Abb. 124.Illustration zum Lauenburger Genealogischen Kalender.1780. (E.306.)
Abb. 124.Illustration zum Lauenburger Genealogischen Kalender.1780. (E.306.)
Abb. 125.Entwurf zu einer Scene aus Shakespeares Hamlet.Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 125.Entwurf zu einer Scene aus Shakespeares Hamlet.Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 126.Entwurf zu einer Scene aus Cervantes’ Don Quixote.Federzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 126.Entwurf zu einer Scene aus Cervantes’ Don Quixote.Federzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 127.Entwurf zu der RadierungE.176.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 127.Entwurf zu der RadierungE.176.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Die Aufklärung, die sich vergebens abmühte, den Aberglauben zu bekämpfen, unterstützteer mit satirischen Kalenderblättern (E.634 bis 637) und wenn es galt, philanthropischen Unternehmungen und populärphilosophischen Bestrebungen künstlerisch das Wort zu reden, war er gern bereit, seine Radiernadel in den Dienst der Sache zu stellen, obwohl manchmal der Stoff recht trocken und widerspenstig war; so z. B. in Ziegenhagens Verhältnislehre, deren Theorie von allgemeiner Menschenbeglückung durch lehrhafte Einführung in die Werke der Schöpfung schließlich nur Stoff abgab für einige lustige Genrebilder, neben denen die Darstellung einer idealen Kolonie (Abb. 117,E.654) durch ihre pedantische Regelmäßigkeit der Anlage und die Fülle unzusammenhängender Einzelheiten ein recht charakteristisches Abbild gibt von der Nüchternheit der von Ziegenhagen verfochtenen Ideen. Besser sind die Interieurs geraten, die Handwerker und Gelehrte bei ihrer Arbeit schildern. Hier ließ den Künstler seine Beobachtungsgabe nicht im Stich, das waren Scenen aus dem Leben, wie er eserlebt, nicht wie er es erträumte. Immer wieder sehen wir ihn auch in diesen Jahren zurückkehren zu der Aufgabe, die ihm wie keine andere am Herzen lag: alles, was ihn umgab, mit treuem Griffel festzuhalten und damit Urkunden zu liefern, die das Leben und Treiben in der preußischen Hauptstadt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts der Nachwelt mit unmittelbarer, überzeugender Lebenswahrheit vor Augen führen. So bespöttelt er 1794 mit echt berlinischem Witz in sechs Kupfern eine Polizeivorschrift, nach der ein jeder in den Straßen der Stadt seinen Hund an der Leine zu führen habe, und schildert uns die lustigen Scenen, zu denen diese neue Maßregel Veranlassung gab (E.749: Berliner Folgsamkeit). So reizen ihn die Straßenfiguren in der neuen Modetracht (Abb. 116,118,E.760 u. 886), die jetzt Frack und Cylinder aus England importierte. Den unverfälschten Geist des alten Spreeathen atmet auch die Neujahrswunschverkäuferin aus dem Jahre 1800, um deren unter einer Straßenlaterne errichtete Auslage sich alt und jung mit neugierig-kritischen Blicken drängt, während sie mit echt berlinischer Zungengeläufigkeit ihre Schätze anpreist (Abb. 119,E.946). Das Blatt ist nur in einfacher Umrißzeichnung ausgeführt und offenbar auf Illuminieren mit Wasserfarben berechnet, ähnlich den später viel verbreitetenBerliner Straßenscenen von Hosemann und anderen.
Abb. 128.Lotte, dem Bedienten Werthers die Pistolen reichend.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald in Berlin.
Abb. 128.Lotte, dem Bedienten Werthers die Pistolen reichend.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald in Berlin.
Unter den Bildnissen, die Chodowiecki im letzten Jahrzehnt seines Lebens radierte, sind die zierlichen Brustbilder des Malers Graff und des Hofrats Wilhelm Becker (E.742), sowie das Porträt des Geheimrats Höpfner (E.784) die bestgelungenen. Eine Episode seiner Reise nach Dresden vergegenwärtigt eine Radierung aus dem Jahre 1795, die nach der Ansicht einzelner Kenner von seinem Sohne Wilhelm herrühren soll, der nur eine Zeichnung des Vaters dazu benützte. Da sehen wir eine Kavalkade von vier Männern in Reisetracht — der Maler Krüger, Wilhelm Chodowiecki, dessen Schwager Prediger Papin und den Meister selbst — über die Landstraße dahintrotten (E.793). Chodowiecki konnte offenbar auch hier der Lust nicht widerstehen, während des Reitens den Griffel zu führen. Hatte ihm doch einmal solches Wagnis den Verlust einiger Zähne eingetragen, als er, um die Hände zum Zeichnen frei zu haben, die Zügel mit den Zähnen festhielt, und das Pferd stolpernd seinen Reiter abwarf.
Abb. 129.Herbstfreuden.Entwurf zu der RadierungE.472.Federzeichnung im Besitz des Direktor Wichern in Altona.
Abb. 129.Herbstfreuden.Entwurf zu der RadierungE.472.Federzeichnung im Besitz des Direktor Wichern in Altona.
Abb. 130.Entwurf zu der Radierung.Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. (E.447.)
Abb. 130.Entwurf zu der Radierung.Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. (E.447.)
Abb. 131.Entwurf zu einer Radierung aus der Folge.Lavierte Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. (E.306.)
Abb. 131.Entwurf zu einer Radierung aus der Folge.Lavierte Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. (E.306.)
Abb. 132.Entwurf zu einer Radierung aus der Folge.Lavierte Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. (E.306.)
Abb. 132.Entwurf zu einer Radierung aus der Folge.Lavierte Federzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. (E.306.)
Die Freuden des genügsamen Alters im Schoß der Familie bildeten auch in den letzten Jahrenseiner Thätigkeit ein Lieblingsthema Chodowieckis, das er mit unverwüstlicher Frische immer wieder und wieder behandelt. So in Langs Almanach für häusliche und gesellschaftliche Freuden von 1797 (E.789–792) und 1798 (E.847 bis 850). Er läßt dabei gewissermaßen alle schönen und schweren Tage seines eigenen Lebens in der Erinnerung an seinem Auge vorüberziehen. Daß ihm in solcher beschaulichen Stimmung Vossens Familienidyll Luise willkommenen Stoff zur Illustration (E.838 bis 842) bot, ist nur zu begreiflich. Der wackere Eutiner Schulmeister konnte sich keinen besseren Interpreten für seine behaglichen Familienbilder aus dem Pfarrhause wünschen, ebenso wie Goethes bürgerliches Epos Hermann und Dorothea (E.877 u. 878) in wirklich kongenialer Weise von unserem Meister illustriert wurde. Auch Richardsons Clarissa, die inzwischen von Kosegarten in nicht weniger als acht Bänden ins Deutsche übersetzt war, beschäftigte Chodowiecki von neuem. Dreiundzwanzig Kupfer lieferte er zu dieser Übersetzung, die 1796 in Leipzigerschien (E.797–820). Das bürgerliche Milieu blieb nach wie vor die Domäne seiner Kunst, wie auch die zierlichen Illustrationen zu Ungers Roman Julchen Grünthal (E.853–856) aufs deutlichste darthun. Hier durfte er nur sein eigenstes Wesen, seine Herzensgüte, sein Kindergemüt sprechen lassen, um von allen verstanden und bewundert zu werden. Wie herzlich konnte er sich an den ausgelassenen Spielen seiner Enkel erfreuen, die er 1789 in einem liebenswürdigen Bilde verewigte (Abb. 121) und, wenn er in den sauber gepflegten Garten seines Hauses in der Behrenstraße hinabstieg, saßen die Kinder seiner Hausgenossin, der Witwe des französischen Kammerdieners Cléry, auf der Bank unter der Linde und mochten kaum ahnen, daß sie dem freundlichen alten Herrn mit dem Kindergesicht als Modell dienten für eine Radierung, die zu den besten seiner letzten Zeit zählt (Abb. 122,E.919): die älteste Tochter Clérys, der als Kammerdiener König Ludwig XVI. die Schrecken der Revolution aus nächster Nähe mit erlebt hatte, schneidet den Brüdern, stämmigen Burschen, die mit ungeduldiger Neugier zuschauen, Weidengerten, angethan mit der koketten Dormeuse und dem hochgegürteten Empirekleid, das mittlerweile auch seinen Einzug in die Auslagen der Berliner Modegeschäfte gehalten hatte. Wie oft mag der gute Alte an diesem traulichen Plätzchen die Nachmittagsstunden verplaudert haben mit den kleinen Franzosen, die ihm den Anblick seiner fernen Enkel ersetzen mußten.
Abb. 133.Das Scharmützel.(E.79.)
Abb. 133.Das Scharmützel.(E.79.)
Abb. 134.Titelkupfer zu Gräters Bragur.Leipzig 1796. (E.833.)
Abb. 134.Titelkupfer zu Gräters Bragur.Leipzig 1796. (E.833.)
Abb. 135.Porträt Chodowieckis.Ölbild von Frisch im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.⇒GRÖSSERES BILD
Abb. 135.Porträt Chodowieckis.Ölbild von Frisch im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
⇒GRÖSSERES BILD
Abb. 136.Federballspiel.Ölbild im Besitz der Frau Cäcilie Rosenberger. Kösen.⇒GRÖSSERES BILD
Abb. 136.Federballspiel.Ölbild im Besitz der Frau Cäcilie Rosenberger. Kösen.
⇒GRÖSSERES BILD
Abb. 137.Figurenstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 137.Figurenstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 138.Studie zu der Radierung.Tuschzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona. (E.252.)
Abb. 138.Studie zu der Radierung.Tuschzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona. (E.252.)
Doch auch die Sorgen und Beschwerden des Alters blieben nicht aus. Schon 1790 hatte er viel unter Anschwellung der Beine zu leiden, aber er suchte die Schmerzen durch rastloses Arbeiten zu betäuben und ließ sich sogar einen Tisch herstellen, an dem er vom Bett aus zeichnen konnte. Im Jahre 1793 klagt er seinemFreunde Graff: „da sitze ich nun unter den Händen eines Wundarztes und habe ein Bein rundum vom Fußgelenk bis an die Wade voller Löcher und singe das Hallesche Studentenlied: Ich bin ein armer Teufel, ich kann nicht mehr marschieren u. s. w., aber vom Kopf bis an die Knie gehts ganz gut“; aber noch drei Jahre vor seinem Tode hören wir ihn ganz wohlgemut über seinen Gesundheitszustand sich äußern: „Jetzt geht alles wieder gut, bis auf ein krankes Bein befind ich mich sehr wohl, mit dem besten Appetit esse ich alles was mir vorkommt von des Morgens bis in die Nacht, denn wenn ich vom Tisch aufsteh, so nehme ich allemal ein Stück Roggenbrod mit und das Eß ich gegen ein Uhr zu Mittag wenn das Essen nicht zeitig genug auf dem Tisch ist und um 1 Uhr in der Nacht wenn ich aufhöre zu arbeiten (oder bey der Arbeit) mit dem größten Appetit von der Welt und nachher gehe ich mit eben dem Appetit zum schlafen zu Bett und denke offt dabey daß ich eben so freudig ins Grab gehen werde wenn Gottmich abruffen wird, und in 5 Minuten schlaf ich ein, binde einen Faden an meinen Wecker an der Uhr (denn mein Bette steht gerade vor ihr) um meinen Daumen und um 7 Uhr bin ich wieder da, und mit dem Tage an die Arbeit, da kommen denn oft angenehme, uninteressante, auch unangenehme Besuche, die mich die kurzen Tage noch kürzer machen, aber ich habe Geduld mit allen und hole des Abends wieder ein waß sie mich bey Tage versäumt haben.“
Abb. 139.Figurenstudie.Bleistiftstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 139.Figurenstudie.Bleistiftstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 140.Figurenstudie.Bleistiftzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 140.Figurenstudie.Bleistiftzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Nach dem Tode Bernhard Rodes wurde 1797 Chodowiecki zum Direktor der Kunstakademie gewählt, obwohl er sich nicht, wie Gottfried Schadow, der Maler Darbes und der Archäologe Hirt um diese Stelle beworben hatte. Neue Repräsentationspflichten und Amtsgeschäfte wurden damit auf seine Schultern gewälzt, aber mit rüstiger Energie ging er an die Aufgabe, wenngleich er mit vielen Einrichtungen der Anstalt sich nie ganz einverstanden erklären konnte. Im Jahre nach seiner Ernennung zum Direktor wurde ihm von der Kunstakademie in Siena das Diplom einesaccademico associato liberozugestellt. All diese Ehren und Anerkennungen vermochten seine Bescheidenheit nicht zu alterieren, leider auch nicht den Schwund der Kräfte aufzuhalten, der sich mehr und mehr geltend machte. Im Februar 1800 erlitt er einen leichten Schlaganfall in der Akademie und ein Jahr darauf, am 27. Februar 1801 schloß er für immer seine Augen.
***
Abb. 141.Fräulein Gralath, die Kirche betretend.Federzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin. Königl. Akademie.
Abb. 141.Fräulein Gralath, die Kirche betretend.Federzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin. Königl. Akademie.
Abb. 142.Figurenstudien aus einer Danziger Kirche.Federzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin. Königl. Akademie.
Abb. 142.Figurenstudien aus einer Danziger Kirche.Federzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin. Königl. Akademie.
Abb. 143.Porträtskizze der Frau Oehmichen.Bleistiftzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin. Königl. Akademie.
Abb. 143.Porträtskizze der Frau Oehmichen.Bleistiftzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin. Königl. Akademie.
Wenn wir das künstlerische Lebenswerk Chodowieckis überblicken, erregt zunächst die erstaunliche Fruchtbarkeit des Meisters unsere Bewunderung. Seine Radierungen allein füllen im königlichen Kupferstichkabinett zu Berlin, das allerdings wohl das vollständigste Chodowieckiwerk von allen öffentlichen Sammlungen besitzt, nicht weniger als zweiunddreißig große Foliomappen; Engelmanns Verzeichnis zählt 2075 Darstellungen auf, die von ihm, und zwar fastdurchweg nach eigener Erfindung, radiert sind. Dazu kommen die zahllosen Zeichnungen in öffentlichem und privatem Besitz, die Ölbilder, Miniaturmalereien und Emails seiner Hand. Nur rastlose Emsigkeit, nimmermüder Fleiß kann uns dafür die Erklärung geben. In der That hatdie Welt wohl selten einen arbeitsameren Künstler gesehen: oft opferte er den Schlaf der Arbeit oder ruhte doch nur wenige Stunden in seinen Kleidern während der Nacht, um am frühen Morgen seine Thätigkeit wieder aufzunehmen. So schreibt der nahezu Siebzigjährige 1794 an den Hofrat Becker: „Ich saß vorgestern zwischen Eins und Zwey und zeichnete, schlief ein, und viel Seitlings vom Stuhle zur Erden;“ eine dem Briefe beigefügte launige Zeichnung erläutert die besonderen Umstände des Unfalls. Freilich wäre es ihm trotz solcher Ausdauer nicht möglich gewesen, alle die Aufträge auszuführen, die ihm zu teil wurden — so hat er z. B. im Jahre 1780 allein 145 Kupfer radiert — hätte er nicht über eine absolute technische Sicherheit verfügt. Von der Schnelligkeit seines Arbeitens gab er einmal einen schlagenden Beweis: man saß bei seinem Hausgenossen und Freunde Professor Erman in lustiger Unterhaltung beisammen, als dieser eine kleine von ihm selbst gefertigte Skizze einerSoldatenschlägerei in der Behrenstraße hervorholte. Chodowiecki nahm das Blatt, verschwand damit, um nach wenigen Minuten den verblüfften Freunden die mit der kalten Nadel gestochene Platte und einige Abdrücke derselben auf Papier vorzulegen (Abb. 123,E.750; die kleinen Straßenfigürchen am unteren Teil der Platte, sowie die Inschrift sind erst später hinzugefügt). Und doch ging unser Meister bei der Vorbereitung und Ausführung seiner Radierungen gemeinhin sehr sorgsam zu Werke. Zunächst wurde die Darstellung mit leichten, aber sicheren Bleistift- oder Federstrichen auf Papier skizziert (Abb. 125bis132), gewissenhaft auch die perspektivischen Hilfslinien, insbesondere bei Interieurs, gezogen (Abb. 129,130), mit Rotstift und Tusche sodann noch einzelne Drucker hineingesetzt, und die Schattenpartien ausgeführt; und erst, nachdem der Zeichner sich so von der bildmäßigen Wirkung der Komposition überzeugt, wobei er nicht selten verfehlte Stellen überklebte und neu ausführte (Abb. 131,132), wurde die Zeichnung auf den mit Ruß geschwärzten Ätzgrund der Kupferplatte gepaust. Nun begann die eigentliche Thätigkeit des Radierens, indem der Künstler mit der Radiernadel die gepausten Linien in den Ätzgrund(eine zusammengeschmolzene Masse von Wachs, Harz und Asphalt, die mit einem Tampon auf der Kupferplatte verteilt war) einritzte. Die so freigelegten Stellen des Kupfers wurden durch ein wiederholtes Bad in Scheidewasser tief geätzt, und damit war schließlich die Platte, an der man überdies noch Retouchen mit der Schneidenadel anbringen konnte, für den Abdruck vorbereitet. Mit Druckerschwärze eingerieben und sorgfältig gewischt, so daß die Schwärze nur in den Vertiefungen der gezeichneten Striche haften blieb, kam sie darauf in die Kupferdruckpresse, von der Papierdrucke in beliebiger Zahl — bis zu dreitausend Exemplaren — abgezogen werden konnten. Dieses umständliche und öfterem Mißraten ausgesetzte Verfahren besorgte Chodowiecki in späteren Jahren, als er sich eine eigene Presse im Hause hielt, vielfach selbst mit einem Druckergehilfen. Größere Folgen von Illustrationskupfern pflegte er auf eine Platte zu bringen, und erst das Papierexemplar wurde zur Verwendung in den Büchern in seine einzelnen Teile zerschnitten. Oft veränderte er nach den ersten Abzügen — den sogenannten Ätz- oder Probedrucken — noch die Arbeit auf der Platte, um Einzelheiten schärfer herauszuheben und durchzuarbeiten. Von einigen dieser Ätzdrucke finden sich Exemplare, welche noch die Bleistiftkorrekturen seiner Hand zeigen, die bei späteren Abdrucksgattungen berücksichtigt sind.Begreiflicherweise nutzt sich die Kupferplatte bei starker Inanspruchnahme schnell ab, und die ersten Abzüge, die der Sammler an den fehlenden Zusätzen und Retouchen leicht erkennt, sind die frischesten und klarsten im Druck. Die Kalender- und Almanachverleger sahen sich daher bei der großen Auflage oft genötigt, die schon stark mitgenommenen Platten neu aufzuätzen und zu retouchieren, wodurch die späteren Abdrücke an Zartheit natürlich Einbuße erlitten. Alle diese Verschiedenheiten alterieren den Wert der einzelnen Abdrucksgattungen, und Chodowiecki, dessen Betriebsamkeit geschäftliche Vorteile sich ungern entgehen ließ, versäumte nicht, recht zahlreiche Plattenzustände (Etals) herzustellen, da deren vollzähliger Besitz früh schon zu den Liebhabercapricen der Sammlerwelt gehörte. Auch die Randeinfälle, jene bereits oben erwähnten, flüchtig mit der Schneidenadel in den Plattenrand eingeritzten kleinen Darstellungen (Abb. 133), dienen als Merkzeichen früherer Zustände, und häufig machten sich Fälscher diesen Umstand zu nutze, indem sie ausgedruckte Platten auch später noch mit solchen Einfällen versahen, die natürlich ein geübtes Kennerauge nur selten täuschen werden.
Abb. 144.Lesendes Mädchen.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 144.Lesendes Mädchen.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 145.Stickende Mädchen.Bleistiftstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 145.Stickende Mädchen.Bleistiftstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 146.Sitzendes Mädchen.Bleistiftstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 146.Sitzendes Mädchen.Bleistiftstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 147.Alte Frau.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 147.Alte Frau.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 148.Stehendes Mädchen.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 148.Stehendes Mädchen.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 149.Lesende Dame.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 149.Lesende Dame.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Chodowieckis Radiertechnik hat mannigfache Wandlungen durchgemacht; anfangs verraten die mageren und locker gefügten Strichlagen noch Unsicherheit in der Handhabung des ungewohnten Ausdrucksmittels (Abb. 25–27). Der Maßstab der Figuren ist größer gewählt, die Lichtführung und Wiedergabe stofflicher Besonderheiten bereitet dem Anfänger offenbare Schwierigkeit. Allmählich sehen wir, wie der Vortrag immer zierlicher wird, wie das Auge sich für die Feinheiten der im kleinsten Maßstabe gehaltenen Details schärft. Für die Köpfe und die Fleischpartien wählt der Künstler jetzt die weiche Punktiermanier, eine dichte Hintergrundschraffierung gibt den Gestalten kräftigeres Relief. Diese zweite Entwickelungsstufe seiner Radiertechnik wird vielleicht am besten in dem Porträt der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen (E.45) und den Kupfern zu Lessings Minna von Barnhelm (E.51) erkannt. Den vollen Reiz solcher Subtilität offenbaren freilich nur ganz frische Abdrücke der genannten Blätter. Mit der Beherrschung der Mittel wächst dann die Neigung, der Schwarzweißkunst reichere malerische Effekte abzuzwingen. Ein Beispiel dafür bildet die Folge von zwölf Illustrationen zu Geßners Idyllen (Abb. 32,E.69), während in den neunziger Jahren die Absicht, durch möglichst scharfe Kontraste von Licht und Schatten zu wirken, sowie die Sorglosigkeit der Durchführung und Abtönung nicht selten störend wirkt (Abb. 133). Es wäre indessen verkehrt, anzunehmen, daß sich die eben angedeutete Entwickelung mit durchaus gesetzmäßiger Folgerichtigkeit vollzieht. Wir müssen auch hier unterscheiden zwischen den Arbeiten, denen derKünstler von vornherein Enthusiasmus und Liebe entgegenbrachte, und solchen, von denen er selbst sagte: „Ich mache, was man mir in Auftrag gibt, und lasse die anderen reden.“
Abb. 150.Sitzendes Mädchen.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 150.Sitzendes Mädchen.Rötelstudie im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 151.Figurenstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 151.Figurenstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Besonderes Interesse verdient auch ein Versuch in Schabkunst, der zu den früheren und sehr seltenen Arbeiten des Meisters gehört (E.20). Hier wurde die Kupferplatte mit dem Granierstahl aufgerauht und dann mit dem Schabeisen die Stellen, die im Abdruck hell erscheinen sollen, ausgeglättet, so daß sie keine Schwärze annehmen. Trotzdem dieser Versuch ganz gut gelang, hat Chodowiecki später fast niemals wieder diese Technik angewandt, und wir hören aus seinem Danziger Reisejournal, wie er sich bei dem Kupferstecher Deisch über die Einzelheiten dieses Verfahrens —freilich vergebens — näher zu informieren versuchte.
Abb. 152.Figurenstudie zum Schließer des Calas.Bleistiftzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 152.Figurenstudie zum Schließer des Calas.Bleistiftzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 153.Studie zum Schließer des Calas.Bleistiftzeichnung im Besitz der Frau Geheimrat Rosenberger. Kösen.
Abb. 153.Studie zum Schließer des Calas.Bleistiftzeichnung im Besitz der Frau Geheimrat Rosenberger. Kösen.
Wir verweilten länger bei diesen halb technischen, halb kunsthändlerischen Dingen, weil Chodowieckis Radierungen recht eigentlich ein Objekt der Sammelleidenschaft sind. Der eingefleischte Kupferstichliebhaber, der abends die Mappen und Portefeuilles mit den Blättern des Meisters hervorholt und nun mit eifersüchtigem Behagen die verschiedenen Etats einer Folge von Radierungen durchstöbert, seine Beobachtungen auf dem Untersatzbogen notiert und mit Stolz jeden neuen Fund in sein Exemplar des Verzeichnisses von Engelmann einträgt, — er wird geringschätzig herabblicken auf diejenigen, die nur oberflächlich die Chodowieckimappen durchblättern und lediglich ihr Auge an der künstlerischen Vollendung einzelner Blätter weiden. Undjene beschauliche Sammlerstimmung, jene eindringliche Betrachtung ist just die rechte zum Genuß der beschaulichen Kleinkunst unseres Meisters. Sie ist auch keine müßige Spielerei, da sie den Feinblick schärft für das geheime Triebwerk künstlerischen Schaffens, das Auge empfindlich macht für Qualitätsunterschiede, die bei allen Schöpfungen der subtilen graphischen Kunst eine wichtige Rolle spielen.
Abb. 154.Aktstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 154.Aktstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 155.Aktstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 155.Aktstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 156.Die Herzogin von Angoulême.Bleistift- und Kreidestudie im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 156.Die Herzogin von Angoulême.Bleistift- und Kreidestudie im Besitz des Direktor Wichern. Altona.
Abb. 157.Figurenstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 157.Figurenstudie.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Doch Chodowiecki gehört nicht dem Sammler allein. Was er uns von seiner Zeit erzählt, und wie er es erzählt, wird jeden, der rückschauender Kunstbetrachtung überhaupt fähig ist, lebhaft fesseln. Zwischen den Schaffenden und den Genießenden hat sich ein Jahrhundert geschoben, das zwar unser unmittelbares Interesse an den geschilderten Vorgängen und Zuständen etwas erkalten ließ, aber auf der anderen Seite auch unsere Neugier rege macht, wenn wir einen naiven und ehrlichen Zeugen der alten Zeit vernehmen. In das vorige Jahrhundert spinnen sich vielfach noch familiäre Erinnerungen hinüber, der Hausrat unserer Urgroßeltern, die Porträts aus ihren Tagen strömen noch immer persönlichen Hauch aus, unsere Pietät redet diesen Dingen gegenüber lauter, als etwa vorden Schöpfungen der Renaissance und des Mittelalters. Und wie wird das alles wieder lebendig in der Kunst Chodowieckis! Die friedliche Sonntagsstimmung unserer Altvordern umfängt uns, jene ruhige Zufriedenheit, die in den nüchternen und doch so anheimelnden Stuben des damaligen Kleinbürgertums nistet. Alles ist hier auf einen Ton gestimmt, die ruhigen Linien und kahlen Flächen der Wände, der unscheinbare, aber gediegene Hausrat, die saubere und wohlanständige Tracht der Bewohner, ihr behäbiges und zugleich graziöses Gebaren: wir atmen mit dem Künstler die Luft jener Tage, freuen uns an der patriarchalischen Einfalt und Unverdorbenheit bürgerlicher Sitten, lächeln mit ihm über die mattherzige Empfindelei und alberne Aufgeblasenheit der eleganten Welt, über die Schrullen der Sonderlinge, die in unserer nivellierenden Zeit mehr und mehr von der Bildfläche verschwinden. Er versteht es, wie kaum ein zweiter, munteres Behagen um die dargestellten Dinge zu breiten, das sich dem Beschauer unwillkürlich mitteilt. Die Bonhomie, die überall aus seinen Schilderungen hervorblickt, erwärmt uns für den Schaffenden wie für das Geschaffene, die Lebendigkeit und Frische des Vortrags bewirkt, daß wir uns mit ihm hineinversetzen in den bunten Jahrmarkt des Lebens, wie er sich auf dem Berliner Pflaster des vorigen Jahrhunderts abspielte.
Abb. 158.Ecce homo.(E.216.)Email im Besitz des Geheimrat E. du Bois-Reymond. Berlin.
Abb. 158.Ecce homo.(E.216.)Email im Besitz des Geheimrat E. du Bois-Reymond. Berlin.
Abb. 159.Christus vor Kaiphas.Email im Besitz des Geheimrat E. du Bois-Reymond. Berlin.
Abb. 159.Christus vor Kaiphas.Email im Besitz des Geheimrat E. du Bois-Reymond. Berlin.
Abb. 160.Anbetung der Hirten.Illustration zu Lavaters Messias. Winterthur 1783. (E.466.)
Abb. 160.Anbetung der Hirten.Illustration zu Lavaters Messias. Winterthur 1783. (E.466.)
Abb. 161.Titelkupfer zu den Memoiren des Grafen Grammont.Leipzig 1780. (E.367.)
Abb. 161.Titelkupfer zu den Memoiren des Grafen Grammont.Leipzig 1780. (E.367.)
Abb. 162.Trachtenbild aus dem 17. Jahrhundert.Almanac de Gotha. 1795. (E.517.)
Abb. 162.Trachtenbild aus dem 17. Jahrhundert.Almanac de Gotha. 1795. (E.517.)
Mitteilsamkeit bis zur Geschwätzigkeit war ein Herzensbedürfnis seiner Zeit: „Unmitgeteilte Lust muß Überdruß erwecken“ heißt es in einem Gedichte Geßners.Daß aber Chodowieckis Redseligkeit fast niemals langweilig wird, ist ein deutlicher Beweis starkerKünstlerkraft. Freilich, seine Kunst stellt dem Forscher keine tiefen Probleme. Sie bedeutet keinen epochemachenden Umschwung der Entwicklung, wie die eines Michelangelo oder Rembrandt; und dennoch ringt auch in seinen Schöpfungen etwas Neues nach Ausdruck, das sie in natürlichen, kaum geahnten Gegensatz zur Überlieferung und Umgebung bringt: derinstinktive Realismus. Nicht in leidenschaftlichem Kampf, in wildem Aufbäumen gegen alles Überkommene, wie sie der Litteratur der Sturm- und Drangperiode das Gepräge verliehen, entwickelt sich seine Selbständigkeit: sie war von Anbeginn in ihm vorhanden als Naturanlage, die langsam, wie eine wohlgepflegte Pflanze, wuchs, sie bestand in jener, sein ganzes Wesen am besten kennzeichnendenkindlichen Naivetät. Sie zu besitzen und bewahren, war in unserem Vaterlande zu seiner Zeit kein Leichtes. Das ganzedeutsche Geistes- und Kunstleben des achtzehnten Jahrhunderts stand unter französischer Vormundschaft. In Berlin hatte kein Geringerer als der Große König selbst die Parole ausgegeben, daß es nur eine Kunst und Litteratur gäbe: die französische. Voltaire war sein Lieblingsschriftsteller, Franzosen seine Hofmaler. Mit urteilsloser Bewunderung blickte man hinüber zu den koketten Feerien des französischen Rokoko, die lediglich eine Hof- und Theaterkunst repräsentieren. Die leichtfertige Anmut eines Boucher, Pater und Lancret, die technische Virtuosität der Illustrationen eines Gravelot, Choffard, Marillier erschienen den deutschen Künstlern als das höchste und letzte Ziel, dem zuzustreben alle Kräfte eingesetzt werden mußten, selbst zu einer Zeit, als jenseits der Vogesen bereits ein Widerspruch gegen die verzärtelte Geschmacksbildung der älteren Generation sich erhob. Diderot hatte in seinen Salonkritiken den Krieg gegen die Unnatur der Rokokomalerei begonnen. Im Jahre 1761 schreibt er von Boucher: „Cet homme a tout, excepté la verité.“ und fügt 1765 hinzu: „J’ose dire, qu’il n’a jamais connu la verité. Je vous défie de trouver dans toute une campagne un brin d’herbe de ses paysages.“ Das neue Schlagwort „la verité“ konnte nirgends ein kräftigeres Echo wecken, als bei Chodowiecki. Wir haben oben (S. 15) aus seinen Selbstbekenntnissen eine Stelle citiert, die ihn als rückhaltlosen Verteidiger ungeschminkter und ungepuderter Natürlichkeit in der Kunst kennzeichnet; nicht ohne Bitterkeit schrieb er in einem wohl für den Druck bestimmten Aufsatz „über den Verfall der Künste“ die Sätze nieder: „Könige wissen sich selten in dem, was die Kunst betrifft, selbst zu rathen ... des Königs (Friedrichs II.) Geschmack wurde auch französisch. Er schaffte sich vatteauxsche und lancretsche Gemählde an und behängte damit die Wände in Sanssouci.“ Für den begeisterten Apostel künstlerischer Wahrhaftigkeit hatte Friedrich der Große so wenig einen Blick, wie für Lessing, der den Kampf gegen welschen Schwulst und Abgeschmack auf litterarischem Gebietaufnahm. In der bildenden Kunst wurde dieser Kampf, das wird jeder Unbefangene eingestehen müssen, allerdings mit recht ungleichen Waffen geführt. Auf seiten der Franzosen geistsprühende graziöse Beweglichkeit, raffinierte Technik, durch alte Kultur anerzogene Kunstgewöhnung, bei den Deutschen philiströse Schwerfälligkeit, mangelhafte technische Erziehung, ein künstlerisch ungebildetes Publikum. Klagt doch Ewald von Kleist gelegentlich, daß man „in dem großen Berlin kaum drei bis vier Leute von Genie und Geschmack“ träfe. Unter solchen Verhältnissen verdient jeder Versuch, sich aus der Sphäre deutscher Unzulänglichkeit zu neuen Zielen aufzuraffen, doppelte Bewunderung. Aber Chodowiecki gab sich über die Bedeutung seines Wirkens darum keinenIllusionen hin, seine bescheidene Selbstgenügsamkeit spricht sich in den Versen aus, die er einem Kalenderkupfer von 1779 (E.306, 5) als Unterschrift beifügte:
Mein Gärtchen ist nur kleinDoch groß genug, mich zu ernährenUnd frisch genug, mich zu erfreun.Willst du mir, Himmel, einen Wunsch gewähren,So müßte stets mein Glück so wie mein Gärtchen seyn.
Mein Gärtchen ist nur kleinDoch groß genug, mich zu ernährenUnd frisch genug, mich zu erfreun.Willst du mir, Himmel, einen Wunsch gewähren,So müßte stets mein Glück so wie mein Gärtchen seyn.
Mein Gärtchen ist nur kleinDoch groß genug, mich zu ernährenUnd frisch genug, mich zu erfreun.Willst du mir, Himmel, einen Wunsch gewähren,So müßte stets mein Glück so wie mein Gärtchen seyn.
Mein Gärtchen ist nur klein
Doch groß genug, mich zu ernähren
Und frisch genug, mich zu erfreun.
Willst du mir, Himmel, einen Wunsch gewähren,
So müßte stets mein Glück so wie mein Gärtchen seyn.
Abb. 163.Segest übergibt Germanicus die Burg.Illustration zu Kleins Leben der großen Deutschen. Mannheim 1785. (E.354.)
Abb. 163.Segest übergibt Germanicus die Burg.Illustration zu Kleins Leben der großen Deutschen. Mannheim 1785. (E.354.)
Und doch war dieses stillbeschlossene Gärtchen in dem großen Lande deutscher Kunst eines der am saubersten gepflegten und blütenreichsten, das auch heute noch, wo andere Gebiete im Staub der Vergessenheit versunken sind, den Blick des Wanderers immer wieder und wieder anzieht.
Abb. 164.Illustration zu Wielands Idris.Lauenburger Kalender. 1790. (E.608.)
Abb. 164.Illustration zu Wielands Idris.Lauenburger Kalender. 1790. (E.608.)
Abb. 165.Allegorie auf den Tod Friedrich des Großen.Göttinger Taschenkalender. 1792. (E.661.)
Abb. 165.Allegorie auf den Tod Friedrich des Großen.Göttinger Taschenkalender. 1792. (E.661.)
Abb. 166.Vignette zu Müllers Verschanzungskunst.Potsdam 1782. (E.458.)
Abb. 166.Vignette zu Müllers Verschanzungskunst.Potsdam 1782. (E.458.)
Abb. 167.Porträt der Babette Renelle.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 167.Porträt der Babette Renelle.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Wie hat sich Chodowiecki dies Glück der Unsterblichkeit errungen? Versuchen wir dem Wege nachzugehen, der ihn in den Kreis derer führt, die als Fixsterne am deutschen Kunsthimmel glänzen. Von dem unablässigen Fleiß, der keine Feierstunden kannte, ist gesprochen worden. Die technische Gewandtheit aber, die seinem Wollen das Gelingen sicherte, die glückliche Beobachtungsgabe und Frische der Auffassung, die ihn bis ins hohe Alter nicht verließ, waren nicht nur Ergebnis eifrigerStudien, sie waren Geschenke der Natur. Wenn wir des Künstlers Skizzen betrachten — gerade sie sind die glaubwürdigsten Zeugen für die Echtheit des Talents, das sich in flüchtigen Augenblicken glücklicher Inspiration am reinsten offenbart — so entdecken wir eine Leichtigkeit der Hand, ein Unterscheidungsvermögen für Charakteristisches und Gleichgültiges, eine Fähigkeit, mit wenigem alles zu sagen, die wir aus den ausgeführten Arbeiten mit ihrer nicht selten kleinlich erscheinenden Accuratesse und ängstlichen Durchführung niemals herauslesen könnten. Diese flüchtigen Zeichnungen, wie die hier abgebildeten Studien einesvom Rücken gesehenen Kavaliers (Abb. 139), einer am Tisch stehenden Dame (Abb. 137), eines Mädchens, das ein Gepäckstück im Arm hält (Abb. 140) — sie alle sind in ausgeführten Werken, für die der Meister stets seine Mappen plünderte, benutzt — zeugen von einer gottbegnadeten Schärfe des Blicks, sie atmen ein Leben und eine Beweglichkeit, die, wie gesagt, oft den nach ihnen ausgeführten Arbeiten zu mangeln scheint. Selbst das, was man Chodowiecki zuletzt zutrauen möchte, leidenschaftliches Temperament, kommt in einzelnen Skizzen, wie in dem Entwurf zur Figur des Hamlet (Abb. 138,E.252) zum Ausdruck. Man glaubt hier die Erregung des Augenblicks zu spüren, wo Shakespeares Gestalt in der genialen Interpretation Brockmanns die Einbildungskraft des Meisters zu ungewohnter Lebhaftigkeit entflammte. Zu diesen glücklichen, scheinbar direkt von inneren Impulsen angeregten Augenblicksschöpfungen zählen auch einige Blätter der Danziger Reise, wie die Kirchgängerinnen (Abb. 141,142), das polnische Starostenpaar (Abb. 50), den Bürgermeister Conradi (Abb. 51), Frau Öhmichen (Abb. 143) und jene köstlichen Rötelzeichnungen, die uns Frauen und Mädchen bei ihrer Arbeit oder in träumerischer Selbstvergessenheit schildern (Abb. 144–146). Hier ist Chodowiecki dem Charme eines Watteau so nahe gekommen, wie sonst nie; aber es steckt in seinen Gestalten unendlich größere Ehrlichkeit, viel mehr Respekt vor der Natur und sogar etwas mehr Energieder Technik (Abb. 147bis151).
Abb. 168.Porträt der Françoise Renelle.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 168.Porträt der Françoise Renelle.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 169.Porträt von Chodowieckis Schwiegervater Jean Barez.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 169.Porträt von Chodowieckis Schwiegervater Jean Barez.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 170.Rötelporträt.Im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 170.Rötelporträt.Im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.
Abb. 171.Porträt von Frau Chodowiecka.Miniatur auf Elfenbein im Besitz von Frau A. Haslinger. Berlin.
Abb. 171.Porträt von Frau Chodowiecka.Miniatur auf Elfenbein im Besitz von Frau A. Haslinger. Berlin.
Anderes wieder, wie z. B. die Figur des Gefangenwärters aus dem „Großen Calas“ (Abb. 153), zeigt uns, wie gewissenhaft die Einzelheiten größerer Kompositionen ausgefeilt wurden. In Meusels „Miscellancen artistischen Inhalts“ erzählt Chodowiecki selbst von den Schwierigkeiten, die ihm die Platte zum Calas gemacht, und erwähnt dabei auch diese Studie: „Als ich die Platte zu ätzen anfing, benahm ich mich so ungeschickt mit dem Scheidewasser, daß der erste Abdruck mir ganz unbrauchbar schien. Man riet mir, die Platte noch einmal mit Firnis zu überziehen, mit der Radiernadel nachzugehen und noch einmal zu ätzen. Ich that’s und der Erfolg war eben so wenig befriedigend, als beim erstenmal. Hieraus entstanden zweierlei Abdrücke, die, da sie in sehr geringer Anzahl gemacht wurden, äußerst selten sind. Nun ließ ich die Platte abschleifen; mittlerweile retouchierte ich noch mein Gemälde,machte zu der Figur des Schließers noch eine Zeichnung nach der Naturund malte ihn ganz wieder über.“ Fuß und Hände des knieenden Mannes sind auf dem Blatt zum Gegenstand besonderer Studien geworden. Damit fing die eigentliche Arbeit an, bei der Chodowiecki niemals die Unsicherheit des zwar glücklich beanlagten, aber doch ängstlichen Dilettanten ganz verließ. Seine Ausbildung war niemals systematisch geleitet worden, er war und blieb in vielen Dingen durchaus Autodidakt. Auch die zahlreichen Aktstudien in Rötel, die wir von seiner Hand besitzen — meist Früchte jener Abendstunden,die er anfangs in Rodes Atelier, später in der Akademie zubrachte — (Abb. 154,155), lassen uns trotz der Sorgfalt, mit der sie den sichtbaren Einzelheiten der Körperbildung nachgehen, doch die tiefere Kenntnis der Struktur des menschlichen Leibes und das Gefühl für richtige Verhältnisse vielfach vermissen. Dabei machen sie den Eindruck des Gequälten, Ungelenken, die Freude an der Beobachtung scheint beeinträchtigt durch die pedantischen Schulmeisterregeln, von denen sich der Zeichner nicht zu emanzipieren vermochte, obwohl er genau ihre Gefahren erkannte. So schreibt er in der mehrfach citierten Selbstbiographie: „Jedoch die Manier ist immer ein Abweichen von der Wahrheit und jede Abweichung von derselben ein Fehler. Wer nun einen anderen Künstler in seiner Manier nachahmt, der übertreibt sie noch, erreicht seine Schönheit nicht und vergrößert nur seine Fehler oder macht sie noch auffallender: ebenso wenn ein Mensch die Physiognomie eines anderen nachäffen will, so übertreibt er das, was der zum Auffallen an sich hat, und macht eine unangenehme Grimasse.“ „Dieses akademische Aktzeichnen,“ so heißt es an einer anderen Stelle derselben Schrift, „währte aber nur wenige Jahre. Und das wäre nicht genug? wird ein schon ausgelernter Künstler fragen. — Nein, lieber Mann! Wenn du dein ganzes Leben nach dem Leben zeichnest, so wirst du am Ende desselben fühlen, daß dir noch vieles zu lernen übrig blieb, unddu nicht zu viel gezeichnet hast.“ In der That hat auch Chodowiecki bei allem guten Willen, bei allen noch so eifrigen Studien vor der Natur da, wo er frei erfand, niemals die Fesseln der herrschenden Manier ganz abzustreifen vermocht. So fallen uns bei den meisten seiner Gestalten die überschlanken Verhältnisse auf; oft gibt er den Figuren acht bis neun Kopflängen (Abb. 56,59,63,107). Auch die Art, wie seine Menschen einherschreiten und sich bewegen, ist nicht immer ohne konventionelle Gespreiztheit. Man betrachte z. B. die Blindekuhspieler auf dem Gemälde im Berliner Museum (Abb. 34) und verschiedene Radierungen (Abb. 69,109,110,121) daraufhin. Fast immer erkennt man auf den ersten Blick, welche Gestalten in seinen Kompositionen nach der Natur gezeichnet sind, und welche er frei erfand.