„Die Grundlage für jeden Klatsch ist eine unmoralischeVerläßlichkeit“, sagte Lord Henry und zündete sich eine Zigarette an.
„Du würdest jeden von uns bloßstellen, Harry, um einen Witz zu machen.“
„Die Welt legt sich aus freien Stücken auf den Opferaltar“, war die Antwort.
„Ich wollte, ich könnte lieben!“ rief Dorian Gray mit einem tiefpathetischen Klang in seiner Stimme. „Aber es scheint, ich habe die Glut der Leidenschaft verloren und die Sehnsucht des Begehrens vergessen. Ich bin zu sehr in mich selber konzentriert. Meine eigene Person ist eine Last für mich geworden. Ich möchte entfliehen, weggehen, vergessen. Es war albern von mir, überhaupt herzukommen. Ich denke, ich telegraphiere an Harvey, daß er die Jacht instand setzt. Auf einer Jacht ist man sicher.“
„Wovor sicher, Dorian? Du hast Unruhe. Warum sagst du mir nicht, was es ist? Du weißt, daß ich dir helfen könnte.“
„Ich kann es dir nicht sagen, Harry“, erwiderte er traurig. „Und es mag wohl alles nur Einbildung sein. Der unglückselige Zwischenfall hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich habe eine schreckliche Vorahnung, daß mir etwas Ähnliches zustößt.“
„Was für Unsinn!“
„Ich hoffe, es ist Unsinn, aber ich kann dies Gefühl nicht loswerden. Ah! da kommt die Herzogin und sieht aus wie Artemis in einem Tailormade-Kleide. Sie sehen, wir sind zurück, Frau Herzogin.“
„Ich habe schon alles gehört, Herr Gray“, antwortetesie. „Der arme Geoffrey ist ganz außer Fassung. Und man sagt, Sie hatten ihn gebeten, nicht auf den Hasen zu schießen. Wie seltsam!“
„Ja, es war sehr seltsam. Ich kann nicht mal sagen, warum ich es getan habe. Eine Eingebung vermute ich. Er sah so niedlich aus, der kleine Kerl. Aber ich bedaure sehr, daß man Ihnen von dem Manne erzählt hat. Es ist ein peinliches Thema.“
„Es ist ein langweiliges Thema“, unterbrach ihn Lord Henry. „Es hat keinerlei psychologischen Wert. Wenn es Geoffrey noch absichtlich getan hätte, wie interessant wäre es dann! Ich würde gern jemand kennenlernen, der einen wirklichen Mord begangen hat.“
„Wie abscheulich von dir“, schrie die Herzogin auf. „Nicht war, Herr Gray? Harry, Herrn Gray ist wieder unwohl. Er wird ohnmächtig.“
Dorian hielt sich gewaltsam aufrecht und lächelte. „Es ist nichts, Frau Herzogin,“ murmelte er, „meine Nerven sind schrecklich in Unordnung. Nichts weiter. Ich fürchte, ich bin heut morgen zuviel gegangen. Ich habe gar nicht gehört, was Harry gesagt hat. War es sehr toll? Sie müssen es mir ein andermal erzählen. Ich halte es fürs beste, mich jetzt ein bißchen hinzulegen. Sie entschuldigen mich, nicht wahr?“
Sie hatten die große Treppe erreicht, deren Stufen vom Gewächshaus auf die Terrasse emporführten. Als sich die Glastür hinter Dorian geschlossen hatte, wandte sich Lord Henry um und sah die Herzogin mit seinen schläfrigen Augen an. „Bist du sehr in ihn verliebt?“ fragte er.
Sie gab eine Weile keine Antwort, sondern stand da und blickte auf die Landschaft. „Ich möchte es selber wissen“, sagte sie endlich.
Er schüttelte den Kopf. „Wissen, wäre ein Verhängnis. Nur die Ungewißheit hat für uns Reiz. Ein Nebel macht die Dinge wunderbar.“
„Man kann darin seinen Weg verlieren.“
„Alle Wege enden am selben Punkt, meine liebe Gladys.“
„Wie heißt der?“
„Enttäuschung.“
„So war mein Debüt im Leben“, seufzte sie.
„Sie kam mit einer Krone zu dir.“
„Ich bin der Erdbeerblätter in unserer Krone müde.“
„Sie steht dir gut.“
„Nur in der Öffentlichkeit.“
„Sie würde dir fehlen“, sagte Lord Henry.
„Ich werde mich von keinem Blättchen trennen.“
„Monmouth hat Ohren.“
„Das Alter ist schwerhörig.“
„War er nie eifersüchtig?“
„Ich wollte, er wäre es.“ Dabei lachte sie. Ihre Zähne sahen aus wie weiße Kerne in einer scharlachfarbenen Frucht. Indessen lag oben in seinem Zimmer Dorian Gray auf einem Sofa, Schrecken in jeder zuckenden Fiber seines Körpers. Das Leben war für ihn urplötzlich eine so schwere Last geworden, daß er sie nicht mehr tragen konnte. Der gräßliche Tod des unglücklichen Treibers, der in dem Dickicht wie ein wildes Tier niedergeknallt worden war, schien ihm selbst den Tod vorauszusagen. Er war fast inOhnmacht gefallen bei dem zynischen Scherz, den Lord Henry in einer zufälligen Laune gemacht hatte.
Um fünf Uhr klingelte er seinem Diener und hieß ihn seine Sachen für den Nachtschnellzug nach London zu packen und den Wagen für halb neun vors Tor zu bestellen. Er war entschlossen, keine Nacht mehr in Selby Royal zu schlafen. Es war ein Ort voll böser Vorzeichen. Der Tod ging dort am hellen Tage um. Das Gras des Waldes war mit Blut befleckt.
Dann schrieb er ein Billett an Lord Henry, in dem er ihm mitteilte, daß er in die Stadt fahre, um den Arzt zu konsultieren, und ihn bat, seine Gäste in seiner Abwesenheit zu unterhalten. Als er die Zeilen in ein Kuvert legte, klopfte es an die Tür, und sein Diener meldete ihm, daß ihn der Hegemeister sprechen wolle. Er runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. „Lassen Sie ihn eintreten“, murmelte er nach einigem Zögern.
Während der Mann eintrat, holte Dorian sein Scheckbuch aus einer Schublade hervor und legte es vor sich hin.
„Sie kommen vermutlich wegen des Unglücksfalles von heute morgen, Thornton“, sagte er und nahm eine Feder auf.
„Ja, Herr“, antwortete der Hegemeister.
„War der arme Kerl verheiratet? Hatte er Angehörige zu versorgen?“ fragte Dorian mit einem müden Gesicht. „Wenn sich's so verhält, möchte ich nicht, daß sie in Not zurückbleiben, und ich will ihnen jede Summe schicken, die Sie für notwendig halten.“
„Wir wissen nicht, wer es ist, gnädiger Herr. Deshalb war ich so frei, herzukommen.“
„Sie wissen nicht, wer es ist?“ sagte Dorian zerstreut. „Wie meinen Sie das? War es nicht einer von Ihren Leuten?“
„Nein Herr. Ich hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen. Er sieht aus wie ein Matrose, gnädiger Herr.“
Die Feder fiel Dorian Gray aus der Hand, und er hatte das Gefühl, als höre sein Herz plötzlich zu schlagen auf. „Ein Matrose!“ schrie er auf. „Sagten Sie, ein Matrose?“
„Ja, gnädiger Herr. Er sieht aus wie ein Matrose; auf beiden Armen tätowiert und überhaupt so in der Art.“
„Hat man irgend etwas bei ihm gefunden?“ fragte Dorian, beugte sich vor und sah den Mann mit aufgerissenen Augen an. „Irgend etwas, woraus man seinen Namen erführe?“
„Nur Geld, gnädiger Herr — nicht viel, und einen sechsläufigen Revolver. Nichts von Namen. Der Mann sieht sonst anständig aus, aber gewöhnlich. Wir halten ihn für eine Art Matrosen.“
Dorian sprang auf die Füße. Eine furchtbare Hoffnung durchblitzte ihn. Er klammerte sich wahnsinnig an sie an. „Wo ist der Leichnam?“ rief er aus. „Rasch, ich muß ihn sofort sehen.“
„Er liegt in einem leeren Stall im Wirtschaftsgebäude, gnädiger Herr. Die Leute wollen so was nicht in ihren vier Wänden haben. Sie sagen, eine Leiche bringt Unglück.“
„Im Wirtschaftsgebäude! Gehen Sie sogleich voraus und warten Sie da auf mich. Sagen Sie einem der Grooms, er soll mein Pferd herbringen. Nein. Lieber nicht. Ich will selbst in den Stall kommen. Das geht rascher.“
Kaum eine Viertelstunde später galoppierte Dorian, so rasch er konnte, die lange Allee hinunter. Die Bäume schienen in gespenstischer Parade an ihm vorbeizufliegen und ihm wilde Schatten in den Weg zu schleudern. Einmal scheute die Stute vor einem weißen Pfahle und warf ihn fast ab. Er schlug ihr die Gerte um den Hals. Sie durchschnitt die dunkle Luft wie ein Pfeil. Die Steine stoben unter ihren Hufen.
Endlich erreichte er das Wirtschaftsgebäude. Zwei Männer lungerten im Hof herum. Er sprang aus dem Sattel und warf einem die Zügel hin. In dem letzten Stall flimmerte ein Licht. Irgend etwas schien ihm zu sagen, daß dort der Leichnam liege, und er ging rasch auf die Tür zu und legte die Hand auf die Klinke.
Da hielt er einen Augenblick inne und wurde sich bewußt, daß er vor der Schwelle einer Entdeckung stehe, die ihm entweder ein neues Leben gab oder es zerstörte. Dann stieß er die Tür auf und trat ein.
Auf einem Haufen Säcke im entferntesten Winkel lag der tote Körper eines Mannes, bekleidet mit einem groben Blusenhemd und blauen Hosen. Ein unsauberes Taschentuch war ihm übers Gesicht gebreitet worden. Eine billige Kerze steckte in einer Flasche und flackerte düster.
Dorian Gray schauerte. Er fühlte, daß er nicht miteigener Hand das Taschentuch wegziehen könne, und rief nach einem der Stallknechte.
„Nehmen Sie das da vom Gesicht weg. Ich will es sehen“, sagte er und hielt sich an dem Türpfosten fest.
Als es der Knecht getan hatte, machte er einen Schritt nach vorn. Ein Freudenschrei kam von seinen Lippen. Der Mann, der im Dickicht erschossen worden war, war James Vane.
Er stand einige Minuten da und starrte auf den toten Körper. Als er nach Hause ritt, waren seine Augen von Tränen umschleiert, denn er wußte jetzt, daß er gerettet war.
„Es hat gar keinen Sinn, mir zu erzählen, daß du gut werden willst!“ rief Lord Henry und tauchte seine weißen Finger in eine rote, mit Rosenwasser gefüllte Kupferschale. „Du bist vollkommen. Bitte ändere dich nicht.“
Dorian Gray schüttelte den Kopf. „Nein, Harry, ich habe zuviel gräßliche Dinge getan in meinem Leben. Ich will keine mehr tun. Ich habe gestern mit meinen guten Taten den Anfang gemacht.“
„Wo warst du gestern?“
„Auf dem Lande, Harry. Ich war mutterseelenallein in einem kleinen Gasthof.“
„Lieber Junge,“ sagte Lord Henry lächelnd, „auf dem Lande kann jeder Mensch gut sein. Dort gibt's keine Versuchungen.Das ist der Grund, warum Leute, die nicht in der Stadt wohnen, so gänzlich unzivilisiert sind. Zivilisation ist wahrhaftig nicht leicht zu erreichen. Es gibt nur zwei Wege, um zu ihr zu kommen. Der eine ist Kultur, der andere Korruption. Die Landbevölkerung hat keine Gelegenheit zu dieser noch zu jener, und so bleiben sie so in ihrer Entwicklung stehen.“
„Kultur und Korruption“, wiederholte Dorian. „Ich habe von beiden etwas kennengelernt. Es scheint mir jetzt schrecklich, daß man sie immer beisammen findet. Denn ich habe ein neues Ideal, Harry. Ich will anders werden. Ich glaube, ich bin schon anders geworden.“
„Du hast mir noch nicht berichtet, worin deine gute Handlung bestand. Oder sagtest du nicht, du hättest mehr als eine getan?“ fragte der Freund und schüttete sich eine kleine rote Pyramide Erdbeeren auf seinen Teller, auf die er aus einem muschelförmigen Sieblöffel weißen Zucker streute.
„Ich kann dir's ja erzählen, Harry. Es ist eine Geschichte, die ich einem anderen nicht erzählen könnte. Ich habe jemand verschont. Es klingt eitel, aber du verstehst, was ich meine. Sie war sehr schön und hatte eine wunderbare Ähnlichkeit mit Sibyl Vane. Ich glaube, das war das erste, was mich bei ihr anzog. Du erinnerst dich doch noch an Sibyl, nicht? Wie lange das her ist! Also Hetty gehörte natürlich nicht unserem Stand an. Sie war eine Dorfschöne. Aber ich liebte sie wirklich. Ich weiß bestimmt, daß ich sie liebte. In dem ganzen wundervollen Maimonat, den wir jetzt hatten, bin ich zwei-, dreimal in der Wochehingefahren, um sie zu sehen. Gestern erwartete sie mich in einem kleinen Obstgarten. Die Apfelblüten schneiten auf ihr Haar herab, und sie lachte. Heute morgen in aller Herrgottsfrühe sollte sie mit mir kommen. Plötzlich entschloß ich mich, sie so einer Blume gleich zu lassen, wie ich sie gefunden hatte.“
„Ich vermute, die Neuheit der Empfindung muß dir einen förmlichen Wonneschauer bereitet haben, Dorian“, unterbrach ihn Lord Henry. „Aber ich kann dir dein Idyll zu Ende erzählen. Du gabst ihr gute Lehren und brachst ihr das Herz. Das ist der Anfang deiner Besserung.“
„Harry, du bist schrecklich! Du darfst so häßliche Dinge nicht sagen. Hettys Herz ist nicht gebrochen. Natürlich weinte sie und dergleichen. Aber keine Schande ist auf sie gekommen. Sie kann weiterleben wie Perdita in ihrem Garten bei Pfefferminze und Ringelblumen.“
„Und einem treulosen Florizel nachweinen“, rief Lord Henry lachend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Teuerster Dorian, du hast manchmal die sonderbarsten Knabenanwandlungen. Glaubst du, dieses Mädchen wird sich jemals mit einem ihres eigenen Standes glücklich fühlen? Ich vermute, sie wird eines schönen Tages einen rohen Fuhrmann oder einen grinsenden Bauernlümmel heiraten. Schön also, die Tatsache, daß sie dich kennengelernt und geliebt hat, wird sie dahin bringen, ihren Mann zu verachten, und sie wird unglücklich werden. Vom moralischen Standpunkte aus kann ich also nicht finden, daß deine Entsagung sehr wertvoll war. Selbstals ein Anfang ist sie armselig. Außerdem, woher willst du wissen, ob Hetty in diesem Augenblick nicht in einem sternbeglänzten Mühlteich schwimmt, von lieblichen Wasserlilien umkränzt wie Ophelia?“
„Ich kann es nicht aushalten, Harry! Du spottest über alles und beschwörst dann die ernsthaftesten Tragödien herauf. Es tut mir jetzt leid, daß ich es dir erzählt habe. Es kümmert mich auch nicht, was du sagst. Ich weiß, ich habe recht gehandelt. Arme Hetty! Als ich heute früh am Gehöft vorbeiritt, sah ich ihr Gesicht weiß wie einen Jasminzweig am Fenster. Wir wollen nicht länger davon reden, und du sollst nicht versuchen, mich zu überzeugen, daß die erste gute Handlung, die ich seit Jahren getan habe, das erste kleine Opfer, das ich jemals gebracht habe, in Wahrheit eine Art Sünde wäre. Ich will mich jetzt bessern. Und ich werde mich bessern. Erzähle mir etwas von dir. Was geht in der Stadt vor? Ich war tagelang nicht im Klub.“
„Die Leute sprechen noch immer über das Verschwinden des armen Basil.“
„Ich sollte meinen, daß sie inzwischen davon genug bekommen hätten“, sagte Dorian, während er sich etwas Wein einschenkte und leicht die Stirn runzelte.
„Mein lieber Junge, sie reden ja erst seit sechs Wochen davon, und das englische Publikum ist wirklich nicht der geistigen Anstrengung gewachsen, alle drei Monate mehr als ein Gesprächsthema zu haben. Immerhin haben sie in der letzten Zeit Glück gehabt. Sie hatten meinen eigenen Ehescheidungsprozeß und Alan Campbells Selbstmord.Jetzt haben sie das geheimnisvolle Verschwinden eines Künstlers. In Scotland Yard bleibt man hartnäckig dabei, daß der Mann im grauen Ulster, der in der Nacht des neunten November mit dem Zwölfuhrzug nach Paris fuhr, der arme Basil war, und die französische Polizei erklärt, Basil wäre überhaupt nie in Paris eingetroffen. Vermutlich wird man uns etwa in vierzehn Tagen auftischen, daß er in San Francisco gesehen worden ist. Es ist eine schwierige Geschichte, aber von jedem Menschen, der verschwindet, heißt es, daß er in San Francisco gesehen worden ist. Das muß eine entzückende Stadt sein, die alle Reize der zukünftigen Welt ihr Eigen nennt.“
„Was glaubst du, daß Basil zugestoßen sei?“ fragte Dorian, hielt seinen Burgunder gegen das Licht und wunderte sich, daß er über diese Sache so ruhig plaudern konnte.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wenn sich Basil ein Vergnügen daraus macht, Versteck zu spielen, so ist das nicht meine Sache. Wenn er tot ist, will ich nicht weiter an ihn denken. Der Tod ist das einzige, was mir Angst macht. Ich hasse ihn.“
„Warum?“ fragte der jüngere müde.
„Weil,“ sagte Lord Henry und führte die vergoldete Netzöffnung eines Riechbüchschens zur Nase, „weil man heutzutage alles überleben kann, ausgenommen den Tod. Tod und Philisterei sind die zwei einzigen Tatsachen des neunzehnten Jahrhunderts, die man nicht wegerklären kann. Wir wollen den Kaffee im Musikzimmer trinken, Dorian. Du mußt mir Chopin vorspielen. Der Mann, mitdem meine Frau durchbrannte, spielte Chopin hinreißend. Die arme Viktoria! Ich habe sie recht gern gehabt. Das Haus ist ohne sie recht einsam. Natürlich ist das Eheleben nur eine Gewohnheit, eine schlechte Gewohnheit. Aber schließlich bedauert man den Verlust selbst seiner schlechtesten Gewohnheiten. Vielleicht bedauert man die gerade am meisten. Sie sind ein so wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit.“
Dorian sagte nichts, sondern stand vom Tisch auf, ging in das Nebenzimmer, setzte sich an das Klavier und ließ seine Finger über das weiße und schwarze Elfenbein der Tasten gleiten. Als der Kaffee gebracht wurde, hörte er auf, sah zu Lord Henry hinüber und sagte: „Harry, ist es dir nie eingefallen, daß Basil ermordet worden sein könnte?“
Lord Henry gähnte. „Basil war sehr populär und trug immer nur eine Waterburyuhr. Warum hätte man ihn ermorden sollen? Er war nicht klug genug, um Feinde zu haben. Freilich hatte er ein wunderbares Genie als Maler. Aber ein Mensch kann malen wie Velasquez und doch so langweilig als möglich sein. In Wirklichkeit war Basil ziemlich langweilig. Er interessierte mich nur ein einziges Mal, und das war damals, als er mir vor vielen Jahren gestand, daß er dich so ungestüm anbete und daß du das Leitmotiv seiner Kunst seist.“
„Ich habe Basil sehr gern gehabt“, sagte Dorian mit einem traurigen Klang in seiner Stimme. „Aber behauptet denn das Publikum nicht, daß er ermordet worden ist?“
„Pah, in einigen Zeitungen steht es. Es scheint mir nicht im geringsten wahrscheinlich. Ich weiß, es gibt fürchterliche Orte in Paris, aber Basil war nicht die Art Mensch, sie aufzusuchen. Er war nicht neugierig. Das war sein Hauptfehler.“
„Was würdest du dazu sagen, Harry, wenn ich dir versicherte, daß ich Basil ermordet habe?“ fragte der jüngere. Er beobachtete ihn scharf, nachdem er das gesagt hatte.
„Lieber Freund, ich würde sagen, daß du einen Charakter posierst, der dich nicht kleidet. Jedes Verbrechen ist ordinär, gerade wie alles Ordinäre ein Verbrechen ist. Du hast nicht die Gabe, Dorian, einen Mord zu begehen. Es sollte mir leid tun, wenn ich dich durch diese Meinung in deiner Eitelkeit kränkte, aber ich versichere dich, es ist wahr. Das Verbrechen ist ein ausschließliches Vorrecht der unteren Klassen. Ich will sie damit durchaus nicht tadeln. Ich vermute einfach, das Verbrechen ist für sie, was die Kunst für uns ist, einfach ein Verfahren, um sich außerordentliche Empfindungen zu verschaffen.“
„Ein Verfahren, sich Empfindungen zu verschaffen? Glaubst du also, daß ein Mensch, der einmal einen Mord begangen hat, imstande wäre, das nämliche Verbrechen zu wiederholen? Das rede mir nicht ein.“
„Oh! Alles wird zu einem Vergnügen, wenn man es zu oft tut!“ rief Lord Henry lachend. „Das ist eines der wichtigsten Geheimnisse des Lebens. Immerhin bin ich des Glaubens, daß der Mord stets ein Mißgriff ist. Man sollte nie etwas tun, worüber man sich nicht nach dem Essen unterhalten kann. Aber wir wollen jetzt den armen Basillassen. Ich wollte, ich könnte glauben, daß er ein so romantisches Ende genommen hat, wie du durchblicken läßt; aber ich kann es nicht. Ich glaube eher, daß er von einem Omnibus in die Seine gefallen ist und der Kondukteur hat den Skandal vertuscht. Ja, ich glaube wirklich, so war sein Ende. Ich sehe ihn jetzt auf dem Rücken liegen unter dem dunkelgrünen Wasser, und die schweren Lastkähne schwimmen über ihm hin, und lange Tangflechten verwickeln sich in sein Haar. Weißt du, ich glaube nicht, daß er noch viel Gutes gemacht hätte. In den letzten zehn Jahren ist seine Malerei nicht mehr berühmt gewesen.“
Dorian seufzte und Lord Henry schlenderte durch das Zimmer und unterhielt sich damit, einem merkwürdigen Papagei aus Java den Kopf zu krauen, einem großen, graugefiederten Vogel mit rotem Schopf und Schwanz, der auf einem Bambusstab balancierte. Als ihn seine spitzen Finger berührten, ließ er die weiße Nickhaut seiner Liderfalten über die schwarzen Glaskugelaugen fallen und begann sich hin- und herzuwiegen.
„Ja,“ fuhr er fort, während er sich umdrehte, und sein Taschentuch aus der Tasche nahm, „seine Malerei ist nicht mehr weither gewesen. Es schien mir so, als hätte sie irgend etwas eingebüßt. Sie hatte ein Ideal verloren. Als ihr beide aufhörtet, intime Freunde zu sein, hörte er auf, ein großer Künstler zu sein. Was hat euch auseinander gebracht? Ich vermute, er langweilte dich. Wenn das der Fall war, dann hat er dir nie verziehen. Das ist gewöhnlich so bei langweiligen Menschen. Was ist übrigens aus dem wundervollen Porträt geworden, das er von dir gemachthat? Ich kann mich nicht erinnern, es jemals wiedergesehen zu haben, seit es fertig wurde. Ah! Jetzt besinne ich mich, daß du mir vor Jahren erzählt hast, du hättest es nach Selby geschickt und es wäre unterwegs auf irgendeine Weise gestohlen worden oder in Verlust geraten. Hast du es nie wieder bekommen? Wie schade! Es war faktisch ein Meisterwerk. Ich entsinne mich, daß ich es kaufen wollte. Ich wünschte, ich hätte es jetzt. Es stammte aus Basils bester Zeit. Seitdem bestanden alle seine Arbeiten aus dem eigentümlichen Gemengsel von schlechter Malerei und guten Absichten, das einen Mann berechtigt, ein britischer Künstler von Bedeutung genannt zu werden. Hast du deswegen eigentlich gar nicht annonciert? Das hättest du tun sollen.“
„Ich weiß es nicht mehr“, antwortete Dorian. „Ich glaube, ich tat es. Aber ehrlich gesagt, ich habe das Bild nie gemocht. Es tut mir überhaupt leid, daß ich dazu gesessen habe. Schon die Erinnerung an das Ding ist mir greulich. Warum sprichst du davon? Es hat mich immer an ein paar merkwürdige Zeilen aus einem Theaterstück erinnert — aus Hamlet, glaube ich — wie heißen sie? —
‚Gleich dem Bildnis eines Grams,ein Antlitz ohne Herz.‛
Ja, so sah es aus.“
Lord Henry lachte. „Wenn ein Mensch das Leben künstlerisch behandelt, ist sein Hirn sein Herz“, antwortete er und ließ sich in einen Armsessel fallen.
Dorian Gray schüttelte den Kopf und schlug ein paar sanfte Akkorde auf dem Klavier an. „Gleich dem Bildnis eines Grams, ein Antlitz ohne Herz“, wiederholte er, „ein Antlitz ohne Herz.“
Der ältere Freund saß zurückgelehnt und blickte mit halbgeschlossenen Augen zu ihm hinüber. „Übrigens, Dorian,“ sagte er nach einer Pause, „was hülfe es einem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und — wie heißt die Stelle doch? — seine eigene Seele verlöre?“
Die Musik brach schrill ab und Dorian Gray schnellte auf und starrte seinen Freund an. „Warum fragst du mich das, Harry?“
„Aber bester Junge,“ sagte Lord Henry und zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe, „ich habe dich gefragt, weil ich dachte, du könntest mir eine Antwort geben. Das ist alles. Ich bin letzten Sonntag durch Hyde Park gegangen, und nahe beim Marble Arch stand eine kleine Ansammlung schäbig aussehender Menschen, die irgendeinem ordinären Straßenprediger lauschten. Als ich vorbeiging, hörte ich den Mann diese Frage seinen Zuhörern entgegenschreien. Es berührte mich ordentlich dramatisch. London ist sehr reich an seltsamen Wirkungen solcher Art. Ein regnerischer Sonntag, ein unmanierlicher Christ in einem Regenmantel, ein Kreis krankhafter, bleicher Gesichter unter dem wellenförmigen Dach tropfender Regenschirme und ein wunderbarer Satz, von schrillen, hysterischen Lippen in die Luft geschleudert, das war auf seine Art wirklich sehr gut, es lag geradezu eine gewisse Suggestion darin. Ich dachte zuerst daran, dem Propheten zusagen, daß die Kunst eine Seele habe, aber nicht der Mensch, aber ich fürchte, er hätte mich doch nicht verstanden.“
„Nein, Harry. Die Seele ist eine fürchterliche Gewißheit. Sie kann gekauft werden und verkauft und umgetauscht. Sie kann vergiftet werden oder vervollkommnet. In jedem von uns lebt eine Seele. Ich weiß es.“
„Bist du dessen ganz sicher, Dorian?“
„Ganz sicher.“
„Pah! Dann muß es Einbildung sein. Die Dinge, die man für ganz sicher hält, sind nun und nimmer wahr. Das ist das Verhängnis des Glaubens und die Weisheit der Romantik. Wie feierlich du tust! Sei nicht so ernsthaft. Was hast du oder ich mit dem Aberglauben unserer Zeit zu tun? Nein: wir haben unseren Glauben an die Seele aufgegeben. Spiel' mir was vor. Spiel' mir ein Nokturno, Dorian, und während du spielst, sage mir mit leiser Stimme, wie du es möglich gemacht hast, dir deine Jugend zu erhalten. Du mußt irgendein Geheimmittel haben. Ich bin nur zehn Jahre älter als du, und bin runzlig und verwelkt und gelb. Du bist in der Tat wundervoll, Dorian. Du hast nie entzückender ausgesehen als heute abend. Du rufst mir den Tag ins Gedächtnis zurück, an dem ich dich zum erstenmal sah. Du warst etwas schnippisch, sehr scheu und ganz und gar außergewöhnlich. Seitdem hast du dich natürlich verändert, aber nicht im Aussehen. Ich wünschte, du verrietest mir dein Geheimnis. Um meine Jugend zurückzubekommen, täte ich alles auf der Welt, außer Gymnastik treiben, früh aufstehen oder ehrbar sein. Jugend! Nichtskommt ihr gleich. Es ist absurd, von der Unwissenheit der Jugend zu schwatzen. Die einzigen Leute, deren Ansichten ich jetzt mit einigem Respekt anhöre, sind Leute, die viel jünger sind als ich. Die scheinen mir weit voraus zu sein. Das Leben hat ihnen sein letztes Wunder enthüllt. Was die älteren betrifft, denen widerspreche ich immer. Ich tue es aus Prinzip. Wenn du einen um seine Meinung über etwas fragst, das gestern passiert ist, dann gibt er dir feierlichen Aufschluß über die Meinungen, die Anno 1820 im Schwunge waren, als die Leute hohe Halsbinden trugen, an alles glaubten und absolut nichts wußten. Wie hübsch das ist, was du da spielst! Ich möchte wohl wissen, ob es Chopin in Majorca geschrieben hat, während das Meer seine Villa umklagte und der Salzschaum klatschend gegen die Fensterscheiben spritzte. Es ist entzückend romantisch. Was für ein Segen es ist, daß es doch die eine Kunst gibt, die nicht aus Nachahmung besteht. Hör' nicht auf. Ich brauche Musik heut abend. Es kommt mir so vor, als ob du der junge Apollo bist und ich Marsyas, der dir zuhört. Ich habe meine eigenen Sorgen, Dorian, von denen nicht einmal du etwas weißt. Die Tragödie des Alters beruht nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist. Ich bin manchmal ganz erschrocken über meine eigene Aufrichtigkeit. Ach, Dorian, wie glücklich bist du! Was für ein köstliches Leben hast du gehabt! Du hast tief aus jedem Quell getrunken! Du hast die Trauben an deinem Gaumen zerdrückt. Nichts ist dir verborgen geblieben. Und all das ist dir nicht mehr gewesen als ein Klang von Musik. Es hat dir nichts anhaben können. Du bist noch heute derselbe.“
„Ich bin nicht derselbe, Harry.“
„Ja, du bist derselbe. Ich bin gespannt, wie dein Leben weiter verlaufen wird. Verdirb es nicht durch Entsagung. Jetzt bist du ein vollkommener Typus. Mach' dich nicht unvollkommen. Du bist jetzt ganz ohne Tadel. Du brauchst den Kopf nicht zu schütteln: du weißt, du bist es. Und dann, Dorian, betrüge dich nicht selbst. Das Leben wird nicht durch Willen oder Absicht regiert. Das Leben ist eine Angelegenheit der Nerven und Muskeln und der langsam aufgemauerten Zellen, in denen die Gedanken hausen und die Leidenschaft ihren Träumen nachhängt. Du redest dir ein, sicher dazustehen und stark zu sein. Aber ein zufälliger Farbenton in einem Zimmer oder ein Morgenhimmel, ein besonderer Geruch, den du einmal geliebt hast und der versteckte Erinnerungen aufweckt, eine Zeile aus einem vergessenen Gedicht, die dir plötzlich wieder einfällt, ein paar Tonreihen aus einem Musikstück, das du längst nicht mehr spielst — ich sage dir, Dorian, von solchen Dingen hängt unser Leben ab. Browning hat irgendwo mal darüber geschrieben, aber unsere eigenen Sinne geben uns ohnehin davon Gewißheit. Es gibt Augenblicke, da durchblitzt mich plötzlich der Geruch von weißem Flieder, und ich muß wieder den sonderbarsten Monat meines Daseins durchleben. Ich wollte, ich könnte mit dir tauschen, Dorian. Die Welt hat über uns beide gezetert, aber sie hat dich immer bewundert. Sie wird dich immer bewundern. Du bist eben der Typus dessen, wonach unsere Zeit sucht und was sie fürchtet gefunden zu haben. Ich bin so froh darüber, daß du nie etwas getan hast, nie eine Statuegemeißelt oder ein Bild gemalt oder irgend etwas aus dir heraus produziert hast. Das Leben war deine Kunst. Du hast dich selbst in Musik gesetzt. Deine Tage sind deine Sonette.“
Dorian stand vom Klavier auf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ja, das Leben ist himmlisch gewesen,“ sagte er vor sich hin, „aber dieses Leben werde ich nicht fortsetzen, Harry. Und du sollst nicht so überspannte Dinge zu mir sagen. Du weißt nicht alles von mir. Ich glaube, wenn du es wüßtest, so würdest selbst du dich von mir abwenden. Du lachst. Lache nicht!“
„Warum hast du zu spielen aufgehört, Dorian? Geh wieder ans Klavier und spiel' mir nochmal das Nokturno. Sieh den großen honigfarbenen Mond, der in der dunklen Luft hängt. Er wartet, daß du ihn bezauberst, und wenn du spielst, wird er sich der Erde nähern. Du willst nicht? Dann laß uns in den Klub gehen. Es war ein reizender Abend, und wir müssen ihn reizend beenden. Bei White wartet jemand, der darauf brennt, dich kennenzulernen — der junge Lord Pool, der älteste Sohn von Bournemouth. Er kopiert schon deine Krawatten und hat mich bestürmt, ihn dir vorzustellen. Er ist ganz entzückend und erinnert mich ein bißchen an dich.“
„Ich hoffe nicht“, sagte Dorian mit einem wehmütigen Blick in den Augen. „Aber ich bin heute abend müde, Harry. Ich gehe nicht mehr in den Klub. Es ist fast elf, und ich will früh zu Bett gehen.“
„Bleibe noch, du hast nie so schön gespielt wie diesen Abend. In deinem Anschlag lag etwas, es war ganz wundervoll.Es hatte mehr Ausdruck, als ich jemals bei dir gehört habe.“
„Das kommt daher, weil ich jetzt gut werden will“, antwortete er lächelnd. „Ich bin schon ein bißchen anders.“
„Für mich kannst du kein anderer werden, Dorian“, sagte Lord Henry. „Du und ich, wir werden immer Freunde sein.“
„Aber einstmals hast du mich mit einem Buch vergiftet. Ich sollte das nicht vergeben. Harry, versprich mir, daß du dieses Buch nie wieder jemand leihen willst. Es stiftet Unheil.“
„Mein lieber Junge, du fängst wirklich an, Moralpredigten zu halten. Du wirst bald umherlaufen, wie ein Bekehrter und ein Erweckungsprediger, und wirst die Menschen vor all den Sünden warnen, deren du müde geworden bist. Aber dazu bist du viel zu entzückend. Außerdem hat es keinen Zweck. Du und ich, wir sind, was wir sind, und werden immer sein, was wir sein werden. Und vergiftet werden durch ein Buch, sowas gibt es einfach nicht. Kunst hat keinen Einfluß auf die Tat. Sie vernichtet den Trieb zu handeln. Sie ist auf eine herrliche Art zeugungsunfähig. Die Bücher, die die Welt unmoralisch nennt, sind Bücher, die der Welt ihre eigene Schande vorhalten. Sonst nichts. Aber wir wollen nicht über Literatur streiten. Komm morgen wieder her! Ich reite um elf aus. Wir können zusammen reiten, und ich nehme dich nachher zum Frühstück zu Lady Branksome mit. Es ist eine entzückende Frau und sie will dich zu Rate ziehen über ein paar Gobelins, die sie kaufen möchte. Vergiß nicht zu kommen. Oderwollen wir bei unserer kleinen Herzogin frühstücken? Sie sagt, sie sieht dich jetzt gar nicht mehr. Vielleicht hast du genug von Gladys? Ich dachte mir's, daß es so kommen würde. Ihr gewandtes Züngelein fällt einem auf die Nerven. Also, jedenfalls bist du um elf hier.“
„Muß ich wirklich kommen, Harry?“
„Unbedingt. Der Park ist jetzt herrlich. Ich glaube nicht, daß es wieder solchen Flieder gegeben hat seit jenem Jahr, wo ich dich kennenlernte.“
„Gut. Ich werde also um elf hier sein“, sagte Dorian. „Gute Nacht, Harry!“ Als er an der Tür war, zögerte er einen Augenblick, als hätte er noch etwas zu sagen. Dann seufzte er und ging.
Es war eine wundervolle Nacht, so warm, daß er seinen Mantel über den Arm hing und nicht einmal das seidene Halstuch umlegte. Als er nach Hause schlenderte, seine Zigarette rauchend, gingen zwei Herren in Gesellschaftstoilette an ihm vorbei. Er hörte, wie der eine dem anderen zuflüsterte: „Das ist Dorian Gray.“ Er erinnerte sich, wie schmeichelhaft es ihm früher gewesen war, wenn man auf ihn zeigte oder ihn anstarrte oder über ihn sprach. Jetzt war er es müde, seinen eigenen Namen zu hören. Der halbe Reiz des kleinen Dorfes, wo er kürzlich so oft gewesenwar, bestand darin, daß dort niemand wußte, wer er war. Er hatte dem Mädchen, das er zur Liebe verlockt hatte, oft gesagt, daß er arm sei, und sie hatte es geglaubt. Er hatte ihr einmal gesagt, daß er schlecht sei, und sie hatte ihn ausgelacht und geantwortet, schlechte Menschen seien immer sehr alt und sehr häßlich. Was für ein Lachen sie hatte! — gerade wie der Gesang einer Drossel. Und wie hübsch sie ausgesehen hatte in ihren Kattunkleidern und großen Hüten! Sie wußte nichts, aber sie besaß alles, was er verloren hatte.
Als er nach Hause kam, wartete sein Diener auf ihn. Er schickte ihn zu Bett und warf sich auf das Sofa in der Bibliothek und begann über einiges von dem nachzudenken, was ihm Lord Henry gesagt hatte.
War es wirklich wahr, daß man nie anders werden konnte? Er fühlte eine wilde Sehnsucht nach der makellosen Reinheit seiner Knabenzeit — seiner rosenweißen Knabenzeit, wie Lord Henry einmal gesagt hatte. Er wußte, er hatte sich besudelt, hatte seinen Geist mit Verderbnis angefüllt und sein Gewissen mit Entsetzen belastet, er war ein schlimmer Einfluß für andere gewesen und hatte eine schreckliche Freude daran gehabt; und von den Menschenleben, die das seine gekreuzt hatten, waren es die reinsten und verheißungsvollsten gewesen, die er in Schande gestürzt hatte. Aber war da nichts wieder gut zu machen? Gab es keine Hoffnung mehr für ihn?
Ah! In was für einem ungeheuerlichen Augenblick von Hochmut und Leidenschaft hatte er gebetet, es möchte das Bildnis die Last seiner Tage auf sich nehmen und er sichden ungetrübten Glanz ewiger Jugend bewahren! Das war an seinem ganzen verfehlten Leben schuld. Es wäre besser für ihn gewesen, wenn jede Sünde seines Lebens ihre gewisse und schnelle Strafe mit sich gebracht hätte. In der Strafe lag Reinigung. Nicht „Vergib uns unsere Sünden“, sondern „Züchtige uns für unsere Missetaten“ sollte das Gebet des Menschen zu einem allgerechten Gotte lauten.
Der mit merkwürdigen Schnitzereien umrahmte Spiegel, den ihm Lord Henry vor so vielen Jahren geschenkt hatte, stand auf dem Tisch, und die weißgliedrigen Liebesgötter lachten ringsherum wie ehedem. Er nahm ihn, wie er es in jener Schreckensnacht getan hatte, als er zum ersten Male die Veränderung in dem verhängnisvollen Bildnis bemerkt hatte, und blickte mit verzweifelten, tränenfeuchten Augen auf die glatte Fläche. Einmal hatte ihm jemand, der ihn abgöttisch geliebt hatte, einen wahnsinnigen Brief geschrieben, dessen Schluß lautete: „Die Welt ist anders geworden, weil du aus Elfenbein und Gold geschaffen wurdest. Der Linienschwung deiner Lippen schreibt die Weltgeschichte um.“ Diese Sätze kamen ihm ins Gedächtnis zurück, und er wiederholte sie immer und immer wieder. Dann haßte er seine eigene Schönheit und schleuderte den Spiegel zu Boden und zertrat ihn unter seinem Fuße in silberne Splitter. Seine Schönheit war es, die ihn zugrunde gerichtet hatte, seine Schönheit und Jugend, um die er gefleht hatte. Wären diese beiden nicht gewesen, so hätte er sein Leben wohl fleckenlos erhalten können. Die Schönheit war für ihn nur eine Maske gewesen, die Jugendnur ein Blendwerk. Was war Jugend im besten Falle? Eine grüne, unreife Zeit, eine Zeit seichter Stimmungen und kranker Einfälle. Warum hatte er ihre Tracht angelegt? Die Jugend hatte ihn zugrunde gerichtet.
Es war besser, nicht an die Vergangenheit zu denken. Er mußte an sich selber und an seine Zukunft denken. James Vane war in einem namenlosen Grabe auf dem Kirchhof in Selby geborgen. Alan Campbell hatte sich eines Nachts in seinem Laboratorium erschossen, aber das Geheimnis nicht verraten, das ihm aufgezwungen worden war. Die Erregung über Basil Hallwards Verschwinden würde sich bald legen. Sie hatte schon nachgelassen. Da war er völlig sicher. Es war auch in der Tat nicht der Tod Basil Hallwards, der sein Gemüt am schwersten belastete. Es war der lebendige Tod seiner eigenen Seele, der ihm die Ruhe raubte. Basil hatte das Bildnis gemalt, das sein Leben vernichtet hatte. Er konnte ihm das nicht vergeben. Das Porträt war an allem schuld. Basil hatte ihm Dinge gesagt, die unerträglich waren und die er doch geduldig ertragen hatte. Der Mord war nur der Wahnsinn eines Augenblicks gewesen. Was Alan Campbell anlangte, so war der Selbstmord seine eigene Tat gewesen. Er war sein freier Entschluß. Das ging ihn nichts an.
Ein neues Leben! Das war es, was er wollte. Das war es, worauf er wartete. Gewiß hatte er es schon begonnen. Ein unschuldiges Wesen hatte er jedenfalls geschont. Nie wieder wollte er die Unschuld in Versuchung führen. Er wollte gut sein.
Als er an Hetty Merton dachte, begann er sich zu fragen, ob sich das Bild in dem verschlossenen Zimmer oben wohl verändert habe. Es konnte doch sicher nicht mehr so häßlich sein, wie es gewesen war. Vielleicht könnte er, wenn sein Leben jetzt rein würde, imstande sein, jedes Anzeichen niedriger Leidenschaften aus dem Antlitz zu tilgen. Vielleicht waren die Spuren des Bösen schon verschwunden. Er wollte hinauf und nachsehen.
Er nahm die Lampe vom Tisch und schlich die Treppe hinan. Als er die Tür aufschloß, huschte ein frohes Lächeln über sein seltsam junges Gesicht und verweilte einen Augenblick auf seinen Lippen. Ja, er wollte gut sein, und das gräßliche Ding, das er verborgen hatte, würde dann nicht länger ein Schrecken für ihn sein. Ihm war, als wäre diese Last schon jetzt von ihm genommen.
Er ging ruhig hinein, schloß die Tür nach seiner Gewohnheit hinter sich ab und zog den Purpurvorhang von dem Bildnis hinweg. Ein Schrei voll Schmerz und Entrüstung scholl von seinen Lippen. Er konnte keine Verwandlung bemerken, außer daß ein schlauer Ausdruck in den Augen lag und um den Mund der gekniffene Zug des Heuchlers. Das Ding war noch immer abscheulich, womöglich noch abscheulicher als vordem — und der scharlachrote Tau, der die Hand befleckte, schien heller zu glänzen und mehr wie frisch vergossenes Blut auszusehen. Er erzitterte. War es bloße Eitelkeit gewesen, die ihn dazu getrieben hatte, einmal etwas Gutes zu tun? Oder die Begier nach einer neuartigen Empfindung, wie Lord Henry mit seinem spöttischen Lachen angedeutet hatte?Oder das Verlangen, eine Rolle zu spielen, das uns manchmal Dinge begehen läßt, die edler sind als wir selbst? Oder vielleicht das alles zusammen? Und warum war der rote Fleck jetzt größer als er vorher war? Er schien sich wie ein fürchterlicher Aussatz über die runzligen Finger weiter gefressen zu haben. Es war Blut auf den gemalten Füßen, als wäre es von den Händen herabgetropft — Blut selbst auf der Hand, die das Messer nicht geführt hatte. Bekennen? Bedeutete dies, daß er bekennen sollte? Sich selbst aufgeben und hingerichtet werden? Er lachte. Er fühlte, daß der Einfall ungeheuerlich wäre. Überdies selbst wenn er es eingestände, wer würde ihm glauben? Nirgends gab es eine Spur des Ermordeten. Alles, was zu ihm gehörte, war zerstört. Er selbst hatte verbrannt, was unten geblieben war. Die Welt würde einfach sagen, daß er wahnsinnig sei. Sie würden ihn irgendwo einsperren, wenn er bei seiner Erzählung beharrte... Aber doch war es seine Pflicht, ein Geständnis abzulegen, öffentlich Schande zu erleiden und öffentlich Buße zu tun. Es war ein Gott, der den Menschen zurief, ihre Sünden der Erde so gut wie dem Himmel zu beichten. Nichts, was er sonst tun konnte, würde ihn reinigen, bis er seine Sünde selber bekannt hätte. Seine Sünde? Er zuckte die Achseln. Der Tod Basil Hallwards schien ihm nur unwesentlich. Er dachte an Hetty Merton. Denn es war ein ungerechter Spiegel. Dieser Spiegel seiner Seele, in den er hineinblickte. Eitelkeit? Neugier? Heuchelei? War sonst nichts in seinen Entsagungen gewesen? Es war noch etwas darin gewesen. Er glaubte es wenigstens. Aber wer konnte dassagen...? Nein. Es war weiter nichts darin gewesen. Aus Eitelkeit hatte er sie geschont. Aus Heuchelei hatte er die Maske der Güte getragen. Aus Neugier hatte er es mit der Verzichtleistung versucht. Er erkannte das jetzt.
Aber dieser Mord — sollte er ihn sein ganzes Leben lang verfolgen? Sollte er immer die Last seiner Vergangenheit tragen müssen? Sollte er wirklich eingestehen? Niemals. Es gab nur einen einzigen Beweis gegen ihn. Das Bildnis selbst — das war ein Beweis. Er wollte es zerstören. Warum hatte er es solange aufgehoben. Früher einmal war es ihm ein Vergnügen gewesen, seine Änderung, sein Altern zu beobachten. In der letzten Zeit hatte er dieses Vergnügen nicht mehr empfunden. Es hatte ihm schlaflose Nächte bereitet. Wenn er außer dem Hause war, erfüllte ihn eine Todesangst, daß fremde Augen das Bild erblicken könnten. Es hatte Schwermut in seine Leidenschaften getröpfelt. Die bloße Erinnerung daran hatte ihm manchen Augenblick der Freude vergällt. Es hatte bei ihm die Rolle des Gewissens übernommen. Ja, es war sein Gewissen gewesen. Er wollte es zerstören.
Er sah sich um und erblickte das Messer, das Basil Hallward erstochen hatte. Er hatte es oft gereinigt, bis kein Fleck mehr darauf war. Es war blank und glitzerte. Wie es den Maler getötet hatte, sollte es des Malers Werk töten und alles, was es bedeutete. Es sollte die Vergangenheit töten, und wenn die tot war, würde er frei sein. Es sollte dieses ungeheuerliche Seelenleben töten, und sobald diese gräßlichen Warnungen nicht mehr vorhandenwaren, würde er Frieden haben. Er ergriff es und durchbohrte damit das Bildnis.
Man hörte einen Schrei und einen Fall. Der Schrei war mit seinem Todesröcheln so schrecklich, daß die Dienerschaft erschreckt aufwachte und aus ihren Kammern stürzte. Zwei Herren, die auf dem Platze unten vorbeigingen, blieben stehen und spähten an dem stattlichen Hause empor. Sie gingen weiter, bis sie einen Schutzmann trafen und dann mit ihm umkehrten. Der Mann zog mehrmals die Klingel, aber es erfolgte keine Antwort. Bis auf ein Licht in einem der Giebelfenster war das ganze Haus dunkel. Nach einiger Zeit ging er weg, stellte sich unter einen Torweg in der Nähe und verhielt sich abwartend.
„Wem gehört das Haus, Herr Wachtmeister?“ fragte der ältere der beiden Herren.
„Herrn Dorian Gray“, antwortete der Schutzmann.
Sie sahen einander an, gingen weiter und lächelten. Einer von ihnen war Sir Henry Ashtons Onkel.
Drinnen in den Dienerzimmern sprachen die halbangezogenen Bedienten in leisem Wispern miteinander. Die alte Frau Leaf weinte und rang die Hände. Francis war bleich wie der Tod.
Nach etwa einer Viertelstunde holte er sich den Kutscher und einen der Lakaien und schlich mit ihnen hinauf. Sie klopften, aber es kam keine Antwort. Sie riefen. Alles war still. Schließlich, nachdem sie erfolglos versucht hatten, die Tür zu sprengen, kletterten sie auf das Dach und ließen sich auf den Balkon herab. Die Glastür gab leicht nach; ihre Riegel waren alt.
Als sie eintraten, sahen sie an der Wand ein wunderbares Bild ihres Herrn hängen, so wie sie ihn zuletzt gesehen hatten, in all dem Glanz seiner entzückenden Jugend und Schönheit. Auf dem Boden lag ein toter Mann im Gesellschaftsanzug, mit einem Messer im Herzen. Er war welk, runzlig und häßlich von Angesicht. Erst als sie die Ringe untersuchten, erkannten sie, wer es war.
Ende