Chinesische Spielkarten.Macao.
Chinesische Spielkarten.
Chinesische Spielkarten.
I
In Hongkong wurde mir der Besuch von Macao von jedem Menschen, mit dem ich darüber sprach, abgeraten. Macao sei heute ein altes, dem vollständigen Verfalle rasch entgegeneilendes Nest ohne irgendwelches Interesse. Was in Macao zu sehen wäre, würde man viel besser in Hongkong selbst, oder in der berühmten Zweimillionenstadt Canton sehen, und jeder Tag, den man Macao widme, sei ein verlorener Tag. Hongkong hatte eine Zeit lang gute Ursache, auf die alte Portugiesenstadt an der Mündung des Perlflusses eifersüchtig zu sein, damals, als es selbst noch in den Kinderschuhen steckte, während Macao der größte und herrschende fremde Hafen von China war. Aber diese Zeiten sind vorüber, und die guten Hongkonger sollten den von ihrer Größe gefallenen Rivalen ein freundlicheres Andenken bewahren. Es thut besonders den Chinesen gegenüber nicht gut, wenn Europäer verschiedener Nationen so schlimm voneinander sprechen, wie es die Bewohner Hongkongs von jenen Macaos thun. Dieser Zwiespalt und diese kleinlichen Eifersüchteleien waren schon vor dreihundert Jahren die Ursache, daß sich die Chinesen die unangenehme streitsüchtige Gesellschaft verbaten und sich gegen alle Europäer ohne Unterschied der Nation absperrten. Ohne sie wäre China vielleicht schon seit Jahrhunderten geöffnet und dem europäischen Verkehr ergeben.
Ich ließ mich von den Hongkongern nicht abhalten, Macao doch einen Besuch zu machen, denn Macao ist nicht allein eine Stadt von größtem historischen Interesse, sondern hat auch heute noch unableugbare Bedeutung. Wohin mich meine Reisen in Ostasien auch führen mochten, von Singapore und Batavia bis nach dem nördlichen Japan und Korea, überall traf ich Portugiesen aus Macao als Geschäftsleute an. Sie waren nicht immer reine Portugiesen, sondern vielfachvermischt mit chinesischem, arabischem, malayischem, japanischem Blut, eine merkwürdig abenteuerliche, unstäte, leidenschaftliche Mischlingsgesellschaft, aber man nennt sie in Ostasien doch allgemein, wenn auch mit Unrecht, Portugiesen und giebt Macao als ihre Heimat an.
Macao wurde schon im Jahre 1557 von den Portugiesen gegründet, die, damals auf ihrer kommerziellen Höhe stehend, den Handel nicht nur mit China, sondern mit der ganzen ostasiatischen Welt beherrschten. Durch die Schaffung eines festen Stützpunktes in China waren ihnen die Mittel in die Hand gegeben, diese Herrschaft auch in späteren Zeiten aufrecht zu erhalten. Aber sie haben es nicht verstanden. In ihrem Uebermut, in der Leichtigkeit, mit welcher sie damals große Vermögen erwerben konnten, in dem Bewußtsein ihrer militärischen Kraft gegenüber den ostasiatischen Völkern ließen sie sich zu unvernünftigen Bedrückungen, Roheiten und willkürlichen, ungerechten Schritten verleiten. Als die Holländer und Engländer in Ostasien erschienen, wurden mit diesen Händel angefangen, statt einig mit ihnen vorzugehen, wie es heute geschieht, und diese unkluge, abenteuerliche Politik hat dem europäischen Handel einen Schaden zugefügt, der in seinem Umfang ganz unberechenbar ist. Ist Macao die Wiege dieses Handels zwischen Europa und Ostasien, so ist es auch gleichzeitig sein Grab, und die heutige verfallene Portugiesenstadt im Süden Chinas zeigt in ihren verlassenen Warenhäusern und vereinsamten Palästen die Grabsteine ihrer einstigen Größe. Hongkong und Canton haben die Erbschaft angetreten. Die Tausende von Schiffen, welche jährlich in die weite Bucht des Perlflusses einlaufen, dampfen an Macao vorüber, um ihre Schätze in dem englischen Emporium abzuladen, das auf der östlichen Seite dieser Bucht, Macao gegenüber, liegt. Mit Macao wird nur noch spärlicher Verkehr unterhalten. Täglich läuft ein kleiner Dampfer von Hongkong in mehreren Stunden nach der Portugiesenstadt, um am nächsten Tage nach Hongkong zurückzukehren. Leicht könnte der Ausflug in einem Tage gemacht werden, wenn nicht zwischen den Schiffskapitänen und den Hotels von Macao ein zärtliches Einvernehmen bestände, durch welches die Besucher dieser portugiesischen Kolonie veranlaßt werden, dort eine Nacht zuzubringen. Aber diese gewährt ihnen dafür Gelegenheit, eine der interessantesten Eigenheiten Macaos kennen zu lernen, nämlich die zahlreichen Spielhöllen. Sie haben Macao zu dem Namen „das Monte Carlo von Ostasien”, dem berüchtigten Baccaratspiel zu dem Namen „Macao”, den Dampfern zu dem Spitznamen „Gambling Steamers” und,last not least, der Verwaltung von Macao zu der reichsten Einnahme verholfen.
Wenn man sich nach zuweilen recht stürmischer Fahrt zwischen zahlreichen Dampfern, chinesischen Dschunken und Fischerbooten hindurch Macao nähert, so gewährt diese Stadt einen ungemein malerischen, um nicht zu sagen großartigen Anblick. Amphitheatralisch ziehen sich die Häuser, überhöht von zahlreichen Kirchen und Türmen,eine sanfte Anhöhe empor, gegen die Küste zu von einer Palastreihe begrenzt, wie sie wohl keine andere Stadt Chinas aufzuweisen hat. An beiden Enden von alten Festungswerken beschützt, zieht sich diese Praya grande anderthalb Kilometer dem Meeresstrand entlang, das Regierungsgebäude, das Rathaus und andere öffentliche Gebäude enthaltend. Leider können die Passagiere größerer Dampfer das herrliche Panorama der Stadt mit ihrem Kranz grüner Berge dahinter nur aus der Ferne bewundern, denn der Hafen versandet immer mehr und ist nur kleinen Dampfern, sowie Dschunken zugänglich. Die großen Ostasiendampfer müssen sechs bis acht Kilometer weit draußen in der Bucht vor Anker gehen, und mit der schlechten Verwaltung und der Konkurrenz von Hongkong hat wohl auch dieser Umstand am meisten zu dem Verfall von Macao beigetragen.
Dieser Verfall zeigt sich dem Besucher der Stadt nicht so sehr in den Gebäuden, als in der Stille und Geschäftslosigkeit, die in den engen, durchaus südeuropäischen Gäßchen herrscht. „La Cidade do Santo Nome de Deos en China” heißt die Stadt im Portugiesischen, und sie trägt auch ganz den portugiesischen Charakter mit ihren vielen Klöstern und Kirchen, von denen die schönste, im Jahre 1835 durch eine Feuersbrunst eingeäschert, leider heute nur noch eine traurige Ruine ist. Der Name „die Stadt des heiligen Namens Gottes in China” hat leider auf die Bevölkerung keinen besonders günstigen Einfluß gehabt. Ihrem Leben und Treiben nach zu urteilen, scheint sie vielmehr dem Chinesengötzen Ama zu huldigen, dessen Standbild früher auf dem Platze stand; aus diesem Namen Ama, im Verein mit dem chinesischen Kao (Hafen) entstand Ama-Kao, später verkürzt zu „Macao”. Und doch kann sich dieses verkommene Nest, der letzte Rest der früheren portugiesischen Weltherrschaft, rühmen, einen der größten Gotteskämpfer, den kühnsten und eifrigsten Missionar Asiens, den heiligen Franz Xaver, in seinen Mauern beherbergt zu haben. Er starb auch hier, auf einer kleinen Insel nahebei, im Jahre 1552, ein Zeitgenosse des berühmten Dichters der Lusiade, Camoens, der hier in den Jahren 1550 und 1560 zusammen achtzehn Monate zugebracht hat. Mit Andacht stand ich vor dem bescheidenen Denkmal, das die Portugiesen ihrem größten Dichter hier errichtet haben, bei der Grotte, in die er sich zurückzuziehen pflegte, um seinen Träumen, seinen Dichtungen nachzuhängen. Was würde er, der in der Machtperiode seines Vaterlandes gelebt, heute zu Macao sagen, in welchem zu seiner Zeit der Keim zur Beherrschung von China geschlummert hat! Und wie Portugal China verloren hat, so hat es auch mit diesem größten Reiche der Erde das zweitgrößte der Erde, nämlich Indien, verloren. Was Macao in China, das ist Goa in Indien, auch nur ein Denkmal der Unfähigkeit und Habsucht der früheren portugiesischen Machthaber.
Villenviertel von Hongkong auf dem Rücken des Peak.❏GRÖSSERES BILD
Villenviertel von Hongkong auf dem Rücken des Peak.
❏GRÖSSERES BILD
Die malerischen Anhöhen hinter der Stadt emporsteigend, konnte ich die eigentümliche Lage dieser winzigen Kolonie wahrnehmen. Sie erinnerte mich lebhaft an Gibraltar, das den Spaniern gerade so auf der Nase sitzt wie Macao den Chinesen,nur daß die Anhöhen des letzteren sich nicht entfernt mit dem Felsen des Dschebel al Tarik vergleichen lassen. Auch Macao liegt auf einer langen, nach Süden laufenden Halbinsel, die nur durch einen flachen, sandigen Landstreifen von fünfundsiebzig Meter Breite mit dem chinesischen Hinterlande zusammenhängt. Jenseits davon gewahrte ich die Mauern der chinesischen Stadt Tschingan, das die Portugiesen in Casabranca umgetauft haben. Wie groß aber der portugiesische Landbesitz in Wirklichkeit ist, können sie selbst nicht sagen. Sie haben wohl vor lauter Sklavenverkäufen und Spielen in den chinesischen Spielhöllen während der dreiundeinhalb Jahrhunderte ihres Hierseins noch keine Zeit dazu gefunden. Sie behaupten, ihre Kolonie sei einunddreißig Quadratkilometer groß, ein Zehntel von Schaumburg-Lippe, aber die Chinesen geben ihnen nicht einmal das, ja bis zum Jahre 1887 ließen die bezopften Söhne des Himmels überhaupt keine Ansprüche der Portugiesen zu. Ich erkundigte mich über die eigentlichen Besitzverhältnisse in dem monumentalen Regierungsgebäude auf der Praya. Der überaus höfliche Secretario geral do Governo e Secretario de Legaçao (die Portugiesen lieben lange Titel) widersprach den Angaben der meisten Reisewerke, daß Macao gar keine portugiesische Kolonie sei. Bis 1887 hätten die Portugiesen allerdings dem Kaiser von China eine jährliche Miete von 500 Taëls für die Halbinsel gezahlt. In dem Vertrage des genannten Jahres aber wurde der wirkliche Besitz den Portugiesen zuerkannt. Sie haben, um das zu erreichen, dreihundertfünfzig Jahre gebraucht. Kann man sich da über den Rückgang ihres einstigen Weltreiches wundern?
Die heute noch in Macao lebenden Portugiesen, etwa 5000, sind, wie bemerkt, mit wenigen Ausnahmen Mischlinge, denen man die chinesische oder malayische Mutter an den Schlitzaugen und der dunkeln Hautfarbe sofort ansieht. Keine andere Nation Europas hat ein so erstaunliches Anpassungsvermögen, was mit anderen Worten heißt, keine hat sich für die weibliche Hälfte der dunkelhäutigen Menschenrassen so empfänglich gezeigt, so wenig kaukasischen Rassenstolz entwickelt. Ich habe diese Wahrnehmung in Afrika, in Indien, auf den Sundainseln, in Malakka etc. gemacht und sah sie nun auch in China bestätigt.
Wovon die Portugiesen in Macao leben, ist schwer zu sagen. Während in Hongkong und Canton der denkbar regste Handel und Verkehr herrscht, ist es in Macao still, und das ganze noch vorhandene Geschäftsleben liegt in den Händen der 60000 Chinesen, welche das weitaus bedeutendste, lebenskräftigste und wohlhabendste Element in dieser europäischen Kolonie bilden. Das Streben jedes Portugiesen in Macao scheint es zu sein, in irgend einem andern Hafen Ostasiens Unterkunft und Beschäftigung zu finden, oder in Macao selbst irgend eine Regierungsstelle zu ergattern. Es ist gar nicht zu glauben, welches Beamtenheer hier erforderlich ist, um die einunddreißig Quadratkilometer Landes zu verwalten. Das Sprichwort „Viele Köche versalzen die Suppe” hat sich hier glänzend bewährt.
An die europäische Stadt schließt sich jene der Chinesen an, eben so schmutzig, lärmend, belebt wie das Chinesenviertel in Hongkong, aber die Elemente, die sich hier zusammengefunden haben, sind zum Teil noch verlotterter als dort. In früheren Jahrzehnten steckten die chinesischen Kaufleute hier unter einer Decke mit den portugiesischen in Bezug auf den schmachvollen Menschenhandel, der hier getrieben wurde. Harmlose Chinesen wurden unter allerhand falschen Vorspiegelungen angeworben, auch durch Piraten gewaltsam abgefaßt und als Sklaven nach Peru, Kalifornien oder Mexiko verkauft. Eine halbe Million Seelen fielen den Portugiesen so zum Opfer, bevor die chinesische Regierung die Einstellung dieses Kulihandels erwirken konnte. Damit ging die leichteste und ergiebigste Einnahmequelle den Portugiesen verloren, und so warfen sie sich denn im Verein mit ihren chinesischen Freunden auf das Lotteriewesen, das bei einem so spiellustigen Volke, wie die Chinesen, günstigen Boden finden mußte. Wie früher durch den Kulihandel, so wurden nun durch die Lotterie im wahren Sinne des Wortes spielend ungeheure Vermögen erworben, und auch die portugiesische Regierung gewann durch die Abgaben jährlich Millionen. Um das Geld im Lande zu erhalten, hob die chinesische Regierung das Lotterieverbot in China auf, die in Macao befindlichen Lotteriegesellschaften fanden in neugegründeten Anstalten dieser Art in Canton gewaltige Konkurrenten, und damit versiegte auch diese unlautere Einnahmequelle. Statt der früheren Millionen giebt sie heute der Regierung nur etwa 200000 Mark jährlich. Nun warfen sich die guten Bewohner von Macao, dieser Freistätte des Lasters, auf den Opiumschmuggel. Die Chinesen konnten demselben nicht anders beikommen als durch die Gründung einer neuen Zollstation auf der benachbarten Insel Lappa, und so blieben den Portugiesen nur jene Geschäftchen, welche in Macao selbst betrieben werden können, wo sie die Hand der chinesischen Regierung nicht erreichen kann: die Spielhöllen mit Baccarat und dem chinesischen Fan-Tanspiel, das der portugiesischen Regierung immer noch eine jährliche Einnahme von etwa 600000 Mark abwirft. Während die Kaufleute anderer europäischer Nationen in China ihr Augenmerk auf die kommerziellen Bedürfnisse der Chinesen richten, spekulieren die Portugiesen, wie man sieht, hauptsächlich auf deren Laster und Leidenschaften; kein Wunder, daß sie sich unter Chinesen wie Europäern in Asien keiner besonderen Achtung erfreuen.
In den beiden vorzüglichen Hotels von Macao, dem „Boa vista” und dem auf der Praya Grande (der Strandpromenade) gelegenen Hingkeehotel findet der Besucher immer Führer, welche ihn auf seinen Spaziergängen durch die Chinesenstadt begleiten und die hauptsächlichsten Spielhöllen zeigen. So elegant und einladend, wie jene des europäischen Macao, Monte Carlo, sind sie keineswegs, aber dennoch trifft man in ihnen neben Chinesen auch viele Europäer, Portugiesen wie junge englische Clerks, welche auf den „Gambling Steamers” von Hongkong herüberkommen, um ihr Glück zu versuchen. Aus Neugierde setzte ich selbst auch einigemale auf Fan-Tan und — gewann. Die Einrichtung des Fan-Tantisches ist sehr einfach. Die Spieler setzen sich an die mit 1, 2, 3, 4 bezeichneten Seiten des Tisches und legen ihren Einsatz auf eine derselben. In der Mitte wird ein Haufe von kleinen Münzen oder auch Bohnen, Steinchen etc. zusammengeworfen und mit einer Metallschüssel bedeckt. Sind die Einsätze gemacht, so hebt der Bankhalter die Schüssel ab und zählt den Münzen- (oder Bohnen-)haufen, indem er immer vier und vier davon abstreift. Bleiben eine, zwei oder drei Münzen übrig, so haben jene Einsätze gewonnen, welche auf die mit 1, 2 oder 3 bezeichnete Tischseite gelegt wurden. Bleibt kein Stück übrig, war also die Münzenmenge durch vier teilbar, so streicht der Bankhalter alle Einsätze ein. Es kann aber auch auf alle vier Seiten gesetzt werden, und der Bankhalter zieht einen Teil des Gewinstes für sich ein.
Ein anderes Spiel, das die portugiesische Regierung als Monopol einer Gesellschaft abgetreten hat und aus dem sie eine Einnahme von etwa zweihunderttausend Mark jährlich bezieht, ist das Pak-kap-piu. Die ersten achtzig Schriftzeichen, welche in dem Schulbuche der Chinesen „Die tausend Schriftzeichen Klassiker” enthalten sind, befinden sich auf Papierstreifen aufgedruckt, welche unter die Spieler verteilt werden. Der Bankhalter verkauft nun Karten, welche, auf die Papierstreifen aufgelegt, gerade zehn der achtzig verschiedenen Schriftzeichen bedecken. Bei dem Spiele, an welchem ich in einer der Spielhöllen teilnahm, kostete jede Karte hundert Reis (Macao besitzt die portugiesische Goldwährung). Ich legte meine Karte auf die ersten zehn Schriftzeichen. Der Bankhalter zog nun aus einer verdeckten Schüssel zwanzig Täfelchen und legte sie vor sich auf den Tisch, so daß alle Mitspielenden sie sehen konnten. Jedes Täfelchen enthielt ein Zeichen. Mein Führer hob nun meine Karte auf und sah nach, welche dieser zwanzig gewinnenden Zeichen unter meiner Karte waren. Er zählte deren drei. Ich hatte meinen Einsatz verloren. Hätte meine Karte deren sechs bedeckt, so wäre mir ein Gewinst von hundert Reis zugefallen; bei sieben Schriftzeichen zweihundert, bei allen zehn etwa zehntausend.
Diese beiden Spiele waren in den Spielhöllen, die ich besuchte, die beliebtesten. Aber es wurden deren noch Dutzende andere gespielt, mit Würfeln, Dominos, Bambusstäbchen und den fingerlangen kleinen chinesischen Spielkarten, deren es zwei verschiedene Arten giebt. Ein Spiel mit Dominopunkten auf den Karten zählt deren 32, ein anderes, Ngau-pai genannt und schon seit Jahrtausenden bekannt, besitzt in jedem Päckchen 36 Karten und dürfte wohl das älteste Kartenspiel der Welt sein.
Indessen, weder in Macao noch sonst irgendwo in dem großen Reiche der Mitte beschränken die Chinesen ihre außerordentliche Spielwut auf die Spielhöllen allein. Alt und jung, Männer wie Frauen, reich und arm bis zu dem elendesten Kuli, alles ist von frühester Jugend an dem Spiel ergeben. Man sieht die Chinesen inden Häusern, in den Kaufläden, in Theehäusern, ja selbst in den Vorhöfen ihrer Götzentempel, auf Schiffen und in den Straßen spielen. Jede Gelegenheit wird dazu benützt. Bei meiner Wanderung durch den ungemein reichhaltigen Fruchtmarkt von Macao bemerkte ich ein halbes Dutzend langbezopfter Söhne des Himmels um einen Fruchthändler versammelt, der unter spannender Aufmerksamkeit seiner Zuseher eine Apfelsine schälte. Sorgfältig zerteilte er sie und zählte dann die in ihr befindlichen Samenkörner. Als er das Resultat laut ausrief, wechselten die sechs zusehenden Chinesen Geldmünzen untereinander. Ich konnte mir den Grund nicht erklären. Mein Führer erzählte nun, die sechs Chinesen hätten untereinander auf die Zahl der Samenkörner in der ersten besten Orange gewettet.