Vierter Brief.
B***, den 8. Juni.
Ungeachtet ich anfangs über die neue Einrichtung, die es Ihnen mit meinem Posttage vorzunehmen beliebte, ein bischen murrete, so muß ich Ihnen doch jetzt sagen, daß Sie es recht gut gemacht haben. Sie kennen die Theorie des Vergnügens. Sie wissen, wie notwendig es sey, seine Vergnügungen zu sparen, um sie recht zu genießen. Durch Ihre gegenwärtige Einrichtung haben Sie zwischen dem Vergnügen, von Ihnen Briefe zu bekommen, und dem beynahe eben so großen, Briefe an Sie zu schreiben, fast gleiche Zwischenräume gesetzt, da sie sich vorherunmittelbar auf einander drängten. Auf diese Art wird mir die Zeit von einem Freytage zum andern kürzer, und zwischen beyden Unterredungen, die ich mit Ihnen die Woche halte, bey deren einer ich Sprecher, und bey der andern Hörer bin, ist doch auch Raum genug, um das Verlangen nach einer neuen wieder recht lebhaft zu machen.
Wissen Sie, was mir das ärgste bey dieser Art von Umgang zu seyn scheint? Dieses, daß ein Brief, den man (wenn unsere Freunde sehr gütig sind) acht Tage erwartet hat, in eben so viel Minuten zu Ende gelesen ist, und nach Verlauf dieser glücklichen acht Minuten, in denen man den Brief lieset, schon wieder die neuen acht Tage angehen, in denen man auf den folgenden wartet. Bey alle dem bin ich doch noch immer sehr glücklich, daß Sie so gütig sind, und meinem Vergnügen alle Wochen einen Theil Ihrer Zeit schenken. Ihre Briefe geben mir wieder in meinen Augen einen gewissen Werth. Und dieses ist sehr nöthig, da ich mir hier zuweilen in gewissen Gesellschaften recht einfältig vorkomme.
Ich habe mir vorgenommen, Ihnen heute viel von mir selbst vorzuschwatzen. Nicht eben, daß ich mich für einen sehr guten Gegenstand des Gesprächs hielte; aber ich habe heute nun einmal keinen bessern, oder wenn ich ihn hätte, so wäre ich nicht dazu aufgelegt, ihn zu nutzen. Ich muß mich also schon mit mir selbst begnügen. Ueberdieß sind Sie selbst daran schuld, daß Sie mir die Eitelkeit in den Kopf gesetzt haben, als wenn alles, was mich anginge, sehr wichtige Sachen für Sie seyn müßten. Diese Einbildung mache ich mir also zum Vortheile meiner Trägheit zu Nutze, und mache getrost meine Briefe zu einem guten, ehrlichen Zeitungsblatte von mir selbst. Heute sollen Sie also erfahren, wie ich meinen Tag hier gewöhnlicher Weise zubringe; obgleich der Ausnahmen beynahe so viel sind, als der Fälle, die unter die Regel gehören.
So wissen Sie denn, daß ich nicht bloß gewöhnlich, sondern beständig sehr spät aufstehe. Diesesspätaber müssen Sie weder früher noch später annehmen, als acht Uhr des Morgens nach B***scher Uhr. Ich habe schon lange die Ursachen dieser Begebenheit, die mit meinen Entwürfen und Vorsätzen so wenig übereinstimmt, aufgesucht; ich bin aber noch nicht weiter als bis auf die Dunkelheit der Alkove gekommen, in der ich liege, und die der Sonne vor Mittag den Besuch nicht erlaubt. Dieses ist ein sehr gutes Mittel die fernere Untersuchung wenigstens aufzuschieben, die sich vermuthlich damit endigen würde, daß ich ein wenig faul wäre.
Der erste Gedanke, wenn ich erwache, ist, nach einem kurzen Dank für das Geschenk eines neuen Tages, der Gedanke an meine Freunde. Wie glücklich, denke ich alsdann, bin ich, daß ich wieder in einer Welt erwache, in der so manches edle, vortreffliche Herz an meinem Leben und an meiner Wohlfahrt Theil nimmt! Ich überzähle alsdann mit aller der Begierde, mit der ein reicher Geitziger am frühen Morgen seine Summen wieder überzählt, die Anzahl dieser Freunde. Ich bin nicht mißvergnügt, daß ich sie so klein finde.Das Herz liebt desto stärker, je mehr es konzentrirt ist.Dieser stille Genuß der Glückseligkeit, Freunde zu haben, bereitet mich zu einer andern vor; — zu der,ihnen Gutes zu wünschen. Wie rührt und wie erhebt mich in diesem Augenblicke ein Gedanke an den Herrn und den Vater, den ich mit allen meinen Freunden gemein habe. Er ist bey ihnen, so wie bey mir gegenwärtig; er regiert ihr Leben, so wie das meinige; er sorgt für ihre Glückseligkeit mit alle dem Eifer, mit dem ich dafür sorgen würde, wenn ich die Macht dazu hätte. Durch diese Erinnerung scheinen sich mir die weitesten Entfernungen zu verengern. Ich vereinige mich mit meinen Freunden. Bürger einer und derselben großen Republik, in einerley gemeinschaftlichen Plan von allgemeiner Glückseligkeit verflochten, von einerley Gesetzen regiert und von gleichen Hoffnungen belebt, sind unsere Geister unter einem beständigen, gemeinschaftlichen Einfluß eben derselben Güte! —
Ich muß mich mit Gewalt von diesen Betrachtungen losreissen. Das Vergnügen macht geschwätzig. Und doch sind Worte so wenig fähig, Vergnügungen von der Art zu beschreiben, daß man nothwendig entweder einem Herzen, das sie niemals empfunden hat, verdrießlich, oder einem solchen, das sie kennt,matt und kraftlos vorkommen muß. Auf diese geheimen Ergötzungen folgt eine andere, an der meine liebe Mutter, und meine Cousine, die beständig bey ihr ist, Theil nimmt. Wir trinken gemeinschaftlich auf einem kleinen Altan, den wir haben, und der mit Grünem besetzt ist, Thee. Sie wissen schon, was ich Ihnen sonst von dem Vergnügen der Theestunde vorgeschwatzt habe; und in der That bleibt es noch immer eine der schönsten Stunden des ganzen Tages. Sie können es auch daraus schließen, daß wir sie fast niemals vor zehn Uhr endigen. Ich habe mich hier zum Lekteur meiner ganzen Familie aufgeworfen, und man hört mich noch so ziemlich gern. Ich lese also diesem Amte zu Folge auch manchmal beym Thee ein Stück vor. Das gewöhnlichste aber ist, daß wir bloß sprechen; sehr oft von Leipzig, noch weit öfter von Ihnen; das können Sie denken. Um zehn Uhr gehe ich herunter, und diese beyden Stunden bis zu Mittage lasse ich mir ungern rauben. Mein Geist wird ohne eine tägliche Nahrung trocken und leer. Er ist keine immerbrennende Flamme, die durch ihre eigene Kraft in die Höhesteigt. Er ist wie das in Stein eingeschlossene Feuer, das nur von Zeit zu Zeit Funken giebt, und auch diese müssen erst heraus geschlagen werden. Ich lese also in diesen zwey Stunden, oder ich schreibe. Das was ich lese, und was ich davon denke, das sollen Sie alles nach und nach erfahren. —
Aber diese zwey kostbaren Stunden sind eben jetzt vorbey; ich habe sie dazu angewendet, an Sie zu schreiben; und das ist gewiß der beste Gebrauch, den ich die ganze Woche davon mache. Dem ungeachtet verzweifle ich noch nicht, ehe man mich zu Tische ruft, zu Ende zu kommen. Das nächste also, was jetzt folgt, ist, daß ich esse. Die Gesellschaft eben dieselbe, die es beym Thee war. Die Gerichte sehr mäßig, aber sehr wohlschmeckend. Und hier kann ich nicht unterlassen, eine kleine Lobrede für die Schlesischen Köche und Köchinnen einzuschalten. Wenn ein Land durch gute Suppen, durch sehr fettes und derbes Rindfleisch, durch vortreffliches und wohlzugerichtetes Kräuterwerk glücklich würde, so wäre in der Welt nichts ungerechter, als die Klagen, von denen meine Ohren hier garnicht ausruhen. Denn alles das und noch weit mehr, als ein solcher Idiot in der jetzigen Favorit-Wissenschaft der Welt, wie ich bin, sagen kann, das besitzt Schlesien. O warum kann ich nicht hier Ihren Geschmack aufbieten, mir Recht zu sprechen! Warum kann ich Sie nicht einmal mit dem Manne, ohne welchen alle mögliche Schlesische Gerichte umsonst vor Ihnen stünden, an unserm Tische sitzen sehen! —
Wenigstens will ich den Einfall in meinen Gedanken verfolgen. Ich werde den Augenblick gerufen. Wie wäre es, wenn Sie, ohne ein Wort zu sagen, nach B***lau gekommen wären, wenn Sie mich heute überraschen wollten, wenn ich Sie oben schon an unserm Tische sitzen und auf mich schmälen sähe, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Ich gehe, ich gehe, — um meinen Traum zu vernichten. —
Ich komme eben von Tische wieder, und ich habe nur noch einen Augenblick Zeit bis zur Post. Auf meiner Mutter Stirne saßen, wie ich heraufkam, einige finstere Wolken. Einige verdrießliche Geschäfte, und noch mehr als das, die Unruhe eines Baues, der siebeynahe aus ihrem Zimmer vertreibt, hatten diese Wolken zusammengezogen. Ich schreibe mir heute die Ehre zu, sie zerstreut zu haben. Wenigstens habe ich meine Mutter heiterer verlassen, als ich sie fand. —
Um also meinen Tag vollends bis zum Abend zu bringen, so müssen Sie wissen, daß ich unmittelbar nach Tische eine kleine halbe Stunde den Flügel spiele. In meiner Mutter Stube steht ein ziemlich guter mit zwey Klavieren. Dann kommt der gesellschaftliche Kaffee. Sie können glauben, daß ich den niemals ohne meine Mutter und Cousine trinke, ausgenommen, wenn diese Frauenzimmerbesuch hat, den ich nicht kenne. Nichts ist ungewisser und unsicherer als der übrige Rest des Nachmittags. Wir fahren zuweilen in Gesellschaft einiger Freunde spazieren. Ein ander Mal gehe ich ganz allein mit einem einzigen Bekannten. Ich besuche dann und wann die hiesigen öffentlichen Bibliotheken; ich mache zuweilen Staats-Visiten, die mich ennuyiren; und dann endlich bleibe ich einmal zu Hause, um recht viel oder gar nichts zu thun.
Der Abend ist dem Mittag vollkommen ähnlich. Ordentlicher Weise ist mein Onkel bey uns, der der rechtschaffenste Mann, aber fast immer kränklich und dann und wann ein wenig argwöhnisch ist. Leben Sie wohl. Ich bin —
N. S.
Denken Sie einmal, liebste Freundin! gestern bekomme ich von Herrn Weisen einen Brief, — einen sehr gütigen, freundschaftlichen Brief. Und dieses Vergnügen muß mir durch eine so traurige Nachricht verbittert werden, als die von Meinhards Tode. Ja, dieser rechtschaffene Mann, dieser große Gelehrte, dieser schöne und empfindliche Geist, dieser mein Freund — ist todt.Peace to his gentle shade!