Vier und zwanzigster Brief.
Den 11. November.
Lassen Sie uns immer einige unsrer Erwartungen fehlschlagen, der Himmel versorgt uns dafür wieder mit Vergnügen, auf die wir weder Anspruch noch Hoffnung hatten. So war der Brief, den ich gestern von ihrem lieben Gemahl, so die zwey Briefe, die ich zu gleicher Zeit von Herrn Weisen erhielt. Meiner Mutter und mir waren Ihre Briefe, wenn nicht eben so unerwartet, doch gewiß eben so erwünscht. Alle so voll von Freundschaft, Liebe, Zärtlichkeit, daß mein Herz in unaussprechlichen Empfindungen überfloß, und wenn der Geist Kraft genug hätte, diese Einschränkung des Raums und seine enge Wohnung zu durchbrechen, wenn er, ohne seinen schweren Gefährten, den Körper, mitzunehmen, mit ätherischer Leichtigkeit mit seinen Wünschen in gleicher Geschwindigkeit sich bewegen könnte,so wäre Ihr Wunsch und der meinige gestern erfüllt, ich hätte Sie alle, alle gesehn; auch ihn, meinen guten und zu geschäftigen Freund, dem ich für den Brief, den er an mich schreiben will, gern alle die erlasse, die er nicht geschrieben hat. Ich danke es Ihnen recht sehr, liebster Freund (ich rede jetzt mit Ihrem guten Manne), daß Sie für die Erhaltung meiner Freunde — der größten Glückseligkeit die ich kenne, — oder welches eben so viel ist, für meine Gewißheit, daß ich sie noch besitze, so viel Mühe und Sorge über sich nehmen. —
Weise ist in der That einer von meinen schätzbarsten Freunden, und, Dank sey es seinem gütigen Herzen, auch von meinen zärtlichsten. Ich habe zwey lange Briefe von ihm bekommen, die beyde vortrefflich sind, wenn sie nur nicht gar zu schmeichelhaft für mich wären. Meine Mutter, die an meiner ganzen Correspondenz Theil nimmt, sorgt immer, meine Freunde werden mich verderben. Und in der That, ich glaube beynah, ihre Furcht ist nicht ganz ungegründet. — Abernun verderben oder nicht, so werde ich doch nimmermehr zugeben, daß selbst die übertriebenen Lobsprüche von Freunden mit Schmeicheleyen einerley wären. Wenn uns die ersten in einen kleinen Irrthum über unsre Verdienste führen, so sind sie zuerst selbst darin. Ihr Herz hat zuerst ihrem Verstande den unschuldigen, und beynahe sagte ich, zur Freundschaft nothwendigen Betrug gespielt; und hundertmal mehr können sie sagen, als wahr ist, aber niemals ein Wort mehr als sie denken. Da fängt erst die Schmeicheley an, wo der Ausdruck größer ist als die Gesinnung, und unser Verstand den Werth des andern richtiger bestimmt, als unsre Worte. —
Der eine Brief von Weisen war schon längst vorher geschrieben, und war mit einem kleinen Geschenk von Büchern, das er mir bestimmte, einem hiesigen Buchhändler übergeben worden, der eben erst gestern ankommen mußte; der andre kam mit der Post, und den habe ich vielleicht zum Theil Ihnen zu danken.
Darf ich Ihnen nun wohl noch erst sagen, daß gestern einer von meinen angenehmsten Tagen gewesen ist, oder vielmehr Stunden, — denn eine von den größten Sonderheiten, ich weiß nicht ob der menschlichen Natur oder der meinigen (leider vermischen sich diese beyde nur gar zu oft in den Augen des Beobachters; aber genug, ich empfinde sie, diese Sonderheit, und wie ich sie empfinde, so will ich sie Ihnen ausdrücken; vielleicht entdecken wir wieder einen neuen Punkt, wo unsre beyden Seelen an einander gränzen); und die seltsamste Wirkung des Vergnügens ist gewiß Schwermuth; und demungeachtet ist es bey mir die gewöhnlichste, wofern das Vergnügen nur mehr empfindlich als rauschend ist. Wenn meine Seele nach der Befriedigung gewisser Begierden geschmachtet hat, und sich diese ihr endlich mit einemmale anbietet; so weigert sich die Seele gleichsam einen Augenblick, dieselbe anzunehmen; sie entzieht sich dem Genusse eines Vergnügens, das sie für zu schmeichelhaft hält, als daß sie sich gleich überzeugen könnte, daß es für sie wirklich bestimmt ist, und das Herz verschließt sich vor den Eindrücken, die es doch so sehnlich erwartete. Nach und nach, wenn die erste Bestürzung vorüber ist, wenn sich die angenehmenBilder in der Einbildungskraft anhäufen, wenn die wiederholten, aber sanften Schläge des Vergnügens diese muthwillige Unempfindlichkeit überwunden haben, öffnet sich das Herz wieder; die Empfindungen strömen von allen Seiten zu und erfüllen es; die Bewegungen werden lebhafter, das Gesicht heitrer; unsre ganze Seele bekommt eine Art einer neuen Existenz, und diese Empfindung von der Verdoppelung ihrer Kräfte verbindet sich noch mit den Eindrücken des Vergnügens, um diesen glückseligen Zustand eine Zeitlang zu erhalten.
Wer in diesen Augenblicken die Gabe zu gefallen, wenn sie auch ihm sonst fehlt, nicht durch die Zauberkraft des Vergnügens erhält, der mag es nur aufgeben, jemals zu gefallen. In der That ist ein von Vergnügen durchdrungnes Herz schon an sich der angenehmste Gegenstand für den Zuschauer; und außerdem hat der Mensch niemals mehr, als in diesen Zeiten, seine eignen Talente zu seinem Gebote; seine Ideen werden lebhafter, seine Einfälle gelingen, sein Witz verliert denZwang und die Steife; und alles, was er sagt, bekommt durch die harmonischen Züge, mit denen sein Gesicht es bekräftigt, und durch eine gewisse lebhafte und doch anständige Bewegung, mit dem es begleitet wird, mehr Kraft und mehr Anmuth.
O wenn diese glücklichen Augenblicke fortdauern könnten! Ich habe von der Macht des Vergnügens so große Ideen, daß ich glaube, es könnte Trägheit in Feuer, und Dummheit in Witz verwandeln, wenn wir erst die Kunst erfunden hätten, es dauernd zu machen. — Aber so verzehrt sich die Freude, wie eine Flamme, durch ihre eigne Stärke. — Die Spannung der Kräfte, ohne welche sie nicht entstehen würde, bereitet schon die Erschlaffung vor, mit der zugleich die Schwermuth zurück kehrt; der Genuß erfordert eine gewisse Anstrengung, die wir nicht gewahr werden, weil sie angenehm ist, und die uns erst die darauf folgende Erschöpfung entdeckt; und durch eine unausbleibliche Rückkehr, die ein Gesetz der ganzen Natur ist, sinkt die Seele eben so tief unter ihre gewöhnliche Höhe, als sie sich über dieselbe erhoben hatte.
Ich sehe, ich verliere mich in einer Art von Philosophie, die für mich alle Mal gefährlich ist. Ich grüble vielleicht gar zu gern über meine eignen Empfindungen, und oft verliert sich mir der Gegenstand aus dem Gesichte, indem ich seine Wirkungen aufsuchen will. — Was ich eigentlich zu sagen vorhatte, ist dieß. Eine so große Anzahl von Beweisen der Zärtlichkeit und Freundschaft der würdigsten Personen hatten meiner Seele eine gewisse Selbstzufriedenheit gegeben, die nicht Eitelkeit, — aber doch höchst süß ist. Aber eben diese verlor sich mir unter der Hand, als ich sie eben erst bemerkte. Auf sie folgte eine gewisse Furcht, daß einmal eine Zeit kommen könnte, wo diese Freunde von mir richtiger oder strenger urtheilten; eine Art von Kummer, wie ich so vortheilhaften Meinungen und so günstigen Erwartungen, die sie von mir hätten, ein Gnüge leisten könnte. — Ich schien mir unter einer Art von Verbindlichkeit zu erliegen, die mir ihre Gütigkeit auferlegt hatte, und indem ich mein eignes nichtsbedeutendes Selbst mit dem vergrößerten und geschmeichelten Bilde verglich, welches sie als ähnlich mit mir annehmen;so wurde mir angst, daß ein solcher Irrthum einmal vielleicht aufgehoben werden, und irgendwo ein solcher unglücklicher Brunnen seyn möchte, wie ihn Ariost beschreibt, der, wenn man ihn kostet, alle Verblendungen der Liebe heilt, und dem bloßen kalten Verstande alle seine Freyheit zurück giebt, zu prüfen. Dieser Wunsch, meinen Freunden zu zeigen, daß ich ihrer nicht unwürdig sey, mit der Unmöglichkeit, die ich vor mir zu sehen glaubte, ihn zu befriedigen, brachte eine Art von Aengstlichkeit in mich, die endlich, ohne ihren Gegenstand zu wissen, nach etwas suchte, was mir fehlte, und was sie doch nicht finden konnte.
Sehen Sie nun, würde eine andre Freundin, gegen die Schwachheiten ihres Freundes weniger nachsichtig als Sie, eine solche Anatomie seiner eignen Thorheiten ertragen; besonders wenn ich darüber das vergesse, was Sie eigentlich von mir wissen wollten, und was ich auch zu schreiben im Sinne hatte? — Herr von Grischanowsky ist beynahe alle Tage bey uns, wenigstens eine oder zwey Stunden. Meine Mutter ist ihm seines wirklich gutenHerzens wegen recht gut worden. In der That habe ich in ihm noch weit edlere Gesinnungen entdeckt, als ich selbst in Leipzig in ihm kannte. — Aber sein Hofmeister — ob er gelehrt ist, das mag er selbst am besten wissen, — aber daß er höchst grob, unempfindlich gegen alle Höflichkeit, bäurisch stolz, und ohne alle Annehmlichkeit im Umgange ist, das wissen wir leider alle, die wir ihn in unsrer Gesellschaft gehabt haben. Jetzo bitte ich nur immer den jungen Herrn ohne ihn u. s. w.