Spazierfahrten im mittleren Japan.

Landleute.Spazierfahrten im mittleren Japan.

Landleute.

Landleute.

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Wer Japan jemals im Sommer besucht hat, wird es begreiflich finden, daß die Europäer die Hauptstadt ebenso wie die Hafenstädte des Inselreiches, wenn immer möglich, fliehen, um auf den hohen Bergketten der japanischen Hauptinsel Hondo Kühlung zu suchen. In dieser ostasiatischen Schweiz sind es vor allem zwei Distrikte, die von den Europäern nicht nur Japans, sondern von ganz Ostasien bevorzugt werden: Nikko, im Norden der Hauptstadt Tokio, und Hakone, im Süden derselben gelegen. Die Japaner sind sich der Schönheit ihres Heimatlandes wohl bewußt, und stolz, wie sie sind, bestrebt, sich und ihr Inselreich den Bleichgesichtern des Abendlandes in möglichst günstigem Lichte zu zeigen, haben sie alles Erdenkliche gethan, um die schönsten Gebirgspartien Japans leicht zugänglich zu machen. Der europäische Unternehmungsgeist, der sich sonst in Asien überall zeigt, auf Ceylon und Java, in Indien und China, hat damit in Japan nichts zu thun gehabt. Mit japanischem Gelde und durch japanische Ingenieure wurden Eisenbahnen, Brücken, Straßen, Pferdebahnen, Fußwege angelegt, Hotels und Badeanstalten nach europäischem Muster eingerichtet, so daß man heute die prächtigsten Gegenden der asiatischen Schweiz, vor allem den Distrikt von Hakone, mit ähnlicher Bequemlichkeit besuchen kann wie Grindelwald.

Von dem trotz der Nähe des Meeres heißen, sonnenverbrannten Yokohama brachte mich eine mehrstündige Eisenbahnfahrt nach Kozu. Dieses ist ein kleines, ärmliches Städtchen nahe der Mündung des steinigen Sakawagawa in das Meer gelegen und würde wohl kaum jemals einen europäischen Reisenden zum Aufenthalt verlocken, wenn es nicht die Pforte zu dem herrlichen Bergdistrikt von Hakone wäre.

Während die altberühmte Hauptstraße des Landes, der Tokaido, von Kozu aus quer in den Bergdistrikt von Hakone hineinlenkt, muß die Eisenbahn ihm ausweichen; sie führt in einem weiten, hufeisenförmigen Bogen um ihn herum und erreicht erst auf der anderen Seite bei Numazu wieder das Meer. Den Tokaido entlang, der noch vor drei Jahrzehnten den Feudalfürsten des Landes mit ihrem malerischen Gefolge als Reiseweg diente, führt heute eine Pferdebahn mit schlechten Wagen, von elenden Kleppern gezogen, und diese bestiegen wir nun, um uns bis Yumoto an den Fuß der bewaldeten Berge führen zu lassen. Japanische Landleute, Kulis, barfuß bis zu den Schultern, dazwischen reizende Musmis in bunten Kimonos und alte Weiber mit Bündeln und Körben bildeten unsere Reisegefährten. Untereinander befleißigen sie sich der größten Höflichkeit, aber uns Europäern gegenüber zeigten sie nur vornehme Verachtung, im besten Falle Gleichgültigkeit. Waren ihnen doch in den letzten Jahren so viele anglo-amerikanische Flegel in den Weg gekommen, die ihren Gruß mit Grobheiten erwiderten, ihre Höflichkeit laut belachten und sich als so ungezogene Bengel benahmen, daß man den Insulanern ihren Abscheu vor der ganzen abendländischen Touristenwelt gar nicht verübeln kann.

In Odawara, wo sich der Pferdebahnstation gegenüber die gewaltigen Ringmauern einer zerstörten Feudalburg erheben, wurde kurzer Halt gemacht, dann ging es zwischen den wohlgepflegten, sorgsam bewässerten Reisfeldern auf hohem Damme weiter über das steinige, breite Bett des Hayagawa nach Yumoto.

Hier wurden wir europäischen Passagiere von Dutzenden halbnackter Kulis umringt, die uns ihre Rickshaws zur Weiterfahrt in die Berge hinauf anboten. In langen Batterien waren die leichten zweiräderigen Wägelchen aufgefahren; ohne daß man es wehren konnte, wurde das Gepäck auf die Rickshaws verladen, und mit derselben Zudringlichkeit, wenn auch mit größerer Höflichkeit wie die Beduinen anden ägyptischen Pyramiden, ließen uns die Kulis nicht los, bis jeder von uns eine Rickshaw mit zwei oder drei strammbeinigen bronzenen Gesellen angeworben hatte. Der eine stellte sich zwischen die Gabeldeichsel und erfaßte diese, ein zweiter vor ihm schlang sich eine Zugleine über die Schulter, und während dieses menschliche Tandemgespann unter lautem Hallo anzog, schob ein dritter von rückwärts nach. So durcheilte die ganze Karawane von mehreren Dutzend Rickshaws das Dorf, reizend eingenistet an den steilen Ufern der Schlucht, aus welcher der wasserreiche Hayagawa, ein Abfluß des herrlichen Bergsees von Hakone, hervorbraust. Die heftigen Regengüsse des Sommers hatten kurz zuvor die Brücke weggerissen, und notdürftig waren einige Bretter und Balken zu einem halsbrecherischen Steg gezimmert worden, über den uns die Kulis geschickt hinüberhalfen. Jenseits der Schlucht bestiegen wir andere bereitstehende Rickshaws, und nun ging es auf breiter, aber von Regenbächen zerrissener, steiniger Straße steil aufwärts in die Berge. Zur Rechten tief unter uns schäumte der Strom, zur Linken erhoben sich steile, stellenweise überhängende Bergwände, mit der üppigsten Vegetation überwuchert. Die herrlichsten Blüten, große japanische Lilien, die bei uns als Topfpflanzen sorgsam gepflegt werden, bedeckten die Abhänge nach vielen Tausenden; überall rauschten Bäche, in Kaskaden über Stock und Stein hüpfend, herab, dem Hayagawa zu. An manchen Stellen hatte der Regen Bergstürze zur Folge gehabt, durch welche die Regierung mit Mühe einen Weg bahnen ließ; in vielfachen scharfen Windungen, tiefe, finstere Schluchten entlang führte die Straße aus der nicht viel über dem Meeresspiegel liegenden Ebene aufwärts nach der entzückenden Bergidylle Miyanoshita, die fünfhundert Meter hoch zwischen der grünen Felspyramide Myojogatake und dem bewaldeten Sengenyama eingeschachtelt ist. Ich mußte die Ausdauer meiner flinken Kulis bewundern, die auf dem ganzen einstündigen Wege nur einmal anhielten, um sich an einer Quelle Kopf und Schultern zu baden und mehrere Holzbecher voll Wasser zu trinken. Der Schweiß rann in Strömen über den bronzenen Rücken und an den muskulösen Beinen hinab; schon kurz oberhalb Yumoto hatten sie sich ihrer Leinenjacken entledigt, sie ausgewunden wie ein Stück ausgespülter Wäsche und zum Trocknen über die Deichselstangen gehängt. Mit Bewunderung, gemischt mit Neid, betrachteten wir zarter veranlagten Europäer den prächtigen Körperbau dieser Bergbewohner.

Miyanoshita besteht aus zwei kleinen, urjapanischen Dörfchen, zwischen denen sich auf einem mit europäischen Gartenanlagen geschmückten Plateau das stattliche Fuji-ya-Hotel erhebt; etwas weiter unterhalb, am oberen Rande der steilen Hayagawaschlucht, befindet sich ein zweites Hotel von europäischem Aussehen, Nara-ya genannt, das aber der Hauptsache nach vornehmen Japanern zum Aufenthalt dient. Gerade während meines ersten Besuches von Miyanoshita weilten hier zwei putzige kaiserliche Prinzchen, Söhne Seiner Majestät und irgendwelcher japanischen Komtesse oder Baronesse; sie besaßen einen aus zahlreichen Personen bestehenden Hofstaat, und unternahmen sie ihre täglichen Spaziergänge, so wurden sie von einem ganzen Schwarm von Höflingen und Polizisten begleitet.

Auch das Fuji-ya-Hotel, eines der besten von ganz Ostasien, ist zur Hälfte nach japanischer Art eingerichtet, das heißt an das im Schweizer Villenstil erbaute, ganz europäisch eingerichtete Haupthaus lehnen sich die Flügel, so leicht und zart wie schwedische Streichholzschachteln. Die einzelnen Schlafräume haben wohl Betten und sonstigen abendländischen Hausrat, die Wände aber sind nach japanischem Muster nur verschiebbare Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen, ohne Fenster, ohne Thüren, nur von einer langen Holzveranda umgeben, von der man in die Schlafräume gelangt, indem man die Papierrahmen auseinanderschiebt. Ein weggeworfenes brennendes Zündhölzchen, unvorsichtiges Handhaben des Kerzenstockes würde das ganze Hotel wie einen Haufen trockener Holzspäne aufflammen lassen. Dafür spüren die europäischen und japanischen Gäste dieses Kartenhauses nur wenig von den häufigen Erdbeben, dieser schrecklichsten Landplage Japans. Während wir im Haupthause mehrmals durch die Erschütterungen, die das Gebäude in allen Fugen krachen und die Einrichtungsstücke herumtanzen ließen, aus unserer Ruhe geschreckt wurden, waren diese Erdbeben in den japanischen Anbauten kaum wahrnehmbar.

Wenn mich inmitten des vornehmen europäischen Lebens, das sich im Fuji-ya-Hotel abspielte, irgend etwas daran gemahnte, daß ich mich nicht in einer schweizerischen Gebirgskarawanserei, sondern viele Tausende Kilometer davon entfernt bei den Antipoden befand, so waren es die kleinen, freundlich lächelnden Nesans, die in den Wohnzimmern und im Speisesaale die Bedienung besorgten; hübsche Mädchen mit sorgfältig frisiertem Haar, in buntfarbige Kimonos gekleidet. Auf den reingescheuerten Matten der Korridore und Säle wackelten sie in Socken lautlos einher, die Zehen nach einwärts gerichtet wie Enten. Außer good morning, good night und thank you verstanden sie keine Silbe einer europäischen Sprache, und wer nicht japanisch sprach, mußte sich durch Zeichen mit ihnen verständigen. Die Speisekarten bei den Mahlzeiten trugen neben den englischen Namen arabische und japanische Nummern, ebenso die Weinkarten, und begehrte man gewisse Speisen und Getränke, so brauchte man nur auf die dabeistehenden japanischen Nummern zu zeigen, um das Gewünschte zu erhalten. Sonst waren Auseinandersetzungen mit ihnen nicht nötig; sie kannten ihre Pflicht, die Betten waren stets in Ordnung, und auf ihnen lagen allabendlich die Hotel-Ukatas sorgfältig ausgebreitet zum Gebrauch. Diese Ukatas sind eine Art Kimono, die Japaner wie Europäer als Schlafrock oder Bademantel benutzen und vom Hotel gerade so geliefert werden wie Handtücher und Bettwäsche. Morgens früh schlüpften die Hotelgäste aus ihren Betten in die Ukatas und eilten durch die langen Korridore hinab zu dem weitläufigen Badehaus, das aber, glücklicherweise für die Damen, keine gemeinschaftlichen Bassins besaß wie dasbenachbarte Nara-ya-Hotel und wie alle anderen japanischen Hotels und Badeorte des Landes. Dafür giebt es im Fuji-ya-Hotel lange Reihen geräumiger Badezimmer mit in den Fußboden versenkten großen Holzwannen, in denen bequem zwei oder drei Menschen zusammen baden könnten. Aus Bambusrohren kann man nach Belieben kaltes und warmes Wasser zuströmen lassen. Daran ist kein Mangel, denn hinter dem Badehause pritschelt und rieselt es in zahllosen Bächlein den Abhang herab. Diese Bäder gewähren so großen Genuß, daß die europäischen Gäste es den Japanern nachmachen und sich täglich durch zwei, drei Bäder erfrischen, nur werden sie von ihnen nicht so heiß genommen wie von den Japanern, die ein seltsames Wohlgefallen daran finden, sich mit heißem Wasser krebsrot brühen zu lassen.

Tempelthor am See von Hakone.❏GRÖSSERES BILD

Tempelthor am See von Hakone.

❏GRÖSSERES BILD

Miyanoshita ist reich an den herrlichsten Spaziergängen, und ohne seine europäische Bequemlichkeit aufzugeben, hat man nirgends im Mikadoreiche so gute Gelegenheit, das japanische Dorf- und Landleben kennen zu lernen wie hier. Der ganze Distrikt ist eine entzückende Idylle, ein Olymp in Wirklichkeit, mit zufriedenen, höflichen, stillen, arbeitsamen Menschen, die aus der sie umgebenden herrlichen Natur einen Garten gemacht haben. Arm wie Kirchenmäuse, hegen sie doch anscheinend keinen Neid gegen die europäischen Protzen, die sie den Sommer über in ihrem Bergparadiese stören, vielleicht haben sie einsehen gelernt, daß ihr friedliches Landleben, ihre Beschäftigung, ihre bequeme Kleidung, ihre einfache Gemüse- und Fischnahrung immer noch vorzuziehen ist der tollen geschäftlichen Jagd, der Unruhe und Genußsucht dieser fleischfressenden Ungetüme John Bull, Onkel Sam und Bruder Sauerkraut. Das japanische Dorf Miyanoshita hat dem europäischen Badeort Miyanoshita nur insofern Rechnung getragen, als in dem reizenden Theehause thalaufwärts Tische und Bänke für die Badegäste angelegt wurden und zum Thee auch Löffel und europäisches Backwerk serviert werden. In der Mitte des reizenden kleinen Theehausgartens befindet sich ein Teich mit Tausenden von Goldfischen, so zahm, daß sie Biskuit aus der Hand schnappen.

Die Missionare, Diplomaten, Kaufleute, Touristen, die sich hier in den Bergen des Herzens von Japan allsommerlich aus allen Erdteilen und Ländern zusammenfinden, kann man nur des Morgens und Abends im Speisesaale vereint sehen. Tagsüber ist das große Hotel wie ausgestorben. Nach dem Frühstück werden verschiedene Wanderungen ins Gebirge angetreten. Die freundlichen japanischen Hauswirte in tadelloser europäischer Toilette lassen den Wanderern ihren Lunch auf japanische Weise in frisch gehobelte kleine Kästchen packen, vor der Thüre stehen Dutzende von sehnigen jungen Kulis mit ihren Rickshaws, Kagos oder europäischen Tragstühlen, dazu höfliche Führer, und man kann wochenlang täglich auf anderen Wegen die Umgebung durchstreifen, um mit jedem Tage entzückter von diesem herrlichsten aller außereuropäischen Länder nach Miyanoshita zurückzukehren. Der Reihe nach besuchte ich die reizenden Gebirgsdörfer Kiga, Dogashima, Miagino, badete ingemischter japanischer Herren- und Damengesellschaft in den Schwefelquellen des Badeortes Kodschigoku, bestieg den Sengenyama und den Myojogatake, um den wunderbaren Ausblick auf die japanischen Meeresküsten mit der vorgelagerten Vulkaninsel Oschima zu genießen und auf der entgegengesetzten Seite die stolzen Formen des Fudschiyama zu bewundern. Einige Tage später stand ich auch während eines wütenden Taifuns auf der etwa viertausendzweihundert Meter über dem Meere gelegenen Spitze dieses höchsten Bergriesen Ostasiens und blickte in den furchtbaren, mit Rauch und Schwefeldämpfen gefüllten Krater hinab.

Aber der reizendste Tagesausflug von Miyanoshita ist doch jener nach dem idyllischen Bergsee von Hakone. In bequemen Stühlen ruhend, die von je vier kräftigen Kulis mittels langer elastischer Bambusstangen auf den Schultern getragen wurden, brachen wir frühmorgens auf, um zunächst in dem etwa fünfhundert Meter weiter oben im Gebirge gelegenen Schwefelbad Ashinoyu Halt zu machen. Das Matsuzakahotel, halb in europäischem Stil geführt, war gerade so gefüllt wie alle anderen mit Hunderten von rheumatischen Japanern beiderlei Geschlechts, die in den heißen Quellen dieser vulkanischen Regionen Heilung suchten, aber für Europäer muß ein längerer Aufenthalt in diesem Ashinoyu entsetzlich sein. Der Ort liegt auf einem vollständig kahlen, trostlosen Plateau und ist den halben Sommer über in dichten Nebel gehüllt, während die Schwefelquellen die ganze Gegend durchstänkern und die umliegenden Sümpfe giftige Dämpfe aushauchen. So brachen wir denn nach kurzer Rast wieder auf, um auf öden Bergwegen zwischen den gewaltigen Kegeln des Kamiyama und des zweispitzigen Futagoyama (Zwillingsberg) hinabzuwandern zu dem Hakonesee.

Auf der ganzen Strecke begegneten wir keiner menschlichen Seele; ausgebrannte Kraterkegel ragen überall aus der baumlosen Hochebene hervor, hier und dort liegen kleine, bläulich-grüne Seen, nirgends ein Haus oder auch nur ein Flugdach; in dieser Einsamkeit haben buddhistische Heilige sich durch Bildwerke, in die Felswand gegraben, verewigt. Wie man in ganz Japan überall auf Weg und Steg kleinen Steindenkmälern und Götzenstatuen begegnet, so schlummern auch hier Dutzende in dem hohen, dürren Grase, darunter auch der riesige Dschizo, eines der Meisterwerke japanischer Bildnerkunst.

Endlich sahen wir einen Teil des blauen, stillen Hakonesees zu unseren Füßen liegen und hatten bald wieder die von ungeheuren Kryptomerien beschattete Tokaidostraße erreicht. Auf dieser hier noch vortrefflich erhaltenen, mit großen Steinen gepflasterten wichtigsten Heerstraße des alten Japan weiterwandernd, erreichten wir gegen Mittag das idyllische Dörfchen Moto-Hakone, am südlichen Ende des Sees gelegen, und einen halben Kilometer davon entfernt ein japanisches Theehaus, Tsudschi-ya. Mit seiner Vorderseite in den See hineingebaut, öffnen sich die durch Papierwände in einzelne Zimmerchen geteilten Veranden auf die weite, von Bergenumsäumte Wasserfläche, in deren Hintergrund der gewaltige Fujiyama emporragt. Zur Rechten erhebt sich auf einer schmalen, in den See vorspringenden Landzunge ein kaiserliches Schloß, das im Sommer zeitweilig Mitgliedern der Herrscherfamilie zum Aufenthalt dient. Auf der Theehausveranda nahmen wir unseren Imbiß ein, aufgetragen durch ein liebliches, junges Mädchen, das uns zum Andenken auch noch kleine Porzellannippsachen zusteckte, wohl als Erwiderung auf das reichliche Trinkgeld, das sie sich mehr durch ihr freundliches Wesen als durch besonders rasche Bedienung erworben hatte.

Als wir aufbrachen, um das bereitstehende Ruderboot zu besteigen, kam ein gewaltiger Platzregen niedergeprasselt, der unsere weißen Leinenanzüge und die Unterkleider bald bis auf die Haut durchnäßte. Das Boot war mit Wasser derart gefüllt, daß wir auf unseren Stühlen Platz nehmen und die Beine hochhalten mußten, während zwei von unseren Kulis fortwährend mit den Kübeln das Wasser ausschöpften. Das ähnlich wie unser Baedeker rot gebundene Murraysche Handbuch von Japan hatte ich zum Schutz gegen die Nässe unter meinen Sitz geschoben. Da der Führer ein baldiges Aufhören des Regengusses prophezeite und wir doch abends wieder nach Miyanoshita zurückkehren mußten, machten wir gute Miene zum bösen Spiel und ließen uns über den See nach dem Nordende desselben rudern.

Von den Ufern, die an malerischer Pracht mit den Gestaden der italienischen Riviera wetteifern, bekamen wir nur einzelne Stellen zu sehen. Nach zweistündigem, angestrengtem Rudern erreichten wir die Stelle, wo wir aussteigen mußten, um über die sogenannte Große Hölle den Rückweg anzutreten. Unsere Kulis hoben uns mit den Stühlen aus dem Boot und trugen uns, bis an die Hüften im Wasser watend, unter fortwährendem, strömendem Regen ans Ufer. Als ich dort meinen Tragstuhl verließ, um die steile Anhöhe des Kamuri zu Fuß emporzuklettern, brachen plötzlich meine Reisegefährten, Europäer wie Japaner, in schallendes Gelächter aus. Der rote Murray war in der Regenlache, die sich unter meinem Sitz gebildet hatte, vollständig durchnäßt worden und hatte meine weißleinenen Beinkleider gerade an ihrer bescheidensten Stelle knallrot gefärbt.

Auf halsbrecherischen Pfaden, an den Seiten schwindelnder Abgründe, führte unser Weg in das Thal von Miyanoshita zurück, und die Höllengegend, die wir zu durchwandern hatten, wird uns durch ihre großartige Wildheit und Einsamkeit wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben. Heiße Schwefeldämpfe dringen überall aus dem weichen Kalk- und Schwefelboden, in dem unsere Füße stellenweise bis an die Knöchel versanken; das Wasser, das aus zahlreichen Quellen hervorsprudelt, ist ebenso heiß wie die nackten Felsen, die sie umgeben; dichte Nebelwolken raubten uns den Ausblick, warme Schwefelwasserstoffgase den Atem; an manchen Stellen brannte uns der Boden unter den Füßen, an anderen mußten wir über gewaltige Steintrümmer uns den Weg bahnen, und das bei unausgesetztem, strömendem Regen.Erst gegen Abend, als wir das lachende, grüne Thal der Hayagawa erreicht hatten, kam die Sonne wieder zum Vorschein.

Gerade diese Verschiedenheit der Landschafts- und Kulturbilder macht Miyanoshita zu dem entzückendsten Aufenthalt, den man sich denken kann, und wäre es in Europa gelegen, es würde gewiß zu unseren besuchtesten Wallfahrtsorten der Sommertouristen zählen.

Nach mehrwöchentlichem Verweilen in dieser Bergregion des mittleren Japan brachen wir endlich, nicht ohne Bedauern, auf, um nach der alten Hauptstadt des Reiches, nach Kioto, zu fahren. Auf dem Wege dahin blieben wir noch einige Tage in dem interessanten Nagoya, das, auf der großen Eisenbahnlinie Tokio-Kioto gelegen, doch noch von europäischen Einflüssen verschont geblieben ist und neben echt japanischem Leben auch noch großartige Tempel, reichgefüllte Antiquitätenläden und vor allem sein stolzes Daimioschloß besitzt. Dieses letztere, ein mehrstöckiger Bau in Pyramidenform, wird von den berühmten zwei goldenen Delphinen gekrönt, von denen einer auf der Weltausstellung in Wien allgemeine Bewunderung erregt hat. Das alte Schloß, einst die Residenz der mächtigen Fürsten von Owari, enthält in seinem Innern nicht viel Sehenswertes mehr, denn die Zerstörungswut der Staatsbehörden, der in den ersten Jahren der gegenwärtigen Regierung so viele Herrlichkeiten des alten Japan zum Opfer gefallen sind, hat auch dieses großartige Denkmal der Feudalzeit nicht verschont. Nur in seinem Aeußern ist es so geblieben, wie es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war.

Von Nagoya führte uns der Weg, teilweise in Rickshaws, teilweise im Eisenbahnwagen, durch die gesegneten Gefilde des ehemaligen Fürstentums Owari über Gifu an die Gestade des großen Biwasees und schließlich nach Kioto.


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