Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die für den Oktober festgesetzt war, schneller heran, als man es wünschte. Nun es dazu gekommen war, fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath und seiner Frau viel schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren an das mildere Klima, an den kürzern Winter gewöhnt. Meining hatte eine lange Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden; Clementine konnte sich von Marien und namentlich von den Kindern nicht losreißen, und dadurch begann die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele mit heißen Thränen und schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht.
Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf die Reise selbst unbeschreiblich gefreut. Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht, seine junge, liebenswürdige Frau all seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege besuchen wollten, zu präsentiren und ihrer Bewunderung zu genießen; während Clementine, die sehr reiselustig war, sich doppelten Genuß davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag ein eigner Zauber für sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf sich selbst beschränkt. Sie wußte, daß ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergönnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzückt über das Glück, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden mußten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwarteteFreude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl und regnig geworden und blieb fast beständig schlecht. Man konnte kaum daran denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraßen neblig, trotz der noch frühen Jahreszeit; in den Städten still, weil der Regen die Leute zu Hause hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine Erkältung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner frühern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, daß ihr Anblick ihm peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten Jahre mahnte. Er fand Einige mitten in einer großen Familie, gedrückt von Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagendenVerhältnissen, verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, daß er doch eine gar junge Frau gewählt hätte, was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, immer bedenklich sei; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glücklich zu sein, um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl und niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die größte Beschleunigung der Reise und beschloß Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhältnissen, ganz einverstanden sein mußte.
Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt wurde, sah sich Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt.Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte, überfiel sie eine so tiefe Wehmuth, daß ihr die Thränen aus den Augen stürzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte. Da ging die erste bekannte Person vorüber, und ein Gefühl von unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Thränen. Nun war es bald ein Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft – kurz auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbstheiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so glänzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhöhte diese Stimmung bedeutend. Jetzt bog der Wagen in die Jägerstraße ein; Clementine zitterte – sie hielten vor ihrem Hause, vor dem Hause ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt wieder wohnen sollte.
Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben, das ein Verwandter für sie verwaltet hatte, als sie Berlin verließ, und hatte sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten, reserviren lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten Räume. Es war ihr, als hätte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurück; aber wie war Alles so fremd, so öde! Die Zimmer, kaum nothdürftig möblirt, schallten wieder von der Stimme der Sprechenden;nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohr – sie waren todt, entfernt! und doch saß da drüben am Fenster noch die schöne, stattliche Frau mit dem Wachtelhündchen, vor der Thüre die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grüßend an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber; die Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater; die Gourmands zogen zu Thiermann – es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat geworden. Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die arrangiren, auspacken und placiren wollten. Dann kam Meining hinzu, die Wohnung wurde durchwandert, Rücksprache über die nöthigsten Erfordernisse genommenund das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für diesen Tag und die ganze nächste Zeit.
Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für sie. Meining wünschte sein Haus glänzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz der geistigen Celebritäten zu machen, und in diesem Sinne mußten die Einrichtungen getroffen werden, wobei Clementinens geläuterter Geschmack, ihr angeborner Schönheitssinn ihm vortrefflich zu Statten kamen. In wenigen Wochen waren die öden Zimmer in die eleganteste Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und komfortable erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und für diese Umgebung geschaffen war. Meining fand eine Freude daran, Clementine in diesen neuen Verhältnissen zu betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde vorgestellt. Ein großer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich das Alles sieaugenblicklich zerstreute, vermißte sie doch gar sehr ihre früheren Bekannten, deren nur noch äußerst wenige in Berlin lebten. Von den Mädchen waren die meisten verheirathet und mit ihren Männern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren theils gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehörten, ebenfalls versetzt; so, daß ihr eigentlich nur die Frau des Banquier Klenke von dem frühern Kreise geblieben war. Diese Marianne Klenke hatte Clementine erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unähnlichen Charaktere, mehr seitig angezogen. Clementine war damals schon traurig und unglücklich durch den Verlust ihres Robert's gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, daß Jemand so lebensfroh, so vollkommen glücklich sein könne, als Marianne, deren gutmüthiges, offenes Wesen sie für dieselbe eingenommenhatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Mariannen, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genüssen, die ihr elterliches Haus fast täglich bot. Dort hatte Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt, sie kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinens Abreise geheirathet. Klenke hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der jungen Frau in Allem den Willen gelassen, und diese hatte sich in ein Meer von Zerstreuungen gestürzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen Einfluß auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation und Koketterie, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen, ließ Clementine die Hoffnung nicht schwinden, Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den neuen Verhältnissen angenommen, zurückkommen,je mehr diese ihr zur gleichgültigen Gewohnheit und ihr Kind ihre Freude und Beschäftigung werden würde. So gab sie sich ohne Rückhalt dem Vergnügen hin, das ihr das Beisammensein mit Mariannen gewährte, die »außer sich vor Entzücken« über die Rückkehr ihrer Clementine schien, und beide Frauen beschlossen viel beisammen zu sein, weil ihre Männer durch Geschäfte gefesselt und sie dadurch oft allein waren.
Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu übernehmen, durchaus festhalten wollen; konnte es aber nicht durchführen, da er bald von den ersten Familien in bedenklichen Fällen zu Rath gezogen wurde und die Hülfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem Armen nicht versagen konnte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es beschlossen hatte. Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr, daß er kaum Zeit für die nöthigsten Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen bei der Universitätbehielt, und die Folge davon war, daß Clementine ihn noch weniger sah, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte und somit auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, daß die Eheleute, die sich Morgens nur flüchtig gesehen und gesprochen hatten, erst zur Stunde des Diners wieder zusammentrafen, das sie außer dem Hause oder in Gesellschaft im Hause einnahmen, und daß dann Meining seiner Frau dringend zuredete, den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern das Theater oder irgend einen Ort zu besuchen, an dem sie sich zu unterhalten hoffe.
Das war auch der Fall, als sie einen Mittag in kleinerm Kreise im Klenke'schen Hause dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und Madame Klenke beschworClementine, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in der Mädchenzeit,ein wenig zu plaudern, welches der Kunstausdruck der Damen für ihre vertrautesten Herzensergießungen ist. Später, zum Thee, sollten die Männer zurückkehren. Marianne hatte der Geheimräthin nie nahe genug gestanden, als daß diese geneigt sein konnte, mit ihr über die Verhältnisse ihrer Vergangenheit oder über ihre jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie sich deshalb von dem Abende keinen besondern Genuß versprach, willigte sie doch gern ein, ihn mit Marianne zu verleben, der viel daran gelegen zu sein schien. Nachdem die Männer sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Damen in ein kleineres Zimmer zurück, setzten sich behaglich auf ein Sopha und begannen, wie gewöhnlich, mit den nahliegendsten Dingen. So tadelte Madame Klenke Clementinens Toilette.
Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine!sagte sie; schon als Mädchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte mich tödtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine prachtvolle Equipage und die Diener in schönster Livree sieht, müßte man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen –mais non!eine Herrnhutherin, einesoeur grisesieht heraus, mit edlen Zügen, dunkeln Augen, der interessantesten Blässe; und man erfährt verwundert, die Dame im schwarzen Kleide,collet monté, die in graziöser Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche Geheimräthin von Meining, die Frau eines unserer berühmtesten Männer, der sie unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft. Und weißt Du,dearest love! Man muß in der That glauben, Du wärest nicht glücklich. Die junge, schöne Frau eines alten Mannes, die solanguissanteaussieht und jeden Schmuck verschmäht, muß durchausunglücklich sein. Aberplaisanterie à part!bist Du denn glücklich verheirathet? Ich konnte mir gar nicht denken, daß Du jemals einen so alten Mann heirathen würdest. Wie lebst Du denn eigentlich, mein Herz?
Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr jung, aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb, daß mir gar Nichts zu wünschen bleiben kann. Und in der That! jung bin ich auch nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch schon dreißig Jahre, und damit ist man doch wirklich nicht mehr eine junge Frau.
Marianne lachte laut auf. Als ob ich jünger wäre! und doch behandelt mich mein 34jähriger Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur daß er gern möchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen wünscht. Schade überhaupt, daßDu nicht meinen Mann geheirathet; er ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verständigen, geistreichen Wesen, und als der Geheimrath neulich erzählte, daß Ihr in Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und wie häuslich Du eigentlich wärest, schien das meinem Mannele comble du bonheur, während ich mir fest vornahm, Dich für die fabelhafte Langeweile zu entschädigen. Was hast Du denn eigentlich dort angefangen?
Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt. Besonders scheint es mir in der Erinnerung so. Freilich war ich viel allein – aber hier sehe ich Meining fast gar nicht; und so sehr mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft unterhält, so werde ich es sehr bald müde werden und Meining vielleicht noch früher als ich. Dann beginnen wir wol unser stilles Leben wieder, und Du kannst selbst sehen kommen, wie wir es machen.
Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in aller Welt, was Du den Tag hindurch angefangen hast;quant à moi!Ich stürbe bei dem bloßen Gedanken.
Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt, Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Du weißt, ich bin auch als Mädchen gern zu Hause gewesen.
Madame Klenke sah plötzlich fest in Clementinens Augen und sagte mit schmeichelnder Stimme: Hören Sie, gnädige Frau!je me méfie de votre sincérité– mir ist es oft gewesen, als hätten Dero Gestrengen, was man so nennt,une passion malheureusegehabt, und als hätten Sie sich nachher ausdépit amoureuxverheirathet. Nein, sei nicht böse, süße, einzige Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß Letztere plötzlich glühendroth und sehr ernst wurde – ich habe es in der That geglaubt, als ichDich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum zu fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe sie Berlin verließ, einmal deshalb anging, weil Du mit ihr früher so bekannt warst, sagte mir, sie hätte nie davon gehört. Nun wollte ich Dich selbst heute einmal fragen, und da wirst Du böse! sei gut – ich weiß ja, Du bist ein Tugendspiegel; aber daß Du keinen Scherz verstehst, das ist doch schlecht von Dir.
Clementine war schnell ihrer Aufwallung Meister geworden und bemühte sich, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Sie versuchte die Neckerei in derselben Art zu erwiedern, bat endlich, Marianne möge ihr die kleine Nanny holen lassen, und in dem Tändeln mit dem Kinde verging die Zeit bis zur Rückkehr der Männer. Meining fand seine Frau verstimmt; sie klagte über Ermüdung und trieb früher als gewöhnlich zum Aufbruch.
Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften, Theater, Bälle und Concerte wechselten fast täglich mit einander ab. Meining, der in Heidelberg sich ganz in die engste Häuslichkeit zurückgezogen hatte, fand nun, wie er es selbst vorausgesehen, eine große Freude an der Gesellschaft. Die ehrenvolle und höchst schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten gehuldigt ward, freute ihn und regte ihn an; dazu kam, daß er sich von seinen nähern Bekannten hatte überreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine so angenehme Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit, daß ihm schon darum die Gesellschaftlieb wurde, weil er sicher war, dort seine Partie Whist oderL'hombrenicht zu entbehren. Dadurch sah sich Clementine aus der abgeschlossensten Einförmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte Sphäre versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang und Reichthum und ihre eigne Liebenswürdigkeit zogen die Blicke auf sie. Man bemühte sich, sie in den Zirkeln zu haben, und der Nachsatz: kommen Sie, Frau von Meining ist auch bei uns, wurde mancher Einladung hinzugefügt. Clementine lächelte oft selbst, wenn sie bedachte, wie sie gar Nichts dazu thue, den Ruf unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit und des anmuthigsten Geistes zu verdienen; denn sie fühlte, daß das ganze Geheimniß der Kunst, zu gefallen, bei ihr darin läge, Jeden gewähren zu lassen. Sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hörte mit Verstand zu, konnte aber doch bisweilen, wenn ihr Gefühl angeregt wurde, zu dem lebhaftesten Gesprächhingerissen werden oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden. Das nahm die Männer für sie ein. Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt auf die Eleganz ihrer Toilette verwendete, um zu keinen ähnlichen Bemerkungen Anlaß zu geben, machte ihr gänzliches Verzichten auf jene Bewunderung, die durch eigne Schönheit und Pracht der Kleidung hervorgerufen wird, den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen, die sonst sich leicht ihrer bemächtigt und ihre Ruhe gestört hätten. Meining's zärtliche Eitelkeit auf seine Clementine fand hier in dem größern Kreise die reichlichste Nahrung. Mehr als jemals entzückt von seiner Frau, hätte er gern alle Pracht und allen Luxus der Welt um sie vereinigt, um den Edelstein, den er in ihr besaß, auch in der glänzendsten Fassung zu zeigen. Hatte er sie früher geachtet und werth gehalten, so war er nun recht eigentlich verliebt insie, wie er es nur jemals in frühster Jugend gewesen. Sie war ihm die treue Gefährtin von früher und doch eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn dieser Frau wegen glücklich pries. Dann unterließ er nie, ihre häuslichen Tugenden, von deren Ausübung jetzt gar nicht mehr die Rede war, auf das Eifrigste zu rühmen und hinzuzufügen, wie thöricht es sei, zu einer glücklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten. Er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch vollkommen glücklich.
Und in der That, die Ehe des Geheimraths von Meining galt für ein Muster von Zufriedenheit, Eintracht und Glück. Denn daß Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der größten Gesellschaft häufig verlassen fühlte, das konnte die Welt nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien, nach Mariens Kindern,mit denen sie sich in Heidelberg viel beschäftigt, und hätte Alles darum gegeben, wenn Marie ihr eines derselben anvertraut hätte, wozu aber weder Marie noch Meining, der das unruhige, kindliche Treiben nicht liebte, die geringste Neigung zeigten, sodaß sie auch diesen Wunsch bald aufgeben mußte und das tiefe Liebebedürfniß in ihrer Seele unbefriedigt blieb. Sie fühlte sich alt werden und arm in all' dem Reichthum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben könne keine Freude mehr erblühen, faßte tiefer als je Wurzel in ihr. Dazu kam, daß die neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich selbst kaum zu gestehen wagte, Robert's Bild trat hier, wo sie die schönste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhörlich vor ihr inneres Auge. Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mädchenstübchen saß, das sie sich jetzt zum Boudoir erwählt hatte, gedachte sie mit inniger Wehmuth an dieStunden, die sie hier in Robert's Andenken verträumt, und ein Gefühl gänzlicher Trostlosigkeit bemächtigte sich ihrer, ohne daß sie selbst sich dessen deutlich bewußt war.
In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Dezembers folgendes Billet von Frau von Stein, einer Dame, die für einige Zeit in Berlin lebte und in deren Hause der Geheimrath Arzt war, wodurch sie auch in nähern geselligen Beziehungen standen.
Liebste Meining! Ihr Mann verläßt mich eben, mit dem Versprechen, heute Mittag bei mir ein Dinerà l'improvisteanzunehmen, wenn Sie ihn begleiten wollen. Und wollen müssen Sie diesmal; wäre es nur, um den interessantesten Mann von der Welt, denlionder letzten marienbadersaison, kennen zu lernen, dermich heute besuchte, und den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige Tage hier ist, alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm gesagt, er werde auch die geistreichste, liebenswürdigste Frau Berlins bei mir finden.
Machen Sie mich nicht zur Lügnerin, Beste! und stellen Sie sich hübsch um vier Uhr ein. Der Geheimrath läßt Ihnen durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also?
Anna von Stein.
Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach Hause kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen. Frau von Stein mit einer Dame im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen durchblätternd.Auch Meining trat in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn zurück, den Clementine, da sie mit dem Rücken gegen die Thüre gesessen, erst erblickte, als Meining ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe Clementine! Herr Thalberg, der, wie ich eben höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses war.
Clementine war wie gelähmt; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, daß es sie betäubte, sie war keines Wortes mächtig, und ihre Aufregung wäre Niemand entgegen, wenn nicht Frau von Stein in komischem Verdruße ausgerufen hätte: Also Sie kennen einander? O! das ist himmelschreiendes Unrecht. Liebste Meining! das ist ja der marienbaderlion, den ich Ihnen gemeldet hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich.
Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und Robert entgegnete:Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir zugedacht, um so größer, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der großen Welt, daß wir auch von den glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig erfahren.
Diese künstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es gelang ihr, eine gleichgültig höfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, daß er, nach dem Tode eines Verwandten, dessen große Güter an der mecklenburger Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewählt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene Thätigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schloß er, verlasse ich meine kleine Residenz, wie im vorigen Jahre, um das Marienbad, und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjähriger Abwesenheit zu besuchen. Doch denkeich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.
Ein Diener meldete, daß servirt sei, und die Gesellschaft begab sich zur Tafel. Clementine glaubte unter dem Einfluß eines schönen Traumes zu sein, dem sie ewige Dauer wünschte. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die königliche, bleiche Stirne, das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so süß, so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zu Bitten herabließ; das war das schöne, dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken, das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirne gedrückt hatte. Jeder Laut seiner Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Vergangenheit an. Neues Leben schien für sie zu beginnen, ihr Gesicht glühte, ihr Herz schlug frei, – so mag es Dem zu Muthe sein, der nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheitaus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne geführt würde und rings umher Frühling sähe. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glücklich im Moment.
Während Clementine in seligen Empfindungen schwelgte, war die Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend über die ganze Richtung aus, die er in der preußischen Verwaltung gefunden, und die es ihm, außer manchen Andern, sehr lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, daß Thalberg, der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt worden und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich plötzlich aus der Carrière zurückgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen hätte.
Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhängigkeit. Man kann imGrunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit, oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine Befriedigung.
Und ich hätte grade geglaubt, daß der Wunsch nach Wirksamkeit in der Administration, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse, sagte Meining.
Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen muß, wenn sie aufgezogen wird. Glücklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder zerbrochen.
Mich dünkt aber, daß es in Preußen an einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstenskönnen Sie nicht leugnen, daß überall der beste Wille vorhanden ist! fuhr Meining fort.
Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg. Die Frage für den Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur die, ob seine Ansichten von Menschenglück, von Fortschritt mit denen übereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefördert wurde; aber mir blieb das drückende Gefühl von Unvollständigkeit, das ich bei der polnischen Revolution empfand, in der die Edelleute um und für eine Freiheit kämpften, die sie ihren Bauern, die leibeigen blieben, vorenthielten. Diese Halbheit machte mir meinen Beruf unerträglich, weil ich für Halbheiten nicht mein ganzes Wirken opfern wollte.
Und so sind auch Sie, ein geborner Preuße,ein Gegner Ihrer Regierung? fragte der Geheimrath.
Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach längerer Abwesenheit in mein Vaterland zurückkehrte, mich geborgen gefühlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen, die eine herrliche Basis für die demokratische und constitutionelle Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die Städteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben des Volkes gedrungen ist, daß keine Gewalt sie vernichten könnte. Aber daß sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, daß man sich einbildet, stillstehen zu können und zu dürfen; das ist es, was ich tadle und wogegen wir kämpfen müssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhängige Mann. Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fühlte ichkeine Neigung, weil man sie, glücklichsten Falls, doch oft erst erreicht, wenn man müde vom Wege und Kampfe ist; – um den unbedeutenden Gelderwerb war es mir in meinen Verhältnissen nicht zu thun, und ich dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der große Güterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschluß, der mich keinen Augenblick gereut hat.
Wenn aber alle guten Köpfe so dächten wie Sie, Herr Thalberg, und sich im Unmuth zurückziehen wollten, so würde diese Art von Patriotismus der guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre Neigung opfern müßten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.
Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfällige Staatsmaschine hat an einem Hügel,der ihr ein gewaltiges Hinderniß ist, Halt gemacht und kann nicht vorwärts. Sie mit Gewalt darüber fortzuziehen, wäre Thorheit – aber wir tragen den Hügel ab, sodaß sie leicht darüber fortrollen kann. Ich ehre unser Königshaus und vor Allem den redlichen, durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Königs; ich glaube, er hat die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; – aber er hält die Zeit noch nicht geeignet zu ihrer Ausführung, das Volk nicht reif dazu. Eine Revolution, die immer demoralisirend wirkt, würde Viel, wenn nicht Alles verderben; darum muß man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizuführen und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur möglich wird, ihm die verheißenen Freiheiten zu gewähren, sondern unmöglich, sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den Gewerbtreibenden, muß und wird die neue Zeit beginnen – nicht von der Aristokratieoder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntniß und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und sicher zum Ziele führen, da wir nicht zerstören wollen, um neu zu bauen – sondern nur schon Vorhandenes, Gegründetes ausbauen, nach den Bedürfnissen unserer Zeit.
So bewegte sich das Gespräch eine Weile fort. Die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig Theil daran; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, daß Clementine stiller als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete Clementine, daß ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und bat, man möge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische erhob: Aber sage mir inaller Welt, liebste Clementine! was hast Du heute? Herr Thalberg muß glauben, Du habest das Sprechen verschworen – oder wärest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt.
Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weißt ja, daß ich manchmal meine stillen Tage habe, und außerdem war mir die Unterhaltung so interessant, daß ich lieber hören als sprechen mochte und gern noch länger zugehört hätte.
Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.
Im Gegentheil, gnädige Frau! ich würde es mit Freuden annehmen, wenn ich nicht fürchten darf zu stören....
Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir bewohnenwieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich freuen, Sie dort zu sehen.
Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining ließ es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die Einladung für morgen zurück – dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, daß Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, daß sie ihn, außer morgen Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschäftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen, die Meining angenehm sein konnten,und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig über sie machte.
Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewußtsein, ihren Mann absichtlich getäuscht zu haben, und Robert's Bild, seine Anwesenheit waren ihr letzter Gedanke.
Berlin, d. 5. Dezember 1839.
Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit den Behörden arrangirt und die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden, wieder einmal begrüßt. Es ist ein Unrecht von Dir, daß Du Deine langweilige Garnison nicht verläßt und die 20 Meilen herüberfährst, damit wir in Berlin, dem Schauplatz unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben. Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit, und ich könnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen über das Leben und dieVergänglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze Generation, die ich früher gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, daß diese Bemerkung, in der so viel Schmerzliches liegt, für Alle eben so alt, als für den Einzelnen immer neu ist. Für mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung, das Leben intensiv so schnell und viel zu genießen, als ich es vermag, und Andern zu nützen, so gut es geht.
Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und doch weiß ich, daß ich mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach meinem lieben Hochberg, daß mir diebeau mondefade, die Stadt eng vorkommen wird, und daß ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen Wäldern, zu meinen gefrornen Seen zurückeilen werde. Auch habe ich, für den Fall, daß diese Lust mich plötzlich anwandelt, meineEinrichtungen getroffen. Die Bücher, Karten und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen dachte, sind, wie die Flinten und die übrigen Dinge, besorgt, und ich glaube fast, länger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich zu amüsiren. Es sei denn, Du träfest währenddessen hier ein.
Denke Dir, welch sonderbaresrencontreich hier gehabt! Du erinnerst Dich wol der schönen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem Brühl'schen Balle vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, die Cour machtest, bis Du zufällig bemerktest, daß mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte. Damals war ich fest entschlossen, sie zu der Meinen zu machen, denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit, Entfernung und neue Eindrücke verdrängten ihr Bild aus meiner Seele und – doch Du kennstdie Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen, die zwischen meinem Damals und Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine unerwartet als Geheimräthin von Meining wieder gesehen und sie sehr verändert gefunden. Es ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer Schönheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und älter, als sie ist; eine wehmüthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der Augen, der durch die lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert wird, lassen mich vermuthen, daß sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend älter, fast ein Greis. Er ist offenbar sehr eitel und stolz auf die Frau, die hier wieder sehren vogueist; übrigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich für den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd – wie ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.
Ich schreibe Dir nur so flüchtig, weil ichbestimmt voraussetze, Dich hier wiederzusehen. Laß mich bald von Dir hören, damit ich meinen Aufenthalt danach einrichte.
Den 8. Dezember.
Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir sehen uns erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, nach Hochberg führt? Es ist eine Thorheit, daß Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so thöricht, als Dein Vorschlag, daß ich länger in Berlin bleiben und mir unter den Töchtern des Landes eine Burgfrau für Schloß Hochberg suchen solle. Ich denke, überdenPunkt kennst Du meine Gesinnungen. Nach den Täuschungen, die ich erfahren, nach jener rasenden Leidenschaft, mit der ich an Caroline hing, und die verrathen ward für einen Laffen, bin ich mit der Liebe für immer fertig, und eine bloßeHaushälterin – dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten muß, wenn sich der geliebte, sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen, wenn sie zur Frau geworden ist; und mögen dann die Charaktere noch so elend zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das! – und überlege Dir selbst, wie viele von unsern früheren Bekannten glücklich oder innerlich gefördert worden sind durch die Ehe, die ich übrigens nicht angreifen will. Sie paßt nur nicht für Jeden, und ich glaube, ich würde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir die Kleider anzöge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Hätte ich zu 26 Jahren geheirathet, ich wäre nun vielleicht ein solider Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags zur Kirche führt und dieJungen buchstabiren lehrt. Jetzt möchte das nicht mehr angehen. Nimm selbst den Fall, ich fände ein Weib, wie ich es wünschen müßte, das Wort und Probe hielte – wo wäre die Gewißheit, daß ich für sie paßte? In der Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glücklich – das scheint mir auch bei Meining und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus zufrieden – ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung für den Mann, den Jeder für ihren Vater halten muß. Sie kann wirklich noch hübsch sein, gradezu hübsch; obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig verändert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zügen zurück, erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer schönen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe Roth, das heißes Blut und die Sinne in die Wangentreiben, sondern der lichte, zarte Wiederschein einer glühenden Seele und ganz etwas Eigenthümliches an ihr. Sie ist überhaupt eine interessante Frau.
Heute Abend noch einen Ball bei Klenke, morgen ein paar Besuche, und dann geht's bald nach Hochberg zurück.
d. 11. Dezember.
Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, daß ich diesen Brief in Gottes Namen nach Berlin richten kann, und daß er Dich dort finden wird. Fährst Du nicht wirklich sehr bald ab, liebster Thalberg, so bleibst Du lange dort, und willst Du wissen, was Dich festhalten wird? Die Geheimräthin von Meining. Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt, daß Dir Clementine Frei mehr war, als Du nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst glaubtest;wo Du von Freundschaft, herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeug fabeltest, während eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im Herzen saß – bis jene unglückselige, aber doch göttlich schöne Caroline wie ein zerstörender Komet an Deinem Horizonte erschien und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortriß. Es war eine tolle Zeit. Du bist übrigens mit den Weibern gar nicht so fertig, als Du glaubst, und wenn Du nicht bald eine vernünftige Frau nimmst, stehe ich für Nichts. Sei gescheut und mache aus Großmuth und Reue, »aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft«, keine dummen Streiche.
Das ist ein ehrlich Soldatenwort – kurz und bündig, wie ich es liebe.
D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend ist vorüber. Der Mensch kann doch gewaltigviel über sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach dem Entzücken und der namenlosen Angst, mit der ich Robert gestern wiedersah, hätte ich es nicht für möglich gehalten, den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu können. Wie schlug mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Thränen des Abschiedes weinte und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien es zu bewegen, als er in die alte, bekannte Wohnung trat, die ihm doch fremd geworden sein muß, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm bin. Seine Stimme klang unglaublich weich und mild, es lag die Versöhnung einer langen Vergangenheit darin – oder trog mich mein Wunsch? Er ist noch ganz der Alte, der seltene Mann, der er mir immer war; auch Meining scheint ihn besonders anziehend zu finden und hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen,die ich aber nicht wünsche, weil sie mir den größten Zwang auferlegt. Es ist so schwer, gegen Jemand den gleichgültigen Ton der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand, und dessen Stimme des Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will, muß man erreichen können; auch fährt Thalberg ja in den nächsten Tagen fort, und Alles bleibt wie es war. Er muß viel gedacht und erlebt haben, es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht ausspricht und was ich dennoch höre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich so aufgeregt wäre; ich fiebre und bebe unaufhörlich: so ein Frauenkörper ist ein gar gebrechlich Ding. Ich wollte doch, Robert wäre schon fort.
D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme eben von Mariannens Ball zurück, und ich glaube, ich gerathe wieder in die Kindheit, so munter und frisch bin ich. AnSchlaf ist noch gar nicht zu denken. Das macht aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich immer einen belebenden Einfluß geübt hat – sogar schreibelustig bin ich; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch, vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Meining sagt aber auch, Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und ich möchte es mir zum Maßstab für unsern Ball nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter, als es mir seit lange schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir fast leid gethan, daß ich es seit meiner Verheirathung aufgegeben habe. Robert Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er tanze sonst auch nicht mehr, wir müßten zusammen eine Ausnahme machen; ich mochte aber nicht. Als ich mich entschloß, Meining's Frau zu werden, habe ich durch die Verbindung miteinem so viel ältern Manne dergleichen Genüssen entsagt, indeß habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als ich, während die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glücklich wären, einander wieder zu sehen? Wir müßten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin es gewiß und wünsche nur, daß Frau von Meining mich nicht ungern wieder gesehen hat. Darauf kam Klenke und rief lachend: Ach! lieber Thalberg! keine Frau sieht einen alten Anbeter ungern wieder, so lange sie jung und schön ist; und von der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung höchst zuwider, ich schämte mich und fürchtete, mein Mann könne es hören; der war aber so sehr in sein Spiel vertieft, daß er nicht auf das Geschwätz merkte. Endlich ging ich zu den alten Damen ins Nebenzimmer, aber auch dahinkam mir Marianne neckend nach; lachte, that geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch auch machen lassen,ma belle! und der galante Thalberg hat das noch nicht vergessen. Denn als ich ihn heute Etwas ins Gebet nahm, gestand er, er halte Dich für eine höchst interessante und schöne Frau. Und darin hat er so unrecht nicht; denn heute, wo Du einmal trotz Deiner Einfachheitin full dressbist, siehst Du wirklich solady like, so distinguirt aus, daß es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer ein gewissesje ne sais quoi, das man fühlt und sieht, aber nicht nachmachen kann – heute indeß bist Du ganz reizend! – Ah! da kommt wieder der schöne Thalberg – ich will nicht stören,car l'on revient toujours à ses premiers amours, nicht wahr Herr Thalberg? – und damit ging sie fort. Ich war in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber zusammen, und wir sprachen noch einen Momentüber Marianne und ihre leichtfertige Weise, welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz ungenießbar macht. Thalberg meinte, sie gliche frappant einem Kupferstiche, den er in diesen Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht schicken wolle. Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren nach Hause, als man zumsouperging.
Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete. Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, daß er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich aber das Vergnügen, sie zu sehen, nicht versagen können. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um die Erlaubniß, sie zu ihrem Wagen führen zu dürfen. So geschah es. Während sie die Treppe hinunterstiegen, überlegte Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern hätte sie augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg darumzu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was würde aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzählte, wie flüchtig sie Thalberg abgefertigt hätte, und was würde dieser selbst von ihr denken? So entschloß sie sich, ihn für den Abend einzuladen, und Thalberg sagte freudig zu.
Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath von Thalberg's Besuch und ihrer Einladung, der sich derselben freute und hinzufügte, er habe den Obrist B. und den Maler R., die er zufällig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mußt Deinen Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.
So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fühlte eine mädchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjähriger Trennung, zum erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder seinmußte, allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit und im Gefühl der wärmsten Liebe sich begegnet waren! Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg's nicht, dessen Blicke glühend auf ihr ruhten; denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein rechtes Gespräch in den Gang kommen, und Thalberg blätterte in halber Zerstreutheit in einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag. Es war das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte.
Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte Robert, ich weiß, daß Sie von den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzückt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort.
Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, daß mich das wahrhaftPoetische, das tief Gefühlte in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Daß der Schmerz über eine verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als ergreifend – daß er aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet.
Ja freilich,à l'usage de la jeunesseist er nicht geschrieben! bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wüßten Sie, meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreißt; wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und Glaube – Sie würden Heine vielleicht anders beurtheilen.
Vielleicht! antwortete sie, ich müßte den Dichterbeklagen, der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte, daß er die Leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflößt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schließe, muß Heine's Zerrissenheit....
Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr groß, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? – etwa die Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute, die den heißesten Wunsch des Herzens, das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz anstößt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben Sie mir, gnädigeFrau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Körper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das ersehnte Glück, für den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung – wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen läßt, wer sich nicht blutig stößt an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher Gesetze – der ist kein Mensch, der müßte ein Gott sein.
Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluß auf sein Gemüth geltend gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robertin tiefes Denken versunken war: Nun wohl denn mir, daß ich kein Mann bin, daß mich das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und daß mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.
Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden?
O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer, scherzte Clementine, um ihn von dem Gespräch abzuleiten.
Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war?
Niemals! – als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht gethan; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt, und dann ist mir das eigne Gefühl ein guter Compaß geworden, dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.
Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach demNorden der kalten Vernunft, in dem das heiße Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er plötzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?
Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte. Endlich hörten die Herren zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages. Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte sich heute, daß Clementine, die in früher Jugend, als seine gelehrige Schülerin, all' seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der konservativen Richtung geneigt schien. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten einst mit viel größerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich hätte Siebegeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?
Und wer sagt Ihnen denn, daß mich die große Idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt, daß ich den Enthusiasmus der Männer dafür nicht begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch für uns Frauen sei die Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls ein unerläßliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen für Freiheit zu schwärmen und über Politik zu sprechen – und nur vondemGlauben bin ich zurückgekommen.
Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, die uns im Leben das höchste Glück gewähren, nicht auch mit uns Theil haben an den höchsten Schätzen, nach denen wir streben. Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten, nicht eben solebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir?
Für ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar keinen Sinn und können ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich würde es gewiß meiner Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre, sehr verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche würde; und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für allgemeine Weltfreiheit Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.
Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau! fragte sie der Obrist.
Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, daß ich die demagogischen und liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte, daß ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle.Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert für uns und lassen uns von den Männern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir den König unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehrun et indivisibleist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war.
Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundsätze für Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Damen nicht. Ich kannte selbst eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der Deutschland die Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre begruben – und so angenehm ich sie sonst immer fand, so unerträglich schien sie mir, wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die im Munde ihres Freundes groß und prophetisch geklungen hatten.
Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, und ich glaube auch, daß die wahre Stellung des Weibes eine abhängige sein muß. Ich wünsche nur, daß sie von dem freien Manne abhänge, der in ihr den Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz und alle Rechte zuerkennt, deren sie bedürfen. Sie müssen mit uns den Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil für sie dieselbe ein Unding ist.
Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu Thalberg's Aeußerung gab, werden nicht alle Damen dieser Meinung sein; denn, wenn sie auch diefemme libreder St. Simonisten empörend finden, so ließen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren, und ich für meinen Theil wollte Nichts dagegen haben, wenn mir einige so recht schöne junge Mädchen als Collegen oder Schüler in mein Atelier geschickt würden.
Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse ich mir meine Frau zum Assistenten ernennen!
Und glaubst Du, Lieber, daß ich dazu nicht vortrefflich wäre? Glaubst Du, wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet hätte, mit denen man die jungen Leute so früh bekannt macht, ich hätte das nicht auch erlernen können? fragte Clementine.
Im Gegentheil; ich bin überzeugt, Du wärest der niedlichste Professor im Mousselinkleide geworden und würdest die interessantesten Vorträge gehalten haben. In Fällen, in denen psychische Leiden der Krankheit zum Grunde liegen, würde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner liebenswürdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels errathen, als wir Männer; denn eine gewisse Art von Penetration besitzen die Frauen gewiß in höherm Grade als wir, ich meine den Scharfsinn des Herzens, der wirklich sehr groß bei ihnen ist.
Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen, sagte der alte Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie nicht. Ich kann weder die Kanonen abschaffen, deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist, noch die Pferde, vor denen Sie sich fürchten, und auch mein Adjutant wird bei aller Verehrung für Sie seine Hunde nicht entbehren wollen, die Ihnen ebenfalls Angst verursachen.
Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte der Maler, ihre Züge und Augen drücken Nichts davon aus.
O da kennen Sie meine Frau nicht, rief Meining. Sie nimmt es im Geiste mit Himmel und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flößt fast jedes Thier ihr eine ganz solide Angst ein, und wenn vollends der liebe Gott uns ein ordentliches Gewitter schickt, führt er mir damit jedesmal meine Frau ins Zimmer, die, glaube ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet, ehesie während eines Gewitters allein bleibt. Aber um darauf zurückzukommen! ich möchte wohl wissen, was Du, liebe Clementine! Dir z. B. unter der Emancipation der Frauen gedacht hast.
Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, antwortete sie, weil ich sie, meinem ganzen Wesen nach, für mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und in der Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr Mann; aber auch gleiches oder wenigstens ähnliches Recht. Man soll sie nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnöthig Leid aufbürden, das sie nicht tragen kann, ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns; wir müssen Herr sein über uns selbst, sonst über Niemand – und so denke ich, Alles, was die sogenannte Emancipation bezwecken könnte, wäre, eine Erziehung zu befördern, die uns für unsern Beruf tüchtiger machte.
Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren Sie nicht? fragte der Obrist.
Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, die ich so augenblicklich nicht durchdenken kann – es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen Brüder, Väter oder Mann, das scheint mir ein so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und unauflöslich ist.
Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden läßt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hölle machten und ein Glück untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei Menschen erblühen könnte?
Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das weiß ich bestimmt, daß ich lieber sterben möchte, als mein Wort brechen, und daß ich die Möglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne, durchaus nicht begreife.
Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining küßte sie, trotz der Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft sich bald trennte.
Thalberg war allmälig ein täglicher Gast im Meining'schen Hause geworden, da der Geheimrath ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm einen Grund bot, seine Besuche zu wiederholen. Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den er immer auf sie geübt, kämpfte unaufhörlich gegen eine Liebe, die nie in ihr erloschen und in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je, erwacht war. So waren etwa 14 Tage vergangen, als Robert seinem Freunde folgenden Brief schrieb.
d. 18. Dezember.
Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe wol auchnoch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne daß bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt; meine Anordnungen für die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen. Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe ihm heute die nöthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, daß ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde, und daß er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde hersenden möge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen würde.
Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich häuslich eingerichtet, die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich häufig bei Klenke oder bei Geheimrath Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trägt dazu die Geheimräthin bei, die eine ganz charmante Frau ist, voller Geist und Gefühl; anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste Tournüre und die wohlwollendste Höflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dünkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich müßte ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehört; und obgleich ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtetist, sieht es doch vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn ich mir denke, daß diese noch junge Frau dem alten Manne gehört, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich hätte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wäre glücklicher gewesen, wenn sie mein geworden wäre. Fände ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände, als die Geheimräthin, ich glaube, ich könnte mich noch entschließen, mich zu verheirathen. Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas Trauriges, das fange ich erst hier wieder zu fühlen an.
Du siehst, Dein guter Rath von neulichträgt vielleicht noch Früchte; willst Du ihn aber wirksam unterstützen, so benutze die treffliche Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlänglich Platz für uns Beide.
Thalberg.
Am zweiten Weihnachtstage.
Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath hätte außer dem Hause gespeist, die gnädige Frau sei allein, und er zweifle, daß sie mich annehmen würde. Dabei that er so geheimnißvoll, lächelte so pfiffig, daß ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der nur noch durch Clementinens Wohnzimmer vonihrem Boudoir getrennt ist, welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, daß ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war, ließ er die Thüre offen, sodaß ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst zierliches, kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schönste und größte Puppe, wenn Du nur still halten möchtest.
Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor dem Kamin stand, und hielt ein engelschönes, zweijähriges Mädchen in den Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf-und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schöner, als ich sie je im Leben gesehen habe. Das glänzende, rabenschwarze Haar hing in aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hände, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein geröthete Gesicht blendend schön in dem Ausdruck von Glück, das aus ihren Augen strahlte.
Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleichbereit sein, mich zu sehen. Die Thüren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir geführt, das nun einen ganz andern Anblick darbot.
Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen geordnet, die beiden größern Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste saß bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine große, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich, Herr Thalberg! daß ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun zusehen, daß sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie stand; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragtenach meinem Begehr. Ich war so entzückt über die Scene, daß ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären die Töchter von Madame T..., die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen überlasse. Es sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist, dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit uns.
Ich hätte ihr ewig zuhören mögen. Plötzlichmerkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt für die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen könnten, auszulöschen. Ich that es und nahm nun auch die beiden größern Mädchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Röschen, das ist der Onkel Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schön und freundlich wie Du, schicke den alten fort.Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander, daß man gar nicht Einhalt thun konnte.
Clementine wurde glühendroth und gleich darauf sehr bleich; Thränen traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich rasch zu Emma bückte und sagte: Schäme Dich, den guten, lieben Onkel Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein, wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr herkommen, Du böses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt – o! mein Gott! ich hätte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen – ich liebe Clementine.
Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser Glück. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmähen; sie liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen.Ich habe ihr Leben zerstört, das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiß ich, daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich, daß ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glück gebracht; ihr und mein Unglück habe ich selbst bereitet.
Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Füßen zu fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine refüsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nähme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich – ein unvergeßliches Bild in der Seele. Es ist mir lieb, daß sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte. Grade weil ich sie anbete, will ich selbst über sie wachen undfast könnte ich wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrübt werde – und doch scheint mir das Leben nur möglich in dem Bewußtsein ihrer Liebe.
Daß ich bleibe – bedarf nun keiner Bestätigung.
Thalberg.