faltenreichen Kleider eine Schärpe aus Krepp, der Hoso-Obi, gebunden, dann wird der Obi der Länge nach zu einer etwa fußbreiten Schärpe zusammengefaltet und mit der Faltung nach oben der Japanerin zwei- bis dreimal um den Leib gewunden. Die Enden werden rückwärts in kunstvoller Weise zu einer riesigen Masche gebunden, und diese zwölf bis fünfzehn Lagen des ungemein schweren, dicken Stoffes bilden eben das eigenartige Kissen, das die Japanerin unter ihrem Rücken trägt. Um seinerseits wieder den Obi zu halten, wird darüber ein elastisches dünnes Seidenband mit kleinen kunstvollen Goldschließen an den Enden, das Obi-dome, gebunden. In den Falten des Obi verbirgt die Japanerin eine ganze Menge kleiner Artikelchen, die sie stets bei sich zu tragen pflegt, und was im Obi nicht Platz findet, wird in die weiten, sackartig herabfallenden Aermel des Kimono gesteckt. Da sind zunächst die kleinen, weichen Papierchen, welche die Japanerin statt des Taschentuches zu benutzen pflegt; ferner Pfeife, Tabaksbeutel und Zündholzschachtel, denn die Töchter Japans sind eingefleischte Raucherinnen und ziehen alle Augenblicke die winzigen Pfeifchen mit den fingerhutgroßen Köpfen und bleistiftlangen Stielen hervor, um sich diesem Genuß hinzugeben. Dann kommen allerhand Toilettenartikel, Kamm, Nadeln, Puderbüchse, Schminkkästchen, Schwärzestifte für die Augenbrauen, ein kleines Spiegelchen und schließlich der unentbehrliche, allgegenwärtige kleine Papierfächer.
Haartracht einer Japanerin.
Haartracht einer Japanerin.
Noch häßlicher als der Obi erscheint dem Europäer die Fußbekleidung der Japanerin. Diese zarten, ätherischen, reizenden Geschöpfchen gehen ihr ganzes Lebenlang auf schweren Holzschuhen einher. Schon in den ersten Jahren ihrer Kindheit werden ihre winzigen Füßchen in zolldicke Holzsandalen gesteckt, die durch Lederstreifen an den Füßen festgehalten werden, und ein anderes Schuhwerk bleibt ihnen bis zu ihrem Tode unbekannt. Die Japanerin trägt keine Strümpfe. Ihre Waden bleiben nackt, und gehen sie im warmen Sommer in den Straßen oder den schattenreichen städtischen Parks spazieren, dann legen sie wohl auch ihre Kimonos über den Arm und zeigen mit rührender Unverfrorenheit ihre Beine. Aber auch bei herabfallenden Kimonos öffnen sich diese Gewänder beim Gehen und enthüllen die Beine mehr oder weniger bei jedem Schritte. An Stelle der Strümpfe trägt die Japanerin ganz kurze, etwa bis über die Fußknöchel reichende Leinen- oder Seidensocken mit einer Abteilung für die große Zehe und fester Sohle aus dickem Baumwollstoff. In ihren Häusern, im Theater, in Tempeln und Theehäusern gehen die Japanerinnen nur in diesen Socken einher, und die Holzsandalen bleiben vor der Thüre stehen. Treten sie auf die Straße, so schlüpfen sie mit ihren Füßen wieder in die schweren Klötze und schleifen damit mühsam und mit gebeugten Knien, vornüber geneigt, einher. Stehend oder sitzend ist die junge Japanerin von unsagbarem Reiz, der aber sofort verschwindet, wenn sie auf der Straße einherschlürft.
Man geht in Europa fehl, wenn man glaubt, die Verordnung der japanischen Regierung hätte im Volke irgendwelche Wirkung gehabt und das alte Japan hätte seine bisherigen malerischen Trachten modernen Kleidern, Miedern, Federhüten und Stöckelschuhen geopfert. Ausschließlich bei Hofe werden diese Produkte der europäischen Modeknechtschaft getragen, und die in solcher Maskerade erscheinenden Damen mögen wohl als abschreckendes Beispiel für all ihre nicht hoffähigen Schwestern gedient haben, denn, der Vorsehung sei es gedankt, man begegnet in Japan, wohin man auch reisen mag, in Städten und Dörfern, bei hoch und niedrig, nur japanischen Toiletten. Statt dieselben durch europäische ersetzt zu sehen, müßte man eigentlich herzlich wünschen, daß der japanische Kimono, aber ohne Obi und Holzsandalen, im Abendlande Einführung fände.
Mädchentrachten; Rückenansicht.❏GRÖSSERES BILD
Mädchentrachten; Rückenansicht.
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