Meine erste chinesische Mahlzeit.
I
In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Canton machte ich die Bekanntschaft eines der reichsten und vornehmsten Kaufherren der chinesischen Millionenstadt und stattete ihm in seinem aus Dutzenden von Hallen und Häusern bestehenden Heim meinen Besuch ab. Kaum war ich wieder in mein Hotel, auf der Insel Shameen gelegen, zurückgekehrt, so fand sich auch schon ein langbezopfter Bote mit einem großen roten Papierblatt bei mir ein, auf welchem einige chinesische Hieroglyphen verzeichnet waren. Mein Dragoman las: „Am sechsten Tage des Mai wird ein bescheidenes Fest das Licht deiner Gunst erwarten. Grüße von T. T.” — also eine Dinereinladung, wie ich sie gewünscht hatte. Nur war die Stunde nicht angegeben. Mein Dolmetscher erklärte mir, diese würde später mitgeteilt werden. Am Morgen des sechsten Mai erschien in der That wieder ein Diener mit einer zweiten roten Karte, auf welcher die Speisestunde, sieben Uhr abends, angegeben war.
Chinesische Theetasse.
Chinesische Theetasse.
Als ich eine halbe Stunde früher im Begriff stand, meine Sänfte zu besteigen, erschien ein Abgesandter meines Gastgebers, um mich nach dessen Haus zu geleiten. Am Eingange zu seiner mit einer hohen grauen Ziegelmauer umschlossenen Wohnung empfing mich der Wirt in eigener Person mit einer tiefen Verbeugung, indem er gleichzeitig die zusammengeballten Hände zur Stirn erhob. Er war in einen langen Talar von schwerer Seide gekleidet und trug auf seinem bezopften Haupte den schildförmigen Tatarenhut mit langer roter Seidenquaste. In seinem Empfangssalon, geschmückt mit herrlichen Ebenholzschnitzereien, Lampions und Vasen mit künstlichen Blumen, befanden sich bereits einige chinesische Gäste, sowie ein junger Engländer, der mit mir auf demselben Schiffe nach Canton gekommen war. Wir wurden allen Anwesenden vorgestellt, und diese beeilten sich, die gewöhnliche Frage an uns zu richten, welches denn unser „ehrenwertes” Alter wäre. Vor mir, dem Vierziger, machten die Zopfträger tiefere Verbeugungen als vor dem viel jüngeren Engländer. Natürlich mußten auch wir uns nach dem ehrenwerten Alter der Chinesen erkundigen. Mr. Clark, mein Engländer, schien überrascht, als unser Gastherr ihm sein Alter als Sechziger nannte, und auf die Frage nach der Ursache seines Staunens ließ Clark ihm sagen, er sähe viel jünger aus, er hätte ihn nicht für so alt gehalten. Konsternation auf allen Gesichtern. Diese europäische Höflichkeitsäußerung zog hier entschieden nicht, Clark hätte besser gethan, ihm zu sagen, daß er ihn für einen Achtziger hielte. Während es in Ländern, die uns Europäernnäher liegen, Sitte sein soll, daß besonders die Damen von ihrem Alter einige Jährchen abzwacken, hören es die Chinesen sehr gern, wenn man ihnen ein paar Jahre mehr giebt.
Im Herrensalon.
Im Herrensalon.
Sieben Uhr. Schon hatten wir auf Damengesellschaft verzichtet, als plötzlich aus dem benachbarten Raum sechs höchst elegant gekleidete junge Damen trippelten, mit Füßchen kaum so lang wie mein Zeigefinger, mit Perlenschnüren und Schmetterlingen in dem glattgekämmten, glänzend pomadisierten Haar, weißgeschminkten Gesichtern und brennroten Lippen, reizende kleine Wesen, deren Erscheinen sofort alle Gesichter aufheiterte. Hinter ihnen schritten ebensoviele noch jüngere Mädchen in einfacherer Kleidung einher, die an der Thür stehen blieben. Jede hielt eine Wasserpfeife und eine glimmende Lunte in der Hand. Sie waren die Dienerinnen der Damen.
Der Ausdruck Dame ist hier nicht recht gewählt, denn die Frauen der Chinesen sind bei den Mahlzeiten, an denen andere Männer, ob Chinesen oder Europäer, teilnehmen, niemals zugegen. Da aber die Bewohner des Reiches der Mitte sich bei solchen Festlichkeiten auch gern unterhalten, so ziehen sie an Stelle ihrer Frauen öffentliche Sängerinnen bei, von jener Sorte, die nach unseren Anschauungen den Namen Dame nicht verdienen. Nicht etwa, daß sich die anwesenden Chinesinnen irgend welche Freiheiten in der Toilette oder im Benehmen gestattet hätten. Beileibe nicht. Ihre langen, blauseidenen Gewänder, über und über mit den köstlichsten Stickereien bedeckt, reichten vom Halse bis an die Knöchel, und niemals würde sich bei solchen Gelegenheiten auch die Schlimmste dieser „Blumen” nur halb so viel Toilettefreiheiten erlauben wie unsere Damen der Gesellschaft. Die sechs Blumen unserer Tafelrunde gebärdeten sich sittsam und bescheiden, und als endlich der Gastherr uns einlud, den Speisesaal zu betreten, trippelten sie alle zusammen uns Männern nach. In China würde es für Verrücktheit oder gar Unverschämtheit angesehen, wollte man einer Dame den Arm reichen, um sie zu Tisch zu führen.
Der Speisesaal war ein geräumiges, hohes Gemach, dessen eine Wand ganz aus kuriosen, durchbrochenen Ebenholzschnitzereien bestand, mit runden, weiten Oeffnungen, durch die wir den schönen Garten und Lotosteich des Gastherrn sehen konnten. Die Tafel stand der gegenüberliegenden Seite etwas näher und war zickzackförmig angeordnet; die Sitze befanden sich aber nur an der äußeren Langseite, sowie an den Stirnen, während die innere Langseite frei blieb. Den chinesischen Gastmahlzeiten pflegen nämlich Vorstellungen von Sängerinnen, Zauberkünstlern und dergleichen zu folgen, und eine vollständige Besetzung der Tafel würde den Ausblick auf dieselben verhindern. Große farbige Laternen hingen an Seidenschnüren von der Decke; die Wände bedeckten lange Papierstreifen mit Inschriften und Sinnsprüchen, und rings um den Saal waren kleine Ebenholztischchen aufgestellt mit ebensolchen, schön geschnitzten Stühlen zu beiden Seiten. Auf einem dieser Tischchen stand ein großer Kohlenbehälter mit einem Kessel darüber für den Wein, ein anderer größerer Tisch diente als Serviertisch, dicht besetzt mit Schalen, Schüsseln und Täßchen.
Opiumkneipe in Nanking.❏GRÖSSERES BILD
Opiumkneipe in Nanking.
❏GRÖSSERES BILD
Es war köstlich anzusehen, unter welchen Verbeugungen und Zeremonien die Gäste Platz nahmen. Der Hausherr hatte mir den Ehrenplatz zu seiner Linken angewiesen; die Höflichkeit erfordert es, zu warten, bis der Gastgeber Platz genommen hat, er aber lud seinerseits wieder die anderen Teilnehmer zum Sitzen ein, und es vergingen einige Minuten, ehe die Verbeugungen ihr Ende erreichten. Mir zur Linken hatte eine der kleinen Dämchen Platz genommen, die fortwährend kicherte und mit ihren Kolleginnen Bemerkungen austauschte, die wohl uns Fremde betrafen. Der Tisch war über und über mit Speisen und Blumen bedeckt; große Schüsseln mit Enten, Schinken, Gemüsen und Früchten, und über jede Schüssel waren noch Blumen gestreut. Die herrlichen Blumenvasen, Schüsseln, kleinen Thee- und Weintäßchen, die vor jedem Gaste standen, waren aus feinstem Porzellan. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß neben meinem Tellerchen nicht Messer und Gabel, sondern nur Chop Sticks lagen. Weiß der geneigte Leser, was Chop Sticks sind? Die Chinesen ebenso wie die Japaner essen nur mit zwei etwa zwanzig Centimeter langen Stäbchen, die den Netznadeln unserer Damen so ziemlich gleichen. Gewöhnlich sind sie aus Holz geschnitzt, in diesem Falle waren sie aus Elfenbein und hatten überdies noch hübsch ciselierte silberne Köpfe. Aber was nützte mir das kostbare Material, da ich auf ihren Gebrauch noch nicht eingedrillt war? Die Chinesen nehmen zwei Sticks in eine Hand, derart, daß der Mittelfinger zwischen ihnen liegt, und handhaben sie so geschickt, daß sie selbst einzelne Reiskörner damit aufnehmen können. So haben sie es schon vor Jahrtausenden gethan, während unsere Vorfahren noch im siebzehnten Jahrhundert mit den Fingern aßen und keine Teller kannten. Wem kommt nicht die Verordnung der großen Kaiserin Maria Theresia in den Sinn, in welcher sie den Offizieren verbot, an der Hoftafel mit den Fingern zu essen, oder sich die Nase am Rockärmel abzuwischen? Und doch machte ich diesmal den Chinesen im stillen einen Vorwurf daraus, daß sie noch keine Gabeln besaßen, denn wie sollte ich denn all die guten Dinge essen? Sollte ich wie Ludwig XIII. von Frankreich auch die Finger gebrauchen? Die Antwort gab mir mein Gastherr selbst, indem er zu Beginn der Mahlzeit seinen kleinen Porzellanbecher mit warmem Reiswein, Samschu, d. h. dreimal gebrannt, zur Hand nahm und erklärte, er hätte auf meinen Wunsch dieses Gastmahl veranstaltet, um mir Gelegenheit zu geben, die chinesische Küche kennen zu lernen. Dazu gehörten auch die Chop Sticks. Er hoffe, ich werde dieselben noch recht häufig in seinem Hause gebrauchen. Darauf leerte er sein Schälchen Wein, und sich gegen mich verneigend drehte er das Schälchen in seiner Hand um. In ähnlicher Weise zeigten mir auch die anderen Gäste ihre geleerten Samschuschälchen, und ich mußte selbstverständlich das gleiche thun. Der Geschmack des Weines war wie lauwarmer scharfer Sherry.
Neben meinem winzigen Tellerchen lag glücklicherweise noch ein Löffel von Porzellan und Silber, in seiner Form einem kleinen Kochlöffel nicht unähnlich; an Stelle der Serviette hatte jeder Gast einige bedruckte Papierblättchen, wie sie durch die Japaner auch in Europa bekannt geworden sind, nur kleiner, denn sie dienen nicht als Serviette, sondern zum Abwischen der Eßstäbchen, die während der Mahlzeit nicht gewechselt werden. Die schmutzigen Papierchen werden einfach unter den Tisch geworfen. Vor jedem Gast stand überdies ein kleines silbernes Schälchen für Gewürze und ein zweites aus schönem blauen Porzellan für Soya, eine Gewürzsauce, die bei den wenigsten Mahlzeiten fehlt.
Ich hatte schon gefürchtet, daß die schönen Schinken und Gänse, die vor uns in so leckerer Weise den Tisch zierten, die Mahlzeit bilden würden; gefürchtet deshalb, weil ich ja kein Messer zum Zerschneiden der Speisen hatte. Ich wurde abereines Besseren belehrt, als die Diener jedem einzelnen Gaste aus der Küche kommende Speisen, schon in winzige Stückchen zerschnitten, in kleinen Porzellanschälchen vorsetzten. Was diese Fleischstückchen wirklich waren, konnte ich wegen der dicken verschiedenfarbigen Saucen, in denen sie schwammen, nicht ausfinden. Vergeblich bemühte ich mich, mit Hilfe meiner Stäbchen einzelne Stückchen herauszufischen, zum höchsten Gaudium der kleinen Mädchen, bis sich endlich mein Gastgeber erbarmte und ein Stückchen mit den von ihm benutzten Stäbchen aus seiner Schale nahm und mir in den Mund schob; er that dies nicht sowohl um mir zu helfen, sondern weil dies bei den Chinesen auch als besondere Auszeichnung gilt. Es war nicht gerade appetitlich, aber „in Rome, one must do as the Romans do”. Der Geschmack war süßlich, ölig und so widerwärtig, daß ich den Ehrenbissen am liebsten wieder von mir gegeben hätte. Aber wie konnte ich die Gastfreundschaft so verletzen! Also herunter damit. Hätte ich nur ein Gläschen Wasser gehabt! Mit Verlangen blickte ich auf die schönen Orangen und Leitschis und Mangos, die vor mir aufgetürmt waren, dabei war ich hungrig wie ein Wolf und konnte es doch nicht über mich bringen, einen zweiten Bissen hinunterzuwürgen. Vielleicht brachte der nächste Gang, der uns etwa vorgesetzt wurde, etwas Besseres. Abermals Fleischstückchen, abermals Sauce, aber so sehr mit Knoblauch versetzt, daß ich mich mit einem geschickt erwischten Bissen begnügte. Ich hoffte über diesen zweiten Gang dadurch hinwegzukommen, daß ich recht lange mit meinen Stäbchen herumfischte. Ja, wenn nur meine holde Nachbarin nicht gewesen wäre! Kichernd beobachtete sie meine Versuche, dann erbarmte sie sich meiner, der ich dieses Erbarmen gar nicht wollte. Sie nahm ein Stückchen aus ihrer Schale und schob es mir in den Mund. So wurde ich auch während der folgenden Gänge bald von rechts, bald von links gefüttert, mein Schälchen Reiswein wurde immer wieder halbgeleert weggenommen und durch ein neues, gefülltes ersetzt. Nun bemerkte ich erst, auf welche Weise dies geschah: Auf einem Seitentischchen standen zwei Weingefäße in heißer Kohlenasche. Die halbgeleerten Schalen wurden bei jedem Gange vom Tische genommen und die Reste in das eine Gefäß zusammengegossen; dann wurden die Schalen aus dem anderen wieder gefüllt. War dieses leer geschöpft, so holte sich der Mundschenk den Wein aus dem anderen Gefäß, in welchem die zusammengeschütteten Reste mittlerweile wieder warm geworden waren.
Neun Uhr. Immer noch wurden neue Gerichte aufgetragen, es mochte wohl der zwölfte oder vierzehnte Gang dieses Banketts sein, und gar keine Aussicht auf ein baldiges Ende. Die Geschichte war recht langweilig. Mein Nachbar zur Rechten schob mir unter höflichen Verneigungen immer neue Bissen in den Mund, meine Nachbarin zur Linken kicherte fröhlich weiter und trank mir zu. Die anderen Gäste begannen ihre Befriedigung über die gebotenen Leckerbissen in einer Sprache zum Ausdruck zu bringen, zu der man keine chinesische Grammatik braucht, biedere,kräftige Naturlaute, die so recht von Herzen zu kommen schienen. Es war aber auch gar nicht anders möglich auf die vielen Zwiebeln, Knoblauch, die verschiedenen Oele, Fette, Wurzeln, Gemüse, Kräuter, Suppen, Leckereien, Präserven, Saucen, Fleisch- und Fischstückchen und den warmen Wein. Meine Odaliske bestand fest darauf, mit mir zu konversieren. Sie fragte mich die allermerkwürdigsten Dinge, die von ihrem Nachbar zur Linken, meinem Dolmetscher, in erbärmliches Englisch übertragen wurden. Ich suchte meine Antworten durch Kopfnicken und Zeichen aller Art auszudrücken, um nicht meinen Dolmetscher durch englische Antworten in Verlegenheit zu bringen. Sprach ich wirklich mit ihm, so lachten die Dämchen alle laut auf und schrieenyes, yes, was es nur Platz hatte. Clark benutzte fortwährend das Taschentuch, um die in seinen Mund geschobenen Bissen auf unmerkliche Weise zu beseitigen. Sein ganzes Diner mußte unter dem Tische liegen.
Hausmusik.
Hausmusik.
Die Hitze, derodeur chinois, der in dem Raume herrschte, der warme Wein, die Gerüche der Speisen hatten den Aufenthalt für uns zwei Kaukasier geradezu unerträglich gemacht, und wir ermunterten uns gegenseitig durch Zeichen, den Tisch für einige Augenblick zu verlassen. Der Gastherr schien diese Zeichen zu verstehen, denn er selbst stand nun auf und sprach unter einer Verbeugung gegen mich einige Worte, auf welche die ganze Gesellschaft sich von den Sitzen erhob. Endlich! Erleichtert sprangen wir auf unter dem Eindruck, die Sache wäre beendigt. Zeremoniös kam aber der Dolmetscher auf mich zu, um mir zu sagen, der Hausherr wünsche uns Gelegenheit zu geben, die jungen Damen, ausgezeichnete Sängerinnen Cantons, zu hören und ein paar Pfeifen Tobak zu rauchen; dann würden wir das Diner fortsetzen. Welcher Schrecken! Es stand uns also noch eine zweite Auflage Knoblauch und Zwiebel, Oel und Fett bevor! Wir begaben uns in den anstoßenden Raum, wo die Dienerinnen der Dämchen uns die eigentümlichenWasserpfeifen der Chinesen zu rauchen gaben und langbezopfte Aufwärter schön servierten. Jeder von uns erhielt ein kleines Theetäßchen ohne Henkel, aber wie eben in China alles verkehrt ist, so stand auch das Täßchen nicht auf der Untertasse, sondern die letztere lag umgekehrt auf dem Täßchen und deckte dasselbe zu. Die Aufwärter hoben diesen Deckel auf, schütteten einige graue Theeblätter in das Täßchen, gossen kochendes Wasser darüber und legten die Untertasse wieder auf. Wollten die Gäste den Thee trinken, so faßten sie die heiße Tasse so, daß sie mit den Fingern gleichzeitig die obenliegende Untertasse ganz wenig zurückschoben und so festhielten. Durch den offenen Spalt wurde der Thee mit einem Male ausgeschlürft, während die Theeblätter durch den Deckel zurückgehalten wurden. Sahne und Zucker werden in China zum Thee nicht verwendet, bei der vorzüglichen Qualität der Theeblätter durchaus kein Nachteil.
Als die Sängerinnen ihre monotonen, fortwährend zwischen Dur und Moll einherschwebenden Gesänge unter Guitarrebegleitung abgeleiert hatten, ließ der Gastherr einen chinesischen Taschenspieler seine in der That merkwürdigen Kunststückchen ausführen. Die Abwechselung war uns sehr willkommen, denn daspehng, pehng, pit, pit, pitdes Guitarregezupfes war nicht länger zu ertragen. Gern hätten wir uns nach den Vorführungen des Taschenspielers verabschiedet, um dem zweiten Teil des Diners zu entgehen, aber der Gastherr ließ uns durch den Dolmetscher sagen, er hätte gerade für dieses zweite Diner einige chinesische Delikatessen, Schwalbennestsuppe und Haifischflossen, zubereiten lassen, und so folgten wir denn wieder der bezopften Gesellschaft in den Speisesaal. Es war zehn Uhr, und während der ganzen folgenden Stunde wurden uns wieder ein Dutzend Gänge der verschiedensten Art vorgesetzt: Entenzungen, Schweinsmaul, Garnelen mit Knoblauch und Zucker zubereitet, kleine Fischchen mit eingemachten Fichtenzäpfchen, geröstete Lilienwurzeln, Fischhirn mit Pilzen und anderes. Wo das Englisch meines Dolmetschers zur Erklärung der Speisen nicht ausreichte, zeichnete er mir die betreffenden Dinger auf eine Papierserviette. Eine fade schmeckende Speise, die wie Kalbskopf nach Schildkrötenart zubereitet aussah, wurde mir endlich als die berühmten Schwalbennester bezeichnet; beim nächsten Gang bekamen wir in kleinen Schälchen eine schwärzliche Gallerte vorgesetzt, in welcher dunkelrote Eidotter staken; die Gallerte, von der ich ein Stück mit einem Stäbchen aufspießte, schmeckte uns doch so sehr nach Schwefelwasserstoffgas, daß ich mich desselben sofort wieder entledigte; mein Nachbar zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, der Dolmetscher machte ein wichtiges Gesicht und meinte: „vely good, that vely old egg” „sehr gut, das sehr altes Ei” (ich schreibevelyund nichtvery, weil der Chinese dasrnicht aussprechen kann und stattrstetslanwendet). Sehr altes Ei! Ich erfuhr die Zubereitung dieser Eier aus einem chinesischen Kochbuch. Vielleicht ist sie unseren Köchinnen von Nutzen: Aus Holzasche, Kalk, Salz, Wasser und einigen aromatischen Kräutern wird ein dicker Breibereitet, in welchen die frisch gelegten Eier gelegt und darin unter hermetischem Verschluß vierzig Tage lang aufbewahrt werden. Dann sind sie schon genießbar, aber je länger sie liegen bleiben, desto besser werden sie nach chinesischen Begriffen, gerade so wie unsere Weine, und ein mehrere Jahre altes Ei ist das Nonplusultra einer Delikatesse. Solche Eier waren es, die wir vorgesetzt bekamen!
Indessen, es ist doch alles Geschmacksache auf unserer Erde. Ich forderte meinen Dolmetscher auf, mir die Bemerkungen meines Gastfreundes mitzuteilen, und er antwortete, der letztere hätte gehört, die Europäer äßen Käse aus Milch von Kühen, Eseln und Schafen zubereitet. Sie ließen diese Käse auch so lange liegen, bis sie schimmlig würden und noch viel schlimmer stänken als diese Eier; wie es denn käme, daß wir gerade die alten Eier schlecht fänden. Ich mußte ihm darauf meine Antwort schuldig bleiben.
Nach einigen Suppen, mit wohlriechenden Oelen versetzt und gekochten Nudeln darin, kam eine Speise, die aus dünnen, weichen Knorpeln zubereitet schien undgar nicht so schlimm mundete. Das waren die berühmten Haifischflossen, von denen nicht etwa das Fleisch, sondern nur die weichgekochten Gräten gegessen werden. Die Pausen zwischen den einzelnen Gängen stillten die anscheinend noch immer hungrigen Gäste damit aus, daß sie fortwährend getrocknete Melonenkerne knabberten, die in kleinen Schüsselchen vor ihnen standen, ebenso wie man bei englischen Mahlzeiten mit Salz gebrannte Mandeln knabbert. Eine Speise, die bei großen Banketten in China gewöhnlich auf den Tisch kommt, Fisch in Ricinusöl gebacken, fehlte glücklicherweise diesmal, daß sie aber thatsächlich serviert wird, geht aus den übereinstimmenden Mitteilungen der Chinareisenden hervor. Ich habe vier Jahre später in Tsiho, an der Südgrenze von Petschili, am Hoangho, auch Kuchen vorgesetzt bekommen, die in Ricinusöl gebacken waren[1].
Auch bei diesem Diner bewahrheitete sich das Sprichwort: „Das Letzte ist das Beste”. Es kam in Gestalt einer dampfenden Schüssel gekochten Reises, der uns vorzüglich mundete. Damit war die Mahlzeit beendet. Es war elf Uhr geworden, und wir verabschiedeten uns mit herzlichem „Tschin-Tschin” (Heil, Heil!) von unserem Gastgeber und den übrigen Anwesenden. In unser Hotel zurückgekehrt, ließen wir uns noch eine Flasche Bier und ein Stück Roquefortkäse gut munden, denselben Käse, den die Chinesen so sehr verschmähen, und der bei uns als Delikatesse gilt. Andere Länder, andere Sitten.
Wie ich nachher auch in anderen Städten erfuhr, spielen sich die Festmahlzeiten der Chinesen, auch jene der Regierungsmandarine in Peking, in ähnlicher Weise ab wie das geschilderte. Speisen sie allein oder doch nur in Gesellschaft näherer Freunde, so sind die Mahlzeiten selbstverständlich viel einfacher, ja, es giebt selbst in Ostasien kaum eine Nation, die genügsamer und einfacher wäre wie eben die Chinesen. Nur die Wohlhabenden und die Mandarine gestatten sich zuweilen den Luxus eines derartig großartigen Banketts, dessen Speisen unter gewöhnlichen Verhältnissen hinreichen würden, das Menü für einen ganzen Monat zu füllen.
Eßstäbchen.
Eßstäbchen.
[1]Siehe Hesse-Wartegg, „Schantung und Deutsch-China”, Leipzig, J. J. Webers Verlag, 1900.
[1]Siehe Hesse-Wartegg, „Schantung und Deutsch-China”, Leipzig, J. J. Webers Verlag, 1900.
[1]Siehe Hesse-Wartegg, „Schantung und Deutsch-China”, Leipzig, J. J. Webers Verlag, 1900.