Drittes Kapitel

„Du solltest wirklich nicht solche Dinge vor Dorian sagen, Harry!“

„Vor welchem Dorian? Vor dem, der uns den Tee einschenkt, oder dem anderen auf dem Bilde?“

„Vor keinem.“

„Ich ginge gerne mit Ihnen ins Theater, Lord Henry“, sagte der Jüngling.

„Dann kommen Sie doch. Und du auch, Basil, nicht wahr?“

„Ich kann nicht, wirklich nicht. Es ist mir lieber so. Ich habe eine Unmenge zu tun.“

„Schön also. Dann müssen wir zwei allein gehen, Herr Gray.“

„Ich freue mich riesig darauf.“

Der Maler biß sich auf die Lippe und schritt, die Teetasse in der Hand, zum Bilde. „Ich bleibe hier bei dem wirklichen Dorian“, sagte er traurig.

„Ist das der wirkliche?“ rief das Original und ging gleichfalls langsam zu ihm hin. „Bin ich wirklich so?“

„Ja, genau so bist du.“

„Wie wundervoll, Basil!“

„Du siehst wenigstens jetzt so aus. Aber das Bild wird sich nie ändern“, seufzte Hallward. „Das ist schon etwas.“

„Was man heute für ein großes Wesen aus der Treue macht!“ rief Lord Henry aus. „Und doch ist sie selbst in der Liebe eine rein physiologische Frage. Sie hat auch nicht das mindeste mit unserem eigenen Willen zu tun. Junge Männer wären gerne treu und sind es nicht; alte würden gerne untreu sein und können es nicht: das ist alles, was sich darüber sagen läßt.“

„Geh heute abend nicht ins Theater, Dorian“, bat Hallward. „Bleibe hier und speise mit mir.“

„Ich kann nicht, Basil.“

„Warum?“

„Weil ich Lord Henry Wotton zugesagt habe, ihn zu begleiten.“

„Er wird dir darum nicht mehr zugetan sein, wenn du so treu deine Versprechungen hältst. Er bricht seine immer. Ich bitte dich, nicht zu gehen.“

Dorian Gray schüttelte lachend den Kopf.

„Ich beschwöre dich.“

Der junge Mann schwankte und blickte zu Lord Henry hinüber, der die beiden mit einem belustigten Lächeln vom Teetische aus beobachtete.

„Ich muß mit, Basil“, antwortete er.

„Schön“, sagte Hallward und ging zum Tische hinüber, wo er seine Tasse hinstellte. „Es ist ziemlich spät, und da ihr euch noch umziehen müßt, habt ihr keine Zeit mehr zu verlieren. Adieu, Harry! Adieu, Dorian! Komm bald wieder. Komm morgen.“

„Bestimmt.“

„Aber nicht vergessen!“

„Nein, natürlich nicht!“ rief Dorian.

„Und... Harry!“

„Ja, Basil?“

„Vergiß nicht, was ich dir sagte, als wir am Vormittag im Garten saßen.“

„Ich habe es vergessen.“

„Ich vertraue dir.“

„Ich wünschte, ich könnte mir selbst vertrauen“, sagte Lord Henry lachend. „Kommen Sie, Herr Gray, mein Wagen steht unten, und ich kann Sie an Ihrer Wohnung absetzen. Adieu, Basil! Es war ein sehr unterhaltender Nachmittag.“

Als sich die Tür hinter ihnen schloß, warf sich der Maler auf den Diwan, und in sein Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck.

Um zwölfeinhalb Uhr am nächsten Tage schlenderte Lord Henry Wotton von Curzon Street nach Albany hinüber, um einen Besuch zu machen bei seinem Onkel Lord Fermor, einem heiteren, aber ziemlich rauhen alten Junggesellen, den die Außenwelt einen Egoisten nannte, weil sie keinen besonderen Nutzen aus ihm ziehen konnte, der aber in der Gesellschaft als freigebig verschrien war, weil er die Leute, die ihn amüsierten, aufs beste fütterte. Sein Vater war britischer Gesandter in Madrid gewesen, als Isabella noch jung war und man noch nichts von Prim wußte, hatte sich aber in einem Augenblicke launischen Ärgers aus dem diplomatischen Dienste zurückgezogen, weil man ihm nicht den Gesandtenposten in Paris angeboten hatte, zu dem er sich vollauf berechtigt geglaubt hatte durch seine Geburt, seine Arbeitsunlust, sein gutes Englisch in seinen Depeschen und durch seine zügellose Vergnügungssucht. Der Sohn, der des Vaters Privatsekretär gewesen war, hatte mit seinem Chef zugleich den Abschied genommen, was man damals ziemlich verrückt fand, und als der Titel einige Monate später auf ihn überging, hatte er sich ernstlich dem großen aristokratischen Studium gewidmet, absolut nichts zu tun. Er besaß zwei große Häuser in der Stadt, zog es aber vor, in einer Junggesellenwohnung zu hausen, weil das weniger Umstände machte, und speiste meistens im Klub. Er beschäftigte sich ein wenigmit der Verwaltung seiner Kohlenminen in den Midlandgrafschaften und entschuldigte diese verwerfliche industrielle Tätigkeit damit, daß er sagte, der einzige Vorteil, Kohlen zu besitzen, sei der, es einem Gentleman möglich zu machen, in seinem eigenen Kamin Holz zu brennen. Politisch war er ein Tory, außer wenn die Tories Regierungspartei waren, denn in solchen Zeiten verlästerte er sie und schimpfte sie radikales Gesindel. Er war ein Held für seinen Kammerdiener, der ihn drangsalierte, und ein Schrecken für die meisten seiner Verwandten, die er drangsalierte. Nur England konnte ihn erzeugt haben, und er selber sagte immer, daß das Land mehr und mehr auf den Hund käme. Seine Grundsätze waren altmodisch, aber an seinen Vorurteilen war etwas dran.

Als Lord Henry ins Zimmer trat, fand er seinen Onkel in einem flockigen Jagdrock, eine ziemlich wohlfeile Zigarre im Munde und brummend in den „Times“ lesend.

„Na, Harry,“ sagte der alte Herr, „was bringt dich so früh her? Ich dachte immer, ihr Dandies steht nie vor zwei Uhr auf und werdet nie vor fünf Uhr sichtbar.“

„Reine Familienliebe, auf mein Wort, Onkel Georg; ich brauche etwas von dir.“

„Geld vermutlich“, sagte Lord Fermor und machte ein saures Gesicht. „Na gut, so setz' dich und sag' mir alles. Ihr jungen Leute von heutzutage bildet euch ein, das Geld wäre alles.“

„Ja,“ brummelte Lord Henry, während er seine Blume im Knopfloch zurechtrückte, „und wenn sie älter werden, dann wissen sie es. Aber ich brauche kein Geld. Nur Leute,die ihre Rechnungen zahlen, brauchen Geld, Onkel Georg, und ich bezahle meine nie. Kredit ist das Kapital eines zweitältesten Sohnes, und man kann brillant davon leben. Außerdem kaufe ich immer bei Dartmoors Lieferanten, und daher habe ich nie Scherereien. Was ich brauche, ist eine Auskunft, keine nützliche Auskunft natürlich, sondern nur eine wertlose.“

„Ich kann dir alles sagen, Harry, was je in einem englischen Blaubuch gestanden hat, obwohl diese Bengels heutzutage einen Haufen Unsinn zusammensudeln. Als ich noch Diplomat war, lagen die Dinge besser. Aber ich höre, man stellt jetzt die Leute auf Grund einer Prüfung ein. Was kann man da noch erwarten? Prüfungen, mein Bester, sind der reine Humbug von A bis Z. Wenn einer Gentleman ist, weiß er schon genug, und wenn er kein Gentleman ist, so mag er alles Mögliche wissen, es hilft ihm doch nichts.“

„Herr Dorian Gray hat nichts mit Blaubüchern zu schaffen“, sagte Lord Henry in seinem schläfrigen Tone.

„Herr Dorian Gray? Wer ist das?“ fragte Lord Fermor, seine buschigen weißen Augenbrauen zusammenkneifend.

„Um das zu erfahren, bin ich gerade hergekommen, Onkel Georg. Oder genauer gesagt, wer es ist, weiß ich. Nämlich der Enkel des verstorbenen Lord Kelso. Seine Mutter war eine Devereux, Lady Margaret Devereux. Ich möchte, daß du mir etwas über seine Mutter erzählst. Was weißt du von ihr? Wen hat sie geheiratet? Du hast zu deiner Zeit doch so ziemlich alle Leute gekannt, also wahrscheinlich auchsie. Ich interessiere mich gegenwärtig ungemein für Herrn Gray. Ich habe ihn erst gestern kennengelernt.“

„Kelsos Enkel!“ wiederholte der alte Herr, „Kelsos Enkel! ... natürlich ... ich war mit seiner Mutter sehr intim. Ich glaube, ich war sogar bei ihrer Taufe. Es war ein ganz außergewöhnlich schönes Mädchen, diese Margaret Devereux, und hat dann alle jungen Männer toll gemacht, als sie mit einem jungen Habenichts davonlief, einer absoluten Null, mein Bester, einem Fähnrich bei der Infanterie oder so was Ähnliches. Natürlich. Ich erinnere mich jetzt an die ganze Geschichte, als wäre sie gestern passiert. Der arme Kerl wurde dann ein paar Monate nach der Hochzeit in einem Duell in Spa getötet. Man erzählte damals eine häßliche Geschichte darüber. Man sagte, der alte Kelso hätte irgendeinen Schuft, so einen Abenteurer aus Belgien gemietet, um seinen Schwiegersohn öffentlich zu beleidigen, hätte ihn dafür bezahlt, mein Bester, einfach bezahlt, damit er es täte, und dieser Kerl spießte dann sein Opfer auf wie eine Taube. Die Geschichte wurde natürlich vertuscht, aber Kelso mußte eine Zeitlang sein Kotelett allein im Klub essen. Ich hörte, er brachte seine Tochter wieder mit, doch sie sprach nie mehr ein Wort mit ihm. O jawohl, das war eine böse Sache. Das Mädel starb dann auch, kaum ein Jahr später. So, sie hat also einen Sohn hinterlassen? Das hatte ich ganz vergessen. Was für ein Junge ist es denn? Wenn er seiner Mutter ähnlich sieht, muß es ein hübsches Kerlchen sein.“

„Er ist sehr hübsch“, stimmte Lord Henry bei.

„Ich hoffe, er wird in die rechten Hände kommen“, fuhrder alte Mann fort. „Es muß ein Haufen Geld auf ihn warten, wenn Kelso pflichtgemäß an ihm handelte. Seine Mutter hatte übrigens auch Geld. Der ganze Selbysche Besitz fiel ihr durch ihren Großvater zu. Ihr Großvater haßte Kelso, hielt ihn für einen gemeinen Köter. War es übrigens auch. Er kam mal nach Madrid, als ich dort war. Na, ich mußte mich des Kerls schämen. Die Königin pflegte mich nach dem englischen Edelmann zu fragen, der sich immer mit den Kutschern über die Taxe zankte. Man machte einen ganzen Roman daraus. Ich wagte einen Monat lang nicht, bei Hof zu erscheinen. Ich hoffe, er hat seinen Enkel besser behandelt als die Droschkenkutscher.“

„Darüber weiß ich nichts“, erwiderte Lord Henry. „Ich vermute aber, der junge Mann wird einmal wohlhabend werden. Er ist noch nicht volljährig. Selby gehört ihm, das weiß ich. Er hat es mir gesagt. Und... seine Mutter war also sehr schön?“

„Margaret Devereux war eines der entzückendsten Geschöpfe, die ich je gesehen habe, Harry. Was in aller Welt sie dazu getrieben hat, so zu handeln, habe ich nie verstehen können. Sie hätte jeden Mann heiraten können, den sie wollte. Carlington war wahnsinnig verschossen in sie. Aber sie war romantisch veranlagt. Alle Frauen dieser Familie waren so. Die Männer waren ein trauriges Gesindel, aber beim Himmel! die Weiber waren wunderbar! Carlington lag vor ihr auf den Knien. Hat's mir selber gebeichtet. Sie lachte ihn aus, und es gab damals in London kein Mädel, das nicht hinter ihm hergewesen wäre. Übrigens, Harry, da wir schon über Mesalliancen reden: was ist dasfür ein Unsinn, den mir dein Vater von Dartmoor erzählt, der eine Amerikanerin heiraten will? Sind englische Mädels für ihn nicht gut genug?“

„Es ist jetzt Mode, Amerikanerinnen zu heiraten, Onkel Georg.“

„Ich verteidige die englischen Frauen gegen die ganze Welt, Harry“, sagte Lord Fermor und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Man reißt sich um die Amerikanerinnen.“

„Sie halten sich nicht, hat man mir gesagt“, brummte der Onkel.

„Ein langes Verlobtsein erschöpft sie, aber für eine Steeplechase sind sie brillant. Sie sind Flieger. Ich glaube nicht, daß Dartmoor Chance hat.“

„Was ist's für eine Familie?“ murrte der alte Herr. „Hat sie überhaupt eine?“

Lord Henry schüttelte den Kopf. „Amerikanische Mädchen sind ebenso klug, ihre Eltern zu verbergen, wie englische Frauen im Verbergen ihrer Vergangenheit“, antwortete er und stand auf, um wegzugehen.

„Also vermutlich Schweinefleischhändler.“

„Das hoffe ich, Onkel Georg, in Dartmoors Interesse. Man hat mir gesagt, mit Schweinefleischbüchsen zu handeln, soll nächst der Politik der einträglichste Beruf in Amerika sein.“

„Ist sie hübsch?“

„Sie benimmt sich so, als wäre sie es. Das tun die meisten Amerikanerinnen. Es ist das Geheimnis ihres magnetischen Reizes.“

„Warum bleiben diese amerikanischen Weiber nicht in ihrem Lande? Sie sagen doch immer, es sei das Paradies für Frauen.“

„Das ist es auch. Und das ist auch der Grund, warum sie wie Eva so gern daraus weg wollen“, sagte Lord Henry. „Adieu, Onkel Georg! Ich komme zu spät zum Frühstück, wenn ich noch länger bleibe. Danke sehr für die Auskunft, die du mir gabst. Ich habe immer das Bedürfnis, von meinen neuen Freunden alles zu hören und möglichst nichts von meinen alten.“

„Wo wirst du frühstücken, Harry?“

„Bei Tante Agatha. Ich habe mich mit Herrn Gray dort angesagt. Es ist ihr neuestes Protektionskind.“

„Hm! sag' der Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit ihrem Wohltätigkeitskrempel ungeschoren lassen. Ich habe sie bis hierher! Weiß Gott, das gute Frauenzimmer meint, ich hätte nichts zu tun als Schecks für ihre langweiligen Vereinsmeiereien auszuschreiben.“

„Abgemacht, Onkel Georg, ich werde es ihr bestellen, aber es wird nichts nutzen. Wohltätigkeitsmegären verlieren alle Menschlichkeit. Das ist ihr hervorstechendstes Merkmal.“

Der alte Herr brummte zustimmend und klingelte seinem Diener. Lord Henry schritt durch die niedrigen Arkaden nach Burlington Street und lenkte dann seine Schritte in die Richtung nach Berkeley Square.

Das war also die Geschichte von Dorian Grays Eltern. So roh umrissen sie ihm auch geschildert worden war, sie hatte ihn doch nach Art eines seltsamen, geradezu modernenRomans erregt. Eine schöne Frau, die alles für eine wahnsinnige Leidenschaft einsetzt. Ein paar wilde, wonnige Wochen, jäh abgeschnitten durch ein abscheuliches, heimtückisches Verbrechen, Monate stummer Todesverzweiflung, und dann ein Kind unter Schmerzen geboren. Die Mutter vom Tode weggemäht, der Knabe der Einsamkeit und der Tyrannei eines alten, lieblosen Mannes ausgeliefert. Ja, das war ein interessanter Hintergrund. Er gab dem jungen Menschen Relief, machte ihn noch vollkommener. Hinter allem Köstlichen in der Welt lauert eine geheime Tragödie, Welten müssen in Schwingung sein, damit die kleinste Blume erblühen kann... Und wie entzückend war er gestern abend gewesen, als er ihm mit erschreckten Augen, die Lippen in scheuem Verlangen geöffnet, im Klub gegenüber gesessen und die roten Kerzenschirme das erwachende Wunder seines Gesichts in einen noch rosenfarbenen Ton getaucht hatten. Mit ihm sprechen, das war wie auf einer auserlesenen Geige spielen. Er gab jedem Druck nach, jeder zitternden Berührung des Bogens... Es lag doch etwas unerhört Knechtendes darin, auf jemand Einfluß auszuüben. Keine andere Tätigkeit kam dem gleich. Seine eigene Seele in eine anmutige Form gießen und sie darin einen Augenblick lang verweilen lassen: seine eigenen Gedankenakkorde im Echo zurückbekommen, bereichert durch die Musik der Leidenschaft und Jugend: sein eigenes Temperament in ein anderes hineinversenken, als wäre es das allerätherischste Fluidum oder ein seltener Wohlgeruch: darin lag eine wahre Lust — vielleicht die allerbefriedigendste Lust, dieuns übriggeblieben ist, in einer so beschränkten und ordinären Zeit wie die unsere, die so derbfleischlich in ihren Genüssen und so grobzufassend in ihren Begierden ist... Auch war er ein wundervoller Typus, dieser junge Mensch, den er durch einen so wunderbaren Zufall in Basils Atelier kennengelernt hatte, oder konnte jedenfalls zu einem wunderbaren Typus umgemodelt werden. Anmut war ihm verliehen und die schneeige Reinheit der Jünglingschaft, und eine Schönheit, wie man sie bei alten griechischen Marmorbildern findet. Nichts gab es, was sich nicht aus ihm machen ließe. Man konnte einen Titanen oder ein Spielzeug aus ihm machen. Welch Jammer, daß solche Schönheit dahinwelken muß... Und Basil? Wie interessant war doch er für den Psychologen! Diese neue Art von Kunst, diese neue Weise, das Leben anzuschauen, die ihm auf das seltsamste durch die sichtbare Gegenwart eines Menschen erweckt wurde, der von alledem nichts wußte: der stille Geist, der in einer düsteren Waldlandschaft wohnte und ungesehen ins offene Feld entwandelte, enthüllte sich plötzlich wie eine Dryade, und ohne Scheu, weil in der Seele, die sehnsüchtig nach ihm suchte, jene wundersame Vision wach geworden war, der nur die außerordentlichen Dinge offenbar werden: die bloßen Formen und Linien der Dinge wurden gleichsam edler und bekamen eine Art von symbolischer Bedeutung, als wären sie selbst nur Schatten einer anderen und vollendeteren Form, deren Abbilder sie zur Wirklichkeit erhoben: wie merkwürdig das alles war! Er erinnerte sich, daß es in der Geschichte irgend etwas Ähnliches gab. Wares nicht Plato, dieser Künstler in der Welt der Gedanken, der es als erster untersucht hatte? War es nicht Buonarotti, der es in den farbigen Marmor seiner Sonettreihe gemeißelt hatte? Aber in unserem Jahrhundert war es etwas Seltenes... Ja, er wollte versuchen, für Dorian Gray das zu sein, was der Jüngling, ohne es zu wissen, für den Maler war, der das prächtige Bildnis geschaffen hatte. Er wollte versuchen, in ihm zu herrschen — hatte es in Wahrheit schon zum Teil getan. Er wollte diesen wunderbaren Geist zu seinem eigenen machen. Es war etwas unwiderstehlich Magnetisches in diesem Abkömmling von Tod und Liebe.

Plötzlich blieb er stehen und sah an den Häusern hinauf. Er entdeckte, daß er bereits an dem Hause seiner Tante vorbeigegangen sei, und ging stillächelnd zurück. Als er in die etwas düstere Halle eintrat, sagte ihm der Diener, die Herrschaften seien schon beim Frühstück. Er gab einem Lakai Hut und Stock und ging in den Speisesaal.

„Spät wie immer, Harry“, rief seine Tante, ihm zunickend.

Er erfand eine glaubwürdige Entschuldigung, setzte sich auf den leeren Platz neben sie und sah sich um, zu sehen, wer noch da war. Dorian begrüßte ihn schüchtern vom Ende des Tisches her, und seine Wangen wurden vor geheimer Freude rot. Gegenüber saß die Herzogin von Harley, eine Dame von bewunderungswürdig guter Laune und ebensolchem Charakter, die jeder gern hatte und deren Körper in jenen erhabenen architektonischen Maßen aufgebaut war, der von zeitgenössischen Geschichtsschreibern bei Frauen, die nicht gerade Herzoginnen sind,als Beleibtheit bezeichnet wird. Zu ihrer Rechten saß Sir Thomas Burdon, ein radikales Parlamentsmitglied, das im öffentlichen Leben seinem Parteichef Gefolge leistete und im privaten den besten Küchenchefs, der nach einer weisen und allgemein verbreiteten Lebensregel mit den Tories dinierte und mit den Liberalen geistig übereinstimmte. Den Platz an ihrer Linken nahm Herr Erskine of Treadley ein, ein alter prächtiger und gebildeter Herr, der sich die schlechte Gewohnheit des Schweigens angeeignet hatte, da er, wie er einmal Lady Agatha erklärte, schon vor seinem dreißigsten Lebensjahr alles gesagt hatte, was er überhaupt zu sagen hatte. Seine Nachbarin war Frau Vandeleur, eine der ältesten Freundinnen seiner Tante, eine vollendete Heilige unter den Frauen, aber so geschmacklos verputzt, daß man bei ihrem Anblick immer an ein schlechtgebundenes Gebetbuch denken mußte. Zu seinem Glück saß an ihrer anderen Seite Lord Faudel, eine sehr intelligente Mittelmäßigkeit in den besten Jahren, der so kahl war wie der Bericht eines Ministers auf eine Interpellation im Unterhaus, und mit ihm unterhielt sie sich in jenem intensiv-ernsten Tone, der, wie Lord Henry einmal selbst geäußert hatte, der eine unverzeihliche Irrtum ist, in den alle wirklich guten Menschen verfallen, und den keiner von ihnen völlig vermeiden kann.

„Wir sprechen über den bedauernswerten Dartmoor, Henry“, rief die Herzogin, ihm vergnügt über den Tisch zunickend. „Glauben Sie, daß er wirklich die berückende junge Dame heiratet?“

„Ich glaube, Frau Herzogin, sie hat sich fest vorgenommen, um das Jawort zu bitten.“

„Wie schrecklich“, rief Lady Agatha. „Dann sollte sich wirklich jemand ins Mittel legen.“

„Ich erfahre aus einer ganz vorzüglichen Quelle, daß ihr Vater ein Kurzwarengeschäft in Amerika hat“, sagte Sir Thomas Burdon mit einem überlegenen Blicke.

„Mein Onkel hat behauptet: Schweinefleischlieferant, Sir Thomas.“

„Kurzwaren! Was sind amerikanische Kurzwaren?“ fragte die Herzogin und erhob staunend ihre großen Hände und dabei jede Silbe betonend.

„Amerikanische Romane“, antwortete Lord Henry und nahm von den Wachteln.

Die Herzogin machte ein erstauntes Gesicht.

„Geben Sie nicht acht auf ihn, meine Liebe,“ wisperte ihr Lady Agatha zu, „er meint nie im Ernst, was er sagt.“

„Als Amerika entdeckt wurde,“ sagte der radikale Abgeordnete und ließ einige langweilige Tatsachen vom Stapel. Wie alle Menschen, die bestrebt sind, ein Thema zu erschöpfen, erschöpfte er seine Zuhörer. Die Herzogin seufzte und benützte ihr Vorrecht, zu unterbrechen. — „Wollte Gott, es wäre überhaupt nicht entdeckt worden“, rief sie aus. „Unsere Töchter haben heutzutage wirklich gar keine Chance mehr. Das ist geradezu empörend!“

„Vielleicht ist Amerika überhaupt nicht entdeckt worden, wenn man's recht betrachtet“, sagte Herr Erskine. „Ich würde eher sagen, daß es nur aufgefunden worden ist.“

„Oh, ich muß aber gestehen, daß ich einige Exemplare seiner Bewohnerinnen gesehen habe,“ antwortete die Herzogin zerstreut, „ich muß zugeben, die meisten von ihnen sind ausgesprochen hübsch. Und außerdem ziehen sie sich gut an. Sie beziehen alle ihre Kleider aus Paris. Ich wollte, ich könnte mir das auch leisten.“

„Man sagt: wenn gute Amerikaner sterben, so fahren sie nach Paris“, gluckste Sir Thomas, der eine große Kiste voll abgelegter Scherze sein eigen nannte.

„In der Tat? Und wohin gehen schlechte Amerikaner, wenn sie sterben?“ fragte die Herzogin.

„Sie gehen nach Amerika“, murmelte Lord Henry.

Sir Thomas runzelte die Stirn. „Ich fürchte, Ihr Neffe hat Vorurteile gegen dieses große Land“, sagte er zu Lady Agatha. „Ich habe es ganz bereist im Eisenbahnwagen, die mir die Direktionen zur Verfügung stellten. Man ist da in diesen Dingen außerordentlich höflich. Ich versichere Ihnen, es ist eine vorzüglich bildende Reise da drüben.“

„Aber müssen wir wirklich nach Chicago schwimmen, um unsere Bildung zu vervollständigen?“ fragte Herr Erskine wehmütig. „Ich fühle mich wirklich zu solcher Reise nicht aufgelegt.“

Sir Thomas winkte mit der Hand. „Herr Erskine of Treadley besitzt die Welt auf seinen Bücherregalen. Wir Männer des praktischen Lebens lieben es, die Dinge zu sehen, nicht darüber zu lesen. Die Amerikaner sind ein außerordentlich interessantes Volk. Sie sind vollständig Vernunftmenschen. Ich glaube, das ist ihr Charaktermerkmal. Ja, Herr Erskine, ein ausschließlich von der Vernunftbeherrschtes Volk. Ich versichere Ihnen, es gibt bei den Amerikanern keinerlei Unsinn.“

„Wie schrecklich!“ rief Lord Henry aus. „Ich kann rohe Gewalt vertragen, aber rohe Vernunft ist mir unerträglich. Ich finde immer, daß ihre Anwendung unbillig ist. Es heißt den Geist unterjochen.“

„Ich verstehe Sie nicht“, erwiderte Sir Thomas und wurde etwas rot.

„Ich verstehe Sie, Lord Henry“, murmelte Herr Erskine lächelnd.

„Paradoxe sind ja an und für sich recht schön und gut...“, nahm der Baronet wieder das Wort.

„War das ein Paradoxon?“ fragte Herr Erskine. „Ich habe es nicht dafür gehalten. Vielleicht war es eins. Nun, der Weg zur Wahrheit scheint mit Paradoxen gepflastert zu sein. Um die Wahrheit zu erkennen, müssen wir sie auf gespanntem Seil tanzen sehen. Wenn die Wahrheiten Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.“

„Mein großer Gott!“ sagte Lady Agatha, „was für eine Art zu diskutieren habt ihr Männer. Ich verstehe nie ein einziges Wort von eurem Gerede. Mit dir, Harry, oh! bin ich ganz böse. Warum versuchst du, unseren lieben Herrn Dorian Gray zu überreden, nicht mehr ins East-End zu gehen? Ich versichere dir, er wäre dort für uns unschätzbar; sein Spiel würde die Leute ungemein begeistern.“

„Mir ist es lieber, wenn er für mich spielt“, rief Lord Henry lächelnd, sah am Tisch hinunter, wo ihn ein fröhlich antwortender Blick traf.

„Aber sie sind in Whitechapel so unglücklich“, fuhr Lady Agatha wieder fort.

„Ich kann mit allem möglichen Mitgefühl haben,“ sagte Lord Henry, die Achseln zuckend, „außer mit Leiden. Damit kann ich keine Sympathie haben. Es ist zu häßlich, zu schrecklich, zu niederdrückend. In der heut modernen Sympathie für die Leiden liegt etwas schrecklich Krankhaftes. Man sollte mit Farben sympathisieren, mit Schönheit, mit Lebensfreude. Je weniger man über das Elend des Lebens sagt, desto besser.“

„Aber das East-End ist ein sehr wichtiges Problem“, bemerkte Sir Thomas mit ernstem Kopfschütteln.

„Sicherlich“, antwortete der junge Lord. „Es ist das Problem der Sklaverei, und wir versuchen es derart zu lösen, daß wir die Sklaven amüsieren.“

Der Politiker sah ihn mit einem forschenden Blicke an. „Welche Änderung schlagen Sie also vor?“

Lord Henry lachte. „Ich habe gar nicht das Verlangen, in England etwas zu ändern außer dem Wetter“, entgegnete er. „Ich begnüge mich mit philosophischer Betrachtung. Da aber das neunzehnte Jahrhundert durch übermäßigen Verbrauch von Sympathie Bankrott geworden ist, möchte ich vorschlagen, daß man sich an die Wissenschaft hält, damit diese uns wieder aufrichtet. Der Vorteil der Gefühle liegt darin, daß sie uns in die Irre führen, und der Vorteil der Wissenschaft darin, daß sie sich mit Gefühlen nicht abgibt.“

„Aber auf uns liegen so ernste Verantwortlichkeiten“, warf Frau Vandeleur schüchtern ein.

„Entsetzlich schwere“, stimmte Lady Agatha ein.

Lord Henry sah zu Herrn Erskine hinüber. „Die Menschheit nimmt sich selber zu ernst. Das ist die Todsünde der Welt. Wenn die Höhlenmenschen schon hätten lachen können, hätte die Weltgeschichte andere Wege eingeschlagen.“

„Ihre Worte klingen sehr tröstlich“, trillerte die Herzogin. „Ich habe immer eine Art Schuldgefühl gehabt, wenn ich Ihre liebe Tante besuchte, denn ich nehme nicht das geringste Interesse an East-End. In Zukunft werde ich ihr ohne zu erröten ins Gesicht sehen können.“

„Erröten ist ein vorzügliches Schönheitsmittel“, bemerkte Lord Henry.

„Nur wenn man jung ist“, antwortete sie. „Wenn eine alte Frau wie ich errötet, ist es ein sehr schlechtes Zeichen. Ach, Lord Henry, ich wünschte, Sie könnten mir sagen, wie man wieder jung wird!“

Er dachte einen Augenblick nach. „Können Sie sich an irgendeinen großen Fehler erinnern, den Sie in der Jugend begangen haben?“ fragte er dann, sie fest über den Tisch hin ansehend.

„An eine ganze Menge, fürchte ich!“ rief sie aus.

„Dann begehen Sie sie wieder“, entgegnete er ernst. „Um seine Jugend zurückzubekommen, braucht man nur seine Torheiten zu wiederholen.“

„Eine allerliebste Theorie!“ rief sie. „Ich muß sie mal in die Praxis umsetzen.“

„Eine gefährliche Theorie“, sagte Sir Thomas, seine dünnen Lippen zusammenkneifend. Lady Agatha schüttelteden Kopf, aber sie amüsierte sich doch. Herr Erskine lauschte.

„Ja,“ fuhr Henry fort, „das ist eines der großen Lebensgeheimnisse. Heutzutage sterben die meisten Leute an einer Art von schleichender Verständigkeit, und erst, wenn es zu spät ist, kommen sie dahinter, daß die einzigen Dinge, die man niemals bereut, die Torheiten sind.“

Nun lachte der ganze Tisch.

Er spielte jetzt mit diesem Einfall nach Willkür; warf ihn in die Luft und änderte ihn um: ließ ihn entwischen und haschte ihn wieder auf: ließ ihn phantastisch glitzern und gab ihm Paradoxe als Flügel. Als er fortfuhr, rundete sich dieser Ruhm der Narretei in ein philosophisches System und die Philosophie selbst wurde dabei jung und tanzte, begleitet von der tollen Musik der Lust, in ihrem von Wein befleckten Gewande und mit Efeu bekränzten Locken, wie eine Bacchantin über die Hügel des Lebens und neckte den plumpen Silen, weil er nüchtern blieb. Die Tatsachen flüchteten vor ihr wie das erschreckte Getier des Waldes. Ihre weißen Füße stampften in der ungefügen Kelter, an der der weise Omar sitzt, bis der schäumende Traubensaft in purpurblasigen Wellen an ihren nackten Gliedern aufspritzte oder in rotem Gischt über die dunkeln, triefenden, gewölbten Seiten der Kufe herabrann. Es war eine ganz brillante Improvision. Er empfand, daß die Augen Dorian Grays auf ihn gerichtet waren, und das Bewußtsein, daß es unter seinen Zuhörern einen gab, dessen Temperament er zu bezaubern wünschte, gab seinem Witz Würzigkeit und seiner Phantasie Farbe. Erwar geistreich, phantasievoll, unwiderstehlich. Er begeisterte seine Zuhörer dahin, aus sich heraus zu gehen, und lachend folgten sie seiner Rattenfängerpfeife. Dorian Gray verwandte seinen Blick nicht von ihm, sondern saß wie unter einem Zauberbanne da, während ein Lächeln nach dem andern auf seine Lippen trat und sich das Staunen in seinen dunklen Augen immer mehr vertiefte.

Endlich betrat die Wirklichkeit im Kleide des Alltags das Zimmer, und zwar in Gestalt eines Lakaien, der der Herzogin meldete, daß ihr Wagen warte. Sie rang ihre Hände in geschauspielerter Verzweiflung. „Wie schade!“ rief sie aus. „Ich muß fort. Muß meinen Mann im Klub abholen und mit ihm zu irgendeiner albernen Sitzung bei Willis fahren, wo er präsidiert. Wenn ich zu spät komme, ist er sicher ärgerlich, und in dem Hut, den ich aufhabe, könnte ich eine Szene nicht vertragen. Er ist viel zu gebrechlich dazu. Ein rauhes Wort und er wäre ruiniert. Nein, liebe Agatha, ich muß fort. Adieu, Lord Henry! Sie sind ein ganz entzückender Mensch und fürchterlich unmoralisch. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich zu Ihren Ansichten sagen soll. Sie müssen mal bei uns zu Abend essen. Dienstag? Sind Sie Dienstag frei?“

„Für Sie würde ich jede andere Verabredung im Stich lassen, Frau Herzogin“, sagte Lord Henry, sich verbeugend.

„Ah! Das ist sehr nett und sehr abscheulich von Ihnen“, rief sie; „vergessen Sie also nicht zu kommen“, und sie rauschte aus dem Zimmer, von Lady Agatha und den anderen Damen begleitet.

Als sich Lord Henry wieder gesetzt hatte, kam Herr Erskine zu ihm, zog seinen Stuhl ganz nahe zu ihm hin und legte die Hand auf seinen Arm.

„Sie reden wie ein Buch“, sagte er; „warum schreiben Sie keins?“

„Ich lese Bücher viel zu gerne, als daß ich Lust hätte, eins zu schreiben, Herr Erskine. Gewiß möchte ich manchmal einen Roman schreiben, der so entzückend und ebenso unwirklich sein müßte wie ein persischer Teppich. Aber in England gibt es ja kein literarisches Publikum außer für Zeitungen, Katechismen und Konversationslexika. Von allen Völkern des Erdballs haben die Engländer den am wenigsten entwickelten Sinn für die Schönheit der Literatur.“

„Ich fürchte, Sie haben recht“, antwortete Herr Erskine. „Ich selbst habe einstmals literarischen Ehrgeiz gehabt, aber ich habe ihn längst abgelegt. Und nun, mein lieber junger Freund, wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen, darf ich Sie fragen, ob Sie wirklich alles im Ernst meinten, was Sie uns bei Tisch gesagt haben?“

„Ich habe ganz vergessen, was ich gesagt habe“, antwortete Lord Henry lächelnd. „Es war wohl sehr toll?“

„Allerdings, sehr toll! Ich glaube wirklich, daß Sie ein äußerst gefährlicher Mensch sind, und wenn unserer guten Herzogin irgend etwas zustößt, so werden wir alle Sie in erster Linie dafür verantwortlich machen. Aber ich würde mit Ihnen gern einmal länger über das Leben debattieren. Die Generation, in die ich hineingeboren wurde, war sehr langweilig. Wenn Sie mal londonmüde sind, kommen Siedoch nach Treadley und setzen Sie mir da Ihre Philosophie des Genusses auseinander bei einem ganz köstlichen Burgunder, den zu besitzen ich so glücklich bin.“

„Das wird mir ein großes Vergnügen sein. Ein Besuch in Treadley ist ein großer Vorzug. Es hat einen vollkommenen Wirt und eine vollkommene Bibliothek.“

„Die mit Ihnen vollständig werden wird“, antwortete der alte Herr mit einer höflichen Verbeugung. „Und jetzt muß ich Ihrer trefflichen Tante adieu sagen. Ich muß ins Athenäum. Es ist die Stunde, wo wir dort schlafen.“

„Sie alle, Herr Erskine?“

„Vierzig von uns in vierzig Klubsesseln. Wir üben uns für eine Akademie anglaise.“

Lord Henry lachte und stand auf. „Ich gehe in den Park!“ rief er aus.

Als er durch den Türrahmen schritt, berührte ihn Dorian Gray am Arm. „Erlauben Sie mir, mitzukommen“, flüsterte er.

„Aber ich dachte, Sie haben Basil Hallward versprochen, ihn zu besuchen“, wandte Lord Henry ein.

„Ich möchte lieber mit Ihnen gehen; ja ich fühle, ich muß mit Ihnen mitkommen. Bitte, erlauben Sie es. Und versprechen Sie mir, die ganze Zeit zu erzählen? Niemand spricht so entzückend wie Sie.“

„Ah! Ich habe für heute gerade genug geredet“, sagte Lord Henry und lächelte. „Alles, was ich jetzt möchte, ist, das Leben zu beschauen. Sie können mitkommen und mitanschauen, wenn Sie wollen.“

Eines Nachmittags, einen Monat später, saß Dorian Gray zurückgelehnt in einem schwellenden Sessel der kleinen Bibliothek in Lord Henrys Hause in Mayfair. Es war in seiner Art ein allerliebster Raum, bis hoch hinauf mit olivenfarbigem Eichenholz getäfelt, mit einem cremefarbigen Deckenfries und mit Stuckverzierungen und mit einem ziegelfarbigen Filzteppich, der in langen Seidenfransen auslief. Auf einem niedlichen Tischchen aus Satinholz stand eine Figur von Clodion, und daneben lag eine Ausgabe der Cent Nouvelles, die für Margarete von Valois von Clovis Eve eingebunden und mit goldenen Gänseblümchen verziert war, wie sie die Königin auf ihr Wappenzeichen gewählt hatte. Auf dem Kaminsims standen ein paar große blaue Porzellanvasen mit Papageientulpen, und durch die schmalen, bleigerahmten Rautenfelder der Fenster drang das aprikosenfarbene Licht eines Londoner Sommertages.

Lord Henry war noch nicht nach Hause gekommen. Er kam grundsätzlich zu spät, da sein Grundsatz war, Pünktlichkeit stehle einem die Zeit. Daher sah der junge Mann etwas gelangweilt aus, als er mit lässigen Fingern die Seiten einer reichillustrierten Ausgabe von Manon Lescaut durchblätterte, die er in einem der Bücherschränke gefunden hatte. Das abgemessene gleichförmige Ticktack der Louis-Quatorze-Uhr machte ihn nervös. Ein- oder zweimal machte er schon Miene, wegzugehen.

Endlich hörte er draußen einen Schritt und die Tür öffnete sich. „Wie spät du kommst, Harry!“ sagte er leisen Vorwurfs.

„Zu meinem Bedauern ist es nicht Harry, Herr Gray“, antwortete eine schrille Stimme.

Er sah sich rasch um und sprang auf die Füße.

„Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte —“

„Sie glaubten, es sei mein Mann. Es ist nur seine Frau. Ich muß mich schon selbst vorstellen. Ich kenne Sie aus Ihren Photographien ganz gut. Ich glaube, mein Mann hat ihrer siebzehn.“

„Nicht siebzehn, Lady Henry.“

„Schön, also achtzehn. Und dann habe ich Sie gestern abend mit ihm in der Oper gesehen.“ Während sie sprach, lachte sie nervös und beobachtete ihn mit ihren verschwommenen Vergißmeinnichtaugen. Sie war eine absonderliche Frau, deren Kleider immer so aussahen, als wären sie in einem Wutanfall gezeichnet und während eines Gewitters angezogen worden. Sie war gewöhnlich in irgend jemand verliebt, und da ihre Leidenschaft nie erwidert wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt. Sie machte den Versuch, malerisch zu erscheinen, aber es gelang ihr nur, unordentlich auszusehen. Sie hieß Viktoria und hatte eine krankhafte Leidenschaft, in die Kirche zu laufen.

„Das war im Lohengrin, Lady Henry, nicht wahr?“

„Ja, es war bei dem entzückenden Lohengrin. Ich liebe Wagners Musik mehr als die irgendeines anderen. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohnedaß die Nachbarn hören, was man sagt. Das ist ein dankenswerter Vorteil. Meinen Sie nicht auch, Herr Gray?“

Über ihre dünnen Lippen kam wieder das nervöse Stakkatolachen, und ihre Finger begannen mit einem langen Papiermesser aus Schildkrot zu spielen.

Dorian schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bedaure, Lady Henry, das ist nicht meine Meinung. Ich unterhalte mich nie, während man spielt — wenigstens nicht, wenn es gute Musik ist. Wenn man schlechte Musik hört, ist man freilich verpflichtet, sie durch ein Gespräch zu ertränken.“

„Ah, das ist eine von Harrys Sentenzen, nicht wahr, Herr Gray? Ich bekomme Harrys Ansichten immer von seinen Freunden zu hören. Das ist die einzige Art, wie ich sie überhaupt erfahre. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß ich nicht auch gute Musik liebe. Ich vergöttere sie, aber ich fürchte mich vor ihr. Sie macht mich zu romantisch. Ich habe Klavierspieler geradezu angebetet — manchmal zwei auf einmal, versichert Harry. Ich weiß nicht, was es für eine Bewandtnis mit ihnen hat. Vielleicht rührt es daher, daß sie Ausländer sind. Das sind sie doch alle, nicht wahr? Selbst die in England Geborenen werden nach einiger Zeit Ausländer, nicht wahr? Es ist sehr gescheit von ihnen und für die Kunst sehr vorteilhaft. Das macht sie zu Kosmopoliten, nicht wahr? Sie waren nie auf einer meiner Gesellschaften, Herr Gray. Sie müssen einmal kommen. Ich kann mir zwar keine Orchideen leisten, aber ich scheue in der Anschaffung von Ausländern keine Ausgabe. Sie geben dem Hause ein so pittoreskes Aussehen. Aber da ist Harry. — Harry, ich kam her, umdich zu suchen, um dich etwas zu fragen — ich habe ganz vergessen, was — und ich habe Herrn Gray hier getroffen. Wir haben so entzückend über Musik gesprochen. Unsere Ansichten darüber sind die gleichen. Nein, ich glaube, unsere Ansichten darüber sind ganz verschieden. Aber er ist ganz allerliebst gewesen. Ich freue mich so sehr, ihn einmal gesehen zu haben.“

„Das ist ja reizend, meine Liebe, ganz reizend“, sagte Lord Henry, seine dunkeln geschwungenen Brauen hebend und beide mit vergnügtem Lächeln ansehend. „Es tut mir so leid, Dorian, daß ich mich verspätet habe. Ich war in Wardour Street, um mir einen alten Brokat anzusehen, und mußte stundenlang darum handeln. Heutzutage kennen die Leute den Preis von jeder Sache und den Wert von keiner.“

„Ich muß leider gehen!“ rief Lady Henry aus und unterbrach ein verlegenes Schweigen mit ihrem jähen, grundlosen Lachen. „Ich habe versprochen, mit der Herzogin auszufahren. Adieu, Herr Gray. Adieu, Harry. Du speist wohl nicht zu Hause, wie? Ich auch nicht, vielleicht sehe ich dich bei Lady Thornbury.“

„Höchstwahrscheinlich, meine Liebe“, sagte Lord Henry und schloß die Tür hinter ihr, als sie gleich einem Paradiesvogel, der die ganze Nacht dem Regen ausgesetzt gewesen war, aus dem Zimmer hinausflatterte, einen feinen Jasmingeruch hinterlassend. Harry zündete sich eine Zigarette an und warf sich auf das Sofa. „Heirate nie eine Frau mit strohgelbem Haar, Dorian“, sagte er nach einigen Zügen.

„Warum nicht, Harry?“

„Weil sie so sentimental sind.“

„Aber ich habe sentimentale Menschen gern.“

„Heirate überhaupt nie, Dorian! Männer heiraten, weil sie müde sind; Frauen, weil sie neugierig sind: beide werden enttäuscht.“

„Ich glaube nicht, daß ich heiraten werde, Harry. Dazu bin ich zu verliebt. Das ist einer deiner Aphorismen. Ich setze ihn in die Wirklichkeit um, wie alles, was du sagst.“

„In wen bist du verliebt?“ fragte Lord Harry nach einer Pause.

„In eine Schauspielerin“, sagte Dorian Gray errötend.

Lord Henry zuckte die Achseln. „Ein recht landläufiger Anfang.“

„Das würdest du nicht sagen, wenn du sie kenntest.“

„Wer ist's denn?“

„Sie heißt Sibyl Vane.“

„Nie von ihr gehört.“

„Das hat niemand. Aber später einmal wird man von ihr hören. Sie ist ein Genie.“

„Mein lieber Junge, es gibt keine Frau, die ein Genie wäre. Die Frauen sind ein dekoratives Geschlecht. Sie haben niemals etwas zu sagen, aber sie sagen es entzückend. Die Frauen bedeuten den Triumph der Materie über den Geist, wie die Männer den Triumph des Geistes über die Sittlichkeit.“

„Harry, wie kannst du?“

„Mein lieber Dorian, es ist aber wahr. Ich beschäftige mich gerade mit der Analyse der Frauen, daher muß ichdas wissen. Das Thema ist nicht so verwickelt, wie ich glaubte. Ich finde, daß es schließlich nur zwei Arten von Frauen gibt, die einfachen und die geschminkten. Die einfachen Frauen sind sehr nützlich. Wenn du als ehrbarer Mensch gelten willst, mußt du nur eine von ihnen zu Tisch führen. Die andern Frauen sind zum Entzücken. Aber sie begehen einen Fehler. Sie schminken sich, um jung auszusehen. Unsere Großmütter schminkten sich, um geistreich zu plaudern. Rouge und Esprit gingen Hand in Hand. Das ist jetzt alles vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre jünger aussehen kann als ihre Tochter, ist sie gänzlich zufrieden. Was die Konversation betrifft, so gibt es in ganz London höchstens fünf Frauen, mit denen sich's zu reden lohnt, und zwei davon sind in anständiger Gesellschaft nicht möglich. Aber genug, erzähl' mir was von deinem Genie! Wie lange kennst du sie?“

„Ach, Harry, deine Ansichten erschrecken mich!“

„Mach' dir darum keine Kopfschmerzen. Wie lange kennst du sie also?“

„Ungefähr drei Wochen.“

„Und wo hast du die Entdeckung gemacht?“

„Ich will dir's erzählen, Harry, aber du mußt nicht häßlich darüber reden. Übrigens wär's gar nicht dazu gekommen, wenn ich dich nicht kennengelernt hätte. Du hast mich mit einer wilden Begierde, alles im Leben kennenzulernen, angefüllt. Noch viele Tage, nachdem ich dich zuerst gesehen hatte, schien in meinen Adern etwas zu rumoren. Wenn ich im Park spazierte oder Piccadilly hinunterschlenderte, schaute ich jeden an, der mir entgegenkam,und wollte mit einer tollen Neugierde herauskriegen, was für eine Art Leben die Leute alle führten. Einige von ihnen fesselten mich. Andere erfüllten mich mit Schauder. Es schwamm ein verführerisches Gift in der Luft. Mich hatte eine Leidenschaft nach Erlebnissen gepackt... Eines Abends also gegen sieben beschloß ich, mich auf die Suche nach einem Abenteuer zu begeben. Ich hatte solch Gefühl, daß unser graues, riesenhaftes London mit seinen vielen Hunderttausenden schmutzigen Sündern und seinen schillernden Sünden, wie du dich mal ausdrücktest, irgend etwas für mich in Bereitschaft halten müsse. Ich erfand mir tausenderlei Dinge. Schon die bloße Gefahr schenkte mir einen gewissen Genuß. Ich erinnerte mich an das, was du mir sagtest an dem wunderbaren Abend, als wir das erstemal zusammen speisten: daß nämlich das Suchen nach Schönheit das eigentliche Geheimnis des Lebens sei. Ich weiß nicht, was ich erwartete, aber ich ging drauflos und wanderte nach dem Osten, wo ich meinen Weg bald in einem Wirrwarr von rußigen Straßen und schwarzen, graslosen Plätzen verlor. Gegen halb acht kam ich an einem kleinen, schnurrigen Theater mit großen, flackernden Gasflammen und grellen Plakaten vorbei. Ein widerlicher Jude, in dem erstaunlichsten Rock, den ich mein Lebtag gesehen habe, stand an der Tür und paffte eine stänkrige Zigarre. Er hatte fettige Peies, und ein riesiger Brillant glitzerte auf seiner schmutzigen Hemdenbrust. ‚Eine Loge, Herr Baron?‛ fragte er mich und nahm seinen Hut mit grandioser Unterwürfigkeit ab. Er hatte etwas an sich, Harry, was mich belustigte. Er war dasreine Monstrum. Du wirst mich auslachen, ich weiß schon, aber ich trat wirklich ein und erlegte ein Zwanzigmarkstück für die Proszeniumsloge. Ich kann mir noch heute nicht erklären, warum ich das tat; und doch — wenn ich's nicht getan hätte — bester Harry, ich wäre um das größte Ereignis meines Lebens gekommen. Ja, lach du nur. Es ist häßlich von dir.“

„Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht über dich. Aber du solltest es nicht das größte Ereignis deines Lebens nennen. Sage lieber, das erste Ereignis deines Lebens. Du wirst immer geliebt werden, und du wirst in die Liebe immer verliebt sein. Die grande Passion ist das Vorrecht aller Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige Nutzen, den die Tagediebe eines Landes bringen. Habe keine Angst! Himmlische Dinge warten noch deiner. Das ist der bloße Anfang.“

„Hältst du meine Natur für so oberflächlich?“ rief Dorian Gray gekränkt.

„Nein, ich halte sie für so tief.“

„Wie meinst du das?“

„Mein lieber Junge, die Leute, die nur einmal im Leben lieben, das sind in Wirklichkeit die Oberflächlichen. Was sie Anstand und Treue nennen, nenne ich entweder die Trägheit der Gewohnheit oder Mangel an Einbildungskraft. Treue ist im Gefühlsleben dasselbe, was Konsequenz im Geistesleben ist, nichts als das Zugeständnis von Schwäche. Treue! Ich muß ihren Begriff später mal analysieren. Freude am Besitz liegt darin. Welche Menge von Dingen würden wir wegwerfen, wenn wir nichtfürchten müßten, andere könnten sie auflesen. Aber ich möchte dich nicht unterbrechen. Erzähle weiter.“

„Ich saß also in einer schauderhaften kleinen Loge, und ein ordinärer Vorhang starrte mir gerade ins Gesicht. Ich schaute hinter der Gardine vor und sah mich im Hause um. Es war ein schäbig-elegantes Ding, gestopft voll mit Amoretten und Füllhörnern, wie auf einem Hochzeitskuchen billigster Sorte. Galerie und Stehparterre waren leidlich voll, aber die zwei Reihen schmieriger Fauteuils vorne waren ganz leer und auf dem Platze, den sie vermutlich ersten Rang titulierten, saß kaum ein Mensch. Weiber gingen mit Orangen und Ingwerbier herum, und eine unglaubliche Masse von Nüssen wurde verknackt.“

„Es muß ganz wie in der Glanzzeit des britischen Dramas gewesensein.“

„Ganz so, vermute ich, und sehr niederdrückend. Ich begann, zu überlegen, was um Himmels willen ich da anfangen sollte, als mein Blick auf den Theaterzettel fiel. Was glaubst du, was sie spielten, Harry?“

„Ich vermute, der ‚kleine Kretin‛ oder ‚Blödsinnig, aber unschuldig‛. Unsere Väter liebten diese Art Stücke, glaube ich. Je länger ich lebe, Dorian, je stärker fühle ich, daß alles, was für unsere Väter gut genug war, für uns noch lange nicht gut genug ist. In der Kunst wie in der Politikles grandpères ont toujours tort.“

„Das Stück war gut genug für uns, Harry. Es war ‚Romeound Julia‛. Ich muß zugeben, daß mich der Gedanke, Shakespeare in einer so elenden Spelunke zu sehen, ärgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie. Jedenfallsentschloß ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es spielte da ein schauderöses Orchester, das ein junger Hebräer dirigierte, der an einem schnarrenden Klavier saß, mich beinah zum Davonlaufen brachte; aber schließlich ging doch der Vorhang in die Höhe und das Stück fing an. Romeo war ein hahnebüchener älterer Herr mit dick gemalten Brauen, einer versoffenen Tragödenstimme und einer Falstaffgestalt wie eine Biertonne. Mercutio war fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt, der Mätzchen eigener Improvisation einstreute und in der verwandtschaftlichsten Beziehung zur Galerie stand. Sie waren beide genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus, als käme sie vom Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry, stell dir ein Mädchen vor, kaum siebzehn Jahre alt, mit einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen griechischen Kopf mit dunkelbraunen Zöpfen, mit Augen, wie veilchenblaue Brunnen heißer Leidenschaft, mit Lippen wie Rosenblätter. Das entzückendste Geschöpf, das ich je im Leben gesehen habe. Du sagtest mal zu mir, Pathos ergreife dich nicht, aber Schönheit, keusche Schönheit an sich, könnte deine Augen wohl mit Tränen füllen. Ich sage dir, Harry, ich konnte dieses Mädchen kaum sehen, von dem Tränenflor über meinen Augen. Und ihre Stimme — ich habe so eine Stimme nie gehört. Zuerst sehr leise in tiefen, vollen Molltönen, die langsam und jeder für sich allein ins Ohr zu träufeln schienen. Dann etwas lauter und erklingend wie eine Flöte oder eine ferne Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene zitternde Inbrunst, die man hört, wenn die Nachtigallen singen vorTag und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme die verhaltene Leidenschaftsglut von Geigentönen hatte. Du weißt, wie eine Stimme einen erschüttern kann. Deine Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schließe, höre ich sie, und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich weiß nicht, welcher ich folgen soll. Warum sollte ich sie nicht lieben? Harry, ich liebe sie. Sie ist alles in meinem Leben. Abend für Abend gehe ich hin, um sie spielen zu sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nächsten Imogen. Ich habe sie im Düster eines italienischen Grabgewölbes sterben sehen, wie sie das Gift von den Lippen des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer Wanderung durch die Ardennen gefolgt, wie sie als hübscher Knabe mit Hose, Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war wahnsinnig und ist vor einen schuldbewußten König hingetreten und ließ ihn Rauten tragen und bittere Kräuter kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen Hände der Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepreßt. Ich habe sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen. Gewöhnliche Frauen sagen unserer Phantasie nichts. Sie sind in ihre Zeit hineingebannt. Kein Zauber kann sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell wie ihre Güte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt kein Geheimnis in ihnen. Sie reiten morgens in den Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie haben ihr stereotypes Lächeln und ihre eleganten Modemanieren. Aber eine Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin! Harry! Warum hast du mir nicht gesagt,daß nichts geliebt zu werden verdient als eine Schauspielerin?“

„Weil ich so viele von ihnen geliebt habe, Dorian.“

„Oh, gewiß, gräßliche Geschöpfe mit gefärbten Haaren und geschminkten Gesichtern.“

„Schmähe nicht gefärbtes Haar und geschminkte Gesichter. Es liegt zuweilen ein ganz besonderer Reiz darin“, sagte Lord Henry.

„Ich wollte, ich hätte dir nie etwas von Sibyl Vane gesagt.“

„Du hättest gar nicht anders können, Dorian. Dein ganzes Leben lang wirst du mir alles sagen, was du tust.“

„Ja, Harry, ich glaube, es ist so. Ich bin geradezu gezwungen, dir alles zu sagen. Du hast eine seltsame Macht über mich. Wenn ich je ein Verbrechen beginge, käme ich gleich zu dir und beichtete es dir. Du würdest mich verstehen.“

„Menschen wie du — die kühnen Sonnenstrahlen des Lebens — begehen keine Verbrechen, Dorian. Aber ich danke dir trotzdem für dein Kompliment. Und nun sag' mir — bitte gib mir mal die Streichhölzer herüber; danke — wie sind deine wirklichen Beziehungen zu Sibyl Vane?“

Dorian Gray sprang mit geröteten Wangen und blitzenden Augen auf. „Harry! Sibyl Vane ist mir heilig.“

„Nur heilige Dinge sind wert, sie anzurühren, Dorian“, sagte Lord Henry mit einem merkwürdigen pathetischen Ton in seiner Stimme. „Aber warum fühlst du dich verletzt? Ich vermute, sie wird dir eines Tages gehören. Wenn man verliebt ist, fängt man immer damit an, sichselbst zu betrügen, und hört immer damit auf, andere zu betrügen. Das nennt die Welt eine Liebesgeschichte. Auf jeden Fall denke ich, du kennst sie?“

„Natürlich kenne ich sie. Schon am ersten Abend im Theater kam der gräßliche alte Jude nach der Vorstellung in meine Loge und bot mir an, mich hinter die Kulissen zu führen und ihr vorzustellen. Ich war wütend und sagte ihm, daß Julia seit Hunderten von Jahren tot sei und daß ihr Körper in einem Marmorgrabe zu Verona liege. Nach dem bestürzten Ausdruck in seinem Gesicht vermute ich, daß er glaubte, ich hätte zuviel Champagner oder Ähnliches getrunken.“

„Kein Wunder!“

„Dann fragte er mich, ob ich für irgendeine Zeitung schreibe. Ich sagte ihm, daß ich nicht mal eine lese. Das schien ihn furchtbar zu enttäuschen, und er vertraute mir an, alle Theaterkritiker hätten sich gegen ihn verschworen und jeder einzelne von ihnen wäre käuflich.“

„Es sollte mich nicht wundern, wenn er ganz recht hätte. Andererseits aber, nach ihrem Aussehen zu schließen, können sie meistens gar nicht teuer sein.“

„Einerlei, sie schienen über seine Mittel zu gehen“, sagte Dorian lachend. „Inzwischen aber wurden die Lichter im Theater ausgedreht und ich mußte fort. Er bat mich noch, einige Zigarren zu probieren, die er mir sehr warm empfahl. Ich dankte. Am nächsten Abend ging ich natürlich wieder hin. Als er mich sah, machte er eine tiefe Verbeugung und versicherte mir, ich sei ein edelmütiger Kunstmäzen. Er ist eine höchst abstoßende Kreatur, obwohl ereine außerordentliche Leidenschaft für Shakespeare hegt. Er erzählte mir mal mit einem Anflug von Stolz, seine fünf Bankrotte verdanke er nur dem ‚Barden‛; so nannte er nämlich hartnäckig Shakespeare. Er schien das für ein Verdienst zu halten.“

„Es ist ein Verdienst, lieber Dorian — ein großes Verdienst. Die meisten Leute werden bankrott, weil sie zuviel in der Prosa des Lebens angelegt haben. Sich mit Poesie ruiniert zu haben, ist eine ehrenvolle Auszeichnung. Aber wann hast du Fräulein Sibyl Vane zum erstenmalgesprochen?“

„Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt. Ich mußte hinter die Bühne gehen. Ich hatte ihr ein paar Blumen zugeworfen, und sie hatte zu mir hingesehen, wenigstens bildete ich es mir ein. Der alte Jude war beharrlich. Er schien entschlossen, mich mit nach hinten zu nehmen, und so gab ich nach. Es war sonderbar, daß ich sie nicht kennenlernen wollte, nicht wahr?“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Warum, lieber Harry?“

„Ich erkläre dir das ein andermal. Jetzt möchte ich gern von dem Mädchen hören.“

„Von Sibyl? Oh, sie war so schüchtern und lieb. Sie ist noch fast wie ein Kind. Ihre Augen öffneten sich in einem allerliebsten Staunen, als ich ihr sagte, was ich über ihr Spiel dachte, und sie schien sich ihres eigenen Könnens gar nicht bewußt zu sein. Ich glaube, wir waren beide recht nervös. Der alte Jude stand grinsend an der Tür der staubigen Garderobe und hielt theatralische Reden überuns beide, während wir uns wie Kinder anstarrten. Er bestand darauf, mich ‚Herr Baron‛ zu nennen, so daß ich Sibyl versichern mußte, ich sei nichts der Art. Sie sagte in ganz schlichter Weise zu mir: ‚Sie sehen mehr wie ein Prinz aus. Ich will Sie Prinz Märchenschön nennen‛.“

„Mein Wort, Dorian, Fräulein Sibyl versteht es, Schmeicheleien zu sagen.“

„Du verstehst sie nicht, Harry. Sie betrachtete mich nur wie eine Figur in einem Theaterstück. Sie weiß gar nichts vom Leben. Sie wohnt bei ihrer Mutter, einer verblühten, ältlichen Frau, die am ersten Abend in einer Art türkisch-rotem Schlafrock die Lady Capulet spielte und den Eindruck machte, als hätte sie bessere Tage gesehen.“

„Ich kenne diese Art, auszusehen. Sie stimmt mich unbehaglich“, sagte Lord Henry mit verhaltener Stimme und betrachtete seine Ringe.

„Der Jude wollte mir ihre Lebensgeschichte erzählen, aber ich bemerkte, sie interessiere mich nicht.“

„Da hattest du recht. Die Tragödien anderer Leute haben immer etwas unglaublich Gewöhnliches an sich.“

„Sibyl ist das einzige, um das ich mich kümmere. Was geht's mich an, woher sie stammt? Von ihrem kleinen Kopf bis zu ihrem kleinen Fuß ist sie ein himmlisches Wesen. Jeden Abend, den ich erlebe, gehe ich hin, um sie spielen zu sehen, und jeden Abend ist sie entzückender.“

„Ich vermute darin den Grund, weshalb du jetzt nie mehr mit mir zusammen ißt. Ich dachte mir gleich, daß dahinter irgendeine merkwürdige Geschichte stecke. Das ist so, aber es ist nicht ganz, was ich erwartete.“

„Lieber Harry, wir sind jeden Tag entweder beim Frühstück oder beim Abendessen zusammen, und ich bin mehrere Male mit dir in der Oper gewesen“, sagte Dorian und öffnete verwundert seine blauen Augen.

„Du kommst immer furchtbar spät.“

„Ja, ich muß hin und Sibyl spielen sehen, und wenn auch nur einen Akt lang. Ich hungere nach ihrem Anblick, und wenn ich an die himmlische Seele denke, die in diesem zierlichen Elfenbeinkörper eingeschlossen ist, packt mich stille Ehrfurcht.“

„Kannst du heute abend mit mir essen, Dorian?“

Er schüttelte den Kopf. „Heute abend ist sie Imogen,“ antwortete er, „und morgen abend Julia.“

„Wann ist sie Sibyl Vane?“

„Nie!“

„Da wünsche ich dir Glück.“

„Wie schrecklich du bist! Sie verkörpert alle die großen Frauengestalten der Weltgeschichte in sich. Sie ist mehr als ein Geschöpf. Du lachst, aber ich sage dir, sie ist ein Genie. Ich liebe sie und ich will's erreichen, daß sie mich auch liebt. Dir sind alle Geheimnisse des Lebens bekannt, du mußt mir sagen, wie ich Sibyl Vane so bezaubern kann, daß sie mich liebt. Ich will Romeo eifersüchtig machen. Ich will, daß die toten Liebhaber der Welt unser Lachen hören und sich grämen. Ich will, daß unsere strahlende Leidenschaft ihren Staub wieder beleben und ihre Asche zu Schmerzen auferwecken soll. O Gott, Harry, wie bete ich sie an!“ Er ging, während er sprach, im Zimmer auf und ab. Rote hektische Flecken brannten auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.

Lord Henry betrachtete ihn mit stillem Wohlbehagen. Wie anders war er jetzt als jener verlegene, schüchterne Knabe, den er in Basil Hallwards Atelier angetroffen hatte! Seine Natur hatte sich entwickelt wie eine Blume und trug Blüten von brennendrotem Scharlach. Aus ihrem geheimen Versteck war seine Seele hervorgekrochen, und die Wollust war ihr auf halbem Wege entgegengekommen.

„Und was hast du nun vor?“ sagte Lord Henry schließlich.

„Ich will, du und Basil sollt mich an einem Abend begleiten und sie spielen sehen. Ich setze nicht die leiseste Besorgnis in die Wirkung. Ihr werdet zugeben müssen, daß sie Genie hat. Dann müssen wir sie dem Juden aus den Händen winden. Sie ist noch drei Jahre — genau zwei Jahre und acht Monate — an ihn gebunden. Natürlich werde ich ihm etwas zahlen müssen. Wenn das alles in Ordnung ist, suche ich mir ein Theater im Westend und lasse sie dort erst mal richtig auftreten. Sie wird die Welt ebenso verrückt machen wie mich.“

„Das wird kaum gehen, lieber Junge.“

„Ja, sie wird es; denn in ihr ist nicht nur Kunst, vollendetster Kunstinstinkt, sondern sie hat auch Persönlichkeit; und du selbst hast mir oft genug gesagt, daß nur Persönlichkeiten, nicht Prinzipien die Welt beherrschen.“

„Schön, wann sollen wir also hingehen?“

„Laß mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen wir morgen festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.“

„Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde Basil mitbringen.“

„Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir müssen dort sein, ehe der Vorhang aufgeht. Du mußt sie im ersten Akt bei der Begegnung mit Romeo sehen.“

„Halbsieben Uhr! Was für eine Tageszeit! Das wäre ja gerade so, wie ein Abendbrot am Nachmittag essen oder einen englischen Roman lesen. Vor sieben Uhr geht's nicht. Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du Basil bis dahin? Oder soll ich ihm schreiben?“

„Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang nicht um ihn gekümmert. Das ist sehr häßlich von mir, denn er hat mir mein Porträt in einem prachtvollen Rahmen, den er selbst entworfen hat, geschickt, und obwohl ich ein bißchen eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen ganzen Monat jünger ist als ich, muß ich doch zugeben, daß es mich ganz entzückt. Ich bitte, schreib lieber. Ich möchte ihn nicht allein wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich verstimmen. Er gibt mir gute Lehren.“

Lord Henry lächelte. „Die Menschen haben eine starke Vorliebe, das wegzuschenken, was sie selber am nötigsten hätten. Ich nenne das den Chimborasso Freigebigkeit.“

„Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch ein klein bißchen Philister zu sein. Seit ich dich kenne, Harry, hab' ich das entdeckt.“

„Basil, mein lieber Junge, tränkt seine Werke mit allem, was an ihm entzückend ist. Die Folge ist, daß ihm fürs Leben nichts übrigbleibt als seine Vorurteile, seine Grundsätze und sein gesunder Menschenverstand. Alle Künstler, die ich kennengelernt habe, und die persönlich von Anziehungskraft sind, waren schlechte Künstler. Gute Künstlerleben nur in ihren Schöpfungen und sind daher im Leben vollständig uninteressant. Ein großer Dichter, ein wirklich großer Dichter ist das unpoetischste Geschöpf von der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer. Je schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr Aussehen. Die bloße Tatsache, eine Sammlung mittelmäßiger Sonette veröffentlicht zu haben, macht solchen Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die Poesie, die er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie, die sie nicht zu leben wagen.“

„Ich möchte wissen, ob das wirklich so ist, Harry“, sagte Dorian Gray, der inzwischen aus einem großen goldgefaßten Flakon auf dem Tische etwas Parfüm auf sein Taschentuch gegossen hatte. „Es wird wohl sein, wenn du es sagst. Jetzt aber muß ich fort. Imogen wartet auf mich. Vergiß nicht, morgen! Adieu!“

Als er das Zimmer verlassen hatte, schloß Lord Henry die schweren Lider und begann nachzudenken. Gewiß hatten ihn wenige Menschen bisher so interessiert wie Dorian Gray, und doch verursachte ihm die wahnsinnige Leidenschaft des Jünglings für eine andere Person nicht im entferntesten Ärger oder Eifersucht. Es freute ihn. Dorian wurde dadurch nur noch interessanter. Die Methoden der Naturwissenschaft hatten ihn immer entzückt, aber der gewöhnliche Gegenstand dieser Wissenschaft war ihm kleinlich und belanglos erschienen, und so hatte er begonnen, sich selbst zu vivisezieren und hatte damit geendet, andere zu vivisezieren. Das Menschenleben — das schien ihm der einzige einer Untersuchung werte Gegenstand. Verglichendamit war alles andere ohne jegliche Bedeutung. Freilich, wenn man das Leben in dem seltsamen Schmelztiegel des Schmerzes und der Lust beobachtete, konnte man keine Glasmaske über dem Gesicht tragen, konnte auch nicht die Schwefeldämpfe abhalten, die einem das Gehirn verwirrten und die Phantasie mit monströsen Ausgeburten und mißratenen Träumen umwirbelten. Es gab so feine Gifte, daß man an ihnen erkrankt sein mußte, um ihre Eigenheiten zu kennen. Es gab so seltsame Krankheiten, daß man sie durchgemacht haben mußte, um ihre Art zu begreifen. Und doch, welchen Lohn empfing man dafür! Wie wunderbar wandelt sich einem dann die ganze Welt! Die merkwürdig strenge Logik der Leidenschaft und das buntgefärbte Trieb- und Gefühlsleben des Geistes anzumerken — zu beobachten, wo sich die beiden Linien schneiden und wo sie auseinandergehen, in welchem Punkte sie in Eintracht leben und in welchem sie sich wieder bekriegen — das ist ein Genuß! Was liegt an dem Preise dafür! Man kann nie einen zu hohen Preis für ein Sinnenerlebnis geben.

Er war sich bewußt — und dieser Gedanke brachte einen freudigen Glanz in seine achatbraunen Augen — daß sich durch gewisse Worte, die er gesprochen hatte, musikalische Worte in melodischem Tonfall, Dorian Grays Seele diesem weißen Mädchen zugewendet und sich in Verehrung vor ihr gebeugt hatte. In hohem Maße war der Jüngling sein Geschöpf. Er hatte ihn vor der Zeit reifen lassen. Das war schon was. Die gewöhnlichen Menschen warten, bis ihnen das Leben seine Geheimnisseaufschließt, aber den wenigen Auserwählten werden die Mysterien des Daseins enthüllt, bevor der Schleier weggezogen wird. Manchmal ist das die Wirkung der Kunst, besonders der Dichtung, die ja unmittelbar die Leidenschaften und den Intellekt behandelt. Ab und zu nimmt aber eine komplizierte Persönlichkeit diesen Platz ein und übt das Amt der Kunst aus, ist eigentlich auf ihre Weise ein richtiges Kunstwerk, denn das Leben schafft ebenso seine vollendeten Meisterwerke wie die Poesie oder die Bildhauerkunst oder die Malerei.

Ja, dieser Jüngling war vor der Zeit reich. Er erntete, während er noch lenzte. Der Puls und die Leidenschaft der Jugend wohnten in ihm, und er begann, seiner bewußt zu werden. Es war entzückend, ihn zu beobachten. Mit seinem schönen Angesicht und seiner schönen Seele war er ein Stück Leben zum Anstaunen. Es lag nichts daran, wie das alles endete, oder enden sollte. Er glich einer der graziösen Gestalten auf einem Gobelin oder in einem Schauspiel, deren Freuden von den unseren weit entfernt zu sein scheinen, aber deren Schmerzen unseren Schönheitssinn erregen und deren Wunden wie rote Rosen sind.

Seele und Leib, Leib und Seele — wie geheimnisvoll das alles ist! Animalisches ist in der Seele, und der Leib hat seine Augenblicke geistiger Veredlung. Die Sinne können sich läutern, und der Intellekt kann sich vergröbern. Wer kann sagen, wo die fleischlichen Triebe endigen und die seelischen beginnen? Wie flach sind die willkürlichen Erklärungen der handwerksmäßigen Psychologen! Und doch, wie schwierig ist die Entscheidung zwischen den Lehren dereinzelnen Schulen. Ist die Seele ein Schatten, der im Hause der Sünde wohnt? Oder ist der Körper wirklich in der Seele eingeschlossen, wie es sich Giordano Bruno dachte? Die Trennung von Geist und Stoff ist ein Geheimnis, und die Vereinigung von Geist und Stoff ist abermals ein Geheimnis.

Er dachte darüber nach, ob wir je die Psychologie zu einer so exakten Wissenschaft machen können, daß uns auch das kleinste Triebrädchen des Lebens offenbar würde. Wie die Dinge heute liegen, begreifen wir uns selbst nie und die anderen nur selten. Die Erfahrung hat keinerlei ethische Bedeutung. Sie ist nur das Firmenschild, das die Menschen ihren Irrtümern anhängen. Die Moralisten haben sie meist als eine Art Warnung betrachtet, haben für sie eine gewisse ethische Wirksamkeit in der Bildung der Charaktere beansprucht, haben sie als Mittel gepriesen, das uns darüber aufklärt, was wir tun und lassen sollen. Aber in der Erfahrung liegt keine bewegende Kraft. Sie ist ebensowenig eine tätige Ursache wie das Gewissen. Alles, was sie in Wirklichkeit lehrt, ist, daß unsere Zukunft ebenso sein wird wie unsere Vergangenheit, und daß wir die Sünde, die wir dereinst mit Abscheu und Widerwillen begangen haben, immer und immer wieder und dann mit Genuß wiederholen werden.

Er war sich darüber klar, daß die Versuchsmethode die einzige sei, durch die man zu irgendeiner wissenschaftlichen Erklärung der Leidenschaften kommen könne; und sicher war ihm Dorian Gray ein bequemes Objekt und schien reiche und wertvolle Erfolge zu versprechen. Seine jähesturmartige Liebe zu Sibyl Vane war eine psychologische Tatsache von großem Interesse. Kein Zweifel, daß die Neugier dabei stark im Spiele war, Neugier und Lust an neuen Erlebnissen; doch es war keine einfache, sondern eher eine recht komplizierte Leidenschaft. Was von dem rein sinnlichen Triebe des Knabenalters in ihr war, das hatte die Mitarbeit der Phantasie umgebildet, in irgendwas verwandelt, das dem Jüngling selbst ganz fern von allem Sinnlichen schien und gerade deshalb um so gefährlicher war. Alle Leidenschaften, über deren Ursprung wir uns selbst täuschen, üben die stärkste Herrschaft auf uns aus. Unsere schwächsten Triebkräfte sind die, über deren Natur wir klar sehen. Es kommt oft vor, daß wir im Denken mit uns selbst Experimente anstellen und glauben, sie mit anderen zu versuchen.

Während Lord Henry noch dasaß und über diese Dinge nachgrübelte, wurde an die Tür geklopft; ein Diener trat ein und erinnerte ihn, daß es Zeit sei, sich für das Abendessen umzukleiden. Er erhob sich und blickte auf die Straße hinab. Der Sonnenuntergang hatte die oberen Fenster der gegenüberliegenden Häuser in ein feuerrotes Gold getaucht. Die Scheiben glühten wie erhitzte Metallplatten. Der Himmel drüber glich einer verwelkten Rose. Es erinnerte ihn an das junge, flammenlodernde Leben seines Freundes, und er fragte sich, wie das alles enden würde.


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