Chapter 4

Und niemand weiß mehr, wer ganz unten litt;während ihm einer schon das Herz zertritt,sind seine Ohren noch ganz voll von Klängen,die dazu hingehn....In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,fangen die Herzen in den Sarkophagenvergangner Fürsten wieder an zu gehn:und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagengegen die Kapseln, welche widerstehn,daß sie die goldnen Schalen weitertragendurch Dunkel und Damaste, die zerfallen.Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.Die Glocken, die sich in die Türme krallen,hängen wie Vögel, bebend stehn die Türen,und an den Trägern zittert jedes Glied:als trügen seinen gründenden Granitblinde Schildkröten, die sich rühren.In solchen Nächten wissen die Unheilbaren:Wir waren....Und sie denken unter den Krankeneinen einfachen guten Gedankenweiter, dort, wo er abbrach.Doch von den Söhnen, die sie gelassen,geht der jüngste vielleicht in den einsamsten Gassen;denn gerade diese Nächtesind ihm, als ob er zum erstenmal dächte:Lange lag es über ihm bleiern,aber jetzt wird sich alles entschleiern,—und: daß er das feiern wird,fühlt er....In solchen Nächten sind alle die Städte gleich,alle beflaggt.Und an den Fahnen vom Sturm gepacktund wie an Haaren hinausgerissenin irgendein Land mit ungewissenUmrissen und Flüssen.In allen Gärten ist dann ein Teich,an jedem Teiche dasselbe Haus,in jedem Hause dasselbe Licht;und alle Menschen sehn ähnlich ausund halten die Hände vorm Gesicht.In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,greifen sich leise ins wachsende Haar,dessen Halme aus ihres Schädels Schwächein diesen langen Tagen treiben,als wollten sie über der Oberflächedes Todes bleiben.Ihre Gebärde geht durch das Haus,als wenn überall Spiegel hingen;und sie geben—mit diesem Grabenin ihren Haaren—Kräfte aus,die sie in Jahren gesammelt haben,welche vergingen.In solchen Nächten wächst mein Schwesterlein,das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.Viel solche Nächte waren schon seither:Sie muß schon schön sein. Bald wird irgendwersie frein.DIE BLINDEDer Fremde:Du bist nicht bang, davon zu sprechen?Die Blinde:Nein.Es ist so ferne. Das war eine andre.Die damals sah, die laut und schauend lebte,die starb.Der Fremde:Und hatte einen schweren Tod?Die Blinde:Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.Der Fremde:Sie war dir fremd?Die Blinde:—Oder: sie ists geworden.Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter.—Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,die in den Dingen blüht und reift,war mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,mit meinem Herzen (schien mir), und ich lagwie aufgewühlte Erde offen da und trankden kalten Regen meiner Tränen,der aus den toten Augen unaufhörlichund leise strömte, wie aus leeren Himmeln,wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.Und mein Gehör war groß und allem offen.Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:die Zeit, die über meine Haare floß,die Stille, die in zarten Gläsern klang,und fühlte: nah bei meinen Händen gingder Atem einer großen weißen Rose.Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nachtund glaubte einen hellen Streif zu sehn,der wachsen würde wie ein Tag;und glaubte auf den Morgen zuzugehn,der längst in meinen Händen lag.Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwerhinunterfiel vom dunklen Gesicht,der Mutter rief ich: "Du, komm her!Mach Licht!"Und horchte. Lange, lange blieb es still,und meine Kissen fühlte ich verneinen,—dann wars, als säh ich etwas scheinen:das war der Mutter wehes Weinen,an das ich nicht mehr denken will.Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raummir vom Gesicht und von der Brust.Du mußt ihn heben, hochheben,mußt ihn wieder den Sternen geben;ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.Aber Sprech ich zu dir, Mutter?Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?Wer ist denn hinter dem Vorhang?—Winter?Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!Oder: Tag?... Tag!Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?Fehl ich denn nirgends?Fragt denn niemand nach mir?Sind wir denn ganz vergessen?Wir?... Aber du bist ja dort;du hast ja noch alles, nicht?Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,ihm wohlzutun.Wenn deine Augen ruhnund wenn sie noch so müd waren,sie können wieder steigen.... Meine schweigen.Meine Blumen werden die Farbe verlieren.Meine Spiegel werden zufrieren.In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.Meine Vögel werden in den Gassenherumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.Nichts ist mehr mit mir verbunden.Ich bin von allem verlassen.—Ich bin eine Insel.Der Fremde:Und ich bin über das Meer gekommen.Die Blinde:Wie? Auf die Insel?... Hergekommen?Der Fremde:Ich bin noch im Kahne.Ich habe ihn leise angelegt—an dich. Er ist bewegt:seine Fahne weht landein.Die Blinde:Ich bin eine Insel und allein.Ich bin reich.—Zuerst, als die alten Wege noch warenin meinen Nerven, ausgefahrenvon vielem Gebrauch:da litt ich auch.Alles ging mir aus dem Herzen fort,ich wußte erst nicht wohin;aber dann fand ich sie alle dort,alle Gefühle, das, was ich bin,stand versammelt und drängte und schriean den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.Alle meine verführten Gefühle....Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,aber ich weiß von den Wochen,da sie alle zurückkamen gebrochenund niemanden erkannten.Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.Ich weiß ihn nicht mehr.Jetzt geht alles in mir umher,sicher und sorglos; wie Genesendegehn die Gefühle, genießend das Gehn,durch meines Leibes dunkles Haus.Einige sind Lesendeüber Erinnerungen;aber die jungensehn alle hinaus.Denn wo sie hintreten an meinen Rand,ist mein Gewand von Glas.Meine Stirne sieht, meine Hand lasGedichte in anderen Händen.Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,meine Stimme nimmt jeder Vogel mitaus den täglichen Wänden.Ich muß nichts mehr entbehren jetzt,alle Farben sind übersetztin Geräusch und Geruch.Und sie klingen unendlich schönals Töne.Was soll mir ein Buch?In den Bäumen blättert der Wind;und ich weiß, was dorten für Worte sind,und wiederhole sie manchmal leis.Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,findet meine Augen nicht....Der Fremde(leise):Ich weiß.REQUIEMCLARA WESTHOFF GEWIDMETSeit einer Stunde ist um ein Ding mehrauf Erden. Mehr um einen Kranz.Vor einer Weile war das leichtes Laub ... Ich wand's:und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwerund so von Dunkel voll, als tränke eraus meinen Dingen zukünftige Nächte.Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,nicht ahnend, daß da etwas wird,wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:daß etwas nicht mehr sein kann. Wie verirrtin nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,die ich schon einmal gesehen haben muß....... Flußabwärts treiben die Blumen, welche dieKinder gerissen haben im Spiel; aus den offenenFingern fiel eine und eine, bis daß der Strauß nichtmehr zu erkennen war. Bis der Rest, den sie nachHaus gebracht, gerade gut zum Verbrennen war.Dann konnte man ja die ganze Nacht, wenn einenalle schlafen meinen, um die gebrochenen Blumenweinen.Gretel, von allem Anbeginnwar dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,blond zu sterben.Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.Darum stellte der Herr eine Schwester vor dichund dann einen Bruder,damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,welche das Sterben dir zeigten,das deine:dein Sterben.Deine Geschwister wurden erfunden,nur, damit du dich dran, gewöhntestund dich an zweien Sterbestundenmit der dritten versöhntest,die dir seit Jahrtausenden droht.Für deinen Todsind Leben erstanden;Hände, welche Blüten banden,Blicke, welche die Rosen rotund die Menschen mächtig empfanden,hat man gebildet und wieder vernichtetund hat zweimal das Sterben gedichtet,eh es, gegen dich selbst gerichtet,aus der verloschenen Bühne trat.... Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?war es dein Feind?Hast du dich ihm ans Herz geweint?Hat es dich aus den heißen Kissenin die flackernde Nacht gerissen,in der niemand schlief im ganzen Haus...?Wie sah es aus?Du mußt es wissen....Du bist dazu in die Heimat gereist._ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _Du weißt,wie die Mandeln blühn,und daß Seen blau sind.Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind,welche die erste Liebe erfuhr,weißt du. Dir flüsterte die Naturin des Südens spätdämmernden Tagenso unendliche Schönheit ein,wie sonst nur selige Lippen sie sagenseliger Menschen, die zu zweineine Welt haben und eine Stimme—leiser hast du das alles gespürt,—(o wie hat das unendlich Grimmedeine unendliche Demut berührt).Deine Briefe kamen von Süden,warm noch von Sonne, aber verwaist,—endlich bist du selbst deinen müdenbittenden Briefen nachgereist;denn du warst nicht gerne im Glänze,jede Farbe lag auf dir wie Schuld,und du lebtest in Ungeduld,denn du wußtest: Das ist nicht das Ganze.Leben ist nur ein Teil ... Wovon?Leben ist nur ein Ton ... Worin?Leben hat Sinn nur verbunden mit vielenKreisen des weithin wachsenden Raumes,—Leben ist so nur der Traum eines Traumes,aber Wachsein ist anderswo.So ließest du's los.Groß ließest du's los.Und wir kannten dich klein.Dein war so wenig: ein Lächeln, ein kleines,ein bißchen melancholisch schon immer,sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,das dir seit dem Tode der Schwester weit war.Als ob alles andere nur dein Kleid war,so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.Aber sehr vielwarst du. Und wir wußten's manchmal,wenn du am Abend kamst in den Saal;wußten manchmal: jetzt müßte man beten;eine Menge ist eingetreten,eine Menge, welche dir nachgeht,weil du den Weg weißt.Und du hast ihn wissen gemußtund hast ihn gewußtgestern....Jüngste der Schwestern.Sieh her,dieser Kranz ist so schwer.Und sie werden ihn auf dich legen,diesen schweren Kranz.Kann's dein Sarg aushalten?Wenn er brichtunter dem schwarzen Gewicht,kriecht in die Faltenvon deinem KleidEfeu.Weit rankt er hinauf,rings rankt er dich um,und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,regt dich auf mit seinem Geräusch;so keusch bist du.Aber du bist nicht mehr zu.Langgedehnt bist du und laß.Deines Leibes Türen sind angelehnt,und naßtritt der Efeu ein...._ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _Wie Reihnvon Nonnen,die sich fuhrenan schwarzem Seil,weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.In den leeren Gängendeines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;wo sonst deine sanften Schmerzensich begegneten mit bleichenFreuden und Erinnerungen,wandeln sie wie im Gebetin das Herz, das, ganz verklungen,dunkel, allen offen steht.Aber dieser Kranz ist schwernur im Licht,nur unter Lebenden, hier bei mir;und sein Gewichtist nicht mehr,wenn ich ihn zu dir legen werde.Die Erde ist voller Gleichgewicht,deine Erde.Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,schwer von den Gängen,die ich um ihn getan;Ängste aller, welche ihn sahn,haften daran.Nimm ihn zu dir, denn er ist dein,seit er ganz fertig ist.Nimm ihn von mir.Laß mich allein! Er ist wie ein Gast....Fast schäm ich mich seiner.Hast du auch Furcht, Gretel?Du kannst nicht mehr gehn?Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?Tun dir die Füße weh?So bleib, wo jetzt alle beisammen sind,man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,durch die entlaubte Allee.Man wird ihn dir bringen, warte getrost,—man bringt dir morgen noch mehr.Wenn es auch morgen tobt und tost,das schadet den Blumen nicht sehr.Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,sie sicher zu haben, mein Kind,und wenn sie auch morgen schwarz und schlechtund lange vergangen sind.Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehrunterscheiden, was steigt oder sinkt;die Farben sind zu, und die Töne sind leer,und du wirst auch gar nicht mehr wissen, werdir alle die Blumen bringt.Jetzt weißt du das andre, das uns verstößt,sooft wir's im Dunkel erfaßt;von dem, was du sehntest, bist du erlöstzu etwas, was du hast.Unter uns warst du von kleiner Gestalt,vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Waldmit Winden und Stimmen im Laub.—Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:dein Tod war schon alt,als dein Leben begann;drum griff er es an,damit es ihn nicht überlebte.Schwebte etwas um mich?Trat Nachtwind herein?Ich bebte nicht.Ich bin stark und allein.—Was hab ich heute geschafft?... Efeulaub holt' ich am Abend und wand'sund bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.Noch glänzt es mit schwarzem Glanz.Und meine Kraftkreist in dem Kranz.SCHLUSSSTÜCKDer Tod ist groß.Wir sind die Seinenlachenden Munds.Wenn wir uns mitten im Leben meinen,wagt er zu weinenmitten in uns.


Back to IndexNext