Modernes Theaterwesen in Japan.
F
Frauen auf der japanischen Bühne! Das ist die wichtigste Neuigkeit, die eben aus dem fernen Lande des Sonnenaufganges zu uns herüberdringt. Frauen als Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf den Brettern, welche in Japan, wie bei uns, die Welt bedeuten! Die Kaiserin von Japan hat selbst die Initiative dazu ergriffen, ihren weiblichen Unterthanen diesen neuesten Beruf zu eröffnen, und in Zukunft wird es im Reiche des Mikado auch weibliche Sterne am Theaterhimmel geben. Bisher haben wohl die reizenden Musmis von Japan die dramatische und lyrische Kunst eifrig gepflegt, allein es war ihnen nicht gestattet, im Verein mit ihren männlichen Kollegen öffentlich aufzutreten. Bei uns gefallen sich die Theaterdamen von stattlichem Wuchs darin, in Hosenrollen aufzutreten, in Japan aber, diesem Lande der verkehrten Welt, gefallen sich die schönsten Männer darin, in Unterröcken zu spielen. Alle Weiberrollen, nicht nur die alten, wurden von geschminkten Jünglingen gespielt, ja sogar das japanische Ballett zählte bisher nur männliche Ballerinen. Warum? Wieder die verkehrte Welt: weil es gegen den Anstand und die gute Sitte verstoßen hätte, Mädchen neben jungen Männern öffentlich auftreten zu sehen. Die Japaner haben eben eigentümliche Begriffe von Anstand. Während die kleinen hübschen Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren, die Frauen im Alter von achtzehn bis dreißig Jahren, die Großmamas im Alter von dreißig bis wer weiß wie viel Jahren ihre Bäder häufig öffentlich auf der Straße nehmen, während die Damen in den fashionabeln Badeorten Ikao oder Karuizawa mit der größten Ungeniertheit im Verein mit fremden Männern in demselben kleinen Baderaum stecken, ohne irgend etwas Schlimmes davon zu denken, dürfen sie in voller Bekleidung auf der japanischen Bühne nicht neben und mit Männern auftreten. Im vergangenen Jahre hat eine amerikanische Sängerin von Weltruf, welche Japan als die erste Primadonna überhaupt besuchte[3], die dortigen Hofkreise auf das Widersinnige dieser Anstandsregeln aufmerksam gemacht und die hohe Stellung erklärt, welche die Frauen der europäischen Bühne nicht nur auf dieser, sondern vielfach auch im gesellschaftlichen Leben einnehmen. In ihrem Streben, es den Europäern auf allen möglichen Gebieten gleichzuthun, haben sie sich nun, gestützt auf diese und andere Berichte, auch die Reform des Theaterwesens zur Aufgabe gestellt, und sie beginnen damit, daß sie den Japanerinnen die Thüre zum Hinterpförtchen der Theater, zum Bühneneingang, öffnen.
Glücklicherweise ist dies eine der wenigen Neuerungen in der japanischen Kultur, die mit dem ganzen Wesen derselben verträglich ist, ja ihrer malerischen Eigentümlichkeit ein neues, glänzendes und erhaltendes Element zuführt. Im übrigenhaben die Japaner ja leider aus europäischen Fräcken und Schleppkleidern, Vatermördern und Beinkleidern ein großes Leichentuch für ihre eigene, so ungemein malerische Kultur zusammengenäht. Wer diese letztere in ihrer ganzen Eigenheit, und so wie sie vor Jahrhunderten war, sehen will, muß japanische Theater besuchen. Dort hat sie ihre letzte Zufluchtsstätte gefunden, dort wird sie auch noch von den hochkonservativen aristokratischen Elementen erhalten.
Das japanische Theater ist gar nicht so alt, als man bei einer für asiatische Verhältnisse gewiß hohen und viele Jahrhunderte alten Zivilisation anzunehmen geneigt wäre. Es entwickelte sich aus den religiösen Gesängen und Tänzen, mit denen die buddhistischen Priester in früheren Zeiten ihren Tempeldienst zu begleiten pflegten und wie ich sie noch gelegentlich meiner eigenen Reise in den berühmten Tempeln von Nikko und Nara vorfand. In ähnlicher Weise haben ja auch die alten Griechen und Römer ihre Götter gefeiert, und dieser Kultus hat sich sogar nach Spanien verpflanzt, wo der Ostertanz der Pagen in der Kathedrale von Sevilla ein Ueberbleibsel des heidnischen Götterdienstes sein dürfte. Die großen Feudalfürsten des alten Japan ließen derlei Tänze und Gesänge an ihren Höfen zur Aufführung bringen; allmählich legten sie den ersteren andere Handlungen unter, die sie fast ausschließlich der japanischen Geschichte oder der Märchenwelt entnahmen, und so entstand, dabei immer weltlicher werdend, das japanische Theater von heute. Doch war es nur das gewöhnliche Volk, das an diesen öffentlichen Darstellungen in öffentlichen, auch an die alten Tempel gemahnenden Theatern Gefallen fand. Die Daimios (Fürsten) hielten an den alten Traditionen fest und unterstützen sie auch noch heute. In Tokio hatte ich Gelegenheit, mancher der traditionellen Privatvorstellungen von alten No-Spielen beizuwohnen, die nur vor geladenen Gästen der Aristokratie stattfinden und in denen Schauspieler auftreten, die ihre Kunst gerade so wie ihre herrlichen, kostbaren Kostüme von ihren Vätern und Vorvätern geerbt haben. Manche dieser Schauspielerfamilien haben einen theatralischen Stammbaum von sechs bis zehn Generationen aufzuweisen. Sie allein werden gesellschaftlich geachtet und anerkannt. Die Schauspieler der gewöhnlichen öffentlichen Theater aber waren bisher ebenso geächtet wie bei uns noch zur Zeit der alten Neuberin. Sie wurden geradezu der Klasse der „Eta” (Gesetzlose, Vogelfreie) beigezählt, und noch heute würde es in Japan keinem Aristokraten, Offizier oder Beamten in den Sinn kommen, eines der öffentlichen Theater zu betreten. Nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten, etwa wenn der Lewinsky von Japan, Danjuro, auftritt, oder bei Wohlthätigkeitsvorstellungen erscheinen sie, aber auch nur in zwei oder drei der vornehmsten Theater der Hauptstadt. Der Mikado hat noch niemals ein Theater besucht, und die einzigen Vorstellungen, die er gesehen hat, sind alte klassische No-Stücke, die in seinem Palast aufgeführt werden.
Das gewöhnliche Volk in Japan liebt die Theater über alle Maßen, ja ich kenne unter den Völkern der Erde keines, das mit solcher Begeisterung dem Theater ergeben wäre. Jede größere Stadt hat ihre Theater; Tokio, Kioto und Osaka haben deren eine ganze Anzahl, und wer das japanische Volksleben kennen lernen will, darf den Besuch der Theater, sowie die gewöhnlich ungemein belebten Straßen, in denen sie gelegen sind, mit ihren Theehäusern und Tingeltangeln aller Art nicht versäumen. Man muß sich aber unter den japanischen Theatern nicht etwa solche nach europäischem Muster vorstellen. Für den Japaner, der Europa besucht, dürfte es kaum eine größere Ueberraschung geben, als wenn er die glänzenden Räume unserer hauptstädtischen Opernhäuser betritt. Unsere bescheidensten Provinztheater sind immer noch eleganter und vornehmer in Bezug auf die Ausstattung sowohl wie auf die Masse der Besucher als die schönsten japanischen Theater. Der Mehrzahl nach sind sie große, leichtgebaute Bretterbuden, deren Zuschauerraum für drei- bis fünfhundert Personen Platz bieten dürfte. Vor dem Eingange stehen gewöhnlich acht bis zehn Meter lange Bambusstangen, gegen die Straße zu geneigt, wie riesige Angelruten, und an diesen hängen blaue und rote, mit bunten Inschriften bedeckte Leinwandstreifen. Die amerikanische Reklame mit ihren großen, bunt bemalten Affichen hat auch schon in Japan ihren Einzug gefeiert, die Theaterfronten sind gewöhnlich mit derlei Papierbogen ganz verklebt. An das Theater schließen sich in der Regel zierliche Theehäuser mit halbverdeckten, lampiongeschmückten Balkonen und Galerien an. Die Theaterstraßen der japanischen Großstädte bestehen gewöhnlich nur aus derartigen Theehäusern, Theatern und Schaubuden, in denen allerhand Zauber, ähnlich dem Wiener Wurstlprater oder der Pariser Foire de Neuilly, gegen ein paar Pfennige Eintrittsgeld zu sehen ist. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein herrscht in diesen Straßen reges Leben, denn die Theater Japans sind nicht nur des Abends geöffnet, die Vorstellungen dauern den ganzen Tag über, und die Japaner, die sie besuchen wollen, nehmen Kind und Kegel, ihre ganze Familie mit und bleiben den ganzen Tag im Theater. Andere kommen nur für eine oder mehrere Stunden, um die wichtigsten Scenen oder die beliebtesten Schauspieler zu sehen. Wird ein neues Stück aufgeführt, so spricht es sich bald in der Stadt herum, welche Stunde die sehenswertesten Akte vorkommen, und dann sind die Theater gewöhnlich zum Erdrücken gefüllt. Die vielen Theehäuser mit ihren Kellnerinnen und Gaishamädchen (Sängerinnen) tragen dazu bei, einen dichten Menschenstrom durch die Theaterstraßen zu leiten, so daß dort der Wagen- und Rickshawverkehr verboten ist. Die Theaterbesucher müssen auch bei schlechtem Wetter ihre Rickshaws schon an der Straßenecke verlassen und den Weg zum Theater zu Fuß zurücklegen.
Wohl befinden sich neben den einzelnen Theatern oder am Haupteingange derselben auf der Straße Billetverkäufer, welche den Passanten gegen Erlag wenigerCash ein mit Schriftzeichen bedecktes Holzplättchen einhändigen; allein der Japaner, der für seine ganze Familie Platz haben will, muß sich denselben tags vorher, bei Zugstücken sogar schon mehrere Tage vorher sichern. Gewöhnlich vereinigt sich der Theaterbesitzer mit dem Besitzer des benachbarten Theehauses; dieser ist häufig sein Geldgeber und Kassierer, verkauft die Theaterplätze gegen einen gewissen Prozentsatz und liefert den Theaterbesuchern Speisen und Getränke. Wären die Theater nicht schon an den großen Angelruten kenntlich, die sozusagen die Besucher von der Straße fischen, so würden die Hunderte von Sandalen und Strohschuhen vor den Theatergebäuden dieselben schon als solche kennzeichnen. Keinem Japaner würde es einfallen, mit seinen Sandalen das Innere eines Theaters zu betreten, ebensowenig wie einen Tempel, einen Kaufladen oder sein eigenes Wohnhaus. Vor den Theatern stehen lange Gestelle, auf denen in mehreren Reihen die ganze Theaterfront entlang die plumpen, mit Stelzenstöckchen versehenen Holzsandalen oder Strohschuhe paarweise aufgehängt sind. Am Eingang zieht der Besucher die Füße aus seinen Sandalen und erhält für dieselben von dem Garderobier eine entsprechende Nummer, auf einem kleinen Holzklotz verzeichnet.
Das Innere der japanischen Theater ist von jenem der unserigen vollständig verschieden. Wohl giebt es eine Bühne mit Vorhang, allein Seitenkulissen, Rampenlichter, Souffleurkasten, Schnürboden und dergleichen fehlen. Dafür verlängert sich die Bühne auf beiden Seiten in den Zuschauerraum hinein, und diese etwa zwei Meter breiten, mannshohen Podien laufen, das Parkett zwischen sich einschließend, bis an die hintere Wand des Zuschauerraumes. Von dort gelangen die Schauspieler durch eigene, dem Publikum nicht zugängliche Korridore wieder auf die Bühne zurück. Die Mehrzahl der Theater besitzt über dem Parkett noch eine Galerie, und diese ist gerade so wie das erstere ganz in Logen eingeteilt. Nur der kleine Raum hinter den Logen bis zur Wand zeigt eine Reihe von Sitzbänken für die geringsten Klassen des Theaterpublikums, und in manchen Theatern ist wohl eine, von den übrigen Logen gesonderte Abteilung für europäische Besucher mit Stühlen zum Sitzen versehen. Sonst giebt es in den Theatern keine Sitze, denn das Publikum kauert auf dem Boden. Das ganze Parkett ist bis zu der Rampe durch zwei Fuß hohe Bretterwände in viereckige Räume von etwa vier Quadratmetern Fläche eingeteilt, und diese schachbrettartigen Felder sind die Logen. Wird jemandem eine Loge in der Mitte des Parketts zugewiesen, so muß er über die Abteilungsbretter und durch eine Reihe anderer Logen steigen, um zu der seinigen zu gelangen. Dort angekommen, ist er für den Tag ausschließlicher Besitzer des vollständig kahlen Kastens. Will er Sitzmatten, Ecktischchen, Kohlen- und Aschenkästchen, so muß er sie von den Angestellten eigens entlehnen und erhält für jeden gezahlten Betrag eine entsprechende Quittung, die auf Verlangen der Kontrolleure vorgewiesen werden muß, denn sonst wird der Betrag nochmals abverlangt.Gewöhnlich versammeln sich die Teilnehmer einer Theatre party oder einzelne Familien, welche Logen reserviert haben, in den Morgenstunden im Theater und je vier nehmen in einer Loge auf den Bambusmatten des Bodens Platz. In den Zwischenakten kommen die Kellner und Kellnerinnen des Theehauses, um nach ihren Wünschen zu fragen, Thee, Süßigkeiten, Früchte oder die bestellten Mahlzeiten zu bringen. Ueberdies befinden sich im Theater selbst, nahe dem Eingange, Stände mit Früchten, Tabak, Backwerk und Getränken aller Art, so daß die Besucher tagsüber das Theater gar nicht zu verlassen brauchen. Für die eigenen Familiendiener wird kein Eintrittsgeld berechnet; häufig legen diese oder das Theehaus alle Beträge aus, und am Schlusse der Vorstellung wird die Rechnung überreicht, die in den besseren Theatern für eine Familie von vier Personen etwa folgendermaßen lautet:
Eintrittsgeld60SenLoge80„Matten und Kohlenkästchen25„Bedienung10„Thee und Süßigkeiten25„Früchte25„Fische und Reis25„Theehausrechnung50„Trinkgeld für die Dienerschaft20„zusammen3 Yen20Sen(etwa 6½ Mark).
Eintrittsgeld60SenLoge80„Matten und Kohlenkästchen25„Bedienung10„Thee und Süßigkeiten25„Früchte25„Fische und Reis25„Theehausrechnung50„Trinkgeld für die Dienerschaft20„zusammen3 Yen20Sen(etwa 6½ Mark).
Eintrittsgeld60SenLoge80„Matten und Kohlenkästchen25„Bedienung10„Thee und Süßigkeiten25„Früchte25„Fische und Reis25„Theehausrechnung50„Trinkgeld für die Dienerschaft20„zusammen3 Yen20Sen(etwa 6½ Mark).
Eintrittsgeld60Sen
Eintrittsgeld
60
Sen
Loge80„
Loge
80
„
Matten und Kohlenkästchen25„
Matten und Kohlenkästchen
25
„
Bedienung10„
Bedienung
10
„
Thee und Süßigkeiten25„
Thee und Süßigkeiten
25
„
Früchte25„
Früchte
25
„
Fische und Reis25„
Fische und Reis
25
„
Theehausrechnung50„
Theehausrechnung
50
„
Trinkgeld für die Dienerschaft20„
Trinkgeld für die Dienerschaft
20
„
zusammen3 Yen20Sen(etwa 6½ Mark).
zusammen
3 Yen
20
Sen
(etwa 6½ Mark).
So bleiben denn die Theaterbesucher den ganzen Tag über im Theater, und für den Fremden bilden die einzelnen Logen mit ihren Insassen ebensoviele Schaubühnen, durch die er das Leben und Treiben der Japaner viel besser kennen lernt als auf der wirklichen Bühne. Die Mehrzahl der Besucher sind gewöhnlich Frauen und Mädchen. Mit ihren Kindern, mit Kopfkissen, Päckchen, Papiertüten, Pfeifen, Tabaksbeuteln, Theekannen treffen sie im Theater ein und machen es sich in ihrer Loge bequem. Die Kinder werden vor ihnen auf den Boden gebettet, der Aschenbehälter mit den glimmenden Kohlen steht zwischen ihnen, sie stecken sich ihre winzigen Pfeifchen an und kauern auf den Boden nieder. In dieser für Europäer unbequemen und ermüdenden Stellung verharren sie stundenlang; es war mir in Japan immer ein Rätsel, wie die zarten Frauen und Mädchen ihre Kniebeuge so lange aushalten konnten. Zeitweilig strecken sie sich ganz auf die Matten nieder, legen den Arm unter den Kopf und schlafen. Oder sie geben den schreienden Kindern in recht ungenierter Weise die Brust, rauchen dabei ihr Pfeifchen, knabbern an Zuckersachen, schlürfen Thee und fächeln sich Kühlung zu. Jeder Japanerin ebenso wie jedem Japaner sind Fächer und Pfeifchen ganz unentbehrliche Dinge; einer oder der andere dieser Gegenstände ist stets in ihren Händen.
Im Hausgarten mit Holzschuhen.Vor dem Familienschatz.
Im Hausgarten mit Holzschuhen.
Im Hausgarten mit Holzschuhen.
Vor dem Familienschatz.
Vor dem Familienschatz.
Während der Vorstellung lauschen die Theaterbesucher andächtig den Ausführungen der Schauspieler, wälzen sich vor Lachen über den geringsten Scherz, vergießen Thränen bei jeder ernsten Scene, schaudern und gruseln bei Hinrichtungen und Selbstmorden, die auf der japanischen Bühne eine große Rolle spielen und mit allen blutigen Einzelheiten ungemein realistisch dargestellt werden. Fällt der Vorhang, dann geht der Lärm los. Die Hälfte der Anwesenden erhebt sich und eilt, über die Logenwände kletternd, zwischen den Insassen der Logen hindurch dem Ausgange oder den Büffettbuden zu; anderseits erscheinen wieder ein paar Dutzend Aufwärter oder Theehausmädchen, welche dampfende Schüsseln und Theetöpfe durch die verschiedenen Logen tragen; die Kinder klettern aus einer Loge in die andere, oder wohl gar auf die Bühne hinauf und tummeln sich dort lachend und schäkernd herum; mitunter steigen ganze Familien auf die Bühne, um vor dem Vorhang ihre Mahlzeiten einzunehmen; die in den Logen Zurückgebliebenen müssen sich in acht nehmen, daß ihnen nicht ihre Zehen abgetreten werden; ich mußte häufig ebensosehr die Geduld wie die Höflichkeit bewundern, mit der die japanischen Damen alle diese fremden Menschen, Besucher, Aufwärter, Kinder in ihren Logen und mitten zwischen sich hindurch umhersteigen ließen. Nicht ein finsteres Gesicht, nicht eine Gebärde des Unwillens oder der Ungeduld; lächelnd verneigen sie sich vor den Kellnern, lächelnd spielen sie mit den fremden Kindern, lächeln müssen sie bei allen Gelegenheiten. Dort zieht eine hübsche Musme aus den Aermeln ihres vorne offenen, den Busen entblößenden Kimono ein kleines Spiegelchen hervor, kramt aus den Tiefen der sackartigen Aermel Kamm, Puderbüchse, Lippenschminke und sonstige Toiletteartikel hervor und hantiert angesichts der ganzen Versammlung mit diesen Dingerchen. Allmählich kehren die Theatergäste wieder auf ihre Plätze zurück, von der Bühne ertönen drei dumpfe Schläge, ähnlich jenen, mit welchen auf den französischen Theatern der Beginn angezeigt wird; der Vorhang wird in die Höhe oder nach den Seiten zurückgezogen, und der nächste Akt beginnt.
Von Akten kann eigentlich keine Rede sein, ebensowenig wie von Tragödien, Lustspielen und Dramen nach europäischem Muster. Die Darstellungen, welche, wie bemerkt, morgens beginnen und spät abends endigen, beziehen sich gewöhnlich auf geschichtliche Ereignisse oder sind Märchen, Sagen und Romanen der alten Japaner entnommen. Auch giebt es keine eigene Theaterlitteratur. Als ich in Tokio einmal durch meinen Dolmetsch den Theaterunternehmer nach dem Verfasser des eben zur Ausführung gelangenden Stückes fragte, that er sehr verwundert und wußte nicht, was er antworten sollte. Erst als ich ihm meine Frage näher erklärte, erfuhr ich von ihm, daß an den japanischen Theaterstücken Direktor, Schauspieler, Theatermaler, Maschinisten, ja selbst das Publikum mitarbeiten. Irgend ein Märchen, eine Erzählung oder eine in den Zeitungen berichtete Begebenheit wird zum Vorwurf genommen, die Schauspieler arbeiten ihre Rollen selbst aus, jeder gute Einfall, dervon irgendwelcher Seite kommen mag, wird bereitwilligst verwendet, und so entsteht allmählich das Stück, das aber während der ersten sechs oder acht Aufführungen täglich verändert und verbessert wird. Selbst später noch extemporieren die Schauspieler ganz nach Belieben, Scenen werden versetzt oder ganz weggelassen, und nur bei historischen Begebenheiten befleißigt man sich möglichster Treue in den geringsten Einzelheiten.
Mit Ausnahme von einigen der vornehmsten Theater, vor allem des Shintomiza-Theaters in Tokio, sind die scenischen Einrichtungen noch ganz so primitiv wie zu Shakespeares Zeiten in Europa, ja, wie sie Shakespeare selbst in seinem Sommernachtstraum verspottet hat. Für Interieurs bleibt die Bühne vollständig kahl. Eine Mauer mit einem Thor wird dadurch angezeigt, daß man in der Mitte der Bühne ein Thor aufstellt, und es bleibt der Einbildung des Publikums überlassen, sich zu beiden Seiten die hohe Mauer dazu zu denken. Die Schauspieler dürfen nur das Thor benutzen und nicht wissen, was jenseits desselben vorgeht; Theehäuser werden dargestellt, indem man ein paar Lampions mit der Inschrift „Theehaus” auf den Boden steckt. Gärten werden durch natürliche Pflanzen dargestellt. In den ersten Theatern Tokios hat man neben einer Menge anderer europäischer Einrichtungen auch schon gemalte Dekorationen, elektrische Beleuchtung und dergleichen angenommen, und besonders in dem vorerwähnten Shintomiza-Theater werden ganz hübsche scenische Effekte erzielt. Sonst beschränkt sich der theatralische Pomp fast ausschließlich auf die Kostüme der Schauspieler, deren Garderobe viele historische Waffen, Rüstungen, Mäntel und dergleichen von bedeutendem Wert enthält. Häufig bekommen beliebte Schauspieler derlei Gegenstände von aristokratischen Familien zum Geschenk. Die Schauspieler haben aber auch bessere Gelegenheit als bei uns, diese Prachtgegenstände aus nächster Nähe bewundern zu lassen, denn sie treten nicht nur auf der Bühne selbst auf, sondern benutzen zu ihrem Kommen und Abgehen die vorgenannten Estraden, auf denen sie langsam und feierlich mitten durch das Publikum schreiten. Zudem ist es gang und gäbe, den Schauspielern in ihren Ankleidezimmern Besuche abzustatten, wobei man ihnen gewöhnlich allerhand kleine Geschenke überreicht. Auch noch auf andere Weise kommen sie in die Lage, kleine Privatmuseen anzulegen oder sich durch Geldgeschenke zu bereichern, denn beliebte Schauspieler werden in Japan vom Publikum noch viel mehr verhätschelt als bei uns. Die beiden durch das Auditorium führenden Estraden heißen Hans mischi, d. h. „blumige Wege”, weil man den Lieblingen des Publikums dort vor ihrem Auftreten Blumen streut. Haben sie das Publikum zu besonderer Begeisterung hingerissen, so wird diese häufig in ähnlicher Weise zum Ausdruck gebracht, wie ich es bei den Stiergefechten in Spanien gesehen habe. Hüte, Schirme, Fächer, Pfeifen, Toiletteartikel aller Art werden dem abgehenden Schauspieler von zarten Händen zugeworfen, gerade wie einem siegreichen Torero, und diese Gegenstände werden dann in seinerGarderobe von den Eigentümern durch Bargeld oder andere Gegenstände wieder eingelöst.
Ob die Schauspieler diese Huldigungen nach unseren europäischen Begriffen verdienen, ist eine andere Frage. Der Mehrzahl der europäischen Besucher kommen diese Vorstellungen ungemein gekünstelt, unnatürlich und langweilig vor. Der ersten Vorstellung in einem japanischen Theater wohnt man gewöhnlich mit Interesse bei, aber damit ist der Reiz des Neuen und Ungewöhnten erschöpft, und wenige lassen sich verleiten, eine zweite zu besuchen. Nach meinen eigenen Erfahrungen halte ich das für unrichtig, denn erst, wenn man sich durch mehrmaligen Besuch an die Eigentümlichkeiten der dramatischen Kunst in Japan gewöhnt hat, kann man die Vorzüge der Darstellung beurteilen. Die Tradition scheint von den darstellenden Künstlern in Japan zu verlangen, daß sie auf der Bühne das Gegenteil des Natürlichen thun; ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Thun und Lassen sind eher Zerrbilder der Wirklichkeit, aber auch darin liegt eine Kunst, die gelernt werden muß. In Bezug auf das Mienenspiel und den Gesichtsausdruck leisten die japanischen Schauspieler mitunter Großartiges, und da es bis vor wenigen Jahren in den hauptstädtischen Theatern an Rampenlichtern gefehlt hat, ließen sich die Schauspieler während der Handlung auf der Bühne durch schwarzgekleidete Diener begleiten, welche Lampions trugen, die an der Spitze von Bambusstäben hingen und den Schauspielern vor die Nase gehalten wurden, damit ihr Gebärdenspiel im wahren Sinne des Wortes in das richtige Licht gesetzt werde. Neben den Schauspielern befinden sich übrigens immer Diener auf der Bühne, um ihnen die Kostüme und die Frisur während der Handlung zurecht zu zupfen, Gerätschaften herbeizutragen, die Scenerie zu versetzen und dergleichen. Es wird dabei stillschweigend angenommen, daß diese Diener für das Publikum unsichtbar sind. Der Souffleur befindet sich ebenfalls auf der Bühne; zuweilen sitzt er an einem Tischchen an der Seite und erzählt mit unnatürlicher Stimme den Lauf der Handlung, oder preist die Kunst der Schauspieler oder singt, begleitet von einem Orchester, das in einem Bambuskäfig zu Rechten der Bühne auf dem Boden hockt und im Trommeln, Guitarrezupfen, Pauken- und Lärmschlagen Großartiges leistet. Am meisten pflegt sich dabei ein Musiker auszuzeichnen, der zwei kurze Holzstäbe in mehr oder minder rascher Folge aneinanderschlägt, je nachdem es die Handlung verlangt.
Während die Japaner sich mit diesen und anderen Einrichtungen an die Seltsamkeiten des Theaterwesens anlehnen, wie ich es in China, Siam und Java kennen gelernt habe, sind sie in einer Hinsicht sogar den Europäern vorangeeilt. Vor einigen Jahren besuchte ich in Neuyork das Madison Square-Theater und sah dort eine eben erfundene Einrichtung, welche es gestattete, auf offener Scene einen vollständigen Dekorationswechsel in weniger als einer Minute auszuführen. Unterhalb der eigentlichen Bühne befand sich eine zweite gleich große. Während auf derersteren gespielt wurde, setzten die Bühnenarbeiter auf der zweiten unteren die nächstfolgende Scene. Auf ein gegebenes Zeichen wurde eine sinnreiche Maschinerie in Thätigkeit gesetzt. Die obere Bühne verschwand im Schnürboden, die untere trat an ihre Stelle, ein Zwischenakt war erspart. Diese amerikanische Erfindung war in Japan schon längst im allgemeinen Gebrauch, nur daß die beiden Bühnen nicht übereinander, sondern hintereinander liegen. Durch eine einfache Vorrichtung wird der ganze Bühnenapparat, ähnlich wie die Drehscheibe bei Eisenbahnen, um eine vertikale Achse gedreht, die vordere Bühne kommt nach hinten, die hintere mit ganz verschiedener Scene nach vorne, und das Spiel wird ohne Unterbrechung fortgesetzt.
Die Annahme europäischer Sitten und Gebräuche in so vielen Berufszweigen ist auch nicht ohne Einfluß auf das Theater geblieben. Man verlangt Darstellungen, die dem modernen Leben entnommen sind, man verkürzt ihre Dauer und verwendet immer mehr die freien Abendstunden für den Theaterbesuch. In Tokio hat man begonnen, unsere modernen Theatereinrichtungen anzunehmen, und nun sollen, wie eingangs erwähnt, auch die Frauen als Darsteller zugelassen werden. Um den Theaterbesuch so rege als möglich zu gestalten, werden an jedem Tage eine Anzahl kleinerer Stücke aufgeführt, und zwar pflegen die Direktoren zwischen historischen Darstellungen und Tragödien Possen und Balletvorstellungen einzuschieben. Die Billets können für jedes einzelne Stück gelöst werden, ähnlich wie es in den Zarzuela-Theatern in Spanien der Fall ist. Nur Oper und Operette fehlen in Japan noch gänzlich, und es wird kaum innerhalb eines Menschenalters dazu kommen, daß die Japaner an unserer Vokalmusik Geschmack finden. Die einzigen lyrischen Dramen, welche die Japaner kennen, sind die aus der klassischen Zeit stammenden No-Darstellungen, und diese sind noch viel einförmiger und langweiliger als die gewöhnlichen japanischen Theaterstücke. Immerhin sollten die Japaner ihrer Kaiserin dafür Dank wissen, daß sie dem Theater durch die Zulassung von Frauen neue Abwechselung und neue Anziehungskraft gegeben hat.
[3]Minnie Hauk.
[3]Minnie Hauk.
[3]Minnie Hauk.