Neun und zwanzigster Brief.
Meine Geschäfte sind kaum von der Erheblichkeit, daß man ihnen diesen Namen geben kann. Demungeachtet füllen sie meine ganze Zeit aus, besonders, da ich manchmal viele Tage durch Zerstreuungen verhindert werde, daran zu denken. Außer dem, was ich zu meinem eigenen Unterrichte vornehme, haben Gellert und Weise von mir einige Arbeiten gefordert, die ich beschleunigen muß. Ich werde dazu die Zeit zu nutzen suchen, da Herr von K****, der mich sonst jeden Tag einige Stunden kostet, verreist ist. Fürchten Sie aber nichts für unsern Briefwechsel. Die Freundschaft kennt ihre Rechte, und sie weiß sie gegen alle andre Ansprüche und Forderungen zu vertheidigen. Ueberdieß ist ihre Sprache kurz. Man versteht sie durch Sympathie. Sie erklärt nicht sowohl ihre Empfindungen,sie macht nur den andern auf seine eignen aufmerksam; und nur indem sie des Freundes Herz in Bewegung setzt, zeigt sie ihr eignes. —
Aber warum lassen Sie Ihre Tage durch Träume beunruhigen? — Oder warum geben Sie einem Traume, der so vieler guter, glücklicher Auslegungen fähig ist, gerade die, welche Sie kränken muß. Ich sehe in demselben nichts, als Ihre eigne Zärtlichkeit, die selbst in den nächtlichen Gemählden, die Ihnen Ihre Einbildungskraft vorstellt, der Freude des Wiedersehens eine Gewalt über das Herz giebt, unter welchem dasselbe erliegt. — Ich bin als Freund verpflichtet auf Mittel zu denken, die Ihnen diese öftern Unruhen, wenn es nicht möglich ist, ihnen zuvor zu kommen, wenigstens mäßigen. Ist es nicht wahr, daß eine solche Unruhe (ich rede nicht bloß von der letzten) unthätig und zur Verrichtung eines jeden Geschäftes, selbst zu dem Genusse des Vergnügens unwillig und unfähig macht? Und ist dieß wohl der Zustand, in dem wir oft seyn sollen, in dem wiram meisten Gutes zu thun hoffen können? Vermehren Sie den Grad, oder verlängern Sie diesen Zustand. Sie werden sehen, daß er nach und nach den Gebrauch jeder unsrer Fähigkeiten aufheben und uns zu einer Art von Schlaf bringen wird, der voll von fürchterlichen Träumen ist, und uns eben so viel Zeit raubt, als der natürliche, ohne uns dieselbe Erquickung zu geben? —
Demungeachtet fühlt die Seele eine gewisse Süßigkeit darin, um deren willen sie sich dieser Unruhe überläßt, und sich selbst den Mitteln entzieht, die sie aufheben könnten. Ich kenne diesen Zustand, aber ich finde ihn allemal für mich schädlich, ob ich gleich nicht allemal so glücklich bin, mich davon zu befreien. Wenn es aber gelingt, so ist es niemals anders, als durch eine anhaltende und die Seele sehr einnehmende Beschäftigung. Man muß gleich im Anfange, wenn man die erste Anlage zu einer solchen Gemüths-Verfassung bemerkt, die Aufmerksamkeit mit Gewalt von dem Gegenstande abziehen und auf etwas richten, was im Stande ist, sie anzuheftenund von der Rückkehr abzuhalten. Ein andres Frauenzimmer würde vielleicht den Mangel solcher Gegenstände vorwenden können; aber Sie nicht, liebe Freundin, die außer den Geschäften einer Hausmutter auch noch alle die für sich haben, die die Wissenschaften und die Lektüre verschaffen. Wählen Sie sich also alsdann eines von den Büchern, die Sie am meisten lieben; oder noch besser, arbeiten Sie selbst etwas. Sie werden sich zuerst zwingen müssen. Die Seele wird mit Widerwillen sich von dem neuen Gegenstande wegwenden. Aber nach und nach, wenn besonders der erste Anfang geglückt ist, wird sich der Gegenstand der Seele bemächtigen; es wird eine neue Leidenschaft rege; der Wunsch und die Hoffnung, die Sache, die man vor hat, schön zu machen. Endlich arbeitet man aus Geschmack fort, da man blos aus Ueberlegung angefangen hatte.
Ich freue mich auf Ihre Anmerkungen über die eheliche Liebe, und wenn sie auch von meinen Grundsätzen abgiengen. Sie wissen nun schon, wenn wir Philosophen einmalein System im Kopfe haben, so muß sich alles darnach richten, und entweder seine Form annehmen, oder es wird verworfen. Nun nach diesem Systeme finde ich allerdings zwischen der Liebe vor der Ehe, und in derselben, einen Unterschied. Nicht in dem Feuer, noch in der Delikatesse derselben; aber in der Art, sie auszudrücken. Ich nehme wieder meine Eintheilung zu Hülfe. Das was in der Liebe blos Begierde ist, und zu seinem Endzwecke den Genuß hat, herrscht nothwendig vor der Ehe. Das was in derselben Bestrebung und Eifer ist, und zum Gegenstande mehr des Andern Glück, als unser Vergnügen hat, sollte in der Ehe herrschen. Dem zu Folge muß nothwendig die Leidenschaft des Liebhabers aufwallend und ungestüm seyn, denn sie streckt sich erst nach einem Gute aus, welches sie erreichen will; die Liebe des Ehemannes ruhig und thätig, denn sie arbeitet nun an der Erhöhung und Verschönerung eines Gutes, das schon ihr Eigenthum ist. Ohne diese Einschränkung ist die eheliche Liebe in Gefahr, tändelnd zu werden, welches sie vonihrem wahren Zwecke beynahe eben so weit abbringt, als die Kälte.
Ich sage Ihnen alle meine Gedanken, liebe Freundin, als einer Person, die zu meiner größten Vertraulichkeit und zu einer Kenntniß meiner innersten Gesinnungen ein Recht hat. Läutern Sie meine Grundsätze, und arbeiten Sie selbst an der Verbesserung Ihres Freundes u. s. w.