Achtes Kapitel

Er warf sich in einen Stuhl und begann zu grübeln. Plötzlich überkam ihn die Erinnerung an die Worte, die er in Basil Hallwards Atelier an dem Tage gesagt hatte, wo das Bild fertig geworden war. Ja, er erinnerte sich ganz deutlich. Er hatte den sinnlosen Wunsch ausgesprochen, daß er selbst jung bleiben solle, und das Porträt altern: daß seine eigene Schönheit fleckenlos bleiben, und das Antlitz auf der Leinwand die Last seiner Leidenschaften und Sünden tragen solle: daß das gemalte Bildnis von den Linien des Leidens und Denkens durchfurcht werden und er selbst den feinen Schmelz und alle Lieblichkeit seiner Jugend behalten solle, deren er sich damals gerade bewußt geworden war. Sein Wunsch war doch nicht erfüllt worden? Solche Dinge bleiben unmöglich. Nur so etwas zu denken, schien ungeheuerlich. Und doch, da stand das Bild vor ihm und hatte den Zug von Grausamkeit um den Mund.

Grausamkeit! War er grausam gewesen? Das Mädchen hatte schuld, nicht er. Er hatte von ihr geträumt, als einer großen Künstlerin, hatte ihr seine Liebe geschenkt, weil er sie für groß gehalten hatte. Dann hatte sie ihn enttäuscht. Sie war hohl und wertlos gewesen. Und doch überkam ihn ein Gefühl unendlichen Mitleids, als er daran dachte, wie sie zu seinen Füßen gelegen und wie ein kleines Kind geschluchzt hatte. Er erinnerte sich, mit welcher Gefühllosigkeit er sie betrachtet hatte. Warum war er so geschaffenworden? Warum war ihm eine solche Seele verliehen worden? Aber auch er hatte gelitten. In den drei schrecklichen Stunden, die das Stück dauerte, hatte er Jahrhunderte von Schmerzen, Ewigkeiten über Ewigkeiten von Qualen durchlebt. Sein Leben war gewiß soviel wert als das ihre, wenn er sie für das ganze Leben verwundet hatte. Sie hatte ihn für einen Augenblick vernichtet. Außerdem sind die Frauen besser dafür geeignet, Leiden zu ertragen als Männer. Sie leben von ihren Gefühlen. Sie denken nur an ihre Gefühle. Wenn sie einen Geliebten haben, so ist es nur, um jemand zu haben, dem sie Szenen machen können. Lord Henry hatte ihm das gesagt, und Lord Henry wußte, wie es mit den Frauen bestellt war. Warum sollte er sich um Sibyl Vane beunruhigen? Sie war ihm jetzt nichts mehr.

Aber das Bild? Was sollte er dazu sagen? Es barg das Geheimnis seines Lebens in sich und erzählte seine Geschichte. Es hatte ihn die Liebe zur eigenen Schönheit gelehrt. Sollte es ihn lehren, seine eigene Seele zu verabscheuen? Könnte er es je wieder anblicken?

Nein; es war nur eine Einbildung, ein Gewebe der verwirrten Sinne. Die fürchterliche Nacht, die er durchlebte, hatte Gespenster zurückgelassen. Der winzige scharlachrote Fleck, der die Menschen zum Wahnsinn treibt, war plötzlich auf seinem Gehirn zum Vorschein gekommen. Das Bild war nicht anders geworden. Es war Wahnsinn, das anzunehmen.

Aber es blickte ihn an mit seinem wunderschönen, entstellten Gesicht und seinem grausamen Lächeln. Sein hellesHaar leuchtete im Sonnengold der Frühe. Seine blauen Augen blickten in seine eigenen. Ein Gefühl grenzenlosen Mitleids durchdrang ihn, nicht mit sich selbst, nein, mit dem gemalten Abbild. Schon hatte es sich verändert und würde sich noch mehr verändern. Sein Gold wird zum Grau erbleichen. Seine roten und weißen Rosen werden welken. Für jede Sünde, die er begehen würde, wird ein Fleck hervortreten und seine Schönheit besudeln. Aber er wird nicht sündigen. Das Bildnis, verwandelt oder unverwandelt, soll für ihn das sichtbare Wahrzeichen des Gewissens sein. Er wird jeder Versuchung widerstehen. Er wird Lord Henry nicht wiedersehen — wenigstens nicht mehr seinen blendenden, giftigen Theorien lauschen, die in Basil Hallwards Garten zum erstenmal in ihm die Leidenschaft für unmögliche Dinge aufgerüttelt hatten. Er wird zu Sibyl Vane zurückeilen, sich bestreben, sie in ihrer Kunst zu verfeinern, sie heiraten und versuchen, sie wieder zu lieben. Ja, es war seine Pflicht, das zu tun. Sie mußte ja mehr gelitten haben als er. Armes Kind! Er war selbstsüchtig und grausam gegen sie gewesen. Der Zauber, den sie auf ihn ausgeübt hatte, würde wiederkehren. Sie würden glücklich miteinander werden. Sein Leben mit ihr würde schon und rein sein.

Er stand von seinem Stuhl auf und schob einen großen Wandschirm vor das Bildnis. Er schrak zusammen, als er es anblickte. „Wie schrecklich“, flüsterte er. Dann schritt er zur Glastür und öffnete sie. Als er in das Grüne hinaus trat, atmete er tief auf. Die frische Morgenluft schien all die düsteren Leidenschaften zu verjagen. Er dachte nurnoch an Sibyl. Ein schwacher Glanz seiner Liebe kehrte zurück. Er wiederholte ihren Namen immer wieder, immer wieder. Die Vögel, die in dem taubeperlten Garten sangen, schienen den Blumen von ihr zu erzählen.

Mittag war längst vorüber, als er erwachte. Sein Diener war mehrmals auf den Fußspitzen in das Zimmer geschlichen, um zu sehen, ob er wach wäre, und er hatte sich gewundert, weshalb sein junger Herr so lange schlafe. Schließlich klingelte es, und Viktor trat leise ein mit einer Schale Tee und einem Stoß Postsachen auf einer schmalen Sevresplatte und zog die olivengelben Atlasvorhänge mit ihrem blauglänzenden Futter vor den drei großen Fenstern zurück.

„Monsieur hat heute morgen gut geschlafen“, sagte er lächelnd.

„Wieviel Uhr ist es?“ fragte Dorian Gray noch verschlafen.

„Ein Viertel zwei, Monsieur!“

Wie spät es war! Er setzte sich auf, schlürfte einige Züge Tee und durchblätterte die Briefe. Einer davon war von Lord Henry und war diesen Morgen von einem Boten abgegeben worden. Er zögerte einen Augenblick und legte ihn dann zur Seite. Die anderen öffnete er zerstreut. Sie enthielten die gewöhnliche Sammlung von Karten, Einladungenzum Essen, Ausstellungsbilletts, Programmen für Wohltätigkeitskonzerte und ähnlichen Aufforderungen, wie sie einem jungen Mann der Gesellschaft während der Saison jeden Morgen ins Haus regnen. Es war auch eine recht große Rechnung dabei für ein Toiletteservice im Stile Louis des Fünfzehnten, aus getriebenem Silber, die er noch nicht mutig genug gewesen war, seinen Vormündern vorzulegen, die außerordentlich altmodische Herren waren und nicht begreifen konnten, daß man in einer Zeit lebe, wo die unnötigen Dinge unsere einzige Notwendigkeit sind; und außerdem war eine Reihe sehr höflich abgefaßter Mitteilungen aus Jermyn Street da, in denen man sich anbot, ihm in der kürzesten Zeit jeden Geldbetrag zu dem mäßigsten Zinsfuße vorzustrecken.

Etwa nach zehn Minuten stand er auf, schlüpfte in einen raffinierten Schlafrock aus Kaschmirwolle mit Seidenstickereien, und ging in das onyxgepflasterte Badezimmer. Das kalte Wasser erquickte ihn nach dem langen Schlaf. Er schien alles vergessen zu haben, was er hinter sich hatte. Ein- oder zweimal durchzuckte ihn ein undeutliches Gefühl, als wäre er irgendwie in eine seltsame Tragödie verwickelt gewesen, aber die Unwirklichkeit eines Traumes webte darüber.

Sobald er angezogen war, ging er in das Bibliothekszimmer und setzte sich zu einem leichten französischen Frühstück nieder, das auf einem kleinen, runden Tische nahe beim offenen Fenster bereit stand. Es war ein entzückender Tag. Die warme Luft schien mit Wohlgerüchen gewürzt. Eine Biene flog herein und summte um die Schale ausblauem Drachenporzellan, die voller schwefelgelber Rosen vor ihm stand. Er fühlte sich vollkommen glücklich.

Plötzlich fiel sein Blick auf den Wandschirm, den er vor das Bild gestellt hatte, und er zuckte zusammen.

„Ist es zu kalt für den gnädigen Herrn?“ fragte der Diener, während er eine Omelette auf den Tisch stellte. „Soll ich das Fenster schließen?“

Dorian schüttelte den Kopf. „Mir ist nicht kalt“, antwortete er.

War es alles wahr? Hatte sich das Bild wirklich verändert? Oder war es lediglich seine eigene Phantasie gewesen, die ihm einen Zug von Schlechtigkeit vorgespiegelt hatte, wo nur ein Zug von Freude gewesen war? Eine gemalte Leinwand konnte sich doch nicht verändern? Das war doch Tollheit! Das würde er eines Tages Basil als Märchen erzählen. Er würde darüber lächeln.

Und doch, wie lebendig war die Erinnerung an die ganze Sache! Zuerst in dem schwankenden Zwielicht und dann in der hellen Morgenfrühe hatte er den Zug von Grausamkeit um die geschwungenen Lippen bemerkt. Er fürchtete sich förmlich davor, daß sein Diener hinausgehen könnte. Er wußte, er würde, sowie er allein sei, das Bild betrachten müssen. Er fürchtete sich vor dieser Gewißheit. Als der Diener Kaffee und Zigaretten gebracht hatte und sich zum Gehen wandte, empfand er den heftigsten Wunsch, ihn dableiben zu lassen. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte, rief er ihn zurück. Der Mann stand da und wartete auf seine Befehle. Dorian sah ihn einen Augenblick an. „Ich bin für niemand zu Hause, Viktor“, sagte ermit einem Seufzer. Der Mann verbeugte sich und ging hinaus.

Dann stand er vom Tische auf, zündete sich eine Zigarette an und warf sich auf eine üppig gepolsterte Ottomane, die gegenüber dem Schirme stand. Es war ein alter Wandschirm aus vergoldetem spanischen Leder, in das ein blumiges Louis-Quatorze-Muster getrieben war. Er musterte ihn forschend und fragte sich, ob der Schirm wohl schon jemals das Geheimnis eines Menschenlebens verhüllt habe.

Sollte er ihn überhaupt wegschieben? Warum ihn nicht da stehen lassen? Was half die Gewißheit? War die Sache wahr, so war es schrecklich. War sie nicht wahr, wozu sich darüber beunruhigen? Aber wie, wenn durch Schicksalstücke oder irgendeinen tödlichen Zufall andere Augen als die seinen dahinter blickten und die fürchterliche Veränderung sähen? Was wollte er tun, wenn Basil Hallward kam und sein eigenes Bild sehen wollte? Das würde Basil sicher tun. Nein, die Sache mußte untersucht werden, und zwar auf der Stelle. Alles war besser als diese schreckliche Ungewißheit.

Er stand auf und verschloß beide Türen. Er wollte wenigstens allein sein, wenn er die Maske seiner Schande betrachtete. Dann schob er den Schirm zur Seite und sah sich selbst von Angesicht zu Angesicht. Es war vollständig wahr. Das Bildnis hatte sich verändert.

Er erinnerte sich später oft und immer mit nicht geringer Verwunderung, daß er zuerst das Bild mit einem Gefühl von wissenschaftlichem Interesse geprüft habe. Daßeine solche Veränderung möglich sei, schien ihm nicht glaublich. Und doch war es Tatsache. Gab es irgendeine geheime Verwandtschaft zwischen den chemischen Atomen, die auf der Leinwand Form und Farbe werden, und der Seele, die in ihm lebte? Konnte es sein, daß sie in Wirklichkeit ausdrückten, was seine Seele dachte? — daß sie zur Wahrheit machten, was sie träumte? Oder gab es eine andere schreckliche Beziehung? Er schauderte zusammen und fühlte sich von Angst gepackt. Dann ging er zu der Ottomane zurück und lag nun da, das Bildnis in krankhaftem Schrecken anstierend.

Eine Wirkung aber, das fühlte er, hatte es gehabt. Es hatte ihm klargemacht, wie ungerecht, wie grausam er gegen Sibyl Vane gewesen war. Noch war es nicht zu spät, das wieder gut zu machen. Sie konnte noch sein Weib werden. Seine unwahre, selbstsüchtige Liebe sollte einer höheren Kraft den Platz einräumen, sollte sich zu einer edleren Leidenschaft erhöhen und das Bildnis, das Basil Hallward gemalt hatte, sollte sein Führer durchs Leben, sollte das für ihn sein, was Heiligkeit für einige ist, Gewissen für andere und Gottesfurcht für uns alle ist. Es gab Schlafmittel für Gewissensbisse, Medikamente, die das Sittlichkeitsgefühl in Schlaf lullen konnten. Aber hier war das durch Sündigkeit hervorgerufene sichtbare Symbol der Erniedrigung. Hier war das ewig unauslöschliche Zeichen des Verderbens, das Menschen der eigenen Seele zufügen.

Es schlug drei und vier, und noch eine halbe Stunde ließ das doppelte Zeichen erklingen, aber Dorian Grayrührte sich nicht. Er bemühte sich, die scharlachroten Fäden des Lebens zu entwirren und sie in ein Muster zu verschlingen; seinen Weg zu finden aus dem blutroten Irrgarten der Leidenschaft, den er durchwanderte. Er wußte nicht, was er tun, nicht, was er denken sollte. Endlich trat er an den Tisch und schrieb einen leidenschaftlichen Brief an das Mädchen, das er geliebt hatte, flehte sie an, ihm zu verzeihen, und beschuldigte sich des Wahnsinns. Er bedeckte Seite um Seite mit wilden Worten der Sorge und noch heftigeren des Schmerzes. Es gibt eine Wollust in Selbstanklagen. Wenn wir uns selbst tadeln, haben wir das Gefühl, daß uns kein anderer tadeln dürfe. Die Beichte, nicht der Priester, erteilt uns Absolution. Als Dorian den Brief beendet hatte, fühlte er, daß ihm vergeben worden sei.

Plötzlich pochte man an die Tür und er hörte Lord Henrys Stimme draußen. „Lieber Junge, ich muß dich sehen. Laß mich gleich herein! Ich kann es nicht zugeben, daß du dich so absperrst!“

Er gab zuerst keine Antwort, sondern blieb ganz still. Das Klopfen wiederholte sich und wurde lauter. Ja, es war besser, Lord Henry einzulassen und ihm zu erklären, daß er ein neues Leben führen wolle, mit ihm zu streiten, wenn Streit nötig wäre, und sich von ihm zu trennen, wenn Trennung stattfinden mußte. Er sprang auf, schob den Wandschirm hastig vor das Bild und schloß die Tür auf.

„Es tut mir alles so sehr leid, Dorian“, sagte Lord Henry, als er eintrat. „Aber du mußt nicht zuviel daran denken.“

„Meinst du an Sibyl Vane?“ fragte der Jüngling.

„Ja, natürlich“, erwiderte Lord Henry, ließ sich in einen Stuhl nieder und zog seine gelben Handschuhe langsam aus. „Es ist gewiß, einerseits betrachtet, schrecklich, aber es war doch nicht deine Schuld. Sag' mal, bist du hinter die Bühne gegangen und hast du sie gesehen, als das Stück aus war?“

„Ja.“

„Ich war davon überzeugt. Hast du ihr eine Szene gemacht?“

„Ich war brutal, Harry, offen gesagt, brutal. Aber jetzt ist alles wieder gut. Was geschehen ist, tut mir nicht mehr leid. Es hat mich gelehrt, mich selbst besser kennenzulernen.“

„Ach, Dorian, da bin ich sehr froh, daß du es so auffaßt. Ich fürchtete, dich von Gewissensbissen zermartert zu finden und wie du dir die hübschen lockigen Haare zerraufst.“

„Das habe ich alles durchgemacht“, sagte Dorian und schüttelte lächelnd den Kopf. „Jetzt bin ich vollkommen glücklich. Vor allem weiß ich jetzt, was es heißt, ein Gewissen zu haben. Es ist nicht das, was du mir gesagt hast. Es ist das Göttlichste in uns. Spotte nicht darüber, nie mehr, Harry — wenigstens nie mehr in meiner Gegenwart. Ich will jetzt gut sein. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, meine Seele befleckt zu haben.“

„Wirklich eine entzückende, künstlerische Grundlage für Moral, Dorian. Ich gratuliere dir dazu. Aber wie willst du damit anfangen?“

„Indem ich Sibyl Vane heirate.“

„Sibyl Vane heiraten?“ schrie Lord Henry auf, erhob sich und sah ihn mit der bestürztesten Verwunderung an. „Aber mein lieber Dorian —“

„Ja, Harry, ich weiß, was du sagen willst. Irgend etwas Häßliches über die Ehe. Sag' es nicht. Sag' mir nie wieder solche Dinge. Vor zwei Tagen habe ich Sibyl gebeten, mich zu heiraten. Ich werde mein Wort nicht brechen. Sie soll meine Frau werden.“

„Deine Frau, Dorian... Hast du denn meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir heute früh geschrieben und schickte die Mitteilung durch meinen Diener her.“

„Deinen Brief? Ach ja, ich erinnere mich. Ich hab' ihn noch nicht gelesen, Harry. Ich fürchtete, daß etwas drin stünde, was mir nicht gefallen könnte. Du vivisezierst das Leben mit deinen Aphorismen.“

„Dann weißt du also nichts.“

„Wovon sprichst du?“

Lord Henry wanderte durch das Zimmer, setzte sich dann neben Dorian Gray, nahm seine beiden Hände und hielt sie fest. „Dorian,“ sagte er, „mein Brief — erschrick nicht — sollte dir melden, daß Sibyl Vane tot ist.“

Ein Schmerzensschrei gellte von den Lippen des Jünglings, und er sprang auf und riß seine Hände aus Lord Henrys Umklammerung los. „Tot! Sibyl tot!“ Es ist nicht wahr. Es ist eine furchtbare Lüge. Wie wagst du es, das zu sagen?“

„Es ist völlig wahr, Dorian“, sagte Lord Henry ernst. „Es steht in allen Morgenblättern. Ich schrieb dir's gleichund bat, du solltest niemand empfangen, bis ich käme. Es muß natürlich eine Untersuchung stattfinden, und du darfst da nicht hineingezogen werden. Dinge dieser Art machen in Paris einen Mann zum Helden des Tages. Aber in London haben die Leute zuviel Vorurteile. Hier darf man nie mit einem Skandal debütieren. Man muß sich das aufheben, um im Alter noch interessant zu sein. Ich nehme an, man weiß im Theater deinen Namen nicht. In dem Fall ist alles gut. Hat dich jemand in die Garderobe gehen sehen? Das ist ein wichtiger Faktor.“

Ein paar Augenblicke lang antwortete Dorian nicht. Er war vor Entsetzen gelähmt. Schließlich stammelte er mit erstickter Stimme: „Harry, sagtest du eine Untersuchung? Was meintest du damit? Hat sich Sibyl —? Oh, Harry, ich kann's nicht ertragen. Mach's kurz. Sag' mir alles auf einmal.“

„Ich zweifle nicht daran, daß es kein Versehen war, Dorian, wenn man es auch dem Publikum so darstellen muß. Es scheint, sie hat das Theater mit ihrer Mutter verlassen, gegen halb eins ungefähr, und dann sagte sie plötzlich, sie habe oben etwas vergessen. Man wartete einige Zeit auf sie, aber sie kam nicht wieder herunter. Schließlich fanden sie sie tot auf dem Boden in ihrem Ankleidezimmer. Sie hatte aus Versehen irgend etwas getrunken, irgend solche gräßliche Sache, die man in den Theatern braucht. Ich weiß nicht genau, was es war, aber es muß entweder Blausäure oder Bleiweiß gewesen sein. Ich vermute, Blausäure, denn sie scheint sofort tot gewesen zu sein.“

„Harry, Harry, es ist furchtbar!“ schrie der Jüngling.

„Ja; natürlich ist's sehr tragisch, aber du mußt sehen, nicht mit in die Sache verwickelt zu wenden. Ich habe im ‚Standard‛ gelesen, daß sie siebzehn Jahre alt war. Ich hätte sie noch eher für jünger gehalten. Sie sah ganz wie ein Kind aus und schien so wenig von der Schauspielerei zu verstehen. Dorian, du darfst die Sache nicht so an die Nerven gehen lassen. Du mußt mitkommen und mit mir essen, und nachher wollen wir noch 'n bißchen in die Oper gehen. Die Patti singt, und alle Welt wird da sein. Du kannst mit in die Loge von meiner Schwester kommen. Sie bringt ein paar famose Frauen mit.“

„So habe ich also Sibyl Vane gemordet,“ sagte Dorian Gray halb zu sich selbst — „sie gemordet, so sicher, als hätte ich ihre zarte Kehle mit einem Messer durchschnitten. Und doch sind darum die Rosen nicht weniger entzückend. Die Vögel in meinem Garten singen genau so lustig. Und heute abend geh' ich mit dir essen und dann in die Oper und nachher vermutlich irgendwo soupieren. Wie merkwürdig dramatisch das Leben ist. Wenn ich das alles in einem Buche gelesen hätte, Harry, ich glaube, ich hätte darüber geweint. Aber jetzt, wo es in Wirklichkeit geschehen ist, wo es mir selbst geschehen ist, scheint es mir zu wunderbar für Tränen. Da liegt der erste leidenschaftliche Liebesbrief, den ich in meinem Leben geschrieben habe. Seltsam, daß mein erster leidenschaftlicher Liebesbrief an ein totes Mädchen gerichtet ist. Ich möchte wohl wissen, ob sie noch ein Gefühl haben, diese weißen, verstummten Menschen, die wir Tote nennen. Sibyl! Kann sie fühlen, oder wissen,oder hören? O Harry, wie hab' ich sie einmal geliebt! Es scheint mir jetzt vor Jahren gewesen zu sein. Sie war mir alles. Dann kam dieser schreckliche Abend, — war es wirklich erst gestern? wo sie so schlecht spielte und mir fast das Herz zerriß. Sie hat mir alles erklärt. Es war furchtbar rührend. Aber es machte nicht den mindesten Eindruck auf mich. Ich hielt sie für ein oberflächliches Geschöpf. Dann geschah plötzlich etwas, was mir Furcht einjagte. Ich kann dir nicht sagen, was es war, aber es war furchtbar. Ich nahm mir vor, zu ihr zurückzukehren. Ich empfand, daß ich unrecht gehabt habe. Und jetzt ist sie tot. Mein Gott! Mein Gott! Harry, was soll ich tun? Du kennst die Gefahr nicht, in der ich schwebe und es gibt nichts, was mich aufrechterhalten könnte. Sie hätte es für mich getan. Sie hatte kein Recht, sich umzubringen. Es war selbstsüchtig von ihr.“

„Mein lieber Dorian,“ antwortete Lord Harry, während er eine Zigarette aus dem Etui nahm und ein goldenes Streichholzbüchschen hervorholte, „die einzige Art, auf die eine Frau einen Mann bessern kann, besteht darin, sie langweilt ihn so gründlich, daß er alles Interesse am Leben verliert. Wenn du dieses Mädchen geheiratet hättest, wärst du verdorben worden. Natürlich hättest du sie gütig behandelt. Menschen, für die man nichts übrig hat, kann man immer gütig behandeln. Aber sie hätte bald herausgefunden, daß du gar nichts für sie übrig hast. Und wenn eine Frau bei ihrem Mann Gleichgültigkeit wittert, vernachlässigt sie sich entweder schrecklich, oder sie trägt überelegante Hüte, die der Mann einer anderenFrau bezahlen muß. Ich will nichts über das soziale Mißverhältnis sagen, das schauderhaft gewesen wäre; ich hätte selbstverständlich die Sache nie zugegeben, aber ich versichere dir, die Sache wäre in jedem Falle ganz verfehlt gewesen.“

„Vermutlich“, murmelte der junge Mann, während er mit furchtbar blassem Gesicht im Zimmer auf und ab schritt. „Aber ich glaube, es sei meine Pflicht. Es ist nicht meine Schuld, daß mich dieses schreckliche Trauerspiel verhindert hat, das Rechte zu tun. Ich erinnere mich, daß du einmal gesagt hast, ein sonderbares Verhängnis schwebe über guten Vorsätzen — daß man sie nämlich immer zu spät fasse. Bei meinem war es gewiß der Fall.“

„Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, Naturgesetze umzustoßen. Ihr Ursprung ist reine Eitelkeit. Ihr Erfolg ist absolut gleich Null. Sie geben uns dann und wann etwas jener unfruchtbaren Lustempfindungen, die auf schwache Menschen einen gewissen Reiz ausüben. Das ist alles, was man zu ihren Gunsten vorbringen kann. Sie sind bloße Schecks, die man auf eine Bank ausstellt, bei der man kein Konto hat.“

„Harry“, rief Dorian Gray, der sich näherte und neben ihn setzte. „Warum kann ich diese Tragödie nicht so stark empfinden, wie ich müßte? Ich kann nicht glauben, daß ich herzlos bin. Glaubst du das von mir?“

„Du hast in den letzten vierzehn Tagen zuviel törichte Streiche begangen, als daß du einen Anspruch auf diesen Ehrentitel haben könntest, Dorian“, erwiderte Lord Harry mit seinem stillen, melancholischen Lächeln.

Der Jüngling runzelte die Stirn. „Diese Erklärung besagt mir eigentlich nichts, Harry, aber ich bin dennoch froh, daß du mich nicht für herzlos hältst. Ich bin es gewiß nicht. Ich weiß, daß ich es nicht bin. Und doch muß ich zugeben, daß dies Ereignis mich nicht so angreift, wie es sollte. Es kommt mir wie der wunderbare Szenenschluß eines wunderbaren Dramas vor. Es hat die schreckliche Schönheit einer griechischen Tragödie, einer Tragödie, in der ich eine große Rolle gespielt habe, aber in der ich selbst nicht verwundet worden bin.“

„Es ist eine interessante Frage,“ sagte Lord Harry, dem es ein ausgesuchtes Vergnügen bereitete, mit dem unbewußten Egoismus des jungen Mannes zu spielen — „eine außerordentlich interessante Frage. Ich meine, die wahre Erklärung ist wohl die. Es kommt oft vor, daß sich die Wirklichkeits-Tragödien des Lebens in einer so unkünstlerischen Form abspielen, daß sie uns durch ihre rohe Gewalt, ihren absoluten Mangel an Zusammenhang, durch ihre lächerliche Sinnlosigkeit und ihre außerordentliche Stillosigkeit verletzen. Sie betrüben uns genau so, wie es die Gemeinheit tut. Sie geben uns ein Gefühl einer jähen, brutalen Gewalt, und wir lehnen uns dagegen auf. Manchmal aber kreuzt eine Tragödie unser Leben, die künstlerische Schönheitselemente in sich birgt. Wenn diese Schönheitselemente wirklich vorhanden sind, dann ergreift die ganze Sache nur unseren Sinn für dramatische Wirkung. Wir entdecken auf einmal, daß wir nicht mehr die Darsteller, sondern die Zuschauer des Stückes sind. Oder richtiger, wir sind beides. Wir beobachten unsselbst und werden von dem Wundersamen des Schicksals erschüttert. Was ist in vorliegendem Falle wirklich geschehen? Jemand hat sich aus Liebe zu dir umgebracht. Ich wollte, mir wäre je so ein Erlebnis passiert. Ich wäre den Rest meines Lebens in die Liebe verliebt gewesen. Die Menschen, die mich angebetet haben — es waren ihrer nicht sehr viele, aber doch immerhin einige —, waren immer darauf versessen, weiterzuleben, noch lange, nachdem ich aufgehört hatte, mich um sie zu kümmern, oder sie, sich um mich zu kümmern. Sie sind dann dick und langweilig geworden, und wenn ich ihnen jetzt begegne, schwelgen sie sofort in Erinnerungen. Dies furchtbare zähe Gedächtnis der Frauen! Was für 'ne schreckliche Sache das ist! Und was für einen völligen geistigen Stillstand offenbart es. Man sollte die Farbe des Lebens in sich aufsaugen, aber sich niemals an Einzelheiten erinnern. Einzelheiten sind immer gewöhnlich.“

„Ich muß Mohnblumen in meinen Garten säen“, seufzte Dorian.

„Das ist nicht notwendig“, erwiderte sein Gefährte. „Das Leben selbst hat immer Mohnblumen vorrätig. Natürlich, dann und wann halten die Dinge länger an. Einmal habe ich eine ganze Saison lang nichts als Veilchen getragen, als eine Art künstlerischer Trauer für einen Roman, der nicht sterben wollte. Schließlich indessen ist er gestorben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ihn getötet hat. Ich vermute, es kam durch ihren Vorschlag, mir die ganze Welt aufzuopfern. Das ist immer ein schrecklicher Augenblick. Er erfüllt einen mit den Schrecknissender Ewigkeit. Schon — würdest du es nun glauben? — Vorige Woche, bei Lady Hampshire, saß ich bei Tisch neben der fraglichen Dame, und sie konnte wiederum nicht anders, als die ganze Sache durchzunehmen, die Vergangenheit aufzuwühlen und die Zukunft auszumalen. Ich hatte den ganzen Roman unter einem Asphodelosbeet begraben. Sie scharrte ihn wieder aus und versicherte mir, daß ich ihr Leben zerstört habe. Ich fühle mich verpflichtet festzustellen, daß sie trotzdem mit staunenswertem Appetite aß, so daß ich gar keine Gewissensbisse empfand. Aber welchen Mangel an Taktgefühl bewies sie! Der einzige Reiz der Vergangenheit liegt eben darin, daß sie vergangen ist. Aber Frauen wissen nie, wann der Vorhang gefallen ist. Sie wollen immer noch einen sechsten Akt, und sowie das ganze Interesse an dem Stück erlahmt ist, schlagen sie vor, weiterzuspielen. Wenn man ihnen ihren Willen ließe, erlebte jede Komödie einen tragischen Schluß, und jede Komödie gipfelte in einer Farce. Sie sind oft entzückende Kunstprodukte, aber sie haben keinen Sinn für die Kunst. Du bist glücklicher als ich. Ich versichere dir, Dorian, nicht eine einzige Frau, die ich gekannt habe, hätte für mich getan, was Sibyl Vane für dich vollbrachte. Gewöhnliche Frauen trösten sich immer. Einige von ihnen tun es, indem sie sich in empfindsame Farben verlieben. Traue niemals einer Frau, die Malven trägt, wie alt sie auch sein mag, oder einer Frau über fünfunddreißig, die rosa Bänder liebt. Das bedeutet immer, daß sie eine Geschichte haben. Andere finden starken Trost darin, plötzlich die Vorzüge ihrer Männer zu entdecken.Sie reiben einem ihr eheliches Glück unter die Nase, als wäre das die fesselndste Sünde. Einige wieder tröstet die Religion. Ihre Mysterien haben alle Reize einer Liebelei an sich, hat mir einmal eine Frau versichert und ich kann es wohl verstehen. Übrigens macht unsereinen nichts so eitel, als wenn einem gesagt wird, man wäre ein Sünder. Das Gewissen macht uns alle zu Egoisten. Ja; die Tröstungen haben wirklich kein Ende, die die Frauen im modernen Leben finden. Die wichtigste habe ich noch gar nicht erwähnt.“

„Welche ist das, Harry?“ fragte der junge Mann zerstreut.

„Oh, der alltäglichste Trost. Einer anderen Frau ihren Anbeter nehmen, wenn man den eigenen verloren hat. In der guten Gesellschaft findet eine Frau auf solche Weise immer ihr Fahrwasser wieder. Aber wirklich, Dorian, wie anders muß Sibyl Vane gewesen sein als alle die sonstigen Frauen, denen man begegnet. Für mich liegt in ihrem Tod etwas ganz Wunderschönes. Es freut mich, daß ich in einem Jahrhundert lebe, wo solche Wunder noch geschehen. Sie geben uns neuen Glauben an die Wirklichkeit der Dinge, mit denen wir sonst spielen, wie Romantik, Leidenschaft und Liebe.“

„Ich war furchtbar grausam gegen sie. Du vergißt das.“

„Ich fürchte, die Frauen schätzen die Grausamkeit, die ganz alltägliche Grausamkeit mehr als irgend etwas anderes. Sie haben wundervoll primitive Instinkte. Wir haben sie emanzipiert, aber sie bleiben Sklavinnen, die denBlick auf ihre Herren gerichtet halten, trotz allem. Sie lieben es, beherrscht zu werden. Ich bin überzeugt, daß du glänzend aufgetreten bist. Ich habe dich nie wirklich und durchaus erzürnt gesehen, aber ich kann mir vorstellen, wie entzückend du ausgesehen haben mußt. Und außerdem sagtest du vorgestern etwas zu mir, was mir damals nur ein phantastischer Einfall schien, aber jetzt sehe ich, daß es völlig wahr gewesen ist, und ich halte es für den Schlüssel zu dem ganzen Ereignis.“

„Was war das, Harry?“

„Du hast zu mir gesagt, Sibyl Vane verkörpere dir alle Frauengestalten der Romantik — sie sei an einem Abend Desdemona und am anderen Ophelia; wenn sie als Julia sterbe, erwache sie als Imogen wieder zum Leben.“

„Sie wird nie wieder zum Leben erwachen“, ächzte der Jüngling und barg sein Gesicht in den Händen.

„Nein, sie wird nie wieder zum Leben erwachen. Sie hat ihre letzte Rolle gespielt. Aber du mußt an diesen einsamen Tod in dem ärmlichen Garderobenzimmer denken wie an ein seltsam schauriges Fragment aus einer Tragödie von der Zeit König Jakobs her, wie an eine wunderbare Szene bei Webster oder Ford oder Cyril Tourneur. Das Mädchen hat nie wirklich gelebt, also ist sie auch nie wirklich gestorben. Für dich war sie ja niemals mehr als ein Traum, ein Schattengeist, der durch Shakespeares Dramen huschte und sie durch ihr Dasein noch reizvoller machte, der Ton einer Flöte, durch die Shakespeares Musik noch reicher und freudiger ertönte. Im Augenblick, wo sie das wirkliche Leben berührte, zerstörte sie es, und es zerstörtesie, und so schied sie dahin. Trauere um Ophelia, wenn es dir behagt. Streu Asche auf dein Haupt, weil Kordelia erwürgt wurde. Schrei zum Himmel, weil die Tochter des Brabantio starb. Aber verschwende deine Tränen nicht um Sibyl Vane. Sie war weniger wirklich, als jene sind.“

Es entstand ein Schweigen. Der Abend dämmerte im Zimmer. Geräuschlos auf silbernen Fußen schlichen die Schatten aus dem Garten herein. Die Farben verschwanden müde aus allen Dingen.

Nach einer Weile sah Dorian Gray auf. „Du hast mich mir selber klargemacht“, flüsterte er mit einem Seufzer der Erleichterung. „Alles, was du gesagt hast, habe ich auch gefühlt, nur hab' ich mich davor geängstigt, und ich konnte es mir selbst nicht ausdrücken. Wie gut du mich kennst! Aber wir wollen, von dem was geschehen ist, nie wieder sprechen. Es war ein wundersames Erlebnis. Das ist alles. Ich möchte wissen, ob meiner noch etwas so Wunderbares im Leben harrt.“

„Das Leben hat alles für dich vorrätig, Dorian. Es gibt nichts, was du mit deiner außerordentlichen Schönheit nicht tun könntest.“

„Aber stelle dir vor, Harry, wenn ich hager und alt und runzlich würde, was dann?“

„Ach dann,“ sagte Lord Harry und erhob sich zum Gehen — „dann, mein bester Dorian, würdest du um deine Siege kämpfen müssen. Wie es ist, werden sie dir noch entgegengetragen. Nein, du mußt schön bleiben, wie du noch bist. Wir leben in einer Zeit, in der zuviel gelesenwird, als daß sie weise wäre, und in der zuviel gedacht wird, als daß sie schön wäre. Wir können dich nicht entbehren. Und jetzt tätest du besser, dich anzuziehen und in den Klub zu fahren. Wir kommen ohnehin schon zu spät.“

„Ich meine, ich treffe dich lieber in der Oper, Harry. Ich bin zu müde, um etwas zu essen. Welche Nummer hat die Loge deiner Schwester?“

„Siebenundzwanzig, glaub' ich, sie liegt im ersten Rang. Du findest ihren Namen an der Tür. Aber es tut mir leid, daß du nicht mit essen kommst.“

„Ich bin nicht aufgelegt dazu,“ sagte Dorian zerstreut, „aber ich bin dir sehr dankbar für alles, was du zu mir gesagt hast. Du bist wirklich mein bester Freund. Niemand hat mich je richtiger verstanden als du.“

„Wir stehen erst am Anfang unserer Freundschaft, Dorian“, erwiderte Lord Harry und schüttelte ihm die Hand. „Adieu! Ich hoffe, dich vor halb zehn zu sehen. Vergiß nicht: die Patti singt.“

Als sich die Tür hinter ihm schloß, klingelte Dorian Gray, und nach ein paar Minuten erschien Viktor mit den Lampen und ließ die Vorhänge herab. Er wartete ungeduldig, daß der Diener wieder verschwände. Der Mann schien eine unglaubliche Zeit für alles zu gebrauchen.

Sobald er wieder draußen war, stürzte Dorian auf den Schirm zu und schob ihn zurück. Nein, das Bild hatte sich nicht wieder verändert. Es hatte die Nachricht von Sibyl Vanes Tod erhalten, bevor er selbst davon gewußt hatte. Es kannte die Ereignisse des Lebens, sobald sie sich ereigneten.Dieser Zug böser Grausamkeit, der die feinen Linien des Mundes verunstaltete, war zweifellos im Augenblick aufgetaucht, als das Mädchen das Gift genommen hatte. Oder kümmerte sich das Bild nicht um die Wirkungen einer Tat? Nahm es nur von Vorgängen in der Seele Kenntnis? Er hätte es gar zu gern gewußt und hoffte, eines Tages solche Wandlung vor seinen Augen geschehen zu sehen, und er schauderte, während er es hoffte.

Die arme Sibyl! Wie sonderbar romantisch alles gewesen war! Sie hatte oft den Tod auf der Bühne dargestellt. Dann hatte sie der Tod selbst gepackt und weggeholt. Wie mochte sie die grauenvolle letzte Szene gespielt haben? Hatte sie ihn im Sterben verflucht? Nein; sie war aus Liebe zu ihm gestorben, und die Liebe sollte ihm von jetzt ab immer ein Heiligtum bleiben. Sie hatte alles gebüßt durch das Opfer ihres Lebens. Er wollte nicht mehr daran denken, was er ihretwegen an jenem schrecklichen Theaterabend durchgemacht hatte. Wenn er an sie dachte, sollte es sein wie an eine wundersam tragische Gestalt, die auf die Weltbühne gestellt worden war, um die höchste Verwirklichung der Liebe zu künden. Eine wundersam tragische Gestalt? Tränen traten ihm in die Augen, als er sich ihres kindlichen Aussehens, ihrer fröhlichen, phantastischen Art, ihrer scheuen, zaghaften Anmut entsann. Er verscheuchte alles hastig und blickte wieder auf das Porträt.

Er fühlte, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, zu wählen. Oder war die Wahl schon getroffen? Ja, das Leben hatte für ihn entschieden — das Leben und seine unermeßliche Neugier auf das Leben. Ewige Jugend,unerschöpfliche Leidenschaft, ausgesuchte, geheimnisvolle Genüsse, wilde Freuden und noch wildere Sünden — all das sollte er haben. Das Bildnis sollte die Last seiner Schmach tragen: das war alles.

Ein peinliches Gefühl beschlich ihn, als er an die Entweihung dachte, die dieses schönen Gesichtes auf der Leinwand harrte. Einmal hatte er in knabenhafter Parodie des Narzissus die gemalten Lippen, die ihn jetzt so grausam anlächelten, geküßt oder doch zum Schein geküßt. Morgen für Morgen hatte er vor dem Bild gesessen und seine Schönheit angestaunt; zu Zeiten kam es ihm vor, als sei er in sein eigenes Bild verliebt. Sollte es sich nun wandeln mit jeder Laune, der er nachgab? Sollte es ein ungeheuerliches, widerliches Ding werden, das man im verhängten Winkel verschließen müsse vor dem Glanz der Sonne, der so oft das lockige Wunder seines Haares noch goldiger hatte aufleuchten lassen? Wie schade! Wie schade!

Einen Augenblick dachte er daran, zu beten, daß die entsetzliche Beziehung zwischen ihm und dem Bilde aufhören möge. Es hatte sich verwandelt, da er darum gebeten hatte; es könnte vielleicht, wenn er darum bäte, auch wieder unverändert bleiben. Und doch, wer, der eine Ahnung vom Leben hat, würde die Möglichkeit, immer jung zu bleiben, aufgeben, mochte die Möglichkeit noch so phantastisch und mit noch so verhängnisreichen Folgen verknüpft sein? Überdies, stand es wirklich in seiner Macht? War wirklich das Gebet die Ursache der Verwandlung? Konnte es für die ganze Sache nicht irgendeine merkwürdige wissenschaftliche Ursache geben? Wenn das Denkeneine Wirkung auf einen lebenden Organismus ausüben konnte, konnte da nicht das Denken auch auf tote unorganische Dinge Einfluß haben? Ja, konnten nicht ohne Gedanken und bewußte Wünsche Dinge eingreifen, die ganz außerhalb unserer Person stehen, im Einklange mit unseren Launen und Leidenschaftsanfällen erzittern, konnte nicht Atom zu Atom sprechen in geheimer Neigung oder seltsamer Verwandtschaft? Aber schließlich waren die Ursachen gleichgültig. Er wollte durch Gebet nie wieder eine schreckliche Macht versuchen. Wenn das Bildnis sich wandeln wollte, so sollte es sich wandeln. Das war einmal so. Warum zu tief in ein Geheimnis eindringen?

Allerdings müßte es ein starker Genuß sein, solchen Vorgang zu beobachten. Er würde befähigt werden, seinem Geist in geheime Schlupfwinkel zu folgen. Dies Bild sollte ihm der zauberhafteste Spiegel werden. Wie es ihm seinen Körper geoffenbart hatte, so sollte es ihm nun die Seele enthüllen. Und wenn der Winter über das Gemälde hereinbrach, dann stand er immer noch da, wo der Frühling schwankt, ob er die zum Sommer führende Schwelle überschreiten soll. Wenn das Blut aus seinem Antlitz fortschliche und eine kreidebleiche Maske mit stummen Augen zurückließe, dann bewahrte er immer noch den Glanz des Säuglingsalters. Keine Blüte seiner Lieblichkeit sollte jemals welken. Kein Pulsschlag seines Lebens jemals erlahmen. Wie die Götter der Griechen würde er stark und behend und heiter bleiben. Was lag daran, was aus dem gemalten Abbild auf der Leinwand wurde? Er selbst war seiner sicher. Darauf kam alles an.

Er schob den Schirm wieder auf den alten Platz vor dem Bilde und lächelte, indem er es tat. Dann ging er in sein Schlafzimmer, wo sein Diener schon auf ihn wartete. Eine Stunde später war er in der Oper, und Lord Harry beugte sich über seinen Stuhl.

Als er am nächsten Morgen beim Frühstück saß, trat Basil Hallward ins Zimmer.

„Ich bin so froh, daß ich dich treffe, Dorian“, sagte er ernsten Tons. „Ich war gestern abend hier, und man sagte mir, daß du in der Oper seist. Ich wußte natürlich, daß es ja unmöglich ist. Aber es wäre mir lieber gewesen, du hättest ein Wörtchen hinterlassen, wo du wirklich warst. Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht, und fürchtete halb, daß eine Tragödie der anderen folgen würde. Ich meine, du hättest mir wohl depeschieren können, so wie du die Nachricht erhieltst. Ich hab' es durch Zufall im letzten Abendblatt des Globe gelesen, das mir im Klub in die Hände geriet. Ich eilte sofort hierher und war unglücklich, dich nicht zu Hause anzutreffen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie tief mir die ganze Sache ins Herz schneidet. Ich weiß, was du leiden mußt. Aber wo warst du denn? Bist du hingegangen, um die Mutter des Mädchens zu sehen? Einen Moment dachte ich daran, dir dorthin zu folgen. In der Zeitung stand die Adresse. Irgendwo in Euston Road, nicht wahr? Aber ich hatte Angst,zudringlich zu sein in einem Schmerze, wo ich doch nicht abhelfen konnte. Die arme Frau! In was für einem Zustand muß sie sein! Und dazu ihr einziges Kind! Was hat sie zu all dem gesagt?“

„Mein lieber Basil, wie soll ich das wissen?“ sagte Dorian Gray, nippte etwas hellgelben Wein aus einem reizenden bauchigen venezianischen Glase, das mit Goldperlen inkrustiert war, und sah ganz unwillig aus. „Ich war in der Oper. Du hättest auch hinkommen sollen. Ich habe dort HarrysSchwester,Lady Gwendolen, kennengelernt. Wir waren in ihrer Loge. Sie ist ein bezauberndes Weib; und die Patti hat göttlich gesungen. Sprich nicht von schrecklichen Dingen! Wenn man über eine Sache nicht spricht, ist sie nicht geschehen. Nur was man äußert, sagt Harry, gibt den Dingen ihre Wirklichkeit. Erwähnen möcht' ich aber, daß sie nicht das einzige Kind der Frau war. Es ist noch ein Sohn da, ein famoser Junge vermutlich. Aber er ist nicht beim Theater. Matrose oder so was ähnliches. Und jetzt erzähle mir was von dir, was malst du?“

„Du warst in der Oper?“ sagte Hallward gedehnt, und seine Stimme war gepreßt vor Schmerz. „Du warst in der Oper, während Sibyl Vane tot in irgendeiner schmutzigen Stube lag? Du kannst mir von anderen bezaubernden Weibern erzählen, und daß die Patti göttlich gesungen hat, noch ehe das Mädchen, das du geliebt hast, die Ruhe des Grabes gefunden hat, darin sie schlafen soll? Mensch, bedenke doch, welche Schrecknisse auf den kleinen weißen Körper warten!“

„Hör' auf, Basil, ich will davon nichts hören!“ rief Dorian und sprang auf. „Du darfst mir über diese Dinge nichts sagen. Was geschehen ist, ist geschehen, was vergangen ist, ist vergangen.“

„Nennst du gestern die Vergangenheit?“

„Was hat die wirklich verstrichene Zeit damit zu tun? Nur seichtes Volk braucht Jahre, um ein Gefühl zu überwinden. Ein Mensch, der Herr über sich selbst ist, kann einen Schmerz ebenso leicht überwinden, wie er einen Genuß entdecken kann. Ich will nicht der Spielball meiner Empfindungen sein. Ich will sie ausnützen, mich an ihnen freuen und sie beherrschen.“

„Dorian, es ist schauderhaft! Irgend etwas hat dich ganz verändert. Du siehst noch genau so aus wie der wunderhübsche Junge, der Tag für Tag in mein Atelier kam, um für mein Bild zu sitzen. Aber damals warst du einfacher, natürlich und herzlich. Du warst das unverdorbenste Menschenkind auf der ganzen Welt. Ich weiß nicht, was jetzt über dich gekommen ist. Du sprichst, als hättest du kein Herz, kein Mitleid in dir. Das ist Harrys Einfluß. Ich sehe es.“

Der junge Mensch wurde rot, ging ans Fenster, sah ein paar Augenblicke auf den grün schimmernden, von der Sonne betupften Garten. „Ich schulde Harry sehr viel, sehr viel, Basil,“ sagte er schließlich — „mehr als ich dir schulde. Du hast mir nur Eitelkeit beigebracht.“

„Ich bin bestraft worden dafür, Dorian — oder werde es eines Tages sein.“

„Ich weiß nicht, was du meinst, Basil“, rief Dorianaus und drehte sich um. „Ich weiß nicht, was du willst. Was willst du?“

„Ich will den Dorian Gray wieder, den ich gemalt habe“, sagte der Künstler traurig.

„Basil,“ erwiderte der Jüngling, trat vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die Schulter, „du bist zu spät gekommen. Als ich gestern hörte, daß sich Sibyl Vane getötet habe — —“

„Sich getötet! Gott im Himmel! ist das ganz sicher?“ schrie Hallward und stierte ihn mit dem Ausdruck äußersten Schreckens an.

„Mein lieber Basil! Du glaubst doch nicht, daß es nur ein gewöhnlicher Unglücksfall war? Natürlich hat sie sich selbst getötet.“

Der ältere Mann vergrub sein Gesicht in den Händen. „Wie schrecklich!“ flüsterte er und ein Schauer durchrann ihn.

„Nein,“ sagte Dorian Gray, „es ist gar nichts Schreckliches daran. Es ist eine der größten romantischen Tragödien unserer Zeit. In der Regel führen Schauspieler das alltäglichste Leben. Sie sind gute Ehemänner oder treue Ehefrauen oder sonst irgendwas Langweiliges. Du verstehst, was ich meine — hausbackene Tugend und lauter solche Dinge. Wie anders war Sibyl! Sie lebte ihre beste Tragödie. Sie war immer eine Heldin. Am letzten Abend, wo sie spielte — an dem Abend, wo du sie gesehen hast —, spielte sie schlecht, weil sie die Liebe als Wirklichkeit erkannt hatte. Als sie ihre Unwirklichkeit erfuhr, starb sie, wie Julia daran gestorben wäre. Sie entschwandwieder in das Reich der Kunst. Sie umschwebt etwas von einer Märtyrerin. Ihr Tod hat all die pathetische Nutzlosigkeit der Märtyrerschaft, all seine vergeudete Schönheit. Aber wie gesagt, du brauchst nicht zu glauben, daß ich nicht gelitten hätte. Wenn du gestern in einem bestimmten Augenblick, etwa um halb sechs oder um drei Viertel sechs gekommen wärst — dann hättest du mich in Tränen aufgelöst gefunden. Selbst Harry, der hier war und mir erst die Nachricht brachte, hat keine Ahnung, was ich durchgemacht habe. Ich litt namenlos. Dann ging es vorüber. Ich kann das Gefühl nicht wiederholen. Niemand kann das, sentimentale Menschen ausgenommen. Und du bist furchtbar ungerecht, Basil. Du kommst hierher, um mich zu trösten. Das ist gut und lieb von dir. Du findest mich getröstet und bist wütend. So sieht dein Mitgefühl aus! Du erinnerst mich an eine Geschichte, die mir Harry über einen Philantropen erzählt hat, der sich zwanzig Jahre seines Lebens damit abquälte, irgendeinen Mißstand aus der Welt zu schaffen oder ein ungerechtes Gesetz abzuändern — ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Schließlich gelang es ihm, und nichts konnte größer sein als seine Enttäuschung. Er hatte nun absolut nichts mehr zu tun, starb beinah vor Langerweile und wurde ein unversöhnlicher Menschenhasser. Und außerdem, mein lieber, alter Basil, wenn du mich wirklich trösten wolltest, so lehre mich lieber vergessen, was geschehen ist, oder lehre mich's von rein künstlerischer Seite ansehen. War es nicht Gautier, der gern über die ‚consolation des arts‛ geschrieben hat? Ich erinnere mich, daß mir mal in deinem Atelierein kleines Buch in Pergamentband in die Hand fiel, und ich darin auf diesen entzückenden Ausdruck stieß. Nun, ich bin ja nicht wie der junge Mann, von dem du mir einmal in Marlow erzählt hast, und der zu sagen pflegte, gelber Atlas könne einen über alles Elend im Leben hinwegtrösten. Ich liebe schöne Dinge, die man in die Hand nehmen und angreifen kann. Alter Brokat, grünpatinierte Bronzen, Lackarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, eine erlesene Zimmerkunst, Luxus, Prunk, das sind alles Dinge, die einem viel geben können. Aber die künstlerische Seelenstimmung, die sie erzeugen oder mindestens offenbaren, bedeutet mir doch noch mehr. Ein Zuschauer seines eigenen Lebens sein, wie Harry sagt, das heißt, den Schmerzen des Lebens entrinnen. Ich weiß, du bist erstaunt, daß ich so zu dir spreche. Du hast noch nicht bemerkt, wie ich mich entwickelt habe. Ich war ein Schulknabe, als du mich kennenlerntest. Jetzt bin ich ein Mann. Ich habe neue Leidenschaften, neue Gedanken, neue Vorstellungen. Ich bin anders, aber du mußt mich trotzdem nicht weniger lieb haben. Ich bin verändert, aber du mußt immer mein Freund bleiben. Natürlich habe ich Harry sehr gern. Aber ich weiß auch, daß du besser bist als er. Du bist nicht stärker — dazu ängstigst du dich zu viel vorm Leben — aber du bist besser. Und wie glücklich waren wir doch miteinander! Verlaß mich nicht, Basil, und zanke nicht mit mir. Ich bin, was ich bin. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Der Maler war seltsam bewegt. Der junge Mensch war ihm unsagbar teuer, und seine Erscheinung war der großeWendepunkt in seiner Kunst gewesen. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ihm noch weitere Vorwürfe zu machen. Am Ende war seine Gleichgültigkeit nur eine vorübergehende Laune. Es steckte ja soviel Gutes, soviel Edles in ihm.

„Gut, Dorian,“ sagte er endlich mit einem wehmütigen Lächeln, „ich will von heut an nie wieder über diese furchtbare Sache sprechen. Ich hoffe nur, dein Name wird nicht in Verbindung damit genannt. Die Leichenschau soll heute nachmittag stattfinden. Bist du vorgeladen?“

Dorian schüttelte den Kopf, und eine unangenehme Empfindung glitt bei dem Wort „Leichenschau“ über sein Gesicht. In all diesen Dingen lag etwas so Rohes und Gemeines. „Sie kennen meinen Namen nicht“, antwortete er.

„Aber sie wußte ihn doch?“

„Nur meinen Vornamen, und den hat sie gewiß niemand gesagt. Sie erzählte mir einmal, daß alle sehr begierig seien, zu erfahren, wer ich sei und daß sie ihnen beständig sage, ich heiße der Prinz Märchenschön. Das war hübsch von ihr. Du mußt mir eine Zeichnung von Sibyl machen, Basil. Ich möchte von ihr gern etwas mehr haben als die Erinnerung an ein paar Küsse und einige gestammelte pathetische Worte.“

„Ich will versuchen, etwas zu machen, Dorian, wenn ich dir damit eine Freude bereite. Aber du mußt zu mir kommen und mir selbst wieder sitzen. Ich komme ohne dich nicht vom Fleck.“

„Ich kann dir nie wieder sitzen, Basil. Das ist unmöglich!“ rief Dorian und schrak zurück.

Der Maler starrte ihn an. „Mein lieber Junge, was für ein Unsinn“, rief er. „Willst du damit sagen, daß du mein Bild nicht gut findest? Wo ist es? Warum hast du den Wandschirm vorgestellt? Laß es mich sehen. Es ist die beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Nimm den Schirm weg, Dorian! Es ist eine Schande, daß dein Bedienter mein Bild so versteckt. Ich merkte gleich, wie ich eintrat, daß das Zimmer ganz verändert sei.“

„Mein Diener hat nichts damit zu tun, Basil. Du glaubst doch nicht etwa, daß ich ihm irgendeine Anordnung in meinem Zimmer überlasse? Er ordnet zuweilen meine Blumen — das ist alles. Nein, ich habe es selbst getan. Das Licht war zu stark für das Bild.“

„Zu stark? Gewiß nicht, mein Lieber. Es hat einen untadeligen Platz. Laß mich's mal sehen!“ und Hallward schritt in die Zimmerecke.

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Lippen Dorian Grays, und er stürzte sich zwischen den Maler und den Schirm. „Basil,“ sagte er und sah ganz bleich aus, „du darfst es nicht sehen. Ich will es nicht.“

„Mein eigenes Bild nicht sehen? Du meinst das doch nicht im Ernst! Warum soll ich es nicht sehen?“ rief Hallward lachend.

„Wenn du versuchst, es anzusehen, Basil, gebe ich dir mein Ehrenwort, daß ich, solange ich lebe, nie wieder ein Wort mit dir spreche. Es ist mein völliger Ernst. Ich gebe keine Erklärung, und du wirst um keine bitten. Aber denke daran, wenn du diesen Wandschirm anrührst, dann ist alles aus zwischen uns!“

Hallward war wie vom Donner gerührt. Er sah Dorian Gray ganz verblüfft an. So hatte er ihn vorher nie gesehen. Der Jüngling war wirklich ganz bleich vor Zorn. Seine Hände waren zusammengeballt, und die Pupillen seiner Augen sahen aus wie blaue Feuerräder. Er zitterte am ganzen Leibe.

„Dorian!“

„Sprich nicht!“

„Aber was ist los? Ich sehe das Bild natürlich nicht an, wenn du es nicht willst“, sagte der Maler ziemlich kühl, drehte sich um und ging zum Fenster hinüber. „Aber es scheint mir wahrhaftig ganz verrückt, daß ich mein eigenes Werk nicht sehen soll, besonders, wo ich es im Herbst in Paris ausstellen will. Ich werde es wahrscheinlich vorher nochmals firnissen müssen, werde es also eines Tages doch gewiß sehen, also warum nicht heute?“

„Es ausstellen? Du willst es ausstellen?“ rief Dorian Gray, den ein seltsames Angstgefühl überkam. Sollte alle Welt sein Geheimnis erfahren? Sollte das Volk das Geheimnis seines Lebens begaffen? Das war unmöglich. Irgend etwas — er wußte noch nicht was — mußte sofort geschehen.

„Ja, ich denke nicht, daß du etwas dagegen haben wirst. Georges Petit will nächstens meine besten Bilder für eine Sonderausstellung in der Rue de Sèze sammeln, die in der ersten Oktoberwoche eröffnet werden soll. Das Bild wird nur einen Monat lang weg sein. Ich meine, solange könntest du es leicht entbehren. Du bist ohnehin während dieser Zeit nicht in der Stadt. Und wenn du es überhaupt hintereinem Schirm versteckt halten willst, kann dir ja nicht viel daran gelegen sein.“

Dorian Gray fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Schweißtropfen standen darauf. Er fühlte, daß er am Rande einer fürchterlichen Gefahr stehe. „Du hast mir vor einem Monat gesagt, du würdest es nie ausstellen“, rief er. „Warum hast du dich anders entschlossen? Ihr Leute, die ihr viel Aufhebens von der Konsequenz macht, habt genau soviel Launen wie andere. Der einzige Unterschied ist der, daß eure Launen wenig Sinn haben. Du kannst nicht vergessen haben, daß du mir feierlichst versichert hast, nichts in der Welt könne dich bewegen, das Bild auf eine Ausstellung zu bringen. Du sagtest zu Harry ganz dasselbe.“ Er stockte plötzlich, und ein Glanz erwachte in seinen Augen. Er erinnerte sich, daß ihm Lord Harry einmal halb ernst und halb scherzend gesagt hatte: Willst du mal eine merkwürdige Viertelstunde erleben, dann laß dir von Basil sagen, warum er dein Porträt nicht ausstellen will. Er hat mir den Grund erzählt, und es war für mich eine Offenbarung. Ja, vielleicht hatte auch Basil sein Geheimnis. Er wollte ihn fragen und auf die Probe stellen.

„Basil,“ sagte er, und trat ganz dicht zu ihm heran und sah ihm fest ins Gesicht, „jeder von uns hat ein Geheimnis. Sage mir das deine, und ich laß dich meines wissen. Was für einen Grund hattest du, die Ausstellung meines Bildes zu verweigern?“

Der Maler erschauderte, ohne daß er es wollte. „Dorian, wenn ich es dir sagte, hättest du mich wahrscheinlich weniger lieb und würdest mich gewiß auslachen. Keines von beidenkönnte ich ertragen. Wenn du willst, daß ich nie mehr dein Bild ansehen soll, dann geb' ich mich zufrieden. Ich kann dich selbst ja immer ansehen. Wenn du die beste Arbeit, die ich je gemacht habe, vor der Welt versteckt halten willst, soll es mir recht sein. Deine Freundschaft ist mir mehr wert als Ruhm und Anerkennung.“

„Nein, Basil, du mußt es mir sagen. Ich glaube, ich habe ein Recht, es zu wissen.“ Sein Angstgefühl hatte ihn verlassen, und Neugier war an dessen Stelle getreten. Er war entschlossen, hinter Basil Hallwards Geheimnis zu kommen.

„Setzen wir uns, Dorian“, sagte der Maler, der verwirrt aussah. „Setzen wir uns und beantworte mir eine Frage. Hast du an dem Bild etwas Merkwürdiges bemerkt? — etwas, das dir vielleicht anfänglich nicht aufgefallen ist, was sich dir dann aber plötzlich enthüllte?“

„Basil!“ schrie der Jüngling, umklammerte die Armlehnen seines Stuhles mit zitternden Händen und starrte ihn mit wilden, verstörten Augen an.

„Ich sehe, du hast es bemerkt. Sage nichts. Warte, bis du gehört hast, was ich zu sagen habe. Dorian, von dem Augenblick an, wo ich dich kennengelernt habe, übte deine Persönlichkeit den außerordentlichsten Einfluß auf mich aus. Ich war beherrscht von dir, meine Seele, mein Gehirn, meine ganze Kraft war es. Du wurdest für mich die sichtbare Verkörperung des unsichtbaren Ideals, dessen Bild uns Künstler wie ein köstlicher Traum verfolgt. Ich habe dich angebetet. Ich wurde eifersüchtig auf jeden Menschen, mit dem du sprachst. Ich wollte dich ganz für mich alleinhaben. Ich war nur glücklich, wenn ich mit dir zusammen war. Wenn du fort von mir warst, lebtest du trotzdem in meiner Kunst weiter... Natürlich ließ ich dich nie etwas davon wissen. Das wäre unmöglich gewesen. Du hättest es nicht verstanden. Ich selbst hab' es kaum verstanden. Ich wußte nur, daß ich Auge in Auge die Vollkommenheit gesehen hatte und daß sich die Welt meinen Augen als ein Wunder erschlossen hatte — vielleicht als ein zu mächtiges Wunder, denn in so wahnsinniger Anbetung liegt eine Gefahr, die Gefahr, daß die Anbetung aufhört, und die Gefahr, daß sie bleibt... Wochen und Wochen verstrichen, und ich ging immer mehr und mehr in dir verloren. Dann kam ein neues Stadium. Ich hatte dich als Paris in strahlender Rüstung gemalt und als Adonis im Jägergewand mit blitzendem Speer. Mit schweren Lotusblüten bekränzt hast du auf dem Bug von Hadrians Barke gesessen und in den grünen, schlammigen Nil geblickt. Du hast dich über das stille Gewässer einer griechischen Waldlandschaft gelehnt und im stummen Silberspiegel das Wunder deines eigenen Antlitzes gesehen. Und es war alles gewesen, wie die Kunst sein soll, unbewußt, ideal und entrückt. Eines Tages, manchmal denke ich, eines verhängnisvollen Tages, entschloß ich mich, ein wundervolles Bildnis von dir zu malen, wie du wirklich bist, nicht im Kostüm toter Zeiten, sondern in deiner eigenen Tracht und deiner eigenen Zeit. Ob es nun die Realistik der Methode war, oder der Zauber deiner eigenen Persönlichkeit, der mir so ohne jeden Schleier und Nebel entgegentrat, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, daß mir bei der Arbeit jede Schicht Farben meinGeheimnis zu enthüllen schien. Ich ängstigte mich, andere könnten die Abgötterei, die ich mit dir trieb, entdecken. Ich fühlte, Dorian, daß ich zuviel gesagt, daß ich zuviel von mir selber hineingelegt hatte. Damals beschloß ich, das Bild nie auszustellen. Es kränkte dich ein wenig, aber damals verstandest du eben nicht, was es für mich bedeutete; Harry, dem ich davon erzählte, lachte mich aus. Aber das machte mich nicht irrig. Als das Bild fertig war, und ich allein vor ihm dasaß, fühlte ich, daß ich recht hatte... Schön, ein paar Tage später, als es mein Atelier verlassen, und ich alsbald den unerträglichen Zauber seiner Gegenwart überwunden hatte, schien es mir, daß es verrückt von mir gewesen war, mehr darin zu sehen, als daß du sehr hübsch seist, und ich wohl malen könne. Selbst jetzt kann ich nicht umhin, zu fühlen, daß es ein Irrtum sein muß, wenn man glaubt, daß die Begeisterung, die man beim Schaffen hat, in dem Werke, das man schafft, leibhaftig zum Ausdruck käme. Die Kunst ist immer abstrakter, als wir uns einbilden. Form und Farbe erzählen uns von Form und Farbe — weiter nichts. Es scheint mir oft, daß die Kunst den Künstler viel mehr verbirgt als offenbart. Und als ich dann den Antrag aus Paris bekam, entschloß ich mich, dein Bild zum Hauptstück meiner Ausstellung zu machen. Es fiel mir nie ein, daß du es nicht zulassen würdest. Ich sehe jetzt, daß du recht hast. Das Bild darf nicht ausgestellt werden. Du mußt mir nicht böse sein, Dorian, wegen der Dinge, die ich gesagt habe. Ich habe früher einmal Harry gesagt, du bist dazu geschaffen, angebetet zu werden.“

Dorian Gray atmete tief auf. Seine Wangen bekamen wieder Farbe, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Die Gefahr war vorbei. Für den Augenblick war er gerettet. Doch er mußte unendliches Mitleid fühlen mit dem Maler, der ihm eben diese seltsame Beichte abgelegt hatte, und er fragte sich, ob er selbst jemals so stark von der Persönlichkeit eines Freundes beherrscht werden könnte. Lord Henry hatte den Reiz, sehr gefährlich zu sein. Aber das war alles. Er war zu klug und zu zynisch, als daß man ihn wirklich lieben könnte. Würde es je einen Menschen geben, den er merkwürdig abgöttisch anbeten könnte? War das eines von den Dingen, die ihm das Leben noch aufsparte?

„Es ist mir wirklich ein reines Rätsel,“ sagte Hallward, „daß du das dem Porträt angesehen haben willst. Hast du es wirklich gesehen?“

„Ich habe etwas darin gesehen,“ antwortete er, „etwas, das mir sehr sonderbar vorkam.“

„Und jetzt hast du wohl nichts mehr dawider, es einmal zu betrachten?“

Dorian schüttelte den Kopf. „Das darfst du von mir nicht verlangen, Basil. Es ist mir unmöglich, dich vor dem Bilde stehen zu sehen.“

„Aber doch ein andermal?“

„Nie!“

„Schön, vielleicht hast du recht. Und jetzt adieu, Dorian. Du bist der einzige Mensch in meinem Leben gewesen, der wirklichen Einfluß auf meine Kunst ausgeübt hat. Was ich je Gutes gemacht habe, danke ich dir. Ach! Du kannst dirnicht vorstellen, was es mich gekostet hat, dir all das zu sagen, was ich gesagt habe.“

„Mein lieber Basil,“ sagte Dorian, „was hast du mir denn gesagt? Nichts, als daß du das Gefühl habest, mich zu sehr zu bewundern. Das ist nicht einmal ein Kompliment.“

„Es sollte auch kein Kompliment sein. Es war eine Beichte. Jetzt, da ich sie abgelegt habe, kommt es mir so vor, als ob ich etwas verloren hätte. Man sollte seiner Verehrung niemals das Kleid der Worte umhängen.“

„Deine Beichte hat mich enttäuscht.“

„Ja, was hast du denn erwartet, Dorian? Du hast doch nicht sonst noch etwas in dem Bilde gesehen? Es war doch nicht sonst noch etwas anderes zu sehen?“

„Nein, es war sonst nichts anderes zu sehen. Warum fragst du? Aber du solltest nicht von Verehrung sprechen. Das ist Narrheit. Du und ich, wir sind Freunde, Basil, und müssen es immer bleiben.“

„Du hast jetzt Harry“, sagte der Maler traurig.

„Oh, Harry!“ rief der junge Mann mit einem fröhlichen Lachen. „Harry verbringt seine Tage damit, unglaubliche Dinge zu sagen, und seine Abende, unwahrscheinliche Dinge zu tun. Das ist genau die Art Leben, das ich führen möchte. Immerhin glaube ich nicht, daß ich je zu Harry ginge, wenn mich Kummer drückte. Ich würde eher zu dir kommen.“

„Du willst mir wieder sitzen?“

„Unmöglich!“

„Du vernichtest meine künstlerische Existenz, wenn du dich weigerst. Kein Mensch begegnet zwei Idealen. Wenige finden eines.“

„Ich kann es dir nicht erklären, Basil, aber ich darf dir nie wieder sitzen. Es schwebt etwas Verhängnisvolles um das Bildnis eines Menschen. Es hat ein Leben für sich. Ich werde zu dir kommen und mit dir Tee trinken, das wird ebenso hübschsein.“

„Für dich hübscher, fürchte ich“, sagte Hallward bekümmert vor sich hin. „Und jetzt adieu. Es tut mir leid, daß du mich nicht noch einmal das Bild sehen lassen wolltest. Aber dabei ist nichts zu tun. Ich verstehe sehr gut, was du dabei fühlst.“

Als er das Zimmer verlassen hatte, lächelte sich Dorian Gray zu. Der arme Basil! Wie wenig ahnte der doch von dem wahren Grunde! Und wie seltsam es war, daß er es, statt sein eigenes Geheimnis offenbaren zu müssen, fast durch einen Zufall erreicht hatte, dem Freunde das seine zu entreißen. Wie viel erklärte ihm doch diese merkwürdige Beichte! Die unverständlichen Eifersuchtsanfälle des Malers, seine ungestüme Verehrung, seine übertriebenen Lobeshymnen, sein sonderbares Verstummen — das alles verstand er jetzt, und er tat ihm leid. Einer Freundschaft, die so stark von Romantik gefärbt war, schien ihm eine gewisse Tragik inne zu wohnen.

Er seufzte und drückte auf die Klingel. Das Porträt mußte um jeden Preis versteckt werden. Er konnte sich nicht ein zweitesmal der Gefahr solcher Entdeckung aussetzen. Es war wahnsinnig von ihm gewesen, das Ding da überhaupt nur eine Stunde lang in einem Zimmer zu lassen, zu dem jeder seiner Freunde Zutritt hatte.


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