The Project Gutenberg eBook ofClerambault: Geschichte eines freien Gewissens im KriegeThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im KriegeAuthor: Romain RollandTranslator: Stefan ZweigRelease date: October 13, 2021 [eBook #66532]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Delphine Lettau, Cindy Beyer and the online Distributed Proofreaders Canada team at http://www.pgdpcanada.net with images provided by TIA_CAN*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CLERAMBAULT: GESCHICHTE EINES FREIEN GEWISSENS IM KRIEGE ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im KriegeAuthor: Romain RollandTranslator: Stefan ZweigRelease date: October 13, 2021 [eBook #66532]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: Delphine Lettau, Cindy Beyer and the online Distributed Proofreaders Canada team at http://www.pgdpcanada.net with images provided by TIA_CAN
Title: Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege
Author: Romain RollandTranslator: Stefan Zweig
Author: Romain Rolland
Translator: Stefan Zweig
Release date: October 13, 2021 [eBook #66532]Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: Delphine Lettau, Cindy Beyer and the online Distributed Proofreaders Canada team at http://www.pgdpcanada.net with images provided by TIA_CAN
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CLERAMBAULT: GESCHICHTE EINES FREIEN GEWISSENS IM KRIEGE ***
Romain RollandClerambaultGeschichte eines freien Gewissensim Kriege1922Literarische AnstaltRütten & LoeningFrankfurt a. M.
Romain Rolland
Clerambault
Geschichte eines freien Gewissens
im Kriege
1922
Literarische Anstalt
Rütten & Loening
Frankfurt a. M.
Berechtigte Übertragung aus demFranzösischen vonStefan ZweigDruck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Berechtigte Übertragung aus dem
Französischen vonStefan Zweig
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
Dieses Werk ist kein Roman, sondern das Bekenntnis einer freien Seele inmitten der Qual, die Geschichte ihrer Irrungen, Ängste und Kämpfe. Man möge keine Selbstschilderung darin erblicken — werde ich eines Tages über mich selbst schreiben wollen, so wird es ohne Decknamen und Maske geschehen. Einige meiner Anschauungen habe ich allerdings in meinem Helden zum Ausdruck gebracht, doch sein Wesen, sein Charakter und seine Lebensumstände gehören ihm ganz allein zu. Ich wollte in diesem Werke das innere Labyrinth schildern, das eine schwache, unentschiedene, erregbare und verführbare, aber doch aufrichtige und in ihrem Wahrheitswillen leidenschaftliche Natur langsam vorwärtstastend durchirrt.
In einigen Kapiteln deutet das Werk auf die Art der „Meditationen“ unserer altfranzösischen Moralisten, der stoischen Essays zu Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts zurück. In jenen Zeiten, die den unsern glichen, ja sie sogar an tragischem Grauen noch übertrafen, schrieb inmitten der Kämpfe der Liga der erste Präsident Guillaume du Vair mit unerschütterlicher Seele seine erhabenen Dialoge „Über die Standhaftigkeit und die Tröstung im allgemeinen Mißgeschick“. Während die Belagerung von Paris ihren Höhepunkt erreicht hatte, hielt er in seinem Garten Zwiesprache mit seinen Freunden Linus, dem Weitgereisten, mit Musée, dem ersten Rektor der medizinischen Fakultät, und dem Schriftsteller Orphée. Und den Blick noch erfüllt von den tragischen Bildern, die sie auf der Gasse gesehen — arme Menschen, die vor Hunger gestorben waren, Frauen, die schrien: die Landsknechte verzehrten im Temple ihre Kinder — versuchten sie ihren bedrückten Geist zu jenen Höhen zu erheben, von denen man die geistige Welt der Jahrhunderte umfängt und das Überdauernde jeder Prüfung sieht. Als ich in den Kriegsjahren jene Dialoge überlas, fühlte ich mich mehr als einmal diesem guten Franzosen nahe, der schrieb: „Es heißt ein Unrecht an dem Menschen begehen, der geschaffen ist, alles zu sehen und alles zu erkennen, wenn man ihn an eine einzelne Stelle der Erde bindet. Jedes Stück Erde ist Land für den Vernünftigen... Gott hat uns die Erde gegeben, daß wir sie alle in Gemeinschaft genießen, freilich mit der Pflicht, anständige Menschen zu bleiben...“
R. R.
Paris, Mai 1920
Gegenstand dieses Buches ist nicht der Krieg, obzwar der Krieg es überschattet. Sein wirkliches Thema ist das Versinken der Einzelseele im Abgrund der Massenseele. Und dies ist für mein Empfinden ein für die Zukunft der Menschheit viel entscheidenderes Phänomen als die vorübergehende Oberherrschaft einer oder der anderen Nation.
Mit Absicht habe ich alle politischen Fragen in den Hintergrund gestellt: ihnen steht gesonderte Betrachtung zu. Aber wie immer auch man den Ursprung des Krieges begründe, mit welchen Thesen und Gründen man ihn erklären möge — keine irdische Rechtfertigung entschuldigt das Kapitulieren der Vernunft vor der öffentlichen Meinung.
Die allgemeine Entwicklung zur Demokratie, die von einem abgestorbenen Begriff, dem ungeheuerlichen der Staatsräson, gedeckt ist, hat die Geistigen Europas verleitet, sich zu dem Glaubensartikel zu bekennen, es gäbe für den Menschen kein höheres Ideal, als Diener der Gemeinschaft zu sein. Und diese Gemeinschaft nennt man: Staat.
Ich aber scheue mich nicht zu sagen: wer sich zum blinden Diener einer so blinden — oder verblendeten — Gemeinschaft erniedrigt, wie es die Staaten von heute sind, in denen eine Handvoll Menschen in ihrer Unfähigkeit, die Vielfalt der Völker zu begreifen, durch die Lügen der Presse, den unerbittlichen Mechanismus des vereinheitlichten Staatswesens den Mitmenschen ihre eigenen Narrheiten, Leidenschaftlichkeiten und Geschäfte als ihre Gedanken und Taten aufzwingt — wer dies tut, der dient nicht in Wahrheit der Gemeinschaft, sondern er knechtet und erniedrigt sie mit sich selbst. Wer den anderen von Nutzen sein will, muß vorerst frei sein. Auch Liebe ist wertlos, solange sie die eines Sklaven ist.
Freie Seelen, starke Charaktere — das tut heute der Welt am meisten not! Auf den verschiedensten Wegen — leichenhafte Unterwerfung durch die Kirchen, dumpfe Unduldsamkeit der Vaterländer, abstumpfender Unitarismus im Sozialismus — kehren wir zur Form des Herdenlebens zurück. Nur langsam hat sich der Mensch dem heißen Lehm der Erde entrungen. Nun scheint es, als ob seine tausendjährige Anstrengung erschöpft sei, und er läßt sich wieder in das Weiche zurücksinken. Die Massenseele schluckt ihn auf, der entnervende Atem der Tiefe reißt ihn mit sich... Auf darum! Rafft euch zusammen, ihr, die ihr glaubt, daß der Kreislauf noch nicht erfüllt sei! Wagt es, euch von der Herde abzusondern, die euch fortzieht! Jeder Mensch muß, so er ein wahrer Mensch ist, lernen, allein innerhalb aller zu stehen, allein für alle zu denken — wenn es nottut, sogar auch gegen alle! Aufrichtig denken heißt für alle denken, selbst wenn man gegen alle denkt. Die Menschheit bedarf derer, die ihr aus Liebe Schach bieten und sich gegen sie auflehnen, wenn es not tut! Nicht indem ihr der Menschheit zuliebe euer Gewissen und eure Gedanken fälscht, dient ihr der Menschheit, sondern indem ihr ihre Unantastbarkeit gegen gesellschaftlichen Machtmißbrauch verteidigt; denn sie sind Organe der Menschheit. Werdet ihr euch untreu, so seid ihr untreu gegen sie.
Sierre, März 1917
R. R.
[A]Diese Einleitung wurde im Dezember 1917 mit einer Episode des Romans in Schweizer Zeitungen veröffentlicht. Eine beigegebene Notiz erklärte den ursprünglichen Titel des Romans „L’Un contre Tous“:„... Dieser Titel, der sich, nicht ohne Ironie, an jenen La Boëties „Le Contre-Un“ durch Umkehrung anschließt, möge nicht zur Ansicht verleiten, der Autor habe die Anmaßung,einenMenschen der ganzen Menschheit entgegenzustellen. Er ruft nur zu dem heute so notwendigen Kampf des persönlichen Gewissens gegen die Masse auf.“
[A]Diese Einleitung wurde im Dezember 1917 mit einer Episode des Romans in Schweizer Zeitungen veröffentlicht. Eine beigegebene Notiz erklärte den ursprünglichen Titel des Romans „L’Un contre Tous“:
„... Dieser Titel, der sich, nicht ohne Ironie, an jenen La Boëties „Le Contre-Un“ durch Umkehrung anschließt, möge nicht zur Ansicht verleiten, der Autor habe die Anmaßung,einenMenschen der ganzen Menschheit entgegenzustellen. Er ruft nur zu dem heute so notwendigen Kampf des persönlichen Gewissens gegen die Masse auf.“
Erster Teil
Agénor Clerambault saß im Schatten der Laube seines Gartens von Saint-Prix und las seiner Frau und den Kindern seine neue Ode vor, die OdeAra Pacis Augustae, die er zu Ehren des Friedens über den Menschen und Dingen geschrieben hatte und in der er die nahe Erfüllung der Weltbrüderlichkeit verkünden wollte.
Es war ein Juliabend. Auf den Gipfeln der Bäume lag letzter rötlicher Schein, und durch den leuchtenden Dunst, der wie ein Schleier über die Hügelhänge, die grauen Ebenen und die Ferne geworfen war, flammten die Fensterscheiben von Montmartre als goldene Funken. Die Abendmahlzeit war eben zu Ende. Clerambault, auf den noch nicht abgeräumten Tisch gestützt, ließ im Sprechen seinen Blick voll naiver Freude von einem zum anderen seiner drei Zuhörer hinwandern, denn er war sicher, bei ihnen einen Widerglanz seiner Zufriedenheit zu finden.
Seine Frau Pauline hatte einige Mühe, dem Flug seiner dichterischen Bilder zu folgen: Vorlesen ließ sie immer unaufhaltsam vom dritten Satze an in einen Zustand von träumerischer Schläfrigkeit versinken, in dem die häuslichen Sorgen einen ganz ungebührlichen Platz einnahmen. Gewissermaßen lockte die Stimme des Vorlesenden die Häuslichkeiten hervor, sich zu regen, wie Kanarienvögel im Käfig. Vergeblich mühte sie sich, auf den Lippen Clerambaults den Worten zu folgen, deren Sinn sie nicht mehr wahrnahm, und sie sogar mit den eigenen Lippen nachzusprechen. Es half nichts: ihre Augen bemerkten doch unbewußt ein Loch im Tischtuch, ihre Hände krümelten die Brotreste auf dem Tisch zusammen, ihr Nachdenken beschäftigte sich mit irgendeiner widerspenstigen Rechnung, bis dann plötzlich der Blick Clerambaults sie zu ertappen schien. Dann klammerte sie sich hastig an die letzte, gerade gehörte Silbe und redete sich in eine Begeisterung hinein, indem sie irgendein Stück Vers nachstammelte (niemals hatte sie auch nur einen Vers ganz richtig zitieren können):
„Wie hast du das gesagt, Agénor? Geh, wiederhole noch einmal diesen Satz... Ach, wie das hübsch ist.“
Ihre Tochter, die kleine Rosine, schob die Augenbrauen zusammen, Maxime, der große Bursche, zog eine spöttische Grimasse und sagte gereizt:
„Mama, unterbrich doch nicht immer.“
Aber Clerambault lächelte und tätschelte zärtlich die Hand seiner guten Frau. Er hatte sie aus Liebe geheiratet, als er sehr jung, arm und unbekannt war, sie hatten gemeinsam all die bitteren ersten Jahre durchgelebt. Sie stand nicht ganz auf seinem geistigen Niveau, und dieser Unterschied milderte sich mit den Jahren durchaus nicht, aber Clerambault liebte und respektierte seine alte Gefährtin. Sie gab sich mit wenig Erfolg viele Mühe, mit ihrem großen Mann, der ihr Stolz war, gleichen Schritt zu halten; er wiederum hatte für sie eine besondere Nachsicht. Der kritische Geist war nicht seine Stärke, und er befand sich gerade dadurch, trotz zahlreicher Irrtümer in seinen Ansichten, im Leben sehr wohl; denn da er sich immer zugunsten der andern irrte, die er im schönsten Licht sah, wußten ihm seine Mitmenschen, allerdings mit einiger Ironie, reichen Dank dafür. Er störte sie nicht in ihrer wilden Jagd nach Erfolg, und seine provinzlerische Reinheit war für die Blasierten ein so erfrischendes Schauspiel wie der Anblick eines Stückes Grün inmitten eines Pariser Häusergeviertes.
Maxime machte sich ein wenig über diese Schwäche seines Vaters lustig, ohne deshalb seinen Wert zu verkennen. Dieser hübsche Bursche von neunzehn Jahren hatte mit seinen hellen und lachenden Augen im Pariser Milieu rasch die Fähigkeit der geschwinden, klaren und spöttischen Beobachtung angenommen, die sich mehr auf die äußeren Nuancen der Dinge und Menschen richtet, als auf die Ideen: ihm entging nirgendwo das Komische, selbst nicht bei jenen, die er liebte. Aber das geschah ganz ohne Böswilligkeit, und Clerambault war der erste, seiner jungen Frechheit zuzulächeln. In Wirklichkeit verminderte sie in nichts die Verehrung Maximes für seinen Vater, sie war nur gewissermaßen ihre Würze: die jungen Burschen müssen ja auch, um den lieben Gott gern haben zu können, ihn manchmal am Bart ziehen dürfen!
Rosine blieb still, wie es ihre Art war, und es wäre schwer gewesen, ihre Gedanken zu erraten. Sie hörte mit vorgeneigtem Körper, gekreuzten Händen und aufgestützten Armen zu. Es gibt Naturen, die zum Empfangen geschaffen scheinen wie die schweigende Erde, die sich jedem Korn eröffnet: viele, die sich darin versenken, bleiben schlafend, und man vermag nicht zu unterscheiden, welche Frucht tragen werden. So war die Seele dieses jungen Mädchens. Die Worte des Vorlesenden spiegelten sich nicht so sichtlich in ihr, wie in den klugen und beweglichen Gesichtszügen Maximes, aber ein leichtes Rot auf ihren Wangen und der feuchte Glanz der von den Wimpern überschatteten Augen bezeugten eine innere Glut und Verwirrung wie auf jenen Bildern der florentinischen Jungfrauen, die das magische Ave des Erzengels erweckt.
Clerambault verkannte sie nicht. Wenn sein Blick den kleinen Kreis der Seinen umwanderte, blieb er mit besonderer Freude auf dem blonden geneigten Haupte ruhen, das dieser zärtlichen Betrachtung wohl bewußt war.
So bildeten die vier an diesem Juliabend einen reinen Ring von Zärtlichkeit und Glück, dessen Mittelpunkt der Vater war, das Idol der Familie.
Er wußte, wer er war, und seltsamerweise machte dieses Wissen um sich ihn nicht antipathisch. Er hatte so viel Freude daran, zu lieben, hatte so viel Zärtlichkeit für alle in Nähe und Ferne ständig bereit, daß er es nur natürlich fand, wenn man ihm diese Liebe zurückgab. Eigentlich war er ein großes Kind. Seit kurzem zur Berühmtheit gelangt, nach einem Leben von keineswegs goldener Mittelmäßigkeit, hatte er an jener vergangenen Zeit zwar nicht gelitten, aber die neue, die hellere, tat ihm wohl, und er genoß sie. Daß er das fünfzigste Jahr überschritten hatte, sah man ihm kaum an. Zwar glänzten schon einige weiße Haare in seinem dicken, blonden, gallischen Schnurrbart, aber sein Herz war jung geblieben mit seinen Kindern. Statt mit dem Strom seiner Generation zu gehen, gab er sich jeder neuen Welle hin, das Schönste des Lebens schien ihm im leidenschaftlichen Schwung seiner Erneuerung mit jeder neuen Jugend zu bestehen, und er kümmerte sich nicht um die Gegensätze, mit denen immer die neue Jugend sich gegen die frühere stellt, denn diese Gegensätze lösten sich ganz auf in seinem mehr enthusiastischen als logischen Gefühl, das überall Schönheit sah und immer von ihr trunken war. Dazu kam noch ein besonderes Bestreben nach Güte, das zwar nicht recht mit seinem ästhetischen Pantheismus zusammenstimmte, aber das seinem eigensten tiefsten Wesen entsprang.
Er hatte sich zum Wortführer aller edlen und menschlichen Ideen gemacht, sympathisierte mit den radikalsten Parteien, den Arbeitern, den Unterdrückten, dem Volke — das er übrigens nicht kannte, denn er war ein reiner Bourgeois, voll von humanen und verschwommenen Ideen. Noch mehr als das Volk vergötterte er die Menge, er liebte sich in ihr zu baden, er genoß es als höchstes Glück, sich in der Gesamtseele aufzulösen (wenigstens glaubte er es von sich). Diese letzte Neigung war nun allerdings eine ziemlich verbreitete unter den Intellektuellen von damals, die Mode unterstrich hier, wie gewöhnlich, nur einen besonders ausgeprägten Zug des Zeitgefühls. Die Menschheit entwickelte sich in dieser Epoche immer bewußter dem Ideal eines Ameisenhaufens entgegen, und selbstverständlich drückten die empfindsamsten Wesen, die Künstler und die Intellektuellen, als erste die Symptome dieser Entwicklung aus. In ihrer Neigung erblickte man zunächst ein bloßes Spiel und verkannte den Gesamtzustand, für den diese Symptome nur das Merkzeichen waren.
Die demokratische Entwicklung der Welt seit vierzig Jahren hatte viel weniger in der Politik die Herrschaft des Volkes verwirklicht, als in der Gesellschaft den Triumph der Mittelmäßigkeit. Gegen diese Nivellierung des Geistigen hatte im ersten Augenblick die Elite der Künstler ganz richtig reagiert. Aber zu schwach, um gegen sie anzukämpfen, hatte sie sich mit bewußter Übersteigerung ihrer Verachtung und ihrer Isolierung in das Abseits zurückgezogen: sie predigte eine seltene, eine artistische Kunst, die unzugänglich blieb für die Masse und nur aufgetan für Eingeweihte. Nun gibt es nichts Fruchtbareres als die Flucht in die Einsamkeit, wenn man in sie ein vollwirkendes Gewissen, einen Überfluß des Gefühls, eine strömende Seele mit bringt. Aber welch ein Abstand zwischen diesen literarischen Cenaclen des neunzehnten Jahrhunderts und jenen fruchtbaren Eremitagen, in die sich die mächtigen Gedanken einstens flüchteten! Diese neuen Abseitigen waren mehr damit beschäftigt, ihr geistiges Kleingeld aufzuzehren statt es zu erneuern; um es rein zu erhalten, hatten sie die Münze aus dem allgemeinen Umlauf gezogen, was zur Folge hatte, daß sie bald jeden Wert verlor. Das Leben der Gesamtheit ging an ihnen vorbei, ohne sich um sie zu kümmern, die Kaste dieser Künstler wurde siech und bleichsüchtig bei ihren raffinierten Spielen. Gewaltige Windstöße zur Zeit der Dreyfus-Krise entrissen einige Stärkere unter ihnen der Erstarrung, und kaum daß sie aus ihrem Orchideengarten ins Freie traten, berauschte sie der Wind der Welt. Mit ebensolcher Übertreibung, wie ihre Vorgänger sie an die Abseitigkeit von der Menge wandten, stürzten sie sich in die große vorüberströmende Flut. Sie glaubten, daß das Volk das Heil sei, das Gute, das Wahre, das Schöne, und trotz aller Enttäuschungen, die sie bei ihren vergeblichen Versuchen der Annäherung erlebten, inaugurierten sie eine neue Strömung in der europäischen Kunst und im europäischen Geistesleben. Sie setzten ihren Stolz darein, sich Interpreten der Massenseele zu nennen, in Wirklichkeit aber waren es nicht sie, die eroberten, sondern die erobert wurden. Die Massenseele hatte Bresche geschossen in den Elfenbeinturm, und die matten Persönlichkeiten der Denker kapitulierten; um vor sich selbst ihre Abdankung zu verbergen, nannten sie sie eine freiwillige Hingabe. In ihrem Bedürfnis, sich selbst zu überzeugen, fabrizierten ihre Philosophen und Ästheten eigene Theorien, die als Gesetz beweisen sollten, daß man sich dem allgewaltigen Leben hingeben sollte, statt es zu lenken oder auch nur bescheiden seinen eigenen braven Weg gelassen hinzugehen. Man trieb einen Kult damit, nicht mehr sein eigenes Ich zu sein, keine eigene Vernunft, keinen eigenen individuellen Willen mehr zu haben (die Freiheit galt diesen Demokratien als alte abgetane Sache), man prahlte damit, nur mehr ein Blutkügelchen in den Adern des blind dahinwirkenden Stromes zu sein — die einen sagten, des Stromes der Rasse, die andern, des Stromes des Instinkts oder des universellen Lebens. Und diese ansprechenden Theorien, aus denen die Geschickteren in der Kunst und Philosophie ihr Teil zu ziehen wußten, standen 1914 in schönster Blüte.
Sie hatten auch ganz das Herz des naiven Clerambault gewonnen. Nichts paßte besser zu seinem zärtlichen Herzen und zu seiner geistigen Unsicherheit, denn für den, der sich nicht selbst besitzt, ist es leicht, sich hinzugeben; den andern, dem All, der Vorsehung, dieser unbekannten und undefinierbaren Macht, lädt man die ganze Last auf, für einen zu denken und für einen zu wollen. Der große Strom zog vorbei, und die trägen Seelen, statt ihren Weg selbst am Ufer hinzuziehen, fanden es viel einfacher und viel berauschender, sich einfach von ihm tragen zu lassen... Wohin?... Darüber nachzudenken, mühte sich keiner ab. Schön im Warmen in ihrem Okzident, kamen sie niemals auf die Idee, daß die Zivilisation einmal alle ihre Errungenschaften auch verlieren könne. Der Gang des Fortschritts schien ihnen ebenso selbstverständlich wie die Umdrehung der Erde, denn diese Überzeugung erlaubte ihnen ja, ruhig zuzusehen und mit gekreuzten Armen alles geschehen zu lassen. Man gab sich dem Schicksal einfach hin, das unterdessen den Abgrund höhlte und sie unten erwartete.
Aber als guter Idealist sah Clerambault selten auf seine Füße. Das hinderte ihn zwar nicht, sich blindlings in die Politik zu mengen, wie es ja die Leidenschaft der Literaten zu jener Zeit war. Er gab gern seinen Senf dazu, wenn ihn Journalisten, die gerade ein paar Spalten brauchten, darum angingen, und ging ganz ernsthaft mit aufrichtigem Wichtigkeitsgefühl in ihre Netze. Im ganzen ein guter Dichter und guter Mensch, gescheit und zugleich ein wenig beschränkt, ein reines Herz und schwacher Charakter, der Bewunderung und dem Tadel sowie allen Einflüsterungen seines Milieus zugänglich, zwar unfähig zu irgendeinem häßlichen Gefühl des Neides und des Hasses, unfähig aber auch, es bei andern zu vermuten, kurzsichtig für das Böse, weitsichtig für das Gute im Chaos der menschlichen Gefühle, war er so recht der Typus eines Schriftstellers, der geschaffen ist, den Lesern zu gefallen, weil er ihre Fehler übersieht und ihre kleinen Tugenden verschönt. Denn selbst diejenigen, die nicht darauf hineinfallen, sind solchen Schriftstellern dankbar, denn man will das scheinen, was man nicht ist, und liebt die Welt von Augen gesehen, in denen das Mittelmäßige des Lebens schön wird.
Diese allgemeine Sympathie, die Clerambault beglückte, war nicht minder schön für die drei Menschen zu genießen, die in diesem Augenblick bei ihm weilten. Sie waren stolz auf ihn, als wäre er ihr Werk, denn was man bewundert, ist immer ein wenig so, als hätte man es selbst getan. Und wenn man dazu noch einem solchen Mann, einem so verehrten Wesen zugehört, von seinem eigenen Blute ist, dann unterscheidet man nicht mehr genau, inwieweit man von ihm stammt oder er von einem. Die beiden Kinder und die Frau Agénor Clerambaults betrachteten ihren großen Mann mit den zärtlichen und zufriedenen Augen des Besitzers, und er, der sie mit seinem glühenden Wort und seinem hohen Wuchs mit den ein wenig erhobenen Schultern überragte, ließ es ruhig geschehen. Er wußte, daß der Besitz Herr des Besitzers ist.
Clerambault endete seine Vorlesung mit einer Schillerschen Vision der nahenden brüderlichen Menschheitsfreude. Maxime, trotz seiner Ironie von Enthusiasmus hingerissen, brach in Beifall zu Ehren des Dichters aus und trommelte allein seinen begeisterten Applaus. Pauline erkundigte sich geräuschvoll, ob Agénor sich beim Sprechen nicht zu sehr erhitzt habe. Rosine, die einzig Schweigsame in der allgemeinen Erregung, legte heimlich die Lippen auf die Hand des Vaters.
Das Dienstmädchen brachte die Post und die Abendblätter. Keiner hatte Eile, sie zu lesen. Im Augenblick, da sie aus so strahlender Zukunftswelt traten, schienen ihnen die Nachrichten aus dem irdischen Tag nicht sehr eilig; dennoch löste Maxime die Schleife von dem großen bürgerlichen Tagesblatt, überlas mit einem Blick die vier gedrängten Seiten und rief, die letzten Nachrichten überfliegend: „Donnerwetter, es gibt Krieg!“
Keiner hörte auf ihn. Clerambault wiegte sich in den letzten Schwingungen seiner verflogenen Worte, Rosine war in stiller Begeisterung. Nur die Mutter, deren Denken auf nichts dauernd achtgeben konnte und wie eine Fliege nach allen Richtungen hinflatterte, um auf gut Glück etwas aufzulesen, hörte das letzte Wort und sagte erregt:
„Maxime, sag’ doch keine Dummheiten.“
Maxime protestierte und zeigte in der Zeitung die Kriegserklärung Österreichs an Serbien.
„An wen?“
„An Serbien.“
„Ach so“, atmete die gute Frau erleichtert auf, als ob sie sagen wollte: „Was da droben im Mond vorgeht...“
Aber Maxime gab nicht nach und bewies —doctus cum libro— daß im nächsten Augenblick dieser ferne Brand den Funken ins Pulverfaß werfen könnte. Clerambault, der langsam aus seinem angenehmen Mattigkeitsgefühl zu erwachen begann, erklärte sofort, daß nichts geschehen werde.
„Ein Bluff, so wie man schon Dutzende seit dreißig Jahren im Frühjahr und im Sommer gesehen hat... Eisenfresser, die mit dem Säbel klirren... Keiner glaubt an den Krieg, keiner will ihn... Ein Weltkrieg ist ja unmöglich, das ist heute genug bewiesen. Er ist nicht mehr als ein Schreckgespenst, und man sollte es endlich aus dem Gehirn der freien Demokratien austreiben.“
Und Clerambault verbreitete sich in ausführlichen Worten über das Thema...
Die Nacht war still, sanft und vertraulich. In den Feldern zirpten die Grillen, ein Glühwürmchen leuchtete im Gras, ferne donnerte leise ein Zug. Die Glyzinen dufteten, ein Springbrunnen tropfte murmelnd nieder, und vor dem mondlosen Himmel drehte sich der Scheinwerfer vom Eiffelturm.
Die beiden Frauen gingen in das Haus zurück. Maxime, müde vom langen Sitzen, lief im Garten mit seinem jungen Hunde um die Wette, durch die offenen Fenster hörte man, wie Rosine am Klavier mit zurückhaltendem Gefühl Schumann spielte. Clerambault, allein zurückgeblieben, langhingestreckt in seinen Strohsessel, atmete, voll Glück zu leben und Mensch zu sein, mit dankbarem Herzen die Güte dieser Sommernacht.
Sechs Tage später.
Clerambault hatte den Nachmittag im Walde verbracht. Wie der Mönch in der Legende konnte er, am Fuße einer Eiche hingelehnt, dem Vogelsang mit offenem Mund lauschend, ein Jahrhundert wie einen Tag hinrinnen lassen. Erst als es Abend wurde, entschloß er sich heimzukehren. Im Eingang trat Maxime, ein wenig blaß und gezwungen lächelnd, auf ihn zu und sagte:
„Papa, es geht los.“
Er erzählte ihm die letzten Neuigkeiten: Die russische Mobilisation, den Kriegszustand in Deutschland. Clerambault sah ihn an, ohne ihn zu verstehen. Seine Gedanken waren so weit weg von diesen traurigen Torheiten! Er versuchte, die Tatsachen abzustreiten, aber sie waren unwiderleglich. Alle setzten sich zu Tisch. Aber Clerambault konnte nichts essen.
Er suchte nach Vernunftgründen, um die Folgen dieser beiden verbrecherischen Handlungen zu entwerten: das richtige Gefühl der öffentlichen Meinung, die guten Absichten der Regierungen, die so oft wiederholte Ankündigung der sozialistischen Partei, die entschlossenen Worte Jaurès’. Maxime ließ ihn ruhig reden, seine Gedanken waren ganz wo anders: wie sein junger Hund mit gespitztem Ohr horchte er hinaus auf jede Regung der Nacht... Und es war eine so reine, eine so zärtliche Nacht. Alle, die diese letzten Abende im Juli 1914 und jenen noch schöneren des 1. August erlebt haben, bewahren in ihrer Erinnerung den wunderbaren Glanz der Natur, die mit ihren zärtlichen Armen und einem schönen Lächeln des Mitleids die unselige Menschheit umfing, die damals schon bereit war, sich gegenseitig zu zerreißen.
Es war schon fast zehn Uhr. Clerambault hatte aufgehört zu sprechen. Sie schwiegen alle mit schwerem Herzen, irgendwie beschäftigt oder bemüht es zu scheinen, die Frauen mit einer Handarbeit, Clerambault mit einem Buche, das er aber nur mit den Augen überflog. Maxime war auf die Terasse getreten und rauchte. An die Rampe gelehnt, sah er auf den schlafenden Garten und die magische Welle von Mondlicht im Dunkel der Alleen.
Das Läuten des Telephons ließ sie alle aufschrecken. Man verlangte Clerambault. Er ging mit schweren Schritten, bedrückt und zerstreut, zum Apparat. Anfangs verstand er nicht.
„Wer spricht?... Ach, Sie sind’s, lieber Freund?...“ (Ein Pariser Kollege telephonierte ihm aus der Redaktion seines Blattes.)
Clerambault verstand noch immer nicht:
„Ich verstehe nicht... Jaurès?... wirklich Jaurès?... O mein Gott...!“
Maxime, der, von einer geheimen Ahnung getrieben, von fern dem Gespräche zuhörte, stürzte an den Apparat, um das Hörrohr aus der Hand des Vaters zu nehmen, das Clerambault mit einer verzweifelten Geste hatte sinken lassen.
„Hallo! Hallo!... Was sagen Sie? Jaurès ermordet...!“
Ausrufe der Trauer und des Zornes antworteten sich durch den Draht. Maxime ließ sich die Details sagen, die er mit geknickter Stimme den Seinen wiederholte. Rosine hatte Clerambault an den Tisch zurückgeführt. Wie zerbrochen setzte er sich hin. Der Schatten eines ungeheuren Unglücks lastete wie das antike Schicksal über dem Hause. Es war nicht nur der Freund, dessen Hingang das Herz bedrängte — sein gutes, heiteres Antlitz, seine herzliche Hand, die Stimme, die alles Trübe hinwegfegte... es war Trauer auch um die letzte Hoffnung der bedrohten Völker, um den einzigen Mann, der (sie glaubten es wenigstens mit kindlichem und rührendem Vertrauen) den drohenden Sturm hätte beschwichtigen können. Nun, da er gefallen war, stürzte, gleichsam als ob Atlas der Träger hingesunken wäre, der Himmel ein.
Maxime lief an den Bahnhof. Er wollte Neuigkeiten von Paris holen und versprach, noch in der Nacht zurück zu sein. Clerambault blieb im einsamen Haus zurück, aus dem man von fern die große Lichtausstrahlung der Stadt sehen konnte. Er hatte sich nicht von dem Sessel gerührt, in den er in einem Zustand von Starre gesunken war. Die Katastrophe war unterwegs, jetzt gab es keinen Zweifel mehr, sie war schon da. Seine Frau versuchte ihn zu veranlassen, schlafen zu gehen, er wollte nichts davon hören. Seine Lebensidee war in Trümmer, nichts Festes, nichts Sicheres konnte er mehr unterscheiden, keine Ordnung machen, keinem Gedanken folgen. Sein inneres Haus war eingestürzt, und inmitten des Staubes, der sich aus dem Schutt erhob, vermochte er nicht zu erkennen, was noch aufrechtgeblieben, und es schien ihm: nichts! Ungeheuerliche Massen von Leiden — das war alles. Und Clerambault betrachtete sie mit stumpfem Blick, ohne die Tränen zu fühlen, die über seine Wangen herabrollten.
Maxime kam nicht zurück. Die Aufregung von Paris hatte ihn gepackt. Um ein Uhr nachts kam Frau Clerambault, die sich schon schlafen gelegt hatte, ihren Mann holen, und es gelang ihr, ihn in ihr gemeinsames Schlafzimmer zu führen. Er legte sich sofort zu Bett. Aber kaum, daß Pauline eingeschlafen war (die Unruhe hatte sie müde gemacht), stand er wieder vom Bette auf und kehrte in das Nachbarzimmer zurück. Er stöhnte, er seufzte, seine Qual war so drückend und dicht, daß sie ihm keinen Raum zum Atmen ließ. Mit dem prophetisch überreizten Gefühl des Künstlers, der oft deutlicher das Kommende als das Gegenwärtige sieht, umfing er alles, was geschehen würde, mit erschreckten Blicken und gekreuzigtem Herzen. Dieser unvermeidliche Krieg zwischen den größten Völkern der Welt schien ihm der Bankbruch der Zivilisation, Vernichtung seiner heiligsten Hoffnung auf die menschliche Brüderlichkeit. Mit Entsetzen erfüllte ihn die Vision dieser tollen Menschlichkeit, die ihre kostbarsten Schätze, ihre Kräfte, ihr Genie, ihre höchsten Werte dem bestialischen Götzen des Krieges hinopferte. Ein moralisches Sterben war es für ihn, eine schmerzhafte Gemeinschaft mit den Millionen Unglücklicher. Wozu also, wozu die Mühe von Jahrhunderten! Die Leere erdrückte ihm das Herz. Er fühlte, daß er nicht mehr leben könne, wenn sein Glauben an die menschliche Vernunft und die gegenseitige Liebe zerstört würde, wenn er zugeben müßte, daß sein Credo des Lebens und der Kunst, daß all sein Hoffen ein Irrtum und die wahre Lösung des Welträtsels ein dumpfer Pessimismus sei, und er fühlte sich zu schwach, zu feige, dieser Wahrheit in das Gesicht zu sehen. Voller Grauen wendete er die Augen ab. Aber das Ungetüm war da und fauchte ihm ins Gesicht. Und Clerambault betete — er wußte nicht zu wem, und nicht, um was — daß es nicht geschehen möge, daß es nicht wahr sei. Alles lieber als eine solche Wahrheit! Doch die mörderische Wirklichkeit stand hinter der Tür, die sich auftat. Clerambault kämpfte die ganze Nacht, um ihr den Eingang zu sperren...
Am Morgen aber begann allmählich irgendein Urinstinkt in ihm zu keimen, der aus einer unbekannten Tiefe kam und die Verzweiflung abzulenken suchte in das dumpfe Verlangen, eine genaue und sichere Ursache für dieses Unglück zu finden, sie in irgendeinem Menschen oder einer Gruppe von Menschen festzustellen und dann auf diese den ganzen Zorn über das Unglück der Menschheit zu entladen... Nur ein kurzes Aufflammen war es, aber dennoch schon erste ferne Ausstrahlung einer fremden, dunkeln, gewalttätigen und finsteren Seele, die in ihn eindringen wollte — der Massenseele...
Sie nahm deutlichere Formen mit der Ankunft Maximes an, der von ihrem Dunst durchdrungen war, den er in der Nacht in den Straßen von Paris eingesogen. Alle Falten seiner Kleider, jedes Haar seines Körpers war davon durchdrungen. Überreizt, exaltiert, wollte er sich nicht niedersetzen, er dachte nur daran schon abzureisen. Heute würde ja das Mobilisationsdekret erscheinen. Der Krieg war sicher, er war notwendig. Er war eine Wohltat. Man mußte einmal Schluß machen. Die Zukunft der Menschheit stand auf dem Spiel, die Freiheit der ganzen Welt war bedroht. Sie hatten die Ermordung Jaurès ausgedacht, um das überfallene Vaterland uneinig zu machen und zu revolutionieren, aber die ganze Nation stand wie ein Mann hinter den Führern. Die herrlichen Tage der großen Revolution würden sich erneuern... Clerambault widersprach keiner Behauptung, kaum, daß er sagte:
„Meinst du? Bist du wirklich sicher?“
Aber es war gleichsam eine geheime Bitte, Maxime möchte ja sagen und noch mehr sagen. Die neuen Nachrichten vermehrten das Chaos noch und trieben es zum Äußersten. Aber gleichzeitig begannen sich die verstörten Geisteskräfte auf einen bestimmten Punkt hin zu ordnen. Es war wie das erste Bellen des Hundes, auf das hin sich die Herde zusammenrottet.
Clerambault hatte nur mehr ein Verlangen: sich der Herde anzuschließen, sich zu reiben an den Menschenwesen, seinen Brüdern, so wie sie zu fühlen, so wie sie zu handeln. Obwohl er vom vorigen Abend noch erschöpft war, ging er trotz des Protestes seiner Frau mit Maxime fort, um den Zug nach Paris zu nehmen. Sie mußten lange am Bahnhof, lange im Zuge warten. Die Geleise waren verstellt und die Waggons überfüllt. In der allgemeinen Erregung fanden die Clerambaults eine gewisse Entlastung. Er fragte, er hörte zu: Alle verbrüderten sich, und alle, ohne zu wissen, was sie dachten, wußten, daß sie dasselbe dachten: daß dasselbe Rätsel, dieselbe Qual sie bedrohte. Aber man war nicht mehr allein, um ihrer Herr zu werden oder ihr zu unterliegen, und das beruhigte, das erleichterte ein wenig. Sie fühlten alle die gegenseitige Wärme. Es gab keinen Unterschied der Klassen mehr, keine Bürger und Arbeiter, man sah nicht auf die Kleider und Hände, man sah sich nur in die Augen, wo dieselbe Flamme des Lebens leuchtete, wo derselbe Schauer des Todes schattete. Und alle diese armen Leute waren so sichtlich den Ursachen der Katastrophe fremd, daß das Gefühl ihrer Unschuld sie ganz einfältig zwang, den Schuldigen anderswo zu suchen. Auch das war eine Wohltat, eine Erleichterung für ihr Gewissen.
Als Clerambault in Paris ankam, atmete er leichter; statt der Todesqual der vergangenen Nacht fühlte er eine stoische und männliche Melancholie.
Aber er stand erst vor der ersten Stufe.
Das Dekret der allgemeinen Einrückung war soeben an die Türen der Gemeindehäuser angeschlagen worden. Schweigend lasen es die Leute, lasen es noch einmal und gingen, ohne ein Wort zu sagen, weiter. Nach der angstvollen Erwartung der vorhergehenden Tage, in denen sich die Menge um die Zeitungskioske drängte, die Leute auf den Steinen saßen, um die Stunde der Zeitungsausgabe zu erwarten, um sich, wenn die Blätter endlich ankamen, auf sie zu stürzen, war dies endlich Gewißheit, und sie bedeutete eine Entspannung. Das ungewisse Unheil, das man kommen fühlt, ohne zu wissen, wann und woher, regt auf. Aber sobald es einmal da ist, atmet man freier, sieht ihm ins Antlitz und streift sich die Hemdärmel auf zum Kampf. Es gab einige Stunden mächtiger Sammlung, Paris hatte wieder seinen Atem und rüstete seine Fäuste. Und dann: alles, was die einzelnen Seelen zum Ersticken schwellte, stieß jetzt ins Freie. Die Häuser leerten sich, und in den Straßen flutete ein Menschenstrom, dessen Tropfen sich suchten, um sich zu vereinigen.
Clerambault stürzte mitten hinein und wurde aufgetrunken mit einem einzigen Schluck, kaum daß er aus dem Bahnhof getreten war und den Fuß auf das Pflaster gesetzt hatte, ohne daß irgendein Wort fiel, ohne Geste, ohne Zufall. Die ernste Begeisterung des Stromes rauschte auch in ihm. Noch war dies große Volk frei von Gewalttätigkeit. Es wußte sich (oder glaubte sich) unschuldig, seine Millionen Herzen glühten in dieser ersten Stunde, wo der Krieg noch jungfräulich war, von Ernst und heiligem Enthusiasmus. In diese ruhige und stolze Trunkenheit mengte sich das Gefühl des erlittenen Unrechts, der berechtigte Stolz auf die eigene Kraft, auf die Opfer, zu denen es bereit war, mengte sich das Mitleid mit sich selbst, das Mitleid mit den anderen, die ein Stück seiner selbst geworden waren. Brüder, Kinder, Geliebte, alle waren sie aneinander, Leib an Leib, gepreßt, zusammengepreßt durch die übermenschliche Umklammerung, und sie fühlten das Bewußtsein des Riesenkörpers, der ihre Einheit bildete, und die Erscheinung des Phantoms über ihren Häuptern, das der Sinn dieser Einheit war — das Vaterland. Halb Tier, halb Gott, wie die ägyptische Sphinx oder der assyrische Stier — aber in jenem Augenblicke sah jeder nur seine leuchtenden Augen, seine Pranken waren verborgen. Es war das göttliche Untier, in dem jeder Lebendige sich vervielfältigt fand, die mörderische Unsterblichkeit, denn die, die sterben sollten, glaubten, daß sie in ihr weiter leben würden, ein anderes, gesteigertes, von Ruhm umwölktes Leben. Seine unsichtbare Gegenwart strömte in der Luft wie Wein, und jeder brachte in die Kufe der großen Weinlese seinen Korb, seine Frucht, seine Rebe, seine Ideen, seine Leidenschaften, seine Hingabe, seinen Vorteil. Es gab wohl viel widerliches Gewürm in den Trauben, viel Schmutz unter den Winzerschuhen, die sie traten, aber der Wein glühte wie Rubin und ließ das Herz erglühen. Clerambault trank davon bis zum Übermaß.
In Wirklichkeit wurde er davon nicht verwandelt, seine Seele nicht verändert. Sie vergaß sich nur. Kaum, daß er mit sich allein war, fand er sie wieder zurück, stöhnend unter ihrer Qual wie von einer Wunde. Darum ließ ihn auch sein Instinkt das Alleinsein fliehen. Er versteifte sich darauf, nicht nach Saint-Prix zurückzukehren, wo die Familie sonst gewöhnlich die Sommermonate verbrachte, sondern schlug seine Wohnung wieder in Paris auf, im fünften Stock der Rue d’Assas. Er wollte nicht einmal eine Woche warten, nicht einmal zurückkehren und bei der Übersiedlung helfen, so sehr brauchte er diese tierische Wärme, die von Paris aufstieg und die bis in seine Fenster hinein drang. Jede Gelegenheit war ihm willkommen, um sich in den warmen Strom hineinzustürzen, auf die Straße hinabzusteigen, sich den Gruppen anzuschließen, den Manifestationen zu folgen und sich auf gut Glück alle Zeitungen zu kaufen, die er sonst in gewöhnlichen Zeiten verachtet hatte. Wenn er dann zurückkam, spürte er sich immer mehr entpersönlicht, mehr unempfindlich geworden für alles, was in seiner wahren Tiefe vorging, entwöhnt seinem eigenen Gewissen, fremd seinem inneren Haus — seinem Ich. Und deshalb fühlte er sich auf der Gasse wohler als daheim.
Frau Clerambault war mit ihrer Tochter nach Paris zurückgekehrt. Gleich am ersten Abend nach ihrer Ankunft nahm Clerambault Rosine auf die Boulevards mit.
Die feierliche Glut der ersten Tage war vorbei. Der Krieg hatte begonnen, die Wahrheit war geknebelt, und die große Lügnerin, die Presse, schüttete auf die Nationen, die mit offenem Maul zu ihr aufstarrten, mit vollem Schwung den Alkohol kurzlebiger Siege und vergifteter Berichte. Paris war beflaggt wie für einen Festtag. Vom Dach bis zur Schwelle standen die Häuser mit den drei Farben geschmückt, in den Arbeiterstraßen trug jedes Mansardenfenster ein kleines Fähnchen für einen Sou wie eine Blume am Hut.
An der Ecke Faubourg Montmartre begegneten sie einem seltsamen Zug. Vorne marschierte ein großgewachsener Greis mit weißem Bart, ein Banner in der Hand. Er ging mit großen, geschmeidigen und rhythmisch abgehackten Schritten, als ob er springen oder tanzen wollte. Seine Rockschöße schlugen hin und her im Wind. Hinter ihm marschierte eine kompakte, unbestimmbare, brüllende Masse, Arbeiter und Bürger, Arm in Arm, ein Mädel wurde hoch auf den Schultern getragen, ein roter Dirnenschopf zwischen der Mütze eines Chauffeurs und dem Käppi eines Soldaten. Alle gingen sie, die Brust herausgestemmt, das Kinn gehoben, den Mund weit aufgerissen, schwarze Löcher, aus denen die Marseillaise dröhnte. Rechts und links flankierten verdächtige Gesichter vom Bürgersteig den Zug, bereit, jeden Vorübergehenden zu insultieren, der zerstreut die Fahne zu grüßen vergessen hatte. Rosine sah mit Entsetzen, wie ihr Vater barhaupt und singend sich dem Zuge anschloß; lachend und laut sprechend zog er seine junge Tochter am Arme mit sich, ohne den Druck der erschreckten Hand zu spüren, die ihn vergebens zurückzuziehen versuchte.
Heimgekehrt, blieb Clerambault gesprächig und aufgeregt. Er sprach ganze Stunden hindurch. Die beiden Frauen hörten ihm geduldig zu. Frau Clerambault gab wie gewöhnlich nicht recht acht und sagte zu allem ja. Rosine hörte zu, aber sie sagte kein Wort; nur heimlich warf sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihren Vater, und dieser Blick war wie ein tiefer Weiher, der langsam gefriert.
Clerambault begeisterte sich immer mehr. Im tiefsten Grunde war er noch gar nicht begeistert, aber er mühte sich mit leidenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, es zu werden. Es blieb ihm aber immer noch genug Hellsichtigkeit übrig, um manchmal über die Fortschritte seiner Begeisterung zu erschrecken. Der Künstler ist durch seine Sensibilität mehr als ein anderer allen von außen kommenden Erregungen preisgegeben, aber er hat auch, um ihnen zu widerstehen, Gegenkräfte, die jenen anderen fehlen. Selbst der Unbesonnenste unter ihnen, selbst jener, der sich seinem lyrischen Aufschwung ganz hingibt, besitzt mehr oder minder eine Fähigkeit der Einsicht, von der Gebrauch zu machen ihm selbst anheimgegeben bleibt. Verzichtet er darauf, so ist es Mangel an Willen und nicht an Kraft: dann hat er Angst, sich von zu nahe zu sehen, ein Bild zu finden, das ihm vielleicht nicht schmeichelhaft erschiene. Menschen aber, die wie Clerambault statt psychologischer Begabung nur die Fähigkeit der Aufrichtigkeit haben, waren hinlänglich geschützt, um ihre Ekstasen überwachen zu können.
Eines Tages, als er allein spazieren ging, sah er auf der anderen Seite der Straße einen Zusammenlauf. Menschen drängten sich um eine Kaffeehausterrasse. Vollkommen ruhig ging er über die Gasse hinüber; auf dem anderen Trottoir kam er in ein wildes Getümmel, das rings um einen unsichtbaren Punkt wogte. Er hatte einige Mühe, sich in den Wirbel hineinzudrängen. Aber kaum daß er innerhalb dieses Mühlrades war, so wurde er selbst ein Teil seiner kreisenden Felge; noch vollkommen bewußt, bemerkte er, daß seine Vernunft sich mit ihm zu drehen beginne. Inmitten des wirbelnden Kreises sah er einen Mann, der sich verteidigte, und ehe er noch den Grund des Wutausbruches der Menge kannte, fühlte er selbst schon diese Wut. Er wußte nicht, ob es sich um einen Spion handelte oder um einen unvorsichtigen Schwätzer, der die Volksleidenschaft aufgeregt hatte. Aber man schrie rings um ihn her, und er merkte, daß... ja, daß er selbst, Clerambault, plötzlich schrie:
„Schlagt ihn nieder!“
Ein Rückstrom der Menge stieß ihn vom Trottoir zurück, ein Wagen drängte ihn einen Augenblick von dem Knäuel, und als er den Weg wieder frei fand, entfernte sich schon die Meute mit ihrem Opfer. Clerambault sah ihnen nach und hörte noch den Ton seiner eigenen Stimme. Er kehrte um und ging heim. Aber er war nicht sehr stolz auf sich...
Von diesem Tage an ging er seltener aus. Er mißtraute sich. In seinem Zimmer aber fuhr er fort, diese Trunkenheit bewußt zu nähren. An seinem Arbeitstisch glaubte er sich in Sicherheit. Doch er kannte noch nicht die Ansteckungsgefahr dieser Seuche; sie gleitet durch die Fenster, durch die Türritzen, durch das bedruckte Papier, durch die Luft, durch die Gedanken. Die Feinfühlendsten spüren sie schon, bevor sie etwas gesehen oder gelesen haben, kaum daß sie die Stadt betreten, andere wieder brauchen sie bloß einmal im Vorübergehen gestreift zu haben: die Ansteckung wirkt dann schon selbsttätig auch in der Isolierung fort. Clerambault, obwohl von der Masse entfernt, war doch von ihr angesteckt worden, und schon kündigte sich die Krankheit durch ihre gewöhnlichen ersten Symptome an. Dieser mitfühlende und zärtliche Mensch haßte, haßte aus Liebe. Im geheimen versuchte seine nicht sehr originelle, aber glühende und aufrichtige Vernunft sich selbst zu betrügen, ihre Haßinstinkte durch Gründe zu rechtfertigen, die dazu in gar keiner Beziehung, ja sogar im Gegensatz standen. Er mußte sich die Ungerechtigkeit und die leidenschaftliche Lüge erst beibringen. Er versuchte sich zu überreden, daß er die Tatsache des Krieges hinnehmen, ja sogar mitmachen dürfe, ohne darum seine Friedensliebe von gestern, seinen Menschenkult von vorgestern und seinen ewigen Optimismus zu verleugnen. Ganz einfach war dies zwar nicht, aber es gibt ja nichts, was die Vernunft nicht irgendwie sich vorzureden vermöchte. Fühlt jemand die zwingende Notwendigkeit, für einige Zeit moralische Grundsätze, die ihm lästig sind, von sich abzutun, so findet die Vernunft, sein getreuer Knecht, zu diesen Grundsätzen schon immer die Ausnahmen, die die Regel bestätigen und sie doch durchbrechen. So begann Clerambault sich eine Weltanschauung, ein absurdes, paradoxes Ideal zu fabrizieren, das die Widersprüche irgendwie auflöste, indem er sich sagte: „Der Krieg gegen den Krieg, der Krieg für den Frieden, für den ewigen Frieden.“
Eine große Hilfe war ihm innerlich die Begeisterung seines Sohnes. Maxime hatte sich sofort gemeldet. Eine Welle heroischer Freude riß seine Generation hin. Zu lange hatte sie schon — sie wagte schon gar nicht mehr zu hoffen — gewartet auf irgendeine Gelegenheit zur Tat und zur Aufopferung.
Die älteren Männer, die sich niemals Mühe gegeben hatten, diese Generation zu verstehen, waren von ihrer Haltung begeistert. Sie erinnerten sich ihrer eigenen mittelmäßigen und verpfuschten Jugend, die nur erfüllt war von kleinlichem Ehrgeiz, beschränkten Ambitionen und schalen Genüssen. Da sie sich selbst in ihren Kindern nicht erkannten, schrieben sie dem Kriege das Aufblühen all dieser Tugenden zu, die seit zwanzig Jahren doch schon neben ihrer Gleichgültigkeit aufwuchsen und die dieser Krieg nun niedermähen sollte. Selbst neben einem so großzügigen Vater wie Clerambault war Maxime immer verdunkelt gewesen. Clerambault war zu beschäftigt, sein überströmendes und verwirrtes Ich zu verbreiten, um die Menschen, die er liebte, wirklich gut erkennen und ihnen helfen zu können. Er brachte ihnen den heißen Niederschlag seiner Ideen, aber er verstellte ihnen das Licht.
Diese jungen Menschen aber, gedrängt von ihrer eigenen Kraft, suchten vergebens eine Betätigung und fanden sie nicht in der Linie des Ideals selbst ihrer besten Väter und Vorgänger. Die Menschlichkeitsträumerei eines Clerambault war für sie zu unbestimmbar, zu wenig greifbar, denn sie begnügte sich mit angenehmen Hoffnungen ohne Gefahr und ohne Kraft, wie sie ja einzig aus der Lässigkeit einer Generation entstehen konnte, die im geschwätzigen Frieden der Parlamente und Akademien hingealtert war. Die Gefahren der Zukunft boten jenen höchstens rednerische Themen, aber nie suchten sie ernstlich ihnen entgegenzutreten und noch weniger die eigene Haltung im voraus festzulegen für den Tag, da das Verhängnis wirklich einbrechen sollte. Diese Generation hatte nicht die Kraft, zwischen den entgegengesetzten Idealen der Betätigung innerlich zu entscheiden. Man war gleichzeitig Patriot und international, man baute gleichzeitig in Gedanken den Weltfrieden und in Wirklichkeit Überdreadnoughts. Alles wollte diese Generation verstehen, mit allem verbunden sein, alles lieben. Nun mochte ja dieser verwässerte Whitmanismus ästhetisch seinen Wert haben, aber seine praktische Unentschlossenheit bot den jungen Leuten am Wegkreuz der Entscheidung keine bestimmte Richtung. Sie stapften immer auf derselben Stelle herum, erregt von der ungewissen Erwartung und der Sinnlosigkeit ihrer hinrinnenden Tage...
Der Krieg machte dieser Unentschlossenheit ein Ende. Sie jubelten ihm zu, denn er traf die Entscheidung für sie. Blindlings folgten sie ihm nach. In den Tod gehen, gut; aber nur überhaupt gehen, denn gehen heißt leben. Die Bataillone zogen singend auf den Kriegsschauplatz, bebend vor Ungeduld, Blumen auf den Mützen, die Gewehre umwunden mit Grün. Die Zurückgestellten boten sich freiwillig an, Knaben drängten sich zum Dienst, und ihre eigenen Mütter stießen sie dazu. Man hätte glauben können, es sei eine Abreise zu den olympischen Spielen.
Auf der anderen Seite des Rheins war die Jugend die gleiche. Hier wie dort begleiteten sie ihre Götter: Vaterland, Gerechtigkeit, Freiheit, Fortschritt, die paradiesischen Träume einer erneuerten Welt, jene ganze Phantasmagorie mystischer Ideen, mit denen sich die Leidenschaften junger Menschen immer umhüllen. Keiner von ihnen zweifelte daran, daß ihre Sache die einzig gerechte sei. Mochten andere darüber streiten, sie waren sich selbst lebendiger Beweis; denn wer sein Leben hingibt, braucht kein anderes Argument.
Aber auch die alten Männer, die zurückgeblieben waren, meinten, ihr Denken ausnützen zu müssen. Freilich nicht, um die Wahrheit zu ergründen, sondern um den Sieg zu sichern. In den Kriegen von heute, die ganze Völker mitreißen, ist auch der Gedanke dienstpflichtig geworden. Er tötet ebenso wie die Kanonen, er tötet die Seele, er tötet über Land und Meere hin, über Zeit und Jahrhunderte: er ist gewissermaßen die schwere Artillerie, die auf weite Distanzen hin arbeitet. Selbstverständlich richtete auch Clerambault seine Geschütze. Für ihn war es längst nicht mehr wichtig, klar zu sehen, weit zu sehen, den ganzen Horizont zu umfassen, sondern einzig: den Feind zu treffen. Er war vom Wahn befangen, seinem Sohn im Kampfe beistehen zu müssen.
Mit einer unbewußten und fieberhaften bösen Absicht, die im letzten aus einem zärtlichen Gefühl stammte, suchte Clerambault in allem, was er sah, hörte oder las, Argumente, um seinen festen Entschluß, an die Heiligkeit der nationalen Sache zu glauben, noch stärker und stählerner zu machen. Er suchte alles zusammen, was beweisen konnte, daß allein der Feind den Krieg gewollt hätte und Feind des Friedens war, daß demnach den Feind zu bekriegen gleichbedeutend mit dem Wunsch nach Frieden sei. Die Beweise dafür fehlten ihm nicht. Sie fehlen ja niemals. Man muß nur die Augen immer an rechter Stelle zu öffnen und immer an rechter Stelle zu schließen wissen, dann sieht man alles, was man sehen will. — Aber dennoch: Clerambault war im letzten Grunde nicht ganz befriedigt. Nur fand das geheime Unbehagen seines im tiefsten rechtlichen Gewissens an allen diesen halben Wahrheiten und Wahrheiten mit Lügenschwänzen keinen andern Ausweg als in einer immer leidenschaftlicheren Erregung gegen den Feind. Gleichzeitig aber — so wie von den beiden Eimern eines Brunnens der eine steigt, wenn der andere hinabgeht — wuchs auch sein patriotischer Enthusiasmus, der schließlich in einer wohltätigen Trunkenheit seine letzten moralischen Bedenken wegschwemmte.
Von nun an war er in beständiger Jagd auf neue Fakten in den Zeitungen, die ihm seine neuen Thesen bekräftigen könnten. Obwohl er doch eigentlich genau wußte, wie unzuverlässig die Wahrhaftigkeit dieser Zeitungen war, so bezweifelte er doch nie irgendeine Behauptung, sobald sie seiner gierigen und unruhigen Leidenschaft als Argument dienen konnte. Dem Feind gegenüber hatte er das Prinzip angenommen: „Das Schlechte ist eben das Rechte.“ In gewissem Sinne wurde er Deutschland geradezu dankbar, wenn es ihm durch Akte der Grausamkeit und wiederholte Verstöße gegen das Völkerrecht eine offenkundige Bestätigung für die Behauptungen gab, die er auf jeden Fall schon im voraus ausgesprochen hatte.
Und Deutschland kam ihm darin wirklich zu Hilfe. Noch nie hatte ein Staat im Kriege es eiliger gehabt, die Meinung der ganzen Welt gegen sich zu entfesseln. Diese blutübervolle Nation, die an ihrer Kraft erstickte, hatte sich in einem Delirium von Stolz, Zorn und Furcht auf den Gegner gestürzt, die Bestie im Menschen, kaum losgelassen, zog gleich mit den ersten Schritten einen Kreis methodischen Schreckens um sich. Alle Brutalität des Instinkts und des Glaubens war bewußt von jenen aufgestachelt worden, die das Volk am Zügel hielten, von seinen Führern, seinem Generalstab, den einberufenen Professoren und Militärgeistlichen. Krieg war und wird immer eins mit dem Verbrechen sein. Aber Deutschland organisierte es, so wie alles, es erhob den Totschlag und das Niederbrennen zum Kriegsgesetz. Ein zorniger Mystizismus aus Bismarck, Nietzsche und der Bibel gemengt, goß sein Öl ins Feuer, der Übermensch und Christus wurden mobilisiert, um die Welt zu vernichten und zu erneuern. — Die Erneuerung begann in Belgien, und in tausend Jahren wird man noch davon sprechen. Die entsetzte Welt erlebte das höllische Schauspiel, wie die alte, mehr als zweitausendjährige Zivilisation Europas unter den brutalen und berechneten Schlägen der großen Nation hinbrach, die eine ihrer Führerinnen war — Deutschlands, das so reich an Intelligenz, Wissenschaft und geistiger Macht gewesen und das in fünfzehn Kriegstagen sich dienstfertig erniedrigt hatte. Aber was die Organisatoren der deutschen Tollheit nicht voraussahen, war, daß sie, so wie Cholera von einer Armee zur andern, nun ins andere Lager übergehen und, in den Feindesländern einmal heimisch, nicht mehr zu entfernen sein würde, ehe nicht ganz Europa davon angesteckt und für Jahrhunderte unbewohnbar geworden war. Für alle Tollheiten und Gewalttätigkeiten dieses erbitterten Krieges gab Deutschland das Beispiel, sein kräftiger, besser genährter Körper bot der Epidemie ein weiteres Wirkungsfeld, und sie wütete furchtbar; und als das Gift sich in Deutschland abzuschwächen begann, war es schon in die anderen Nationen in Form eines langsamen und zähen Fiebers eingedrungen, das von Woche zu Woche tiefer wühlte und bis in die Knochen hineinsickerte.
Den unsinnigen Reden der deutschen Denker antworteten unverzüglich die Übertreibungen der Schwätzer in Paris und überall. Wie homerische Helden waren sie, mit der einzigen Ausnahme, daß sie nicht kämpften, aber sie schrien dafür um so mehr. Man beschimpfte nicht nur den Gegner, sondern auch seinen Vater, seinen Großvater, den ganzen Ursprung, ja man leugnete sogar gegenseitig die vergangene Leistung. Der erbärmlichste Akademiker arbeitete wie ein Verzweifelter, um den Ruhm großer Menschen, die längst im Grabesfrieden schlummerten, zu beschmutzen und zu beschimpfen.
Clerambault hörte, hörte alles und trank es in sich ein... Und doch gehörte er zu den wenigen französischen Dichtern, die vor dem Kriege europäische Verbindungen gehabt und dessen Werke Sympathien in Deutschland gefunden hatten. Als rechtes, altes, verwöhntes französisches Kind, das sich ja nie die Mühe gibt, die anderen aufzusuchen, allzu gewiß, daß man zu ihm kommen würde, sprach er keine andere Sprache. Aber wenigstens nahm er die Fremden gut auf, wenn sie vom Auslande zu ihm kamen, sein Geist war frei von allen nationalen Vorurteilen, und die innere Intuition ersetzte genug die Lücken seiner Bildung, daß er hingebungsvoll ausländische große Geister bewundern konnte. Jetzt freilich, seit man ihn gelehrt hatte, daß man allem mißtrauen müsse („Schweig’, sei immer vorsichtig!“), seit er hörte, daß Kant nur eine Vorstufe für Krupp gewesen, wagte er nicht mehr ohne offizielle staatliche Garantie irgendetwas zu bewundern. Die sympathische Bescheidenheit, die ihn zur Friedenszeit wie einem Wort des Evangeliums allem vertrauen ließ, was gelehrte und geachtete Männer öffentlich mitteilten, nahm jetzt in der Kriegszeit die Formen einer unbegrenzten Leichtgläubigkeit an. Er verschlang, ohne mit den Augenwimpern zu zucken, die erstaunlichen Zeitungsentdeckungen der Intellektuellen seines Landes, die jetzt die Kunst, die Wissenschaft, den Geist und die Seele des andern Landes durch Jahrhunderte zurück durchwühlten und zu Boden stampften — die ganze Arbeit rasender Böswilligkeit, die dem Feind jede Größe absprach, in seinen erhabensten Erscheinungen nur Beweise seiner gegenwärtigen Infamie finden wollte, falls es ihm nicht überhaupt diese berühmten Männer wegnahm und sie irgendeiner anderen Nation zuwies.
Clerambault aber war davon ganz überwältigt, außer sich, und (freilich, dies gestand er sich nicht ein) im tiefsten Herzen jubelte er.
Um für seine Begeisterung einen Gefährten zu finden und sie mit neuen Argumenten zu nähren, beschloß Clerambault, seinen Freund Perrotin aufzusuchen.
Hippolyte Perrotin war eine jener Figuren, wie sie heute selten geworden sind und die einen Ruhmestitel der französischen Hochschule bildeten, einer jener großen Humanisten, deren weitblickendes und scharfes Wissensbedürfnis mit ruhigem Schritt den Garten der Jahrhunderte prüfend und klassierend, auslesend und pflückend durchwandert. Zu sehr beobachtende Natur, als daß ihm irgend etwas der Gegenwart entgangen wäre — die ihn eigentlich am wenigsten interessierte — wußte er jedem ihrer Geschehnisse seinen Rang im Gesamtbild zuzuweisen. Was anderen als das Wichtigste galt, war es keineswegs für ihn, und die politischen Bewegungen dünkten ihm Blattläuse auf einem großen Blatt. Da er aber nicht Gärtner, sondern nur wissenschaftlicher Beobachter war, glaubte er sich nicht verpflichtet, die Rosenblätter zu reinigen: einzig sie mit allen ihren Parasiten zu betrachten, war für ihn Gegenstand einer dauernden Entzückung. Er hatte den feinsten Sinn für literarische Schönheit und geistige Vollkommenheit, und seine Wissenschaft, weit entfernt, ihn dabei zu stören, belebte nur diese Neigung dadurch, daß sie seinen Gedanken ein festes und begrenztes Feld lebensvoller Vergleiche und Proben bot. Er gehörte zu jener französischen Tradition von Gelehrten, die gleichzeitig meisterliche Stilisten waren, jener Tradition, die von Buffon bis zu Renan und Gaston Paris reichte. Mitglied der Akademie und von zwei oder drei anderen Gesellschaften, hatte er durch die Weite seiner Kenntnisse über die bloßen Literaten und über seine wissenschaftlichen Kollegen nicht nur die Überlegenheit eines sichern und klassischen Geschmacks, sondern auch eines freieren und dem Neuen aufgetanen Geistes. Er dünkte sich nicht wie die meisten von ihnen, sobald sie über die Schwelle der heiligen Kuppelhalle getreten waren, schon aller Verpflichtung, weiter zu lernen, ledig: mitten in seiner gereiften Meisterschaft fühlte er sich noch immer als Schüler. Schon zur Zeit als Clerambault von den übrigen Unsterblichen gar nicht gekannt war, außer von ein oder zwei lyrischen Kollegen, die, wenn sie (was selten geschah) von ihm sprachen, es nur mit verächtlichem Lächeln taten — schon damals hatte er ihn sich entdeckt und in sein Herbarium eingegliedert. Einige Bilder hatten ihn stutzig gemacht, die Originalität mancher Wortwendung, der primitive und gewissermaßen nur naiv komplizierte Mechanismus seiner Phantasie zogen ihn an, schließlich interessierte ihn dann der Mann selbst. Clerambault, dem er ein glückwünschendes Wort hatte zukommen lassen, eilte, überströmend von Erkenntlichkeit, ihm zu danken, und zwischen den beiden Männern entspann sich allmählich eine Freundschaft.
Sie waren einander durchaus nicht ähnlich, Clerambault mit seiner lyrischen Gabe und seiner mittelmäßigen Intelligenz, die vom Herzen kam, und Perrotin, der durchdringende Geist, der sich niemals von der Leidenschaft der Phantasie verwirren ließ, aber beide verband die gemeinsame Würdigkeit der Lebensführung, eine intellektuelle Rechtschaffenheit sowie die reine Liebe zur Kunst und zur Wissenschaft, die ihre Freude aus sich selbst zog und nicht aus dem möglichen Erfolge, der ihr entspringen konnte. Freilich hatte das Perrotin niemals, wie man sehen konnte, gehindert, Karriere zu machen. Die Ehrenstellen waren gleichsam auf ihn zugekommen. Er suchte sie nicht, aber er wies sie auch nicht zurück und verabsäumte nichts.
Clerambault fand ihn gerade damit beschäftigt, die wirklichen Ideen eines chinesischen Philosophen von all den nachträglichen Umhüllungen rein loszulösen, unter denen sie die Lesarten und Erläuterungen von Jahrhunderten verborgen hatten. Bei diesem Spiel, das für ihn ein gewohntes war, kam er natürlich dazu, schließlich gerade das Gegenteil des bisher augenscheinlichen Sinnes zu finden: ein Ideal wird ja immer dunkler, wenn es von Hand zu Hand geht.
In dieser geistigen Verfassung empfing Perrotin zerstreut und sehr höflich Clerambault. Selbst wenn er in Salons anderen zuzuhören schien, trieb er immer Textkritik. Seine Ironie vergnügte sich dabei auf fremde Kosten.
Clerambault entlud gegen ihn seine ganze neue Erkenntnis. Sein Ausgangspunkt war die unbestreitbare Tatsache der offenkundigen moralischen Minderwertigkeit der feindlichen Nation, und es war eigentlich nur noch dies für ihn eine Frage, ob man darin den unheilbaren Niedergang eines großen Volkes erkennen sollte oder einfach ein Barbarentum feststellen, das von allem Anfang an bestanden, aber sich nur gut zu verschleiern gewußt hatte. Clerambault neigte zur letzten Auslegung. Noch ganz erfüllt von dem gerade Gelesenen, machte er Luther, Kant und Wagner für die gewalttätige Verletzung der belgischen Neutralität und für die Verbrechen der deutschen Armee verantwortlich. Wie man gemeinhin zu sagen pflegt: er hatte die Nase nicht selbst hineingesteckt, da er ja weder von Musik, noch von Theologie, noch von Metaphysik etwas verstand; ihm genügte die Autorität der Akademiker. Als Ausnahme ließ er einzig Beethoven gelten, weil er ein Flame war, und Goethe als Bürger einer Freistadt, die so eine Art Straßburg, also zur Hälfte französisch war, oder französisch und nur halb deutsch. Nun wartete er auf eine Zustimmung.
Aber zu seiner Überraschung stieß er bei Perrotin nicht auf eine Leidenschaftlichkeit, die der seinen entsprach. Perrotin lächelte, hörte zu, betrachtete Clerambault mit einer gutmütigen und neugierigen Aufmerksamkeit. Er sagte nicht nein und sagte nicht ja. Bei einigen Behauptungen machte er vorsichtige Einschränkungen, und als Clerambault ihm ganz hitzwütig die schriftlichen Aussagen zeigte, die von zwei oder drei berühmten Kollegen Perrotins unterschrieben waren, machte er nur eine kleine Gebärde, die sagen konnte:
„Ach, solche Dinge gibt’s in Menge.“
Clerambault wurde immer leidenschaftlicher, und nun veränderte auch Perrotin den Ton, bezeigte ein „lebhaftes Interesse“ für die „sehr interessanten“ Bemerkungen seines „verehrten Freundes“, nickte mit dem Kopf zustimmend zu allem, was er sagte, wich seinen direkten Fragen mit vagen Worten aus oder stimmte ihnen mit irgendeiner allgemeinen Höflichkeit zu, wie man eben jemandem antwortet, dem man nicht widersprechen will.
Clerambault ging, ganz aus der Fassung gebracht und unzufrieden, fort.
Aber er versöhnte sich mit seinem Freunde und war wieder seiner sicher, als er einige Tage später den Namen Perrotins unter einem leidenschaftlichen Protest der Akademie gegen die Barbaren fand. Er nahm den Anlaß wahr, um ihn zu beglückwünschen, und Perrotin dankte ihm mit einigen vorsichtigen und sybillinischen Worten:
„Mein verehrter Herr — (er benutzte immer in seinen Briefen die zeremoniösen und gemessenen Formeln derer von Port-Royal) — ich bin immer bereit, den Wünschen des Vaterlandes zu gehorchen; sie sind Befehle für mich. Auch mein Gewissen steht ihm zur Verfügung, so wie es die Pflicht eines guten Bürgers ist...“
Eine der merkwürdigsten geistigen Wirkungen des Kriegs war, daß er neue Bindungen zwischen Menschen erzeugte. Leute, die nicht einen Gedanken gemeinsam hatten, entdeckten plötzlich, daß sie gleichen Sinnes waren; und sobald sie sich zusammenscharten, wurden sie einander wirklich ähnlich. So entstand, was man dieUnion Sacrée, die „heilige Eintracht“, nannte. Menschen aller Parteien und von verschiedenstem Temperament, Choleriker, Phlegmatiker, Monarchisten, Anarchisten, Klerikale, Calvinisten vergaßen plötzlich ihr wirkliches Ich, ihre Leidenschaften, Narrheiten und Feindseligkeiten. Sie wechselten die Haut, und man sah sich mit einemmal neuen Wesen gegenüber, die sich unerwartet wie ein Häufchen gefeilten Eisenstaubes um einen Magneten zusammenrotteten. Alle alten Beziehungen waren plötzlich verschwunden, und man staunte gar nicht darüber, sich plötzlich einem Fremden näher zu fühlen als den ältesten Freunden. Man hätte glauben mögen, daß die Seelen unterirdisch, mit weitverbreiteten Wurzeln, im Dunkel des Instinkts verbunden waren, jener allzuwenig bekannten Region, zu der die Beobachtung selten hinabsteigt. Unsere Psychologie beschäftigt sich ausschließlich mit jenem Teil unseres Ich, der aus dem Erdreich des Unbewußten herausragt, sie beschreibt sorgfältig dort jede Einzelheit, ohne auf alles das zu achten, was nicht gerade Schaft und Blüte der Pflanze ist. Aber neun Zehntel sind unsichtbar eingegraben und mit den Füßen anderer Pflanzen verschlungen. Diese ganze tiefe (oder niedere) Region der Seele ist für gewöhnlich unbewußt und für das Gefühl nicht merkbar, die Vernunft weiß nichts von ihr. Aber der Krieg ließ plötzlich, indem er diese unterirdische Welt weckte, moralische Bindungen zutage treten, die man nie vermutet hätte. So trat zum Beispiel bei Clerambault eine plötzliche Intimität mit einem Bruder seiner Frau zutage, den er bisher, und mit gutem Recht, als Typus eines echten Philisters betrachtet hatte.
Leo Camus war noch nicht fünfzig Jahre alt, groß, mager, ein wenig vorgekrümmt, hatte einen schwarzen Bart, fahle Farben, schütteres Haar (seine Kahlköpfigkeit war sogar schon sichtbar, wenn er den Hut noch auf hatte), sein Gesicht war voll kleiner Falten, die sich nach allen Richtungen überquerten, wie Maschen eines schlecht geflickten Netzes. Er hatte meist ein ungesundes, unfreundliches Aussehen und war beständig verschnupft. Seit dreißig Jahren war er Staatsbeamter, und seine ganze Karriere war im Schatten eines Hofes im Ministerialgebäude dahingegangen. Im Laufe der Jahre hatte er das Zimmer gewechselt, aber er war nie aus diesem Schatten herausgekommen, sein ganzer Fortschritt war immer im selben Hoftrakt. Für ihn gab es keine Möglichkeit mehr, diesem Leben zu entrinnen, und jetzt war er endlich Unterdirektor geworden, was ihm erlaubte, nun seinerseits Schatten zu verbreiten. Er hatte fast gar keinen Zusammenhang mit Menschen und verkehrte mit der äußeren Welt nur hinter einem Wall von Registraturen und aufgehäuften Papierstößen. Er war Junggeselle und hatte keinen Freund, denn sein Menschenhaß behauptete, es gäbe keine, außer solchen aus Interesse. Seine einzige Zuneigung galt der Familie der Schwester, und auch diese äußerte sich nur darin, daß er alles, was jene tat, für schlecht befand; denn er gehörte zu jenen Leuten, deren unruhige Besorgtheit diejenigen, die sie lieben, immer kritisiert, und wenn sie jene leiden sehen, nicht müde werden, ihnen zu beweisen, daß sie durch eigenes Verschulden unglücklich seien. Bei den Clerambaults machte er nicht sehr viel Effekt damit, ja es mißfiel Frau Clerambault, die ein wenig träge war, sogar nicht, ein bißchen gerüttelt zu werden. Was die Kinder betraf, so wußten sie, daß diese Vorwürfe meistens von kleinen Geschenken begleitet waren: so steckten sie die Geschenke ein und ließen das Übrige auf sich niederprasseln.
In bezug auf seinen Schwager hatte die Haltung Leo Camus’ im Laufe der Jahre einige Veränderungen durchgemacht. Als seine Schwester Clerambault heiratete, hielt Camus mit seiner Mißbilligung nicht zurück, ein unbekannter Dichter schien ihm nicht jemand „ernst zu Nehmender“. Dichter sein (ein unbekannter Dichter), das ist immer nur ein Vorwand, um nicht zu arbeiten..., natürlich, wenn man „bekannt“ ist, das ist dann etwas anderes! Camus verehrte sehr Victor Hugo, er kannte sogar Verse aus den Châtiments und einige von August Barbier auswendig, die aber waren „bekannt“, und „bekannt sein“ ist eben alles. Nun geschah es aber eines Tages, daß Clerambault „bekannt“ wurde. Camus erfuhr es durch seine eigene Zeitung. Von diesem Tag an hatte er sich endlich bewegen lassen, die Gedichte Clerambaults zu lesen. Er verstand sie nicht, aber er war darüber nicht ungehalten, denn so konnte er sich brüsten, noch von der „alten Schule“ zu sein und sich dadurch überlegen dünken. Es gibt ja viele dieser Art, die sich aus ihrer Verständnislosigkeit einen Stolz zu machen wissen. Aber ist es nicht recht so in der Welt, daß der eine auf das pocht, was er hat, und der andere auf das, was er nicht hat? Übrigens gab Camus zu, daß Clerambault „schreiben“ könne (er mußte es ja verstehen, da er auch vom Fach war). So hatte er im gleichen Maße, wie die Zeitung ihn zu schätzen begann, ein immer größeres Interesse an seinem Schwager und liebte es, mit ihm zu plaudern. Er hatte immer schon, ohne es je zu sagen, seine herzliche Güte geachtet, und was ihm besonders an diesem großen (denn jetzt nannte er ihn plötzlich so) Dichter gefiel, war seine offenkundige Unfähigkeit in Geschäftsdingen, seine praktische Ignoranz. Auf diesem Gebiete war Camus sein Meister, und er ließ es ihn deutlich fühlen. Clerambault hatte ein naives Vertrauen zu den Menschen und zu den Dingen, und nichts war Camus und seinem aggressiven Pessimismus willkommener als diese Eigenschaft. Dies hielt ihn immer in Atem. Die meiste Zeit seiner Besuche ging damit hin, Clerambaults Illusionen in tausend Stücke zu zerpflücken, aber sie hatten ein zähes Leben, und jedesmal mußte man anfangen, sie von neuem zu zerstören. Camus ärgerte sich darüber, aber mit einem geheimen Vergnügen. Er brauchte immer einen neuen Vorwand, um wieder beweisen zu können, daß die Welt schlecht und die Menschen dumm waren, vor allem aber fand kein Mann der Politik Gnade vor seinen Augen. Dieser Staatsbeamte haßte alle Regierungen, ohne eigentlich sagen zu können, wen oder was er an ihre Stelle gewünscht hätte. Die einzige Form der Politik, die ihm verständlich war, blieb die Opposition. Er litt eben daran, sein Leben verdorben, seine Natur unterdrückt zu haben. Als Bauernsohn war er dazu geschaffen, wie sein Vater Weingärten zu pflegen oder als Wächter über das kleine Landvolk seinen Autoritätsdrang auszuleben. Aber es war damals der Rost über die Weingegend gekommen, andererseits lockte der dumme Stolz zur Bureaukratie, so war die Familie in die Stadt übersiedelt. Jetzt hätte er zu seiner wirklichen Natur nicht mehr zurück können, ohne sich herabzuwürdigen, und hätte er es selbst vermocht, so wäre sie daran verkümmert. Weil er seinen Platz in der sozialen Gesellschaft nicht fand, machte er die Gesellschaft dafür verantwortlich, er diente wie tausend Beamte dem Staate als schlechter Diener, als heimlicher Feind.
Man hätte meinen sollen, ein Wesen dieser Art, ein so düsterer, verbitterter, menschenfeindlicher Geist müßte durch den Krieg ganz außer sich geraten sein, aber gerade das Gegenteil trat ein: der Krieg beruhigte ihn. Für die wenigen freien Geister, die auf das Weltall hinblicken, war die Zusammenrottung zu bewaffneten Horden gegen den Feind ein Zusammenbruch. Aber für die Menge all derer, die in der schöpferischen Unfähigkeit eines ziellosen Egoismus leben, ist der Krieg eine Erhebung, er trägt sie zur höheren Stufe des zielvollen, des organisierten Egoismus empor. Camus wachte eines Tages mit dem Gefühl auf, zum erstenmal nicht allein auf der Welt zu sein.
Der Instinkt des Vaterlandes ist vielleicht der einzige, der in den gegenwärtigen Zeitläuften dem Brandmal der Alltäglichkeit entgeht. Alle anderen Instinkte, alle natürlichen Triebe, das Verlangen zu lieben und zu handeln, werden in der Gesellschaft niedergehalten, erstickt oder gezwungen, durch das Joch der Entsagung und der Kompromisse zu gehen. Wenn ein Mann auf der Höhe seines Lebens sich zurückwendet, um seine einstigen Neigungen zu betrachten, und sieht auf ihnen die Brandmarken seiner Niederlage und seiner Nachgiebigkeit, dann schämt er sich ihrer und seiner selbst, Bitternis im Munde. Einzig der Instinkt des Vaterlandes bleibt in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgeschaltet, er tritt nicht in Aktion und wird deshalb nicht beschmutzt. Wenn er aber einmal in Erscheinung tritt, so ist er unberührt, und die Seele, die sich ihm hingibt, wirft ihm zugleich die Glut aller ihrer niedergehaltenen und erniedrigten Instinkte, Liebe, Verlangen und Ehrgeiz entgegen, die das Leben verraten hat. Ein halbes Jahrhundert unterdrücktes Leben nimmt seine Rache, Millionen kleiner Zellen des sozialen Gefängnisses öffnen sich, endlich, endlich einmal... die alten Leidenschaften, die angeschmiedeten Instinkte recken ihre erstarrten Glieder, sie fühlen, daß sie das Recht haben, ins Freie zu stürzen und zu schreien. Das Recht? Sie haben jetzt die Pflicht, sich dahinstürmen zu lassen, als mächtige, stürzende Masse. So werden plötzlich die Millionen einzelner Schneeflocken zur Lawine.