Eilfter Brief.

Eilfter Brief.

S***witz den 4. Aug.

Ich wußte wohl, daß ich die Reise nach Dreßden nicht umsonst fürchtete. Ich habe keine Briefe von Ihnen, und das zu einer Zeit, wo ich sie am allermeisten nöthig gehabt hätte, um mir Muth und Entschlossenheit dadurch zu geben. Sie sind also noch nicht aus Dreßden zurück gewesen, oder Sie waren von der Reise zu müde, oder — diese unglückliche Sucht Ursachen zu allem zu finden, macht daß wir jede gewöhnliche Begebenheit durch unsere Auslegung zur Qual für uns machen. Denn daß Sie noch meine Freundin sind, daß Sie es noch eben so sehr sind, als da ich Sie das letzte Mal in Borsdorf Thränen vergießen sah, (ein sehr kostbares Denkmal Ihrer Freundschaft!) das lasse ich mir selbst meine melancholische Einbildungskraft in ihren finstersten Stunden nicht ausreden. Aber warumkonnte mein Freund Reitz nicht schreiben, daß Sie noch nicht gekommen wären? Gewiß, ich würde in ähnlichem Falle diese Aufmerksamkeit für ihn gehabt haben. —

Mit mir sind unterdessen manche Veränderungen vorgegangen; — nicht eben mit meinen Umständen, aber mit meinen Aussichten. Ich stehe seit einigen Tagen alles Unangenehme der Unentschlossenheit und des Zweifels aus. — Gellert hat mir seit drey Posttagen drey Mal geschrieben. — Sie wissen, daß, als ich noch in Leipzig war, ein Hofmeister für des Graf F.. ältesten Sohn gesucht wurde. Gellert hielt mich dazu für tüchtig. Ich selbst hatte Lust. Globig aber hatte dazu schon Jemand erwählt, der aus Göttingen angekommen war. Dieser wurde vom Grafen nicht angenommen. Nach ihm wurde M. Kraft, (eben der, dem ich in meiner Abwesenheit meine Stube eingeräumt hatte) vorgeschlagen und angenommen. Dieser geht nach Petersburg als Astronom. Gellert war so aufmerksam, diese Gelegenheit sogleich zu ergreifen, und mich an Globigenmit aller seiner gütigen Partheylichkeit zu empfehlen. Vor acht Tagen erhalte ich einen Brief von Gellert, in welchem einer vom Präsidenten an ihn eingeschlossen ist. Er meldet ihm, daß der von ihm empfohlene Mensch wäre angenommen worden, oder auf Michaelis angenommen werden könnte. Der Graf verlangte dabey einen Plan zu dem Unterrichte seines Sohnes, der 15 Jahr alt, von guten Talenten, und nicht ohne Wissenschaften seyn soll.

Kaum hatte ich diesen Brief beantwortet, ihm für seine Güte gedankt, und ihm meinen Entschluß und die Einwilligung meiner Mutter gemeldet, so kommt von ihm ein zweyter. Ich erwartete nichts Geringeres, als den Tod des Grafen; denn er ist sehr krank gewesen. Aber es war noch ein zweyter Vorschlag. Sie kennen dieFrau von I., eine K..sche Tochter, und ihre zwey Söhne, von denen der älteste lahm ist. M. Hahn war bisher ihr Hofmeister. Dieser kommt nach Hamburg, und die Frau Obersten sucht einen neuen. Der junge Herr soll bald in dieCollegia gehen, und der jüngste soll bloß der Aufsicht, nicht aber dem Unterricht des Hofmeisters anvertraut werden. Das Gehalt ist 150 Thaler. Wenn diese Stelle außer Leipzig läge, so hätte ich sie geradezu ausgeschlagen. Aber meine Freunde wieder zu sehen, Sie wieder zu sehen, Gellerten — alle, alle wieder zu sehen, bey Ihnen zu leben, — das ist mehr als man braucht, um eine noch seltsamere Frau, als die Frau von J. ist, und einen noch beschränkteren Eleven, als ich mir ihren Sohn vorstelle, ertragen zu lernen.

Sagen Sie mir, was hätten Sie mir gerathen, Sie und Ihr lieber Mann, wenn ich bey Ihnen gewesen wäre? Ich will Ihnen sagen, was ich gethan habe. Ich habe die Entscheidung Gellerten überlassen; ich habe ihm die Bewegungsgründe und die Schwierigkeiten auf beyden Seiten vorgestellt. Wenn alles gleich wäre, so würde ich ohne Streit F..s Haus dem J..schen vorziehen, von dem ich weder mehr Ansehen, noch mehr Umgang mit der großen Welt, noch mehr Glück aufs künftige zu erwarten habe. Inbeyden Fällen komme ich doch erst nach Leipzig, und sehe Sie wieder. —

Ich schriebe gern noch mehr, aber um mich selbst zu verläugnen, und um Sie von meinen langen Briefen ausruhen zu lassen, sage ich kein Wort mehr, als daß ich u. s. w.


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