Wie die Chinesen Verdienste ehren.
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Nach der letzten großen Schlacht zwischen den Chinesen und Japanern brachten die Blätter die Drahtmeldung aus China, daß dem Vizekönig von Tschihli (in Europa unter dem Namen Petschili besser bekannt) zur Strafe für die Niederlage seiner Truppen ein Pfauenauge unterdrückt worden sei.
Hutknopf der Mandarine(halbe Größe).
Hutknopf der Mandarine(halbe Größe).
Diese Nachricht dürfte der großen Mehrzahl der Leser unverständlich geblieben sein, denn selbst die in China lebenden Europäer sind mit chinesischen Orden und Ehrenzeichen nicht vertraut, die zuweilen in den absonderlichsten Formen verliehen werden. Orden nach europäischen Begriffen besitzen die Chinesen überhaupt nicht. Allerdings wurden während der Kriege, welche die Chinesen in den letzten Jahrzehnten gegen Engländer, Franzosen und die eigenen Rebellen auszufechten hatten, an die im chinesischen Heere dienenden Europäer Orden und Medaillen verliehen, doch waren diese letzteren nur willkommene Behelfe der Vizekönige und wurden von der chinesischen Zentralregierung nicht anerkannt. Erst am neunzehnten Tage des zwölften Monats des siebenten Jahres Kuangsi (am 7. Februar 1882) stiftete der Kaiser des himmlischen Reiches einen Orden, Shuanglung-Pao-Sing, zu deutsch den Orden des doppelten Drachen, doch auch dieser wird nur an verdiente Ausländer verliehen. So z. B. befanden sich unter den ersten mit dem Großkreuz dekorierten Ausländern der Direktor der chinesischen Zollämter Sir Robert Hart und der von der Chartumer Katastrophe her bekannte englische General Gordon, der sich in der chinesischen Expedition gegen die Taiping ausgezeichnet hatte. Allein Chinesen erhalten weder Orden noch Medaillen. Die gebräuchlichste Belohnung für Zivil- und Militärdienste ist die Erhebung zu einer höheren Rangstufe der Mandarine oder, wie sie in China heißen, Kwun. Mandarin ist keineswegs ein chinesisches, sondern ein vom portugiesischen Mandar, Befehlen, abstammendes Wort, das nur in der lingua franca Ostasiens, dem pidgin English, gebräuchlich ist.
Die Chinesen haben neun Klassen von Mandarinen, deren jede für Militär und Zivil besondere Abzeichen besitzt, durchwegs Tiere, die auf einem etwa einen Quadratfuß großen viereckigen Tuchschild mit farbiger Seide aufgestickt sind. Diese Schilder werden von den Mandarinen auf Brust und Rücken getragen, und an ihnen erkennen die Chinesen ihre Beamten, die Soldaten ihre Offiziere. Die Tiere sind die folgenden:
RangArmee und FlotteZivil1. KlasseNashornKranich2. „indischer LöweGoldfasan3. „LeopardPfau4. „Tigerwilde Gans5. „BärSilberfasan6. „TigerkatzeReiher7. „WaschbärEnte8. „SeehundWachtel9. „RhinocerosElster
RangArmee und FlotteZivil1. KlasseNashornKranich2. „indischer LöweGoldfasan3. „LeopardPfau4. „Tigerwilde Gans5. „BärSilberfasan6. „TigerkatzeReiher7. „WaschbärEnte8. „SeehundWachtel9. „RhinocerosElster
RangArmee und FlotteZivil1. KlasseNashornKranich2. „indischer LöweGoldfasan3. „LeopardPfau4. „Tigerwilde Gans5. „BärSilberfasan6. „TigerkatzeReiher7. „WaschbärEnte8. „SeehundWachtel9. „RhinocerosElster
RangArmee und FlotteZivil
Rang
Armee und Flotte
Zivil
1. KlasseNashornKranich
1. Klasse
Nashorn
Kranich
2. „indischer LöweGoldfasan
2. „
indischer Löwe
Goldfasan
3. „LeopardPfau
3. „
Leopard
Pfau
4. „Tigerwilde Gans
4. „
Tiger
wilde Gans
5. „BärSilberfasan
5. „
Bär
Silberfasan
6. „TigerkatzeReiher
6. „
Tigerkatze
Reiher
7. „WaschbärEnte
7. „
Waschbär
Ente
8. „SeehundWachtel
8. „
Seehund
Wachtel
9. „RhinocerosElster
9. „
Rhinoceros
Elster
Außer diesen Brustschildern ist auch die Art der Leibgürtel genau festgesetzt, so z. B. tragen die Mandarine erster Klasse rote Gürtel mit Schnallen aus Jade (Nephrit) und Rubinen, jene der letzten Klasse Schnallen aus Büffelhorn.
Zu den Abzeichen der Mandarine gehören auch die Knöpfe oder vielmehr nußgroßen runden Kugeln auf der Spitze der chinesischen Hüte. Bei den Mandarinen erster Klasse sind die Kugeln Rubinen, bei jenen der zweiten Klasse Korallen, die Knöpfe der Mandarine dritter und vierter Klasse sind blau, und zwar durchsichtig blau (Saphir) und undurchsichtig (Lapis Lazuli); bei der fünften und sechsten Klasse weiß, durchsichtig (Krystall) und undurchsichtig (Marmor). Sollen Mandarine für leichtere Vergehen bestraft werden, so wird ihnen für eine bestimmte Zeit der Knopf entzogen.
Neben diesen mit dem Rang verbundenen Abzeichen giebt es in China auch außerordentliche Auszeichnungen, von denen die höchste die gelbe Reitjacke ist (im Chinesischen Ma-Kwa), ein gelbseidener Rock, der jedoch nur auf Reisen, im Felde und bei Hofe getragen wird. Sir Robert Hart und von den Chinesen der berühmte Vizekönig von Tschili, Li-Hung-Tschang, sind die bekanntesten Inhaber der gelben Reitjacke. Für ganz besondere Leistungen wird auch die gelbe Flagge verliehen, ein kleines gelbseidenes Fähnchen, das der Inhaber in seiner Rechten trägt. Der Besitz des Fähnchens führt das souveräne Recht von Leben und Tod mit sich und es wird deshalb nur äußerst selten verliehen. In ganz China dürften kaum mehr als sechs Würdenträger die gelbe Flagge besitzen.
Häufiger wird die Pfauen- oder Krähenfeder verliehen. Die so Ausgezeichneten tragen die Feder auf dem Hute hinten nach abwärts geneigt. Prinzen und den höchsten Würdenträgern werden die Pfauenfedern mit drei Augen verliehen, geringeren Beamten nur solche mit zwei Augen, und Federn mit einem Auge sind sogar für geringes Geld käuflich. Li-Hung-Tschang konnte in Anbetracht seines hohen Ranges keine schlimmere Strafe widerfahren als die 1894 erlassene Verfügung, daß er eine Zeit lang nur zwei Augen auf seiner Pfauenfeder tragen durfte.
Krähenfedern werden nur Soldaten der kaiserlichen Garde verliehen. Sie können aber auch die Pfauenfeder erhalten. So z. B. bringt der Titel Baturu die Pfauenfeder mit sich. Ein Baturu ist in der chinesischen Armee etwa dasselbe,was der Ritter der Ehrenlegion in der französischen Armee, nur trägt der chinesische Baturu statt des Kreuzes am roten Bändchen die Pfauenfeder und erhält einen passenden Titel, z. B. der Tapfere oder der Großmütige, mit dem auch höhere Bezüge verbunden sind. Bisher wurde nur ein Europäer, der General Mesny (ein Franzose), Baturu.
Noch seltsamer als die eben erwähnten sind einige andere Auszeichnungen der Chinesen, z. B. das Recht, die Schwertscheide mit der gelben Rinde der Robinia pygmaea, einer Akazienart, überziehen zu lassen, oder das Recht, beim Reiten rote Zügel zu führen. Li-Hung-Tschang ist auch Inhaber dieser Auszeichnungen.
Orden des doppelten Drachen dritterKlasse des ersten Grades.Band zum nebenstehenden Orden.(Hälfte bis zu einem Ende.)
Orden des doppelten Drachen dritterKlasse des ersten Grades.
Orden des doppelten Drachen dritterKlasse des ersten Grades.
Band zum nebenstehenden Orden.(Hälfte bis zu einem Ende.)
Band zum nebenstehenden Orden.(Hälfte bis zu einem Ende.)
Zivilmandarinen wird als besondere Belohnung gestattet, die Tragstangen ihrer Tragstühle rot überziehen zu lassen. Mandarine gehen niemals zu Fuß aus, sondern reiten oder lassen sich in Tragstühlen tragen. Es wäre eine Entwürdigung für einen Mandarin, zu Fuß oder ohne entsprechende Begleitung von Dienern und Sekretären auf der Straße zu erscheinen.
Zu den zahlreichen Orden chinesischer Art, die der frühere Vizekönig von Tschili besitzt, gehört auch der Zobelorden, wenn diese Bezeichnung erlaubt ist. Das Tragen von Zobelfellen erfordert in China die kaiserliche Bewilligung, und die Kaiserinwitwe sandte Li-Hung-Tschang selbst als Geburtstagsgeschenk die für einen Mantel erforderliche Zahl von Zobelfellen.
Kaiserliche Ehrenpforte zwischen Kiu-fu und dem Confuciusgrab.❏GRÖSSERES BILD
Kaiserliche Ehrenpforte zwischen Kiu-fu und dem Confuciusgrab.
❏GRÖSSERES BILD
In der offiziellen Pekinger Zeitung war vor einigen Jahren von einer noch seltsameren Auszeichnung zu lesen, die damit zusammenhängt, daß es in China keinen Erbadel nach unserer Art giebt. Sir Robert Hart, der früher erwähnte chinesische Zolldirektor, hatte durch seine vortrefflichen Maßnahmen die Einnahmen des Reiches beträchtlich vermehrt, und der Kaiser erließ deshalb folgende Verordnung: „Dem Generaldirektor wird ein Stück Seide verliehen, worauf die Namen seiner drei nächsten Vorfahren in fünf verschiedenen Farben aufgestickt sind. Diese Auszeichnung betrachten Wir (der Kaiser) höher als die gelbe Reitjacke.”
Und bald darauf enthielt die Pekinger Zeitung einen kaiserlichen Erlaß, demzufolge der Kaiser den drei nächsten Vorfahren des Sir Robert Hart die Kappenknöpfe ersten Ranges verlieh. Glückliche Vorfahren! Sir Robert Hart wäre es lieber gewesen, seine Nachkommen so ausgezeichnet zu sehen, aber, so argumentieren die chinesischen Staatsmänner, was haben die Nachkommen des Sir Robert zu seinen Erfolgen beigetragen? Waren die Vorfahren daran nicht viel mehr beteiligt?
Der chinesische Adel ist mit dem europäischen in keiner Weise zu vergleichen und könnte eher als eine Art amtlicher Würden angesehen werden. Er wird ausschließlich nur für militärische Verdienste verliehen und besteht aus neun Klassen, von denen die obersten fünf beiläufig unseren Herzögen, Markgrafen, Grafen, Vizegrafen (Vicomtes) und Baronen entsprechen. Ihre chinesischen Namen sind Kung, Hau, Puk, Tß und Nam. Jede Klasse ist wieder in verschiedene Unterabteilungen geteilt, je nach den Leistungen, für welche der Adel verliehen worden ist. Die oberen Adelstitel sind nur während einer bestimmten Anzahl von Generationen in der Familie erblich, z. B. sechsundzwanzig in der ersten (Herzog), und nur eine in der achten Adelsklasse, so daß die Adelsfamilien nach einer bestimmten Zeit allmählich erlöschen. Den erblichen Adel in europäischem Sinne besitzen in China nur die direkten Nachkommen von Confucius und Koxinga (der Eroberer von Formosa), sowie die acht von den alten Mandschurenfürsten abstammenden Familien.