Shanghai.
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Wer von Hongkong nach dem großen Handelsemporium des Jangtsekiang, nach Shanghai will, thut gut daran, zu dem Zwecke einen der großen Palastdampfer des Norddeutschen Lloyds zu benützen, denn je schneller er die Reise ausführt, desto besser ist es für ihn, und die Lloydschiffe nehmen gewöhnlich in keinem der fünf offenen Häfen zwischen Hongkong und Shanghai Aufenthalt, sondern fahren direkt nach dem letztgenannten Reiseziele. Wohl befindet sich unter den fünf Vertragshäfen, die man passiert, Futschau, eine der großen Städte Chinas mit einer Million Einwohnern, aber wer Canton gesehen hat, dem wird Futschau, ausgenommen die herrlichen Landschaften am Minfluß und die weitere hochmalerische Umgebung, nur wenig Interessantes bieten. Die südlich von Futschau gelegenen zwei Vertragshäfen Swatow und Amoy sind des Besuches kaum wert. Beide werden selbst von den Chinesen als sehr schmutzige Städte angesehen, auch ist die Bevölkerung den Europäern durchaus nicht besonders freundlich gesinnt, was seinen triftigen Grund hat: bald nach der Eröffnung dieser Häfen gaben sich die Europäer, welche sich dort ansiedelten, einem schmachvollen Kulihandel hin, ähnlich wie es früher die Portugiesen in Macao thaten. In den letzten Jahren hat die Feindseligkeit der Chinesen wohl etwas nachgelassen, aber die Zahl der in den beiden Städten residierenden Europäer hat doch nicht in ähnlichem Maße zugenommen wie in den anderen Häfen und dürfte zusammen etwa 350 betragen, die zahlreichen chinesischen Zollbeamten und Missionäre mit eingeschlossen.
Aehnliches kann auch von den beiden nördlich von Futschau gelegenen Vertragshäfen Wentschou und Ningpo gesagt werden; beide Häfen leiden unter der erdrückenden Nachbarschaft von Shanghai, und der europäische Handel will nicht recht vorwärts; vielleicht teilweise auch deshalb, weil die Schiffahrt in diesen Gewässern bis hinauf nach Shanghai recht gefährlich ist.
Pagode in Shanghai.
Pagode in Shanghai.
Spät am Abend kam ich in Shanghai an und fuhr durch die glänzend erleuchteten, mit modernen Palästen besetzten Straßen nach dem Astor House, einem neuen eleganten Hotel ersten Ranges. Dort überreichte man mir eine Einladung zu der St. Georges Celebration, die gerade heute Abend um neun Uhr in Chang-Su-Ho’s Garten stattfinden sollte. Die Einladung war auf schönes Papier mit Goldbuchstaben gedruckt und mit bekannten, geachteten Namen unterzeichnet. Rasch warf ich mich in Toilette und war ein halbes Stündchen später an der Pforte eines Gartens, an der eine Reihe glänzender Equipagen ihre Insassen entlud. Damen in reichen Abendtoiletten, begleitet von tadellos gekleideten Gentlemen, eilten scherzend und schäkernd dem Inneren des Gartens zu, von wo Tausende von Lampions und Lichtern mir entgegenstrahlten. Triumphbogen aus tropischen Gewächsen undunbekannten Blumen wölbten sich über dem wohlgepflegten Wege; aus allen Bäumen und Bosketts glühten verschiedenfarbige Lichter, und in der Mitte einer weiten Rasenfläche erhob sich ein großer Tempel, ganz aus chinesischen Laternen zusammengesetzt, ein feenhafter Anblick. Ein schöner dunkler See mit einer dreißig Meter hohen Pagode in der Mitte trennte diesen Tempel von einer Reihe von Gebäuden, Tribünen, Schaubuden und Cafés, die, in ein Lichtmeer getaucht, Tausende von Menschen beherbergten, Menschen, wie ich sie bei den großen Gartenfesten von London und Paris zu sehen gewohnt war, alle in großer Toilette, alle von weltmännischen, ungezwungenen Manieren, alle einander kennend und begrüßend. Nur ich war fremd und kannte nicht eine Seele. Ueberrascht von diesem seltsamen und unerwarteten Anblick mengte ich mich in das Gewühl und beobachtete die einzelnen Gruppen. Niemals und nirgends habe ich auf einem so kleinen Raum innerhalb weniger Minuten so viele Sprachen sprechen hören. Zwischen dem Anzünden und Fertigrauchen einer Cigarette vernahm ich in den einzelnen Gruppen Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Dänisch, Portugiesisch, am meisten aber Englisch und Deutsch, gutes Hamburger Deutsch. Vermengten sich diese Gruppen untereinander, dann sprangen die Sprechenden von einer zur andern Sprache über, mit einer Leichtigkeit, die einfach überraschte. Wo war ich denn? War der Garten, in dem ich mich eben befand und der mit Entzücken das Band, das mich an die Heimat fesselt, wieder strammer anzog, war dies China? Wo waren denn die Chinesen? Im Schatten der Bäume und der Bosketts, hinter den Häusern huschten sie umher als dienende Geister, brennende Lampions zu löschen, verlöschende Lichter durch neue zu ersetzen, Stühle zu tragen, Paletots und seidene zarte Damenmäntel zu halten. War dies China, das Reich der Mitte, den Europäern versperrt, beherrscht von einem Kaiser, welcher derSohn des Himmels ist, und verwaltet von zugeknöpften, mißtrauischen, finsteren Mandarinen?
In den Cafés und Schaubuden ging es gar lustig her. Allerhand Allotria standen auf dem ellenlangen Programm, und die in knisternde Seide gehüllte, juwelengeschmückte Damenwelt eilte von einer Bude zur andern, um Konzerte und Dramen und Ballett- und Zaubervorstellungen mitzumachen, alles das veranstaltet durch Gentlemen-Amateurs. Und als diese Produktionen im Freien zu Ende waren, strömte alles in einen großen, säulengeschmückten, glänzend erleuchteten Tanzsaal, wo ein ausgezeichnetes Orchester lustige Weisen spielte und sich die eleganten Pärchen im Kreise drehten und über den glatten Parkettboden flogen. War das China?
Am nächsten Morgen an das Fenster meines Hotelzimmers tretend, hatte ich einen überraschenden Anblick: ein mächtiger Strom, wohl eine halbe englische Meile breit und bedeckt mit Dutzenden von großen Ozeandampfern, Kriegsschiffen, Leichtern und Booten. Die auf den Masken lustig flatternden Flaggen zeigten alle Farben in allen möglichen Zusammenstellungen: Engländer, Oesterreicher, Belgier, Franzosen, Dänen, Spanier, dazwischen die blaue Flagge der englischen Naval Reserve, der rote Ball in weißem Felde der Japaner, der chinesische blaue Drache auf gelbem Felde, aber am zahlreichsten das Schwarz-Weiß-Rot der deutschen Handelsflotte. Die größten und stolzesten Schiffe, die hier auf dem breiten gelben Strom vor Anker lagen, waren deutsche, darunter der gewaltige Koloß „Preußen” des Norddeutschen Lloyds, mit dem ich selbst von Süden heraufgekommen war. Ein schöner Park mit wohlgepflegten Blumenbeeten und schattigen Baumgruppen zog sich von meinem Hotel dem linken Stromufer entlang südwärts, auf der Landseite eingefaßt von großen Steinpalästen mit Balkonen und Arkaden, mit Gittern und monumentalen Thorbogen davor. Von den Dächern erwiderten Flaggen aller Nationen die Grüße der fremden Schiffe; soweit ich nur sehen konnte, boten sich mir Bilder großartigen Lebens und Verkehrs, wie sie nur noch in den Handelsemporien unseres eignen alten Kontinents zu finden sind, und dieses Leben und dieser Verkehr trugen dabei auch das Gepräge unserer eigenen Kultur. War das China?
Diese europäische Großstadt an der Pforte des Jangtsekiang, des mächtigsten Stromes von Asien und der Hauptverkehrsader des chinesischen Reiches, ist eine der merkwürdigsten Schöpfungen unseres Zeitalters. Rings umgeben von mongolischer Kultur, Tausende von Meilen östlich von Europa, ebensoviele Tausende von Meilen westlich von Amerika ist es der entlegenste Außenposten unseres die Welt beherrschenden Handels, unserer Industrien, nicht etwa eine künstlich genährte und gehegte Kolonie, sondern eine Hochburg, welche die furchtlosen Kaufherren der letzten Generation selbst dem Mongolenkoloß abgezwungen, groß und stark gemacht haben. Man hat Shanghai das „Paris von Ostasien” genannt, und ein solches ist es in der That.
Das europäische Viertel und der Hafen von Shanghai.❏GRÖSSERES BILD
Das europäische Viertel und der Hafen von Shanghai.
❏GRÖSSERES BILD
Im Vergleich zu Shanghai treten alle anderen europäischen Städte Ostasiens in den Hintergrund, Singapore, Penang, Hongkong, Batavia, Manila, Yokohama, Kobe, Nagasaki. Manche darunter sind schöner, größer, behaglicher, keine aber hat einen ähnlich entwickelten Handels- und Schiffsverkehr, eine so aufgeweckte liberale, energische, vergnügungslustige Bevölkerung.
Es sind freilich weder architektonische Wunder noch großartige Schöpfungen nach unseren Begriffen, die man hier zu sehen bekommt, denn man darf ja nicht vergessen, daß Shanghai in China liegt. Aber die Menschen, die aus allen Ländern und Weltteilen hierher in das flache, sumpfige, ungesunde Tiefland an der Mündung des Jangtse verschlagen wurden, haben sich ihre neue Heimat, dieses europäisch-chinesische Babel, überraschend schön und behaglich und zweckmäßig eingerichtet.
Ueberraschend, das ist das rechte Wort. Ich hatte mir die Handelsmetropole Chinas als eine lebhafte, lärmende Geschäftsstadt mit großen Warenlagern und Quais und Schiffsbureaus, mit chinesischen Arbeitern und chinesischem Schmutz vorgestellt, etwa so wie Hongkong. Als ich aber meine erste Promenade auf dem Bund von Shanghai machte, fühlte ich mich eher in einem europäischen Badeort, etwa einem nordischen Nizza, so elegant, so vornehm und durchaus europäisch zeigt sich Shanghai von der Flußseite her. Auf etwa zwei Kilometer zieht sich dieser Bund dem Ufer entlang, eine von hohen Laubbäumen beschattete, vorzüglich gehaltene Straße mit schönen Fahrwegen auf beiden Seiten. Der Raum zwischen dieser Straße und dem Flußufer wird durch weite Rasenflächen, Baumgruppen und den vorerwähnten Stadtpark eingenommen, während auf der anderen Seite, die Fronten gegen den Fluß gewendet, die Paläste des Handels sich erheben. Würden nicht an den Thoren auf kleinen Schildern die Namen solcher Weltfirmen wie Butterfield & Swire, Jardine Matthison & Co., Siemssen & Co., Melchers & Co., Sassoon & Co., Deutsch-asiatische Bank, Hongkong- und Shanghaibank und andere zu lesen sein, man würde in jedem einzelnen dieser langen Reihe von Palästen viel eher vornehme Privatresidenzen vermuten, so schön und behaglich erscheinen sie, so wohlgepflegt sind die kleinen ihnen vorgelagerten Gärtchen, so absolut gar nichts sieht man von den wenig ansprechenden Einzelheiten des Großhandels. Ich bin während meines ersten vierzehntägigen Aufenthaltes in Shanghai den Bund mehrmals täglich auf- und abgewandert, aber niemals sah ich auch nur einen Warenballen, einen Dockarbeiter, einen Frachtwagen in dieser merkwürdigen Straße. Und doch wechseln hier im Jahre Hunderttausende von Tonnen Waren die Hände, werden von hier in jeder Woche zahlreiche Dampfer nach Indien, Japan, den Philippinen und Sundainseln, nach Europa und Amerika, nach dem nördlichen China, Korea, Ostsibirien und den Jangtse aufwärts tausend Meilen weit bis nahe nach Tibet expediert. Alles geht hier merkwürdig still und glatt vor sich; in den großen Geschäftsbureaus herrscht ein vornehmer Ton, eine gewisse weltmännische Eleganz, grundverschiedenvon den Verhältnissen, an die man zu Hause gewöhnt wurde. Im Verkehr mit den Geschäftsleuten erhält man den Eindruck, als hätte man es mit lauter wohlhabenden, wohlsituierten Gentlemen zu thun, welche das Geschäft eben nur als Sport betreiben. Obschon Shanghai nicht nur der Waren-, sondern auch Geldmittelpunkt von China ist, und eine stattliche Zahl von Banken hier ihren Sitz haben, giebt es doch keine Börse. Der ganze Börsenverkehr wird einfach beim Mittagscocktail an der Bar des Shanghaiklubs abgewickelt. Vor zehn Uhr morgens sind nur wenige Geschäftsbureaus geöffnet; mittags erscheinen vor den meisten elegante Equipagen, welche die Herren Prinzipale nach Hause oder in einen der Klubs bringen; nachmittags wird wieder zwei bis drei Stunden gearbeitet, und das Tagwerk ist vollbracht, wenigstens was das Geschäft betrifft. Ich hatte gehofft, den Kleinhandel und etwas von dem großen Warenverkehr Shanghais in den vom Bund landeinwärts führenden Seitenstraßen zu sehen, aber auch dort ist wenig davon zu merken. Diese Seitenstraßen sind auf über hundert Meter nur Fortsetzungen des Bunds, und darüber hinaus beginnt der chinesische Stadtteil, jedoch keineswegs mit dem ekelerregenden Hongkonger Schmutz. Die Straßen behalten auch im chinesischen Viertel ihre beträchtliche Breite und auffällige Reinlichkeit, und hat man das Chinesenviertel durchfahren, so gelangt man wieder in hübsche, wohlgepflegte, schattige Avenuen, wo halb verborgen in großen schattigen Gärten hübsche moderne Villen stehen. Nur in der eigentlichen, mit einer Ringmauer umgebenen Chinesenstadt und teilweise auch in der französischen Konzession sieht man die engen und schmutzigen Gäßchen, welche jede Stadt Chinas kennzeichnen. Wer das chinesische Shanghai sehen will, muß sich dort hinein bemühen, denn in der europäischen Stadt ist davon fast gar nichts vorhanden. Chinesen sieht man hier nur als Kutscher, Rickshaw Boys und als Angestellte oder Diener in den Handlungshäusern. Die japanische Rickshaw, eigentlich Jinrickshaw, hat sich auch in Shanghai eingebürgert, und ich glaube, es sind davon nicht weniger als tausend vorhanden, kleine zweiräderige, einsitzige Wägelchen, zwischen deren Deichseln statt Pferden kräftige, dickwadige Chinesen laufen. Noch ein anderes merkwürdiges Vehikel verirrt sich zuweilen aus der Chinesenstadt auf den Bund: ein Schubkarren mit einem großen Rad und Sitzen auf beiden Seiten desselben. Für wenige Pfennige gönnen sich die Chinesen auf derlei Schubkarren das Vergnügen des Fahrens. Sie setzen sich auf eine der beiden Sitzbänke, und der kräftige Kuli schiebt sie rasch, wie eine Ladung Steine, nach ihrem Bestimmungsort. Zuweilen werden diese Schubkarren auch von zwei Passagieren, gewöhnlich Frauen, gleichzeitig benutzt, und man muß über die Kraft der Kulis staunen. Hat ein chinesischer Diener irgend ein Gepäckstück zu befördern, ein Bauer ein Schwein auf den Markt zu führen, eine Mutter ihr krankes Kind nach dem Hospital zu bringen, flugs wird ein Schubkarren requiriert, Gepäckstück, Schwein oder Kind auf die eine Seite angebunden, auf der andern Seite selbst Platz genommenund fort geht es im Laufschritt nach dem Ziele. Von Europäern werden diese Schubkarren niemals benutzt, und selbst die in Japan so beliebte Jinrickshaw scheint bei der eleganten Welt Shanghais etwas verpönt zu sein. Damen benutzen sie selten, dagegen sind die Rickshaws bei den Chinesinnen beliebt. Eines Tages sah ich zwei derselben in einer Rickshaw sitzen, und sie näher betrachtend, gewahrte ich zu meiner Ueberraschung an ihnen blondes, in langen Zöpfen herabfallendes Haar, blaue Augen, kaukasische Gesichtszüge. Blonde Chinesinnen! Aber das ethnologische Wunder wurde mir bald erklärt. Die Fräuleins der schwedisch-protestantischen Mission halten es für ihre Zwecke entsprechender, sich in chinesische Gewänder zu kleiden. Ich sah deren später noch andere in den Uferstädten des Jangtsekiang. Auch die Missionare tragen fast ausschließlich die chinesische Tracht.
In den Banken, Geschäftsbureaus, in den Haushaltungen, Gärten, in der Küche und Kinderstube besteht die dienende Welt nur aus Chinesen, und ich glaube nicht, daß in ganz Shanghai ein halbes Dutzend weißer Diener, wenn überhaupt so viele, zu finden sind. Die Kaukasier sind dort nur Gentlemen und Ladies, die Chinesen im Verkehr mit ihnen nur Untergeordnete, treu, zuverlässig, ehrlich, aufmerksam, still und emsig, so daß den Europäern dank ihnen das Leben in Shanghai wirklich leicht gemacht ist. Häusliche Verrichtungen kennen sie gar nicht. Von den Einkäufen für die Küche bis zum Hausreinigen und Stiefelputzen wird alles in der glattesten Weise durch die Chinesen besorgt, welche Kassierer, Stubenmädchen, Köchinnen, Hausdiener, Kutscher, mit einem Worte alles sind. Die Europäer haben deshalb sehr viel Zeit und überdies alle erdenklichen Gelegenheiten, diese Zeit in der angenehmsten Weise totzuschlagen. Selbst in europäischen Großstädten dürfte es nicht mehr Klubs, Gesellschaften, Vergnügungen aller Art geben, und man kommt im Winter und Frühjahr aus diesem Taumel fast gar nicht heraus. Shanghai hat davon vielleicht sogar ein bißchen zu viel, und es würde den jungen Herren besser bekommen, wenn sie von ihren in neuerer Zeit durchaus nicht mehr übermäßig hohen Bezügen etwas zurücklegen würden, statt sie auf Equipagen, Reitpferde, Klubs und Jagden zu verwenden.
An der Spitze der Gesellschaft stehen die Konsularvertreter und Gerichtsbeamten der europäischen Mächte, da ja die europäischen Bewohner Shanghais den chinesischen Gerichten selbstverständlich nicht unterstehen, sondern ihre eigenen Konsulargerichte haben. Die Konsulate Deutschlands, Englands und Frankreichs sind in wahren Palästen untergebracht, und die betreffenden Vertreter üben die Repräsentation mit sehr viel Takt und Eleganz. Die Generalkonsuln Englands und Frankreichs sind gleichzeitig die obersten Behörden Shanghais. England wie Frankreich erhielten nämlich vor einigen Jahrzehnten die Handvoll chinesischer Erde, auf welcher Shanghai steht, als Konzession. Auch die Vereinigten Staaten ergatterten sich eine solche; sie ist aber längst mit der englischen Konzession vereinigt und hat keineselbständige Munizipalität mehr wie diese oder die französische. Ein kleiner Kanal bildet die geographische Grenze zwischen beiden, eine gesellschaftliche giebt es aber längst nicht mehr, denn viele französische Ansiedler, müde der Nörgeleien ihres konsularischen Diktators, sind nach der englischen Konzession ausgewandert, kleinere englische Kaufleute traten auf französischen Boden über, und die ganze Fremdengesellschaft bildet in Shanghai eine einzige Happy Family, wo von Rassenhaß und Nationalitätenhader nichts zu sehen ist. Wohl giebt es einen deutschen, englischen und französischen Klub, der erstere einer der schönsten und gastfreiesten Ostasiens, allein bei Festlichkeiten, Soireen, Musikabenden und dergleichen wird die Gesellschaft geladen ohne Unterschied der Nationen. Kurz vor meiner Ankunft in Shanghai fanden auf dem herrlichen Rennplatz zur Seite des Bubbling Well Road große Wettrennen statt, an denen sich ganz Shanghai beteiligte. Wenige Tage später veranstaltete dieSociété dramatique françaisein dem hübschen kleinen Lyceumtheater ganz reizende Amateurvorstellungen in französischer Sprache, zu denen die Deutschen ebensogut geladen waren wie die Engländer; und in Erwiderung des englischen St. George- und des französischen Thalia-Abends gaben wieder einige Tage später die Deutschen eine glänzende Soiree zu Ehren einer eben durchreisenden Künstlerin von Weltruf, bei welcher die großen Säle des Konkordiaklubs mit einer ähnlich internationalen Gesellschaft dicht gefüllt waren und Champagner in Strömen floß. So geht es auch auf den Jagden, Konzerten, auf dem Lawntennisboden, wie bei den Regatten auf dem Wusungstrome zu.
Es ist ein wahres Glück, daß sich die Menschen hier so gut vertragen, denn Organisation auf staatlicher Grundlage ist keine vorhanden, und kein Mensch kann sagen, wem Shanghai eigentlich gehört. Das Zollwesen ist chinesisch, die Munizipien sind englisch und französisch, und an Postämtern giebt es ein deutsches, französisches, englisches, japanisches, chinesisches und Shanghaipostamt für den Lokalverkehr, sechs verschiedene Postämter, jedes mit seinen eigenen Postbeamten und Postwertzeichen. Die Chinesen haben in Shanghai ihr eigenes Militär und nahe der Stadt auch ein großes, vortreffliches Arsenal. Die Polizei des europäischen Stadtteils ist größtenteils auch chinesisch, untersteht aber den Munizipien und hat mit den chinesischen Behörden nichts zu thun. Neben den etwa dreihundert chinesischen Polizisten giebt es aber auch fünfzig europäische und fünfzig indische. Dieses seltsame Gemengsel hält die Ordnung in Shanghai in ausgezeichneter Weise aufrecht, und kommen größere Unruhen vor, bedrohen Rebellen die Stadt, wie es vor einem Vierteljahrhundert geschah, so lassen die Bewohner Shanghais ihre eigene Armee aufmarschieren. Diese besteht aus drei europäischen Freiwilligenkorps, nämlich einer Schwadron Kavallerie, einer Feldbatterie und drei Kompagnien Infanterie, durchweg von Bürgern Shanghais gebildet. Verschiedene Telegraphengesellschaften verbinden diese Stadt mit der Außenwelt, und die Kaufleute lesen morgens beimFrühstückstisch in den vortrefflichen englischen Zeitungen Drahtberichte aus London, Paris, Berlin, Neuyork. Shanghai hat vier englische Tageszeitungen, von denen die North China Daily News die beste ist, dann mehrere Wochenblätter, unter denen der deutsche, vorzüglich redigierte Ostasiatische Lloyd besonders rühmend hervorgehoben zu werden verdient.
Nun sage man noch, Shanghai sei keine europäische Großstadt! Europäisch im wahren Sinne des Wortes. Denn die Chinesen mit ihrer Viertelmillion Seelen leben für sich und vermengen sich, ausgenommen durch die dienende Klasse, niemals mit den Europäern. Ist es nicht wunderbar, daß diese letzteren, so verschiedenen Rassen, Nationen, Gesellschaftsklassen und Berufsarten angehörend, eine so große, schöne Stadt gründen konnten und so einträchtig darin leben? Man wird gewiß fragen, wie viele europäische Einwohner Shanghai besitze. Die Antwort wird vielleicht mehr Staunen erregen als alles andere: nicht mehr und nicht weniger als irgendeine unserer hauptstädtischen großen Infanteriekasernen: sechstausend, das ist alles. Am stärksten sind, wie überall, die Engländer vertreten, und ihnen zunächst kommen nicht nur an Zahl, sondern auch an Einfluß, Wohlstand, Handel und in gesellschaftlicher Hinsicht die Deutschen.
Dabei geht es in geschäftlicher Hinsicht in Shanghai mit Riesenschritten vorwärts. Die Stadt entwickelt sich zusehends, sowohl was die europäische wie die chinesische Bevölkerung anbetrifft. Zwischen 1870 und 1880 nahm die europäische Einwohnerzahl ab, während sie in den fünf auf 1880 folgenden Jahren um fünfzig Prozent wieder zunahm und sich seit 1885 sogar verdoppelte und heute, wie gesagt, sechstausend Seelen erreicht hat. Unter diesen sind über 2000 Engländer, 450 Deutsche, 380 Amerikaner und nur 300 Franzosen, dann 800 sogenannte Portugiesen, größtenteils Mischlinge aus Macao. Der Dampferverkehr erreicht jährlich etwa 6000 Schiffe mit acht Millionen Tonnen, der Wert des Handels tausend Millionen Mark.
Auch in industrieller Hinsicht wächst Shanghai seit dem Frieden von Shimonoseki, hauptsächlich deshalb, weil den Chinesen die freie Einfuhr von Maschinen in die Vertragshäfen abgezwungen wurde. Im Jahre 1896 allein entstanden in Shanghai vierundzwanzig neue Seidenfilaturen, an denen sich auch Chinesen mit bedeutendem Kapital beteiligten. Die Erschließung des Stromgebietes des oberen Jangtsekiang, der nicht mehr zu hemmende Handelsverkehr mit den Provinzen des Innern sichern Shanghai einen glänzenden Aufschwung, der durch Kriege und Unruhen nur zeitweise unterbrochen werden kann.