Beim Musizieren.Japanische Musmis.
Beim Musizieren.
Beim Musizieren.
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Lustige Weiber in der That! Lustig und dabei neckisch, kokett, hübsch und zärtlich, reizende Wesen, wie geschaffen, dem Manne das Leben zu versüßen. Fragt man einen Weltfahrer, welches Land ihm vor allen am besten gefallen hat, so wird er gewiß zur Antwort geben: Japan; und fragt man ihn, was ihm in Japan am besten gefallen hat, so ist die gewöhnliche Auskunft: die Japanerinnen.
Das beste dabei ist, daß er in neun Fällen unter zehn die wirklichen Japanerinnen gar nicht kennen gelernt, vielleicht gar nicht gesehen hat. Wie die Frauen der besseren Stände bei den meisten orientalischen Völkern, so bleiben diese auch in Japan dem öffentlichen Leben fern; selten erscheinen sie auf der Straße, selten bei gesellschaftlichen Anlässen, und jene, mit denen der Europäer in Japan in Berührung kommt, sind höchstens die Frauen der Minister, des Adels und der Hofwürdenträger; aber diese haben in den meisten Fällen dem alten Japan Adieu gesagt und sich dem neuen europäisierten Japan angeschlossen, prangen in Federhüten, Miedern und Stöckelschuhen, sprechen fremde Sprachen und tanzen Walzer und Quadrille. Der Europäer, der Japan bereist, und mag er sich auch Jahre in diesem herrlichen Lande aufhalten, lernt gewöhnlich nur die Frauen aus dem Volke kennen, die Verkäuferinnen und Ladenmädchen, die Wirtinnen und Kellnerinnen in den Theehäusern,die Sängerinnen, Tänzerinnen und andere. Wird er von irgend einem Japaner der besseren Stände zum Diner oder Thee geladen, so geschieht dies in der Regel nicht in dem Wohnhause des Japaners, sondern in irgend einem Theehause, und an die Stelle der Hausfrau mit ihren Töchtern treten Mädchen, die um so und soviel die Stunde gemietet werden, um den Gästen die Honneurs zu machen und durch Witz, Munterkeit, Gesang und Tanz die Zeit zu vertreiben. Die Japanerinnen sollten diesen kleinen, zierlichen Demoiselles zu Dank verpflichtet sein, denn wer weiß, ob sich die Frauenwelt von Dai-Nipon in Europa eines so liebenswürdigen Rufes erfreuen würde, wenn sie dem reisenden Europäer in allen ihren Ständen und Gesellschaftsklassen gerade so zugänglich wäre wie jene von, sagen wir, Amerika. Vielleicht wäre dieser Ruf auch nicht so, wie er ist, wenn die Japaner es den Europäern gleichthun und zu den Verrichtungen in Kaufläden, in Hotels und Theehäusern Damen von gesetztem Alter, ehrbare, gesittete Hausfrauen, ungeschlachte Dienstboten aus den Dörfern herbeiziehen würden. Was dem europäischen Reisenden in den ihm offenstehenden Lokalen entgegentritt, sind durchwegs niedliche, junge Mädchen im Alter von zehn bis siebzehn, höchstens zwanzig Jahren, so zart und hübsch und appetitlich wie Meißner Porzellanfigürchen, denen die gütige Vorsehung Seele und Leben eingeflößt hat. Ganz Japan sieht in seinen Provinzhotels und Theehäusern aus wie ein großes Mädchenpensionat, und es müßte schon ein ganz verzweifelt hoffnungsloses Exemplar von vertrocknetem Gelehrten sein, das in so reizend schäkernder, naiv spielender Umgebung nicht außer Rand und Band geriete. Kommt man da in irgend ein Provinzialhotel, so trippeln geschäftig drei, vier, fünf kleine possierliche Jüngferchen herbei und werfen sich vor dem Fremdling nieder. Mit unnachahmlicher Grazie sinken sie auf ihre Knie, legen ihre Körperchen zurück, so daß sie auf ihren Waden sitzen, und machen dann ihre Verbeugung so tief, daß sie mit ihrem Näschen beinahe den Boden berühren. Welch beneidenswerte Gelenkigkeit! Dann raffen sie sich wieder auf, nehmen dem Gaste mit reizendem Lächeln seine Gepäckstücke und Siebensachen ab und rücken ein weiches Kissen zurecht, auf dem er Platz nehmen muß. Flink wirft sich wieder ein Jüngferchen vor seine Füße auf den Boden und löst ihm die Schuhe von den Füßen. Man ist ganz beschämt. Solch zarte winzige Händchen und so schwere, plumpe, schmutzige Stiefeln! Aber da hilft kein Sträuben. Kichernd und schelmisch führen sie dann den Fremden auf die glänzenden, blank geputzten Matten oder auf einem Holzfußboden, so schön wie ein Klavierdeckel, weiter, schieben einige Holzrahmen mit weißem Papier überspannt zu einem Viereck zusammen, so daß ein Kämmerchen daraus entsteht, und man ist auf seinem Zimmer. Natürlich keine Thüre, keine Nummer, kein Schloß und Riegel, keine Fenster. Die spanischen Wände werden alle Augenblicke von den kleinen, stets lächelnden Mädchen auseinandergeschoben. Fräulein Sonnenschein trägt einen Kimono, dieses bequeme Universalkleidungsstück Japans, Fräulein Mohnblüte bereitet das Nachtlager, Fräulein Frühling richtet das Bad zurecht und hilft einem beim Auskleiden. Nein, so eine Naivität! Odysseus ist auf seiner Insel nicht so herrlich aufgehoben gewesen wie der Reisende in Japan. Man dünkt sich wie der einzige Mann in einem Reiche voll hübscher, junger Frauen. Ist man nach dem Bade in seinen Kimono geschlüpft, so wird die ehrenwerte Mahlzeit aufgetragen. Ein Fräulein trägt den ehrenwerten Tobakomon mit dem Hibatschi herbei, d. h. ein Kästchen mit glimmender Kohle und einem Aschenbecher, denn es wird vorausgesetzt, daß jedermann Raucher ist. Dann wird ein winziges, niedriges Tischchen herbeigetragen mit allerhand japanischen Leckerbissen und dem unfehlbaren Tscha, d. h. Thee. Tische, Stühle, Fauteuils nach unserer Art sind natürlich nicht vorhanden; dafür giebt es schwellende Kissen auf dem Boden, und man muß lernen auf seinen Waden zu hocken. Geräuschlos schlüpfen die kleinen Musmis aus und ein, richten die blendend weißen Eßstäbchen zurecht, gießen aus Porzellanflaschen warmen Reiswein in die Schalen und machen sich in jeder erdenklichen Art nützlich. Man kann nichts thun, ohne eine Musmi an seiner Seite zu haben, selbst in dringenden Fällen, wo man allein sein will. Sie sind wie Peter Schlemihls Schatten fortwährend auf unseren Fersen. Ob man ehrenwerte Musik hören will? Natürlich. Arigato, danke. Sofort treten ein paar kleine liebliche Mädchen vor, eine hübscher, putziger als die andere. Sie kauern sich an der Papierwand gegenüber auf die Fersen, nehmen den Samisen, d. h. die japanische Guitarre, oder den Koto (eine Art Zither) zur Hand und zupfen ohne Unterlaß an den Saiten herum. Ob man einen ehrenwerten Tanz sehen will? Gewiß. Eine oder zwei Tänzerinnen huschen herein, phantastisch aufgeputzt in reichen, goldstrotzenden Gewändern und tanzen.
Nacht. Man hat sich endlich, ganz verwirrt von dem liebreizenden Empfang, auf die harte Matratze zwischen den vier Papierwänden hingestreckt und muß sich wahrhaftig in die Beine zwicken, um zu sehen, ob man nicht träumt, ob dieses Schlaraffenleben Wirklichkeit ist. Draußen auf der Veranda brennt ein Licht in einem farbigen Lampion; aus der Ferne hört man Gesang und frohes Gelächter, dazu überall das Gezupfe auf den Samisen; zuweilen huscht ein Schatten an den durchscheinenden Papierwänden vorbei. Wer nur in den Nebenräumen schlafen mag? Man braucht ja bloß die Wände auseinanderzuschieben, nur ein klein wenig, ja nicht einmal das. Das Papier ist ja leicht mit dem Finger zu durchstechen. Richtig, da ist es schon. Andere haben denselben Gedanken gehabt. Ein leichtes Geräusch am zerreißenden Papier, ein einziges Fingerchen hat sich den Weg in unser Schlafgemach gebrochen, verschwindet, und in der Oeffnung erscheint ein schwarzes, glänzendes, neugieriges Auge. Kracks. Noch ein zweites Loch, ein zweites Auge. Was doch die Japanerinnen neugierig sind! Auf einer Seite im Nebenraume ein leichtes Seufzen, ein Klopfen, wie wenn ein Kapellmeister seinem Orchesterabklopft. Leichter Tabakgeruch dringt zwischen den Spalten in unser Gemach. Wir sind aber auch neugierig. Wer da wohl drinnen sein mag? Mit dem Taschenmesser wird mäuschenstill ganz unten am Boden ein Loch durchs Papier geschnitten, da hockt ein Musmi in recht, recht leichter Kleidung vor ihrer Matratze und schmaucht noch vor dem Schlafengehen ein winziges Pfeifchen, nicht größer als ein Bleistift mit einem aufgesetztem Fingerhütchen. Ein, zwei tiefe Züge, dann klopft sie das Pfeifchen an dem Hibatschi wieder aus und steckt eine Kleinigkeit Tabak, den sie zwischen den Fingern zu einer Erbse gedreht hat, in den Fingerhut. So raucht sie fünf, sechs Pfeifchen, legt sich dann auf die Matratze, schiebt sich den kleinen, ziegelgroßen Holzklotz, der ihr als Kopfkissen dient, vorsichtig unter den Nacken, damit ja ihre sorgfältige Haarfrisur nicht in Unordnung gerät, und zieht eine dicke, geblümte Decke über das winzige Körperchen. Gute Nacht! Ob sie wohl ahnt, daß neben ihr ein Europäer weilt? Ob sie seinen Seufzer gehört hat? Alle Japanerinnen sind doch nicht neugierig. Sie schläft.
Am Morgen wieder dieselbe Geschichte. In Japan kennt man kein Anklopfen an die Thüre, kein Hereinrufen. Man mag gerade bei den privatesten Toilette-Angelegenheiten sein, die Papierwände werden auseinandergeschoben, frei und mit dem freundlich warmen Sonnenlichte dringt auch Fräulein Frühling wieder lächelnd ein. Das Bad ist bereit, der Frühstücksthee u. s. w. Während dieser Zeit werden die Matratzen wieder zusammengerollt und fortgetragen, die Effekten und Toilettesachen eingepackt, die Papierwände auseinandergeschoben, der Boden geputzt und geglättet wie ein Spiegel, nicht ein Stäubchen ist zu sehen. Mittags gemeinschaftliche Mahlzeit mit Japanern und Japanerinnen; der Tschau (d. h. die Speisen) werden in der Mitte des Raumes auf kleinen Tischchen aufgetragen, alles unter fortwährenden, tiefen, zeremoniösen Verbeugungen, als wären die Gäste lauter Könige.
Der große, niedrige Raum ist nach allen Seiten offen; vorne blickt man auf die Straße, hinten auf ein Gärtchen mit sorgfältig besandeten Wegen, grünem Rasen und kurios geschnittenen Bäumchen. In der Mitte, gerade vor der japanischen Table-d’hôte-Gesellschaft, ist ein kleiner Wassertümpel mit klarem Wasser, von künstlichen Felsen umgeben. Während wir essen, kommt da ein Japaner durch den Garten geschritten, wirft seinen Kimono ab und steigt splitternackt, gerade wie er erschaffen, in die kühle Flut. Nachdem er einigemale untergetaucht, kommt er wieder ans Land, stellt sich angesichts der Frauen und Mädchen und der kleinen, vierzehn- bis sechzehnjährigen Musmis hin und reibt sich mit Tüchern die Nässe vom Leibe. Welches Ach und Shoking, welcher Anlaß zu Ohnmachtsanfällen und welcher Aufwand an Riechfläschchen, Taschentüchern und dergleichen gäbe es doch in Europa! Hier kümmert sich kein Mensch um ihn; man sieht ihn gerade so, wie man die Bäume und den Himmel sieht, aber niemandes Blicke bleiben länger auf ihm haften; kein Augenpaar wird züchtig errötend niedergeschlagen. Und als er sich endlich zuuns setzt, um seinerseits das Tiffin (Vormittagsmahl) einzunehmen, geschieht dies unter gegenseitigen zeremoniösen Verbeugungen.
Wir wollen das Hotel verlassen. Vor dem erhöhten Fußboden der weiten Halle, die das Hotel eigentlich bildet, stehen zwischen Dutzenden von Getas, d. h. japanischen Holzpantoffeln, auch unsere Schuhe. Diensteifrig eilen die kleinen Mägdlein wieder herbei, um uns beim Anziehen derselben behilflich zu sein, und als wir uns zum Fortgehen wenden, fallen sie wieder auf die Erde. Sayonara, Sayonara tönt es von ihren ewig lächelnden Lippen.
Diese Musmis sind nur die bescheidensten weiblichen Wesen, mit denen der Europäer in Japan in Berührung kommt. Die nächst höhere Klasse sind die Maikos und Geishas. Während bei uns bekanntlich alle Frauen uns das Leben versüßen und angenehm machen, giebt es in Japan dafür professionelle Versüßerinnen in der Gestalt zahlloser Tänzerinnen und Sängerinnen, die jede Stadt ohne Ausnahme aufzuweisen hat. Tokio und Kioto, die neue und alte Hauptstadt von Dai-Nipon, allen voran, was ihre Zahl anbetrifft, aber jene, welche die größte Künstlerschaft besitzen und im Lande am berühmtesten sind, wird man in Osaka und Nagoya finden. Sie sind nicht etwa bestimmten Theehäusern, Theatern, Klubs oder Vergnügungslokalen zugeteilt wie unsere Volkssängerinnen, Dämchen des Corps de Ballet, Soubretten und dergleichen, sie bilden auch keine Gesellschaften oder Wandertruppen, die in Variététheatern, Cafés chantants oder Tingeltangeln ihre Kunst zum besten geben, sondern wohnen in der ganzen Stadt verteilt bei ihren Lehrmeistern oder Eltern und lassen sich für ein, zwei Stunden zu bestimmten Festlichkeiten oder Anlässen anwerben. Die jüngsten unter ihnen sind gewöhnlich die Maikos (Tänzerinnen), und erst, nachdem diese einige Jahre durch ihren Tanz die vergnügungslustige Männerwelt entzückt haben, werden sie Gaishas (Sängerinnen). Als solche bleiben sie bis zu ihrem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Lebensjahreen vogue, um dann allmählich anderen, jüngeren Platz zu machen und zu verschwinden. Sie sind eine Eigenart von Japan. Ich habe ähnliche, wenn auch nicht so reizvolle, professionelle Gesellschaftsdamen nur noch in Korea und China getroffen, sonst nirgends auf dem Erdkreis. Ohne sie kann man sich Japan nicht gut denken. Während die Musmis in den Hotels und Theehäusern nur für die persönliche Bequemlichkeit der Besucher Sorge tragen, erheitern die Maikos sie durch ihren Tanz und ihre dramatischen Darstellungen, die Geishas aber vertreiben ihnen durch ihren Witz, ihren Gesang und ihre klassische Bildung in der angenehmsten Weise die Zeit. Als reizende Zugabe besitzen alle drei Klassen, Musmis, Maikos und Geishas, stets Jugend und Schönheit.