Ragusa, San Biagio
Ragusa, San Biagio
Auf dem Markt, ein paar Schritte vom Palast der Rektoren, ist sein Denkmal. (Von dem Bildhauer Rendič; 1893 enthüllt.) Im langen Mantel steht er da, die Hand mit dem Stift zum Dichten erhoben. Er wird wohl nicht so feierlich gewesen sein. Auch steht er zu hoch, auf einem umständlichen Postament mit langwierigen Reliefs. Ich hätte ihn lieber mitten unter den Menschen, wie der Goldoni in Venedig mitten drin in seinem Volke zu spazieren scheint.
(Die ragusäische Literatur hat der Grazer Professor Matthias Murko in der Teubnerischen »Kultur der Gegenwart«, Teil eins, Abteilung neun, vortrefflich dargestellt. Auch seiner »Geschichte der älteren südslawischen Literaturen« verdanke ich viel. Sie ist in den »Literaturen des Ostens«, Leipzig, Amelangs Verlag, erschienen, als zweiter Teil des fünften Bandes, dessen ersten Teil die ebenfalls sehr bemerkenswerte Geschichte der tschechischen Literatur von Jan Jakubec und Arne Novák bildet.)
Beim Landtagsabgeordneten Doktor Stefan Knezevič. Ein unendlich feiner stiller Mensch mit wunderschönenzärtlichen Augen. Er kommt mir sehr artig entgegen, doch erstaunt. Er scheint sich zu wundern, daß es da droben in Wien einen Menschen geben könnte, der Interesse, ja gar vielleicht ein wirkliches Gefühl für das vergessene Dalmatien hat. Es wird ihm anfangs schwer, sich gleich in einen Wiener zu finden, der kein Spion ist und nicht Verschwörungen entdecken will. Aber ich habe das an mir, daß man mir vertrauen muß. Die Menschen fühlen es doch durch, wenn einmal einer nichts als ein Mensch ist. Sie brauchen nur einige Zeit, um sich vom ersten Schrecken zu erholen. Bald aber wird er frei. Still fließt jetzt unser Gespräch dahin. Er hat eine leise Traurigkeit, die selbst anmutigen und fröhlichen Worten einen dunklen Ton gibt. Diese Menschen hier sitzen viel allein und sehnen sich ohne Hoffnung. Ihre große Vergangenheit steht hinter ihnen, die trostlose Gegenwart ängstigt sie. Wer sich der Väter würdig zeigen will, ist gleich verdächtig. Die Not ihres Volkes ergreift sie, sie möchten helfen, aber dies gilt für Hochverrat. Man traut ihnen nicht. Zuerst sollen sie jetzt einmal beweisen, daß sie Patrioten sind. Sie wollen es ja sein. Nur möchten sie doch auch leben dürfen. Dies aber will man ihnen erst gewähren, bis sie bewiesen haben werden, daß sie Patrioten sind. Inzwischen aber werden sie, weil man doch davon allein nicht existieren kann, längst verhungert sein.
Knezevič hat in Wien studiert und ist dann, als Lujo Vojnovič Minister in Montenegro war, dorthin berufen worden, um die Rechtspflege einzurichten. Dies ist ihm von unserer Regierung verweigert worden. Er hätte aufhören müssen, ein Österreicher zu sein. Und lieber hat er verzichtet. Man kann sich denken, wie schwer der jungeMensch, noch nicht dreißig Jahre alt, einer solchen Gelegenheit, einmal ins Große zu wirken, entsagt haben mag. Und müßten wir uns nicht vielmehr wünschen, in Montenegro einen zu haben, der als Student in Wien auf der Wieden gewohnt hat, der unsere Art kennt, mit dem wir uns verständigen können? Aber Goluchowski, unter dem auch dies geschah, hatte das Prinzip, im Großen und im Kleinen, Österreich überall verhaßt zu machen. Es war das einzige Prinzip, das er hatte. Und es war erfolgreich, man siehts auf dem Balkan.
Merkwürdig ist es überhaupt von einer Verwaltung, wenn sie, wie hier, um ihre Pflicht zu tun, immer erst Bedingungen stellt. Der Dalmatiner sagt: Wir brauchen Straßen, wir brauchen Bahnen, wir brauchen Schulen! Unsere Verwaltung antwortet ihm: Zeige zuerst, daß du ein Patriot bist! Notwendigkeiten werden so zu Belohnungen verwendet, die man sich erst jahrelang verdienen muß. Als ob ein Vater seinem Kinde sagte: Wenn du heuer brav sein wirst, kriegst du aufs Jahr zu essen! Ganz abgesehen davon, daß es mir nicht sehr gescheit scheint, einer Bevölkerung fortwährend den Patriotismus als eine so ganz besondere Kraftleistung hinzustellen; in anderen Ländern gilt er für selbstverständlich und darum ist er es auch. Wir haben übrigens diese Politik schon einmal erprobt: in der Lombardei.
Beim Apotheker Matej Sarič. Ein eifriger, beweglicher, tätiger Mann, dem die Lust an der Arbeit aus den Augen blitzt. Klein, elegant, klug, rasch und geschäftig. Überall sieht er in der Stadt Kraft versteckt, die nur den Ruf erwartet, sich regen und strecken zu dürfen; und im Handumdrehenbaut er mir die Stadt um, hier noch ein Hotel, dort eine Strandpromenade, und sieht schon überall die Menschen fröhlich wimmeln! Schön ist der Plan, das Schlachthaus zu fällen und dort einen Strandweg bis zur Schwimmschule zu führen, um die Wette mit dem in Abbazia; und am Ende dann, in San Giacomo dort, mit dem Blick zum Meer und auf das waldige Lakroma, ein großes Hotel. Denn es ist nicht wahr, beteuert er mir, daß sie keine Fremden wollen, wie man ihnen in Wien nachsagt; nur von einer künstlichen Fremdenindustrie mögen sie nichts, die nach den Bedürfnissen der Eingeborenen nicht fragt und sie um allen Gewinn betrügt, weil sie sie nicht versteht und ihnen nicht traut! Und wieder die ewige Klage: man versteht uns nicht und will uns nicht verstehen, weil man uns nicht traut und überall Verschwörungen wittert, während wir uns wahrhaftig nichts anderes wünschen als ruhig arbeiten und verdienen zu können! Und sehr amüsant ist es nun, wie er mir den strebsamen Beamten schildert (er nennt ihn beim Namen), der eines Tages aus Wien nach Dalmatien kommt, von vornherein entschlossen, nach Wien zu berichten, was in Wien den größten Eindruck macht, also Verschwörungen, und der nun dreimal die Woche mit der italienischen, dreimal mit der serbischen Gefahr und am Sonntag mit der wachsenden Demokratie droht, um nur, als Retter hochverdient und hochbelobt, ins Ministerium berufen zu werden: Wir lachen ihn aus, aber in Wien scheint man ihm zu glauben.
Dieser Sarič war vor ein paar Jahren noch ein leidenschaftlicher Serbe. Heute gehört er zur serbokroatischen Koalition. Der Unterschied zwischen Serben und Kroatenscheint erloschen. Vor vier Jahren ging ich einst mit einem Freunde hier auf dem Stradone. Vor uns zwei große hochgewachsene junge Leute. Ich sagte: Sehen Sie doch, wie wunderschöne Menschen diese Serben sind! Da drehte der eine sich um, hielt mir die geballte Faust ins Gesicht und schrie, voll Wut: Nix Serbe, wir sind Kroaten, nix Serbe! Heute kann man überall in Dalmatien gefahrlos sagen, daß Serben und Kroaten bloß zwei verschiedene Namen für dieselbe Nation sind. Sie sprechen dieselbe Sprache, sie haben dieselbe Rasse und auch die Religion trennt sie nicht, da es ja doch auch katholische Serben gibt. Ein braver kroatischer Notar, neben dem ich neulich im Speisewagen saß, war freilich ganz entsetzt, als ich dies sagte. Aber auf meine Frage, was denn also der Unterschied zwischen den Serben und den Kroaten wäre, erklärte er mir: Die Kroaten sind schwarz-gelb, die Serben aber ungarisch gesinnt! Und konnte nicht begreifen, daß mir das nicht auszureichen schien, um zwei Nationen zu statuieren. Man wird wohl dabei bleiben dürfen, daß Serben und Kroaten von einer und derselben Nation sind, bloß mit verschiedenen Erlebnissen. Merkwürdig ist nur, daß sie selbst, miteinander und ineinander lebend, dies so lange verkennen konnten. Und merkwürdig auch, daß man, ihrer Verständigung nachgehend und die Vermittler suchend, fast immer zuletzt auf einen Schüler Masaryks stößt. Fast immer ist es einer, der als junger Mensch einmal nach Prag kam, bei Masaryk im Kolleg saß und, von ihm aufgeweckt, heimgekehrt überall die Botschaft der Versöhnung zu verkündigen begann. Schüler Masaryks haben Serben und Kroaten vereint und richten das zerschlagene Land jetzt zum Glauben an die Zukunftauf. So stark wirkt der einsame Slowak in Prag, der eine Mischung von Tolstoi und Walt Whitman, diesen ein Ketzer, jenen ein Asket und allen ein Schwärmer scheint, in die weite Welt hinaus.
Der Habitus dieser Kroaten ist: weiches dunkles Haar, meist ganz kurz geschnitten, ein kleiner Schnurrbart, ein gelbes, matt glänzendes Gesicht, eine schmale gerade Nase mit zuckenden Flügeln, die mandelförmigen Augen schief unter gesenkten Lidern blinzelnd, ermüdet und verschlafen, die Stimme weich und klagend.
Und innerlich: von einer unbestimmten Sehnsucht voll und tief im Herzen beklommen, mit dem einzigen Wunsch, still gehorchen zu dürfen.
Ich muß schon sagen, mir wären diese »Hochverräter« noch viel sympathischer, hätten sie nicht so stark den Trieb in sich, treue Diener zu sein. Und so hat vielleicht unsere Verwaltung doch einen propädeutischen Sinn: der unbekannte Geist, der über den Schicksalen der Welt sitzt, hat sie vielleicht ins Land geschickt, um diesen Menschen hier die knechtische Lust am Gehorsam auszutreiben. Und so sei sie gepriesen!
Nach Lakroma. Man fährt, vom alten Hafen weg, kaum eine halbe Stunde. Ich habe wieder das Gefühl, im Anblick der Stadt, sie sei nicht von Menschen erbaut, sondern aus der Erde gewachsen.
Dem Landenden wird ein weißes Kreuz sichtbar, und derSchiffer erzählt, daß hier einst ein Kriegsschiff explodiert und nur ein einziger Mann gerettet worden sei, der für ein schweres Verbrechen, das er verübt, ganz unten in Ketten lag. Die Geschichte höre ich immer wieder gern, weil sie so moralisch ist. Wie muß sich dieser brave Mann sein ganzes Leben lang über sein Verbrechen gefreut und es gesegnet haben!
Hier war schon 1023 ein Kloster. Und diese Benediktiner verstanden es dann überall, die Händel der Großen für sich auszunützen. Da war irgendein Zwist eines Königs Radoslav mit seinem Neffen Bodino, und der Schluß ist, daß der landflüchtige König das Kloster zum Erben macht, sein böser Neffe aber auch. Die geistliche Kunst besteht darin, sich so zwischen die Starken und Schwachen zu stellen, daß sie diese zu schützen, jenen zu drohen scheint, doch aber immer noch im rechten Moment wenden kann. – Auch Richard Löwenherz, aus einem Sturm an diesen Strand gerettet, hat dafür dem lieben Gott viel bezahlen müssen.
Wie mir diese Namen klingen! Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf. Im wilden Garten sage ich sie mir immer wieder vor. Ich weiß nicht, was ich eigentlich dabei fühle. Es sind nur Akkorde. Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf. Bis zu einem deutlichen Gefühl, das ich nennen könnte, wirds nicht klar. Nur wie wenn leise der Wind über eine Harfe ging, streichen die drei Namen über mich hin. Richard Löwenherz, Kaiser Max, Kronprinz Rudolf.
In Hietzing steht der Kaiser Max vor der Kirche. Immer wenn ich in die Stadt muß, fahre ich in der Elektrischenan ihm vorbei. Das Denkmal, von einem Johann Meixner, der mir sonst unbekannt ist, sagt nichts. Es stellt irgendeinen sehr österreichischen, gar nicht tragischen Herrn dar. Wenn man aber hier im Kloster durch seine Zimmer geht, sieht man ihn; da ist er noch selbst, der Kaiser Max von Mexiko. Sie sind ganz einfach, aber in jeder Ecke sitzt die Sehnsucht. Und draußen der Garten und drüben das Meer, in ungeheurer Einsamkeit. Aus den ganz kleinen Zellen sieht man überall ins Große. Und die Stimmen des Windes, der zornig in den Eichen haust, der Welle, die stöhnend an den Fels schlägt, rufen in die tiefe Stille herein.
Lakroma
Lakroma
Ich habe neulich einmal die sieben Bände durchgesehen, die vom Kaiser Max übrig sind. Reiseskizzen, Aphorismen, Gedichte. Besonders die Gedichte sind arg. Überall aber spricht ein Mensch, der sich immer wünscht, Großes und Schönes zu finden; und er glaubt, es müsse draußen irgendwo sein. Die stolzen Namen seiner Ahnen regen ihn auf, ihr Enkel zu sein will er sich verdienen, so sucht er ein würdiges Schicksal. Und rührend ist es, wie er sich immer mit dem Edelsten umgibt und durch Erinnerung an die Taten oder Werke bedeutender Menschen sich selbst ihnen zu nähern glaubt. Er war zu groß, Großes aus der Ferne zu bewundern; er hat daran teilnehmen wollen. Und dazu war er doch wieder nicht groß genug, er hatte nur den Wunsch nach Größe. Er hatte nur die Sehnsucht. Und so hat er, ein Schicksal suchend, zuletzt nur ein Abenteuer gefunden. Das war seine Tragik.
Der Kaiser Max und unsere Kaiserin Elisabeth, diese zwei großen Statuen der Sehnsucht stehen am Eingang unserer Generation. Wird an unserem Ausgang eine der Erfüllung stehen?
Da ist, unter Eichen und Kiefern, eine Mulde, in die vom Meer unterirdisch Wasser dringt: das Mare Morto. Ich strecke mich hier hin, es weht lau, der Stein glüht, unten gluckst es dumpf; und vor mir nichts als das blaue Meer. Mir wird warm und wohl, es denkt sich hier so gut.
Nein, das sind keine Verschwörer, dort in der alten Stadt; es sind keine Verräter. Sie haben keinen Wunsch als gut österreichisch sein zu können. Aber die Stadt dehnt sich,sie spürt ihre Kraft; und die Bauern, ringsherum, schicken ihre Söhne nach Amerika, die lernen dort, wie man heute das Land bestellt, und, heimgekehrt, erzählen sie davon. Doch die Bildung fehlt und die Maschinen fehlen und Städter und Bauer erkennen so, daß ihnen überall das Geld fehlt. Woher kriegen wir Geld? Wir selbst sind zu schwach und Wien hilft uns nicht. Ja wenn wir stärker wären! Wir sind zu wenige. Wir müssen uns mit anderen vereinigen. So setzt sich auch hier die wirtschaftliche Not ins nationale Gefühl um. Wenn die Menschen hungern, sagen sie: das Vaterland muß größer sein! Die Stadt dehnt sich, der Bauer will Maschinen, dies wird jetzt in das Wort gepreßt: Trialismus! Warum sind wir von unseren Brüdern getrennt? Wir Kroaten in Dalmatien und die Kroaten in Kroatien und Slawonien sind ein Volk, so wollen wir auch ein Reich sein! Wirtschaftliches Bedürfnis wird so zur politischen Leidenschaft. Ein habsburgisch gesinnter Staatsmann ließe sich das nicht entgehen. Er gewänne für Österreich ein Volk und hätte die ungarischen Rebellen geschlagen.
Nun sagen unsere Staatskünstler freilich: Solange die Menschen hier hungern, gehorchen sie noch am ehesten, brächten wir aber Geld ins Land und ließen Bürger und Bauern erstarken, oder würden gar Dalmatien und Kroatien ein Reich, so fängt sogleich die politische Romantik auszuschlagen an, ein kräftiges Bürgertum ist nicht zu regieren, davon haben wir in Böhmen genug, und wenn es sich erst wirtschaftlich und geistig zu fühlen beginnt, weiß niemand mehr, gegen wen sich die junge Kraft am Ende noch kehrt, während mit diesen Bettlern hier ein paar Gendarmen fertig werden, das ist sicherer, Not regiert man noch amleichtesten, denn wie den Menschen nicht mehr hungert, wird er frech, glauben Sie mir!
Diese Staatskünstler stecken nämlich noch ganz im alten Österreich, das seinen Sinn in Deutschland suchte. Seit es aber hinausgeworfen wurde, hat es nur die Wahl: entweder keinen Sinn mehr zu haben oder sich jetzt einen neuen zu suchen. Der kann nur auf dem Balkan sein. Jener, nach Norden und Westen gekehrt, hat es nicht nötig gehabt, sich um das verlorene Volk dort unten zu kümmern. Dieser braucht es. Denn nur mit starken Südslawen können wir auf dem Balkan stark sein. In ihrer Kraft ist unsere Zukunft. Aber unsere Staatskünstler wissen noch immer nicht, daß wir aus einem deutschen Östreich ein slawisches Westreich geworden sind. Vor dreiundvierzig Jahren ist das geschehen. Es wäre Zeit, sich daran zu gewöhnen...
Das Wasser gluckst im Schacht, die Kiefern biegt der Wind, der Stein glüht. Ich bin unruhig, in einem inneren Halbdunkel, zwischen Denken und Fühlen. So seltsam klingt es überall, die Seele der Insel scheint aus dem Schlaf zu reden. Und ich erwarte, jetzt und jetzt eine weiße Gestalt aus dem Lorbeer treten zu sehen. Wenn noch Götter wären? Die Götter der Griechen! Götter, die sich zu geliebten Irdischen neigen! Und immer das leise Singen, auf der ganzen Insel. Und drüben die roten Rosen. Und draußen das blaue Meer.
Solche Stunden, wenn der Wind weht, das Meer glänzt, die Sonne glüht, haben die sonderbare Macht, indem sie den Geist zu lichten oder gleichsam zu schleifen scheinen, daß er hell und schneidend wird, zugleich einen magischen Kreis um ihn zu ziehen, in dem alles traumhaft wird.Niemals sind wir bereiter, mit dem Verstande alles zu wagen, niemals kühner zu logischen Exzessen gestimmt, niemals so gewiß, jedes Geheimnis auszurechnen, niemals aber auch ahnungsvoller und mehr in Nacht vertieft. Während unser Verstand dann eine lachende Zuversicht hat, alle Fragen aufzustören, alle Rätsel abzuwickeln, werden wir über den Rand des Bewußtseins gedrängt und sind unsicher, was noch Realität, was schon Halluzination ist. Wirklichkeit erkennen wir für Wahn, und Wahn nimmt die Gewalt von Wirklichkeiten an. Niemals fühlen wir uns im Geiste so fest, aber der Boden unter ihm wankt. Wir wissen, daß wir im Recht sind, aber es könnte sein, daß es das Recht einer anderen Dimension wäre. Wir fühlen uns ungeheuer wach, aber so unwahrscheinlich wach, daß wir es bloß zu träumen fürchten. Und seltsam ist es, wie von dieser geheimnisvollen Erektion des Geistes nun auch unsere Sinnlichkeit mitgerissen wird. Das sinnlich Aufregende weiß zerstiebenden Wassers, mit leisen Fingern kitzelnden Windes und des verwirrenden Geruchs schwellender Blumen wirkt niemals stärker auf uns als in solchen Stunden der höchsten inneren Klarheit, wenn sich der Geist vom Körper zu lösen scheint und dieser nur noch einmal zum Abschied die Hände nach ihm hebt. Dann hat jede Rose das Gesicht einer Frau, Dryaden nicken nackt aus allen Bäumen und der Boden dampft überall vom Schweiß der Faune. Indem wir, entrückt, schon aufzufliegen glauben, hält uns noch einmal der süße Bann der Erde zurück. In solchen Stunden ist es, als machten wir an uns noch einmal die ganze Menschheit durch, vom Anbeginn des Urtiers, und ewig weiter, bis in unbekannte Fernen, vom Faun, der wir gewesen sind,bis zum Gott, der aus uns werden will. Und einen atemlosen Augenblick lang steht dann in uns die Ewigkeit versammelt.
Dem Heimkehrenden aber, der, solcher banger Seligkeit entkommen, noch einmal vom Kahn zu dem magischen Eiland zurückblickt, ist es wieder nur ein stiller, waldiger, verwilderter Garten...
Im Kahn fällt mir plötzlich ein: Warum setzen wir hier nicht einen unserer jungen Erzherzoge her? Den Erzherzog Eugen etwa, der sich in Innsbruck bewährt hat. Er wäre fähig, die Schönheit der Insel zu genießen, und hätte durch seine frische, leutselige, weltkluge Sinnesart bald das Zutrauen der Menschen. Sie sind zu oft getäuscht worden, um uns noch zu glauben. Sie lachen nur, wenn wieder ein Minister zum hundertstenmal die »Hebung Dalmatiens« verkündigen läßt. Sie wissen schon, daß es doch immer auf dem Papier bleibt. Aber käme nun, statt der Botschaft, auf die keiner mehr hört, ein lebendiger Mensch in ihre Stadt, um unter ihnen zu wohnen, ihre Sitten zu teilen und ihre Sorgen zu suchen, dies wäre vielleicht ein Zeichen für sie, woran sich alte Hoffnungen wieder aufrichten könnten. Und er hat es ja nicht so nötig, sich oben beliebt zu machen. Er müßte nicht immer daran denken, nur das nach Wien zu berichten, was man in Wien gerade zu hören wünscht. Er könnte wagen, einmal die Wahrheit zu sagen, ohne gleich verdächtig zu sein. Abends auf dem Stradone gehend, wie es seine Art ist, sich gern im Volke zu bewegen, oder ins Land zu den Bauern fahrend, schon um alte Waffen und ererbten Schmuck zu sehen, die Wünsche der Bürger hörend, mit diesen schönen Frauen scherzend, Fischern im Boot lauschend, die Geschichten ausder alten Zeit erzählen, fände dieser junge, dem Leben offene, wahrhafte Mensch den echten Sinn des verleumdeten Volkes bald heraus und hätte den Mut, Gerechtigkeit zu heischen. (Behutsam natürlich, denn wir haben Hofräte im Ministerium, denen auch ein Erzherzog noch lange kein genügender Patriot ist!) Und die Familien der alten Ragusäer, die sich jetzt in Einsamkeit verkriechen und verbittern, legten wieder ihren alten Prunk an, um bei seinen Festen zu glänzen, und sein froher Sinn, den Künsten zugetan, riefe die Jugend der Dichter und Maler herbei, die jetzt in ohnmächtiger Sehnsucht vergeht. Und der Saal, oben in der Dogana, wäre dann wieder von Freuden und Hoffnungen hell wie damals, in der unvergessenen Zeit des ersten Erwachens.
Da stößt der Kahn hart ans Ufer und rüttelt mich auf. Ich muß lachen, denn ich habe plötzlich in mir die Stimme Kolo Mosers gehört. Der las uns auf dem Semmering so gern eine Predigt des Abraham a Santa Clara vor, in der jeder Satz mit dem Ausruf schließt: O Narr! Und wie aus einem Grammophon klingt es mir: O Narr! Und klingt mir noch in einem fort nach, während ich durch die Stadt gehe, mit seiner vollen, tief gurrenden Stimme von verhaltener Lustigkeit: O Narr! – Kolo, was tust du? Kolo, Professor, Ritter des Franz-Josef-Ordens, was willst du von mir? Hebe dich hinweg und störe mich nicht in meinen patriotischen Phantasien!
Dreimal die Woche werden die Ragusa besuchenden, im Hotel Imperial abgefütterten Fremden in eine stoßende stinkende Barkasse gestopft und nach Cannosa geschleppt;noch drei Nächte lang träumt man dann nur von Öl. Dort müssen sie aussteigen und werden über steile Stufen in der Sonne zu der berühmten Platane getrieben; gehorsam geht jeder um diese herum, die Schritte zählend, um festzustellen, daß es wirklich fünfundzwanzig sind. Dann nimmt man jedem eine Krone ab und sie dürfen in den Garten der alten Grafen Gozze. Hier sind Zedern und Lorbeer und Palmen von seltener Art, und es wäre hier sehr schön. Schon aber wird der schwitzende Fremde wieder in die stinkende Schale gesteckt. Rote Rosen winken vom Fels, das blaue Meer glänzt, aber die ganze Welt riecht hier nach Öl. Einer liest vor, daß die Erinnerungen der Gozze zurück bis in das zehnte Jahrhundert gehen und wer alles aus dem kleinen Schloß schon über das Meer geblickt hat, Tegetthoff und Kaiser Max mit der Charlotte und unser alter Kaiser Franz, und daß die weiße Straße, die man dort sieht, nach dem Herzog von Ragusa, dem Marschall Marmont heißt, aber alle rümpfen die Nasen, denn alle diese feierlichen Namen schwimmen in Öl. Und man hat nach einiger Zeit das Gefühl, daß es überhaupt nur Öl gibt. Und dann unterhalten sich die Frauen. Ihr Hauptvergnügen ist, jede will der anderen beweisen, daß sie noch billiger eingekauft hat. Ein dickes, kommerzienrätliches, altes Weib, schwer mit Putz behangen, beschreibt, wie man es anstellen muß, um den armen Händlern auf dem Stradone die Preise zu drücken. Sie zeigt einen Ring, den sie gekauft hat, und läßt raten, um wie viel. Es ist nicht der Ring, der ihr Freude macht, sondern das Hochgefühl, den armen Albanesen übervorteilt zu haben. Ehrfurchtsvoll wird ihr zugehört.
Spalato
Spalato
So weit sich in Öl denken läßt, überlege ich, warum wohl diese Menschen eigentlich reisen mögen. Auf den Schiffen stecken sie die Köpfe zusammen und erzählen sich Anekdoten. Manchmal nennt einer den Namen einer Insel, da sehen sie hin und sagen: A! Und schon stecken die Köpfe wieder beisammen. In den Hotels interessiert sie die Kost, und sie vergleichen, was man um dasselbe Geld in Wiesbaden, Ischl und Sorrent zu essen kriegt. Zuweilen lassen sie sich von einem Führer durch die Stadt treiben, der ihnen ungeduldig Daten zuwirft, die er aus dem Baedeker hat. Und sie verlassen das Land, ohne jemals mit einem seiner Bewohner ein Wort gesprochen zu haben. Der Hofrat Burckhard hat einmal einer Dame von Rom erzählt,da rief sie, den Gatten stupfend: »Ach ja, Rom! Erinnerst du dich? Da wo uns der liebe weiße Pudel zugelaufen ist!«
Der reiche Reisende hat für ein Land wirklich bloß einen wirtschaftlichen Wert. Der arme, der Student, der junge Künstler, der Lehrer, hat auch einen geistigen. Denn der lernt das Volk kennen und es ihn. Den hätte Dalmatien nötig. Der könnte dann, heimgekehrt, von diesem wunderbaren Land erzählen, und von der tiefen Not, in der sein edles Volk gefangen liegt. Und dies wäre der Tag der Freiheit. Denn das heutige Dalmatien wird unmöglich sein, sobald man nur einmal davon weiß.
Ein einziges Mal möchte ich, bloß eine Woche lang, zehn ruhige rechtliche Männer, Kaufleute, Landesgerichtsräte, Hausbesitzer aus Krems oder Steyr, durch Dalmatien geleiten!
Wieder nach Cattaro. Doch der Paß ist noch immer verschneit. Keine Post nach Cetinje. Selbst mein Milo Milosevič kann mir nicht helfen. Also wieder auf das Schiff zurück. Das ist der rechte Tag, im Sonnenschein nach Spalato zu fahren, nach der »Stadt in Illyrien«, wo Orsino Herzog ist, die schöne Gräfin Olivia nach dem verstorbenen Bruder weint und des Junkers Tobias schmatzendes Gelächter durch die Gassen schallt! Wunderlich froh macht mich der Gedanke. Und die strahlende Sonne, der strahlende Schnee, das strahlende Meer! Alles schwebt in linder Lust, alles lächelt und wiegt sich. Ein leises Klingen ist in derlauen Luft. Und die weißen Möven, über dem Schiff, im Sonnenschein! In mir knistert's von Erwartungen. Und es spricht durch meinen Sinn:
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,
Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Die Worte des Herzogs verfolgen mich. Gebt mir volles Maß! Wie das Merkwort meines Lebens ist mir das immer. Was sich auch mit mir begibt, mich verlangt nur immer wieder: Spielt weiter, gebt mir volles Maß! So hielt der Knabe schon die gierigen Hände hinaus, dem Leben alles abzunehmen, was es zu geben hat. Und immer dann gleich wieder weiter. Und immer wieder: Spielt weiter! Und immer noch die Qual, daß es noch immer nicht das volle Maß ist. Gebt mir volles Maß!
Wie so ein menschliches Hirn, einmal erregt, questert und quirlt und aus einem Eimer in den anderen schöpft! Plötzlich ist ein altes Wort aus dem Hyperion bei mir: »Meine Seele wallt mir über von mir selbst und hält im alten Kreise nicht mehr.« Und ein anderes springt an, das ich neulich erst las, es ist von Roosevelt: »Ich will euch die Lehre vom vollen Leben verkündigen!« Und dazwischen läutet es immer noch hinein:
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,
Spielt weiter! gebt mir volles Maß!
Es ist vielleicht nie Tieferes von der Musik ausgesagt worden, als daß sie der Liebe Nahrung ist. Denn da nun die Liebe der Welten Nahrung ist, ohne die das große Kreisen, ausgehungert, schon verstummt wäre, ist also Musik das wahre Wunderbrot, an dem sich die Schöpfung mästet.Und wer uns die Lehre vom vollen Leben verkündigen will, kann es nur, indem er die Musik in der Menschheit mehrt. Musik aber entsteht, wenn eine Seele von sich selbst überwallt und aus dem alten Kreise bricht. Und ist nichts als ein ewiges: Gebt mir volles Maß! Und indem sie die Liebe nährt, wird sie von ihr aufgezehrt, Musik verhallt, aber ihr Brüder und Schwestern, klagt nicht, sie hat sich nur verwandelt und was von ihr übrig bleibt, ist Liebe. Musik läßt überall bei den Menschen Liebe zurück... Wie die kleinen Wellen da den Mund aufreißen, aber aus ihm springt immer wieder ein Mund, der immer wieder einen Mund auswirft, so speit in mir ein tanzender Gedanke den anderen aus, der, gleich wieder zerstiebend, schon wieder eine neue Zunge zeigt, und bald ist es nur noch ein Kreiseln und Klingeln von flimmernden und gischenden Worten in mir, die sich winden, und ich weiß nichts mehr und fühle nur mein Blut tanzen. Und: spielt weiter, gebt mir volles Maß!
Es ist aber dafür gesorgt, daß der Mensch nicht in den Himmel wächst, und so soll ich plötzlich verhaftet werden, weil ich versucht habe, den Flug der weißen Möven zu photographieren. In Gravosa stürzt ein Büttel aufs Schiff, der mich verlangt. Ich frage noch: »Vom Grafen Orsino wohl, der Herzog in Illyrien ist? Aber Ihr irrt, ich bin Antonio nicht!« Doch klärt man mich auf, daß es der kaiserlich-königliche Kommissär der ragusanischen Polizei, dem telegraphiert worden ist, den Spion mit den langen Haaren zu verhaften. Weil aber der Spion in Zeitungen schreibt, geschieht es nicht, man nimmt mir nur den Kodak ab, und ich erinnere mich, wie sich der Hofrat Burckhard einst als Ochsentreiber hundertfünf Gulden verdient hat, indem ereinem alten Bauer half, sein störrisches Vieh nach Sankt Gilgen zu bringen, wofür ihm der fünf Gulden gab, was der Hofrat dann in der Zeitung beschrieb, wofür er von dieser noch hundert Gulden bekam. Das will ich auch, ich will auch meinen Ochsen treiben. Und ich setze mich hin, mein dalmatinisches Abenteuer zu beschreiben.
Lustig ist, wie die Passagiere mir ausweichen, seit ich fast verhaftet worden bin. Man kann ja doch nie wissen! Aber die Leute vom Schiff, Matrosen und Aufwärter, lieben mich seitdem. Ich werde noch einmal so gut bedient. Ich muß doch trachten, nächstens einmal ganz verhaftet zu werden. Spielt weiter, gebt mir volles Maß!
Nun aber will ich die Feder eintauchen und Adjektive fischen, für meinen Ochsentrieb! Es dämmert schon, das Meer geht still. Durch die matten Scheiben sieht in den weißen Dampf von Zigaretten der Abend veilchenblau herein.
In aller Früh reißt es mich aus dem Schlaf. Und auf und fort! Der Sebastian spricht:
Sehn wir die Altertümer dieser Stadt!Laßt uns unsere Augen weidenMit den Denkmälern und berühmten Dingen,So diese Stadt besitzt.
Sehn wir die Altertümer dieser Stadt!Laßt uns unsere Augen weidenMit den Denkmälern und berühmten Dingen,So diese Stadt besitzt.
Sehn wir die Altertümer dieser Stadt!Laßt uns unsere Augen weidenMit den Denkmälern und berühmten Dingen,So diese Stadt besitzt.
Sehn wir die Altertümer dieser Stadt!
Laßt uns unsere Augen weiden
Mit den Denkmälern und berühmten Dingen,
So diese Stadt besitzt.
Und kaum ist der Sebastian still, spricht mich Malvoglio, spricht mich die zärtlich verbuhlte Gräfin an, und das alte Stück geht mir in allen Gassen nach. Ich lache mich aus, um es abzuschütteln. Aber überall ist die Luft hier von ihm voll.
Diese Stadt sitzt in einem Palast. Ein alter Mann hat seiner Einsamkeit ein Haus gebaut, und in dieses Haus haben sich dann dreitausend Menschen versteckt. Der Tote wehrt sich immer noch und will allein sein. Aber die Lebenden fragen nicht und zwängen sich durch und überall ist Lärm. In die starken alten Mauern haben sie kleine Fenster gebrochen, und blühende Blumen hängen heraus, und lachende Lippen grüßen herab. Ein ungeheures Beispiel starker Menschen ist's, die nichts achten als ihr eigenes drängendes, schwellendes, brennendes Leben. Es gibt keine Stadt, in der der Ruf des Lebens stärker ist. Von hohen Türmen, aus tiefen Kellern, in engen Gassen, zwischen Säulen, durch Tore jauchzt taumelnd das Leben. Hier sind kaum vierzigtausend Menschen, aber man glaubt sich unter hunderttausenden. So laut dröhnt der Schritt des Lebens hier.
Nur der Bezirkshauptmann hört es noch nicht.
Es leidet mich nicht, vor alten Kapitälen zu stehen und an den toten Diokletian zu denken. Die drängende, stoßende, treibende Menge nimmt mich auf und hüllt mich ein und reißt mich mit. Herrlich, sich so zu verlieren, nichts mehr von sich zu wissen, nichts mehr zu spüren als einen starken großen stillen Strom! Und während rings um mich, in einer Sprache, die mir unbekannt ist, das Leben spricht, fällt mir ein alter Spruch des weisen Schlesiers ins Gemüt:
Je mehr du dich aus dir kannst austun und entgießen:Je mehr muß Gott in dich mit seiner Gottheit fließen.
Je mehr du dich aus dir kannst austun und entgießen:Je mehr muß Gott in dich mit seiner Gottheit fließen.
Je mehr du dich aus dir kannst austun und entgießen:Je mehr muß Gott in dich mit seiner Gottheit fließen.
Je mehr du dich aus dir kannst austun und entgießen:
Je mehr muß Gott in dich mit seiner Gottheit fließen.
Und mitten in dem scharfen brenzlichen Geruch dieser bäurischen Städter mit ihren zottigen Kutten ist es mir eine selige Lust, mich aus mir ganz auszutun und zu entgießen.Sie drängen mich, sie schieben mich, ich weiß nichts mehr, ich will nichts mehr, durch unbekannte Gassen geht's, hier lacht ein Gesicht, dort zürnt ein Auge, mich aber trägt in festen Armen eine Macht dahin. Und nur manchmal sagt es leise noch in mir: Jetzt müssen wir aber doch gleich beim Garten der Gräfin Olivia sein!
Ärzte sollten Nervösen verordnen, das Gewühl von Massen aufzusuchen. Nichts tut Ängstlichen oder Unruhigen besser, als wenn ihnen einmal die Selbstbestimmung abgenommen wird und sie sich treiben lassen. Der Wille ruht aus und wir sind ja wahrscheinlich alle im Willen krank. An der Entfernung von der Gemeinschaft kranken wir. Dem Menschen ist nun einmal zugewiesen, erst im anderen sich selbst zu finden. Worauf man sich denn ebenso einen reaktionären als einen demokratischen Vers machen mag. Hauptsächlich aber einen erotischen. Ich glaube, daß, was den Mann zum Weibe treibt, zuletzt dieselbe Macht ist, die Massen beseelt. Das liebende Paar, der Marsch von Knaben in gleichem Schritt und Tritt, die Kirche, die Gemeinde, die Stadt, das Volk, der Staat, es sind alles nur Erscheinungen, Verwandlungen desselben Triebs. Bei katholischen Prozessionen, wo Eros in allen seinen Gestalten mitgeht, spürt man das sehr stark. Alle Mysterien, von Eleusis bis Echternach, wurzeln darin. Alle Propheten haben es gewußt. Und es ist sonderbar, daß es in unserer Zeit nur einer gewußt zu haben scheint: Walt Whitman. Vielleicht der einzige bisher, der die Demokratie wirklich erkannt hat: als Erfüllung des Eros.
Und nun, auf dem Markt in das Café Troccoli tretend, bin ich plötzlich entführt, wie durch Faustens Mantel.Draußen ist der Orient in allen Farben, aber drinnen das Quartier latin, mit langen Haaren, fliegenden Krawatten und dem Tumult atemloser Reden. Junge Maler sind's, die hier, beim Diokletian, einen Boul' Mich' etablieren.
Ich sinne dem Diokletian nach. Ein dalmatinischer Bauer, der Kaiser wurde, ein glücklicher Feldherr, ein großer Verwalter, ein Künstler war, die Macht verachten lernte, Rom haßte, den Thron verließ und wieder in die Heimat ging, um in großer Pracht ein Eremit zu sein. Salomon und Cäsar und der große Fritz und der zweite bayrische Ludwig in einer Person. Mit Zügen eines asiatischen Schwelgers, eines Landsknechts, eines aufgeklärten Despoten, eines Artisten und eines Weisen. Vom Feldwebel zum Kaiser. In Ägypten und an der Donau Sieger. Zwanzig Jahre lang Herr der Welt. Mit den Höflingen grausam, ein Freund der Armen. Ein Organisator. Der Erbauer der Thermen in Rom. Die Christen verfolgend. Und dann nach zwanzig Jahren der Tat, des Ruhms, der Macht wieder heim. (Wie Shakespeare dann wieder nach Stratford heimritt.) Und sitzt dann noch neun Jahre hier und sieht über das Meer hin und hört noch die heidnische Welt zerbrechen und die verhaßten Christen siegen. Er stirbt, Salona fällt, das Volk flüchtet vor den Avaren in den Palast, den er seiner Einsamkeit erbaut hat, und der schweigsame Palast verwandelt sich in eine lärmende Stadt.
Mittag wird's, die kroatischen Pariser gehen, ihre großen Hüte schwenkend, wie die Gascogner Kadetten. Ihre Lustigkeit hat mich angesteckt. Es freut mich auf einmal gar nicht mehr, an den alten Diokletian zu denken. Undmorgen ist Fastnacht! Wie dumm, in der lauten Stadt allein zu sein und Steine anzusehen, in der Stadt des Junker Tobias!
Bei Spalato
Bei Spalato
Ich will essen gehen. Und dann Nachmittag nach Salona. Und es wäre doch wirklich talentlos, wenn mir gar nichts begegnet in der Stadt der munteren Jungfer Maria.
Essen ist nun in Spalato kein Vergnügen. Ein kahler Raum; es riecht wie in einem Keller. Mißmutige Kellner in fleckigen Fräcken. Alles greift sich naß an. Und die Gäste sind der Kellner wert. Leopoldstadt. Daß da draußen, keine hundert Schritte weit, das blaue Meer sein soll, ist unglaublich. Mitten unter ihnen aber sitzt – ich reibe mirdie Augen – nein, du bist wach, die Sonne scheint und draußen ist das blaue Meer und hier, gleich am nächsten Tische neben mir, sitzt wirklich die Gräfin Olivia, hochgeboren. Ich bin nicht talentlos.
Sie hat sehr schönes rotes Haar, ein feines weißes Gesicht mit einem unartigen Näschen, erfahrene Lippen, ein englisches Kleid, das von Zwieback sein wird, und einen sehr ungeduldigen erlauchten Ton mit den Kellnern. Ich rate hin und her, was ich aus ihr machen soll. Am ehesten vielleicht noch die Frau eines Offiziers, der in's Land hinein abkommandiert ist. Indem sie sich von meinen Blicken auskultiert fühlt, werden die weißen Wangen rot, der arge Mund zornig, das Näschen bübisch und sie beugt sich auf den Teller herab vor, so daß ich jetzt nur noch den roten Helm ihrer Haare sehen kann. Während ich sie dafür durch Gleichgültigkeit strafe, steht auf einmal gegenüber ein dicker alter Herr auf, tritt an meinen Tisch und fragt mich, ob es wahr ist, daß ich der berühmte Hermann Bahr bin. Ich antworte, daß ich das nicht weiß. Er sagt, gekränkt: Das müssen Sie doch wissen! Ich sage, gereizt: Das kann ich nicht wissen! Er sagt: Jeder Mensch weiß, wer er ist. Ich sage: Kein Mensch weiß, wer er ist. Er fragt: Also sind Sie nicht der Hermann Bahr? Ich antworte: Ja ich bin ein Hermann Bahr! Er sagt: No dann sind Sie's! Und er stellt sich vor und ladet mich ein, den schwarzen Kaffee mit ihm zu nehmen, aber nebenan im anderen Saal, weil es dort nicht so kalt ist, denn er hat die Gicht. Ich antworte nicht gleich, weil er gar nicht so verlockend ist, da wendet sich der alte Herr zur Gräfin Olivia, nebenan am Tisch, und sagt: Und vielleicht das Fräulein auch oderdie gnädige Frau? Nun liegt der rote Helm ganz auf dem Teller. Ich sage: Gehn Sie nur voraus, ich komme dann vielleicht nach. Olivia schweigt. Er sagt: Denken Sie nichts Schlechtes von mir, Fräulein oder gnädige Frau, schauen Sie doch meinen weißen Bart an, aber ich glaube halt, daß Sie sich langweilen! Eigentlich ist er sehr nett und ich bin ein Rüpel. Aber der rote Helm im Teller schweigt. Der Alte geht.
Ich bleibe noch ein paar Minuten, zahle gemächlich, stehe dann auf, nehme meinen Hut und meinen Rock und frage: Werden Sie nun zu dem braven alten Herrn gehn?
Unter dem roten Helm hervor antwortet es: Wenn Sie gehen!
Ich will das aber noch deutlicher haben und frage: Ohne mich nicht?
Es ist doch sehr hübsch von ihr, daß sie gleich antwortet: Nein.
Da sage ich: Aber wozu brauchen wir dann erst den braven alten Herrn?
Sie wiederholt, lachend: Nein. Den braven alten Herrn brauchen wir wirklich nicht.
Ich schlage vor, lieber nach Salona zu fahren. Sie will nur noch rasch telephonieren. Indem wir dann zum Wagen gehen, sagt sie: Ihre Photographie hängt nämlich seit fünf Jahren in meinem Zimmer. Und es kommt heraus, daß die Gräfin Olivia Schauspielerin geworden ist und einmal in einem meiner Stücke mitgetan hat. Und in Salona will sie mich in das Haus einer Freundin aus Sarajevo bringen, die meine Bücher mag. Und für den Abend hat sie mir telephonisch geschwind einige Leute bestellt, und es sindgerade die, an die ich Empfehlungen mit habe. Das menschliche Leben ist höchst einfach. Man muß nur so talentvoll sein, sich um die rechte Stunde im richtigen Gasthaus an den rechten Tisch zu setzen.
Vormittag bei Diokletian, dann in den slawischen Wogen der Gassen, am venezianischen Rathaus vorüber ins Quartier latin, jetzt im Wagen mit einer heiteren Wienerin, die Ibsen spielt, ins Land hinein, das ganz spanisch wirkt. Wirklich, wie um Burgos herum ist die Landschaft hier, in ihrem großen, unmenschlichen, barbarischen Ernst, der die Bäume, jedes Haus, jede Regung eines einzelnen Geschöpfs verschlingt. Esel traben; in den Säcken, zwischen Körben oder auch hinter der Last sitzt oder liegt lässig ein sorglos lallender Mensch; man sieht kaum, ist es ein Mann oder ein Weib oder ein Kind, man sieht nur einen bunten Fleck, ganz hinten auf dem Esel, und während der Esel trabt, steigt aus dem bunten Fleck ein stammelnder, flackernder, wankender Gesang. Aber schon hat auch den trabenden Esel mit dem bunten Fleck die furchtbar unbewegliche Strenge dieser zeitlosen, grundlosen, leblosen Landschaft verschluckt. Ich suche vergebens, das Gefühl zu nennen, das ich hier habe: von einer gänzlichen Leere zugleich und doch auch einer ungeheuren Größe. Als hätte Gott hier zunächst erst bloß den Raum erschaffen, und der stünde nun wartend da, bis Gott ihn später einmal füllen wird.
Da blitzt vor uns, am Ende des Blicks, hoch auf dem steilen Berg, ein krachendes Weiß auf. Etwas ungeheuer Lebendiges hat dieses Weiß, in der Grabesstille des erstarrten Raums. Wie das Leben selbst winkt dieses blühendeWeiß. Es ist Clissa, die Feste, die das Tal sperrt. Kroatisch, venezianisch, ungarisch, türkisch, wieder venezianisch, österreichisch, französisch und wieder österreichisch ist seine Vergangenheit gewesen. Jetzt steht ein Korporal mit einem Zug unserer Soldaten dort.
Plötzlich erscheint ein blauer See, die Bucht von Salona, wir kommen über die alte türkische Brücke, Häuser blinken hell, die ganze Landschaft ist verwandelt, die Gräfin Olivia schildert mir ihre Nora, da halten wir schon bei ihren Freunden, eine junge Frau von einer seltsamen schweren maurischen Schönheit kommt uns entgegen und ich habe mich in dem ein wenig sezessionistelnden Zimmer, das ein Porträt Tolstois und eine große Reproduktion des Klingerschen Beethoven beherrscht, noch kaum behaglich gesetzt, als ich der gierig fragenden Frau mit den heißen schwarzen Augen vor allem von der Elektra erzählen muß, und überhaupt von Richard Strauß und wie das in Dresden alles gewesen ist. Dann erst gehen wir in die tote Stadt Salona, die, schon im 4. Jahrhundert v. Chr. griechischen Kolonisten gastlich, dann römisch, von Goten und Hunnen bedroht, im Jahre 639 von den Avaren zerstört worden ist. Wo wir aber hauptsächlich von d'Annunzio reden, in den aufgedeckten Tempeln und Bädern mit seiner blinden ahnungsvollen Anna wandelnd.
Bulič, der Schliemann von Salona, hat sich hier ein lustiges kleines Haus gebaut, ein bißchen kitschig, in einem nicht sehr glaubwürdigen altchristlichen Stil möbliert, mit allerhand Urnen, Steinen von Sarkophagen, Kapitälen als Leuchtern, Inschriften und Fragmenten. Hinter dem Häuschen beginnt das Manastirine (manastir oder namastir heißtdas Kloster, namastirište der Ort, wo einst ein Kloster gewesen ist), der Bezirk der Ausgrabungen. Uns aber führt d'Annunzio, die Gräber der Atriden tun sich auf, mit den Leichen in Gold, das Fieber unvergessener Schrecken quillt, der Schatten Klytemnästras steigt und so sind wir wieder bei Richard Strauß, während über dem blauen Dunst des Abends das erblassende Weiß der alten Feste Clissa thront.
Und dann sitzen wir abends noch lange wieder unter dem Bilde des alten Tolstoi. Diese kleine Frau mit den großen schwarzen Augen ist merkwürdig. In Tanger sah ich solche Jüdinnen, die den unsrigen nicht gleichen, sondern in ihrer schweren schwellenden Anmut eher etwas Türkisches haben. Sie ist die Tochter eines Juweliers in Sarajevo, hat aber durchaus die geistige Form einer westlichen Intellektuellen. Dem Leib Suleikas scheint durch ein Wunder der Geist Mirbeaus eingegeben. Ihr Mann, ein Ingenieur, der hier eine Zementfabrik einrichtet, setzt sich ans Klavier und spielt aus dem Lohengrin. Sie tritt zu ihm und singt mit ihrer kindlichen Stimme bosnische Lieder. Und dann kommt noch, die lustige Verwirrung zu vollenden, aus der Stadt der Doktor Tartaglia, der der Sohn eines italienischen Grafen und ein fanatischer Anwalt der kroatischen Demokraten ist. So haben wir jetzt, in der geistigen Luft von Beethoven, Tolstoi und Richard Strauß, hier beisammen: eine Wiener Ibsenspielerin aus der Schule Jarnos, eine türkische Jüdin mit nordwestlichen Empfindungen, einen Ingenieur und Wagnerianer, einen gräflichen Demokraten von italienischem Namen und kroatischer Gesinnung und einen Wiener Hausherrn aus Linz vom Deutschen Theater in Berlin; hier am Adriatischen Meer, im Salona der Argonauten,das zum Kampf der Griechen um Troja zweiundsiebzig Schiffe gestellt hat, unweit der von Shakespeare belebten Stadt Spalato, die einst der Palast des Kaisers Diokletian war, in Gesprächen über Olbrich, d'Annunzio, Klimt, die Duse, Masaryk, den Trialismus und die Sezession. Dies ist Österreich.
Die Tartaglias sind einst auf einem Kastell da droben irgendwo gesessen. Da waren sie Kroaten. Da haben sie mit den Türken gerauft. Ein Türkenschädel wird in der Familie noch aufbewahrt. Dafür wurden sie zu venezianischen Grafen gemacht. So waren sie plötzlich Italiener. Bis dann dieser hier, der Ivo, nach Prag kam, da besann er sich eines Tages und entdeckte wieder, daß sie Kroaten sind.
Das haben die Menschen in Österreich voraus, daß sich hier, wer nur ein wenig über sich nachdenkt, als ein Ergebnis vieler Verwandlungen erkennt. Anderswo hat es der Nachkomme leicht, das Erbe der Väter anzutreten, denn es enthält einen einzigen Willen und überall denselben Sinn. In uns aber rufen hundert Stimmen der Vergangenheit, der Streit der Väter ist noch nicht ausgetragen, jeder muß ihn aufs neue noch einmal entscheiden, jeder muß zwischen seinen Vätern wählen, jeder macht an sich alle Vergangenheit noch einmal durch. Denn die Vergangenheit unserer Menschen hat dies, daß keine jemals abgeschlossen worden ist, nichts ist ausgefochten worden, der Vater weicht vor dem Sohn zurück, aber im Enkel dringt er wieder vor, niemand ist sicher, jeder fühlt sich entzweit, unseren Menschen ist zu viel angeboren. Anderswo mag einer getrost den Vätern folgen, wir können es nicht, denn unsere Väter, uneinigunter sich, rufen erst unser Urteil an. Je ne puis vivre que selon mes morts, hat Barrès gesagt. Wir aber können nicht nach unseren Toten leben, weil wir zerrissen würden, denn jeder unserer Toten zerrt uns anders. Nous sommes la continuité de nos parents, sagt Barrès, toute la suite des descendants ne fait qu'un même être. Wir sind noch nicht soweit; wir haben es noch nicht dazu gebracht, aus Vorfahren und Nachkommen ein einziges Wesen zu machen; dies ist vielmehr eben erst unser Problem, das unsere Generation überhaupt erst erkannt hat. Aus den bosnischen Tartaglias, die dort in den Bergen gegen die Türken standen, und den italienischen Tartaglias, die gräflich in venezianischen Sitten schwelgten, nun einen gemeinsamen Tartaglia zu machen, der jene mit diesen so verschmilzt, daß beide sich in ihm erfüllen, ist das Problem des heutigen Tartaglia. Und meines ist, den frohen deutschen Sinn des jungen Webers, der vor zweihundert Jahren vom Rhein nach Schlesien kam, in das ängstliche Gemüt gehorsamer Staatsdiener und den eingeborenen Trotz des unbändigen Oberösterreichers so zu gewöhnen, daß jeder meiner Väter schließlich in mir Platz hat. Als wir uns vor zwanzig Jahren erhoben, war in Österreich der Wahn, man könne ein vaterloses Leben führen. Das nannte man Liberalismus bei uns. Wir aber erkannten, daß alles Leben darin nur besteht, ein Ende mit einer Vergangenheit und so den Anfang mit einer Zukunft zu machen. Doch Vergangenheit ist nie zu Ende, bevor sie nicht ein neuer Mensch in sich aufgesaugt hat; so lange muß ihr Gespenst unerlöst auf Gräbern irren. Und Zukunft hat erst begonnen, wenn in einem neuen Menschen alle Väter versammelt sind. Darauf hoffen wir,damit ringen wir, daran leiden wir, wir. Jetzt aber ist wieder eine neue Jugend da.